<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Die Gruppe MD &#187; Europa</title>
	<atom:link href="http://www.die-gruppe-md.de/category/anarchismus/a-international/europa/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.die-gruppe-md.de</link>
	<description>Linke politische Textsammlung</description>
	<lastBuildDate>Thu, 01 Dec 2011 20:39:41 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.2.1</generator>
		<item>
		<title>Das Konzept des libertären Kommunismus (1936) Teil2</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 12:47:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivierung]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=314</guid>
		<description><![CDATA[Die Kommune wird sich mit all dem zu befassen haben, was das Individuum betrifft. Sie wird sich um alle Angelegenheiten kümmern müssen, die in Zusammenhang mit der Verwaltung und Verschönerung der Ortschaft stehen. Sie wird für die Unterbringung ihrer Bewohner sorgen müssen. Sie wird sich um die Artikel und Produkte kümmern müssen, die ihr von den Gewerkschaften und Produzentenvereinigungen geliefert worden sind. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-314"></span><strong><em>Aufgabe und innere Organisation der Kommune</em></strong></p>
<p class="vspace">Die Kommune wird sich mit all dem zu befassen haben, was das Individuum betrifft. Sie wird sich um alle Angelegenheiten kümmern müssen, die in Zusammenhang mit der Verwaltung und Verschönerung der Ortschaft stehen. Sie wird für die Unterbringung ihrer Bewohner sorgen müssen. Sie wird sich um die Artikel und Produkte kümmern müssen, die ihr von den Gewerkschaften und Produzentenvereinigungen geliefert worden sind.</p>
<p class="vspace">Sie wird sich ebenso mit der Hygiene, der kommunalen Statistik, den kollektiven Bedürfnissen, dem Unterricht, den Gesundheitseinrichtungen sowie der Erhaltung und Vervollkommnung der örtlichen Kommunikationsmöglichkeiten beschäftigen. Sie wird die Verbindungen zu den anderen Kommunen organisieren und sich um die Förderung künstlerischer und kultureller Aktivitäten bemühen. Um diese Aufgabe gut erfüllen zu können, wird ein Rat der Kommune gewählt werden, dem die Vertreter der Räte für Ackerbau, Gesundheit, Kultur, Verteilung sowie Produktion und Statistik angehören werden. Das Wahlverfahren für die Räte der Kommune wird man unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bevölkerungsdichte erarbeiten, wobei man berücksichtigen muß, daß die Metropolen bei der Bildung von Föderationen der Kommunen nur langsam politisch dezentralisiert werden.</p>
<p class="vspace">Alle diese Institutionen werden keinen exekutiven oder bürokratischen Charakter haben. Abgesehen von denen, die technische oder rein statistische Aufgaben wahrnehmen, werden auch sie ihre Aufgabe als Produzenten erfüllen. Die Mitglieder der einzelnen Institutionen versammeln sich erst gegen Ende des Arbeitstages, um die Detailfragen zu diskutieren, die nicht der Zustimmung durch die kommunalen Versammlungen bedürfen. Es werden so oft Versammlungen abgehalten, wie es die Bedürfnisse der Kommune erfordern, und zwar entweder auf Ersuchen der Mitglieder des Rates der Kommune oder auf Wunsch der Einwohner einer jeden Kommune.</p>
<p class="vspace"><strong>Gegenseitige Kontakte und Austausch der Produkte</strong></p>
<p class="vspace">Wie schon erwähnt, ist unsere Organisation föderalistischer Art und sichert die Freiheit des einzelnen innerhalb der Gruppe und innerhalb der Kommune, die der Kommunen innerhalb der Föderation und die der Föderationen innerhalb der Konföderationen. Wir kommen also vom Individuum zum Kollektiv und sichern so die Rechte des einzelnen. Das Prinzip der Freiheit bleibt dabei unantastbar. Die Bewohner einer Kommune werden untereinander die internen Probleme diskutieren: Produktion, Konsum, Unterricht, Hygiene und was sonst noch für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Kommune erforderlich sein könnte. Wenn es sich um Probleme handelt die einen ganzen Landstrich oder eine Provinz angehen, dann müssen die Föderationen untereinander beraten.</p>
<p class="vspace">In den Versammlungen, die letztere abhalten, werden alle Kommunen vertreten sein, deren Delegierte die Argumente vorbringen werden, die zuvor in ihren Heimatkommunen gebilligt worden sind. Wenn zum Beispiel Straßen gebaut werden sollen, die die Ortschaften eines Landstriches miteinander verbinden, oder wenn es um Transportangelegenheiten oder um den Austausch von Produkten zwischen landwirtschaftlich ausgerichteten und industriell geprägten Landstrichen geht, dann ist es nur natürlich, wenn alle Kommunen ihren Standpunkt darlegen, denn sie müssen ja auch alle ihren Beitrag zu den Bauarbeiten leisten.</p>
<p class="vspace">In Angelegenheiten regionalen Charakters wird es die Regionale Föderation sein, die die Beschlüsse in die Praxis umsetzt. Diese Beschlüsse werden den souveränen Willen aller Bewohner der Region zum Ausdruck bringen. Denn zur Willensbildung kommt es zuerst beim Individuum, dann in der Kommune, dann in der Föderation und schließlich in der Konföderation. Auf ganz ähnliche Art und Weise werden wir zu einer Diskussion aller Probleme kommen, die die ganze Nation angehen, denn unsere Einrichtungen werden sich untereinander immer mehr ergänzen. Die nationale Organisation wird die internationalen Beziehungen regeln, indem sie direkten Kontakt zum Proletariat der anderen Länder aufnimmt, und zwar mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden Organe, die, wie in unserem Falle, der Internationalen Arbeiter-Assoziation angehören.</p>
<p class="vspace">Um den Austausch der Produkte von Kommune zu Kommune zu sichern, setzen sich die Räte der Kommune mit den regionalen Föderationen der Kommunen und mit dem Rat der Konföderation für Produktion und Verteilung in Verbindung, wobei sie das anfordern, was ihnen fehlt, und das anbieten, was sie im Überfluß haben. Durch das Netz von Verbindungen zwischen den Kommunen und den Räten für Produktion und Statistik, die durch die Nationalen Produzentenföderationen hergestellt werden, ist das Problem bereits gelöst und vereinfacht.</p>
<p class="vspace">Was die kommunale Seite der Frage betrifft, so werden Produzentenbescheinigungen genügen, die von den Werks- und Fabrikräten ausgestellt sind und den Arbeitern das Recht zum Erwerb dessen geben, was sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen. Die Produzentenbescheinigung ist im Prinzip so etwas wie ein Wechselbrief, die zwei Ausführungsbestimmungen unterworfen ist: Erstens, daß sie nicht übertragbar ist, und zweitens, daß man ein Verfahren entwickelt, mit dem auf der Bescheinigung der Wert der Arbeit in Arbeitstagen registriert wird und der hier eingetragene Wert höchstens ein Jahr lang zum Erwerb von Produkten berechtigen soll. Den nicht in den Arbeitsprozeß einbezogenen Teilen der Bevölkerung werden die Gemeinderäte Verbrauchsbescheinigungen ausstellen.</p>
<p class="vspace">Selbstverständlich kann man keine absolut gültige Norm aufstellen. Die Autonomie der Kommunen muß respektiert werden, die, wenn sie es für angemessen halten, ein anderes System des inneren Austausches einführen können, vorausgesetzt daß die neuen Systeme auf keinen Fall die Interessen der anderen Kommunen verletzen.</p>
<p class="vspace">Pflichten des Individuums gegenüber dem Kollektiv und Idee von der gerechten Verteilung</p>
<p class="vspace">Der freiheitliche Kommunismus ist unvereinbar mit jedem auf Strafe beruhenden System, und folglich führt er auch zum Verschwinden des gegenwärtig herrschenden Systems einer korrigierenden Justiz und mit ihm der Strafinstrumente (Gefängnisse, Zuchthäuser etc.). Dieser Bericht ist der Auffassung, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die sogenannten Delikte hauptsächlich soziale Ursachen haben und wenn diese Ursachen verschwunden sind, im allgemeinen auch das Delikt verschwindet.</p>
<p class="vspace">Wir meinen also:</p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Daß der Mensch nicht von Natur aus schlecht ist und daß die Straffälligkeit die logische Folge der sozialen Ungerechtigkeit ist, in der wir leben.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Daß, wenn man die Bedürfnisse des Menschen befriedigt und ihm eine vernünftige und menschliche Erziehung gewährt, diese Ursachen verschwinden müssen.</li>
</ul>
<p class="vspace">Darum glauben wir, daß ein Individuum, das seine Pflichten, sei es nun im Bereich der Moral oder der Produktion, nicht erfüllt, vor den Volksversammlungen zu erscheinen hat, die im Sinne sozialer Harmonie eine gerechte Lösung für die Angelegenheit finden werden. Der freiheitliche Kommunismus wird also seine „korrigierenden Maßnahmen“ der Medizin und der Pädagogik entnehmen, die über die einzigen vorbeugenden Hilfsmittel verfügen, die die moderne Wissenschaft anerkennen. Wenn irgendein Individuum als Opfer pathologischer Erscheinungen gegen die Harmonie verstößt, die zwischen den Menschen herrschen soll, dann wird die pädagogische Therapeutik sich darum bemühen, sein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen und in ihm das moralische Gefühl für soziale Verantwortlichkeit zu stärken, das durch sein ungesundes Erbe sich nicht hat entwickeln können.</p>
<p class="vspace"><strong>Die Familie und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern</strong></p>
<p class="vspace">Man sollte nicht vergessen, daß die Familie der erste zivilisatorische Kern des Menschengeschlechts gewesen ist und daß sie auf dem Gebiet der Kultur, der Moral und des Gemeinschaftsgeistes Bewunderungswürdiges geleistet hat. Man sollte nicht vergessen, dass sie sich auch innerhalb der Entwicklung von der Familie zum Clan, vom Clan zum Stamm, vom Stamm zum Volk und vom Volk zur Nation erhalten hat. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Familie noch lange Zeit bestehen bleiben wird. Die Revolution darf nicht gewaltsam gegen die Familie vorgehen, ausgenommen in solchen Fällen, in denen es sich um unharmonische Ehen handelt, bei denen man das Recht auf Scheidung anerkennen und unterstützen muß. So wie die erste Maßnahme des freiheitlichen Kommunismus darin besteht, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Menschen ohne Unterschied der Geschlechter zu sichern, so wird auch die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Mann und Frau verschwinden, die aus Gründen wirtschaftlicher Unterlegenheit im Kapitalismus entstanden ist. Es ist also klar, daß die Geschlechter gleichberechtigt sein werden, in ihren Rechten wie in ihren Pflichten.</p>
<p class="vspace">Der freiheitliche Kommunismus proklamiert die freie Liebe, die nur durch den Willen des Mannes und der Frau bestimmt wird, wobei den Kindern der Schutz durch die Gemeinschaft garantiert wird und sie durch die Anwendung biologisch-eugenischer Prinzipien vor menschlichen Verirrungen bewahrt bleiben. Ebenso wird eine gute Sexualerziehung in der Schule auf eine Auswahl der Spezies Mensch hinwirken, die in Übereinstimmung mit den Zielen der Eugenik erfolgt, so daß sich die menschlichen Paare bewußt fortpflanzen und daran denken, gesunde und schöne Kinder zu zeugen.</p>
<p class="vspace">Für moralische Probleme, die die Liebe in eine freiheitliche kommunistische Gesellschaft hineintragen kann und die z.B. in Eifersucht ihre Ursache haben könnten, gibt es in der Gemeinschaft und in Freiheit nur zwei Lösungsmöglichkeiten, damit die menschlichen und sexuellen Beziehungen sich normal entwickeln. Für den, der Liebe mit Gewalt erzwingen will und sich dabei wie ein Tier benimmt, wird es, wenn weder guter Rat noch der Respekt vor dem Recht des einzelnen etwas auszurichten vermag, nur ein Mittel geben, nämlich die Entfernung aus der Gemeinschaft. Für viele Krankheiten empfiehlt sich ein Wasser- und Luftwechsel. Gegen die Liebeskrankheit, eine Krankheit, die sich in Starrsinn und Blindheit verwandeln kann, wird sich ein Wechsel der Kommune empfehlen, wobei der Kranke von dem Milieu entfernt wird, das ihn blind und verrückt macht, obgleich nicht zu befürchten steht, daß es in einer Atmosphäre sexueller Freiheit dazu kommen wird.</p>
<p class="vspace"><strong>Die religiöse Frage</strong></p>
<p class="vspace">Die Religion, eine rein subjektive Erscheinung der menschlichen Existenz, wird insoweit anerkannt werden, als sie sich auf das Heiligtum des individuellen Gewissens beschränkt. Aber auf keinen Fall kann die Religion in der Form einer öffentlichen Zurschaustellung oder eines moralischen und intellektuellen Zwanges anerkannt werden. Es bleibt dem einzelnen freigestellt, wie viele moralische Ideen er sich zu eigen machen will, doch alle Riten werden verschwinden.</p>
<p class="vspace"><strong>Über die Pädagogik, die Kunst, die Wissenschaft und das freie Experimentieren</strong></p>
<p class="vspace">Das Erziehungsproblem muß mit radikalen Mitteln gelöst werden. In erster Linie muß das Analphabetentum energisch und systematisch bekämpft werden. Die Kultur wird denen zurückgegeben werden, denen man sie geraubt hatte. Dies ist eine Pflicht der Wiedergutmachung im Sinne der sozialen Gerechtigkeit, die die Revolution erfüllen muß. So wie der Kapitalismus den gesellschaftlichen Reichtum gehamstert hat, so haben die Städte Kultur und Erziehung monopolisiert. Den materiellen Reichtum und die Kultur zurückzuerstatten, das sind die wesentlichsten Ziele unserer Revolution. Wie das geschehen soll? Dadurch, daß im materiellen Bereich der Kapitalismus enteignet wird und im moralischen Bereich die Kultur denen vermittelt wird, denen sie fehlt.</p>
<p class="vspace">Unsere erzieherische Arbeit muß sich folglich in zwei Etappen vollziehen. Wir haben eine erzieherische Aufgabe, die wir unmittelbar nach der Revolution lösen müssen, und eine allgemein menschliche Aufgabe, die erst im Rahmen der neuen Gesellschaft zu erfüllen ist. Die unmittelbare erzieherische Aufgabe wird darin bestehen, unter der analphabetischen Bevölkerung eine elementare Bildungsarbeit zu organisieren, die zum Beispiel im Unterricht folgender Dinge bestehen könnte: Lesen, Schreiben, Rechnen, Sport, Hygiene, Entwicklungs- und Revolutionsgeschichte, theoretische Aufklärung über die Nichtexistenz Gottes etc. Diese Aufgabe kann von einer großen Zahl gebildeter junger Leute als freiwilliger Bildungsdienst für ein oder zwei Jahre übernommen werden, wobei sie durch die Nationale Föderation für Erziehung entsprechend ausgebildet und überwacht werden.</p>
<p class="vspace">Diese Institution wird unmittelbar nach der Proklamierung des freiheitlichen Kommunismus die Leitung aller Lehr- und Bildungszentren übernehmen und die Tauglichkeit der hauptberuflichen und freiwilligen Lehrer über prüfen. Die Nationale Föderation für Erziehung wird sich von denjenigen trennen, die intellektuell, vor allem aber moralisch nicht in der Lage sind, sich den Erfordernissen einer freien Pädagogik anzupassen. Ebenso wird bei der Auswahl der Lehrer für die Volksschule beziehungsweise die Höhere Schule allein die in praktischer Arbeit bewiesene Fähigkeit entscheiden.</p>
<p class="vspace">Der Unterricht, dessen pädagogische Aufgabe darin besteht, zu einer neuen Menschlichkeit zu erziehen, wird frei, wissenschaftlich und für beide Geschlechter in gleicher Weise zugänglich sein. Alle notwendigen Mittel werden zur Verfügung gestellt werden, um sich in jedem nur möglichen Zweig der menschlichen Produktivität und des menschlichen Wissens üben zu können. Der Hygiene und der Kindererziehung wird Vorrang eingeräumt werden, wobei die Frau dazu erzogen wird, schon in der Schule das Notwendige zu lernen, um Mutter sein zu können. Ebenso wird ein Hauptaugenmerk auf die Sexualerziehung gelegt werden, die die Grundlage für eine Verbesserung des Menschengeschlechts ist. Wir halten es für die Hauptaufgabe der Pädagogik, die Heranbildung von Menschen mit selbständigem Urteil zu fördern, wobei natürlich auch die Frauen gemeint sind. Dazu wird es notwendig ein, daß der Lehrer alle Anlagen des Kindes mit dem Ziel fördert, daß das Kind zur vollständigen Entwicklung aller seiner Fähigkeiten gelangt.</p>
<p class="vspace">In dem pädagogischen System, das der freiheitliche Kommunismus verwirklichen wird, werden auf gar keinen Fall Bestrafungen oder Belohnungen Platz finden, denn diese beiden Erscheinungen enthalten den Keim zur Entwicklung aller Formen von Ungleichheit. [1]</p>
<p class="vspace">Das Kino, der Rundfunk, die pädagogischen Hilfsmittel &#8211; Bücher, Bilder, Projektionsapparate &#8211; werden ausgezeichnete und wirksame Dienste bei einer schnellen intellektuellen und moralischen Umgestaltung der gegenwärtigen Generationen leisten und ebenso bei der Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder und Heranwachsenden von Nutzen sein, die im freiheitlichen Kommunismus geboren werden und aufwachsen.</p>
<p class="vspace">Ganz abgesehen vom rein erzieherischen Aspekt wird die freiheitliche kommunistische Gesellschaft schon in den ersten Jahren allen Menschen das Recht sichern, ihr Leben lang Zugang zu Wissenschaft, Kunst und Forschung zu erhalten, soweit sich das mit den unabdingbaren Erfordernissen produktiver Arbeit vereinbaren läßt. Erst solche geistige Betätigungen garantieren die Gesundheit und das seelische Gleichgewicht der menschlichen Natur. Darum sind auch die Produzenten in der freiheitlichen, kommunistischen Gesellschaft nicht in Hand- und Kopfarbeiter aufgeteilt, sondern alle werden zugleich körperlich und geistig arbeiten. Darüber hinaus wird der Zugang zu den Künsten und Wissenschaften frei sein, denn die Zeit, die man auf sie verwendet, gehört dem Individuum und nicht der Gemeinschaft, aus der sich der einzelne lösen kann, wenn er Lust dazu hat, sobald er die Tagesarbeit, seine Aufgabe als Produzent erfüllt hat.</p>
<p class="vspace">Es gibt Bedürfnisse geistiger Art, die als Parallelerscheinungen zu den materiellen Bedürfnissen angesehen werden können und die sich um so mehr in einer Gesellschaft bemerkbar machen, je mehr in ihr die materiellen Bedürfnisse befriedigt werden und der Mensch als moralisch emanzipiert akzeptiert wird. So wie die Entwicklung eine ununterbrochene Linie ist, wenn auch nicht immer eine Gerade, so wird auch der einzelne immer Ehrgeiz haben, etwa den Wunsch, mehr zu genießen, seine Eltern zu übertreffen, unter seinen Kollegen hervorzuragen, sich selbst zu überwinden.</p>
<p class="vspace">Alle diese Wünsche nach dem Übertreffen anderer, nach schöpferischer, künstlerischer, wissenschaftlicher oder literarischer Tätigkeit und nach dem Experimentieren kann eine Gesellschaft, die auf der freien Prüfung und der Freiheit, alle Ausdrucksformen des menschlichen Lebens zu tolerieren, beruht, unter keinerlei allgemeinen oder materiellen Zweckmäßigkeitserwägungen unterdrücken; sie wird diese Bestrebungen nicht scheitern lassen, wie es heute geschieht, sondern sie wird im Gegenteil fördern und pflegen, da sie weiß, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt und daß die Menschheit unglücklich wäre, müßte sie allein vom Brot leben.</p>
<p class="vspace">Es ist unlogisch zu glauben, daß die Menschen in unserer neuen Gesellschaft nicht das Bedürfnis nach Zerstreuung hätten. In den autonomen freiheitlichen Kommunen werden im Gegenteil Tage zur allgemeinen Erholung bestimmt, wozu die Versammlungen symbolträchtige Tage aus der Geschichte oder aus dem Naturablauf auswählen werden. Ebenso werden bestimmte Stunden am Tage für Ausstellungen, Theateraufführungen, Filmvorführungen oder Vorträge reserviert, die allen Freude und Zerstreuung bringen.</p>
<p class="vspace"><strong>Verteidigung der Revolution</strong></p>
<p class="vspace">Wir räumen ein, daß es notwendig ist, die mit Hilfe der Revolution gewonnenen Errungenschaften zu verteidigen. Weil wir annehmen, daß es in Spanien mehr revolutionäre Möglichkeiten gibt als in irgendeinem der Nachbarländer, ist zu vermuten, daß sich der Kapitalismus in diesen Ländern nicht damit abfindet, wenn er sich der Interessen beraubt sieht, die er im Lauf der Zeit in Spanien erworben hatte.</p>
<p class="vspace">Solange also die soziale Revolution nicht in internationalem Maßstab gesiegt hat, wird man die zur Verteidigung des neuen Regimes notwendigen Maßnahmen ergreifen müssen, sei es gegen die Gefahr einer ausländischen kapitalistischen Invasion, wie sie oben angedeutet wurde, sei es, um eine Konterrevolution im eigenen Lande zu verhindern. Ein stehendes Heer bedeutet allerdings die größte Gefahr für die Revolution, denn unter seinem Einfluß würde sich die Diktatur herausbilden, die der Revolution unvermeidlich den Todesstoß geben würde.</p>
<p class="vspace">In den Augenblicken des Kampfes, in denen die Streitkräfte des Staates ganz oder teilweise mit dem Volk gemeinsame Sache machen, werden die organisierten militärischen Kräfte auf den Straßen ihren Beitrag zum Sieg über die Bourgeoisie leisten. Ist diese aber niedergeworfen, wird die Aufgabe der Streitkräfte beendet sein. Das bewaffnete Volk wird die beste Garantie gegen jeden Versuch bilden, das zerstörte kapitalistische Regime mit innerspanischen oder ausländischen Kräften zu restaurieren. Es gibt Tausende von Arbeitern, die den Militärdienst absolviert haben und die moderne militärische Technik kennen.</p>
<p class="vspace">Jede Kommune muß über Waffen und Geräte für die Verteidigung verfügen, bis die Revolution endgültig gesichert ist. Danach können sie dann in Arbeitsgeräte umgewandelt werden. Wir empfehlen dringend die Unterhaltung von Flugzeugen, Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Maschinengewehren und auch Flugabwehrkanonen, denn in der Luft liegt die Hauptgefahr im Falle einer ausländischen Invasion. Wenn dieser Augenblick gekommen ist, wird das Volk rasch mobilmachen, um sich dem Feind entgegenzuwerfen.</p>
<p class="vspace">Sobald die Verteidigungsaufgabe erfüllt ist, werden die Produzenten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Diese Generalmobilmachung wird alle Personen beiderlei Geschlechts erfassen, sofern sie für den Kampf tauglich sind. Sie werden sich vorbereiten, um in diesem Kampf die vielfältigen und notwendigen Aufgaben erfüllen zu können. Die Verteidigungskräfte der Konföderation, die bis hinunter in den Produktionsstätten bereitstehen, werden bei der Verteidigung der Errungenschaften der Revolution die wertvollsten Hilfskräfte sein. Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, um sie für die Kämpfe auszubilden.</p>
<p class="vspace"><strong>Wir erklären deshalb:</strong></p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Die Entwaffnung des Kapitalismus bedeutet die Aushändigung der Waffen an die Kommunen, die mit ihrer Unterhaltung und Pflege beauftragt werden und gleichzeitig dafür sorgen, daß die Verteidigungskräfte im nationalen Rahmen wirksam organisiert werden.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Im internationalen Rahmen müssen wir unter den Proletariern aller Länder intensive Propagandaanstrengungen unternehmen, damit diese Proletarier energischen Protest einlegen und sich mit uns solidarisch erklären, wenn von Seiten ihrer Regierungen irgendein Invasionsversuch unternommen wird. Zur gleichen Zeit wird unsere Iberische Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen allen Ausgebeuteten der Welt moralische und materielle Hilfe leisten, damit sie sich für immer aus der unerträglichen Vormundschaft des Kapitalismus und des Staates befreien können.</li>
</ul>
<p class="vspace"><em>Abschließende Bemerkungen</em></p>
<p class="vspace">Unsere Arbeit ist hiermit beendet, aber bevor wir zum Schluß kommen, glauben wir, in dieser historischen Stunde noch einmal dringend darauf hinweisen zu müssen, daß diese Schrift nicht als etwas Endgültiges angesehen werden darf, das als unverrückbare Norm für die Aufbauarbeit des revolutionären Proletariats dienen soll. Der Anspruch dieser Ausführungen ist wesentlich bescheidener. Wir würden es begrüßen, wenn der Kongreß in ihnen die allgemeinen Linien eines ersten Planes sehen würde, den die Arbeiter vollenden müssen: einen Ausgangspunkt für die Menschheit auf dem Wege zu ihrer gänzlichen Befreiung.</p>
<p class="vspace">Jeder, der sich klug, mutig und befähigt fühlt, möge unsere Arbeit verbessern.</p>
<p class="vspace"><small>[1] Zu den Erziehungsvorstellungen vgl. auch die Versuche Francisco Ferrers, der bereits 1901 in Barcelona eine freie Schule gegründet hat. Francisco Ferrer, Die moderne Schule, Berlin 1923, Nachdruck mit einem neuen Vorwort, Karin Kramer Vlg., Berlin 1970 + 1975</small></p>
<p class="vspace">Originaltext: <a rel="nofollow" href="http://www.fau-bremen.de.vu/" target="_blank">http://www.fau-bremen.de.vu</a> (überarbeitet) gespiegelt von: <a rel="nofollow" href="http://www.anarchismus.at/" target="_blank">http://www.anarchismus.at</a></p>
<p class="vspace">zurück <a href="http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1" target="_blank">Teil1</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Konzept des libertären Kommunismus (1936) Teil1</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 12:42:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivierung]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=313</guid>
		<description><![CDATA[In einer geschichtlich reifen Situation schien es möglich, das Versprechen einer herrschaftsfreien Gesellschaft unmittelbar einzulösen. Ist die Niederlage des antifaschistischen Lagers im spanischen Bürgerkrieg nur militärisch als Folge der schlechteren Ausrüstung und der mangelnden Ausbildung zu erklären? Oder waren theoretische Konzepte und/oder politische Umsetzung verantwortlich für das Scheitern der Utopie? Um zur Klärung beizutragen veröffentlichen wir das „Revolutionsprogramm des Gewerkschaftskongresses von 1936“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-313"></span><em>Mit ihren weit mehr als 1.500.000 Mitgliedern war die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT bisher bedeutendster Ausdruck der anarchistischen Idee.</em></p>
<p><strong>In einer geschichtlich reifen Situation schien es möglich, das Versprechen einer herrschaftsfreien Gesellschaft unmittelbar einzulösen. Ist die Niederlage des antifaschistischen Lagers im spanischen Bürgerkrieg nur militärisch als Folge der schlechteren Ausrüstung und der mangelnden Ausbildung zu erklären? Oder waren theoretische Konzepte und/oder politische Umsetzung verantwortlich für das Scheitern der Utopie? Um zur Klärung beizutragen veröffentlichen wir das „Revolutionsprogramm des Gewerkschaftskongresses von 1936“.</strong></p>
<p><em>[Teile des Textes, in denen es um das Schaffen „schöner Menschen“ (Eugenik) oder die Erziehung von Frauen zu Müttern geht, werden von uns entschieden abgelehnt. ]</em></p>
<p>Wir betrachten das Konzept des libertären Kommunismus als historischen Handlungsplan, der auch heute noch viele Gedanken enthält, die es bei der sozialen Revolution umzusetzen gilt. Auf dem Kongress der CNT in Zaragoza vom 1.-15. Mai 1936 wurde der nachfolgende Text als Rahmenprogramm verabschiedet. Nur einen Monat später brach nach einem Putsch rechter Militärs der spanische Bürgerkrieg aus, der nach dem Sieg der Faschisten 1939 mit der Zerschlagung sämtlicher antifaschistischer Organisationen und der CNT endete. Die tragische Geschichte des spanischen Bürgerkriegs und die verheerende Rolle der StalinistInnen lehrt uns als AnarchistInnen Vorsicht gegenüber diktatorischen Strömungen – nicht nur die totalitäre Rechte, auch die autoritären Strömungen von Links bedrohen die Freiheit und sind entschieden abzulehnen.</p>
<p><strong>Konzept des Libertären Kommunismus</strong></p>
<p>Allen Delegationen, die an diesem Kongreß teilnehmen, ist allgemein bekannt, daß im Schoße der C.N.T. zwei klar ausgeprägte Ansätze bestehen, den Sinn des Lebens zu deuten und die Grundlagen für die ökonomische Struktur nach der Revolution zulegen. Diese verschiedenartigen Konzeptionen sind ohne Zweifel auf theoretische und philosophische Ansichten zurückzuführen, die, wenn sie die Militanten erfassen, zwei feststehende Denkrichtungen hervorbringen. Beide Richtungen versuchen, tonangebend zu werden. Es gäbe keine Probleme, wenn nicht das natürliche Streben nach Hegemonie dem Vorhandensein dieser zwei Tendenzen innerhalb der Konföderation widersprechen würde.</p>
<p>Aber dieses unbeugsame und beständige geistige Streben muß sich mit neuer Kraft in unseren Reihen erst erweisen. Dieser Prozeß bringt ernsthafte Gefahren für die Einheit, die wir gerade erwähnt haben, mit sich. Um dem historisch bedeutungsvollen Moment gerecht zu werden, mußte deshalb mit der nötigen Ruhe und Gewissenhaftigkeit eine Formel gefunden werden, die die Ansichten und das Gedankengut beider Richtungen innerhalb der Konföderation und damit die Grundlage für ein neues Leben zum Ausdruck bringen konnte.</p>
<p><em><strong>Wir erklären also:</strong></em></p>
<ul>
<li> Erstens: Als wir die Grundpositionen für die Abfassung dieser Denkschrift festlegten, haben wir uns darum bemüht, sie mit strengem Sinn für Harmonie und Ausgewogenheit auf den folgenden beiden Pfeilern zu begründen: Individuum und Gewerkschaft. Wir waren bestrebt, beide Richtungen und Konzeptionen gleichzeitig zu entwickeln.</li>
<li>Zweitens: Als Gegenstück zur ausdrücklichen Garantie der Harmonie weisen wir auf die darin enthaltene Anerkennung der individuellen Souveränität hin. Von dieser Voraussetzung aus — bei der die Freiheit gegen alle Beeinträchtigungen verteidigt wird und oberstes Prinzip bleibt — müssen wir die verschiedenen Einrichtungen bestimmen, die im Leben unter Berücksichtigung der gegebenen Umstande den Bedarf regeln sollen.</li>
</ul>
<p class="vspace">Wenn aller sozialer Reichtum vergesellschaftet und der Besitz der Arbeitsinstrumente in einer Form garantiert ist, die allen die gleiche Möglichkeit zu produzieren verschafft, eine Möglichkeit, die sich in eine Pflicht verwandelt, um Überhaupt eine Anwartschaft auf das dem Selbsterhaltungstrieb entsprechende Recht zum Konsumieren zu erhalten — wenn dieser Punkt erreicht ist, dann tritt das anarchistische Prinzip der freien Übereinkunft auf den Plan, um zwischen den Menschen die Tragweite, die Dauer und die Verwirklichung einer solchen Übereinkunft zu regeln.</p>
<p class="vspace">So muß das Individuum als juristische Persönlichkeit und als Grundeinheit aller späteren Organisationsformen, die die Freiheit und Macht der Föderation noch hervorbringen werden, Rahmen und Nomenklatur der neuen Gesellschaft der Zukunft bestimmen. Wir alle müssen bedenken, daß es absurd wäre, die Gesellschaft der Zukunft mit mathematischer Präzision konstruieren zu wollen, denn oftmals besteht zwischen Theorie und Praxis ein wahrer Abgrund. Deshalb verfallen wir nicht dem Irrtum der Politiker, die endgültige Lösungen für alle Probleme präsentieren, Lösungen, die dann in der Praxis mit Getöse in sich zusammenbrechen.</p>
<p class="vspace">Die Politiker scheitern, weil sie, ohne die Entwicklung des menschlichen Lebens selbst zu berücksichtigen, glauben, daß eine einzige Methode für alle Zeiten gelten könne. Diesen Fehler werden wir nicht begehen, die wir über eine entwickeltere Sicht der sozialen Probleme verfügen. Wenn wir die Leitvorstellungen des freiheitlichen Kommunismus entwerfen, präsentieren wir ihn nicht als ein geschlossenes Programm, das keine Änderungen zuläßt. Diese werden logischerweise erforderlich sein, und die Notwendigkeiten und Erfahrungen selbst werden die entsprechenden Anregungen dazu geben. Obgleich es den Anschein haben könnte, als ob wir uns damit etwas außerhalb des uns vom Kongreß erteilten Mandats bewegen, halten wir es für erforderlich, ein wenig näher auf die Einzelheiten unseres Revolutionskonzepts einzugehen und die wichtigsten Prämissen aufzuzeigen, die unserer Meinung nach die Revolution bestimmen können und müssen.</p>
<p class="vspace">Schon zu lange hat man die Redensart geglaubt, derzufolge die Revolution nichts anderes als eine gewalttätige Episode sei, die mit dem kapitalistischen Regime aufräume. In Wirklichkeit aber ist die Revolution ein Phänomen, das einem Zustand der Dinge Bahn bricht, der schon seit langem im kollektiven Bewußtsein verankert war. Die Revolution beginnt deshalb in dem Augenblick, in dem nach Feststellung des tatsächlich vorhandenen Unterschieds zwischen der sozialen Wirklichkeit und dem individuellen Bewußtsein das letztere sich, sei es nun aus Instinkt oder nach einer Analyse, gezwungen sieht, gegen die erstere vorzugehen.</p>
<p class="vspace">Kurz gesagt, beginnt deshalb die Revolution unserer Meinung nach folgendermaßen:</p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Als psychologisches Phänomen, das gegen einen bestimmten Zustand der Dinge gerichtet ist, der im Widerspruch zu den Wünschen und Bedürfnissen des einzelnen Menschen steht.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Als soziale Manifestation, wenn sie mit den Gegebenheiten des kapitalistischen Staates in dem Augenblick zusammenstößt, da sich obige Reaktion in der Gemeinschaft durchsetzt.</li>
<li><strong>Drittens:</strong> Als Organisation, weil sie spürt, daß ein Machtinstrument geschaffen werden muß, das in der Lage ist, die Verwirklichung ihres biologischen Zieles durchzusetzen.</li>
</ul>
<p class="vspace">Folgende Faktoren der äußeren Ordnung verdienen besonders herausgestellt zu werden:</p>
<ul>
<li><strong>a)</strong> Verschwinden der Ethik, die als Grundlage des kapitalistischen Regimes dient.</li>
<li><strong>b)</strong> Bankrott dieses Regimes auf wirtschaftlichem Gebiet.</li>
<li><strong>c)</strong> Scheitern der politischen Form des kapitalistischen Regimes, sowohl was die Demokratie als auch was seine letzte Ausformung, den Staatskapitalismus, angeht, der nichts anderes als der autoritäre Kommunismus ist.</li>
</ul>
<p class="vspace">Wenn alle diese Faktoren an einem Punkt und zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammentreffen, dann ist das der geeignete Moment für das gewaltsame Ereignis, das die Periode tatsächlicher revolutionärer Entwicklung einleiten wird. Da wir glauben, daß wir gerade in diesem Augenblick leben, in dem alle genannten Faktoren erfolgversprechend Zusammentreffen, haben wir es für notwendig gehalten, eine Denkschrift abzufassen, die in allgemeinen Linien die ersten Stützen jenes sozialen Gebäudes vorzeichnet, in dessen Schutz wir in Zukunft leben werden.</p>
<p class="vspace"><strong>Konstruktive Vorstellungen von der Revolution</strong></p>
<p class="vspace">Wir sind der Meinung, daß unsere Revolution sich auf der Grundlage strikter Gleichheit organisieren muß. Die Revolution kann sich weder auf gegenseitige Hilfe noch auf die Solidarität oder auf den archaischen Begriff der Nächstenliebe gründen. Auf jeden Fall müssen diese drei Formeln, die im Lauf der Zeit die Unzulänglichkeit rudimentärer Gesellschaftstypen verdecken sollten, in denen der einzelne willkürlichen Rechtsauslegungen ausgeliefert war, einen neuen Inhalt bekommen und in Gestalt von neuen Normen für das menschliche Zusammenleben genau beschrieben werden.</p>
<p class="vspace">Im freiheitlichen Kommunismus liegt bereits die deutlichste Interpretation vor, nämlich jedem menschlichen Wesen das zu geben, was seine Bedürfnisse erfordern, ohne daß die Befriedigung derselben andere Grenzen kennt als diejenigen, die sich aus den Erfordernissen der neu entstandenen Wirtschaftsform ergeben. Wenn alle Wege, die nach Rom führen, den Wanderer in die Ewige Stadt bringen, dann führen alle Formen der Arbeit und der Güterverteilung, die sich von der Vorstellung einer egalitären Gesellschaft leiten lassen, zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und sozialer Harmonie. Deshalb sind wir der Meinung, daß sich die Revolution auf die sozialen und ethischen Prinzipien des freiheitlichen Kommunismus stützen muß.</p>
<p class="vspace">Diese sind:</p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Die Bedürfnisse jedes menschlichen Wesens zu befriedigen, ohne daß diese Befriedigung anderen Beschränkungen unterliegt als denen, die mit der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zusammenhängen.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Von jedem Menschen entsprechend den Bedürfnissen der Gesellschaft den größtmöglichen Einsatz seiner Kräfte zu verlangen, wobei auf die physische und moralische Verfassung eines jeden Individuums Rücksicht genommen werden muß.</li>
</ul>
<p class="vspace"><strong>Die Organisation der neuen Gesellschaft nach der revolutionären Tat</strong></p>
<p class="vspace"><strong><em>Die ersten Maßnahmen der Revolution</em></strong></p>
<p class="vspace">Wenn die gewaltsame Phase der Revolution beendet ist, werden für abgeschafft erklärt: das Privateigentum, der Staat, das Autoritätsprinzip und folglich auch die Klassen, die die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte teilen. Nachdem der Reichtum sozialisiert worden ist, werden die bereits freien Organisationen der Produzenten die direkte Verwaltung der Produktion und des Konsums übernehmen. Wenn in jeder Ortschaft die freiheitlichen Kommunen begründet worden sind, werden wir den neuen sozialen Mechanismus in Gang setzen. Die Produzenten eines jeden Wirtschaftszweigs oder Berufs, die sich in den Gewerkschaften und am Arbeitsplatz zusammengeschlossen haben, werden frei über die Form entscheiden, in der er organisiert sein soll.</p>
<p class="vspace">Die freiheitliche Kommune wird all die Dinge übernehmen, die die Bourgeoisie früher zurückgehalten hat, wie zum Beispiel Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Rohstoffe, Werkzeuge etc. Diese Geräte sowie die Rohstoffe müssen in die Verfügungsgewalt der Produzenten übergehen, damit diese sie direkt zum Nutzen der Gemeinschaft verwalten können. In erster Linie werden sich die Kommunen um ein Höchstmaß an Bequemlichkeit für alle Einwohner einer jeden Ortschaft bemühen und die Hilfe für die Kranken und die Erziehung der Kinder sichern.</p>
<p class="vspace">In Übereinstimmung mit dem grundlegenden Prinzip des freiheitlichen Kommunismus werden, wie wir schon oben erwähnt haben, alle arbeitsfähigen Menschen ihre freiwillige Pflicht zu erfüllen beginnen — die sich in ein echtes Recht verwandeln wird, wenn der Mensch erst wirklich frei arbeitet — und entsprechend ihren Kräften und Fähigkeiten ihren Beitrag zur Gemeinschaft leisten, während andererseits die Kommune zur Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Verpflichtung nachkommen wird. Es ist deshalb schon jetzt notwendig, deutlich darauf hinzuweisen, daß die ersten Zeiten der Revolution nicht leicht sein werden und daß es notwendig sein wird, daß jeder äußerste Anstrengungen unternimmt und nur soviel konsumiert, wie die Leistungsfähigkeit der Produktion erlaubt.</p>
<p class="vspace">Jede Phase des Aufbaus erfordert Opfer sowie die individuelle und gemeinschaftliche Bereitschaft zu Anstrengungen, die darauf gerichtet sind, die widrigen Umstände zu überwinden und nicht Schwierigkeiten für die Aufbauarbeit jener Gesellschaft zu schaffen, die wir im Einverständnis mit allen verwirklichen werden.</p>
<p class="vspace"><strong><em>Plan für die Organisation der Produzenten</em></strong></p>
<p class="vspace">Der Plan für die ökonomische Organisation wird sich, so vielfältig auch die nationale Produktion sein mag, nach den strengsten Prinzipien einer sozialen Wirtschaft richten — Prinzipien, die von den Produzenten direkt über die verschiedenen Organe der Produktion bestimmt, in Generalversammlungen der verschiedenen Organisationen verabschiedet und von diesen ständig kontrolliert werden. Als Grundeinheit (am Arbeitsplatz, in der Gewerkschaft, in der Kommune, in allen Lenkungsorganen der neuen Gesellschaft), als Ausgangspunkt und Eckstein aller sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Schöpfungen ist der Produzent, das Individuum anzusehen. Als verbindendes Organ innerhalb der Kommune und am Arbeitsplatz dient der Werks- und Fabrikrat, der mit den anderen Zentren der Arbeit eng zusammenarbeitet. Als verbindende Einrichtung von Gewerkschaft zu Gewerkschaft (Zusammenschluß der Produzenten) dienen die Räte für Statistik und Produktion, die untereinander wieder Föderationen bilden, bis ein enges und dauerhaftes Verbindungsnetz zwischen allen Produzenten der Iberischen Konföderation hergestellt ist. Auf dem Lande ist die Ausgangsbasis der Produzent in der Kommune, der zum Nutznießer aller natürlichen Reichtümer seines politischen und geographischen Bezirks wird. Als verbindendes Organ dient der Rat für Ackerbau, dem technisches Personal und Arbeiter der Vereinigungen landwirtschaftlicher Produzenten angehören werden, die beauftragt sind, die Intensivierung der Produktion dadurch zu fördern, daß sie die am besten für den Anbau geeigneten Ackerflächen nach deren chemischer Zusammensetzung bestimmen.</p>
<p class="vspace">Diese Räte für Ackerbau werden ein entsprechendes Netz von Verbindungen herstellen wie die Werks- und Fabrikräte sowie die Räte für Statistik und Produktion und so die freie Föderation ergänzen, die die Kommune als politischer Bezirk und geographische Unterteilung darstellt. Sowohl die Vereinigungen der Produzenten aus der Industrie als auch die Vereinigungen der landwirtschaftlichen Produzenten werden sich auf nationaler Ebene zu Föderationen zusammenschließen — solange Spanien das einzige Land sein wird, das seine soziale Umgestaltung verwirklicht hat -‚ wenn die, die durch den jeweiligen Arbeitsprozeß selbst voneinander getrennt sind, das im Sinne einer fruchtbaren Entwicklung der Wirtschaft für nützlich halten. In diesem Sinne werden sich auch jene Verwaltungsorgane zusammenschließen, deren besondere Merkmale einen Zusammenschluß nahelegen, um so die vernünftigen und notwendigen Verbindungen zwischen allen freiheitlichen Kommunen Spaniens zu erleichtern.</p>
<p class="vspace">Wir sind der Überzeugung, daß die neue Gesellschaft mit der Zeit jede Kommune mit den für ihre Autonomie notwendigen landwirtschaftlichen und industriellen Kräften versehen wird, und zwar entsprechend dem biologischen Lehrsatz, demzufolge derjenige Mensch &#8211; in diesem Falle diejenige Kommune &#8211; am freiesten ist, der von den anderen am wenigsten braucht.</p>
<p class="vspace"><strong><em>Die freiheitlichen Kommunen und ihre Arbeitsweise</em></strong></p>
<p class="vspace">Unsere politische Revolution stützt sich auf folgende drei Pfeiler: Individuum, Kommune und Föderation. Innerhalb eines Gesamtplans aller wirtschaftlichen Aktivitäten, der die ganze Halbinsel erfassen soll, wird die Verwaltung absolut kommunalen Charakter haben. Die Grundlage dieser Verwaltung wird folglich die Kommune sein. Diese Kommunen werden autonom sein und auf regionaler und nationaler Ebene Föderationen bilden, um Ziele von allgemeiner Bedeutung verwirklichen zu können. Das Recht auf Autonomie schließt nicht die Pflicht aus, im Interesse der Allgemeinheit liegende Beschlüsse zu erfüllen, die nicht nur aus allgemeiner Wertschätzung gebilligt, sondern aus tiefer Einsicht akzeptiert worden sind. Eine Kommune von Verbrauchern ohne freiwillige Beschränkung wird sich also dazu bereit erklären, jene Normen von allgemeiner Gültigkeit zu beachten, die nach einer freien Diskussion von der Mehrheit angenommen worden sind. Dagegen können jene Gemeinschaften, die der Einbeziehung in den Industrialisierungsprozeß Widerstand leisten und andere Arten des Zusammenlebens beschließen, wie zum Beispiel die Naturisten oder die Nudisten, das Recht auf eine autonome Verwaltung erhalten, die nicht den allgemeinen Kompromissen verpflichtet zu sein braucht. Da diese Kommunen von Naturisten, Nudisten oder andere Arten von Kommunen nicht all ihre Bedürfnisse befriedigen können, so begrenzt diese auch sein mögen, können ihre zu den Kongressen der Iberischen Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen entsandten Delegierten wirtschaftliche Übereinkünfte mit den übrigen agrarischen oder industriellen Kommunen abschließen.</p>
<p class="vspace"><strong><em>Wir empfehlen also:</em></strong></p>
<ul>
<li>Die Einrichtung der Kommune als politische und administrative Einheit.</li>
<li>Die Kommune wird autonom und mit den übrigen Kommunen föderiert sein.</li>
</ul>
<p class="vspace">Die Kommunen schließen sich nach Landschaften oder Regionen zusammen, wobei es den einzelnen Kommunen überlassen bleibt, ihre geographischen Grenzen zu bestimmen, wenn es zum Beispiel notwendig erscheint, kleine Ortschaften, Siedlungen oder Weiler in einer einzigen Kommune zusammenzulegen. Die Gesamtheit dieser Kommunen wird eine Iberische Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen bilden. Damit die Verteilung der Produktion funktioniert und damit sich die Kommunen besser versorgen können, kann man zusätzliche Organisationen errichten, die in dieser Richtung tätig werden. Zum Beispiel: einen Rat der Konföderation für Produktion und Verteilung, der aus direkten Vertretern der Nationalen Produzentenföderationen und des jährlichen Kongresses der Kommunen besteht.</p>
<p class="vspace">weiter <a href="http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2" target="_blank">Teil2</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8230;(Teil 2)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 11:28:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[POUM]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=305</guid>
		<description><![CDATA[Mit seiner Unterdrückung von Demokratie, tatsächlicher Mitbestimmung und Mitentscheidung der werktätigen Klassen hat Stalinismus stets dem großen Kapital die Arbeit erleichtert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-305"></span><strong>Weichenstellungen zur Vernichtung der POUM</strong></p>
<p>Das Kräfteverhältnis im nichtfaschistischen Teil Spaniens hatte sich inzwischen erheblich gewandelt. Der unmittelbare Einfluß bürgerlicher Parteien, die seit September 1936 nicht mehr den Ministerpräsidenten stellten, war zurückgegangen. Ihre wichtigsten Anliegen allerdings &#8211; Wahrung und erneuter Ausbau kapitalistischer Verhältnisse &#8211; wurden weiter berücksichtigt. Formell dominierten die Sozialisten. In der Zentralregierung waren sie vor allem durch Largo Caballero und dessen Widerpart, den weiter rechtsstehenden Marine-und später Kriegsminister Indalecio Prieto, vertreten. Ihre Führer stützten sich außer auf die PSOE auf die 1,5 Millionen Mitglieder starke Allgemeine Union der Arbeiter (UGT), die in Spaniens Wirtschaft und Politik, partiell auch in der Armee wichtige Posten innehatte. Das Ansehen der Sozialisten litt unter den Rangeleien zwischen ihrem linken und rechten Flügel, vor allem aber durch das mit Regierungsgeschäften verbundene Abdriften nach rechts. Zudem war es der konkurrierenden PCE gelungen, der PSOE durch Zusammenschluß der sozialististischen und kommunistischen Jugend zu einer gemeinsamen Organisation den Jugendverband und durch Schaffung der Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens (PSUC) Teile ihres katalanischen Klientels zu entziehen. Die Kommunistische Partei war Hauptgewinnerin im neuen Spanien. Zur Zeit des Volksfrontabkommens 30 000 Mitglieder stark, wuchs ihr Bestand bis Dezember 1936 um mehr als 250 000, bis Juni 1937 auf eine Million. Ein Grund für diese Erfolge war das Ansehen, das die Partei durch die Verteidigung Madrids gewann. Der Nimbus der meist aus ausländischen Genossen bestehenden Internationalen Brigaden, nach wie vor auch der der Sowjetunion wirkte sich ebenfalls zugunsten der PCE aus. Vor allem war jedoch die Kursänderung hin zur Wahrung von Interessen der Kleinbürger und wohlhabenden Bauern wichtig. Vertreter dieser Kreise sowie Verwaltungs-und Militärangestellte strömten derart zahlreich in die Partei, daß sich deren Basis völlig veränderte und sie ihre konterrevolutionäre Politik mit größerem Nachdruck betreiben konnte. Parallel dazu wurde bei der PSUC eine aus Händlern, Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten bestehende Föderation, die GEPSI, zum stärksten Rückhalt. Nicht nur durch ihre beiden Minister in der Zentralregierung, sondern auch durch die Besetzung zahlreicher Schlüsselpositionen in Verwaltung, Wirtschaft, den Geheimdiensten und der Zensurbehörde übte die PCE großen Einfluß aus. Unter den 750 000 Kombattanten der Republik nahmen die 120 000 Kommunisten z. T. hervorragende Posten ein, besonders im Offizierskorps.</p>
<p>Hauptverlierer im republikanischen Spanien waren Anarchisten und POUM, das aber aus unterschiedlichen Gründen. Den Erstgenannten bekam der Sündenfall ihrer Führer nicht &#8211; deren Beitritt zu Regierungen und eine großenteils zu Lasten ihrer Anhänger gehende Politik. Die seit 1910 bestehende Nationale Konföderation der Arbeit (CNT) war zwei Millionen Mitglieder stark und dominierte mit der ihr nahestehenden Iberischen Anarchistischen Föderation (FAI) Katalonien. Sie entwickelte sich jedoch immer mehr zum gelähmten Koloß. Charakteristisch für den Kurs vieler Anarchistenführer war Nachgiebigkeit den bürgerlichen, rechtssozialistischen und stalinistischen Bündnispartnern gegenüber. Das kulminierte während der Barrikadenkämpfe 1937, woraufhin Kämpfer der CNT und FAI wütend ihre Mitgliedsbücher zerrissen. Nach dem Bürgerkrieg sank der anarchistische Einfluß in den Keller. Anders als die Anarchisten verhielt sich die im September 1935 entstandene Arbeiterpartei der Vereinigten Marxisten (POUM). Von stalinistischer Seite wurde sie nicht nur befehdet, sondern einem Vernichtungsfeldzug ausgesetzt.</p>
<p>Die POUM rekrutierte sich aus von der PCE ausgeschlossenen „rechten“ Kommunisten um Joaquín Maurín und von derselben Partei verstoßenen Linken um Andres (Andreu) Nin. Mauríns Anhänger waren zeitweilig im Arbeiter- und Bauernblock (BOC), die Anhänger Nins in der Kommunistischen Linken (IC) vereinigt. Nin war in Moskau ein angesehener Funktionär der Komintern und stellvertretender Vorsitzender der Roten Gewerkschaftsinternationale (Profintern) gewesen. Sein Anschluß an die linke Opposition brachte ihm jedoch Stalins Feindschaft ein. Mehrjährig Leo Trotzki nahestehend, trennte er sich von diesem, als Trotzki das Zusammengehen mit dem BOC verwarf und stattdessen für den Beitritt zur PSOE plädierte, um sie zu revolutionieren. In stalinistischer Sicht galten Nin und die POUM weiter als „trotzkistisch“, d. h. das Allerschlimmste. Zur Zeit des Franco-Putsches hatte die POUM 10 000 Mitglieder. Bis Dezember 1936 brachte sie es auf 70 000, um dann auf 40 000 zurückzugehen. In Katalonien übertraf sie an Anhängern die PSUC. Sie war maßgeblich bei den Milizen vertreten, gewann mehrfach Gefechte und nahm sowohl an der Gewinnung Aragons, als auch an dessen Verteidigung unter schwersten Bedingungen teil. Stalin und dessen Anhänger haßten die Partei, hatte sie doch von Anfang an die Moskauer Prozesse verurteilt und sich für das Asylrecht Trotzkis engagiert. Der sowjetische Generalkonsul in Barcelona, Wladimir Antonow-Owsejenko, attackierte die POUM als faschistisch, worauf sie öffentlich gegen die Verleumdung protestierte.(27)</p>
<p>Am gefährlichsten erschien Stalin Andres Nin. Wie vordem Marx und Rosa Luxemburg, setzte dieser Diktatur des Proletariats mit Arbeiterdemokratie gleich, in der keine Organisation das Recht habe, ihrerseits zu diktieren.(28) Die damalige Sowjetunion beurteilte Nin dahingehend, daß dort „für die Arbeiter weniger Freiheit bestehe, sich zu äußern, als selbst in Hitlerdeutschland“.(29) Er hoffte auf einen Sieg in Spanien, der „auch über eine Auswirkung auf Frankreich das innere Regime in der SU ändern könne“.(30)</p>
<p>Spätestens seit Ankunft des bisherigen Chefs der sowjetischen Konterspionage, Alexander Orlow, im September 1936 in Spanien und dem Aufbau dortiger Filialen bereitete sich der Geheimdienst des NKWD auf einen Feldzug hinter den Fronten vor. „Wir dürfen nicht erlauben“, instruierte der Leiter der Auslandsabteilung, Abraham Sluzki, seinen Untergebenen Orlow, „daß Spanien zum internationalen Lager aller antisowjetischen Elemente wird, die dort aus der ganzen Welt zusammenkommen&#8230; Wir dürfen nie vergessen, daß Anarchisten und Trotzkisten Konterrevolutionäre sind und man sie bis zum Letzten vernichten muß.“(31) Mit fieberhafter Eile wurde der Aufbau des Geheimdienstapparates vorangetrieben. Neben sowjetischen Agenten gehörten ihm spanische und internationale Parteikommunisten an. Mit staatlichen, Partei- und Geheimdienststellen Spaniens war er so verwoben, daß seine Effektivität besonders hoch war und man ihn zugleich schwer von außen ausmachen konnte. Der spanische Servicio de Investigación Militar (SIM), welcher bald 6000 Mitarbeiter zählte und sich keineswegs auf Militärobjekte beschränkte, und sein katalanisches Gegenstück Servicio Secrete Inteligente (SSI) gehörten weitgehend dazu. Zuständig für Verfolgung, Verhaftung und Ermordung mitteleuropäischer, besonders deutscher Kommunisten und Sozialisten war eine SSI-Abteilung, die nach ihrem beim Auslandsbüro der PSUC beschäftigten Leiter &#8216;Servicio Alfredo Herz&#8217; genannt wurde. Führungskräfte in dem vielgestaltigen und vielgesichtigen NKWD- Apparat waren neben Orlow dessen Statthalter für Katalonien Ernö Gerö (&#8216;Pedro&#8217;), der zugleich den Vorsitzenden der PSUC &#8220;beriet&#8221; und später kurzzeitig der politische Chef im volksdemokratischen Ungarn wurde, ferner der die PCE-Führung instruierende Argentinier Codovilla und der Italiener Vittorio Vidali (&#8216;Carlos Contreras&#8217;).</p>
<p>Der Apparat mischte sich bald in alle Bereiche des spanischen politischen Lebens und in das der Internationalen Brigaden ein. Er hatte eigene Haftlager, Folterkeller und Gefängnisse, die im Volksmund &#8220;Tscheka&#8221; genannt wurden, und ging meist ohne Wissen der spanischen Regierung vor. Über längere Zeit handelte er jedoch mit dem stillschweigenden Einverständnis mancher Minister und Beamter, hatten diese doch denselben &#8220;inneren Feind&#8221;.(32)</p>
<p>Im Januar 1937 begann der Apparat, vor allem in Barcelona, ausländische Antifaschisten zu jagen. Im Laufe der Zeit fielen ihm gleich zahlreichen anderen folgende Personen zum Opfer: der Sozialdemokrat und Volksfront-Unterstützer Mark Rein, Sohn des Vorsitzenden vom russisch-jüdischen &#8216;Bund&#8217;, Raphael Abramowitsch; Peter Blachstein vom &#8216;Neuen Weg&#8217;, einer Abspaltung der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP); die ehemaligen Trotzkisten Erwin Wolf, ein tschechischer Staatsbürger, und Kurt Landau, Österreicher; die deutschen Anarchisten Gustav Doster und Rudolf Michaelis; José Robles, ein Literaturprofessor aus Baltimore (USA); die KPDO-Mitglieder Waldemar Bolze, Karl Bräuning, Kuno Brandel und Hans Sittig sowie der frühere deutsche Interbrigadist Bernhard Rosner. Einige von ihnen wurden ermordet oder verschwanden, andere kamen mit Gefängnishaft davon. Zur Jahreswende 1936/37 besuchte ein Spitzenfunktionär der KPD, Walter Ulbricht, insgeheim Spanien &#8211; offenbar, um die Verfolgung von &#8220;Trotzkisten&#8221; und anderen &#8220;unzuverlässigen Elementen&#8221; deutscher Zunge bei den Interbrigaden vorzubereiten.(33)</p>
<p>Anfang April erschien Abraham Sluzki, damals höchster Chef des NKWD in Westeuropa, in Valencia. Mit Gerö prüfte er die Vorbereitungen zur &#8220;Maikrise&#8221; in der katalanischen Hauptstadt und begann, vorfabrizierte &#8220;Beweise&#8221; über die angebliche konterrevolutionäre und Spionagetätigkeit der POUM zu sammeln. Sluzki ließ den spanischen kommunistischen Minister Jesús Hernández zu sich in die sowjetische Botschaft bestellen, um ihn zur Mithilfe bei der geplanten Großaktion gegen den &#8220;Trotzkismus&#8221; zu veranlassen. Er erklärte, daß &#8220;Stalin persönlich sich für diese Affäre interessiert&#8221;.(34)</p>
<p>Die Schläge des NKWD im spanischen Hinterland richteten sich gegen Antifaschisten unterschiedlicher Richtungen. Vor allem aber sollte die POUM getroffen werden. Sie war dem Allerhöchsten selbst entgegengetreten und hatte seinen Zorn erregt. Zudem schien es relativ leicht zu sein, sie zu isolieren, war sie doch ihrer revolutionären Haltung wegen auch bei anderen Volksfrontpartnern unbeliebt. In Kenntnis der bereits eröffneten Verfolgungsjagd beriet die POUM-Exekutive am 3.5.1937 abends in Barcelona mit den anarchistischen Führern der Region über die Lage, die durch den Anschlag Salas&#8217; auf das Telefonamt und die spontane Gegenwehr der Arbeiter in entstanden war. Sie verwies auf folgende Alternative: &#8220;Entweder wir stellen uns an die Spitze der Bewegung, um den inneren Feind zu vernichten, oder die Bewegung scheitert und wir sind vernichtet.&#8221;(35)</p>
<p>Die Anarchisten setzten auf Verständigung mit den Angreifern. Nach den Kampftagen bewahrheitete sich die zweite Seite der Alternative: Die Bewegung schlug fehl, und die Revolutionäre wurden vernichtet. Reaktion, Terror und ein verunglückter &#8220;Moskauer Prozeß&#8221; Stalin-Anhänger, Bürgerliche und Rechtssozialisten verfolgten damals vier Ziele: Auflösung der in Katalonien noch vorhandenen Arbeitermilizen und volle Durchsetzung der Autorität der Volksarmee; Beendigung der Arbeiterkontrolle, besonders in strategisch wichtigen Zweigen; ein Roll back der Kollektivierung in Katalonien und Aragon; radikale Abrechnung mit POUM-&#8221;Trotzkisten&#8221; und anderen Befürwortern der Revolution. Für die Abrechnung machten sich in erster Linie PCE und PSUC stark.</p>
<p>Ein Hindernis für die Erreichung der gesteckten Ziele hatte schon die Caballero-Regierung weggeräumt. Gleichzeitig mit der Entsendung von 5000 Sturmgardisten nach Barcelona hob sie am 5.5.1937 die katalanische Autonomie in den Kernbereichen Verteidigung und Öffentliche Ordnung auf. Hierdurch war Gewähr gegeben, daß die Zentralgewalt bei ihrem weiteren Vorgehen nicht durch Regionalinstanzen behindert würde. Das zweite, größere Hindernis war Spaniens Ministerpräsident selbst, der sich inzwischen aus politischem Selbsterhaltungstrieb gegen Moskau gewandt hatte.(36)</p>
<p>Von Sowjetbotschafter Marcel Rosenberg mit dem Vorschlag bedrängt, PSOE und PCE zu verschmelzen, sagte Largo Caballero entschieden Nein. Er erzwang die Ablösung Rosenbergs und räsonnierte öffentlich &#8211; besonders mit Blick auf Moskaus Zuträger aus dem eigenen Kabinett, Außenminister Alvarez del Vayo &#8211; über &#8220;Schlangen des Verrats, der Illoyalität und der Spionage&#8221; zu seinen Füßen. Freunden erklärte er, sich in der Rolle eines Kapitäns zu fühlen, der SOS gefunkt hat und nun entdecken muß, daß seine Retter Piraten sind, die das ganze Schiff als Beute abschleppen wollen. Caballero begann die Armee von Parteikommunisten zu säubern und setzte in Madrid wieder eine zivile Verwaltung anstelle der PCE-beherrschten Verteidigungsjunta ein. Außerdem planten sein Generalstabschef und er einen militärischen Befreiungsschlag in Estremadura, um das faschistisch beherrschte Gebiet in zwei Hälften zu teilen und den Norden vom Nachschub aus Spanisch-Marokko abzuschneiden. Eben diese &#8211; damals aussichtsreiche &#8211; Offensive suchte Moskau zu verhindern, indem es die notwendigen Flugzeuge und Panzer verweigerte. Der bürgerliche, PCE-nahe General Miaja versetzte dem Unternehmen den Todesstoß, indem er erklärte, keine Truppen aus seinem Bereich dafür abstellen zu wollen. Am 5.3.1937 trafen hohe Kominternfunktionäre und Alexander Orlow, die PCE-Exekutive, der Kommandeur der Interbrigaden André Marty und ein sowjetischer Botschaftsrat in Valencia zusammen. Während der Konferenz wurde Largo Caballero für unfähig erklärt, Krieg zu führen.</p>
<p>Gegen den Einspruch von PCE- Generalsekretär Diaz und seines Genossen Hernández beschloß die Tagung, die dazu keineswegs befugt war, den Sturz des Ministerpräsidenten.(37) Dessen Entmachtung begann während einer Kabinettssitzung am 15.5., also nach den Barrikadenkämpfen. Die PCE forderte Caballero auf, einer Auflösung der POUM, der Konfiskation ihrer Radiostation, ihrer Druckereien und Gebäude, der Einkerkerung ihrer Exekutive und aller lokalen Komitees zuzustimmen, die die Erhebung in Barcelona unterstützt hatten. Caballero indes verweigerte die Unterdrückung von Arbeiterorganisationen und stellte klar, die Barrikaden seien weder gegen die Regierung gerichtet noch konterrevolutionär gewesen.(38) Doch traten nur die beiden anarchistischen Minister ihm zur Seite. Sozialisten und Bürgerliche folgten der PCE. Am 17. 5. erreichten sie im Verein mit ihr Largo Caballeros Rücktritt, am 18. 5. die Bildung eines neuen Kabinetts unter dem Rechtssozialisten Juan Negrín, das die PCE voreilig &#8216;El Gobernio de la Victoria&#8217;, die &#8216;Regierung des Sieges&#8217;, nannte. Weder Anarchisten und linke Sozialisten, noch Gewerkschafter waren darin vertreten.</p>
<p>Bevor gesondert auf die Verfolgung der POUM eingegangen wird, sollen hier politisch-gesellschaftliche Folgen des von Komintern und PCE initiierten Regierungswechsels verdeutlicht werden. Sie widersprechen der These Teppichs, wonach die revolutionären Errungenschaften in Spanien &#8220;über die gesamte Kriegszeit geschützt und bewahrt&#8221; wurden.(39) Im ganzen Land bewirkte die Regierung 1937 eine Auflösung der antifaschistischen Sicherheitsräte, während gleichzeitig der Generalsekretär der Polizei, Gabriel Moron (PCE), allen Mannschaften verbot, faschistisch gesinnte Polizisten anzuzeigen. Die Regierung setzte eine Säuberung der Streitkräfte, aber auch der Volkstribunale von unliebsamen Linken und die Einrichtung von Sondergerichten gegen sogenannte Volksverhetzung durch. Diese waren nach sowjetischem Muster zu geheimen Sitzungen und zur Nutzung von Geständnissen als Beweismittel ermächtigt; sie durften ohne Wissen der Regierung Todesurteile fällen. Alle Radiostationen der Gewerkschaften und Parteien wurden durch polizeiliche Sonderkommandos geschlossen, die Zensur wesentlich verschärft und Kritik an der Sowjetunion verboten. Beim Wiedereröffnen der Cortes kehrten rechte politische Emigranten ins Parlament zurück. Gleichzeitig mit diesen Vorgängen wurde die Exekutive der UGT-Gewerkschaft aufgelöst, in der Anhänger Caballeros dominiert hatten, wurde er selbst auch als Gewerkschaftsführer entmachtet, unter Hausarrest gestellt und aus der UGT ausgeschlossen.</p>
<p>Speziell in Katalonien geschah Folgendes: die Auflösung der Arbeitermilizen und Arbeiterpatrouillen; eine Deklarierung des Kollektivierungsdekrets von 1936 als unverbindlich, hierauf folgend die Benachteiligung kollektivierter Industrie- und Handelsunternehmen, Maßnahmen gegen noch vorhandene Arbeiterkontrolle und erste Unternehmensrückgaben in der Nahrungsmittelindustrie; auf dem Land umfassende Strafexpeditionen der Asalto-Garden (Sturmgarden), oft zusammen mit Kaziquen, Grundherren und wohlhabenden Bauern, um die Agrarkollektive zu demontieren. &#8220;Die Methode der Unterdrückung&#8221;, schrieb am 1. 8. 1937 die illegal erscheinende &#8216;Libertad&#8217;, &#8220;ist immer dieselbe. Lastwagen voll Asalto-Garden fallen in das Dorf wie Eroberer ein. Unheimliche Registrierungsmaßnahmen in den Lokalen der CNT. Annullierung der Munizipalräte, in denen die CNT vertreten ist. Hausdurchsuchungen mit Plünderungen und Verhaftungen. Beschlagnahmung der Nahrungsmittel der Kollektive. Rückgabe des Landes an die alten Besitzer.&#8221;(40)</p>
<p>Bislang existierte noch der Rat von Aragon, unter dem die dortigen Agarkollektive drei Viertel des Landes bewirtschafteten. Über seine Liquidierung im August 1937 liegt neben anderen Berichten der des Liquidators General Enrique Lister (PCE) selbst vor. Er beschreibt zunächst, wie Kriegsminister Indalecio Prieto (PSOE) ihm den Auftrag zur Auflösung des Rates gab und dabei zugleich versuchte, ihn hereinzulegen. Einerseits ermächtigte er Lister, nach Gutdünken zu verfahren, anderererseits verlangte er die Behandlung der unpopulären Order als Staatsgeheimnis. Lister schildert, wie er den Minister überlistete, und wie dann beim Anrücken seiner Division der anarchistische Rat von Aragon auseinanderstob. Danach erzählt er phantastische Geschichten über die vorangegangene &#8220;Terrorherrschaft&#8221;. Die über Kollektivierung wirken teilweise so, als handle es sich um Episoden aus dem Stalin-Reich. Lister spricht von Spitzelei und Massenmord an Bauern, auch über versteckte Waffen und 298 im Vereinslokal der anarchistischen Jugend eingemauerte Schinken. Beweise für die Richtigkeit seiner Behauptungen, die er offenbar den Hetzartikeln damaliger parteikommunistischer Organe entnahm, tritt er nicht an. Zur Glaubhaftmachung bemüht er indes das Faktum, daß die Anarchisten nicht gegen solche Berichte protestiert haben.(41) Wie hätten sie das bei der damaligen rigorosen Zensur tun können? Mit keinem Wort geht Lister darauf ein, was er und die anderen Helden seiner Division eigentlich getan haben. Es war, wie andere Quellen uns verraten,(42) die Auflösung von Kollektivwirtschaften und gewählten Dorfräten, die Verhaftung ihrer Mitglieder, der des CNT-Regionalrats und dergleichen mehr. Kollektivierungsgegner begrüßten Listers Soldaten als Befreier. Doch berichtet einer der Stabsoffiziere: Die Leute merkten bald, &#8220;daß sie nur eine anarchistische Diktatur gegen eine kommunistische eingetauscht hatten&#8221;.(43) Noch zu republikanischen Zeiten ging ein Großteil kollektiv bewirtschafteten Bodens an die früheren Inhaber zurück. Die Erträge haben danach abgenommen.</p>
<p>Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg von Listers Aktionen gegen die &#8220;nationale Schande&#8221;(44) in Aragon war die vorangegangene Zerschlagung der anarchistischen und POUM-Milizen, die der Bevölkerung mithin nicht zu Hilfe kommen konnten. Besonders gegen die Soldaten der POUM gingen Regierungstruppen, vielfach unter PCE- oder PSUC-Befehl, mit großer Härte vor. Angehörige älterer Jahrgänge wurden meist ins Hinterland geschickt, viele dort verhaftet. Jüngere Kämpfer beorderte man in gefährlichste Positionen an der Front, wo sie durch faschistisches Feuer dezimiert wurden. &#8220;Das Gros der POUM-Milizen wurde nach seiner Rückkehr von längeren Gefechten in einem Hinterhalt von kommunistisch kommandierten Truppen umstellt und entwaffnet.&#8221;(45) Keineswegs außer acht zu lassen ist, daß das in einer Atmosphäre verlogenster Hetze der spanischen und internationalen parteikommunistischen Presse, zuweilen auch von fellow travellers, gegen Anarchisten und POUM ablief. In ehrabschneidender Weise wurden die Soldaten der Lenin-Division, ihre meist in Haft befindlichen Offiziere, ihre Partei und deren Führer zu politischen Verbrechern und Faschismushelfern abgestempelt. Vom Denunziationsaufruf im Zentralorgan der PSUC bis zu Folter und Mord übten die Sieger ein Terrorregime aus, wie das republikanische Spanien es bis dahin nicht erlebt hatte. PSUC-Führer Miguel Valdés gab am 11.5.1937 die Parole aus: &#8220;Man muß Nin und sein Freundes-Grüppchen ausrotten.&#8221;(46)</p>
<p>Die kommunistische Presse verbreitete eine Flut von Lügen über angebliche Sabotagetätigkeit und Verbrechen der POUM, deren Verbindungen zur &#8220;Trotzkismus&#8221; und europäischen Faschismus. Mit gleicher Begründung wurde am 28.5. das Parteiorgan &#8216;La Batalla&#8217; verboten.(47) Anschließend an die letzte Tagung der POUM-Exekutive verhaftete parteikommunistisch geführte Sonderpolizei auf Orlows Befehl am 16. und 17.6.1937 sämtliche Exekutivmitglieder. Sie wurden mit Ausnahme Nins im Hotel Falcón festgesetzt, dem zum NKWD-Gefängnis umfunktionierten bisherigen Sitz der POUM-Zentrale. Ihrer Führung beraubt, ist die Partei am 17.6. illegalisiert, sind gleichzeitig ihre Milizen zerschlagen worden. Die Staatsanwaltschaft kündigte am 29.7. ein Gerichtsverfahren gegen zehn Mitglieder des Exekutivkomitees an.</p>
<p>Bevor auf den Prozeß eingegangen wird, muß hier das Schicksal Andres Nins berichtet werden.(48) Ebenfalls am 16.6.1937 verhaftet, wurde er nicht ins Hotel Falcón gebracht, sondern insgeheim in eine &#8220;Tscheka&#8221; zu Alcalá de Henáres. Wiederholt gefoltert und verhört, gab er keine für das NKWD verwendbare Erklärung ab, sondern attackierte die PCE wegen Verschwörung. Derart durchkreuzte Nin den Plan, ihn vor einem spanischen Gericht als obersten politischen Bösewicht im Lande zu &#8220;entlarven&#8221;. Zur selben Zeit häuften sich in der Öffentlichkeit Fragen nach seinem Verbleib, ordneten Spaniens Justiz- und das Innenministerium die Suche nach ihm an. Sicherlich nach Rückfrage in Moskau beschloß Orlow, Nin umbringen zu lassen. Ende Juni 1937 wurde dieser aus dem Geheimgefängnis geholt. &#8216;Carlos Contreras&#8217;, später Leiter des Sturms auf Trotzkis Haus in Coyoacán bei Mexiko City sowie nach 1945 unter seinem wirklichen Namen Vittorio Vidali kommunistischer Senator, erschoß Nin im Park des Königsschlosses Pardo.(49) Selbstverständlich sollte dieser Ausgang des Falles verschwiegen werden. Dazu ließ das NKWD Polizisten verschwinden, die mit dem Fall befaßt gewesen waren, und ersann das Märchen von Nins Flucht zu Franco nach Salamanca oder Hitler nach Berlin.(50) Als Beweise hierfür sollten Fahrkarten sowie eine angeblich in der Zelle aufgefundene Tasche mit deutschem Geld und Gestapo-Dokumenten dienen, die Tage davor aus amtlichen Archiven entwendet worden waren. Vor Ort schenkte kaum jemand dieser Lüge Glauben. Die CNT erklärte am 19.7., Nin sei ermordet worden. Spaniens Regierung hatte die Schmutzarbeit des NKWD und seiner Helfer bislang als nützlich zur Verhinderung revolutionärer Verhältnisse erachtet, sie geduldet und gedeckt, was Negrín übrigens weiterhin tat.</p>
<p>Doch regte sich in ihren Reihen Widerspruch. Mehrere Minister wollten die Schmach eines eigenmächtig und verbrecherisch vorgehenden fremden Geheimdienstes im Lande, der sie überging und belog, nicht länger hinnehmen. Der Rechtssozialist Julián Zugazagoitia hätte gern gewußt, &#8220;ob ich als Innenminister von gewissen sowjetischen Technikern abhänge. Die Dankbarkeit, die wir der Sowjetunion schulden, darf uns nicht dazu verleiten, unsere persönliche und nationale Würde preiszugeben&#8221;. Kriegsminister Prieto merkte an: &#8220;Die Sowjetrussen schicken uns Waffen, daher glauben sie, es sei alles erlaubt. Ganz anders wäre es, wenn die Waffen aus Frankreich oder England kämen.&#8221;(51) Die Westmächte sahen aber die Verfolgung von Revolutionären nicht ungern und ließen sich dadurch keineswegs von ihrer Embargopolitik abbringen. Spaniens Minister setzten die Ablösung eines Mitverantwortlichen für Nins Entführung, den des Generaldirektors der Sicherheit Oberst Ortega (PCE), durch. Sie erreichten auch, daß POUM-Häftlinge in normale staatliche Gefängnisse überführt wurden. Doch blieb die Macht von Stalins NKWD im Lande erhalten. Anarchistischen Angaben vom Juli 1937 zufolge waren allein in Barcelona 800 CNT-Mitglieder in Haft und 60 verschwunden. Ähnlich sah es bei den linken Sozialisten aus.(52) Von den Mitgliedern der weit kleineren POUM waren laut SAP seit Ende des Barrikadenkampfes nahezu 1000 eingekerkert worden, darunter fast alle Internationalen aus ihrer Umgebung.(53) Nach der legalen POUM-Zentrale wurde im April 1938 die illegale aufgespürt und festgesetzt. Die &#8216;Freunde Durrutis&#8217; waren inzwischen durch rechte Anarchistenführer preisgegeben und von der Regierung verboten worden. &#8220;Wie unter Hitler&#8221; resp. &#8220;Fast wie unter Stalin&#8221;, kommentierte der Zeitgenosse Felix Morrow die entstandene Situation.(54)</p>
<p>Die beiden Spanien waren einander 1937 ähnlich geworden. Zufrieden war hierüber der britische Konservative Winston Churchill, ein Erzfeind der sozialen Revolution. Er schrieb: &#8220;Im Laufe dieses Jahres hat sich im Charakter der spanischen republikanischen Regierung eine sichtbare Fortentwicklung zu einem geordneten Regierungssystem und gleichzeitig zu geordneter Kriegführung vollzogen. Die Anarchisten&#8221; &#8211; konservativen Engländern waren diese Leute besonders verhaßt &#8211; &#8220;sind mit Feuer und Stahl unterdrückt worden.&#8221;(55) Sozialistische Positionen vertrat demgegenüber der junge Willy Brandt, der nach einem Spanienbesuch der SAP-Führung berichtete: &#8220;Um die von ihnen erstrebte Monopolisierung der Führung zu erlangen, scheuen die Kommunisten keine Mittel. Doch in einer Situation, in der alles auf die Sammlung der Kräfte gegen Franco ankommt, müssen die Methoden der KP, der Verleumdung ihrer proletarischen Widersacher, der Hetze und des blinden Terrors gegen sie, der Absorbierung und Vernichtung aller anderen die Kampfmoral untergraben und lebensgefährlich für den antifaschistischen Krieg werden. Diese Methoden drohen die ganze internationale Arbeiterbewegung erneut zu vergiften und zurückzuwerfen, sie drohen die Ansätze einer einheitlichen Entwicklung in einen Scherbenhaufen zu verwandeln.&#8221;(56)</p>
<p>Die nach Caballeros Sturz gebildete &#8216;Regierung des Sieges&#8217; erlitt 1937/38 mehrfach schwerste Niederlagen. Strebte ihre Vorgängerin noch die Zweiteilung des faschistisch besetzten Spanien durch eine Offensive an, die Moskau und Miaja verhinderten, so führte zur Zeit Negríns ein Vorstoß faschistischer Truppen quer durch Aragon im April 1938 dazu, die Republik zweizuteilen. Die Regierung hoffte nun, endlich die Gunst Englands und Frankreichs zu gewinnen und möglichst noch den Abzug von Francos Verbündeten aus Spanien zu bewirken, indem sie ein Beispiel gab. Daher verabschiedete sie im September/Oktober 1938 ihre besten Helfer, die Interbrigaden, von der Front und z.T. auch aus dem Land. Sie tat dadurch ein übriges, die eigene Niederlage mit herbeizuführen. Die Westmächte honorierten ihre Vorleistung nicht, Deutsche und Italiener blieben in Spanien. Zudem schlossen damals England und Frankreich mit Hitler das Münchner Abkommen. Es bedeutete nicht nur Preisgabe der Tschechoslowakei, sondern beschwor auch eine für die Sowjetunion gefährliche Situation herauf, die nämlich, daß demokratisch und faschistisch regierte Staaten gemeinsam gegen sie vorgehen könnten. Stalin reagierte mit der sukzessiven Annäherung an Deutschland. Er drosselte die Waffenlieferungen nach Spanien.</p>
<p>Auf der Pyrenäenhalbinsel reichte allerdings sein Engagement noch immer aus, einen Prozeß nach Moskauer Muster gegen die POUM zu initieren. Die dazu notwendigen &#8220;Beweise&#8221; wurden vom NKWD gefertigt. Zu den Glanzstücken zählte ein von kommunistisch organisierten Polizisten in Gerona aufgefundener Koffer voller Dokumente, die eine Kollaboration der POUM mit den Faschisten belegen sollten. Einige Dokumente trugen, um den Entdeckern die Arbeit zu erleichtern, das Siegel der Militärkommission der POUM. Noch gediegener war ein Schreiben, worauf mit unsichtbarer Tinte ein &#8220;A. N&#8221; als verläßlicher Agent für einen von der Fünften Kolonne der Faschisten beabsichtigten Aufstand benannt wurde. Polizeioberst Ortega, damals noch im Amt, erklärte dem Justizminister Manuel de Irujo, A. N. sei &#8220;natürlich Nin&#8221;, worauf der Minister erwiderte, es wäre &#8220;wohl das erste Mal in der Geschichte der Spionage, daß ein gefährlicher Spion ein höchst kompromittierendes Dokument mit seinen Initialen versehe&#8221;.(57)</p>
<p>Das Gericht im POUM-Prozeß tagte vom 11. bis 22.10.1938 in Barcelona.(58) Ankläger war Staatsanwalt José Gomis, ein NKWD-Agent, der bereits in vielen Fällen Todesstrafen erwirkt hatte. Das Tribunal stand unter erheblichem Druck Moskaus sowie von PCE und PSUC, die Front-und Betriebskampagnen mit Forderungen zu &#8220;konsequenter Abrechnung&#8221; mit den &#8220;Trotzkisten&#8221; organisierten. Minis-terpräsident Negrín verlangte unter Hinweis auf Soldatentelegramme die Köpfe der Angeklagten. Zudem standen der Anklage Belastungszeugen mit wenig Skrupeln zur Verfügung, wobei es einigen allerdings an geistigen Fähigkeiten und elementaren Kenntnissen mangelte. Zweck des Verfahrens war in stalinistischer Sicht die Aburteilung der Angeklagten wegen Urheberschaft für den Ausbruch der Barrikadenkämpfe 1937, Spionage für Franco und Hitler sowie Zusammenarbeit mit ihnen. Die von der POUM vertretene politische Richtung sollte hierdurch dauerhaft diskreditiert werden. Das Verfahren würde trotz mancher Mangelerscheinungen auf der Anklägerseite seinen Zweck erfüllt haben, hätte es nicht internationale Solidarität mit den Angeklagten gegeben und der Prozeß nicht im republikanischen Spanien stattgefunden.</p>
<p>Trotz aller reaktionären Rückschläge war das immer noch ein halbwegs freies Land mit Menschen, die Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden wußten. Vornehmlich französische Intellektuelle, darunter André Gide und Francois Mauriac, legten gegen das Verfahren Protest ein. Gleichzeitig scheiterte im Vorfeld des Prozesses der Versuch, durch Verknüpfung mit einem gegen Faschisten gerichteten Spionageverfahren ein Amalgam aus diesen und den POUM-Führern herzustellen. Justizminister Gonzáles Pena widersetzte sich dem Appell des spanischen Regierungschefs, die Angeklagten hinrichten zu lassen. Er wies den Präsidenten des Obersten Gerichtshofes an, &#8220;alle Petitionen dieser Art in den Papierkorb zu werfen&#8221;.(59) In der Verhandlung bezogen die Vertreter der POUM-Exekutive, unter ihnen Julián Gorkin und Juan Andrade, Offensivpositionen. Sie widerlegten Lügen über angebliche Spionagetätigkeit ihrerseits und dergleichen mehr, verteidigten die eigene Handlungsweise während des Bürgerkriegs und der Barikadenkämpfe, beschuldigten das NKWD und Stalin der Provokation und des Mordes an Nin. Die Belastungszeugen erlitten eine Abfuhr. Eindrucksvoll wirkten hingegen die Entlastungszeugen &#8211; Francisco Largo Caballero, die ehemaligen Ministerin Federica Montseny, Manuel de Irujo und Julián Zugazagoitia sowie der frühere Botschafter in Paris, Luis Araquistain. Letztgenannter verwies auf den schlechten Eindruck, den das Verfahren im Ausland hervorgerufen hatte. Montseny betonte, die Angeklagten seien nicht für die blutigen Maitage verantwortlich. Caballero konstatierte, mehrfach zur Festsetzung der POUM-Führer und zum Verbot ihrer Partei angehalten worden zu sein, doch habe er &#8220;nicht fünfzig Jahre gekämpft, damit es möglich sei, Menschen durch Regierungsbeschluß und ohne Beweise zu verhaften&#8221;.(60)</p>
<p>Das Urteil krönte den Prozeß, obwohl es im Hinblick auf die Strafen ungerecht war. Nachdem die Staatsanwaltschaft 30 Jahre für jeden Angeklagten gefordert hatte, erkannte das Tribunal auf 15 Jahre, z.T. darunter bzw. Freispruch. Die Strafen waren, was jeder wußte, allein durch außenpolitische Rücksichten bedingt. Das Gericht begründete diese Strafen auf schwejksche Weise. Es warf den Angeklagten vor, daß sie &#8220;ihre Partei überall durchsetzen&#8221; wollten und &#8220;fälschlich in der Zeitung La Batalla behauptet (hätten), die Regierung der Republik empfange von Moskau Befehle und verfolge alle, die sich diesen Befehlen nicht beugten&#8221;.(61) Im übrigen verabreichte das Gericht der Anklagevertretung und ihren Hintermännern schallende Ohrfeigen. Es konstatierte, daß die &#8220;Beweise&#8221; keine Aussagekraft hätten, die POUM legal funktioniert und sich durch Leistungen im politischen und militärischen Kampf bewährt habe, daß sie &#8220;ein starkes und altes antifaschistisches Ansehen&#8221; genieße, nicht Urheber des Zusammenstoßes am 3.5.1937 in Barcelona war und keine direkten oder indirekten Verbindungen, weder zu Franco noch zu polizeilichen und militärischen Stellen eines fremden Staates (Deutschlands), gehabt habe. Die von der Staatsanwaltschaft geltend gemachte Notverordnung mit rückwirkender Kraft betreffe ausschließlich Spionage und habe daher hier keine Geltung.(62)</p>
<p>Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, sich vorzustellen, daß irgendein Schauprozeß in Stalins Bereich oder dem seiner Vasallen und Nachfolger so verlaufen wäre. Jene, die in der aktuellen Diskussion einen &#8216;Moskauer Prozeß&#8217; im republikanischen Spanien verneinen, haben Recht. Daß es aber keinen derartigen Prozeß gab, lag nicht an den Stalinisten und ihren Helfern, an Komintern oder NKWD, sondern an jenen, die deren Vorhaben durchkreuzten. Palmiro Togliatti (&#8216;Ercoli&#8217;), damals wichtigster Kominternvertreter in Spanien, wertete das Urteil als &#8220;skandalöses Resultat&#8221;. Die Baseler &#8216;Rundschau&#8217; der Komintern beschränkte sich darauf, die Strafen mitzuteilen und dazu die vom Gericht abgewiesene Anklageschrift nachzudrucken, so als wären die Führer der POUM deswegen verurteilt worden. Die &#8216;Deutsche Volkszeitung&#8217; der KPD unterschlug den Ausgang des Prozesses.(63) Verfechter prostalinistischer Standpunkte folgen diesen Beispielen &#8220;parteilichen&#8221; Herangehens an eine unliebsame Angelegenheit bis heute. Meist verschweigen sie den Prozeß oder kennen ihn dank des Schweigens ihrer Vorläufer nicht. Wider besseres Wissen oder unwissentlich geben sie die damals von Stalinanhängern ersonnenen Propagandalügen so wieder, als handle es sich um die lautere Wahrheit. Das Prozeßprotokoll ist aufgefunden und 1989 erstmals veröffentlicht worden, leider nur in Spanisch.</p>
<p>Eine Woche nach Ende des Gerichtsverfahrens gegen die POUM brachen Francos Truppen in den Brückenkopf am Südufer des Ebro ein, der beim letzten offensiven Vorstoß der Republik im Sommer 1938 errichtet worden war. Am 15. 11. zwangen sie die Volksarmee, den Brückenkopf zu räumen. Nur 15 000 von zuvor fast 100 000 Kämpfern kehrten unversehrt aus dem &#8216;spanischen Verdun&#8217; zurück. Hohe Verluste hatten auch ihre Gegner erlitten, doch verfügten diese über wesentlich mehr Waffen, Flugzeuge, Geschütze und Soldaten. Am 23.12. begannen sie die Katalonien-Offensive. Zwar hielt die anarchistische 26. Division dem Anprall stand, die 56., parteikommunistisch geführte wich jedoch im Januar 1939 zurück. Neue sowjetische Waffen kamen trotz kurzzeitiger französischer Grenzöffnung meist nicht mehr an. General Miaja, Kommandeur des Mittelabschnitts um Madrid, verweigerte wiederum eine Entlastungsoffensive. Ergebnis war die wilde Flucht republikanischer Truppen. Nur wenige, meist kommunistisch geführte Einheiten leisteten noch Widerstand. Barcelona wurde am 21.1. kampflos preisgegeben, Katalonien bis zum 10. 2. 1939 gänzlich von Faschisten besetzt. Auf republikanischer Seite hatte allgemeine Demoralisierung den Feind begünstigt. Barcelonas letzter republikanischer Polizeichef urteilte, die Menschen wollten nicht mehr kämpfen, &#8220;weil diese Republik nicht mehr unsere Republik ist&#8221;.(64)</p>
<p>Einziger Lichtpunkt in der Finsternis war, daß kommunistische und sozialistische Gefangene der Republik, so die POUM-Häftlinge, freikamen und den Mordgesellen faschistischer wie stalinistischer Couleur entrinnen konnten. Um den Madrider Abschnitt einzunehmen, brauchte Franco keine militärische Offensive mehr. Hier meuterte auf republikanischer Seite der bisher als links geltende Berufsoffizier Oberst Casado. Mit rechten Flügelmännern aus PSOE und CNT bildete er eine Junta, die die großenteils schon im Ausland befindliche Regierung für abgesetzt erklärte. Der Junta gehörten keine Volksfrontpartner mit kommunistischem Parteibuch an, wohl aber der lange Zeit ihnen nahestehende General José Miaja. Mit Franco sollte nun verhandelt werden. Doch setzte der die bedingungslose Kapitulation der anderen Seite durch. Am 28.3.1939 zog er als Triumphator in Madrid ein. Am 1.9. löste sein Schutzpatron Hitler den zweiten Weltkrieg aus. Schlecht stand es nicht nur in Spanien.</p>
<p>Ein Lied Ernst Buschs zum Ruhme der Interbrigaden beginnt mit den Worten &#8220;In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8221;. Busch bezieht sich auf den Spätherbst 1936, als faschistische Truppen Madrid bedrängten und nicht zuletzt &#8211; keineswegs aber wie in seinem Lied ganz allein &#8211; Angehörige der Internationalen Brigaden die spanische Hauptstadt retteten. Hier ist mit der Sache, um die es schlecht stand, zugleich weniger und mehr gemeint. Nur am Rande geht es um den Kampf an den Fronten, in dem Hunderttausende Kombattanten, mit Millionen spanischer Arbeiter und Bauern hinter sich, für die Freiheit stritten. Der Kampf ist in Dutzenden von Büchern und zahllosen Artikeln geschildert worden. Sofern die Vorgänge korrekt wiedergegeben sind, beziehe ich mich darauf. Mein Artikel gilt vornehmlich dem Kampf hinter den Fronten, zwischen bürgerlichen, rechtssozialistischen und stalinistischen Revolutionsgegnern sowie den kommunistischen, linkssozialistischen und anarchistischen Verfechtern sozialer Revolution. Dieser Kampf war genauso wichtig wie der an der Front. Er wird aber von stalinistischer Seite traditionell verschwiegen oder verfälscht dargestellt.</p>
<p>Wie zeitnah das Andenken an den Kampf ist, erhellt aus dem Eifer der heutigen Auseinandersetzungen darüber. Sofern in Deutschland und anderswo wieder eine sozialistische Bewegung entstehen soll, wird sie sich für historische Wahrheit statt reaktionäre Apologetik entscheiden müssen. Der Beitrag meint insofern mehr als Spanien, als die dortigen Ereignisse auch für eine Vielzahl ähnlicher Tragödien und Konflikte in anderen Ländern, einen weltweiten Kampf auf Leben und Tod charakteristisch sind. Nicht allein südlich der Pyrenäen &#8220;stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8221;. Die internationale stalinistische Taktik wurde bereits 1926/27 in China, später in der Zeit des über Deutschland hereinbrechenden Faschismus und der Volksfrontperiode, aber auch nach dem zweiten Weltkrieg angewandt. Typisch für sie ist ein Zickzackkurs zwischen opportunistischer Anpassung an die Wünsche bürgerlicher und rechtssozialdemokratischer Bundesgenossen einerseits, ultralinkem Abenteurertum andererseits.(65) So gegensätzlich der immer wieder durch &#8220;jähe Wendungen&#8221; gekennzeichnete Kurs gewesen ist, er diente stets den Herrschaftsinteressen der sowjetischen Politbürokratie im eigenen Land und UdSSR-Großmachtinteressen draußen, nicht der internationalen Arbeiterbewegung &#8211; ihr schadete er.</p>
<p>Dieser Kurs war, wie nochmals festgestellt sei, notwendig konterrevolutionär. Erstens hätten Revolutionen anderswo auf die Sowjetunion und deren spätere Satelliten zurückwirken, also die politbürokratische Diktatur gefährden können, zweitens konnten sie die Beziehungen zu potentiellen oder aktuellen kapitalistischen Bündnispartnern beeinträchtigen. Was beim Steuern dieses Kurses herauskam, ist am Beispiel Spaniens demonstriert worden. Es war woanders das Gleiche. Doch muß im Falle Spanien berücksichtigt werden, daß sich dort der republikanische Landesteil mit dem Faschismus im Krieg befand und die äußerste Reaktion auf traditionell militärischem Gebiet, hinsichtlich Zahl und z.T. auch Technik der Waffen der Republik überlegen war.</p>
<p>Diese Überlegenheit konnte nur durch revolutionäre Mittel ausgeglichen werden. Indem die Volksfrontkoalition aus Liberalen, Rechtssozialisten und Parteikommunisten, verstärkt durch Komintern und NKWD, die von den Massen im zweiten Halbjahr 1936 erwirkten Ansätze zur demokratischen Revolution wieder zerstörte, sorgte sie dafür, daß Enthusiasmus und Beharrlichkeit der Massen im Krieg dahinschwanden. Damit war der Sieg Francos und seiner Protektoren vorprogrammiert, da gleichzeitig auch die sogenannten Demokratien im Westen der spanischen Republik Schaden zufügten. Von den Details abgesehen, ähneln die Vorgänge in Spanien denen bei Entstehung und Untergang des &#8216;Realsozialismus&#8217; in Europa.</p>
<p>Mit seiner Unterdrückung von Demokratie, tatsächlicher Mitbestimmung und Mitentscheidung der werktätigen Klassen hat Stalinismus stets dem großen Kapital die Arbeit erleichtert.</p>
<p><strong><em>Anmerkungen</em></strong></p>
<p>1. Neues Deutschland, 23./24.11.1996; vorher auch die Äusserungen des ehemaligen Interbrigadisten Fred Müller im ND vom 21.11.1996.<br />
2. Aufzeichnungen des Autors während der Tagung.<br />
3. Heinz Priess, Spaniens Himmel und keine Sterne. Ein deutsches Geschichtsbuch. Erinnerungen an ein Leben und ein Jahrhundert, Berlin 1996, S. 134.<br />
4. Poltergeist im Politbüro. Siegfried Prokop im Gespräch mit Alfred Neumann, Frankfurt (Oder) 1996, S. 21.<br />
5. Fritz Teppich (Hg.), Spaniens Himmel. Volksfront und Internationale Brigaden gegen den Faschismus 1936-1939, Berlin 1986, Reprint 1996, S. 85.<br />
6. George Orwell, Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, Zürich 1975, S. 156 ff.<br />
7. Juli n Gorkin, Stalins langer Arm. Die Vernichtung der freiheitlichen Linken im spanischen Bürgerkrieg, Köln 1980, S. 77; Patrick von zur Mühlen, Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939, Berlin-Bonn 1985, S. 7; Felix Morrow, Revolution und Konterrevolution in Spanien einschliesslich: Der Bürgerkrieg in Spanien. Deutsche Erstausgabe, Essen 1976,S. 158.<br />
8. Gorkin, a. a. O., S. 78; Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der gruppe arbeiterstimme, Nürnberg 1987, S. 57.<br />
9. Morrow, a. a. O., S. 157 f. und 159 f.<br />
10. Fritz Teppich, Beispiel Spanien &#8211; Arbeitermacht oder Volksfront? Referat vom 30. 6. 1996, S. 21 f.<br />
11. Zur französischen Volksfront neuerdings Heinz Köller, Für Demokratie &#8211; Brot &#8211; Frieden. Die Volksfront in Frankreich 1935 bis 1938, Bonn 1996.<br />
12. Teppich, Spaniens Himmel, S. 46.<br />
13. Morrow, a. a. O., S. 50 f.<br />
14. Morrow, S. 84.<br />
15. Leo Trotzki, Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1936-39, 2. Auflage, Frankfurt/Main 1986.<br />
17. Teppich, Spaniens Himmel, S. 45. Angaben der Wahlergebnisse, die in verschiedenen Publikationen differieren, nach: Ebenda, S. 48.<br />
18. Siegfried Kogelfranz/Eckart Plate, Sterben für die Freiheit. Die Tragödie des Spanischen Bürgerkrieges, München 1989, S. 243 f.; Gorkin, a. a. O., S. 93 f. und S. 269. Die UdSSR versandte zwischen Mitte Oktober 1937 und Dezember 1938 dafür 806 Flugzeuge, 362 Panzer, 120 Panzerautos, 1555 Kanonen, etwa 500 000 Gewehre, 340 Granatwerfer, 110 000 Bomben, 3,5 Mill.Granaten, fast 1 Mrd. Patronen und Handgranaten, ferner Flakscheinwerfer, Lastautos, Radiosender und Torpedoschnellboote in die spanische Republik. (Teppich, Spaniens Himmel, S. 78; Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 245)<br />
19. Zit. nach Trotzki, Revolution und Bürgerkrieg, Band 1, S. 14, sowie Band 2, S. 334.<br />
20. Zit. nach Trotzki, Ebenda, Band 1, S. 34 f.<br />
21. Gorkin, a. a. O., S. 19. Mit derselben Drohung ist die Annahme eines POUM-Appells an die Regionalregierung torpediert worden, Leo Trotzki Asyl zu gewähren. (Morrow, a. a. O., S. 104)<br />
22. Ludwig Renn, Im Spanischen Krieg, Berlin und Weimar 1971.<br />
23. So u. a. Ebenda, S. 300; Morrow, a. a. O., S. 190.<br />
24. Orwell, a. a. O., besonders S. 15, 25, 32 und 45 ff.; Waldemar Bolze, Drei Monate an der Huescafront (April bis Juni 1937) in: Der spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 61.<br />
25. Orwell, a. a. O., S. 38.<br />
26. Bolze, a. a. O., S. 62.<br />
27. Bericht eines aus Spanien zurückgekehrten KPO-Genossen (Anfang 1939) in: Der spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der gruppe arbeiterstimme 1987, S. 49.<br />
28. Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 37.<br />
29. Reiner Tosstorff, Andreu Nin und Joaqu¡n Maur¡n. Vom revolutionären Syndikalisten zum antistalinistischen Kommunisten, in: Theodor Bergmann/Mario Kessler, Ketzer im Kommunismus. Alternativen zum Stalinismus, Mainz 1993, S. 197.<br />
30. Wie Fussnote 27, S. 38.<br />
31. Ebenda, S. 37.<br />
32. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 382.<br />
33. Ausführlich Patrick von zur Mühlen, a. a. O., S. 164 ff.; ferner u. a. Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 378.<br />
34. Mühlen, S. 178 f.; Kogelfranz/Plate, S. 283.<br />
35. Gorkin, a. a. O., S. 115 f.<br />
36. Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 57.<br />
37. Hierzu und zum Folgenden Gorkin, a. a. O., S. 105 ff., Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 361 f.<br />
38. Kogelfranz/Plate, S. 360 ff.<br />
39. Morrow, a. a. O., S. 166.<br />
40. Fritz Teppich, Beispiel Spanien, S. 14.<br />
41. Morrow, a. a. O., S. 194.<br />
42. Enrique Lister, Unser Krieg, Berlin 1972, S. 205 ff.<br />
43. Morrow, a. a. O., S. 200 f.; Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 386 f.<br />
44. Zit. nach Kogelfranz/Plate, S. 386.<br />
45. Lister, a. a. O., S. 206.<br />
46. Patrick von zur Mühlen, a. a. D., S. 75.<br />
47. Gorkin, a. a. O., S. 121.<br />
48. Kogelfranz/Plate, S. 376.<br />
49. Hierzu insbesonders Operation Nikolai. Neue Einsichten über Stalins Rolle im Spanischen Bürgerkrieg, eine mit auf Komintern- und KGB-Akten beruhende Sendung, die zuerst im katalanischen Fernsehen, am 24. 7. 1996 aber auch in deutscher Sprache von ARTE ausgestrahlt wurde.<br />
50. Gorkin, a. a. O., S. 30 und 176.<br />
51. El Mundo Obrero, das Zentralorgan der PCE, titelte am 5. 7. 1937 mit ,Die Flucht des Banditen Nin&#8221;. Das Datum wird bei Gorkin, a. a. O., mit &#8220;5. 6.&#8221; falsch angegeben.<br />
52. Gorkin, S. 170 bzw. 172.<br />
53. Morrow, a. a. O., S. 188.<br />
54. Morrow, S. 18&#8243;9; Patrick von zur Mühlen, a. a. O., S. 82.<br />
55. Morrow, a. a. O., S. 186.<br />
56. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., . 389.<br />
57. Zit. nach Teppich, Spaniens Himmel, a. a. O., S. 25.<br />
58. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 376 f.<br />
59. Zum Folgenden Gorkin, a. a. O., S. 240 ff.<br />
60. Ebenda, S. 249.<br />
61. Ebenda, S. 257.<br />
62. Ebenda, S. 259.<br />
63. Reiner Tosstorff, Spanischer Bürgerkrieg, Stalinismus und POUM, in: Utopie kreativ, Nr. 69/70, Juli/August 1996, S. 90.<br />
64. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 439.<br />
65. Im Fall China erzwang die von Stalin, damals auch Bucharin dirigierte Komintern die Ein- und Unterordnung der KPCh unter die Guomindang und Nibelungentreue der Kommunisten dieser Partei und General Tschiang Kaischek gegenüber, und das trotz zahlreicher Vorwarnungen vor ihm so lange, bis er im April 1937 die Arbeiterbewegung Shanghais vernichtete. Danach passte sich die KPCh der sogenannten linken Guomindang um Wang Jingwei, später Japans Quisling in China, an, bis auch diese mit ihr brach. Schliesslich zettelten Emissäre der Komintern im Dezember 1927 einen Aufstand in aussichtsloser Situation in Kanton an, dessen Folge umittelbar eine verheerende Niederlage, perspektivisch die Lähmung des proletarischen Flügels der KP Chinas war.</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.rebellion.ch/" target="_blank">http://www.rebellion.ch/</a></em></p>
<p>zurück <a href="http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlecht" target="_self">Teil 1</a><em><br />
</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8230;(Teil 1)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-1</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-1#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 11:21:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[POUM]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=300</guid>
		<description><![CDATA[60 Jahre post factum sind Vorgänge des Spanischen Bürgerkrieges, besonders die Kämpfe zwischen Faschismusgegnern unterschiedlicher Richtungen Anfang Mai 1937 in Barcelona, auf der Linken hart umstritten. Bei Vorgeplänkeln seit 1992 im 'Neuen Deutschland' und während gesellschaftswissenschaftlicher Tagungen standen einander einerseits Kurt Hager und der ehemalige Offizier der spanischen Republikanischen Volksarmee Fritz Teppich, andererseits unter anderen der Anarchist Arthur Lehning, der sozialdemokratisch orientierte Historiker Wolfgang Wippermann, der Geschichtswissenschaftler und Mitherausgeber von Trotzki-Schriften Reiner Tosstorff und ich gegenüber.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-300"></span><strong>60 Jahre nach dem Barrikadenkampf in Barcelona</strong></p>
<p><em>von Manfred Behrend, 1997</em></p>
<p>60 Jahre post factum sind Vorgänge des Spanischen Bürgerkrieges, besonders die Kämpfe zwischen Faschismusgegnern unterschiedlicher Richtungen Anfang Mai 1937 in Barcelona, auf der Linken hart umstritten. Bei Vorgeplänkeln seit 1992 im &#8216;Neuen Deutschland&#8217; und während gesellschaftswissenschaftlicher Tagungen standen einander einerseits Kurt Hager und der ehemalige Offizier der spanischen Republikanischen Volksarmee Fritz Teppich, andererseits unter anderen der Anarchist Arthur Lehning, der sozialdemokratisch orientierte Historiker Wolfgang Wippermann, der Geschichtswissenschaftler und Mitherausgeber von Trotzki-Schriften Reiner Tosstorff und ich gegenüber. Der Streit eskalierte aus Anlaß einer Spanienkonferenz, die Bundesvorstand und Landesvorstand Berlin der PDS zum 24. November 1996 ins Karl-Liebknecht-Haus einberiefen.</p>
<p>Die AG Republikanische Spanienkämpfer in der IV VDN blieb der Konferenz demonstrativ fern, weil sie erstens nicht in die Vorbereitungen einbezogen war, weil zweitens zu Veranstaltungsbeginn der Film &#8216;Land and Freedom&#8217; von Ken Loach gezeigt wurde, in dem die Problematik von 1937 die Hauptrolle spielt und den sie als &#8216;kraß tatsachenverfälschend&#8217; abqualifizierte, und weil ihr drittens vor allem Tosstorffs Referat über &#8216;Anarchisten und POUM? versus moskautreue Antifaschisten&#8217; nicht behagte. Zudem behauptete sie, den Inszenatoren gehe es &#8216;gar nicht um den Spanienkrieg, vielmehr darum, die PDS im Hinblick auf deren Bundeskongreß Anfang 1997 auf bestimmte Gleise zu schieben&#8217;.(1)</p>
<p>Da das der inneren Logik nach &#8216;auf revolutionäre Gleise schieben&#8217; bedeutet hätte, vertiefte sie die These klugerweise nicht. Die Spanienkonferenz selbst war z.T. durch heftige Debatten zwischen Anhängern stalinistischer Geschichtsauffassungen und denen einer an Tatsachen orientierten Sicht gekennzeichnet. Sprachlich nicht astrein, aber lautstark wetterte einer der Erstgenannten: &#8216;Der Trotzkismus wird vor den Wagen der PDS gespannt &#8211; und die merkt&#8217;s nicht mal!&#8217;(2)</p>
<p><strong>Wahrheit und Legenden über die Maitage 1937</strong></p>
<p>Die stalinistische Version ist ebenso alt wie die Vorgänge in Barcelona selbst. Das verleiht ihr den Schein einer feststehenden Tatsache, die zu beweisen nicht mehr nötig wäre. Die Legende wurde noch während der Kämpfe, teilweise sogar schon vorher ersonnen und vornehmlich von der Kominternpresse, aber auch durch fellow travellers in die Welt posaunt. Inzwischen findet sie sich in Publikationen zahlreicher Autoren, die häufig zwar in Spanien, nicht aber am Ort der Geschehnisse gewesen sind. Hierzu gehören auf deutscher Seite neben Teppich und Hager Karl Mewis, die Interbrigadisten Heinz Hoffmann, Ludwig Renn und leider auch Heinz Priess. Letzterer hätte den sonst in seinem Erinnerungswerk unternommenen Versuch, damals Geglaubtes kritisch zu überprüfen, konsequent weiterführen müssen.(3) Als Paradiesvogel mangelnder Wahrheitsliebe brillierte Alfred Neumann, wie Hager vormals Politbüromitglied der SED. Er verkündete: &#8220;Trotzkis Leute haben 1937 in Spanien von den Dächern auf die Maidemonstration geschossen.&#8221;(4) Das aber konnten sie nicht. Wegen generellen Verbots gab es am 1. 5. 1937 keine Demonstration.</p>
<p>Die gängige Lesart stalinistischer Barcelona-Legenden bietet Teppich dar. In seinem Buch &#8216;Spaniens Himmel&#8217; schreibt er: &#8220;Während an den Fronten vor Madrid und Euzkadi im Frühjahr 1937 schwere Kämpfe tobten und die Aragon-Front im großen und ganzen abwartend verharrte&#8230;, wurde von Barcelona aus ein unverzeihlicher Anschlag auf das republikanische Hinterland ausgelöst&#8230; Die Putschbefürworter hatten vorsorglich ihre Parteigebäude befestigt und große Mengen Waffen der Front entzogen&#8230; Am 3. Mai eröffneten sie in Barcelona das Feuer. Durch die Stadt rast das Gerücht, den Faschisten solle von einer 5. Kolonne die Front geöffnet werden&#8221;. Der konservative britische Historiker Hugh Thomas berichtet in seinem Buch &#8216;Der spanische Bürgerkrieg&#8217; auf S. 331: &#8220;Der deutsche Botschafter Faupel berichtete aus Salamanca nach Berlin, Franco habe ihm am 7. Mai gesagt, daß in Barcelona dreizehn nationalspanische Agenten tätig seien.&#8221;&#8230; Am 4. Mai griffen die POUM sowie ihre Anhänger in (den anarchistischen Organisationen) FAI? und CNT Regierungs-, Partei- und Polizeigebäude der Republik an. Die Versorgung der Front war unterbrochen, die Rüstungsproduktion stand still. Die Soldaten an den Fronten waren empört. Von Valencia riefen die anarchistischen Minister Garcia Oliver? und Federica Montseny? über Radio zur Einstellung der Attacken auf. Dagegen forderte das POUM-Organ &#8216;La Batalla&#8217;: Revolution! Die Aufständischen versuchten, anarchistische Milizgruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen. Die Regierung entsandte Kriegsschiffe und Polizei. Am 8. Mai gibt die CNT-Führung die Parole aus: &#8216;Weg mit den Barrikaden!&#8217; Der Anschlag auf die um ihre Existenz kämpfende Republik hat Hunderte von Todesopfern und Tausende von Verletzten gefordert. Der moralische Schaden wird nie überwunden.&#8221;(5)</p>
<p>Zu Teppichs phantasievoller Schilderung nur dies: Die Kämpfe in Barcelona wurden nicht von Anarchisten und POUMisten ausgelöst, sondern durch ein Kommando der Sturmgarde, einer speziellen Polizeitruppe, unter Führung des zur KP-nahen katalanischen PSUC gehörenden Kommissars für Öffentliche Ordnung, Eusebio Rodriguez Salas. Ohne Vorwarnung versuchte es am Nachmittag des 3. 5.1937, die Telefonzentrale der Stadt zu besetzen, die sich seit Niederschlagung der Faschistenrebellion ein Jahr zuvor unter Arbeiterkontrolle befand und von CNT-Milizionären bewacht wurde. Das Kommando stieß auf Widerstand und mußte nach einem Schußwechsel abziehen.</p>
<p>Barcelonas zumeist anarchistisch organisierte Arbeiter waren seit Wochen von der Provinzial- und Regionalregierung sowie der PSUC provoziert worden. Den Angriff auf die Telefónica faßten sie &#8211; wie sich zeigen sollte zu Recht &#8211; als Auftakt zur Liquidierung aller revolutionären Errungenschaften des Jahres 1936 in Katalonien auf. Sie strömten in die Innenstadt, errichteten Barrikaden und setzten sich zur Wehr. Wenn also von Putsch und &#8216;Anschlag auf das Hinterland&#8217; die Rede ist: Es standen weder POUM noch Anarchisten dahinter. Deren Parteigebäude waren vorher keineswegs besonders befestigt worden. Sie starrten auch nicht von Waffen. Vielmehr gab es, wie der Augenzeuge und Mitkämpfer George Orwell berichtet, von Letzteren nur wenige.(6)</p>
<p>Das wiederum war nicht verwunderlich. Die einzige Front, von der sich für Barcelona etwas hätte beschaffen lassen, war die in Aragon. Die aber litt chronisch an unzulänglichen und veralteten, bisweilen für die Kämpfer selbst lebensgefährlichen Waffen. Neue Waffen für das republikanische Spanien kamen vor allem aus der Sowjetunion. Sie wurden zwar an parteikommunistische Einheiten, die Volksarmee und die Polizei vergeben, nicht aber an CNT und POUM. Die zuerst von Salas&#8217; Sturmgardisten Attackierten und ihre Genossen verteidigten sich, griffen aber in der Regel nicht an. Dennoch hatten sie zeitweise das Übergewicht. Dies lag sowohl an ihrer Zahl als daran, daß Teile der Zivilgarde kampflos die Waffen streckten. Volksarmee und Interbrigadisten blieben neutral. Auf der Gegenseite standen nur Sturmgardisten, Leute von der PSUC und dem bürgerlichen Estat Catala. Hätten Anarchisten und POUM den Angriff gewagt, wären sie Herren der Stadt geworden. Die Versorgung der Front und die Rüstungsproduktion wurden nicht eingestellt, ebenso wenig übrigens der Telefonverkehr in und via Barcelona. &#8216;La Batalla&#8217; forderte zwar im allgemeinen, keineswegs aber im besonderen &#8216;die Revolution&#8217;. Die Parole, die Regierungen in Barcelona und Valencia zu stürzen, gab die Zeitung nicht aus. Auch versuchten &#8216;die Aufständischen&#8217; keine &#8216;Miliztruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen&#8217;. Als rund 500 Soldaten aus POUM und CNT von sich aus ihren Kameraden in Barcelona zu Hilfe kommen wollten, wurden sie durch Vertreter ihrer eigenen Parteien und der Regionalregierung hiervon abgebracht.(7)</p>
<p>Spaniens Zentralregierung in Valencia hingegen schreckte nicht davor zurück, 5000 glänzend bewaffnete Sturmgardisten von der Jarama-Front abzuziehen und nach Barcelona zu schicken.(8) Auf dem Weg dorthin räumte die Truppe verschiedentlich mit politischen Gegnern auf. Gleichzeitig taten sich im Schutze der Nacht in Barcelona selbst &#8216;Republikverteidiger&#8217; durch Morde, so an dem legendären italienischen Anarchisten Camillo Berneris? und dem Sekretär der spanischen Libertären Jugend, Alfredo Martinez?, hervor.(9) Das Unterfangen, den angeblichen Hinterlandputsch in Barcelona mit Franco und dessen Agenten in Verbindung zu bringen, ist angesichts der entschieden antifaschistischen Haltung von Anarchisten und POUM verwegen und abgeschmackt. Teppich versucht sich bei anderer Gelegenheit davon zu distanzieren, schafft das aber nur zum Teil.(10) Zu gut paßt die Legende in das allgemeine Lügengewebe der Komintern und und des sowjetischen Geheimdienstes von den POUM-&#8221;Trotzkisten&#8221; als Helfern der Faschisten, das zeitgleich mit den Moskauer Schauprozessen fabriziert wurde und nach wie vor Bestandteil prostalinistischer Spanien-Argumentation ist. Weiter unten wird von ihm ausführlicher die Rede sein.</p>
<p>Die Parole, alle bewaffneten Aktionen einzustellen und die Barrikaden zu räumen, gab die Führung der Anarchisten nicht am 8., sondern schon am 4. und 5.5.1937 aus. Sie stellte sich damit gegen die eigene Basis, die tagelang weiter auf den Barrikaden blieb. Nicht ohne Erfolg war die anarchistische Führung zugleich bemüht, der von draußen anrückenden Sturmgarde keine Hindernisse in den Weg zu legen. Als diese am Nachmittag des 7.5. in Barcelona eintraf, hatten die Arbeiter resigniert und ihre Barrikaden eingerissen. Die Telefónica war von den Anarchisten geräumt, kurz danach entgegen den Waffenstillstandsvereinbarungen beider Seiten von der Polizei besetzt worden.</p>
<p>Der kurze Zeit möglich gewesene Sieg der Revolutionäre gedieh zur vollendeten Niederlage. So mühselig die Auseinandersetzung mit der stalinistischen Barcelona-Legende ist, so notwendig ist sie noch immer. Nicht um eingefleischte Dogmatiker zu überzeugen &#8211; die bleiben allen Fakten und Enthüllungen zum Trotz bei den alten Statements und verzichten auf jedwedes Abwägen und Nachdenken. Doch ist es wichtig, Sozialisten und potentielle Sozialisten für einen Kampf zu wappnen, der vornehmlich in Überzeugungsarbeit bestehen wird. Er erfordert Geschichts-kenntnisse, auch solche über stalinistische Kniffe und Winkelzüge zum Schaden antifaschistischen Kampfes und der Revolution.</p>
<p><strong>Spanien und die Volksfront</strong></p>
<p>Die Maitage 1937 in Barcelona waren keine bloße Episode. Seit Beginn der zweiten spanischen Republik 1931 wurde der Staat von bürgerlich geführten Kabinetten regiert, Vertretungen einer Klasse, die wie in anderen Ländern historisch zu spät gekommen war und um so ängstlicher auf die nachdrängenden Klassen reagierte, stets bereit, sich mit der feudalen Reaktion zu verbünden. Den liberalen oder konservativen Regierungen gemeinsam war, daß sie Kernprobleme der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung vor sich herschoben oder nur zum geringsten Teil anpackten. Insbesondere handelte es sich dabei um das horrende reaktionäre Übergewicht der katholischen Kirche, der Grundherren und der Armee; um die Landarmut von Millionen Tagelöhnern und Bauern, die periodisch zu Hungersnöten führte; um die Rückständigkeit von Industrie und Verkehrswesen; um Spaniens Nationalitätenfragen und seine Kolonialherrschaft im Norden Marokkos.</p>
<p>Zwischen den Regierungsparteien und großen Teilen des Volkes herrschten Spannungen, die sich immer wieder in Aufruhr und Streiks, 1934 im Aufstand der Bergarbeiter Asturiens entluden, der durch General Francisco Franco brutal unterdrückt wurde. Am Ende erschien Spanien immer weniger regierbar. Vom rechten Rand drohte der Faschismus, der anders als in Italien und Deutschland hier nur per Militärputsch die Macht erlangen konnte. Links bahnte sich Mitte der 30er Jahre eine Volksfrontlösung an. Die Volksfront, aus Faschismusgegnern unterschiedlicher Klassen, Schichten und Parteien zusammengesetzt, hatte sich zuerst im Nachbarlande Frankreich herausgebildet; ihre Organisierung nahmen dort die Führer der Bürgerlich-Radikalen, Sozialisten und Kommunisten in die Hand.(11) Nach hartem Gerangel hinter den Kulissen erklärte 1935 die Kommunistische Internationale beim VII. und letzten Weltkongreß in Moskau die Volksfront zum erstrebenswerten Ziel. Sie kam damit dem Wunsch der sowjetischen Führung und Stalins nach, Bedingungen für ein Zusammengehen der UdSSR mit parlamentarisch regierten kapitalistischen Ländern, besonders England und Frankreich, gegen die von faschistisch regierten drohende Kriegsgefahr schaffen zu helfen.</p>
<p>Vorwiegend indirekt und keineswegs konsequent kritisierte die Komintern während des Kurswechsels ihre ultralinke Politik in der vorangegangenen Phase seit 1928, die in Deutschland Hitlers Machtantritt begünstigt hatte, also die Mißachtung der bürgerlichen Demokratie und ihre Gleichsetzung mit Diktatur, den Kampf vornehmlich gegen die zu &#8220;Sozialfaschisten&#8221; erklärten Sozialdemokraten und die systematische Unterschätzung des tatsächlichen Faschismus. Die Kominternsektionen, darunter die kleine spanische PCE, übernahmen nach der alten die neue Linie und verlautbarten gegebenenfalls, so wieder die spanische Partei, ihre Bereitschaft zur Volksfront. Interessant ist nun der Charakter des Programms, das die PCE im Zusammenhang damit im Sommer 1935 vorschlug.</p>
<p>Es enthielt nicht nur Forderungen wie Ablösung der damaligen konservativen Regierung und Neuwahlen, Amnestie der politischen Gefangenen, Wiederherstelllung demokratischer Verhältnisse, Steuersenkungen für Arbeiter, Bauern und Angehörige der städtischen Mittelschichten, Einführung von Arbeitslosenunterstützung, Säuberung der Armee von Gegnern der Republik und Verbot faschistischer Organisationen. Vielmehr waren neben solchen nach Selbstbestimmungsrechten für Katalonien, Euzkadi (Baskenland) und Galicien sowie Entlassung Spanisch-Marokkos aus der Kolonialherrschaft auch die revolutionär-demokratischen Postulate: Enteignung des Großgrundbesitzes und kostenlose Übergabe des Bodens an Landarbeiter und Bauern darin enthalten.(12)</p>
<p>An der Stimmung weiter Bevölkerungskreise gemessen waren sie real. Sie wurden in ähnlicher Form auch von der starken Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) erhoben. Gleich dieser gab aber die PCE, als am 15.1.1936 ein Volksfrontabkommen mit den drei liberalen Parteien geschlossen wurde, ihre wichtigsten Forderungen, revolutionäre wie reformerische, preis. Das Kommuniqué hierüber weist aus, daß die Liberalen-Linksrepublikanische Partei, Republikanische Union und Kataloniens Esquerra &#8211; als bestimmende Kraft auftraten. &#8216;Die Republikaner&#8217;, hieß es beispielsweise, &#8220;akzeptieren nicht das Prinzip der Nationalisierung des Bodens und seine kostenlose Verteilung an die Bauern.&#8221; Stattdessen sei die Sicherheit des Grundbesitzes zu garantieren, solle (analog zu 1931) nur staatlicher Kauf von Boden und dessen Verpachtung an Landarme gestattet sein. Selbstverständlich waren die liberalen Republikaner für wirtschaftliche Expansion. Sie verwarfen aber &#8220;die Maßnahmen zur Nationalisierung der Banken, ie von den Arbeiterparteien vorgeschlagen werden&#8221;, desgleichen &#8220;die Beihilfe zur Arbeitslosigkeit (Arbeitslosenunterstützung)&#8221; und &#8220;die von der sozialistischen Delegation eingebrachte Arbeiterkontrolle&#8221;. Auch duldeten sie weder programmatisch festgelegte Maßnahmen zur Demokratisierung der Armee, noch solche zur Dekolonialisierung Spanisch-Marokkos. Die zugunsten der Nationalitäten in Spanien getroffenen Maßnahmen beschränkten sich auf Wiederherstellung der katalanischen Halbautonomie und einer stärker zentralistischen Regelung für Euzkadi.(13) Alles in allem bedeutete das den programmatischen Verzicht auf eine demokratische Revolution. Auch an manchen ursprünglich liberalen Prinzipien gemessen waren die Vereinbarungen ein Rückschlag. Es gab noch einen weiteren wichtigen Punkt, bei welchem Kommunisten und Sozialisten klein beigaben. Sie fanden sich im Hinblick auf die bevorstehenden Cortes-Wahlen mit einer gemeinsamen Kandidatenliste ab, die den Liberalen wesentlich mehr Mandate als den Arbeiterparteien zusicherte.</p>
<p>Nach dem Wahlerfolg vom 16.2.1936 zogen Erstgenannte mit 162 Abgeordneten, die Sozialisten nur mit 99 und die Parteikommunisten lediglich mit 17 ins Zentralparlament ein. Die Anarchisten waren aus grundsätzlicher Abneigung gegen den Staat nicht angetreten, hatten aber vielfach für die Volksfront gestimmt. Die POUM war mangels Masse nicht in den Cortes vertreten. Insgesamt standen einander in diesem Parlament 278 Angehörige der Volksfront, 55 der Mittelparteien, von denen die zehn baskischen Nationalisten später zur Volksfront stießen, und 134 Angehörige des Rechtsblocks gegenüber. Das Regierungsruder lag in liberaler Hand.</p>
<p>Bis zum faschistischen Putsch vom 17. und 18.7.1936 in Spanisch-Marokko resp. Spanien war die Entwicklung auch dadurch charakterisiert, daß das Volk die politischen Gefangenen befreite, die Arbeiter mittels Streiks ihre Lage zu verbessern suchten, Bauern und Tagelöhner durch spontane Landnahme die Agrarreform vorantreiben wollten und 160 Kirchen in Flammen aufgingen. Die Regierung hatte die Gefangenenbefreiung nicht verhindern können, sperrte aber, um Eigentum und Privilegien der Herrschenden zu schützen, zahlreiche Linke und Anarchisten in Gefängnisse. Die Organisationstätigkeit der Linksparteien wurde vielerorts verboten. Gegen Landbesetzer richteten sich Polizeiattacken, die wiederholt zu einem Blutbad führten. Analog zum chilenischen Allende-Kabinett wertete die spanische Regierung die Militärs zu &#8220;treue(n) Diener(n) der verfassungsmäßigen Macht und Bürgen des Gehorsams gegenüber dem Volkswillen&#8221; auf.(14) Sie bestritt jedwede Putschabsicht der Armee und tilgte durch den Zensor alle dem entgegengesetzten Hinweise aus der Presse. Bis zwei Tage nach Beginn des Putsches weigerte sie sich entschieden, Arbeiter zu bewaffnen, damit sie die Republik retten könnten, und suchte sich stattdessen mit den Putschisten zu arrangieren. Spaniens Sozialisten halfen die Arbeiterbewaffnung durchsetzen. Daß sie vordem trotz deutlichen Linksrucks in den eigenen Reihen alles an Regierungspolitik geduldet oder mit exekutiert hatten, hing mit der generellen Rolle der Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert zusammen, Stütze bürgerlich-parlamentarischer Herrschaft zu sein. Doch machte diesmal auch die PCE diese Politik mit. Sie war als Kominternsektion gehalten, revolutionäre Ausbrüche im eigenen Land verhindern zu helfen bzw. ihnen entgegenzuwirken, damit Frankreich und Großbritannien nicht von einem Bündnis mit der UdSSR abgeschreckt wurden.</p>
<p>Bekanntermaßen ist damals dies Bündnis dennoch nicht zustande gekommen. Die Westmächte reagierten auf den spanischen Bürgerkrieg mit einer Franco, Hitler und Mussolini fördernden, der Demokratie in Spanien schadenden Politik sogenannter Nichteinmischung. Daher stellt sich die Frage, ob eine revolutionäre Entwicklung in Spanien nicht trotz damit verbundener Risiken für das Land und Europa besser gewesen wäre. Jedenfalls hätte es den Elan des Volkes im Kampf gegen die Putschgenerale und deren Helfer enorm erhöht, wenn dieses Volk Spaniens Geschicke bestimmt, wenn es Staat und Wirtschaft übergenommen hätte. Bei Fortfall des Kolonialstatus in Spanisch-Marokko wäre andererseits die Masse der Mauren schwerlich Franco dienstbar gewesen. Die einzig denkbare Reaktion von Marx, Engels, Lenin, Luxemburg und Trotzki? auf eine Entwicklung nach Art der spanischen &#8211; das klare Ja zum Revolutionsversuch -, läßt sich ihren Werken entnehmen, Texten zur Revolution von 1848, zur Pariser Commune, zu den russischen Revolutionen seit 1905 und zur deutschen von 1918. Trotzki hat zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges noch gelebt und sich ausführlich geäußert.(15) Den Ausgang einer Revolution in Spanien hätte kein Marxist voraussagen können, ebenso wenig wie den jeder anderen Revolution. Doch hätte das Ergebnis unmöglich schlechter ausfallen können als das, das mit der tatsächlich verfolgten konterrevolutionären Politik erreicht wurde.</p>
<p>Um glaubhaft zu machen, daß die Revolution in Spanien unmöglich resp. ein gefährliches Abenteuer gewesen wäre, hat Fritz Teppich auf die Cortes-Wahlen vom Februar 1936 verwiesen, die ein Stimmenverhältnis von rund 4,8 Millionen für die Volksfront, 3,99 Millionen für die &#8216;Nationale Front&#8217; der Rechtsparteien und 0,45 Millionen für die kleinbürgerlichen Parteien der Mitte ergaben. Ebenso verwies er auf die Tatsache, daß innerhalb der Volksfront Liberale und Basken in der Mehrheit waren. Eine &#8220;pseudorevolutionäre Machtergreifung&#8221;, so sein Schluß, &#8220;hätte rasch in den Abgrund geführt&#8221;.(16) Zu diesem Argument muß gesagt werden: Von Ausnahmefällen wie dem Rosa Luxemburgs abgesehen, haben sich bekannte kommunistische Führer im 20. Jahrhundert kaum einmal durch ungünstige Mehrheitsverhältnisse von Machtergreifung und Machterhaltung abschrecken lassen. Manche fälschten lieber die Wahlergebnisse, um Volkszustimmung zu ihrem Tun und Lassen vorzutäuschen. Diese Denk- und Verfahrensweise war nicht nur unmoralisch, sondern auch dumm. Doch muß der Historiker stets von dem ausgehen, das passierte, nicht dem, das hätte geschehen sollen.</p>
<p>Das Ansehen der bürgerlichen Regenten Spaniens schwand nach der Februarwahl und besonders dem faschistischen Putsch, der mit als Folge ihrer Politik ausgelöst wurde, rasch dahin. Das Gros der Bourgeois und Adligen flüchtete ins Ausland oder in das von Franco besetzte Gebiet. Im republikanischen Spanien verblieb nur ein Teil ihrer politischen Vertreter, der sich nicht mehr direkt auf die von ihm repräsentierten Klassen stützen konnte und daher in höherem Maße angreifbar war. Als die Massen nach dem Franco-Putsch im Sommer 1936 Spanien, vor allem aber Katalonien und Aragon revolutionär umzugestalten begannen, scherten sie sich um Weisungen der Zentral- oder Regionalregierung den Teufel, konnten andererseits die Regierungen sie nicht an ihrem Tun hindern. Wäre damals neu gewählt worden, hätten offenbar die Linken gesiegt.</p>
<p><strong>Revolutionäre Ansätze und Kampf zu ihrer Liquidation</strong></p>
<p>Trotz faktischer Unterstützung durch mehrere liberale Volksfront-Regenten scheiterte im Juli 1937 der Versuch faschistischer Putschgenerale, Spanien in wenigen Tagen zu erobern. Zwar konnten sie sich im Nord- und Südwesten, angelehnt an ihren Verbündeten Portugal, festsetzen und von dort mit italienisch-deutscher Hilfe ab September ins Landesinnere vordringen. Doch gelang es am 19.7. nahezu unbewaffneten Arbeitern, die Putschisten in Madrid, Barcelona, Valencia, Malaga und anderen Städten zu schlagen. Kurz danach gewannen anarchistische Milizen Aragon, eine ganze Provinz. Gleich der POUM half eine Eliteeinheit ihrer Truppen unter Durruti im November, die Hauptstadt gegen Faschisten zu verteidigen. Die Hauptarbeit leisteten hier allerdings kommunistisch geführte Einheiten und Interbrigadisten.</p>
<p>Die im Kampf errungenen Erfolge stärkten das Selbstbewußtsein vieler Arbeiter und Bauern Spaniens. Sie schlossen sich nicht nur in von ihren Parteien und Gewerkschaften geschaffenen Milizen zusammen, sondern bildeten auch Arbeiterpatrouillen anstelle der städtischen Polizei und Wachen zur Verteidigung der Dörfer. Gleichzeitig griffen sie ins Wirtschaftsleben und in die Produktion ein. Nachdem die Inhaber geflohen waren, übernahmen Arbeiter viele Fabriken. Andere unterstellten sie ihrer Kontrolle. Eine Reihe von Betrieben, so Hispano-Suiza, fertigte fortan dringend benötigte Rüstungsgüter. Von der anarchistische CNT-, z. T. auch von der sozialistischen UGT-Gewerkschaft und diesen zugehörigen Milizionären angeregt, schlossen sich besonders in Katalonien und Aragon Bauern und Landarbeiter in Agrarkollektiven zusammen. Das geschah großenteils freiwillig, in Einzelfällen auch unter Druck. Generell erwies sich kollektive Arbeit produktiver als die individuelle, weshalb damals die Versorgung der Städte und der Front sichergestellt werden konnte. Einige besonders gut geleitete Kollektivwirtschaften reüssierten derart, daß sie Krankenhäuser, Schulen und Heime einrichten konnten. Werktätige kontrollierten das Verkehrswesen, die Lebensmittelversorgung, zahlreiche Restaurants, die Theater und Kinos.</p>
<p>Mit den Ansätzen zur demokratischen Revolution einher ging die Veränderung der Lebensweise. Das äußerte sich u. a. darin, daß monatelang keine modisch gekleideten MüssiggängerInnen in den Straßen und Parks flanierten, Trinkgelder nicht gezahlt und angenommen wurden und der für Spanien typische Machotyp &#8211; z. T. auch an der Front &#8211; durch selbstsichere junge Frauen mit Gewehren über der Schulter in die Ecke gedrängt wurde. Nichts zu lachen hatten die verhaßten Kirchen. Genau wie mancher Adlige und Bourgeois bebten begüterte Dorf-Kaziquen ob des neuen, gottlosen Treibens vor Wut. Auf betrieblicher und örtlicher Ebene bestimmten in großen Teilen Spaniens Fabrikkomitees, Milizeinheiten und Bauernräte. Die Zentralregierung hatte große Schwierigkeiten, sich durchzusetzen.</p>
<p>In Katalonien, das wie Aragon am wenigsten unter Volksfronteinfluß stand &#8211; vielmehr gaben Anarchisten und POUM den Ton an &#8211; hatte die Generalitat genannte Regionalregierung unter Luis Companys erst recht nichts zu sagen. Hier vertrat seit 21.7.1936 das von Arbeiterparteien und Gewerkschaften organisierte Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen seinen Part an der Doppelherrschaft, damit zeitweilig wirkliche Macht. Die Arbeiterkomitees wurden indes auch hier nicht zentral zusammengefaßt, die liberale Regionalregierung im Amt belassen. Außer Angehörigen der bisher herrschenden Klassen, deren Schwestern und Brüdern im kapitalistischen Ausland waren Teile der sozialistischen Partei und die Stalinistenführer über die Vorgänge in Spanien verdrossen. Letztere sahen in der Revolution, die sich anbahnte, eine Gefahr für die UdSSR. Revolutionäre Vorgänge konnten Großbritannien und Frankreich, die als Bündnispartner gewonnen werden sollten, irritieren, eine erfolgreiche Revolution in einem Land, das dem Rußland von 1917 in vielem ähnlich sah, Auswirkungen auf die Haltung der durch Stalins Politbürokratie geknechteten Arbeiter und Bauern in der Sowjetunion haben. Hier mußte gegengehalten werden.</p>
<p>Dabei kam den Stalinisten zweierlei zupaß: Erstens die Tatsache, daß &#8211; wie gesagt &#8211; im Kampf gegen revolutionäre Ansätze Interessengleichheit mit Spaniens herrschenden Klassen, dem Gros der Sozialdemokraten, zudem noch mit diversen anarchistischen Führern bestand. Strikt dagegen waren nur ein Teil des anarchistischen Lagers, besonders der Jugendverband und die &#8216;Freunde Durrutis&#8217;, Gruppen linker Sozialisten, die POUM und eine winzige trotzkistische Gruppierung. Wer gegen die &#8220;Unruhestifter&#8221; vorging, war der Mehrheit genehm und wurde dafür honoriert. Zweitens wirkte sich zugunsten der Stalinisten aus, daß sie beinahe das Monopol für Waffenlieferungen an die Spanische Republik hatten, denn sonst half nur noch Mexiko. In den ersten Bürgerkriegsmonaten hatte auch die UdSSR sich am Lieferembargo beteiligt, das die Westmächte im Zeichen ihrer Nichteinmischungspolitik gegen Spanien verhängten. Da aber Deutschland, Italien und Portugal weiter Franco versorgten, kündigte Moskau im Oktober 1936 die Teilnahme am Embargo. Waffenlieferungen an das republikanische Spanien boten verschiedene Vorteile. Einmal den, daß die Sowjetunion sich mit dem über 500 Tonnen schweren spanischen Goldschatz, den viertgrößten der Welt, bezahlt machen konnte und zudem noch einen Schuldschein über 110 Mill. Dollar kassierte.(17) Gleichzeitig waren die sowjetischen Waffen ein probates Mittel, Spaniens Politik zu beeinflussen.</p>
<p>Die Verteilung dieser Waffen lag in parteikommunistischer Hand. Sie erfolgte nur an Moskau genehme Truppen. Anarchisten und POUM gingen leer aus. Wegen fehlender oder hoffnungslos veralteter Waffen konnten sie nach 1936 in ihrem Frontbereich nicht mehr offensiv werden, wurden dafür aber in der kommunistischen Presse und der der Interbrigaden mangelnder Kampfbereitschaft und Solidarität geziehen. Zugleich sind die Waffenlieferungen wiederholt als Mittel genutzt worden, spanische Entscheidungen zu verhindern, die der Sowjetunion nicht zusagten, und ihr genehme zu erzwingen. UdSSR und PCE taten frühzeitig kund, daß sie gegen eine revolutionäre Entwicklung in Spanien waren. Nachdem Anfang September 1936 unter dem Gewerkschaftsführer Largo Caballero (PSOE) eine Regierung mit sozialistischer und kommunistischer Beteiligung gebildet worden war &#8211; später kamen noch zwei anarchistische Minister hinzu -, schrieben Stalin, Molotow und Woroschilow am 21. 12. einen vertraulichen Brief an den spanischen Ministerpräsidenten. Sie empfahlen ihm, die Klein- und Mittelbourgeoisie für sich einzunehmen, „indem er sie gegen Konfiszierungen schützt“. Caballero solle gleichzeitig die Eigentumsrechte und legitimen Interessen jener Ausländer respektieren, die (wie Engländer und Franzosen) die Franco-Rebellen nicht unmittelbar unterstützten. Den spanischen Liberalen möge er die Beibehaltung ihres Vertrauensmannes Manuel Azana als Staatspräsident, allgemein die Aufrechterhaltung des parlamentarischen Systems versprechen.(18) Zuvor bereits versicherte der spätere Erziehungsminister Jesús Hernández, Herausgeber des PCE-Organs „El Mundo Obrero“, in der Ausgabe vom 6. 8. 1936: „Es ist völlig falsch, daß die gegenwärtige Arbeiterbewegung&#8230; zum Ziel hat, eine proletarische Diktatur zu errichten. Man kann nicht sagen, wir hätten für unsere Beteiligung am Krieg ein gesellschaftliches Motiv. Wir Kommunisten&#8230; sind ausschließlich von dem Wunsch beseelt, die demokratische Republik zu verteidigen.“ PCE-Generalsekretär José Diaz erklärte am 5.3.1937 vor dem Zentralkomitee: „Zu Beginn mögen die verschiedenen übereilten Versuche zur ‘Sozialisierung’ und ‘Kollektivierung’, die sich aus einem unklaren Verständnis des gegenwärtigen Kampfes ergaben, durch die Tatsache gerechtfertigt gewesen sein, daß die Großgrundbesitzer und Fabrikbesitzer ihre Güter und Betriebe im Stich gelassen hatten, und daß es unter allen Umständen notwendig war, die Produktion aufrechtzuerhalten. Jetzt können sie im Gegenteil durch nichts gerechtfertigt werden. Da gegenwärtig eine Volksfrontregierung besteht, in der alle gegen den Faschismus kämpfenden Kräfte vertreten sind, ist so etwas nicht nur nicht erwünscht, sondern absolut unstatthaft“(19)</p>
<p>Um den konterrevolutionären Kurs zu rechtfertigen, wurden Krieg und Revolution als Antinomien einander gegenübergestellt. Gebetsmühlenartig wird von stalinistischer Seite bis heute dargetan, erst habe der Krieg gewonnen werden müssen, bevor über soziale Inhalte gesprochen werden konnte. Mir scheinen damals jene im Recht gewesen zu sein, die dialektisch statt antinomisch dachten &#8211; so linke spanische Sozialisten, die am 22. 8. 1936 in der „Claridad“ konstatierten: „Der Krieg und die Revolution sind ein und dasselbe. Sie schließen sich nicht nur nicht aus oder behindern sich gegenseitig, sondern ergänzen und unterstützen sich. Der Krieg braucht zu seinem Triumph die Revolution im Hinterland, die den Sieg auf den Schlachtfeldern sicherer und begeisterter machen wird.“</p>
<p>Der Eintritt von CNT und POUM in die katalanische Generalitat im September, der Anarchisten in die Zentralregierung im November 1936 schwächte die revolutionären Kräfte, da einige ihrer Vertreter nun „in der Verantwortung“ waren. In Katalonien wurden per Dekret die lokalen revolutionären Komitees, dann auch die potentielle Arbeiterregierung &#8211; das Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen &#8211; aufgelöst. Die Befugnisse gingen an die Munizipalverwaltungen resp. die Minister für Verteidigung und Öffentliche Ordnung. Ein weiteres Dekret schränkte die Handlungsfreiheit kollektivierter Industriebetriebe ein und lieferte sie dem Druck der Banken aus. Am 12.12.1936 wurde im Schatten der sowjetischen Drohung, sonst keine Waffen für Spanien zu entladen, die bei weiteren Schritten nach rechts hinderliche POUM aus der Generalitat ausgebootet.(20) Danach lieferte Letztere die Lebensmittelversorgung an die PSUC aus, was durch deren Begünstigung bürgerlicher Geschäftemacher Preisanstieg nach sich zog. Gleichzeitig versuchte die Regionalregierung die Arbeiter zu entwaffnen und Arbeiterpatrouillen aufzulösen, wodurch sie Zusammenstöße zwischen diesen und der Polizei provozierte. Analog zur Generalitat, jedoch mit größerem Nachdruck schränkte die Regierung Caballero revolutionäre Errungenschaften ein. Das Recht der Bauern auf Boden sollte fortan nur für Ländereien gelten, die bekannten Faschisten gehörten. Die Rechte der Fabrikkomitees in Valencia und Madrid wurden eingeengt. Zudem ermächtigte sich die Regierung zu Betriebsinterventionen.</p>
<p>Ein wichtiger Differenzpunkt zwischen Anhängern der Zentralgewalt inklusive PCE und PSUC einerseits, Anarchisten und POUM andererseits war die von Erstgenannten betriebene Entmündigung der Milizen und deren Eingliederung in eine straff von oben dirigierte Volksarmee. Diese war mit Eigenschaften bürgerlicher Truppen ausgestattet. So gab es wieder Rangabzeichen, Drill, unterschiedlich hohen Sold statt gleicher Bezüge, nahezu uneingeschränkte Befehlsgewalt der Offiziere und Privilegien zu deren Gunsten. Zugleich wurde die Macht der Politkommissare eingeschränkt, ihre Zahl verringert. Begründet wurde all das u. a. damit, daß vor allem anarchistische Milizen viel zu undiszipliniert seien, um richtig Krieg führen zu können. Dies Argument der Disziplinlosigkeit, auf das besonders Ludwig Renn an vielen Stellen seines Spanien-Buches zu sprechen kommt,(21) hat im Einzelfall etwas für sich. Doch will bedacht sein, daß sich manch anarchistische Einheit ausgezeichnet geschlagen hat, es andererseits Desertionen, Feigheit vor dem Feind und Verrätereien auch bei der Volksarmee, ja selbst bei Interbrigadisten gab. Stalinanhänger operieren zugleich mit der mangelnden Offensivtätigkeit an der Aragon-Front. Sie verschweigen den Grund hierfür, das gegen diese Front der Anarchisten und POUMisten wirkende Waffenembargo, und kolportieren stets erneut die damals ersonnenen Geschichtslügen, wonach die Anarchisten nicht kämpfen konnten und die POUM es vorzog, mit Faschisten zwischen den Fronten Fußball zu spielen oder Kaffee zu trinken.(22)</p>
<p>Darüber, wie es an der Aragon- und Huesca-Front wirklich aussah, haben zwei Augenzeugen, George Orwell und Waldemar Bolze (KPDO), berichtet.(23) Erschütternd ihre Schilderungen über den beängstigenden Mangel an Pistolen, Gewehren, Maschinengewehren und Handgranaten, an Patronen, die nicht nach jedem fünften Schuß steckenbleiben, sowie an Brennholz und Kleidung. Orwell merkt gleichzeitig an, Journalisten, die das Milizsystem verhöhnten, hätten selten darüber nachgedacht, &#8220;daß die Milizen die Front halten mußten, während die Volksarmee in der Etappe ausgebildet wurde&#8221;.(24) Wiederholt ist von stalinistischer Seite behauptet worden, Anarchisten und POUM seien durchweg gegen eine zentralisierte Armee und damit gegen eine vernünftige Kriegführung gewesen. Das trifft nicht einmal für alle anarchistischen Führer zu, erst recht nicht für die POUM. Von Zeitungsartikeln gleichen Inhalts abgesehen, legte deren Militärkonferenz vom Januar 1937 in Lérida fest: Ein Erfolg der gegenwärtigen Kriegführung hängt von der umgehenden Schaffung eines einheitlichen zentralen Oberkommandos ab. Die selbständigen Parteimilizen müssen einer revolutionären Armee Platz machen. Im Zusammenhang damit sind Soldatenräte das demokratische Organ der Masse.(25) Different ist zwischen Bürgerlichen, Stalinisten und Revolutionären nicht der zentrale Charakter der angestrebten Armee, wohl aber ihr revolutionärer Charakter, dazu die Frage, ob diese Armee autoritär geführt werden oder es bei aller Anerkennung der Notwendigkeit von Disziplin Mitspracherechte der Soldaten geben soll. Durch solche Mitsprache kann z. B. sinnloses Hinsterben auf aussichtslosem Posten, das es beim Militär häufig vorkommt, vermieden werden. Zugleich würde Begeisterung für die eigene revolutionäre Sache eine dringend notwendige zusätzliche Waffe gegen den technisch und ausbildungsmäßig überlegenen Feind sein.</p>
<p>Die Konflikte zwischen Revolutionären und Ordnungshütern in der spanischen Republik spitzten sich um die Jahreswende 1936/37 zu. Nachdem die kleine POUM-Gruppe in Madrid samt ihrer Presse verboten und der bekannteste Führer der POUM, Andres Nin, aus der katalanischen Regierung entfernt war, meldete am 17.12.1936 die Moskauer &#8216;Prawda&#8217;: &#8220;Was Katalonien betrifft, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarcho- Syndikalisten begonnen; sie wird mit derselben Energie gehandhabt werden, mit der sie in der UdSSR betrieben wurde.&#8221; Damit spielte das Blatt auf jene berüchtigten Schauprozesse an, die im selben Jahr in Moskau begonnen hatten. Sie dienten dazu, Lenins engste Kampfgefährten zu liquidieren, waren aber gleichzeitig nur die Spitze eines ungeheuren und ungeheuerlichen Eisbergs.</p>
<p>Im März 1937 wurden in dem katalanischen Ort Sabadell alle in einer Flugzeugfabrik beschäftigten Ausländer verhaftet, darunter drei der KPDO zugehörige Deutsche. Anschließend übernahmen sowjetische Spezialisten die Leitung der Fabrik. Dadurch war gesichert, daß die Produktion, die gerade anlaufen sollte, in die &#8220;richtigen Hände&#8221; kam, also nicht der bislang ohne Luftunterstützung gebliebenen Aragon-Front dienen könnte, solange sie von Anarchisten und POUMisten gehalten wurde. Die Verhafteten wurden nach Valencia gebracht und dort von GPU-Agenten verhört &#8211; weniger über Fragen des Flugzeugbaus als darüber, welche Verbindungen zwischen KPDO und POUM bestünden. Gleichzeitig wurden die KPDOler als &#8220;Trotzkisten&#8221; tituliert und als &#8220;Gestapo-Agenten&#8221; verleumdet. &#8216;Ende März&#8217;, so die Schlußfolgerung eines der Betroffenen, &#8220;waren also bereits Prozesse in Vorbereitung, die die getreue Kopie ihrer Moskauer Vorbilder waren, um die POUM in Spanien und die KP(O) in Deutschland vor den Arbeitermassen zu diskreditieren&#8221;.(26)</p>
<p>Während Stalins NKWD sich schon damals in Madrid und Murcia Übergriffe leistete, entsandte der rechtssozialistische Finanzminister der spanischen Zentralregierung, Juan Negrín, bewaffnete Zollbeamte an die französische Grenze, damit sie den Anarchisten die Grenzkontrolle abnähmen. Sie provozierten bewaffnete Zusammenstöße mit mehreren Toten. Es folgten an verschiedenen Orten politische Morde und Strafexpeditionen der Polizei. Die Stimmung war so brisant, daß zum 1. Mai alle Versammlungen und Demonstrationen in Spanien untersagt wurden. Zwei Tage später löste der zur PSUC gehörende Kommissar für öffentliche Ordnung, Salas, die Barrikadenkämpfe in der katalanischen Hauptstadt aus.</p>
<p>weiter <a href="http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2" target="_self">Teil1</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-1/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Gaston Leval &#8211; Die Syndikalisierungen in Alcoy</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-syndikalisierungen-in-alcoy</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-syndikalisierungen-in-alcoy#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 21:04:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivierung]]></category>
		<category><![CDATA[Syndikalismus]]></category>
		<category><![CDATA[UGT]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=291</guid>
		<description><![CDATA[Was die Syndikalisierungen betrifft, scheint uns Alcoy der überzeugendste und lehrreichste Fall zu sein. Als zweitgrößte Stadt in der Provinz von Alicante hatte Alcoy 1936 45.000 Einwohner und war ein wichtigeres Handels- und Industriezentrum. Insgesamt 20.000 Personen waren in der Industrie als Lohnempfänger tätig, was einen sehr hohen Prozentsatz in einem Land darstellt, in dem die erwerbstätige Bevölkerung 33 bis 35% auf nationaler Ebene erreichte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-291"></span>Was die Syndikalisierungen betrifft, scheint uns Alcoy der überzeugendste und lehrreichste Fall zu sein. Als zweitgrößte Stadt in der Provinz von Alicante hatte Alcoy 1936 45.000 Einwohner und war ein wichtigeres Handels- und Industriezentrum. Insgesamt 20.000 Personen waren in der Industrie als Lohnempfänger tätig, was einen sehr hohen Prozentsatz in einem Land darstellt, in dem die erwerbstätige Bevölkerung 33 bis 35% auf nationaler Ebene erreichte. Die Textilproduktion, die nicht nur Stoffe, sondern auch Strickwaren und Wäsche erzeugte, war am meisten entwickelt und beschäftigte eine größere Anzahl von Frauen. Dann kam die Papierfabrikation.</p>
<p>Unsere Bewegung ging dort auf die Anfangszeit des Sozialismus, d.h. auf die Epoche der I. Internationale zurück. Sie erlebte wie überall Perioden der Ruhe und der oft sehr harten Unterdrückung. Ab 1919 verlieh ihr aber die Organisation der Industriegewerkschaften eine neue Kraft.</p>
<p>Es gab hier zahlreiche anarchistische Gruppen, die es im allgemeinen verstanden, zugleich auf gewerkschaftlichem Gebiet zu kämpfen und unter den Arbeitern &#8211; da sie selbst nur aus Arbeitern bestanden &#8211; ein Werk der sozialen Erziehung fortzusetzen, dessen Ergebnisse jetzt sichtbar sind. In Alcoy wurde unter Primo de Riveras Diktatur (1923 &#8211; 1930) die regelmäßig erscheinende, ausgezeichnete libertäre Zeitung Redencion sieben Jahre lang herausgegeben. Zu dieser Zeit und in der Folge war Alcoy wahrscheinlich die Stadt, welche die meisten Libertären im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung zählte und unter ihnen besonders viele junge Menschen.</p>
<p>Deswegen auch zählte bei meinem ersten Besuch im Februar 1937 unsere Gewerkschaft insgesamt 17.000 Mitglieder, Männer und Frauen, die der UGT (sozialistische Gewerkschaft, Anm.) dagegen nur 3.000, die nicht-revolutionären Angestellten und die kleinen antirevolutionären Kaufleute eingeschlossen, die in dieser Organisation einen Schutz für ihren sozialen Status suchten.</p>
<p>Diese Leute rechneten auch auf die Unterstützung der politischen Parteien, die unseren Bestrebungen natürlich feindlich gegenüberstanden. Aber unsere Genossen hatten alle für das soziale Leben wesentlichen Aktivitäten unter Kontrolle, und zwar dank unserer Gewerkschaften, deren Aufzählung hier folgt: Ernährungswirtschaft &#8211; Druckerei (Papier und Pappe) &#8211; Bau (die Architekten miteinbegriffen) – Gesundheitspflege (Medizin, Sanitätswesen, Apotheken, Friseure, Waschfrauen und Straßenkehrer) – Transport – Theater – Chemische Industrie ( Laboratorien, Parfüms, Seife usw.) – verschiedene (nicht näher angegeben) Kleinindustriezweige – Leder (Felle und Schuhe) – Textilindustrie &#8211; Holzindustrie &#8211; Industrietechniker &#8211; fahrende Kaufleute – freie Berufe (Volksschullehrer, Künstler, Schriftsteller usw.) &#8211; Bekleidung &#8211; Metallindustrie &#8211; Landwirtschaft (vor allem Gärtnereien der Umgebung).</p>
<p>Das sehr klare Bewußtsein von ihrer Aufgabe ließ unsere Genossen sehr schnell und genau handeln. So kam es in Alcoy nicht dazu, daß die Kontrollkomitees allzu lange nach Mitteln und Wegen suchten, oder daß die Verwaltungskomitees isoliert arbeiteten, wie wir es in anderen Orten gesehen haben. Vom ersten Augenblick an und mit großer Schnelligkeit übernahmen die Gewerkschaften die Leitung der revolutionären Initiative, die sie selbst hervorgerufen hatten &#8211; und zwar in allen Industriezweigen ohne Ausnahme. Versuchen wir jetzt die Entwicklung ihrer Realisierungen nachzuzeichnen.</p>
<p>Am 18. Juli war das Gerücht über einen unmittelbar bevorstehenden faschistischen Angriff, das durch ganz Spanien ging, auch in Alcoy im Umlauf. Um gegen den erwarteten Angriff der durch die Zivilgarde unterstützten Militärs und Konservativen Front zu machen, mobilisierten sich unsere Kräfte und trafen auf den Straßen Vorkehrungen für den bevorstehenden Kampf. Der Angriff fand aber nicht statt. Dann wandten sich unsere Kräfte an die von unserer Initiative überwältigten Lokalbehörden und machten einige Forderungen geltend, vor allem in bezug auf die Arbeitslosigkeit in der Textilindustrie (unsere Gewerkschaft zählte zu dieser Zeit 4.500 Mitglieder, bald darauf waren es 6.500). Sie verlangten, ohne die antifaschistische Einheit zu brechen, eine Hilfe für die Arbeitslosen, eine Krankenversicherung und schließlich die Kontrolle der Arbeiter über die Industrieunternehmen. Die Krankenversicherung wurde unverzüglich bewilligt, und im Prinzip wurde auch die Bezahlung eines Lohnes für Arbeitslose durch die Arbeitgeber sowie die Arbeiterkontrolle in Werkstätten und Fabriken gewährt.</p>
<p>Neue Schwierigkeiten traten aber bald zutage. Die Unternehmer ließen es zwar geschehen, daß die Kontrollkommissionen der Arbeiter ihre Bücher prüften, in die die Ein- und Verkäufe und die Gewinne und Verluste wahrscheinlich richtig eingetragen wurden, aber die Arbeiter und besonders ihre Gewerkschaften wollten weiter gehen. Sie wollten eigentlich den ganzen kapitalistischen Mechanismus kontrollieren, der die Produktion widersinnigerweise zum Stocken brachte und eine Arbeitslosigkeit zur Folge hatte, die angesichts der mangelnden Bedarfsdeckung nicht zu rechtfertigen war. Sehr schnell wurde also der Schluß gezogen, man müsse sich der Leitung der Fabriken bemächtigen und die ganze Gesellschaft umwandeln. (&#8230;)</p>
<p>Alles stand also unter gewerkschaftlicher Kontrolle und Leitung Darunter ist aber nicht zu verstehen, daß es sich um einige bürokratische Oberkomitees handelte, die im Namen der Gewerkschaftlermasse Entscheidungen trafen, ohne sie zu befragen. Auch hier wurde die libertäre Demokratie praktiziert. Wie in allen CNT-Gewerkschaften gab es eine zweifache Bewegung, einerseits von der Basis, d.h. der Masse der Mitglieder und Militanten, nach oben und andererseits der richtungsweisende Impuls von oben nach unten. Von der Peripherie zum Zentrum und vom Zentrum zur Peripherie, wie Proudhon es forderte, oder vor allem von unten nach oben, wie Bakunin es forderte.</p>
<p>Es gibt fünf allgemeine große Arbeits- bzw. Arbeiterbranchen. Die Weberei mit 2.336 Arbeitern, die Spinnerei mit 1.024 Spinnern und Spinnerinnen, die Fertigstellung mit 1.158 Fachleuten, ebenfalls Männer und Frauen, die Strick- und Strumpfwarenfabrik mit 1.360 und die Wollkämmerei mit 550 Beschäftigten.</p>
<p>An der Basis wählen die Arbeiter dieser fünf Fachgebiete in den Betriebsversammlungen den Delegierten, der sie bei der Integrierung der Betriebskomitees vertreten soll. Durch die Delegierten sind diese fünf Arbeitszweige im Direktionskomitee der Gewerkschaft vertreten. Die Gesamtorganisation beruht also auf der Arbeitsteilung einerseits und auf der gesamten Industriestruktur andererseits.</p>
<p>Vor der Enteignung bestanden die Betriebskomitees nur aus Vertretern der Handarbeiter; sie wurden später durch einen Delegierten des Büropersonals und einen anderen für die Rohstofflagerraume ergänzt. Diese Komitees werden jetzt damit beauftragt, die Produktion nach den Anweisungen zu leiten, die auf den Versammlungen beschlossen wurden, die Berichte über den Arbeitsverlauf an die verantwortlichen Gewerkschaftskomitees bzw. -Sektionen weiterzuleiten und den Bedarf an neuem technischem Material und Rohstoffen bekanntzumachen. Außerdem sollen sie die großen Rechnungen weiterleiten und die kleinen begleichen. Die Vertreter dieser fünf Arbeitszweige bilden aber bloß die Hälfte des Direktionskomitees, die andere Hälfte bildet die vom Gewerkschaftskomitee und von den Vertretern der Fabriksektionen ernannte Kontrollkommission.</p>
<p>Die technische Kommission ist gleichfalls in fünf Sektionen geteilt: Verwaltung, Verkauf, Einkauf, Fabrikation und Versicherungen. Ihr wurde um der notwendigen Koordinierung willen ein Generalsekretär zugeteilt. Sehen wir uns jetzt schnell die Arbeitsweise dieser Kommission an. (&#8230;)</p>
<p>Das ganze Personal der gesamten Industrie ist in drei Sparten eingeteilt: Handarbeiter, Zeichner und Techniker. Die Aufträge und Arbeiten werden erst verteilt, nachdem die Techniker in den Fabriken selbst zu Rat gezogen worden sind. Nie wird von oben entschieden, ohne Informationen von unten zu holen. Will man z.B. einen Stoff besonderer Art herstellen, der mehr Baumwolle als Wolle enthalten soll, oder umgekehrt, ruft man die fünf fachkundigen Arbeiter zusammen, um mit ihnen nachzuprüfen, ob und wo die technischen Produktionsmittel vorhanden sind und inwieweit man sie benutzen kann. Die Handarbeiter ihrerseits erfüllen ihre Aufgabe möglichst gewissenhaft und sind für die von ihnen geleistete Arbeit verantwortlich; wenn nötig, benachrichtigen sie die technischen Sektionen durch die Vermittlung des Betriebskomitees über die bei der Ausführung ihrer Arbeit auftretenden Schwierigkeiten.</p>
<p>In jeder Fabrik kommen die Zeichner, die Techniker und die Arbeiterdelegierten jeden Montag zusammen und prüfen die Bücher und die Rechnungen des Betriebes, die Leistungsfähigkeit, die Qualität der Produktion, den Stand der Aufträge und schließlich alles, was mit der gemeinsamen Arbeit zusammenhängt. Bei diesen Zusammenkünften werden keine Beschlüsse gefaßt, aber die Ergebnisse werden an die entsprechenden Gewerkschaftssektionen weitergeleitet.</p>
<p>Die Maschinenabteilung sorgt für die Wartung der mechanischen Arbeitsinstrumente sowie der Gebäude, in denen diese untergebracht sind. Sie veranlaßt die von den Betriebskomitees verlangten Reparaturen, wobei sie die technische Kommission befragen muß, sobald die Kosten über eine gewisse Höchstsumme hinausgehen.</p>
<p>Die Abteilung der Herstellungskontrolle und der Statistiken faßt Berichte über die Bilanz jeder einzelnen Fabrik oder Werkstatt ab, über den Ertrag der Rohstoffe, über technische Neuerungen, sowie die daraus resultierenden Probleme der Arbeits- und Arbeitskräfteverteilung, über den Energieverbrauch und alle Nebenfaktoren, die die Gesamtproduktion entscheiden beeinflussen können. Sie registriert auch die Maschinentransporte von einer Fabrik bzw. Werkstatt in eine andere. Die Verwaltungssektion besteht aus drei Sparten: Kasse, Buchführung, Stadt- und Industrieverwaltung. (&#8230;)</p>
<p>Neben diesen fünf Sektionen bzw. Untersektionen sind zwei Gruppen &#8211; eine provisorische und eine endgültige &#8211; fürs Archiv organisiert worden. Dort werden die Aktien der ehemaligen Besitzer und die von ihnen zum Zeitpunkt der Enteignungen unterzeichneten Verzichtserklärungen aufbewahrt sowie alle Dokumente über die Aktivitäten der Textilwirtschaft im neuen und im alten Regime, auch in bezug auf die Entwicklung des Arbeitsprozesses und der Geschäfte im kapitalistischen Regime.</p>
<p><strong><em>Gaston Leval</em></strong></p>
<p><em>Aus: &#8220;Die Aktion&#8221; Nr. 161/164 &#8211; Dossier zu Spanien 1936 </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-syndikalisierungen-in-alcoy/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Weder befehlen, noch gehorchen</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/weder-befehlen-noch-gehorchen</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/weder-befehlen-noch-gehorchen#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 20:57:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivierung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=289</guid>
		<description><![CDATA[Ein Beispiel für Statuten die sich die Kollektive gaben, nachdem die Repräsentanten der kapitalistischen Ordnung gestürzt wurden und die örtliche Staatsmacht sich in Luft auflöste:]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-289"></span>Ein Beispiel für Statuten die sich die Kollektive gaben, nachdem die Repräsentanten der kapitalistischen Ordnung gestürzt wurden und die örtliche Staatsmacht sich in Luft auflöste:</p>
<p>Durch die Lokalversammlung am 3.1.1937 gebilligte Grundverfassung Kollektivität von Pina de Ebro. (Nach einigen allgemeinen revolutionär-humanistischen Betrachtungen folgen die Ausführungen zur Sache):</p>
<p>&#8220;Von den obigen Betrachtungen ausgehend gründet die Arbeiter- und Bauernklasse, indem sie sich ihrer Aufgabe und der Lage gewachsen zeigt, die freiwillige Kollektivität, die auf folgender Grundverfassung basiert:</p>
<ol>
<li> Alle Dorfbewohner können, ungeachtet ihrer wirtschaftlichen Lage, aus freiem Beschluß der Kollektivität beitreten, sofern sie der hier festgesetzten Satzung zustimmen.</li>
<li>Alle mit dieser neuen sozialen Verwaltungsform einverstandenen Mitglieder bringen ihre gesamten Güter &#8211; Felder, Arbeitsinstrumente, Zugtiere, Geld und Werkzeugsatz &#8211; in die Kollektivität ein.</li>
<li>Sobald die Umstände es erlauben, wird man sich bemühen, Kollektivställe zu bauen, in denen alle für die Feldarbeiten nützlichen Tiere untergebracht werden. Das gleiche gilt für Rinder und Schafe. Für diese Aufgaben werden geeignete Arbeitskräfte ausgewählt.</li>
<li>Einlagerung aller Lebensmittel und Agrarprodukte in Kollektivräumen, damit eine bessere Kontrolle möglich ist. Ferner Gründung einer bzw. mehrerer Genossenschaften zur Verteilung der verschiedenen, von den Kollektivisten benötigten Lebensmittel und Werkzeuge.</li>
<li>Die Menge der Produkte, die an die Kollektivisten verteilt werden, kann je nach der wirtschaftlichen Lage der Kollektivität zu- bzw. abnehmen.</li>
<li>Die Arbeit wird durch Gruppen verrichtet, an deren Spitze jeweils ein verantwortlicher Delegierter steht. Wir werden versuchen, Sektionen je nach Fähigkeitsbereichen zu bilden, z.B. für Fuhrleute und Ochsentreiber, Arbeiter usw., so daß sich die Genossen bei ihren Tätigkeiten gegenseitig ablösen können.</li>
<li>Alle Individuen beiderlei Geschlechts über 15 Jahre sollen für die Kollektivität arbeiten; ausgenommen sind Personen über 60 Jahre sowie Behinderte und Kranke, es sei denn, daß ihre körperliche Verfassung es ihnen erlaubt, leichte Arbeiten für die Kollektivität zu verrichten.</li>
<li>Die Kollektivität sagt sich von denen völlig los, die weiterhin individualistisch leben und arbeiten wollen, diese können unter keinen Umständen die Unterstützung der Kollektivität beanspruchen. Sie werden ihre Felder ausschließlich selbst bestellen, und wenn sie ihre Felder brachliegen lassen, so werden sie in das Eigentum der Kollektivität übergehen.</li>
<li>Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist völlig abgeschafft und folglich jede Form der Pacht, der Halbpacht und der Lohnabhängigkeit. Diese Maßnahme gilt für alle Ortseinwohner, gleich welchen Standes.</li>
<li>Die Versammlung ist souverän und untersteht dem Mehrheitsbeschluß. Beschlüsse über Kollektivitätsmitglieder, die durch ihr Verhalten der Kollektivität schaden könnten, werden in den Versammlungen gefaßt.&#8221;</li>
</ol>
<p><em><strong>Gaston Leval</strong></em></p>
<p><em>Aus: &#8220;Die Aktion&#8221; Nr. 161/164 &#8211; Dossier zu Spanien 1936 </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/weder-befehlen-noch-gehorchen/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Anders arbeiten, anders leben</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/anders-arbeiten-anders-leben</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/anders-arbeiten-anders-leben#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 20:48:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivierung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=286</guid>
		<description><![CDATA[Hier ist alles kollektiviert worden: Kollektivschmieden, Kollektiveisenhütten, Kollektivlagerräume, die mechanische Werkstatt der Kollektivität, Kollektivmühle. Alle materiellen, moralischen und wirtschaftlichen Ausdrucksmittel des Dorfes gehen als Ganzes im Kollektiv auf. Die Arbeit wird geteilt. Jeder Arbeitssektor entscheidet in seinen Versammlungen über die Arbeit, die jeder Kollektivist verrichten soll. Man könnte meinen, diese Sektor- bzw. Branchenversammlungen seine endlosen Disputierklubs - das stimmt überhaupt nicht. Es wird sehr wenig gesprochen, denn jeder kennt seine Pflicht und er weicht ihr nicht aus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-286"></span><em>Bericht des sozialistischen Journalisten Alardo Prats über die Kollektivitäten im Bezirk Graus, die er im Mai 1937 besuchte:</em></p>
<p>Hier ist alles kollektiviert worden: Kollektivschmieden, Kollektiveisenhütten, Kollektivlagerräume, die mechanische Werkstatt der Kollektivität, Kollektivmühle. Alle materiellen, moralischen und wirtschaftlichen Ausdrucksmittel des Dorfes gehen als Ganzes im Kollektiv auf. Die Arbeit wird geteilt. Jeder Arbeitssektor entscheidet in seinen Versammlungen über die Arbeit, die jeder Kollektivist verrichten soll. Man könnte meinen, diese Sektor- bzw. Branchenversammlungen seine endlosen Disputierklubs &#8211; das stimmt überhaupt nicht. Es wird sehr wenig gesprochen, denn jeder kennt seine Pflicht und er weicht ihr nicht aus.</p>
<p>Männer über 60 Jahre dürfen nicht arbeiten. Am Anfang hatten sie Angst vor der Initiative der Jugend, die die Mehrheit bildete und folglich die zu befolgenden kollektivistischen Arbeitsnormen festsetzte. Sie hatten Angst davor, mit Arbeit überlastet zu werden. Nun, sie sind ganz einfach davon freigesetzt worden (&#8230;) Dann sind die Alten zusammengekommen und haben beschlossen, doch zu arbeiten. Sie hielten es für notwendig, um den übrigen Kollektivisten keine zu schwere Last zu sein und dazu beizutragen, das Dorf aus seiner schwierigen Lage herauszuholen (&#8230;) Jeden Samstag gehen die Kollektivisten zur Kollektivitätszentralkasse, um ihre Quittung zu unterzeichnen und ihren Lohn in Empfang zu nehmen. Sie finden alle lebensnotwendigen Gegenstände und Nahrungsmittel in den Kollektivitätsgenossenschaften.</p>
<p>Heiratet ein Kollektivitätsmitglied, so bekommt er eine Woche bezahlten Urlaub. Man sucht ihm ein Haus aus (alle Häuser sind kollektiviert worden) und verschafft ihm durch die entsprechende Genossenschaft Möbel, deren Wert er dann langfristig und ohne die geringste Schwierigkeit abzahlen kann.</p>
<p>Als der Genösse Portella, der Kollektivitätsgeneralsekretär, mich zur Statistikabteilung führte und eine Kartei in die Hand nahm, um mir genauere Einzelheiten über die Entwicklung der Arbeit und die Produktionszahlen für das ganze Dorf mitzuteilen, wollte ich meinen Augen nicht trauen! Jedes Staatsorgan mit den qualifiziertesten und in der Abrechnung genauesten Beamten wäre froh, eine der Graus-Kollektivität vergleichbare Organisation zu erreichen &#8211; wer daran zweifelt, sollte sich schnellstens vergewissern.</p>
<p>Alles wird gemäß einem systematisch entworfenen Plan organisiert. Jeder Produktionszweig hat eine Kartei, in die Tag für Tag und sogar Stunde für Stunde die genauen Angaben über seine Entwicklung und seine Möglichkeiten eingetragen werden. (&#8230;) Durch eine solche Organisation sind alle von der Kollektivität durchgeführten Verbesserungen erleichtert worden: so wurde z.B. in der Nähe des Dorfes ein Hof gebaut, in dem zur Zeit 2.000 Schweine verschiedener Rassen gezüchtet werden (&#8230;) Ich fragte die Genossen, die diesen Hof bewirtschaften, woher sie das Vorbild für einen derart modernen Hof hatten. Ohne große Wichtigtuerei erklärten sie mir, daß sie, nachdem sie beschlossen hatten, den Hof zu gründen, die verschiedenen Modelle geprüft und diskutiert hätten, bevor sie schließlich ein amerikanisches, an die Schweinemästereien in Chicago angelehntes Modell ausgewählt hatten.</p>
<p>An einem anderen Ort in der Nähe des Dorfes ist ein sehr gut organisierter und mit ultramodernem Laboratorium ausgestatteter Geflügelhof eingerichtet worden. (&#8230;) In den verschiedenen Hofabteilungen sind die verschiedensten Geflügelarten zu sehen. Für den nächsten Herbst rechnet man mit mehr als 10.000 vollwertigen Tieren &#8211; zur Zeit sind es 6.000. Hier ist alles neu und sieht prächtig aus.</p>
<p>Alles ist nach den Anforderungen der hochentwickeltesten Technik und der Erfahrung mit ihr eingerichtet. Der Hofdirektor hat eine Brutmaschine mit besserer Leistung als alle bisher bekannten erfunden. Tausende von Küken quirlen durch die beheizten Zellen. Es gibt Hunderte von Enten und Gänsen, sowie Hunderte von Hähnchen und Hühnern. Wie beim Schweinestall ist hier alles vollkommen durchdacht und gelungen. Aus allen Ecken Aragoniens kommen Leute, um diese Realisierungen zu besichtigen &#8211; so ist Graus zu einem Wallfahrtsort der aragonesischen Arbeiter und einer Schule des Wiederaufbaus unseres Landes geworden.</p>
<p>Alle Einwohner haben ihrer schöpferischen Gabe freien Lauf gelassen. Es gibt prächtige Schulen und eine mit den verschiedensten Büchern recht gut ausgestattete Bibliothek. Die Kollektivität hat ihre eigene Druckerei und eine Buchhandlung. Eine Gewerbeschule ist eröffnet worden, die von mehr als 60 Dorfjugendlichen besucht wird und in der sich alle fortbilden können. In demselben Gebäude ist ein Museum für Malerei und Skulptur eingerichtet worden. (&#8230;)</p>
<p>Das Dorfleben ist verändert worden, und durch dieses Beispiel fängt das Leben aller umliegenden Dörfer an, sich zu verändern. Man hat die Revolution gemacht.</p>
<p><em>Aus: &#8220;Die Aktion&#8221; Nr. 161/164 &#8211; Dossier zu Spanien 1936 </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/anders-arbeiten-anders-leben/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Achim von Borries &#8211; Die unbekannte Revolution</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/achim-von-borries-die-unbekannte-revolution</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/achim-von-borries-die-unbekannte-revolution#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 20:24:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[POUM]]></category>
		<category><![CDATA[Syndikalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=282</guid>
		<description><![CDATA[Die Unbekanntheit der Spanischen Revolution außerhalb von Spanien kommt nicht von ungefähr. Denn die spanische Sozialrevolution von 1936 war alles andere als eine kommunistische Revolution; und sie wird daher gerade von den Kommunisten bis heute entweder totgeschwiegen oder als »Verirrung«, ja als Verrat an der gemeinsamen Sache des Antifaschismus denunziert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-282"></span><strong>1936-1996 &#8211; Das Experiment des spanischen Anarcho-Syndikalismus &#8211; 60 Jahre Spanische Revolution</strong></p>
<p>Die Unbekanntheit der Spanischen Revolution außerhalb von Spanien kommt nicht von ungefähr. Denn die spanische Sozialrevolution von 1936 war alles andere als eine kommunistische Revolution; und sie wird daher gerade von den Kommunisten bis heute entweder totgeschwiegen oder als »Verirrung«, ja als Verrat an der gemeinsamen Sache des Antifaschismus denunziert. Das entspricht der Haltung der Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg selbst.</p>
<p><strong>Die Republik hatte versagt</strong></p>
<p>Als Mitte Juli 1936 der Aufstand der Offiziere gegen die Republik ausbrach, da scheiterte der erste Ansturm der Reaktion nicht an der Gegenwehr der republikanischen Armee, sondern an der spontanen Kampfbereitschaft der Arbeiter und Bauern. Diesen aber lag nichts ferner, als für eine &#8220;Republik&#8221; zu kämpfen, von der sie fünf Jahre lang tief enttäuscht worden waren. Das parlamentarisch-demokratische System hatte es nicht vermocht, von 1931 bis 1936 die fundamentalen sozialen Probleme des Landes zu lösen oder die Vorherrschaft der progressiven Parteien zu sichern. Arbeiter und Bauern verteidigten im Juli 1936 nicht den gesellschaftlich-politischen Status quo, sondern schufen ein sozialrevolutionäres fait accompli; sie reagierten nicht defensiv, sondern sozialrevolutionär-offensiv auf den Angriff der Rechten.</p>
<p>Historische Basis und treibende Kraft der spanischen Sozialrevolution von 1936 waren der spanische Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus, und sie war die einzige der großen Revolutionen dieses Jahrhunderts, in der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten die entscheidende Rolle spielten.</p>
<p>In fast allen anderen europäischen Ländern nur eine Randerscheinung im Gesamtspektrum der Linken, hatten Anarchisten und Anarcho-Syndikalismus in Spanien seit langem den Charakter einer Massenbewegung. Nachdem kurz vor 1870 die Ideen Bakunins in Spanien Wurzel gefaßt hatten, kam es zwischen 1880 und 1910 zu einer enormen Ausbreitung des Anarchismus. Die 1911 gegründete anarcho-syndikalistische Gewerkschaft CNT &#8211; Confederacion Nacional del Trabajo &#8211; zählte 1918 bereits etwa 700.000 Mitglieder. Nach Hugh Thomas hatte der Anarchismus in Spanien in den Dreißiger &#8211; Jahren eineinhalb Millionen Anhänger. Zentren des Anarchismus und Syndikalismus waren das relativ stark industrialisierte Katalonien, Aragonien und das agrar-feudalistische Andalusien. Ihr Anhang rekrutierte sich meist aus Industriearbeitern des Nordostens, den Landarbeitern, Kleinbauern und Handwerkern des Südens.</p>
<p>Während die spanischen Sozialisten, deren Hochburgen vor allem Kastilien und Asturien waren, eine Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung auf politisch-parlamentarischem Wege anstrebten, standen die Anarchisten dem politischen System mit militanter Feindschaft gegenüber und sahen in seiner Zerschlagung zugunsten kommunaler und betrieblicher Selbstverwaltung den einzigen Weg zu einem freiheitlichen Sozialismus. Die soziale Umwälzung unmittelbar nach Beginn des Bürgerkrieges war denn auch eine ausgesprochen dezentralistische Revolution, von der Spontaneität der Massen getragen. Franz Borkenau, dessen kritischer Augenzeugenbericht »The Spanish Cockpit« zu den aufschlußreichsten Darstellungen dieses Geschehens gehört, notierte Anfang August 1936 nach seiner Ankunft in Barcelona in seinem Tagebuch: »Es war überwältigend! Es war, als wenn wir auf einem Kontinent gelandet wären, verschieden von allem, was ich vorher gesehen hatte.«</p>
<p><strong>Die Sozialisierung der Betriebe</strong></p>
<p>Borkenau fand das Ausmaß der Enteignungen &#8220;fast unglaublich&#8221; und war überrascht, wie schnell sich das Leben in der katalanischen Metropole wieder normalisiert hatte. Ähnliches berichtete der Sozialdemokrat und Publizist Rolf Reventlow, der im Oktober 1936 nach Barcelona kam: »Am eindrucksvollsten war natürlich einmal das äußere Bild: rote und schwarz-rote Fahnen, die schwarz-roten Fahnen der Anarcho-Syndikalisten, die roten der Sozialisten, Gewerkschaftler, und dann die der katalanischen Farben der autonomistischen Parteien, die sich ja ebenfalls gegen den Putsch der Generale stellten. Von den Schuhputzern angefangen, bis zur Straßenbahn, bis zur Straßenreinigung, sämtliche Geschäfte, vor allem die großen Kaufhäuser &#8211; überall konnte man lesen, welche Organisation diese Betriebe übernommen hatte und fortführte. [...] Wichtig ist dabei, daß mit dem plötzlichen Aufhören der politischen Verwaltung des Staatsgefüges nach dem Putsche und der Gegenaktion der Arbeiterschaft in Barcelona alles eigentlich nicht automatisch, aber spontan sich wieder in Bewegung setzte. Es gab gar keine Zäsur. Die Arbeiterorganisationen übernahmen sowohl den Handel, wie die Produktion der Fabriken, deren Besitzer ja meist geflohen oder als Faschisten bekannt waren, und dann wurden diese Betriebe einfach übernommen.«</p>
<p>Der englische Schriftsteller George Orwell hat in »Homage to Catalonia« geschildert, wie sich ihm noch Ende 1936 das revolutionäre Barcelona darstellte: »Zum erstenmal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saß&#8230; Kellner und Ladenaufseher schauten jedem aufrecht ins Gesicht und behandelten ihn als ebenbürtig. Unterwürfige, ja auch förmliche Redewendungen waren vorübergehend verschwunden&#8230; Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie&#8230; Rädchen in der kapitalistischen Maschinerie.«</p>
<p>Borkenau schätzt, daß 70% der Fabriken in Barcelona und etwa 50% derjenigen in Valencia von den Komitees der beiden Gewerkschaftsorganisationen, der anarcho-syndikalistischen CNT und der in Barcelona sehr viel schwächeren UGT übernommen wurden. Löhne, Arbeitsbedingungen und Produktion unterstanden fortan der Kontrolle ihrer gewählten Vertreter. Unternehmergewinne, Tantiemen und Dividenden wurden im allgemeinen abgeschafft. Der deutsche Anarcho-Syndikalist Augustin Souchy, der den Spanischen Bürgerkrieg als Leiter der »Abteilung für Internationale Information« der CNT in Barcelona miterlebt hat, erzählt: »Als die Kämpfe beendet waren, haben sich gleich in Barcelona beispielsweise bei den Straßenbahnen oder Autobussen oder Untergrundbahnen &#8211; das waren drei getrennte privatkapitalistische Gesellschaften und die Besitzer waren vorher schon ins Ausland geflohen &#8211; &#8230; Die Arbeiter und die Straßenbahner hatten eine Versammlung im Büro der Gesellschaften und beschlossen: Jetzt wollen wir das übernehmen. Techniker waren natürlich auch dabei. Und so haben sie also diese drei Verkehrsgesellschaften &#8211; Straßenbahnen, Autobusse und Untergrundbahn &#8211; zu einer einzigen umgewandelt und das dann für sich so organisiert, daß es sogar besser funktionierte als vorher, denn man rationalisierte es.&#8221;</p>
<p><strong>Anarchistische Rationalisierung</strong></p>
<p>Nicht selten kam es zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einer Rationalisierung der Produktion. Unrentable Kleinbetriebe wurden aufgelöst bzw. zu gröberen Betriebseinheiten zusammengefaßt. Besonders erwähnt werden muß der Aufbau einer &#8211; angesichts der Kriegsumstände dringend erforderlichen &#8211; katalanischen Rüstungsindustrie durch die Arbeiter selbst.</p>
<p>Auch skeptisch-kritische Augenzeugen der Vorgänge in Katalonien haben die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit des Kollektivsystems im allgemeinen positiv beurteilt, ohne freilich langfristige Prognosen zu wagen. Schwierigkeiten ergaben sich auf dem Rohstoff &#8211; und Kreditsektor, und sie waren primär politisch bedingt. Die Kollektivbetriebe waren auf Kreditgewährung seitens der Banken angewiesen, die in Barcelona von der sozialistischen Minderheitengewerkschaft, der UGT, kontrolliert wurde. Überdies verweigerte die republikanische Zentralregierung im allgemeinen Kredite an Kollektivbetriebe. Auf diese Weise konnten die Gegner des Kollektivsystems dessen volle wirtschaftliche Entfaltung blockieren.</p>
<p><strong>Das Kollektivierungsdekret</strong></p>
<p>Die Kollektivierung vollzog sich ohne zentrale Leitung und folgte keinem einheitlichen Schema. Was sie kennzeichnete, war die Eigeninitiative der Arbeiter. Nicht um Verstaatlichung oder Kommunalisierung handelte es sich, sondern um betriebliche Selbstverwaltung. Augustin Souchy, der bereits 1937 einen detaillierten Report über die Kollektivierung veröffentlichte, betont: »Sinowjew (sagte) mir 1920 in Petrograd: ,Nein Genosse Souchy, das geht ja nicht, daß die Arbeiter die Puntilow-Werke übernehmen, das muß der Staat machen, sonst würden wir einen Kleinkapitalismus haben, statt einen Großkapitalismus von einigen.&#8217; Also ich wußte, daß der Sozialismus hier (im revolut. Span.; d. Red.) von den Arbeitern aufgebaut wurde, und ich sah darin das Wichtigste.«</p>
<p>Die Kollektivierung hatte auf revolutionärem Wege vollendete Tatsachen geschaffen. Am 24. Oktober 1936 fanden sie ihre gesetzlichen Bestätigungen. Das Kollektivierungsdekret der »Generalität«, der katalanischen Regionalregierung &#8211; der im Vormonat auch die CNT beigetreten war -, bestimmte, daß alle Unternehmen mit mehr als Hundert Beschäftigten zu kollektivieren wären. Betriebe mit fünfzig bis hundert Beschäftigten sollten auf Antrag von drei Viertel der Belegschaft kollektiviert werden. Die Leitung der Betriebe ging über auf fünf- oder sechsköpfige Komitees, die durch die Generalversammlung der Arbeiter bestimmt wurden. Sie hatten ein Mandat für zwei Jahre und bestimmten den Direktor. Dem Führungskomitee gehörte außerdem ein Vertreter der Regierung an.</p>
<p><strong>Anarchistischer Einfluß geht verloren</strong></p>
<p>Das Kollektivierungsdekret war, nach Daniel Guerin, »ein Kompromiß zwischen dem Verlangen nach Selbstverwaltung und der Tendenz zur staatlichen Oberaufsicht, gleichzeitig eine Übereinkunft zwischen Kapitalismus und Sozialismus.«</p>
<p>Damit spiegelte es die politische Konstellation in Katalonien im Oktober 1936 wider, die sich von der der Juli-Tage bereits unterschied. Unmittelbar nach dem 19. Juli hatten Initiative und Macht fast ausschließlich bei den Arbeiterkomitees gelegen, den eigentlichen Organen der sozialen Revolution. Die anarcho-syndikalistische CNT verzichtete jedoch darauf, ihre Alleinherrschaft zu proklamieren und durchzusetzen. Als sich die CNT Anfang September 1936 entschloß, in die »Generalität« einzutreten, wurde das »Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen&#8221; aufgelöst. Damit verschwand wenige Wochen nach der Sozialrevolution der, nach Borkenau, »most advanced outpost of a Soviet system in Spain«, also, der eigentliche Vorposten des Rätesystems in Spanien.</p>
<p><strong>Umwälzungen auf dem Land</strong></p>
<p>Die Kollektivierung der Industrie in Katalonien war nur die eine Seite der sozialen Umwälzung im Sommer 1936. Nicht minder revolutionär waren die Vorgänge auf dem Lande, vor allem in Ost-Andalusien, Aragonien und der Levante. Die Republik von 1931 hatte vor allem auf dem Agrarsektor versagt. Zahlreiche lokale Revolten, die Besetzung von Latifundien durch Landarbeiter und die Bildung einzelner Kollektive schon vor Ausbruch des Bürgerkrieges signalisierten die fundamentale Bedeutung der Agrarfrage in einem Lande, dessen zwei Millionen Industriearbeitern etwa 4,5 Millionen Landarbeiter gegenüberstanden.</p>
<p>Im Juli 1936 ergriffen Landarbeiter und Kleinbauern die Initiative und übernahmen die Ländereien der meist schon geflohenen Großgrundbesitzer oder schlossen ihre Kleinbetriebe zu örtlichen Kollektiven zusammen. Auch hier handelte es sich nicht um einen von oben gelenkten und zentral geleiteten oder auch nur koordinierten Vorgang. Treibende Kraft und organisatorische Basis waren durchwegs die lokalen Syndikate der Landarbeiter und Bauern. Auf örtlicher Ebene kam es weithin zu einer Kooperation von Anarchisten und Sozialisten, während die Kommunisten eine eindeutig antikollektivistische Politik verfolgten. Dazu Rolf Reventlow: »Tatsache ist, daß nur auf dem Landwirtschaftlichen Betrieb sowohl die sozialdemokratisch orientierte UGT wie die anarcho-syndikalistische CNT auf die Gestaltung des Großbetriebes und auf kollektive Betriebsführung ausgerichtet waren. Das war nicht Kollektivierung wie die in Sowjetrußland, die verordnet, angeordnet und durch militärische Gewalt herbeigeführt wurde, sondern eine ganz spontane Bewegung aus diesen beiden Organisationen heraus, die zwar Raum blieb für Familienbetriebe; das waren aber, wie der spanische Landarbeiterverband in der Sitzung seines Nationalkomitees vom 23. Dezember 1936 schon feststellte, eine ganz kleine Minderheit. Es gab natürlich anderswo Bauern oder Pächter, die das Land in Besitz genommen hatten und nicht bereit waren, den Kollektiven bzw. den Genossenschaften beizutreten. Sie wurden von den Kommunisten in ihrer lebhaften Propaganda sozusagen ,eingekauft&#8217;, d.h., sie wurden aufgenommen in die Organisation; sie waren bis dahin unorganisiert. Und die kommunistische Politik unter dem kommunistischen Landwirtschaftsminister Uribe ging eigentlich auf die Aufteilung des Landes an einzelne Landwirte hinaus. Sie legten den Genossenschaften die gröbsten Schwierigkeiten in den Weg.«</p>
<p>In Aragon entstanden 450 lokale Kollektive recht unterschiedlicher Größenordnung mit insgesamt 433.000 Mitgliedern. Für die Levante wird diese Zahl von etwa 350 Kollektiven genannt. Im Zentrum und im republikanischen Teil von Andalusien gab es weitere 250 Kollektive und in Katalonien etwa 250. Gaston Leval schätzt, daß 1937 rund 3 Millionen Menschen in landwirtschaftlichen Kollektiven lebten.</p>
<p>Angesichts der unzulänglichen Nutzung des privaten Großgrundbesitzes und der Unrentabilität des landwirtschaftlichen Kleinbetriebes in den meisten Teilen Spaniens war die Kollektivierung ökonomisch sinnvoll und offensichtlich auch erfolgreich. Die Produktionsmethoden wurden durch eine stärkere Mechanisierung auf kollektiver Basis modernisiert. Sie befreite die Landbevölkerung von der jahrhundertelangen drückenden Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Kirche und der lokalen Repräsentanten der Staatsmacht. Die Kollektive schufen eigene Alters- und Krankenversicherungen, sie stellten ihren Mitgliedern eine kostenlose medizinisch-ärztliche Versorgung zur Verfügung; sie sorgten für den Bau von Bildungseinrichtungen. Ein ungelöstes Problem freilich blieb Wohlstandsgefälle zwischen den verschiedenen örtlichen Kollektiven.</p>
<p>Zu einer juristischen Fixierung der neuen Eigentumsverhältnisse auf dem Lande kam es nicht mit Ausnahme von Katalonien. Weder wurden die entstandenen Kollektive gesetzlich gesichert, noch erhielten die nicht kollektivwilligen Bauern eine Garantie ihres Eigentums &#8211; ein Umstand, der auf beiden Seiten zu erheblicher psychologischer Unsicherheit führte. Nutznießer dieser Situation waren insbesondere die Kommunisten, die sich den bäuerlichen Eigentümern als Schutzmacht empfahlen.</p>
<p><strong>Kommunisten gewinnen an Einfluß</strong></p>
<p>Nicht selten war es bei der Kollektivierung zumindest zu einem starken psychologischen Druck, mitunter auch zur Anwendung von physischer Gewalt gegen Widerstrebende gekommen. Zudem kostete die Rücksichtslosigkeit, mit der etwa die berühmte Kolonne Durruti vorging, die Anarchisten insgesamt viele Sympathien.</p>
<p>Auch davon profitierten vor allem die Kommunisten seit Spätherbst 1936. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges waren die spanischen Kommunisten politisch von geringer Bedeutung gewesen; bei den Parlamentswahlen von Februar 1936 brachten sie es auf ganze 16 Mandate. Die Zahl der Parteimitglieder betrug etwa 30-40.000. Im Frühjahr 1937 gab die Partei ihre Zahl mit etwa 250.000 an, davon nur 35,2% Industriearbeiter, 25% landwirtschaftliche Arbeiter, 30,7% bäuerliche Eigentümer oder Pächter, 6,2% Angehörige des städtischen Bürgertums und 2,9% Intellektuelle und Beamte.</p>
<p>Für diese erstaunliche Entwicklung gab es mehrere Gründe. Zum einen wirkte sich die Waffenhilfe, die die Sowjetunion der Republik seit September 1936 zukommen lieb, psychologisch zugunsten der Kommunisten aus. Sodann zeigten diese im militärisch-administrativen Bereich beachtliche organisatorische Fähigkeiten, die gerade in den Krisenmonaten des Herbstes 1936 der Republik zugute kamen. Denn es hatte sich gezeigt, daß das republikanische Lager einer militärischen Reorganisation bedurfte, um erfolgreich wider stehen zu können.</p>
<p><strong>Kriegsführung</strong></p>
<p>Ebenso notwendig war eine einheitliche Kriegsführung. Die verschiedenen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Linken hatten eigene Milizen aufgestellt. Das Milizsystem bedeutete eine sozialrevolutionäre Errungenschaft. George Orwell, der der Miliz der links-sozialistischen-revolutionären POUM angehörte, war vor allem vom Geist der Einheit tief beeindruckt: »Der wesentliche Punkt dieses Systems war die soziale Gleichheit zwischen Offizieren und Soldaten. Jeder, vom General bis zum einfachen Soldaten, erhielt den gleichen Sold, die gleiche Verpflegung, trug die gleiche Kleidung und verkehrte mit den anderen auf der Grundlage völliger Gleichheit&#8230; Es gab Offiziere und Unteroffiziere, aber keine militärischen Ränge im normalen Sinn, keine Titel, keine Dienstabzeichen, kein Hackenzusammenschlagen und kein Grüben. Sie hatten versucht, in den Milizen eine Art einstweiliges Arbeitsmodell der klassenlosen Gesellschaft zu schaffen. Natürlich gab es dort keine vollständige Gleichheit, aber es war die größte Annäherung daran, die ich je gesehen oder in Kriegszeiten für möglich gehalten hätte.«</p>
<p><strong>Die Milizen verlieren ihre Autonomie</strong></p>
<p>Ein gewisser Mangel an Disziplin und das Operieren der Milizen auf eigene Faust erwiesen sich als Schwächen des Systems. So wurden die Milizen im September/Oktober 1936 nicht aufgelöst, aber in die neugeschaffene »Volksarmee« eingegliedert. Das war vom rein militärischen Standpunkt aus, kurzfristig zweifellos zweckmäßig, politisch aber nicht unbedenklich.</p>
<p>Die militärische Reorganisation war nur ein Teil jener Integration des republikanischen Lagers, die ihren sinnfälligsten Ausdruck am 4. November 1936 mit dem Eintritt der Anarchisten und Syndikalisten in die Volksfrontregierung Caballero fand. Der Entschluß der anarcho-syndikalistischen Führungsspitze, der Regierung Caballero beizutreten, kam auf dem Hintergrund der radikalen, antipolitischen Tradition des spanischen Anarchismus einer historischen Entscheidung gleich. Die Anarchisten übernahmen vier Ministerien, darunter das Justizministerium.</p>
<p>Diese anarchistischen Minister kamen sehr bald in eine fatale Situation. Faktisch hatten sie mit ihren Eintritt in das Kabinett die Parole »Erst der Krieg &#8211; dann erst die Revolution« akzeptiert; sie übernahmen nun die Mitverantwortung für eine Politik der »Normalisierung« im republikanischen Lager, deren restaurativer Charakter unverkennbar war. Diego Abad de Santillan, der führende Wirtschaftstheoretiker des spanischen Anarchismus, der im Herbst katalanischer Wirtschaftsminister geworden war, bekannte 1940 selbstkritisch: »Wir wußten, daß es nicht möglich war, den Sieg zu erringen, wenn man nicht vorher im Krieg gesiegt hatte. Wir haben die Revolution geopfert, ohne zu begreifen, das diese Opfer auch den Verzicht auf die eigentlichen Ziele des Krieges mit sich brachte.«</p>
<p><strong>Anarchisten in der Regierung &#8211; Kommunisten fordern »starken Staat«</strong></p>
<p>Die Kommunisten taten alles, die Entwicklung zum &#8220;starken Staat&#8221; zu fördern. Borkenau sagt: »Im Namen der ,antifaschistischen Einheit&#8217; kämpften die Kommunisten für einen bürokratisch-militärischen Zentralismus um jeden Pries. Ihre eindeutig anti-revolutionäre Politik resultierte primär aus ihrer engen Bindung zur Sowjetunion. Diese engagierte sich in Spanien zwar, in gewissen Grenzen, für die Republik, aber gegen die Revolution! [...] Nach wie vor blieb es der Sowjetunion vorbehalten, den antifaschistischen Kampf aktiv zu unterstützen. Die Republik mußte diese Hilfe teuer bezahlen. Denn mit den russischen Waffen kamen auch russischen Berater nach Spanien und es kamen, nicht zuletzt, die Abgesandten der GPV (Geheimdienst). Ihre Aktivität galt vor allem der Verfolgung und Beisetzung der antistalinistischen Linken.«</p>
<p>Das republikanische Spanien, insbesondere Katalonien, wurde zum Nebenkriegsschauplatz des stalinistischen Vernichtungsfeldzug gegen die nicht-bolschewistische, revolutionäre Linke. Die &#8220;Prawda&#8221; erklärt am 17. 12. 1936 : »Was Katalonien angeht, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarchisten begonnen. Und sie wird mit derselben Energie durchgeführt, wie in der UDSSR.«</p>
<p><strong>Der Kampf um die Telefonzentrale in Barcelona</strong></p>
<p>Anfang Mai 1937 erreichte die Auseinandersetzung zwischen den Kommunisten und den Linken in Barcelona ihren blutigen Höhepunkt. Am 3. Mai drang der Ordnungsbeauftragte der Generalität, Rodrigues Salaz, ein Mitglied der von den Kommunisten kontrollierten »Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens«, mit einer Gruppe Bewaffneter Zivilisten in das seit 1936 von der CNT besetzte Gebäude der Telefonzentrale von Barcelona ein. Die Nachricht verbreitete sich durch die Stadt und mobilisierte die Arbeiter. In ganz Barcelona wurde zum Streik aufgerufen, und binnen Kurzem wurden Barrikaden errichtet. Die Arbeiterschaft war sich der Gefahr bewußt, die den Errungenschaften des Juli 1936 drohte. Der fortschreitenden Drosselung der Revolution mußte Paroli geboten werden. Drei Tage lang stand die katalanische Hauptstadt im Zeichen blutiger Kämpfe zwischen Arbeitern und »Ordnungskräften«.</p>
<p>Schließlich eilten aus Valencia zwei anarchistische Minister nach Barcelona und beschworen die Arbeiter, die Waffen niederzulegen, während die POUM &#8211; Führung sie aufforderte, auf den Barrikaden zu bleiben. Am 7. Mai verzichteten die Arbeiter auf die Fortsetzung des Kampfes. Am selben Tag marschierten 6000 Sturmgardisten, die Elitetruppe der Republik, in Barcelona ein. Die Auseinandersetzungen hatten etwa 500 Tote und 1000 Verwundete gekostet.</p>
<p>Die Kommunisten nahmen die Mai-Ergebnisse zum Vorwand, die sofortige Illegalisierung und Auflösung der revolutionär-marxistische POUM zu fordern. Mitte Mai trat die Regierung zurück. Der neue Ministerpräsident Juan Negrin, in dessen Kabinett die Anarchisten nicht mehr vertreten waren, zeigte sich den Kommunisten gegenüber gefügiger. Die offene Verfolgung der POUM begann. Ihr Vorsitzender Andres Nin wurde entführt und ermordet. Eine Verhaftungswelle traf Mitglieder und Sympathisanten der POUM, die Mitte Juni für illegal erklärt wurde.</p>
<p><strong>Die Republik löst die Kollektive auf</strong></p>
<p>Was sich schon im Herbst 1936 angebahnt hatte, wurde Mitte 1937 zur unwiderruflichen Grundtendenz innerhalb des republikanischen Lagers: Die sozialrevolutionäre Linke befand sich endgültig in der Defensive. Das Kollektivsystem war einem permanenten Schrumpfungsprozeß unterworfen.</p>
<p>Die 11. Armeedivision unter dem Kommunisten Enrique Lister &#8211; später Vorsitzender des Moskautreuen Flügels der spanischen KP- ging gegen die lokalen Komitees vor und löste zahlreiche landwirtschaftliche Kollektive mit Gewalt auf. In Katalonien wurde die Anwendung des Kollektivierungsdekrets als »mit dem Geist der Verfassung nicht vereinbar« außer Kraft gesetzt. Die Regierung unternahm große Anstrengungen, die Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen, was den Londoner »Economist&#8221; am 26. Februar 1938 zu der Feststellung veranlaßte: »Der Eingriff des Staates in die Industrie wirkt der Kollektivierung und der Arbeiterkontrolle entgegen und läßt das Prinzip des Privateigentums wieder zur Geltung kommen.«</p>
<p><strong>Schon vor Ende des Bürgerkrieges ist die Revolution verloren</strong></p>
<p>So war die soziale Revolution verloren, lange ehe der Bürgerkrieg verloren ging. Die Weichenstellung zu Ungunsten der Revolution zwischen Spätherbst 1936 und Frühsommer 1938 läßt sich nicht bündiger formulieren als mit den Worten des italienischen Anarchisten Bertoni, verfaßt an der Huesca-Front: »Der spanische Krieg, dem aller neue Glaube, alle Ideen der gesellschaftlichen Umwandlung, alle revolutionäre Größe genommen worden ist, bleibt ein Ringen auf Leben und Tod, ist aber kein Krieg mehr, der eine neue Ordnung und eine neue Menschheit verheißt. «</p>
<p><em>Der Artikel basiert auf einem Rundfunkmanuskript A. v. Borries&#8217; (»Die unbekannte Revolution &#8211; Das Experiment des spanischen Anarcho-Syndikalismus«); gesendet als Produktion des NDR/WDR am 25. März 1972.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/achim-von-borries-die-unbekannte-revolution/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Eine Antwort auf die häufigsten marxistischen Lügen über die spanische Revolution</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/eine-antwort-auf-die-haufigsten-marxistischen-lugen-uber-die-spanische-revolution</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/eine-antwort-auf-die-haufigsten-marxistischen-lugen-uber-die-spanische-revolution#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 18:03:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[FAI]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[UGT]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=278</guid>
		<description><![CDATA[Es ist wohl fair zu sagen, dass die meisten MarxistInnen in England ihre Kritik der profunden Rolle der AnarchistInnen in der spanischen Revolution den Büchern des Trotzkisten Felix Morrow entnehmen. Morrows Buch "Revolution and Counterrevolution in Spain" (Revolution und Konterrevolution in Spanien - d.Ue.) ist aus einer orthodox trotzkistischen Perspektive verfasst und mitunter werden die Ereignisse dieser Perspektive angeglichen anstatt sie zu untersuchen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-278"></span><em>Kurze Vorbemerkung: Es folgt die deutsche Übersetzung eines Artikels der ursprünglich in der 211. Ausgabe der englischen anarchistischen Zeitschrift Black Flag veröffentlicht wurde, die über BM Hurricane, London Wc1N 3XX, England bezogen werden kann.</em></p>
<p>Es ist wohl fair zu sagen, dass die meisten MarxistInnen in England ihre Kritik der profunden Rolle der AnarchistInnen in der spanischen Revolution den Büchern des Trotzkisten Felix Morrow entnehmen. Morrows Buch &#8220;Revolution and Counterrevolution in Spain&#8221; (Revolution und Konterrevolution in Spanien &#8211; d.Ue.) ist aus einer orthodox trotzkistischen Perspektive verfasst und mitunter werden die Ereignisse dieser Perspektive angeglichen anstatt sie zu untersuchen. Beispielsweise transformiert Morrow die &#8220;Bloshevisten-Leninisten&#8221;, eine obskure Sekte, die es wahrscheinlich nicht zu einer zweistelligen Mitgliederzahl brachte, zu den einzigen, die die spanische Revolution hätten retten können. Weshalb? Weil allein sie über jenes kostbare Gut der Mitgliedschaft in der 4. Internationale und einer trotzkistischen Analyse verfügten! (was kümmerts, dass die spanischen Arbeiter Waffen und Solidarität brauchen!) Viele von Morrows Behauptungen haben in die linke Folklore Einzug gefunden und werden regelmässig hervorgeholt. Wir wollen an dieser Stelle auf sie antworten.</p>
<p>Morrow behauptet, dass die CNT (die anarchosyndikalistische Gewerkschaft, welche die Revolution durchführte) von einer äußerst zentralisierten Iberischen Anarchistischen Föderation (FAI) kontrolliert worden sei. Die FAI wurde 1927 als eine Konföderation regionaler Föderationen (einschließlich der Portugiesischen Anarchistischen Union) gegründet. Diese regionalen Föderationen koordinierten wiederum lokale und bezirksbezogene Föderationen anarchistischer Bezugsgruppen mit äußerster Autonomie. Folglich mag es zentralistische Tendenzen innerhalb der FAI gegeben haben, eine &#8220;äußerst zentralistische politische Partei&#8221; war sie jedoch nicht. Desweiteren waren viele AnarchosyndikalistInnen und Bezugsgruppen nicht in der FAI (obwohl die meisten sie anscheinend befürworteten) und für viele FAI-Mitglieder rangierte die Loyalität zur CNT an erster Stelle. So heißt es beispielsweise im Protokoll des Nationalen Plenums der FAI im Januar-Februar 1936: &#8220;Das regionale Komitee (von Aragon, Rioja und Navarra) wird von den meisten Militanten vollständig vernachlässigt, da sie in den größeren Aktivitäten der CNT aufgehen.&#8221; Und &#8220;einer der Gründe für die schlechte Verfassung der FAI war die Tatsache, dass fast alle GenossInnen in den Verteidigungskomitees der CNT aktiv waren.&#8221; (Bericht der regionalen Föderation des Nordens). Da diese Zitate aus internen Dokumenten stammen, dürfte es sich dabei schwerlich um Lügen handeln. Es ist offenkundig, dass AnarchistInnen den größten Einfluss innerhalb der CNT hatten (die bereits lange anarchosyndikalistisch war, ehe es zur Gründung der FAI kam). Doch die &#8220;Kontrolle der FAI&#8221; war eine Erfindung einer reformistischen Minderheit innerhalb der CNT, zum Beispiel Angel Pestaña, der aus der CNT eine &#8220;neutrale&#8221; Bewegung machen wollte und später die Syndikalistische Partei gründete und die Cortes unterstützte.</p>
<p>Ein weiterer alter Hut Morrows ist der Vorwurf, die CNT habe die Streikwelle der SozialistInnen und Arbeiterallianz sabotiert und Truppen transportiert, die den Aufstand in Asturien niederschlagen sollten. Um diese Anschuldigungen zu verstehen, ist es notwendig die Vorgeschichte des Oktobers 34 und den Unterschied zwischen der CNT und der UGT (Gewerkschaft, die von der reformistischen Sozialistischen Partei PSOE kontrolliert wurde) zu kennen. Zwischen 1931 und 1933 hatten die SozialistInnen in einer Koalitionsregierung mit den RepublikanerInnen die CNT attackiert. Mit Hilfe der SozialistInnen wurden Gesetze erlassen, die spontane Streiks verbaten und zu staatlich gelenkten Vermittlungen verpflichteten. Streiks der CNT wurden gewaltsam unterdrückt und die UGT stellte StreikbrecherInnen zur Verfügung, so wie im Streik der Telephongesellschaft 1931. Während und nach den CNT Aufständen 1932 in Katalonien und größeren Aufständen im Januar 1933 (9.000 CNT Mitglieder kamen in Gefängnisse) und im Dezember 1933 (16.000 kamen in Gefängnisse) gab es praktisch keine Solidarität durch die SozialistInnen. Die SozialistInnen konvertierten plötzlich zur &#8220;Revolution&#8221; nachdem sie die Wahlen im November 1933 verloren und sämtliche Gesetze, die sie gegen die CNT erlassen hatten, nun auch gegen sie zur Anwendung kamen. Als der nichtrepublikanischen Rechten im Oktober 1934 Kabinettsitze angeboten wurden, rief die PSOE/UGT zum Generalstreik auf. Die CNT versäumte es, sich daran zu beteiligen &#8211; ein Fehler, der von vielen AnarchistInnen anerkannt wird. Morrow behauptet, dies sei darauf zurückzuführen, dass sie glaubten &#8220;alle Regierungen seien gleich schlecht&#8221;, aber die Wahrheit lautet, dass sie den SozialistInnen zu Recht misstrauten. Ein Aufruf der CNT im Februar 1934, die UGT solle ihre revolutionären Ziele deutlich und öffentlich bekanntgeben, wurde nicht beantwortet. Läßt mensch die Rhetorik beiseite, so scheint das Hauptziel der PSOE im Oktober gewesen zu sein, Neuwahlen zu erzwingen, um erneut eine Koalition mit den RepublikanerInnen eingehen zu können. Die CNT sollte als Kanonenfutter dienen, um eine weitere Regierung zusammenzustellen, die sie angreifen würde. Im Oktober war &#8211; abgesehen von Katalonien (wo die katalonische Regierung die Militanten der CNT am Vortag festnehmen ließ und dann versuchte, eine katalonische Autonomie auszurufen) und Madrid (wo die CNT den Generalstreik unterstützte) &#8211; das einzige wirkliche Zentrum des Widerstandes Asturien. Hier hatte sich die CNT mit den SozialistInnen und den KommunistInnen zu einer &#8220;Arbeiterallianz&#8221; zusammengeschlossen. Doch entgegen den Vereinbarungen der Allianz gaben die SozialistInnen den Befehl zum Aufstand eigenmächtig aus &#8211; und das sozialistisch kontrollierte Provinz Komitee verweigerte der CNT Waffen. Dies obwohl die CNT in dem Gebiet über 22.000 Mitglieder zählte (verglichen mit 40.000 der UGT). Morrow erwähnt CNT EisenbahnarbeiterInnen, die dem Oktoberaufstand das Rückgrat gebrochen hätten, in dem sie Truppen und Ausrüstung transportiert hätten. Doch in Asturien (dem einzigen Gebiet, in dem Truppentransporte gebraucht wurden) kam es durch eine Küstenlandung von Fremdenlegionären und marokkanischen Truppen zum Hauptangriff der Regierung &#8211; gegen den Hafen von Gijon, einer CNT-Hochburg. Trotz Bitten der CNT verweigerten ihnen die SozialistInnen Waffen, Gijon fiel nach einem blutigen Kampf und wurde Ausgangspunkt zur Zerschlagung der gesamten Region. Diese sozialistische und kommunistische Sabotage sollte zwei Jahre später wiederholt werden aber Morrows Verzerrungen werden von ignoranten TrotzkistInnen ad nauseam vorgebracht.</p>
<p>Die letzte Lüge, der wir entgegentreten wollen, ist die Behauptung, die Freunde Durrutis hätten einen &#8220;bewussten Bruch mit der Staatsfeindlichkeit des revolutionären Anarchismus&#8221; vollzogen. Die Freunde Durrutis wurden im März 1937 von anarchistischen Militanten ins Leben gerufen, die sich weigerten, sich der kommunistisch kontrollierten &#8220;Militarisierung&#8221; der ArbeiterInnenmilizen zu fügen. Während der Maitage &#8211; des Regierungsangriffes auf die Revolution zwei Monate später &#8211; taten sich die Freunde durch ihre Aufrufe hervor, durchzuhalten und die Konterrevolution zu zerschlagen. Sie vollzogen keine &#8220;Abweichung&#8221; vom Anarchismus &#8211; sie weigerten sich, angesichts von GenossInnen, die sich an der Regierung beteiligten, zu kompromittieren. Ihre Flugschriften im April 1937 riefen die Gewerkschaften und Gemeinden dazu auf, den &#8220;Staat (zu) ersetzen&#8221; und nicht zum Rückzug. In ihrem Manifest von 1938 wurde dieser Aufruf wiederholt (&#8220;der Staat kann angesichts der Gewerkschaft nicht weiterhin in der Gewalt bleiben&#8221;) und drei Forderungen aufgestellt: Für ein Nationales Verteidigungskomitee &#8211; von den ArbeiterInnen (einschließlich derer an der Front) gewählt und ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig, in dem sämtliche Posten rückrufbar wären; für alle &#8220;öknomische Entscheidungen an die Gewerkschaften&#8221;; und für die &#8220;freie Gemeinde&#8221;, um die Gebiete außerhalb der Gewerkschaftsmandate zu decken. Kürzlich sagte Jaime Balius, einer der Hauptaktivisten der Freunde Durrutis: &#8220;Wir sagten &#8220;Alle Macht den Gewerkschaften&#8221;. Wir waren in keinster Weise politisch orientiert.&#8221; (&#8220;politisch&#8221; heißt hier staats- politisch &#8211; eine gebräuchliche Verwendung des Wortes durch AnarchistInnen).</p>
<p>Die Belege dafür, dass Durruti selbst, der wohl bekannteste anarchistische Militante dieser Zeit, der an der Madrider Front im November 1936 starb, mit dem Anarchismus &#8220;gebrochen&#8221; habe, sind noch fragwürdiger, sofern das überhaupt möglich ist.</p>
<p><em><strong>von einem Genossen aus Liverpool</strong></em></p>
<p><em>Aus: Blag Flag Nr. 211 </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/eine-antwort-auf-die-haufigsten-marxistischen-lugen-uber-die-spanische-revolution/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Gaston Leval &#8211; Die schwarz-roten Straßenbahnen von Barcelona</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-schwarz-roten-strasenbahnen-von-barcelona</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-schwarz-roten-strasenbahnen-von-barcelona#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:35:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[FAI]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=275</guid>
		<description><![CDATA[Die Straßenkämpfe hatten den ganzen Verkehr lahmgelegt, die Straßen waren durch die Barrikaden versperrt, deren Hauptmaterial eben oft aus Straßenbahnen und Bussen bestand. Man mußte also alles ausräumen und den Weg freimachen, um die in der Großstadt unerläßlichen Transportmittel wieder ingangzusetzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-275"></span>Die Straßenbahnen waren in Barcelona das wichtigste Transportmittel. 60 Linien zogen durch die Stadt und fuhren zu den Vororten und den umliegenden Ortschaften: Pueblo Nuevo, Horta, Sarria, Badalona, Sens, Bonanova, Gracia, Casa Anunez usw. Die Allgemeine Straßenbahngesellschaft, eine AG mit hauptsächlich belgischem Kapital, beschäftigte 7.000 Lohnempfänger, die die Wagen fuhren und den Fahrpreis kassierten und in den 8 Depots und in den Reparaturwerkstätten arbeiteten.</p>
<p>Ungefähr 6.500 von diesen 7.000 Arbeitern waren in der CNT, wo sie die ihrem Fachgebiet entsprechende Sektion der Industriegewerkschaft der Transportmittel bildeten. Die anderen, bedeutend kleineren Sektionen waren die der U-Bahn (2 Linien), der Taxifahrer, die sich in der Folge getrennt organisierten, der Autobusse und schließlich der beiden Drahtseilbahnlinien nach Montjuich und dem Tibidabo-Berg.</p>
<p>Die Straßenkämpfe hatten den ganzen Verkehr lahmgelegt, die Straßen waren durch die Barrikaden versperrt, deren Hauptmaterial eben oft aus Straßenbahnen und Bussen bestand. Man mußte also alles ausräumen und den Weg freimachen, um die in der Großstadt unerläßlichen Transportmittel wieder ingangzusetzen. Nun beauftragte die gewerkschaftliche Straßenbahnsektion eine Kommission von sieben Genossen damit, die Verwaltungsräume zu besetzen, während andere die Bahnen besichtigen und sich einen Überblick über die nötigen Aufräumungsarbeiten verschaffen sollten.</p>
<p>Vor dem Gesellschaftslokal fand die Kommission eine Bereitschaftsgruppe der Zivilgarde, die den Zugang verhindern sollte. Der sie befehligende Unteroffizier erklärte, er habe den Befehl erhalten, keinen Menschen hineinzulassen. Mit Gewehren und Granaten bewaffnet und zum Teil durch den Panzerwagen, der für den Geldtransport der Gesellschaft bestimmt war, gut geschützt, drohten unsere Genossen anzugreifen. Der Unteroffizier bat seine Vorgesetzten telephonisch um die Erlaubnis zum Rückzug und sie wurde ihm gewährt.</p>
<p>Verweilen wir einen Augenblick bei einer kleinen, amüsanten Einzelheit. Das gesamte höhere Personal war nicht da, und in den Büroräumen fand die Gewerkschaftsdelegation nur den Anwalt vor, dessen Aufgabe es war, die Gesellschaft zu vertreten und für sie Verhandlungen durchzuführen. Der Genösse Sanchez, der aktivste und erfahrenste Militante, kannte diesen Herrn sehr wohl, der ihn vor zwei Jahren bei einem 28monatigen Streik zu 17 Jahren Gefängnis hatte verurteilen lassen &#8211; dieser Verteidiger der Interessen der Gesellschaft hatte sogar eine Strafe von 105 Jahren Gefängnis gegen ihn beantragt! (Sanchez war zusammen mit Tausenden anderer Genossen dank der nach den Wahlen im Februar 1936 gewährte Amnestie aus dem Gefängnis entlassen worden.)</p>
<p>Dieser Herr empfing ihn auf sehr liebenswürdige Weise, indem er erklärte, er würde die neue Situation akzeptieren und sich sogar als Anwalt den Arbeitern zur Verfügung stellen. Sanchez&#8217; Genossen wollten ihn auf der Stelle erschießen, dieser aber war dagegen und ließ ihn sogar weggehen. Es war Freitag, und man machte für den nächsten Montag ein Treffen aus. Vertrauensvoll bat der Mann darum, daß man ihn heimbegleitete, da auf den Straßen so viele bewaffnete Revolutionäre wären &#8230; Man tat es, aber er kam am folgenden Montag nicht wieder und wurde dann nie wieder gesehen.</p>
<p>Das Komitee der sieben rief sofort die Delegierten der verschiedenen Gewerkschaftssektionen &#8211; Elektrizitätswerk, Kabel, Reparaturen, Verkehr, Schaffner, Lagerräume, Buchführung, Büros, Verwaltung usw. &#8211; zusammen: wieder einmal gelang die Synchronisierung der Industriegewerkschaft hervorragend. Einstimmig wurde beschlossen, die Straßenbahnen unverzüglich wieder ingangzusetzen.</p>
<p>Am folgenden Tag wurden die Handarbeiter und Techniker durch den Rundfunk zusammengerufen &#8211; so wie die Metallindustriegewerkschaft es mit ihren Mitgliedern getan hatte &#8211; es fehlten nur einige Faschisten. Alle Ingenieure stellten sich der Gewerkschaft zur Verfügung, ein alter Oberst miteinbegriffen, der wegen seiner aktiven Sympathie für die Arbeiter bereits vom Posten des Leiters der Verkehrsabteilung und Direktors der U-Bahn in die Archivabteilung zurückversetzt worden war.</p>
<p>Fünf Tage nach dem Abschluß der Kämpfe fuhren 700 &#8211; anstatt 600 &#8211; Straßenbahnen mit den schwarzroten Schrägstreifen der FAI durch Barcelona. Ihre Zahl war vergrößert worden, um die Anhänger abzuschaffen, die viele Unfälle verursachten. Dafür hatte man Tag und Nacht und mit allgemeiner Begeisterung gearbeitet, um ungefähr 100 zum alten Eisen geworfene, weil für unbrauchbar gehaltene Wagen zu reparieren.</p>
<p>Natürlich konnten die Dinge deshalb so schnell und so gut organisiert werden, weil die Menschen selbst gut organisiert waren. Denn wir finden hier eine Gesamtheit von Sektionen vor, die nach Berufszweigen und auf industrieller Basis gemäß der Arbeitsorganisation gegründet worden sind, und zwar sowohl auf Betriebs- als auch auf Gewerkschaftsebene. Mechaniker, Schaffner, Autoschlosser, Tischler usw. bildeten jeweils einander ergänzende Gruppierungen, die über den bloßen, herkömmlichen Berufsrahmen hinausgingen, um sich in einer einzigen Organisation zu vereinigen.</p>
<p>An der Spitze jeder Sektion standen ein in Übereinstimmung mit der Gewerkschaft ernannter Ingenieur und ein Vertreter der Arbeiter: so wurde zu gleicher Zeit für die Arbeit und für die Arbeiter gesorgt. Auf der nächsthöheren Stufe bildeten die versammelten Delegierten das lokale Generalkomitee. Die Sektionen kamen getrennt zusammen, wenn es sich um ihre spezifischen Aktivitäten handelte, die also unabhängig von den anderen betrachtet werden konnten; wenn es um allgemeine Probleme ging, hielten dagegen alle Arbeiter aller Berufe eine Vollversammlung ab.</p>
<p>Es bestand also auch eine permanente Übereinkunft zwischen Ingenieuren und Arbeitern. Kein Ingenieur durfte eine wichtige Maßnahme ergreifen, ohne das Lokalkomitee um Rat zu fragen, nicht nur, weil alle gleichermaßen an den Entscheidungen teilhaben sollten, sondern auch deswegen, weil die Handarbeiter meistens in praktischen Fragen mehr Erfahrung haben als die Ingenieure. (&#8230;)</p>
<p>Die spontane Disziplin und das hohe ethische Bewußtsein der Arbeiter waren allgemein anerkannt. Alle stimmten dem gemeinsamen Werk zu und nahmen daran teil, und jeder entwickelte seine eigene Phantasie, um technische Verbesserungen und neue Arbeitsmethoden zu finden. (&#8230;)</p>
<p>Diese Mitarbeit ging sogar über den Betriebs- bzw. Gewerkschaftsrahmen hinaus. Die gut ausgerüsteten Werkstätten stellten z.B. Raketen und Haubitzen für die aragonesische Front her. Die Arbeiter machten also kostenlos Extrastunden und kamen sogar Sonntags in die Fabrik, um dem gemeinsamen Kampf ihren unentgeltlichen Beitrag zu leisten.</p>
<p>Zum Abschluß will ich noch betonen, daß überall Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit herrschten. Gewiß hat es einige wenige Fälle von Unehrlichkeit gegeben, sie beschränkten sich aber innerhalb von Jahren auf sechs kleinere Diebstähle, die nicht einmal nennenswert wären, aber wir wollen nicht den Anschein erwecken, das Unangenehme zu übergehen. Am ernstesten war folgender Fall: Ein Arbeiter nahm ab und zu kleinere Mengen Kupfer mit nach Hause, die er dann verkaufte, sobald er ein Kilo zusammen hatte. Er wurde entlassen, als seine Frau aber zum Betriebskomitee ging und erklärte, sie hätte ein Kind, das darunter zu leiden haben würde, gab man ihr den Lohn für drei oder vier Wochen und versetzte ihren Mann in eine andere Werkstatt.</p>
<p><em><strong>Gaston Leval</strong></em></p>
<p><em>Aus: &#8220;Die Aktion&#8221; Nr. 161/164 &#8211; Dossier zu Spanien 1936 </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-schwarz-roten-strasenbahnen-von-barcelona/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

