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Anarchismus in der Habsburgermonarchie

Der folgende Artikel ist von der Internetseite der Tageszeitung „Der Standard“ entnommen.

Anarchoterror, Einzeltäter oder politisch motivierter Medienhype?

Abseits von Luigi Luccheni, Mörder von Kaiserin Sissi von Österreich, ist hierzulande das Kapitel Anarchismus in der Habsburgermonarchie kaum beleuchtet. Liegt das an dem mangelnden Wind der damaligen Bewegung? War es denn überhaupt eine solche, oder das Lüftchen Einzelner? Fakt ist, dass in Folge der Anarchistenattentate Österreich den Ausnahmezustand verhängen ließ. Ob dieser gerechtfertigt schien, untersucht die Juristin Eva Matt am Juridicum Wien.

Anarchisten als „Kinderkrankheit“ der Arbeiterbewegung?

Weitaus später als anderswo in Europa entwickelte sich in Österreich eine organisierte Arbeiterbewegung. Während Ferdinand Lassalles und Hermann Schulze-Delitschs Ideen zur Selbsthilfe bereits breite Befürworterscharen hatten, verlief darüber hinaus der Start zu deren Umsetzung äußerst sanft. Erst 1863 war die Ausnahme – der Fortbildungsverein der Buchdrucker – genehmigt worden. Bekanntlich änderte sich aber erst mit dem Staatsgrundgesetz von 1867 einiges: Der Wiener Arbeiterbildungsverein erreichte alsbald 3.000 Mitglieder. So fassten unter ständiger Bewachung der Polizei radikale Begleiterscheinungen sozialistischer Bewegungen auch in Österreich Fuß.

… und Zauberformel der Denunziation

Nach verfassungsrechtlicher Ebnung zur Vereinsbildung blieb es schwierig für die Arbeiterschaft in der Habsburgermonarchie. Die „Volksstimme“ wurde 1869 gegründet und gleich wieder verboten. Forderungen nach einem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht, nach Versammlungs- und Vereinsfreiheit sowie nach Pressefreiheit wurden im Keim erstickt. Repressionen gegen politische Arbeitervereine blieben an der Tagesordnung und gipfelten im Hochverratsprozess von 1870. In den 18 Jahren vor Parteigründung stieg der politische Unmut sicherlich bei einigen, jedoch wurde die Sprachregelung „Anarchisten“ dabei von konservativer Seite gerne als Diffamierungsformel für alle Arbeiter herangezogen.

Etymologische Chaostage

Ursprünglich leitet sich der Begriff Anarchismus aus den Tagen der französischen Revolution ab. Selten gebraucht als Selbstbezeichnung, vielmehr wie etwa in Deutschland in den Sozialistengesetzen 1878-1890 als Gleichsetzung mit Terror und Vandalismus. An-archie, wie man es damals schrieb, blieb eine Fremdbezichtigung, obgleich die Definition zunehmend engmaschiger wurde.

Im Zuge der I. Internationale kristallisierten sich nun Absichten heraus: Ablehnung von Obrigkeit und Staat, Kritik der bürgerlichen Demokratie sowie Kritik des autoritären Sozialismus waren die Credi. Damit rückten die Anarchisten als Gruppe zusammen und gleichsam an den äußersten Rand des sozialistischen Spektrums. Damit besiegelten sie gleichsam ihren eigenen Ausschluss, welcher ihnen 1896 auf der II. Internationale auch beschieden wurde.

Zwei Köpfe – zwei Wege

Während ihrer kurzen Hochkonjunktur in den 1870er und 1880er Jahren waren es in Österreich vor allem zwei mondäne Köpfe, die richtungsweisend für die kleine anarchistische Strömung waren. Johann Most, Publizist in der „Freiheit“, versuchte vergebens einen Bogen zwischen Anarchisten und Sozialdemokraten zu spannen. Joseph Peukert, seines Zeichens eingefleischter Anarchist mit Erfahrungsbonus, versuchte die Umkehrung: Eine Losspaltung von der Sozialdemokratie. Der Flügelkampf der beiden kostete die Anarchisten schließlich nahezu alle Sympathien. Beide Agitatoren flohen zuletzt das Land, auch um dem Ausnahmezustand in Österreich zu entgehen.

Propaganda der Tat

Neben der Bruchlinie Sozialdemokratie war es eine weitere, die den Anarchismus als zerfranste Bewegung kennzeichnete. Malatesta und Cafiero, die bekanntesten italienischen Anarchisten, schufen 1867 in Bern auf der I. anarchistischen Internationale den Begriff der Propaganda der Tat. Ein Begriff voll Sprengkraft, der sich selbst jedoch in erster Linie als „Insurrektion“ und nicht als politisches Attentat verstand. In Österreich – wie sonst – waren dies selten bis nie organisierte Verbrechen, eher Anschläge Einzelner. 1882 war das Merstalliger-Attentat beispielhaft, das als erstes den Anarchisten als Gruppen angekreidet wurde.

Mit drei Attentaten in den Ausnahmezustand

Der Schuhwarenfabrikant Joseph Merstalliger wurde betäubt und ausgeraubt. Die Polizei verstand es, das Attentat als politisch motiviertes zu verschleiern, die Täter wurden alsbald zu Anarchisten gemacht, ohne dass ihre Identität bekannt war.

Hingegen handelte es sich im Folgefall eindeutig um klassische „Anarchistentaten“. Die Polizeiagenten Blöch und Hlubek hatten über Jahre Denunziantentum in sozialistischen Bewegungen gefördert, hatten in Redaktionsstuben spioniert und ganze Familien überwacht. Ressentiments gegen das Spitzelwesen waren also in der ganzen Arbeiterschaft vorhanden. Jedoch distanzierte sich die offizielle, noch unparlamentarische Sozialdemokratie sofort nach den Attentaten durch Stellmacher und Kammerer. Diese sollten ja letztlich auch wirklich zum Ausnahmezustand führen.

Die Autorin Eva Matt recherchierte in den Gerichtsakten zu den Fällen Anton Kammerer und Joseph Stellmacher und gibt somit Porträts ihrer „Bewegung“ wieder – irgendwo zwischen Verzweiflungstat und Fanatismus. Fazit der drei Attentate: War Anarchimus in Österreich ein Medienhype, um den Ausnahmezustand 1884 zu ermöglichen? – Nachzulesen jedenfalls auf mnemopol.net.

Originaltext: http://derstandard.at/?id=1359861

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