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A Darker Shade of Brown – Von Neonazis im Gruftie-Outfit

Dass Neonazis sich Subkulturen als Rekrutierungsfeld ausgesucht haben ist ja schon länger kein Geheimnis mehr. Dass eine Minderheit der einstmals friedliebenden Gothics damit auch etwas anfangen können gibt aber Anlass zur Sorge.

Schlösser und Burgen im Nebel, Trommelwirbel, Fackelschein und schwarze Uniformen. Schauplatz für einen Film über SS-Mystizismus? Mitnichten. Solche und ähnliche Szenen spielen sich ab, wenn Teile der Gothic-Szene ihre „konzertanten Aufführungen“ unter Titeln wie „Tod im Juni“ feiern. Dass der Sommer nicht gerade die Parade-Jahreszeit für die ehemals als Gruftis bekannten SzenegängerInnen ist, spielt keine Rolle, schließlich bezieht man sich mit der Monatsangabe auf den Tod von SA-Führer Ernst Röhm, der im Juni 1934 ermordet wurde. Bands wie „Der Blutharsch“ aus Wien, Forseti, Ostara (ehemals Strength through Joy) oder die legendären „Death in June“ fabrizieren ein Amalgam aus Industrial und Neofolk, aufgeladen mit heidnischer Naturmystik und rechtradikaler Phrasologie. Um es jetzt schon deutlich zu machen: Es handelt sich nur um einen kleinen Teil der Szene, der hier von Blut, Boden und Ehre singt, aber dieser Teil hat Tore geöffnet, wie man es nicht für möglich gehalten hätte.

Wie aber ist es möglich, dass eine Szene, die ehemals ob ihrer linken Gesinnung eher von den NazisPrügel bezog, plötzlich Platz für „Germanisches“ bietet und Hakenkreuzhaarspangen als ästhetisches Stilmittel versteht? Der Beginn dieser Entwicklung liegt in England, wo sich Tony Wakeford und Douglas Pearce zu der Band „Death in June“ formieren und als Gründerväter einer neuen Musikrichtung, des „Apocalyptic Folk“, später als Neofolk bekannt geworden, die „Marschrichtung“ vorgeben: Materialismus und Rationalismus sind der Band und ihrem Umfeld, das nach „Reinheit“ strebt, ein Gräuel, gesucht wird in der aufkommenden Akustik-Szene nach „Tiefe und Schicksal“, nach Ästhetik und Mythos. Gefunden werden diese Elemente in Filmen von Leni Riefenstahl, dem Nationalbolschewismus der Zwischenkriegszeit oder beim italienischen Faschismus. Wichtige Einflüsse ergeben sich natürlich auch aus der Konservativen Revolution Oswald Spenglers oder Ernst Jüngers, dessen Prosa Lanzerromantik und Grabenkampfmythos zu einer Mischung verrührt, die in der schicksalsschweren Gothic Szene Anklang findet. Die von Death in June inspirierten Projekte sind Legion und sollte man bei Douglas Pearce, ob seiner Homosexualität oder seiner linken Vergangenheit, zunächst noch Zweifel an seiner Gesinnung haben, spätestens bei „Blood Axis“ (auf die Achsenmächte des 2. Weltkriegs – Deutschland, Italien, Japan – bezugnehmend) oder „Genocide Organ“ wird die Sache klar. Bands wie „Von Thronstahl“ beschwören bei ihren Auftritten mit dem rechtsradikal aufgeladenen „heidnischen“ Symbol der schwarzen Sonne im Hintergrund und dem Spaten in der Hand den nationalsozialistischen Reichsarbeitsdienst sowie dessen Blut und Boden-Metaphorik, während „Eis und Licht Tonträger“ einen Sampler zu Ehren des faschistischen Theoretiker Julius Evola veröffentlicht.

Die Anknüpfungspunkte an die starke Tendenz zu mystisch-okkultem in der gesamten Szene und der weitgehende Entpolitisierungsprozess der „schwarzen Subkulturen“ macht das Feld auch für die Neue Rechte interessant. Wurde von Neurechten zunächst die Techno-Szene (vergeblich) nach einem Rekrutierungspotential abgesucht, so versuchte es die Neue Rechte Ende der 90er Jahre schließlich bei jenen, die sich gern als „Elite“ eines neuen Reichs phantasieren: Die stark über visuelle Codes fuktionierende „Schwarze Szene“ macht es den Rechten leicht, Anknüpfungspunkte zu finden. Der quantitative Erfolg ihrer Bemühungen ist zwar bescheiden, aber auch wenn letztendlich nicht allzuviele Gothics den Rekrutierungsversuchen der neonazistischen NPD erliegen, ist es mittlerweile wesentlicher einfacher geworden, in der Szene nationalistische Grundsätze als Leitbild zu etablieren, ohne dafür nennenswerten Protest zu ernten.

Die Strategie der Neuen Rechten artikulierte sich schließlich auch ganz offen in Inseraten in Gothic-Zeitschriften wie etwa Zillo – ein Umstand, der in der „Schwarzen Szene“ nicht unbedingt einen Sturm der Entrüstung auslöste. Interviews mit Gothic-Bands wie „Der Blutharsch“ oder „Forthcoming Fire“ in Rock Nord oder der neurechten Jungen Freiheit sind ohnehin nichts Ungewöhnliches mehr. Die Perspektive der entsprechenden Strategie der Neuen Rechten ist natürlich nicht, eine neue Generation von Stiefelnazis zu rekrutieren, man knüpft vielmehr im Ringen um kulturelle Hegemonie an Ideen der SS als „geistige Elite“ sowie die antimodernistischen Ressentiments des stark mittelständisch geprägten und durchaus gebildeten Gothic-Mainstreams an. Das neurechte Konzept des Kulturkampfes um die Mitglieder der schwarzen Szene, die für rechtsradikales Gedankengut begeisterungsfähig sind, wird jedenfalls weitergeführt, auch wenn die breite Öffentlichkeit die entsprechenden Bemühungen seit ihrem Höhepunkt im Jahr 2000 etwas aus den Augen verloren hat.

Nicht zuletzt in Folge dieser Strategie verschiebt sich jedenfalls die ideologische „Mitte“ auch in der Gothic-Subkultur zunehmend nach rechts. Gegen diese Entwicklung regt sich natürlich auch Widerstand, etwa die Initiative der „Gruftis gegen Rechts“, ein beachtlicher Teil der Szene scheint faschistische Tendenzen jedoch als „provokative Kunst“ zu entpolitisieren und dem Konzept der Ästhetisierung faschistischer Ideologie gleichgültig gegenüberzustehen.

Alex Lippmann

Aus: „Malmoe“ Nr. 19

http://anarchismus.at/txt4/gothic2.htm

Kommentare

Bisher wurde ein Kommentar geschrieben.

  • FI6 sagt:

    Ok, ich als bekennender linker Neofolk-Hörer hab mir den Crap jetzt bis Ende durchgelesen und möchte zuersteinmal wissen wo der scheinbare Widerspruch zwischen „offen für Germanisches“ und „Prügel von den Nazis beziehen“ bestehen soll.

    Und ja, ich kenne übrigens alle Lieder von Death in June sowie deren Texte und Entstehungsgeschichte auswendig und zweifle nicht an Douglas Pearces bolschewistischer Gesinnung… richtig erkannt.

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