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	<title>Die Gruppe MD &#187; Antisemitismus / Rassismus</title>
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	<description>Linke politische Textsammlung</description>
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		<title>Eins zu zehn : Neue Lager in Mauretanien</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Jun 2009 12:03:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht & Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Asyl]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach den jüngsten Flüchtlingskatastrophen vor der westafrikanischen Küste willigt Mauretanien in die Errichtung von Internierungslagern ein. In den vergangenen Tagen starben mindestens 45 Menschen bei dem Versuch, EU-Territorium auf den Kanarischen Inseln zu erreichen. Die Lager entstehen auf Druck der deutsch inspirierten EU-Politik zur Abwehr von Armutsströmen aus Afrika. Um weitere Fluchtbewegungen zu unterbinden, hat sich Mauretanien bereit erklärt, die von Berlin und Brüssel geforderte Sicherung seiner Außengrenzen zu intensivieren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-471"></span></p>
<p><em>(13.03.2006)</em></p>
<p>Nach den jüngsten Flüchtlingskatastrophen vor der westafrikanischen Küste willigt Mauretanien in die Errichtung von Internierungslagern ein. In den vergangenen Tagen starben mindestens 45 Menschen bei dem Versuch, EU-Territorium auf den Kanarischen Inseln zu erreichen. Die Lager entstehen auf Druck der deutsch inspirierten EU-Politik zur Abwehr von Armutsströmen aus Afrika. Um weitere Fluchtbewegungen zu unterbinden, hat sich Mauretanien bereit erklärt, die von Berlin und Brüssel geforderte Sicherung seiner Außengrenzen zu intensivieren. Damit erreicht die hochtechnologisierte Abschottung der EU gegen die westafrikanischen Küstenstaaten ihren vorläufigen geographischen Endpunkt im Westen des Kontinents. Zugleich verschärft die Bundesregierung das sogenannte Zuwanderungsgesetz und erleichtert damit erneut die Abschottung des eigenen Territoriums zu Lasten der angrenzenden Transitstaaten. Die deutsche Politik ziele auf eine praktisch flüchtlingsfreie &#8220;Insellage&#8221; mitten in Europa und delegiere den Flüchtlingsschutz an die Länder entlang der EU-Außengrenzen, erklärt der Europasprecher von Pro Asyl, Karl Kopp, im Gespräch mit dieser Redaktion. Das Bundesinnenministerium bestätigt diese Entwicklung: Die Zahl der anerkannten Asylbewerber tendiert inzwischen gegen Null.</p>
<p><strong>Die Lager</strong></p>
<p>Wie die mauretanische Regierung mitteilt, wird sie sofortige Maßnahmen zur Kontrolle von Schiffsreisen ergreifen, die EU-Territorium zum Ziel haben. Gemeint sind die Kanarischen Inseln. Bei den Maßnahmen handelt es sich um den Aufbau neuer Grenzposten, um die Ausweitung der Grenzpatrouillen und um eine Intensivierung der Grenzüberwachung.[1] Entsprechende Planunterlagen halten Berlin und Brüssel bereit. Auch der Einsatz europäischer Polizeitruppen &#8211; vermutlich aus Spanien &#8211; steht bevor. Zudem sollen festgenommene Ausreisewillige baldmöglichst in Lagern interniert werden.[2]</p>
<p>Mauretanien reagiert damit auf Druck aus der EU, die das Massensterben von Flüchtlingen im Meer zwischen dem afrikanischen Festland und den Kanarischen Inseln zum Anlass nimmt, die endgültige Befestigung der mauretanischen Seegrenze zu verlangen. Allein in den vergangenen vier Monaten sind nach Angaben humanitärer Organisationen mindestens 1.200 Menschen bei der Flucht auf hoher See ertrunken.</p>
<p><strong>Verschiebung</strong></p>
<p>Das Massensterben vor der afrikanischen Westküste ist die unmittelbare Folge von Maßnahmen, die die EU an der afrikanischen Nordküste erzwingt. Dort war Marokko im Herbst angewiesen worden, an seinen Außengrenzen die Kontrollen zu intensivieren.[3] Fluchtbewegungen, die bisher über die marokkanische Küste führten, wurden daraufhin abgelenkt, ohne dass die EU den Ursachen des anhaltenden Armutssdrucks nachging. Daraufhin kam es zu einer Verschiebung der Reisekoordinaten, die jetzt nach Westen weisen und vor allem über Mauretanien führen. Vom südlich angrenzenden Senegal können die Kanarischen Inseln &#8211; und damit EU-Territorium &#8211; mit herkömmlichen Fluchtmitteln, zumeist leichten Booten, praktisch nicht mehr angesteuert werden.</p>
<p><strong>Blaupausen</strong></p>
<p>Bei der Hochrüstung der mauretanischen Grenzen und dem Aufbau von Lagern kooperiert die EU mit einem Regime, das sich im vergangenen August an die Macht geputscht hat. Der gegenwärtige Präsident, der erst vor vier Wochen einen Sonderemissär zu Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt nach Berlin entsandt hatte, gilt als Hauptverantwortlicher für Foltermaßnahmen, für die mutmaßliche Liquidierung von Oppositionellen und für Massaker an Minderheiten.[4] Diese Zustände hindern Berlin nicht, beim technischen Aufbau maritimer Grenzsperren zu kooperieren. Entsprechende Vorarbeiten gehen auf Pläne des früheren deutschen Innenministers Otto Schily zurück. Nach diesen Blaupausen funktionieren weite Teile der Sperrwerke im Mittelmeer und an der osteuropäischen Peripherie.</p>
<p><strong>Nur die Haftzellen</strong></p>
<p>Berlin ergänzt seine äußere Flüchtlingspolitik um Verschärfungen der inneren Durchlässigkeit. Gegenwärtig arbeitet das Bundesinnenministerium an einer Neufassung des sogenannten Zuwanderungsgesetzes. Personen, die in Deutschland das grundgesetzlich garantierte Recht auf Asyl wahrnehmen wollen, werden weiteren Erschwernissen unterworfen. Demnach sollen Einreisende an den deutschen Außengrenzen bereits zurückgewiesen werden können, wenn der bloße Verdacht auf Asylgesuch besteht; auch eine unmittelbare Inhaftierung ist möglich.[5] Asylsuchende werden in Zukunft zwischen dem Augenblick ihres Einreisebegehrens und der Abschiebung &#8220;von Deutschland nur die Haftzellen sehen&#8221;, erklärt der Europareferent der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, Karl Kopp, im Gespräch mit dieser Redaktion.</p>
<p><strong>Verschiebebahnhof Dublin II</strong></p>
<p>Kopp zufolge ist es Ziel der strategisch angelegten Berliner Politik, einreisewillige Flüchtlinge in die südlichen und östlichen Außenstaaten der EU abzuschieben. Die sogenannte &#8220;Dublin II-Verordnung&#8221; der EU sehe vor, &#8220;dass in der EU derjenige Staat für die Asylprüfung zuständig ist, der die Einreise auf das Territorium der Gemeinschaft zugelassen hat&#8221;, berichtet Kopp. Die Folge ist zunehmender Druck auf die &#8211; meist ärmeren &#8211; südlichen und östlichen EU-Grenzstaaten, in denen illegale Zurückweisungen in angrenzende Nicht-EU-Staaten zunehmen. Die Lager, die Berlin dort errichten lassen will &#8211; aktuelles Beispiel: Mauretanien -, seien &#8220;sozusagen der Weichspüler, um die völkerrechtswidrigen Zurückweisungspraktiken mit der Behauptung zu legitimieren, man baue ja jetzt &#8216;Aufnahmesysteme&#8217; auf&#8221;, urteilt der Europareferent von Pro Asyl gegenüber german-foreign-policy.com. Er verweist auf bereits bestehende Elendscamps in der Ukraine, in denen die inhaftierten Flüchtlinge Hunger leiden.[6]</p>
<p><strong>Vom Hals schaffen</strong></p>
<p>Man habe zudem &#8220;den Eindruck&#8221;, als wären völkerrechtlich unzulässige Zurückweisungen mit der im Dezember von der EU-Kommission verabschiedeten Asylverfahrensrichtlinie &#8220;in eine EU-Richtlinie gegossen worden&#8221;. Dem EU-Paragraphenwerk zufolge soll es in Zukunft möglich sein, Flüchtlinge ohne weiteres in außereuropäische Staaten abzuschieben; dort muss nicht einmal die Genfer Flüchtlingskonvention ratifiziert worden sein. Wie Kopp urteilt, kann die Richtlinie, die in ähnlicher Form in Deutschland seit 1993 in Kraft ist und auf maßgeblichen Druck Berlins in EU-Recht übertragen wurde [7], als &#8220;Kompensation&#8221; für die südlichen und östlichen EU-Grenzstaaten gelten. Man habe &#8220;sinngemäß gesagt: Wir waren sehr erfolgreich mit unserer Drittstaatenregelung; wenn ihr sie implementiert, könnt ihr euch das Problem, mehr Flüchtlinge aufnehmen zu müssen, vom Hals schaffen.&#8221;</p>
<p><strong>Supergau</strong></p>
<p>Der &#8220;Supergau für den europäischen Flüchtlingsschutz&#8221; (Kopp) geht auf den Berliner Versuch zurück, Deutschland eine praktisch flüchtlingsfreie &#8220;Insellage&#8221; innerhalb der EU zu verschaffen. In der vergangenen Woche hat das Bundesinnenministerium die jüngste Asylstatistik veröffentlicht, die den vollen Erfolg des Vorhabens demonstriert. Demnach haben in den ersten beiden Monaten des Jahres insgesamt 3.801 Personen in Deutschland Asyl beantragt &#8211; 15,4 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Stand seit der nur kurz andauernden Öffnung der europäischen Grenzen in den Jahren 1989/90. Zeitgleich wurden 6.326 Asylverfahren entschieden. 63 Prozent der Anträge wurden abgelehnt, 33,8 Prozent &#8220;anderweitig erledigt&#8221; (etwa durch Rücknahme des Antrags oder Suizid), 2,4 Prozent (149 Personen) erhielten einen Abschiebeschutz nach Bestimmungen der Genfer Flüchtlingskonvention. Asyl erhielten im Januar und Februar &#8211; zunächst für drei Jahre, danach kann es aberkannt werden &#8211; bundesweit 0,8 Prozent der Antragsteller. Das sind exakt 52 Personen, weniger als eine pro Tag.[8] Etwa zehn pro Tag sterben bei dem Versuch, über die Kanarischen Inseln in die EU einzureisen.</p>
<p><em><strong>Bitte beachten Sie auch unser Extra-Dossier Festung Europa sowie das Interview mit Karl Kopp.</strong></em></p>
<p>[1] Mauritania anuncia un plan contra la inmigración clandestina hacia Canarias; El Pais 12.03.2006 [2] Autoridades mauritanas repatriaron 70 inmigrantes a Senegal; EFE 11.03.2006 [3] s. dazu Opfer unbekannt und Verschiebung [4] s. dazu Uneingeschränkt positiv [5] Mehr Abschottung, mehr Haft, weniger Integration. Pro Asyl zum Entwurf eines Gesetzes zur Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher Richtlinien der Europäischen Union; www.proasyl.de [6] Lesen Sie dazu das Interview mit Karl Kopp. [7] s. dazu Berlin will Verschärfung des europäischen Asylrechts und Europa den Europäern sowie Anwalt der Menschenrechte [8] 1.779 Asylbewerber im Februar 2006; Pressemitteilung des Bundesministeriums des Inneren 08.03.2006</p>
<p>s. auch Lagerspezialisten und Größere humanitäre Krise sowie Elendszirkulation</p>
<p><em>Aus: <a href="http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/56280" target="_blank">http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/56280</a></em></p>
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		<title>Zur Geschichte des Antisemitismus</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/zur-geschichte-des-antisemitismus</link>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 09:00:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[KZ]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Shoah]]></category>

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		<description><![CDATA[Antisemitismus bzw. Antijudaismus ist ein spezifisches rassistisches Phänomen, das die Menschheit seit mehr als zweitausend Jahren begleitet. Der Begriff des Antisemitismus entstand im 19. Jahrhundert (1879 von Wilhelm Marr geprägt) und bezeichnet den Hass (Feindschaft?) einzelner Menschen oder ganzer Völker gegen die Juden. Das Phänomen ist existent seitdem die Juden außerhalb Palästinas, d.h. in der Diaspora leben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-425"></span><strong>Vom religiösen Antijudaismus bis zur Endlösung Zur Geschichte des Antisemitismus</strong></p>
<p>Antisemitismus bzw. Antijudaismus ist ein spezifisches rassistisches Phänomen, das die Menschheit seit mehr als zweitausend Jahren begleitet. Der Begriff des Antisemitismus entstand im 19. Jahrhundert (1879 von Wilhelm Marr geprägt) und bezeichnet den Hass (Feindschaft?) einzelner Menschen oder ganzer Völker gegen die Juden. Das Phänomen ist existent seitdem die Juden außerhalb Palästinas, d.h. in der Diaspora leben. Nach Aufständen der Juden im Jahr 70 n.Chr. gegen die römischen Besatzungstruppen wurde Jerusalem zerstört, die jüdische Bevölkerung getötet oder vertrieben und der jüdische Staat zerschlagen. Die geflohenen Juden assimilierten sich in den folgenden Jahrhunderte in ihren Zufluchtsländern. Allerdings hielten die meisten an der Religion ihrer Vorfahren und ihrem Volkstum fest. Auf diese Weise entstand in vielen Staaten der Welt eine religiöse und ethnische Minderheit bis in die heutige Zeit.</p>
<p>Der analytische Blick auf die Geschichte zeigt: Der Antisemitismus begann nicht erst mit dem Nationalsozialismus. Verfolgungen von Juden gab es in großem Ausmaß bereits im Mittelalter. Im Jahr 1096 z.B. wurden in ganz Europa Tausende von Juden getötet und vielerorts ganze jüdische Gemeinden ausgerottet. Diese Pogrome entstanden z.T. aus der christlich-religiösen Überzeugung, die Juden seien die Feinde der Christen. Die Opfer wurden so zu Sündenböcken gestempelt und für damals rational nicht erklärbare Naturkatastrophen, Hungersnöte und Seuchen verantwortlich gemacht. Infolge weiterer Stereotypisierungen wurden Juden als Mörder kleiner Kinder, als Hostienschänder und Brunnenvergifter verleumdet und verfolgt. Als 1348 eine Pest Europa verheerte, stellte man dies als Strafe Gottes dafür dar, dass die Christenheit die Juden noch nicht aus ihrer Mitte entfernt habe. Fortan kasernierte man Juden in gesonderten Stadtteilen, den Ghettos und zwang sie, sich durch besondere Kleidung als Juden zu erkennen zu geben. Das fanatisierte Klima der Kreuzzüge (11.-13. Jahrhundert) trug wesentlich zu dem von der katholischen Kirche bis in die 1960er Jahre offiziell aufrechterhaltenen Vorwurf gegenüber den Juden als „Christusmörder“ bei.</p>
<p>Oft hatte der Antisemitismus wirtschaftliche Ursachen. Beispielsweise warf man Juden vor, sich auf Kosten von Nichtjuden zu bereichern. Da es Christen im Mittelalter aus religiösen Gründen versagt war Zinsen zu nehmen, blieben die Geldgeschäfte oft den Juden vorbehalten. Dies führte dazu, dass viele Christen bei Juden verschuldet waren. Die meisten anderen Berufe waren ihnen verschlossen. Aus der Landwirtschaft wurden sie verdrängt, und ein Handwerk konnten sie nicht ausüben, weil sie als Nichtchristen kein Mitglied einer Zunft werden durften. So blieb ihnen nur das Geldgeschäft und der Kleinhandel.</p>
<p>In den ersten Reformationsjahren begegnete man in den protestantischen Gebieten den Juden zunächst mit Toleranz. Auch Martin Luther äußerte sich positiv über sie und zeigte ein besonderes Interesse an der hebräischen Sprache. Er hegte die missionarische Hoffnung, die Juden für den christlichen Glauben gewinnen zu können &#8211; ein Trugschluss, der einen radikalen Meinungswandel bewirkte. Die Juden erschienen Luther nun als ein Volk, das willentlich Gottes Liebe verschmähte. Noch wenige Jahre vor seinem Tod verfasste er eine Schrift mit dem Titel &#8220;Von den Juden und ihren Lügen&#8221;. Darin verstieg er sich zu der Forderung, die Synagogen abzubrennen, die Wohnungen der Juden zu zerstören, den Rabbinern das Lehren zu verbieten und den Juden auf jede erdenkliche Weise das Leben schwer zu machen: eine verhängnisvolle antijudaistische Agitationsschrift, denn seitdem haben sich protestantische Judenfeinde immer wieder auf Luther berufen.</p>
<p>Nachdem es im 18. Jahrhundert vorübergehend eine Zeit der Toleranz gegenüber Juden gegeben hatte und sie auf allen gesellschaftlichen Gebieten eine gewisse Gleichberechtigung erfuhren, entstand im 19. Jahrhundert vor allem in Deutschland eine neue Welle der Judenfeindschaft. Sie war weniger religiös als vielmehr nationalistisch-rassistisch geprägt. Juden wurden nun als &#8220;national unzuverlässig&#8221;, als &#8220;heimatlose Gesellen&#8221;, als &#8220;völkisch minderwertig&#8221; bezeichnet. Man forderte die &#8220;Reinigung&#8221; des deutschen Volkes von allem Jüdischen. In einer Nation dürfe nur eine Seele sein. Auch die Kirchen waren nicht frei von dieser Judenfeindschaft. Es wurde behauptet, Juden seien im Gegensatz zu den wahren Deutschen ohne jegliche tiefere Religiosität und liefen nur den &#8220;Götzen des Goldes&#8221; nach. Auf diesem nationalistisch geprägten Antisemitismus konnten die Nazis später aufbauen, als sie die Vernichtung der Juden planten und durchführten.</p>
<p><strong>Antisemitismus im Dritten Reich</strong></p>
<p>Der Höhepunkt antisemitisch bedingter Verfolgungen wurde in den Jahren 1933-1945 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten erreicht. Hitler und die NSDAP propagierten den rassistischen Antisemitismus. Das nationalsozialistische Weltbild ist geprägt durch Vorstellung des angeblich ständigen Kampfes zwischen der &#8220;hochwertigen&#8221; Rasse, den Ariern, und der &#8220;minderwertigen&#8221; Rasse, den Juden weg. Durch Vermischung mit den Juden werde die germanische Rasse verdorben und sei auf lange Sicht zum Untergang verurteilt. &#8220;Die Juden sind unser Unglück&#8221; lautete eine von den Nazis verbreitete Parole. Ziel der nationalsozialistischen Politik war es deshalb, die &#8220;Reinheit des deutschen Blutes&#8221; zu bewahren bzw. wiederherzustellen. Bei der deutschen Bevölkerung, in der viele Menschen antisemitisch und nationalistisch dachten und fühlten, fanden die Nazis damit breite Zustimmung. Die Feindschaft gegen das Judentum gehörte von Anfang an zum Parteiprogramm der Nationalsozialisten.</p>
<p>Nach der Machtergreifung im Jahre 1933 wurden sofort antijüdische Maßnahmen durch die Nazis eingeleitet, weg ständig verschärft und ausgeweitet.</p>
<p>1933: Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland durch die SA. Die Aktionen richteten sich auch gegen jüdische Rechtsanwälte und Ärzte sowie gegen den Besuch von Schulen und Universitäten durch Juden. Jüdische Beamte wurden aus den Ämtern entfernt, Künstler und Schriftsteller und Schriftleiter bei den Zeitungen erhielten praktisch Berufsverbot.</p>
<p>1935: Die &#8220;Nürnberger Gesetze&#8221; werden beschlossen und in Kraft gesetzt. Darin heißt es:</p>
<ul>
<li> §1: Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig, auch wenn sie zur Umgehung dieses Gesetzes im Ausland geschlossen sind.</li>
<li>§2: Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes ist verboten.</li>
<li>§3: Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren in ihrem Haushalt nicht beschäftigen.</li>
</ul>
<p>1937: Beginn der &#8220;Arisierung&#8221; der Wirtschaft. Die jüdischen Besitzer von Unternehmen und Geschäften werden gezwungen, ihren Besitz meist weit unter Wert an Deutsche zu verkaufen. Viele deutsche Geschäftsleute bereichern sich an jüdischem Eigentum.</p>
<p>1938: Einweisung aller so genannten vorbestraften Juden in Konzentrationslager. Die jüdischen Ärzte verlieren ihre Approbation. Sie dürfen nur noch als &#8220;Krankenbehandler&#8221; für Juden tätig sein. Juden müssen ihrem offiziellen Namen die Vornamen &#8220;Israel&#8221; oder Sara&#8221; hinzufügen. &#8220;Reichskristallnacht&#8221; am 9./10. 11.: Zerstörung von Synagogen, Geschäften und Wohnhäusern der Juden. Verhaftung von über 26000 männlichen Juden und Einweisung in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Mindestens 91 Juden werden getötet.</p>
<p><strong>Juden dürfen keine Kinos, Theater und Konzerte mehr besuchen.</strong></p>
<p>1939: Hitler kündigt vor dem Reichstag im Falle eines Krieges die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa an. Deutscher Angriff auf Polen am 1.9., Beginn des Zweiten Weltkriegs. Beginn der Judenverfolgungen und -vernichtungen in allen von deutschen Truppen eroberten Gebieten: in Polen, Rumänien, in Estland, Lettland und Litauen und in der Sowjetunion.</p>
<p>1941: Einführung des Judensterns. Juden über sechs Jahren ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne den gelben Judenstern zu zeigen. Juden dürfen ihren Wohnbezirk ohne Genehmigung der Polizei nicht verlassen.</p>
<p>1942: Verbot der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Juden. Weitere Einschränkungen im Laufe des Krieges: Es war Juden verboten, Fernsprecher zu benutzen, Zeitungen zu beziehen, sich auf Bahnhöfen und in Gaststätten aufzuhalten. Radios, andere elektrische und optische Geräte mussten abgeliefert werden. Juden erhielten keine Fleischkarten, keine Kleiderkarten, keine Milchkarten, keine Raucherkarten, kein Weißbrot, kein Obst, keine Obstkonserven, keine Süßwaren.</p>
<p>10/43: Auswanderungsverbot</p>
<p><strong>Antisemitismus und Holocaust/Shoah</strong></p>
<p>Nach der Machtergreifung im Jahr 1933 begannen die Nationalsozialisten, die jüdische deutsche Bevölkerung durch gesetzliche Verordnungen und Willkürmaßnahmen zu verfolgen und zu terrorisieren. Auf der so genannten &#8220;Wannseekonferenz&#8221; am 20.1.1942 beschlossen die Nazis die Deportation und Ausrottung des gesamten europäischen Judentums. Hitler machte damit wahr, was er schon lange als seine Absicht angekündigt hatte und was eigentlich jeder in Deutschland voraussehen konnte, sofern er es sehen wollte. Adolf Eichmann wurde mit der Organisation der &#8220;Endlösung&#8221; beauftragt.</p>
<p>1942-45: Beginn der Massenvernichtungen in Auschwitz und anderen großen Vernichtungslagern wie Maidanek, Sobibor, Treblinka. In diese (von den Konzentrationslagern zu unterscheidenden) Lager wurden die Menschen jüdischer Herkunft aus dem ganzen Machtbereich des &#8220;Dritten Reiches&#8221; nach und nach deportiert, sofern sie nicht schon den Erschießungskommandos der SS-Einsatzgruppen in den eroberten russischen Gebieten zum Opfer gefallen waren. Die absolut genaue Zahl der Opfer lässt sich nicht mehr feststellen. Doch wurden insgesamt wohl in den Jahren 1942 bis 1945 ca. sechs Millionen Juden aus ganz Europa getötet, wie in den NS-Prozessen der Nachkriegszeit festgestellt wurde.</p>
<p>Dazu die Aussage des KZ-Kommandanten Rudolf Höß: &#8220;&#8230; Ich befehligte Auschwitz bis zum 1. 12.1943 und schätze, daß mindestens 2,5 Millionen Opfer durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden; mindestens eine weitere halbe Million starben durch Hunger und Krankheit, was eine Gesamtzahl von ungefähr 3 Millionen Toten ausmacht. Unter den hingerichteten und verbrannten Personen befanden sich ungefähr 20.000 russische Kriegsgefangene. Der Rest umfaßte ungefähr 100.000 deutsche Juden und eine große Anzahl von Einwohnern aus Holland, Frankreich, Belgien, Ungarn, Griechenland und anderen Ländern.&#8221; Zwei Drittel der in Europa lebenden Juden fielen dem Holocaust zum Opfer. An den Folgen dieser Vernichtungsaktion leiden nicht nur die Überlebenden der Vernichtungslager, die die eintätowierte Lager-Nummer zeitlebens mit sich herumtragen. Sehr viele der heute lebenden Juden, deren Familien aus Europa stammen, haben nahe Angehörige unter den Opfern.</p>
<p><strong>Schuldfrage/ Erklärungsansätze</strong></p>
<p>Der Holocaust war in Deutschland auch deshalb möglich, weil die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung Hitlers &#8220;strengem Vorgehen&#8221; gegen die Juden zunächst positiv gegenüber stand und es billigte. Die Kirchen blieben stumm, ja sie übernahmen z.T. die Nazi-Rassegesetze und belegten Pfarrer jüdischer Herkunft mit Berufsverbot. Diese Sympathie gegenüber dem judenfeindlichen Gedankengut der Nazis bedeutet nicht, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit auch die entsetzliche Vernichtungsaktion gebilligt hätten. Als man das Ausmaß und die Umstände des Holocaust nach und nach erkannte, war es für Protestaktionen längst zu spät. Sich für das Schicksal der Juden zu interessieren oder ihnen gar zu helfen, war lebensgefährlich. Nur einzelne wie z.B. Oskar Schindler oder Raoul Wallenberg fanden dazu den Mut und die Möglichkeit, unter Einsatz ihres Lebens.</p>
<p>Als nach Kriegsende die Wahrheit über den Holocaust immer deutlicher wurde, berief man sich weitgehend auf angebliche Unwissenheit, um die Mitverantwortung von sich wegzuschieben. Bis heute finden in der deutschen Bevölkerung auch diejenigen noch Gehör, die behaupten, so schlimm könne alles doch nicht gewesen sein und dass es eine Lüge sei zu behaupten, 6 Millionen Juden umgekommen seien (so genannte Auschwitz-Lüge).</p>
<p>Die Evangelische Kirche hat am 30. 10.1945 die &#8220;Stuttgarter Schulderklärung&#8221; veröffentlicht, in der sie sich zu ihrer Mitverantwortung an den Vorgängen im &#8220;Dritten Reich&#8221; bekennt. In diesem Schuldbekenntnis heißt es: „&#8230; Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. &#8230; Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.&#8221; An diesem Bekenntnis wird jedoch kritisiert, dass es nicht konkret die Mitschuld an den Nazi-Verbrechen nennt und mit keinem Wort auf den Holocaust eingeht. Von vielen Christen in der Evangelischen Kirche wurde auch dieses vage formulierte Schuldbekenntnis als zu weit gehend abgelehnt.</p>
<p><strong>Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg</strong></p>
<p>In den westlichen Demokratien hat das abschreckende Beispiel der nationalsozialistischen Politik der Judenvernichtung dazu geführt, dass der Antisemitismus in der Nachkriegszeit abnahm. Dennoch zeigten Umfragen in den achtziger und neunziger Jahren in Deutschland und Österreich, dass 10 bis 15 Prozent der jeweiligen Bevölkerung als überzeugte Antisemiten einzustufen sind, ein weiteres Drittel antijüdischen Ressentiments anhängt. In den neunziger Jahren sind in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern und den USA erneut reaktionäre und rassistische Parteien und Gruppen entstanden, die antisemitische Ideologien vertreten und häufig in enger Verbindung zu neofaschistischen Gruppierungen stehen. Nach dem Fall der Mauer nahm die Zahl antisemitischer Übergriffe in Deutschland erneut zu.</p>
<p>re, ff, 12.1.04</p>
<p><em><strong>Literatur</strong></em></p>
<p>* Arendt, Hannah: Israel, Palästina und der Antisemitismus. Aufsätze. Berlin 1991<br />
* Benz, Wolfgang: Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus, München 2001<br />
* Benz, Wolfgang / Hermann Graml /Hermann Weiß: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997.<br />
* Benz, Wigbert / Bernd Bredemeyer / Klaus Fieberg: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Beiträge, Materialien Dokumente. CD-Rom, Braunschweig 2004.<br />
* Blaschke, Olaf: Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich. Göttingen 1997<br />
* Brakelmann, Günter / Martin Rosowski: Antisemitismus. Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie. Göttingen 1989<br />
* Domrös, Arne / Thomas Bartoldus / Julian Voloj: Judentum und Antijudaismus. Berlin 2003<br />
* Gutman, Israel / Eberhard Jäckel / Peter Longerich (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. München 1998<br />
* Graml, Hermann: Reichskristallnacht. München 1998<br />
* Hecht, Cornelia : Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik &#8211; J. H. W. Bonn 2003<br />
* Hentges, Gudrun / Reinhard Kühnl (Hrsg.): Antisemitismus. Geschichte &#8211; Interessenstruktur &#8211; Aktualität. Heilbronn 1995<br />
* Hoensch, Jörg / Stanislav Biman / L&#8217;ubomir Liptak: Judenemazipation, Antisemitismus, Verfolgung. Essen 1999<br />
* Kreis, Rudolf: Antisemitimus und Kirche. Hamburg 1999<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus I. Von der Antike bis zu den Kreuzzügen. Frankfurt/M 1979<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus III. Religiöse und soziale Toleranz unter dem Islam. Anhang: Die Juden im Kirchenstaat.Frankfurt/M 1979<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus IV. Die Marranen im Schatten der Inquisition. Anhang: Die Morisken und ihre Vertreibung. Frankfurt/M 1979<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus VII. Zwischen Assimilation und &#8216;jüdischer Weltverschwörung&#8217;. Frankfurt/M 1979<br />
* Simmel, Ernst: Antisemitismus. ( Fischer Wissenschaft). Frankfurt/M 2001<br />
* Stern, Frank: Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg. Gerlingen 1991<br />
* Sammons, Jeffrey L.: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus &#8211; eine Fälschung. Göttingen 1998<br />
* Von Braun, Christina / Ludger Heid (Hrsg.): Der ewige Judenhaß, Berlin/Wien 2000</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.shoa.de/" target="_blank">http://www.shoa.de/</a></em></p>
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		<title>Antisemitismus in Österreich &#8211; ein historischer Überblick</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 08:52:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Entgegen oftmaligen Behauptungen, der Antisemitismus sei eine Sache des Nationalsozialismus und dieser wiederum eine Sache der Deutschen begann der wirtschaftliche Antisemitismus in Österreich schon im 10. Jahrhundert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-423"></span>Entgegen oftmaligen Behauptungen, der Antisemitismus sei eine Sache des Nationalsozialismus und dieser wiederum eine Sache der Deutschen begann der wirtschaftliche Antisemitismus in Österreich schon im 10. Jahrhundert. Juden und Jüdinnen war es nur erlaubt Geld- und Kreditgeschäfte zu betreiben, doch sie mußten an den Adel hohe Abgaben zahlen, wodurch sie hohe Zinsen verlangen mußten. Neben dem wirtschaftlichen gab es auch den christlichen Antisemitismus. Juden und Jüdinnen wurde nachgesagt &#8220;Gottesmörder&#8221; zu sein, Christenkinder umzubringen, Brunnen zu vergiften oder verantwortlich für Pestepidemien zu sein.</p>
<p>Im 15. Jahrhundert begann die &#8220;gesetzliche&#8221; Vertreibung der Jüdinnen und Juden. 1431 wurden sie aus Wien verbannt und 1498 erließ der Erzbischof von Salzburg ein &#8220;Judenverbot&#8221;. Im 16. Jahrhundert allerdings waren wegen militärischer Niederlagen jüdische Händler (und nur Händler) im Habsburgerreich wieder geduldet. Doch bereits 1670 wurden von Leopold I. 4000 Juden und Jüdinnen aus Wien wieder vertrieben, wAeil sie sich nicht taufen ließen. Auch Maria Theresia (1740-1780) wollte ein von Juden und Jüdinnen gesäubertes Wien. Ihre antisemitischen Haßtiraden wurden mit Begeisterung von Nazis zitiert. Erst unter Joseph II. (1780-1790) ging es den Juden und Jüdinnen etwas besser. Sie mußten nicht mehr das sie kennzeichnende gelbe Abzeichen tragen, durften erstmals Schulen besuchen, akademische Berufe ausüben und in Fabriken arbeiten. Allerdings hatten sie sich anzupassen. Sie mußten sich christlich kleiden, deutsche Namen annehmen und durften nicht in ihrer Sprache in der Öffentlichkeit miteinander reden. Aber nach dem Tod Joseph II. war es mit den gemachten Zugeständnissen wieder vorbei. Erst 1867 wurden alle Gesetze abgeschafft, die Juden und Jüdinnen diskriminierten.</p>
<p>Ende des 19. Jahrhunderts entstand der rassische Antisemitismus. Viele antisemitische Parteien entstanden, wie Georg von Schönerers Alldeutsche Partei, oder die Christlichsoziale Partei, die von Karl Lueger, dem späteren Bürgermeister Wiens, gegründet wurde. Hitler widmete vor lauter Begeisterung beiden viele Seiten in seinem Buch &#8220;Mein Kampf&#8221;. Nach der Gründung der 1.Republik nahmen die antisemitischen Kundgebungen und Ausschreitungen auf der Straße zu. So ziemlich jede Partei hatte antisemitische Forderungen. z.B. forderten die Christlichsozialen die Vertreibung von &#8220;Ostjuden&#8221; oder sie in Internierungslagern festzuhalten. Aber auch der Sozialdemokratische Landeshauptmann von Niederösterreich, Albert Sever, forderte, daß alle &#8220;Fremden&#8221;, bis auf solche mit vorübergehender Aufenthaltsbewilligung, das Bundesland zu verlassen hätten. Viel Anklang bei einer öffentlichen Kundgebung (mit 3.000 Personen!) fand auch die Behauptung, man trete für eine Deportierung von 200.000 &#8220;Ostjuden&#8221; ein, um für die 150.000 Obdachlosen der Stadt Platz zu schaffen.</p>
<p>Kein Wunder, daß ab 1931 auf jüdischen Geschäften Zettel mit der Aufschrift &#8220;Kauft nicht bei Juden&#8221; keine Seltenheit waren. Auch Bombenanschläge auf jüdische Geschäfte gehörten ab 1932 sozusagen zum Alltag. Ab Februar 1934, unter den Austrofaschisten, wurden Juden und Jüdinnen nicht mehr in öffentlichen Krankenhäusern aufgenommen, Gewerbe- und Gewerkschaftsbund schlossen jüdische Mitglieder aus und befürworteten 1937 den Boykott jüdischer Handelsbetriebe. Anfang 1938 war der Status der österreichischen Juden und Jüdinnen jenem in Deutschland sehr ähnlich.</p>
<p>Schon vor dem Einmarsch der deutschen Faschisten im März 1938 war der Antisemitismus in Österreich sehr weit verbreitet. Gleich in den ersten Tagen der Okkupation kam es zu einem Exzess von Plünderungen und brutalen Gewalttaten gegenüber jüdischen MitbürgerInnen, die in erster Linie von österreichischen Nazis und Nicht-Nazis durchgeführt wurden. Die Brutalität der österreichischen Antisemiten &#8220;beeindruckte&#8221; sogar die deutschen Nazis. Das offizielle SS-Organ &#8220;Das schwarze Korps&#8221; stellte Ende April neidisch fest, daß den Österreichern &#8220;Über Nacht das gelungen ist, was die Deutschen nach vielen Jahren nicht geschafft haben.&#8221; Hinter der Vernichtungsmaschinerie Nazi-Deutschlands standen eine Vielzahl von Österreichern in führenden Positionen, allen voran Adolf Eichmann. Er war Chef der &#8220;Zentralstelle für jüdische Auswanderung&#8221; in Wien. Dort beeindruckte er die deutsche Nazi-Führung so sehr, daß sie ihn mit der Oberleitung der jüdischen Deportation für das ganze Reich betraute. Eichmann hatte einen Stab von Vertrauensleuten um sich herum, der zu 80% aus Österreichern bestand.</p>
<p>Nach Kriegsende stellte sich Österreich bekanntlich als das erste Opfer Deutschlands dar und behauptete niemals Gefühle des Hasses gegen andere Völker gehegt zu haben. Das war auch eine &#8220;gute&#8221; Begründung um Entschuldigungs- und Wiedergutmachungsforderungen abzuwehren (da Österreich schließlich selbst Opfer war). Sogar der erste Nationalratspräsident Nachkriegsösterreichs Leopold Kunschak rühmte sich schon 1945 wieder, immer schon Antisemit gewesen zu sein. Er war nicht der einzige führende Politiker der Nachkriegszeit der antisemitisches Gedankengut vertrat.</p>
<p>Der politische Antisemitismus ist heute zwar nicht mehr salonfähig, doch obwohl die Rolle des Sündenbocks auf politischer Ebene &#8220;geschickt&#8221; auf Nichtösterreicher und Nichtösterreicherinnen umgewälzt wurde, ist laut Umfragen der Antisemitismus in der österreichischen Gesellschaft immer noch präsent.</p>
<p><em><strong>Sofia</strong></em></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.anarchismus.at/" target="_blank">http://www.anarchismus.at/</a></em></p>
]]></content:encoded>
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		<title>Der deutsche Zionismus während des Dritten Reiches</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 08:05:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Zionismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine besondere Rolle in der Verfolgungspolitik des NS-Regimes gegenüber den Juden spielte die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD). Jene versuchten die Nazis für ihre Absicht, Deutschland „judenrein“ zu machen, zu instrumentalisieren. Grundlage dafür war das zionistische Konzept von Dissimilation und Emigration als „Lösung der Judenfrage“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-420"></span></p>
<p>Eine besondere Rolle in der Verfolgungspolitik des NS-Regimes gegenüber den Juden spielte die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD). Jene versuchten die Nazis für ihre Absicht, Deutschland „judenrein“ zu machen, zu instrumentalisieren. Grundlage dafür war das zionistische Konzept von Dissimilation und Emigration als „Lösung der Judenfrage“. Der Zionismus betrachtete die Emanzipation und Assimilation der Juden als Ursache des Antisemitismus. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Juden lehnte er deren Bekenntnis zu ihrem jeweiligen Heimatlandes ab und forderte stattdessen die Anerkennung der Existenz einer jüdischen Nation. Er rief die Juden dazu auf, sich ihrer eigenen Wurzeln bewußt zu werden: jüdische Tradition, Geschichte, Kultur und die jüdische Heimat in Palästina. Im Gegensatz zu den Organisationen der assimilierten Juden hatten die Zionisten während der Jahre der Weimarer Republik nur wenig Interesse an einem Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus gezeigt. Sie betrachteten den Kampf gegen den Antisemitismus als sinnlos und richteten ihre Arbeit fast vollständig auf den Aufbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina aus. Für die ZVfD lag die „Lösung der Judenfrage“ in der „Entwurzelung“ der Juden aus der deutschen Gesellschaft. Deshalb propagierte sie die Dissimilation der Juden in Form einer Anerkennung als nationale Minderheit bzw. einer kulturellen Autonomie. Dieser Status sollte dazu genutzt werden, auswanderungswillige Juden auf die Emigration nach Palästina vorzubereiten.</p>
<p>Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erwies sich diese Strategie der Situation angemessener als das Festhalten an der Assimilation. Dies zeigte sich u.a. daran, daß die ZVfD unter den deutschen Juden auf größere Resonanz stieß und von einer Minderheitenströmung zu einer der größten und einflussreichsten Organisationen des deutschen Judentums aufstieg. Zusammen mit dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ und anderen jüdischen Organisationen engagierte sich die ZVfD im Aufbau der Selbstorganisation des jüdischen Lebens in NS-Deutschland. In der Reichsvertretung der deutschen Juden arbeiteten diese Gruppen gemeinsam für einen autonomen jüdischen Bereich, in welchem ein eigenes Bildungswesen, eigene Wohlfahrtsinstitutionen und ein eigenständiges kulturelles Leben organisiert wurden. Die Zionisten betonten in dieser Arbeit besonders die Herausbildung eines jüdischen Nationalbewußtseins in der Absicht, die Juden auf ein Leben in Palästina vorzubereiten. Sie schlossen mit dem NS-Regime das Haavara-Transfer-Abkommen, das auswanderungswilligen Juden die Emigration nach Palästina erleichtern sollte und unterhielten Hachscharah-Zentren, in denen vor allem Jugendliche auf das Leben in palästinensischen Kibbuzim vorbereitet wurden. Während die ZVfD nach anfänglichen ideologischen Auseinandersetzungen mit den Organisationen der assimilierten Juden zusammenarbeitete, mußte sie sich in den Jahren zwischen 1934 und 1937 eines gefährlichen innerzionistischen Gegners erwehren. Die revisionistische Staatszionistische Organisation mit ihrem Vorsitzenden Georg Kareski führte einen Kampf gegen die ZVfD, die Assimilierten und die Reichsvertretung. Sie lehnte das pluralistische System der jüdischen Selbstorganisation ab, propagierte das „Führerprinzip“ und bot sich dem Regime zur Zwangsverwaltung des deutschen Judentums an. Die Gestapo versuchte tatsächlich Kareski in eine zentrale Führungsposition zu hieven, scheiterte aber am Widerstand der jüdischen Gemeinschaft.</p>
<p>Die nationalsozialistische Behörde, die sich intensiv mit der zionistischen Arbeit in Deutschland befasste, war der Sicherheitsdienst (SD) der SS. Bis 1937 unterstützte er die Tätitgkeit der ZVfD hinsichtlich der Hachscharah und der Emigration, während er gleichzeitig die assimilierten Organisation behinderte. Vor allem der erste Leiter des SD-„Judenreferates“ (Abteilung II/112), Leopold von Mildenstein, betrachtete die Förderung der Zionisten als probates Mittel zur „Lösung der Judenfrage“ in Deutschland. Nach seinem Rückzug aus dem SD im Jahr 1936 wandte sich der Sicherheitsdienst schrittweise von der „zionistischen Option“ ab. Es setzte sich die Haltung durch, daß die Unterstützung der Emigration nach Palästina den Aufbau eines mächtigen jüdischen Staates dort förderte, welcher zu einem gefährlichen Gegner NS-Deutschlands heranwachsen könnte. Auch an einer Fortführung des Haavara-Abkommens verlor man das Interesse. Als dem SD bewußt wurde, daß die Palästinawanderung nicht in dem erhofften Ausmaß stattfand und zudem nicht die erwarteten wirtschaftlichen Vorteile erbrachte, ging er dazu über, die geordnete jüdische Auswanderung durch eine Politik der Vertreibung zu ersetzen.</p>
<p>Auch wenn die ZVfD in den Jahren bis 1937 von den Nazis gegenüber anderen jüdischen Gruppierungen bevorzugt behandelt wurde, litt ihre Arbeit unter der antijüdischen Politik. Je mehr sich assimilierte Juden für den Verbleib in Deutschland aussprachen, desto mehr Druck übte das Regime auf die zionistischen Organisationen aus, um die Auswanderung zu beschleunigen. Immer wieder wurden zionistische Funktionäre verhaftet und das Erscheinen der zionistischen „Jüdischen Rundschau“ untersagt. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde die ZVfD schließlich verboten und ihr Auswanderungsbüro, das „Palästinaamt“, in die Zwangsorganisation der Reichsvereingung der Juden in Deutschland eingegliedert.</p>
<p><em>Autor: Axel Meier</em></p>
<p><em><strong>Literatur</strong></em></p>
<p>* Jacob Boas, „German-Jewish Internal Politics under Hitler 1933-1938“, in: Yearbook of the Leo Baeck Institute 29 (1984), S. 3-25<br />
* Benno Cohn, „Einige Bemerkungen zum deutschen Zionismus“, in: Hans Tramer (Hg.), In Zwei Welten, Siegfried Moses zum 75. Geburtstag, Tel Aviv 1962, S. 43-54<br />
* Francis R. Nicosia, „Revisionist Zionism in Germany (II) &#8211; Georg Kareski and the Staatszionistische Organisation, 1933-1938“, in: Yearbook of the Leo Baeck Institute 32 (1987), S. 231-267<br />
* Francis R. Nicosia, The Third Reich and the Palestine Question, London 1985<br />
* Jehuda Reinharz, „The Zionist Response to Antisemitism in Germany“, Yearbook of the Leo Baeck Institute, 30 (1985), S. 105-140<br />
* Alexander Schölch, &#8220;Drittes Reich, zionistische Bewegung und Palästinakonflikt&#8221;, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 30, 1982, S. 646-674<br />
* Hans Tramer (Hg.), In Zwei Welten. Siegfried Moses zum 75. Geburtstag, Tel Aviv 1962<br />
* Robert Weltsch, Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck. Eine Aufsatzreihe der „Jüdischen Rundschau“ zur Lage der deutschen Juden, Nördlingen 1988</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.shoa.de/" target="_blank">http://www.shoa.de/</a></em></p>
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		<title>Judenmord – warum?</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 07:58:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Shoah]]></category>
		<category><![CDATA[Völkermord]]></category>

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		<description><![CDATA[Kaum ein historisches Ereignis ist so ausführlich erforscht worden wie der Völkermord an den Juden. Viel wissen wir über das Wer, das Wo und das Wann. Dahinter verblaßt die Frage nach dem Warum.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-417"></span></p>
<p class="vspace"><big><strong>Viel wissen wir über das Wer, das Wo und das Wann. Dahinter verblaßt die Frage nach dem Warum</strong></big></p>
<p class="vspace"><em>Die folgende gekürzte Fassung eines Universitätsvortrags von Kurt Pätzold entnamen wir der Tageszeitung &#8220;junge Welt&#8221;.</em></p>
<p class="vspace"><small><em>Von Kurt Pätzold</em></small></p>
<p class="vspace"><strong>Kaum ein historisches Ereignis ist so ausführlich erforscht worden wie der Völkermord an den Juden. Viel wissen wir über das Wer, das Wo und das Wann. Dahinter verblaßt die Frage nach dem Warum.</strong></p>
<p class="vspace">Nach einem anfänglich in die engere Wahl gezogenen Entwurf für das »Holocaust«-Denkmal in Berlin hätten sich die Besucher beim Betreten des Ortes einem Fragewort 39fach gegenüber gesehen: »Warum?« In sämtlichen Sprachen der Ermordeten sollte es auf einer Eisenplatte erscheinen. Gedacht war zudem an eine Dokumentation des Entstehungsprozesses des Denk-Mals. Seine ersten Betrachter sollten Antworten formulieren, die später – so war das Projekt weiter beschrieben – in eine das Areal bedeckende Metallplatte graviert werden sollten. Der erste Teil des Projekts war originell, hätte er doch – anders als konkurrierende – einen eindringlichen »Ansatz zum Denken« geboten. Der zweite, gleichsam die Wiedergabe des ersten Besucherbuches, lief auf einen Katalog mehr oder weniger zufällig gewonnener Antworten hinaus, womöglich auf eine Zitatensammlung aus Geschichtswerken. Dem Urheber dieses Entwurfs, Jochen Gert, wird möglicherweise der Schwierigkeitsgrad von Fragen nach dem Warum nicht bewußt gewesen sein; zumal wenn sie sich auf hochkomplexe Geschichtsprozesse wie den Massenmord an den europäischen Juden richten, einem der kompliziertesten »Themen« aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts, vergleichbar nur mit jenem, das mit dem Stichwort Gulag bezeichnet wird.</p>
<p class="vspace"><strong>Unerklärbar?</strong></p>
<p class="vspace">Manche Forscher sind der Meinung, der Holocaust stelle ein Geschehen dar, das sich jedem Fragen nach dem Warum verschließe. Wer das akzeptiert, nimmt das Verbrechen aus der Geschichte und drängt Geschichtsschreibung in ihre fernen Anfänge, als sie beschrieb, ausschmückte, rühmte oder beklagte. Darauf konnten sich Historiker nicht einlassen. Was ihre Aufgabe sei, ist u. a. in der Goldhagen-Debatte, teils überspitzt, formuliert worden. Hans Mommsen: »Es bedarf (&#8230;) der Beschreibung der Verbrechen im einzelnen nicht, und die Aufgabe des analysierenden Historikers kann sich in der Schilderung der unvorstellbaren Gewaltmaßnahmen und Verbrechen gegen die jüdischen Bürger nicht erschöpfen, sondern es muß versucht werden, die Ursachen zu bestimmen.«</p>
<p class="vspace">Das Großverbrechen, das die einen Holocaust, andere Shoah nennen und Historiker unverkleidet als Völkermord an den europäischen Juden bezeichnen, hatte schon Zeitgenossen unabweisbare Fragen aufgegeben. Seitdem wurde die Untat Gegenstand von Berichten überlebender Opfer, führte zu Ermittlungen von Justizorganen, regte wissenschaftliche Untersuchungen an. Es liegt eine unübersehbare Fülle von Veröffentlichungen vor. Historiker, Rechts- und Religionswissenschaftler, Philosophen, Soziologen, Politiker, Schriftsteller und Journalisten waren daran beteiligt. Gemessen an der ihr zugewandten Aufmerksamkeit besetzt die Erforschung des Holocaust den ersten Platz innerhalb der Faschismusforschung, die derzeit von einer dritten Forschergeneration vorangetrieben wird. Die Öffnung von bis 1990 in Osteuropa verschlossenen Archiven gab den Arbeiten einen mächtigen Impuls. Die Topographie des Massenmordens wurde genauer rekonstruiert. Untersucht werden das Wer, das Wo, das Wann und das Wie. In den Blick gerieten lokale und regionale Besonderheiten und spezifische Rechtfertigungen der Untat. Mit keiner Frage ist die Historiographie an ein Ende gelangt. Am meisten umstritten blieb die Frage, die am Ende der Kette steht, die nach den Ursachen und Antrieben des Geschehenen und nach den Zwecken, denen es diente. Sie lautet: Warum? Sie führt an die Grenzen geschichtlicher Aufklärungsmöglichkeiten. Zudem treffen die gefundenen Antworten auf aktuelle Interessen, ein Umstand, der förderlich oder abträglich wirken kann.</p>
<p class="vspace"><strong>Der »Hitler in uns«?</strong></p>
<p class="vspace">Dennoch herrscht weiterhin die Besichtigung der Oberfläche vor. Eingeständnisse des zutage Liegenden, die »Anerkennung« des Gerichtsnotorischen, Aussagen vom Typ »Deutsche haben den Holocaust begangen«, mögen vor dem Hintergrund von Abwendung, Verdrängung und Leugnung aufrichtig erscheinen. Vielfach verbinden sie sich mit der Beteuerung: Das wollen und werden wir nicht wieder tun, dem neuerdings angefügt wird: Das dürfen wir auch nirgendwo sonst auf der Welt zulassen. Die Deutschen trügen besondere Verantwortung, Wiederholungen durch wen und wo auch immer zu verhindern.</p>
<p class="vspace">Die Aussage »Deutsche haben den Holocaust begangen«, erfüllt aber auch einen anderen Zweck: Sie ebnet den unterschiedlichen Grad der Beteiligung und Verantwortung ein. Alle – so die Lieblingsworte – seien verwickelt und verstrickt gewesen. Verlangt wird sodann, den »Hitler in uns« zu suchen, der offenbar in unseren Vorfahren gesteckt haben muß. Fragen der Geschichtswissenschaft werden derart an die Individualpsychologie »delegiert«.</p>
<p class="vspace">Nach dem Warum zu forschen, verlangt hingegen die Analyse gesellschaftlicher und staatlicher Zustände. Das gilt für beide Aspekte, die sie aufweist. Der eine lautet: Warum sollten die Juden Europas ermordet werden? Welche Zwecke und Ziele wurden mit dem Massenmorden verfolgt? Der andere fragt: Warum konnte die Untat so weitgehend verwirklicht werden? Während der erste das Führungspersonal betrifft, führt der zweite zur Haltung von Millionen, zu den Exekutoren, zu Tätern und Mittätern, den untätigen, mehr oder weniger wissenden Zeitgenossen und den nichtdeutschen Kollaborateuren. Auch ein flüchtiger Einblick in die Holocaust-Literatur läßt erkennen, daß die Frage nach den Erfolgsbedingungen der Mordplaner zum momentan bevorzugten Thema von Untersuchungen wurde. Demgegenüber trat das Interesse an der Rolle der Regimespitze in den Hintergrund.</p>
<p class="vspace">Was ist mit der minutiösen Rekonstruktion des Personals, der Wege und der Taten der Mörderschwadronen erreicht worden? Wir wissen genauer, in welchem Umfange die Initiativen von Judenmördern in eroberten Regionen oder ganzen Staaten (Ungarn) den Hergang der Verbrechen und deren Resultate beeinflußten. Nachgewiesen ist, daß lokale und regionale Interessen, auch der bloße Ehrgeiz von Personen das Töten voranzutreiben oder abzubremsen vermochten. Wir kennen die Begründungen der Vorantreibenden gegenüber Vorgesetzten und Untergebenen. Das Geschichtsbild vom Hergang der grausigen Massaker und dem Elend der Opfer ist tiefenschärfer geworden. Das ältere, das den Ablauf auf Befehlserteilung und Befehlsausführung reduzierte, ist bei den Akten. Doch das Neugefundene wurde auch überinterpretiert. Der Holocaust erschien als aus einer auf mittlerer und unterer Ebene entwickelten Masseninitiative hervorgegangen. Dazu trug bei, daß anfängliche Erwartungen, der Weg in die Archive Rußlands, Belorußlands, der Ukraine und der baltischen Staaten werde zum Auffinden unbekannter zentraler Dokumente führen, sich nicht erfüllten. Und es schlug durch, daß die Entschlußbildungen an der Regimespitze sich ebensowenig lückenlos rekonstruieren ließen wie die Befehlswege »nach unten«.</p>
<p class="vspace">Doch wie viele Tatsachen über Entscheidungen und Befehle von Machthabern in den besetzten Gebieten auch noch ans Licht kommen werden, sie lassen doch keinen berechtigten Zweifel darüber entstehen, daß diese Faschisten im ihnen vorgezeichneten Rahmen handelten. Ihnen war bewußt, daß sie, was sie verbrachen, mit ausdrücklicher Billigung taten und einen Auftrag erfüllten, mündlich oder schriftlich erteilt in Form von Befehlen und Weisungen. Es war eine Führungsgruppe, die Verfolgung, Vertreibung und später die Ermordung der Juden in Gang setzte und jeweils deren Platz im Rahmen ihrer Gesamtpolitik bestimmte. Ihr mörderisches Projekt lief ihr nie aus dem Regierungs- und Befehlsruder. Sie geriet nie in die Rolle jener Figur, welche die Geister gerufen hatte und ihrer dann nicht mehr Herr wurde. Mithin ist die Antwort auf die Frage nach dem Warum weder in Auschwitz noch an einem Ort zu finden, an dem die Hingemordeten verscharrt wurden.</p>
<p class="vspace">Der Judenmord besaß seinen Platz in den politischen Kalkülen der Machthaber. Das gilt in der »Kampfzeit« und für die Herrschaftsphase der deutschen Faschisten. Für die Etappe der Vertreibung, die nach der Machtübergabe einsetzte und bis in die ersten Kriegsjahre dauerte, wobei aus dem Strom der Flüchtenden ein Rinnsal wurde, ist das heute unbestritten. Geprüft wurden Vorteile und Nachteile der »Judenpolitik«. Zweckmäßigkeitserwägungen verschärften oder verlangsamten das Vorgehen. Beständig galt das Ziel, auch den letzten Juden aus dem Reich zu treiben. Auch die Nutznießer dieser Etappe sind ermittelt. Sie reichten vom Kleinhändler bis zum Großverdiener der »Arisierung« in Industrie und Bankwesen, von Ärzten, Juristen, Wissenschaftlern und Lehrern, für die Arbeitsplätze und Aufstiegsmöglichkeiten freigemacht wurden, bis zu Beziehern komfortabler Wohnungen. Die Machthaber sammelten auf diesem Pfad Sympathien unter den Judenfeinden, erzogen das Volk und füllten die überstrapazierte Staatsrüstungskasse. Diese Nutznießung entstand nicht als willkommenes Abfallprodukt der Exekution einer Ideologie. Er war an historischen Vorbildern orientiert und kalkuliert. Ideologische, politische und materielle Antriebe bildeten ein Geflecht, dessen Anteile quantitativ nicht bestimmt werden können.</p>
<p class="vspace">Dieser Prozeß der Diffamierung, Drangsalierung, Enteignung, Beraubung und Vertreibung der Juden ist undenkbar ohne antisemitische Ideologie, ohne ein abstrus-groteskes Weltbild von der Rolle der Juden, ohne Arierwahn, Erscheinungen, die nicht nur als Instrumente zur Rechtfertigung dieser Politik angesehen werden können, sondern ein Eigen- und Vorleben besaßen. Die Täter an der Staatsspitze und auf den Führungsebenen mögen unterschiedlich motiviert gewesen sein und der Mischungsgrad von Wahn und Kalkül mag sich von Judenfeind zu Judenfeind unterschieden haben. Im gesellschaftlichen, faschistischen Ganzen indessen wirkte beides ineinander, konnte dieser jenes verstärken und umgekehrt.</p>
<p class="vspace"><strong>Reiner Wahn und Widersinn?</strong></p>
<p class="vspace">Der Punkt, an dem sich die Standpunkte auf wissenschaftlichem Feld scharf scheiden, betrifft den Übergang von der Vertreibung zur Vernichtung, der sich 1941 vollzog. Von da an, so eine verbreitete Behauptung, triumphierte die Ideologie, hinter der jede rationale Erwägung zurücktrat. Reiner Wahn- und Widersinn habe die Herrschaft angetreten. Ein Verbrechen ohne Sinn und Nutzen hätte seinen grausigen Anfang genommen. Wieder und wieder findet sich in der Literatur die Kennzeichnung »Selbstzweck«. <span class="createlinktext">Hannah Arendt</span><span class="createlink">?</span> schrieb: » &#8230; daß im Unterschied zu allen anderen antijüdischen Maßnahmen, die einen gewissen Sinn machten und ihren Urhebern irgendwie zu nutzen schienen, die Gaskammern niemandem nutzten« und das Verbrechen eine »Tat jenseits aller ökonomischen Zweckhaftigkeit« gewesen sei. Diese Interpretation verknüpft sich häufig mit der weiteren, wonach der Judenmord schlechthin belege, daß das Regime über den Kapitalismus hinausgelangt sei, der doch Arbeitskräfte nutze, ausbeute, sie deshalb auch ernähre und ihre Fortpflanzung sichere, aber sie nicht vernichte. So blamiere sich vor dem Verbrechen, dies ein weiterer Schluß, auch das marxistische Verständnis des Faschismus. Das Starargument, das den Widersinn der Untat aus der Mörderperspektive sinnfällig machen soll und weite Verbreitung gefunden hat, behauptet, der Judenmord habe selbst vor den Kriegsinteressen Vorrang besessen. Das werde bewiesen durch die Bevorzugung der Judenmörder bei der Zuteilung knapper Transportkapazitäten.</p>
<p class="vspace">Beide Argumente stehen auf tönernen Füßen. Das erste unterstellt ein prinzipielles Interesse der kapitalistischen Gesellschaft an Menschen, die sich als Arbeitskräfte verwenden lassen. Das existiert aber, wie ein Blick in die Geschichte des Kolonialismus zeigt, nicht. Dieses Interesse war stets eingeschränkt auf die kurz- und mittelfristig verwertbaren Kräfte und galt nie allen Menschen, welche die Eroberer in Amerika, Afrika und Asien in ihre Hand brachten. Und daß der Entzug von Lokomotiven, Waggons und Schienenwegen zu ungunsten der Kriegszwecke erfolgt sei, gehört schlicht ins Reich der Legenden. Der angeblich allgewaltige Himmler trat gegenüber dem Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium als Bittsteller auf, als er die Vernichtung der Juden des Warschauer Ghettos in Treblinka beschleunigen wollte.</p>
<p class="vspace"><strong>Generalziele des Systems</strong></p>
<p class="vspace">Verfechter der These von der Sinn- und Nutzlosigkeit des Judenmords räumen ein, daß der Antisemitismus für sich allein genommen das Verbrechen nicht zu erklären vermag. Was aber dann? Was muß – zumindest noch – in die Analyse aufgenommen werden? Antworten lauten: Das gesamte Weltbild der Machthaber, insbesondere ihre Vorstellungen von der Beschaffenheit der Erde nach ihrem Endsieg. Mithin muß die Bahn der Geschichte von Antijudaismus und <span class="wikilink">Antisemitismus</span> verlassen, von den realen Generalzielen des Systems gehandelt werden, von der Utopie, der Vision. Wie sind sie zu beschreiben, nur als Ausgeburt eines Wahns oder zugleich als ein Zukunftsprojekt mit Bodenberührung? Entstammten die Zielvorstellungen Hitlers und seiner Clique dem Bezirk des Irrationalen, drückte sich in ihnen nichts als das »absolut Böse« aus oder wurden sie nicht auch durch klar rationale Elemente und Faktoren bestimmt?</p>
<p class="vspace">Letztere sind kein Geheimnis und überlieferten Quellen zu entnehmen. Je mehr Menschen, Ländereien und Reichtümer im Kriegsverlauf in den eigenen Machtbereich gelangten, desto schärfer stellte sich das Problem ihrer dauernden Beherrschung und Verwertung. Hitler sprach davon, daß man den Kuchen handlich zerteilen müsse. Erörtert wurde, was angesichts des Partisanenkampfes nahelag, wie künftig Aufstände der Unterdrücken militärisch niederzuschlagen wären. Bereits vor dem Eroberungszug gegen die Sowjetunion wurde thematisiert, was mit den Millionen »überflüssiger« Menschen geschehen solle, wenn sich das Einflußgebiet bis zum Ural dehne. Als solch »Überflüssige« wurden vordem schon die Juden im Reich und den bereits eroberten Gebieten eingestuft. Mehr noch: Sie galten als Hauptgefahr und das wegen ihrer angeblich blutsmäßigen Eigenschaften. Auf der Stufenleiter der störenden Untermenschen waren sie auf die unterste Sprosse gesetzt und das bedeutete in der Reihe der zu Vernichtenden auf Platz eins. Ihre Ausrottung galt diesem Verständnis von tausendjähriger Weltherrschaft als so selbstverständlich, daß der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich während der Wannseekonferenz im Januar 1942 nicht einen Nebensatz darauf verwandte, um das Töten zu rechtfertigen.</p>
<p class="vspace">In den Zielvorstellungen vom germanischen Weltreich flossen reale Macht- und Ausbeutungsinteressen an Kohle, Erzen, Erdöl, Lebensmitteln zusammen mit der Ideologie von Herren- und Untermenschen und vom unbegrenzten Recht des Stärkeren. Dieses imperialistische Projekt knüpfte an Vorbilder an und war nazistisch umgeprägt. So brachten Wahn und Kalkül das Massenmorden hervor, beide gewachsen auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft, was bedeutet, daß die Untat als »Rückkehr ins Mittelalter« und als »Rückfall in die Barbarei« anderer vorkapitalistischer Zustände und voraufklärerischer Zeiten falsch verortet ist. Das »Großgermanische Weltreich«, ein Staat ohne Juden und ohne andere als »unbrauchbar« geltende Menschengruppen, zeichnete sich nicht als ein mittelalterliches, sondern ein neuzeitliches kapitalistisches Gebilde ab. Hitler versicherte das den Führern der deutschen Industrie 1944 in seiner letzten an sie gerichteten Rede in Linz 1944 ausdrücklich.</p>
<p class="vspace">Der Judenmord, das am weitesten vorgetriebene Verbrechen, auf der Schwelle zum Endsieg begonnen, verwies über das Kriegsende hinaus in die Nach-Endsieg-Zeit. Das Verbrechen war, das nimmt ihm von seiner Ungeheuerlichkeit und Einzigartigkeit nichts, gemessen an den Planungen eine Eröffnung. In Worten Hannah Arendts aus dem Jahre 1950: »Der Antisemitismus hat nur den Boden dafür bereitet, die Ausrottung ganzer Völker mit dem jüdischen Volk zu beginnen.« Diese Sicht bezeichnet das Verdienst aller, die erreichten, daß dieser Imperialismus nicht weiter kam als – geographisch gesprochen – bis vor Moskau und schließlich total scheiterte.</p>
<p class="vspace">Nüchterne Sicht auf den Holocaust setzt sich dem Verdacht aus, das Andenken an die Ermordeten zu schmälern. Mitunter war zu hören: Für die Opfer sei es gleichgültig, warum sie umgebracht wurden. Sezierende Analysen raubten die Fähigkeit des Trauerns. Indessen erscheint die »Pflicht, Partei für die Opfer zu ergreifen« (Joseph Wulf), mit der Darstellung ihrer Leiden und ihres Sterbens nicht erfüllt. Wer Geschichte nur zur Quelle der Stille und der Tränen macht, nimmt sich die Möglichkeit, die Gegenwart und ihre Gefahren klaren Blickes wahrzunehmen. Die Aufgabe des Historikers besteht in der Arbeit, dem Geschehenen auf den Grund zu gehen und so dafür zu sorgen, daß es nicht wieder geschieht. Das ist die einzige mögliche Form der Wiedergutmachung.</p>
<ul>
<li>Gekürzter Text eines am 30. Oktober 2003 in der Universität Hamburg gehaltenen Vortrages des Historikers Prof. Dr. Kurt Pätzold</li>
</ul>
<p class="vspace">Quelle: <a rel="nofollow" href="http://www.jungewelt.de/" target="_blank">junge Welt</a> vom 29.11.2003  &amp; <a rel="nofollow" href="http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Rassismus/holocaust.html" target="_blank">http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Rassismus/holocaust.html</a></p>
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		<title>Biologie und Rassenlehre</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 07:37:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rassenlehre]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-412"></span></p>
<h3>Warum und mit welcher Wirkung klassifizieren Wissenschaftler Menschen?[1]</h3>
<p><em>Von Prof. Dr. Ulrich Kattmann, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg</em></p>
<p class="vspace">Die Auseinandersetzung um die biologische Klassifikation von Menschen in »Rassen« erweckt nur oberflächlich den Eindruck, als handele es sich lediglich um einen Streit um Wörter. Wer meint, es ginge darum, einen durch den Rassismus diskreditierten und missbrauchten Terminus zu vermeiden, hat nicht erfasst, dass es um die Tragfähigkeit und die Wirkungen eines wissenschaftlichen Konzeptes geht. Tatsächlich ist im wissenschaftlichen Bereich mit dem Begriff »Rasse« ein Konzept gemeint, also ein gedankliches Konstrukt, mit dem die Vielfalt der Menschen erfasst werden soll. Dieser Begriff bestimmt &#8211; wenn man ihn anwendet -, wie die Vielfalt der Menschen gedeutet wird. Ein Streit darüber, ob menschliche Rassen existieren oder nicht, ist müßig. Die Frage muss vielmehr lauten, ob die mit dem Wort «Rasse» verbundenen biologischen Kategorien geeignet sind, die augenfällige Vielfalt der Menschen angemessen zu erfassen. Nach Ansicht der Mehrheit naturwissenschaftlich arbeitender Anthropologen ist dieses Konzept ungeeignet, die Variabilität der Art Homo sapiens zutreffend zu erfassen. Dagegen wähnen sich die Befürworter des Konzeptes in der Tradition zoologischer Klassifikation von Formengruppen unterhalb des Artniveaus, wie sie in der Biologie üblich sei (s. Kasten).</p>
<p class="vspace">In diesem Beitrag wird versucht nachzuweisen, dass die Rassenklassifikationen der Anthropologen von den Anfängen bis heute nicht naturwissenschaftlich fundiert sind, sondern Alltagsvorstellungen und sozialpsychologischen Bedürfnissen entspringen, die die Wissenschaftler mit anderen Menschen ihrer jeweiligen Gesellschaften teilen.</p>
<p class="vspace"><strong>Die Vielfalt der Menschen und die Einfalt der Rassentypen</strong></p>
<p class="vspace">In der Stellungnahme des UNESCO-Workshops (1996) wird betont, dass die molekularbiologischen Erkenntnisse über genetische Vielfalt der Menschen traditionelle Rassenkonzepte ausschließen (s. Kasten). Dafür gibt es folgende Gründe:</p>
<p class="vspace">- Mindestens 3/4 der menschlichen Gene variieren nicht, sie sind also bei allen Menschen gleich. Die Variabilität bezieht sich also auf die Allelverteilung des höchstens 25 % ausmachenden Teils variabler Gene</p>
<p class="vspace">- alle molekularbiologischen Unterschiede betreffen lediglich statistische Verteilungen (Allelhäufigkeiten);</p>
<p class="vspace">- trotz erheblich erscheinender morphologischer Unterschiede sind die genetischen Distanzen zwischen den geographischen Populationen des Menschen gering. Sichtbare Unterschiede zwischen Menschen täuschen uns über genetische Differenzen. Einige wenige Merkmale überbewerten wir &#8211; nur aus dem Grunde, weil sie besonders auffallen. Der »Typus« ist ein schlechter Wegweiser zu genetischen Distanzen: Zwischen (morphologisch fast nicht zu unterscheidenden) west- und zentralafrikanischen Unterarten des Schimpansen (Pan troglodytes) sind sie zum Beispiel etwa 10 mal so groß wie zwischen menschlichen Populationen (z. B. Afrikaner und Europäer).</p>
<p class="vspace">- Der größte Anteil der genetischen Unterschiede zwischen Menschen befindet sich nicht zwischen, sondern innerhalb der geographischen Populationen. Mindestens 90 % der genetischen Unterschiede befinden sich innerhalb lokaler oder eng benachbarter Populationen, die Unterschiede zwischen den geographischen Gruppen umfassen höchstens 10 % der genetischen Verschiedenheit. Zur genetischen Vielfalt der Menschen trägt die geographische Variation also nur einen sehr kleinen Teil bei.</p>
<p class="vspace">- Die Häufigkeit der Allele variiert überwiegend kontinuierlich. Zwischen den geographischen Populationen gibt es keine größeren Diskontinuitäten und keine durchgehenden scharfen Grenzen.</p>
<p class="vspace">Angesichts dieser Ergebnisse muss der Versuch scheitern, die Menschen in mehr oder weniger voneinander unterschiedene Gruppen zu trennen. Auch statistisch signifikante Unterschiede in Merkmals- oder Allelverteilungen sind deshalb nicht hinreichend, um Populationen als »Rassen« zu klassifizieren. Selbst die traditionelle Gliederung in drei geographische Großrassen (Europide, Negride, Mongolide) ist durch diese Befunde obsolet geworden (vgl. Cavalli-Sforza 1992; Cavalli-Sforza/ Cavalli-Sforza 1994; Cavalli-Sforza/ Menozzi/ Piazza 1994; Kattmann 1995; 2002).</p>
<table border="1" width="90%" align="center">
<tbody>
<tr>
<td valign="top"><strong>Anthropologen zum Rassenkonzept</strong><br />
»Rassen« des Menschen werden traditionell als genetisch einheitlich, aber untereinander verschieden angesehen. &#8230; Neue auf den Methoden der molekularen Genetik und mathematischen Modellen der Populationsgenetik beruhende Fortschritte zeigen jedoch, dass diese Definition völlig unangemessen ist. Die neuen wissenschaftlichen Befunde stützen nicht die frühere Auffassung, dass menschliche Populationen in getrennte »Rassen« wie »Afrikaner«, »Eurasier« &#8230; oder irgendeine größere Anzahl von Untergruppen klassifiziert werden könnten. &#8230;</p>
<p class="vspace">Mit diesem Dokument wird nachdrücklich erklärt, dass es keinen wissenschaftlich zuverlässigen Weg gibt, die menschliche Vielfalt mit den starren Begriffen »rassischer« Kategorien oder dem traditionellen »Rassen«-Konzept zu charakterisieren. Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, den Begriff »Rasse« weiterhin zu verwenden.</p>
<p class="vspace">UNESCO-Workshop: »Stellungnahme zur Rassenfrage« (1996)</p>
<p class="vspace">For centuries scholars have sought to comprehend patterns in nature by classifying living things. The only living species in the human family, Homo sapiens , has become a highly diversified global array of populations. The geographic pattern of genetic variation within this array is complex, and presents no major discontinuity. Humanity cannot be classified into discrete geographic categories with absolute boundaries. Furthermore, the complexities of human history make it difficult to determine the position of certain groups in classifications. Multiplying subcategories cannot correct the inadequacies of theses classifications.</p>
<p class="vspace">American Association of Physical Anthropologists: »Statement on Biological Aspects of Race« (1996)</p>
<p class="vspace">Was es aber unbestreitbar gibt, ist eine phylogenetisch bedingte geographische Differenzierung, in der sich verschiedene &#8211; wenn auch durch Übergänge miteinander verbundene &#8211; genetisch determinierte Schwerpunkte erkennen lassen. Zumindest diese Schwerpunkte, aber auch die verschiedenen Abstufungen zwischen ihnen werden &#8211; dem Gebrauch des Begriffs in der gesamten Biologie folgend &#8211; als Rassen bezeichnet.</p>
<p class="vspace">R. Knußmann: »Vergleichende Biologie des Menschen« (1996)</p>
<p class="vspace">To biologists, race is a taxonomic category below species. This concept is necessary to understand evolution &#8230; The fact is that some groups, for example living in a particular area, share common biological characters that distinguish them from others. Consequently, man as a biological species may be divided into different groups called »races« depending on the significance of intergroup differences.</p>
<p class="vspace">V. P. Chopra: »The use of polymorphic genes to study human racial differences« (1992)</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p class="vspace">Diese Ergebnisse stehen nicht allein. Populationsgenetische Konzepte, zu denen sich fast alle Anthropologen nach 1945 bekannten, hätten den typologischen Rassenbegriff bereits ersetzen können. Wenn Populationen und nicht Individuen als Rassen bezeichnet werden, dann können die Rassen nicht weiterhin durch Merkmale charakterisiert werden, sondern lediglich durch die Häufigkeitsverteilung von Merkmalen (vgl. Kattmann 1973). Das Konstrukt populationstypischer Merkmale eröffnete jedoch die Möglichkeit, weiterhin Rassetypen formulieren zu können. Dazu wurde das Konstrukt der populationstypischen Merkmalskomplexe herangezogen (vgl. Vogel 1974). Für Populationen sind häufige Allele und Merkmale ohne typologische Wertung eigentlich genauso charakteristisch wie seltene. Das Rekurrieren auf die häufigen (»populationstypischen«) Merkmale kennzeichnet den Rückfall in schon überwunden geglaubte Typologie. Während die kontinuierliche Verteilung mophologischer Merkmale einige Anthropologen schlussfolgern ließ, dass es keine Rasse gebe, sondern nur graduelle Abwandlungen von Merkmalen (Merkmalsgradienten, Klin, vgl. Livingston 1962), benutzen andere dieselben Daten, um überkommene Rasseneinteilungen zu rechtfertigen (vgl. z. B. Schwidetzky 1979, 47 ff.).</p>
<p class="vspace">Bereits seit über 20 Jahren liegen molekularbiologische Ergebnisse vor, die den oben referierten ähneln und von den Autoren entsprechend als unvereinbar mit dem Rassenkonzept angesehen wurden (vgl. z. B. Lewontin 1972). Innerhalb der Rassenkunde werden indessen auch die neuesten Ergebnisse nur als Bestätigung der jeweiligen Rasseneinteilung gedeutet und abweichende Befunde als unbedeutende Unstimmigkeiten gewertet: Die Unterschiede zwischen den Großrassen seien statistisch signifikant und das generelle Muster der genetischen Distanzen zwischen Populationen sei grob dasselbe wie bei den morphologischen Merkmalen (Chopra 1992, 52; vgl. Knußmann 1996, 430).</p>
<p class="vspace">Die Vielfalt der Menschen wird der Einfalt der Typen geopfert: Jede Rassenklassifikation simplifiziert die Vielfalt in unzulässiger Weise, indem sie ihre Betrachtung auf eine mehr oder weniger große Anzahl von Gruppen reduziert und dabei (kleine) Gruppenunterschiede höher bewertet als (größere) zwischen den Individuen ein und derselben Gruppe. Das Klassifizieren wird so &#8211; ohne Rücksicht auf die tatsächlich beobachtete Variation &#8211; zum Selbstzweck. Der damit verbundene Klassifikationszwang ist deutlich, wenn nicht nur die postulierten »Schwerpunkte«, sondern auch die »Abstufungen zwischen ihnen« als Rassen klassifiziert werden sollen (Knußmann 1996, 406, s. Kasten). Das Menschenrassen-Konzept verlangt also danach, die Menschen auch dann in einander ausschließende Gruppen zu trennen, wenn es zwischen diesen Gruppen alle möglichen Übergänge gibt. Es nimmt nicht Wunder, dass auf diese Weise kein einziges System der Menschenrassen aufgestellt worden ist, das innerhalb der Wissenschaftlergemeinschaft auch nur annähernd allgemeine Anerkennung gefunden hätte. In den Rassensystematiken werden vielmehr zwischen drei und dreihundert Menschenrassen mit ganz unterschiedlicher Einteilung und Zuordnung unterschieden. Eine Grundlinie im Verständnis des Begriffs »Rasse« lässt sich im gesamten Verlauf der Geschichte der Anthropologie nicht erkennen (vgl. Grimm 1990). Anthropologen mögen diese Uneinigkeit damit rechtfertigen, dass es ein einheitliches anerkanntes System natürlicherweise nicht gebe, da die Grenzen im Bereich unterhalb der Art eben nicht scharf zu ziehen seien. Damit wird aber nur eingestanden, dass die Einteilung in Menschenrassen nicht intersubjektiv überprüfbar ist und somit keine naturwissenschaftliche Grundlage hat (vgl. Kattmann 2002).</p>
<p class="vspace">Warum halten einige Anthropologen so unbeirrt und unverändert am Konzept der Menschenrassen fest? Die Vermutung liegt nahe, dass der Grund hierfür nicht allein innerwissenschaftlich in biologisch-naturwissenschaftlichen Grundsätzen zu suchen ist.</p>
<p class="vspace"><strong>Psychologie der Rassenklassifikation</strong></p>
<p class="vspace">Hinweise auf bestimmende Motive der Rassenklassifikation geben Forschungen zu Alltagsvorstellungen sowie kognitions- und sozialpsychologische Untersuchungen. Die daraus ableitbaren Schlussfolgerungen werden durch Befunde in der Ethnobiologie und Wissenschaftsgeschichte erhärtet.</p>
<p class="vspace"><em>Naive Theorien und Gruppenabgrenzung</em></p>
<p class="vspace">Schon drei- bis siebenjährige Kinder haben Annahmen über die Zusammengehörigkeit von Menschen, die von quasi biologischen Vorstellungen mitbestimmt sind. Man nennt solche Vorstellungen, mit denen Menschen die Erscheinungswelt für sie sinnvoll deuten, naive oder implizite Theorien. Bereits dreijährige Kinder entwickeln Vorstellungen darüber, welche Eigenschaften im Laufe der Individualentwicklung unverändert bleiben und welche von den Eltern vererbt werden (vgl. Hirschfeld 1992). Die Annahmen dienen u. a. dazu, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe anzuzeigen und für das Kind zu sichern. Grundlage für die Unterscheidung sind aber nicht die Merkmale, sondern es ist die elementare Notwendigkeit, sich der eigenen Gruppenzugehörigkeit zu vergewissern. Die Unterscheidung »wir« und »die anderen« bestimmt danach die Auswahl wiedererkennbarer und als konstant angenommener Merkmale, nicht umgekehrt. Die Gruppenbildung erfolgt nicht einer Merkmalsklassifikation, sondern wird sozial konstruiert. Je nach gesellschaftlichem Umfeld und Erfahrungshorizont der Kinder sind daher die Gruppenbildungen und die Zuordnungen von Merkmalen ganz unterschiedlich ausgeprägt.</p>
<p class="vspace">Diese Befunde haben eine interessante Parallele in der Ethnobiologie. Während die Klassifikation von Pflanzen- und Tierarten bzw. -gattungen in verschiedenen Kulturen zu über 90 % untereinander und mit der wissenschaftlichen Klassifikation übereinstimmt, fehlt eine solche Übereinstimmung bei der Klassifikation von Menschen in jeder Hinsicht. In jeder Gesellschaft werden Menschen kulturspezifisch in Gruppen eingeteilt. Das Ergebnis sind ganz unterschiedliche Gruppeneinteilungen, die von den jeweiligen kulturellen und sozialen Verhältnissen der Menschen bestimmt sind.</p>
<p class="vspace">Die Neigung, Menschen in Rassen zu klassifizieren, ist danach ein allgemeines Phänomen. Welche Form die Klassifikation hat, ist dagegen kulturell, geschichtlich und sozial bestimmt. Mit Bezug auf die Untauglichkeit biologischer Rassenkonzepte kommt Hirschfeld (1992, 247) daher zu dem Schluss: »A responsible biology can perhaps afford to have nothing to do with the notion of human races, a responsible psychology does not have this option.«</p>
<p class="vspace">»bRasse« ist in diesem Zusammenhang als sozialpsychologisch bestimmte Kategorie aufzufassen. Wo immer Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen aufbrechen, sind nicht Haut- oder Haarfarben die Ursachen, sondern soziale Ungerechtigkeit und politische Interessen. Äußere Kennzeichen wie Hautfarbe, Haarform, Gesichtsmerkmale, aber auch Essgewohnheiten, religiöse Gebräuche und Sprache dienen dann als Erkennungsmarken, mit denen die Menschen der (rassisch) diskriminierten Gruppen ausgesondert werden. An ihnen macht sich die Unterscheidung fest und kann sich so selbst verstärken. Für die rassische Aussonderung sind aber nicht die Eigenschaften der betroffenen Menschengruppe maßgebend. Die der Fremdgruppe zugeschriebenen Merkmale werden durch die Selbsteinschätzung bestimmt, die die diskriminierende Gruppe von sich hat. Das Eigenbild bestimmt das Fremdbild: Unsicherheiten werden durch Abgrenzung kompensiert; für das Selbstwertgefühl bedrohlich empfundene (negative) Eigenschaften werden auf die Fremdgruppe projiziert (vgl. Kattmann 1994).</p>
<p class="vspace">Der bei der Rassenklassifikation ablaufende Prozess kann kurz folgendermaßen skizziert werden:</p>
<ol>
<li>Wahrnehmung der Gruppenzugehörigkeit; mit der Gruppenzugehörigkeit werden die Individualentwicklung und die Generationen überdauernde Eigenschaften verknüpft.</li>
<li>Gruppenabgrenzung und -distanzierung; Fremdgruppen wird &#8220;Andersartigkeit&#8221; und &#8220;Wesensfremdheit&#8221; zugeschrieben, dabei kann durchaus noch Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung postuliert werden (Ideologie der Apartheid).</li>
<li>Bewertende Diskriminierung der Gruppen; die Menschengruppen werden in höherwertige und minderwertige eingeteilt. Das Eigenbild bestimmt das Fremdbild.</li>
<li>Konstruktion von Rassen; die Fremdgruppen werden als rassisch von der eigenen verschieden definiert, am deutlichsten im dichotomen Gegensatz: Weiße/Schwarze; Arier/Juden.</li>
</ol>
<p class="vspace">Im letzten Schritt werden die ersten drei zusammengefasst und verhärtet. Rassismus beginnt dabei nicht erst mit der Annahme, es gebe &#8220;hochstehende&#8221; und &#8220;minderwertige Rassen&#8221; (Überlegenheitsrassismus), sondern bereits mit einer &#8220;rassentrennenden&#8221; Aussonderung von Menschengruppen, durch die das gemeinsame soziale Leben gespalten wird (Reinhalterassismus, vgl. Kattmann 2003). Die so konstruierten »Rassen« sind als sozialpsychologische Kategorien klar erkennbar: Weder »Weiße« und »Schwarze« der Rassentrennung und Bevölkerungsstatistiken in den USA noch die »Arier« und »Juden« der Nationalsozialisten waren je »Rassen« im Sinne der Bemühungen physischer Anthropologen. Rassisten schaffen sich ihre Rassen selbst aus ihren eigenen Bedürfnissen. Rassismus verschwindet daher nicht automatisch mit den diskriminierten Gruppen. Wie anders ist es zu erklären, dass z. B. der Antisemitismus in Europa überdauert, obwohl Juden nach Massenmord und Vertreibung hier eine verschwindend geringe Minderheit sind? Man kann in einem mehrfachen Sinne von »Rassismus ohne Rassen« sprechen.</p>
<p class="vspace">Wie verhalten sich die Rassenklassifikationen der Anthropologen zur sozialen Rassenkonstruktion? Wie ist es zu erklären, dass die Rassenkunde überdauert, obwohl das biologische Rassenkonzept sich als untauglich erweist? Handelt es sich um »Rassenkunde ohne Rassen«?</p>
<p class="vspace"><em>Grundzüge der Rassenkunde</em></p>
<p class="vspace">Die wesentlichen Aussagen der anthropologischen Rassenkunde zeigen deutlich den bestimmenden Einfluss sozialpsychologischer Faktoren (s. Tabelle 1). Ins Auge fällt die Parallelität zwischen kulturell verschiedenen Einteilungen der Menschen und der Vielzahl an rassentaxonomischen Systemen. Hier liegt offen zu Tage, dass die Anthropologen bei ihren systematischen Bemühungen nicht nach naturwissenschaftlich definierten Merkmalen klassifizieren, sondern sich ebenso wie andere Menschen von Alltagsvorstellungen leiten lassen, die vom kulturellen und sozialen Umfeld geprägt sind.</p>
<p class="vspace">Die Wissenschaftsgeschichte der Rassenkunde liefert für diese Vermutung zahlreiche Belege. Für die Aufstellung von Rassen sind insbesondere sozial vermittelte ästhetische Kategorien leitend gewesen (vgl. Herrmann 1983). Obgleich es zahlreiche Querverbindungen von biologischer Rassenkunde zu philosophischen und politischen Rassentheorien, wie die von J. Arthur de Gobineau, H. Steward Chamberlain und Adolf Hitler gibt, sind die Belege für das wissenschaftlich motivierte Klassifizieren von Menschen aus den enger biologisch bestimmten Bereichen zu wählen.</p>
<table border="1" width="90%" align="center">
<tbody>
<tr>
<td colspan="2" align="center" valign="top"><strong>Klassifikation von Menschen</strong></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top"><strong>Rassenkunde</strong></td>
<td valign="top"><strong>Alltagsvorstellungen</strong></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Divergierende Rassensystematiken</td>
<td valign="top">kulturelle Unterschiede</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Exklusive Abgrenzungen, Erfassen auch von Übergängen als eigene Rassen</td>
<td valign="top">soziale Konstruktion von Gegensätzen, z. B. »Schwarze«/»Weiße«</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Verknüpfung von Rasse, Verhaltenseigenschaften und Kultur: Wesensaussagen über Angehörige einer Rasse</td>
<td valign="top">Annahme von gleichbleibenden Eigenschaften der Menschen während der Entwicklung und über Generationen hinweg</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Rasse wird als eine die Individuen bestimmende Ganzheit vorausgesetzt</td>
<td valign="top">Naive Theorie über die Zusammengehörigkeit der Menschen: Unterscheidung von Eigengruppe und Fremdgruppen.</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p class="vspace"><small>Tabelle 1: Grundzüge rassenkundlicher Klassifikation im Vergleich mit Alltagsvorstellungen</small></p>
<p class="vspace">Ein hervorragendes Beispiel ist die Ausdeutung der »Hautfarbe« als Rassenmerkmal. Sie findet sich schon bei den ersten Vorläufern und dann ausgeprägt bei dem Vater der biologischen Systematik, Carl von Linné. Die zehnte Auflage von dessen »Systema naturae« (Linné 1758) ist bis heute für die zoologische Nomenklatur (auf dem Artniveau) maßgeblich. Für Linné ist die Einteilung der Lebewesen essentialistisch begründet. In den systematischen Kategorien drücken sich für ihn die Ideen Gottes bei der Schöpfung aus. Innerhalb der Art Homo sapiens unterscheidet Linné vier geographische Varietäten, die er folgendermaßen charakterisiert:</p>
<p class="vspace">» Americanus rufus, cholericus, rectus. &#8230; Regitur consuetudine.</p>
<p class="vspace">Europaeus albus, sanguineus, torosus&#8230;.Regitur ritibus.</p>
<p class="vspace">Asiaticus luridus, melancholicus, rigidus. &#8230; Regitur opinionibus.</p>
<p class="vspace">Afer niger, phlegmaticus, laxus. &#8230;. Regitur arbitrio.«</p>
<p class="vspace">Auffallend an dieser Klassifikation ist eine dreifach abgesicherte Vierteilung der Menschheit: nach Erdteilen, nach Hautfarben und nach Körpersäften. Die Einteilung nach Erdteilen erscheint heute noch modern, für Linné waren jedoch alle drei Kriterien naturwissenschaftlich begründet, auch und gerade die Orientierung an den Körpersäften. Die antike Lehre von den vier Elementen (Feuer, Luft, Erde, Wasser) führte durch die Parallele von Makrokosmos (Welt) und Mikrokosmos (Mensch) zur Lehre von den (den Elementen entsprechenden) vier Körpersäften (Galle, Blut, Schwarze Galle, Schleim), denen im Mittelalter die Charaktere Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker zugeordnet wurden. Linné hält sich also an die (physiologischen) Vorstellungen seiner Zeit, wodurch sogleich die Verbindung von »Rasse« und Seele (naturwissenschaftlich) elementar begründet wird.</p>
<p class="vspace">Wie die Erdteile und die Körpersäfte sollten die Hautfarben ein objektives Kriterium abgeben. Die Angaben dazu wurden bei Linné in diesem Sinne von Auflage zu Auflage eindeutiger. Nur der Afrikaner bleibt von der ersten Auflage an unverändert »niger« (schwarz). Der Europäer wird von »albescens« (weißwerdend) zu »albus« (weiß), der Amerikaner von »rubescens« (rotwerdend) zu »rufus« (rot). Die stärksten Änderungen macht der Asiate durch: Seine Farbe wechselt von »fuscus« (dunkel, bräunlich bis schwarz) bis zu »luridus« (blassgelb).</p>
<p class="vspace">Wie Walter Demel (1992) gezeigt hat, sind die Hautfarben der »Rassen« das allmählich sich herausbildende Ergebnis eines Farbgebungsprozesses. Hatten noch viele Entdeckungsreisende die Hautfarbe der Chinesen als weiß wie die der Europäer beschrieben oder differenzierend zwischen hell, gelblich, bräunlich bis dunkel abgestuft, so wurden die Beschreibungen in den Rassenklassifikationen eindeutig auf »gelb« fixiert. Die Haut der Chinesen ist nur leicht getönt, ihr mittlerer Pigmentierungsgrad entspricht dem südeuropäischer Menschen. Die Hautfarbe der Chinesen wäre also ähnlich zu beschreiben wie die der Italiener, Spanier oder Griechen. Die Europäer verstanden sich aber als »Weiße«. So wurden Südeuropäer (unabhängig vom Pigmentierungsgrad ihrer Haut) »weiß« und Chinesen mussten zum Kontrast »gelb« werden. Das Eigenbild bestimmt das Fremdbild: Die Eigenbezeichnung »weiß« wurde exklusiv für Europäer reserviert. Für die nichteuropäischen Völker wurden die Hautfarben »gelb«, »rot« und »schwarz« konstruiert (vgl. Robins 1991, 168 ff.; Demel 1992). Gelbe Chinesen findet man daher nur in Rassenklassifikationen und sonst nirgendwo. Und natürlich gibt es keine »roten« und »schwarzen« Menschen und auch keine »weißen«. Im Glauben an die Hautfarben aber fällt nicht auf, dass man in Asien oder Chinatown keinem gelben Menschen begegnet. Dass wir das soziale Konstrukt der Hautfarben als mit unserer Wahrnehmung konform halten, beruht also bereits auf der Wirkung dieser Konstruktion.</p>
<p class="vspace">Die Pigmentierungsgrade der Haut korrelieren in verschiedenen Regionen der Erde mit der UV-Einstrahlung. Die Tönung der Haut ist durch Selektion unabhängig in mehreren Regionen der Erde gleichzeitig herausgebildet worden und gibt daher keine nähere Verwandtschaft zwischen den Populationen an. Obwohl selbst typologisch arbeitende Anthropologen heute die Pigmentierung der Haut daher für ein ganz ungeeignetes Merkmal zur Klassifizierung halten, beziehen sich die meisten Rassenklassifikationen nach wie vor auf Hautfarben. Das wissenschaftliche Bedürfnis nach eindeutiger Klassifikation vereinigt sich so seit Linné &#8211; und wider bessere Einsicht &#8211; mit einer sozialpsychologisch bedingten Hautfarbenlehre.</p>
<p class="vspace">Rassenkunde erfordert klare alternative und exklusive Zuordnungen. Ein Mensch kann danach nur einer »Rasse« angehören. So ist der Rassenkundler nach Knußmann gezwungen, auch Übergänge zwischen den &#8220;Schwerpunkten&#8221; gegen die angrenzenden Populationen als getrennte »Rassen« abzugrenzen (s. Kasten). Durch das &#8220;Muss&#8221; zum Klassifizieren werden also aus &#8220;Abstufungen&#8221; und &#8220;Übergängen&#8221; definierte taxonomische Gruppen. Die Schärfe der Abgrenzung entspricht der der sozial konstruierten »Rassen« in jeder Hinsicht. Hier wie dort gibt es nur Schwarz oder Weiß. Soziale und taxonomische Gruppenabgrenzung treffen einander im selben Geiste. Die »Schwarzen« Amerikas heiraten nicht nur untereinander. Die Bevölkerungsstatistiken in den USA zählen dennoch weiterhin jeden Menschen als »schwarz«, der einen »Schwarzen« unter seinen Vorfahren hat. Rainer Knußmann (1996, 426) folgt ohne Bedenken dieser Bestimmung, wenn er die Afroamerikaner unumwunden mit der Rassenbezeichnung »Negride« belegt. Biologisch-genetisch ist eine solche Zuordnung absurd; sie wird aus gesellschaftlichen Gründen getroffen.</p>
<p class="vspace">Die Rasseneinteilung ist in der Anthropologie während der gesamten Geschichte nicht allein und häufig nicht einmal in erster Linie an körperlichen Merkmalen orientiert, sondern vielmehr auf seelische und geistige Merkmale ausgerichtet (vgl. Herrmann 1983; Seidler 1992). Die Verbindung von Rasse und Seele bezeichnet der Humangenetiker Fritz Lenz als das eigentlich Wesentliche an der Rassenfrage und rechtfertigt in diesem Zusammenhang die Nürnberger Gesetze von 1938: »Wichtiger als die äußeren Merkmale ist die abstammungsmäßige Herkunft eines Menschen für seine Beurteilung. Ein blonder Jude ist auch ein Jude. Ja, es gibt Juden, die die meisten äußeren Merkmale der nordischen Rasse haben und die doch von jüdischer Wesensart sind. Die Gesetzgebung des nationalsozialistischen Staates definiert einen Juden daher mit Recht nicht nach äußeren Rassenmerkmalen, sondern nach der Abstammung« (Lenz 1941, 397). »Rasse« bestimmt danach &#8211; auch unabhängig von äußeren Merkmalen &#8211; die Wesensart der Menschen.</p>
<p class="vspace">Um »Rassen« eine solche Funktion zuzutrauen, muss man ihre Existenz als »unbezweilfelbar« hinstellen (s. Zitat von Knußmann im Kasten) oder noch besser einfach als gegeben ansehen: »Voraussetzung für die Berechtigung solcher [rassenkundlicher] Arbeiten ist allerdings &#8230;, dass man die lebendige Wirklichkeit von Rasse und Rassentypus überhaupt sieht und anerkennt. Kurz gesagt: Es gibt Neger und Europäer, Nordische und Dinarier als lebendige und wirkende Erscheinungen. Gibt es sie aber, so muss der Forscher am Menschen auch nach Methoden suchen, sie in ihrem Wesen und Dasein, ihrer Entfaltung und all ihren Beziehungen und Wirkungen zu erfassen« (Schwidetzky 1943, 179). Rasse wird so als eine die Individuen überdauernde körperlich-seelische Ganzheit verstanden. Nach dieser Vorstellung ist ein Mensch aus verschiedenen Rassen zusammengesetzt, deren Anteile die Anthropologen Egon von Eickstedt und Ilse Schwidetzky wähnten, mit Hilfe von Rassenformeln prozentgenau bestimmen zu können (Schwidetzky 1943; vgl. dazu Lenz 1941; 1943). Die Rassentypologie macht die Gruppenzugehörigkeit zu einer individuellen Eigenschaft: Nicht die Individuen bestimmen die Eigenschaften einer »Rasse«, sondern die »Rasse« bestimmt die Eigenschaften der Individuen: Menschen werden zu Typen.</p>
<p class="vspace">Im Nationalsozialismus wurde auf diese Weise »Rasse« zum Lebensgesetz für Individuen, Volk und Staat, dessen Herrschaft die deutschen Anthropologen (mit wenigen Ausnahmen) u. a. durch das Erstellen von Rassengutachten stützten (vgl. Seidler/ Rett 1982; 1988, 251 ff.; Kattmann/Seidler 1989, 10 ff.). Die Eickstedtschen Rassenformeln dienten bei Bevölkerungsuntersuchungen in den eroberten Ostgebieten dazu, um anhand der rassischen Qualität der Menschen zu entscheiden, ob diese einzudeutschen oder als Sklavenvölker zu halten seien (vgl. Holtz 1942). Die Vorstellung, dass »Rasse« die Seele des einzelnen, den Volkscharakter und die Kultur bestimmt, ist mit dem Nationalsozialismus nicht verschwunden. Es liegt vielmehr in der sozialpsychologischen »Natur« des Klassifizierens von Menschen, derartige Vorstellungen zu zeugen und auszutragen. Bei allem Hin- und Herwenden kultureller Einflüsse auf den Menschen sieht Knußmann (1996, 426) die Kultur primär rassebedingt: »Eine jede autochthone Kultur muss ursprünglich auf dem Boden dessen gewachsen sein, was die sie tragenden Menschen an speziellen Fähigkeiten und Neigungen besessen haben.« Mit aller Vorsicht folgt Knußmann hier leise den Spuren Gobineaus. Es sollte zu denken geben, was der Anatom und Bearbeiter des ersten Neandertaler-Fundes, Hermann Schaaffhausen, zu solchen Anschauungen »autochthoner« Kulturen ausführte: »Die glücklichen Völker, die nun einmal durch das Zusammentreffen der günstigsten Lebensbedingungen seit Jahrtausenden die Träger und Förderer der menschlichen Kultur geworden sind, nicht durch sich selbst allein, sondern durch jene von Geschlecht zu Geschlecht, von Volk zu Volk, von Welttheil zu Welttheil fortgepflanzte Erbschaft von Geistesschätzen , sie sind schon darum nicht berechtigt, die höchsten Güter der Welt für sich allein in Besitz zu nehmen, weil die Erfahrung gelehrt hat und die Zukunft es immer wieder lehren wird, dass die menschliche Kultur einen um so höheren Aufschwung nimmt, jemehr sie Gemeingut aller Völker der Erde wird. Wenn man [wie Gobineau] die Rassen als im Wesen verschiedene Menschenstämme ansieht, so zerfällt die ganze Geschichte in eine Reihe unzusammenhängender, nacheinander ablaufender Schauspiele« (Schaaffhausen 1885, 228, Hervorhebungen U.K., Rechtschreibung von 1885). Auch schon die ältesten uns bekannten Kulturen leben vom Austausch, nicht von der Abgrenzung. Letztere ist &#8211; wie die Formulierung der Kulturen als Pseudospezies- ein Teil der sozialpsychologischen Rassenklassifikation.</p>
<p class="vspace">Rassenseelenkunde wurde in der 1. Auflage vom &#8220;Lexikon der Biologie&#8221; (Herder Verlag) betrieben (vgl. aber jetzt die 2. Auflage: Kattmann 2002). Zunächst wird dort die Existenz von »Rassenketten« als Ergebnis der geographischen Differenzierung postuliert. Eine solche Annahme ist direkte Folge des Aufstellens von Rassetypen, mit der die kontinuierliche geographische Variation aufgeteilt wurde. Ohne diese Klassifikation wäre das Postulat überflüssig. Sodann werden Kulturen und Volkscharaktere auf eine Rassenkette zurückgeführt:</p>
<p class="vspace">»bEin markantes Beispiel für Rassenketten ist die armenid-dinaride Rassenkette , die sich geographisch von zentralasiatischen Regionen bis nach Schottland und Irland verfolgen lässt. Ihren Populationen verdankt die Menschheit die wiederholte Ausbildung von Hochkulturen, etwa die der Hethiter, vielleicht auch der Sumerer. Temperament, Kreativität und Eigensinn der Kelten und ihrer heutigen Enkel, der Gallier, Schwaben und mancher Bayern, sind wohl dinarides Erbe« (Herder Lexikon der Biologie 1985, Bd. V, 402).</p>
<p class="vspace">Ist der (anonyme) Autor naiv? Im Sinne der Problemstellung dieses Abschnitts ist diese Frage mit ja zu beantworten. Die Antwort trifft aber nicht allein für den Autor des Herderlexikons, sondern auf alle Rassenkundler zu. Rassenklassifikation folgt insgesamt Alltagstheorien über die Zusammengehörigkeit der Menschen. In der Geschichte der Rassenkunde ist es nicht gelungen, sich von diesen naiven Theorien zu lösen und statt dessen die tatsächliche Vielfalt der Menschen in den Blick zu nehmen. Im Konzept der Menschenrassen haben sich die wissenschaftliche Bedürfnisse der Anthropologen zur Klassifikation mit den Alltagsbedürfnissen zur sozialen Gruppenabgrenzung vereint. So sind nicht allein die innerhalb rassistischer Ideologien konstruierten »Rassen« als sozialpsychologische Kategorien anzusehen, sondern auch diejenigen der anthropologischen Wissenschaft (s. Tabelle 1).</p>
<p class="vspace"><strong>Humanbiologie jenseits von »Rasse«</strong></p>
<p class="vspace">Auch wenn »Rasse« kein wissenschaftliches Konzept ist, muss man sich mit ihm im alltäglichen und wissenschaftlichen Diskurs gleichwohl ernsthaft auseinandersetzen. Die Vorstellung, dass es menschliche »Rassen« gebe, ist im Alltagsdenken der Menschen stets anzutreffen und aufgrund sozial- und lernpsychologischer Ursachen mit wissenschaftlichen Argumenten nicht zu einfach abzulösen.</p>
<p class="vspace">Auch von biologischer Seite wird der Kritik am Menschenrassen-Konzept oft Unverständnis und Widerstand entgegengebracht, da man bei Aufgabe des Rassenbegriffs allgemeinbiologische Prinzipien verletzt sieht:</p>
<ul>
<li>Rassenklassifikation sei ein in der ganzen Biologie übliches Verfahren (s. Knußmann, Zitat im Kasten).</li>
<li>Der Mensch habe biologisch keine Sonderstellung und sei daher wie alle anderen Tierarten zu behandeln.</li>
<li>Das Rassenkonzept sei zum Verständnis der Evolution notwendig (s. Chopra, Zitat im Kasten).</li>
</ul>
<p class="vspace">Die Einwände unterstellen meist, dass die Ablehnung des Menschenrassen-Konzepts nicht durch naturwissenschaftliche, sondern durch ideologische Gründe motiviert ist. Demgegenüber wird gemeint, mit dem Rassenkonzept das Panier der Biologie als unvoreingenommener Wissenschaft hochzuhalten. Der Autor gesteht, dass er selbst lange Zeit ebenso gedacht hat und es für hinreichend hielt, das typologische Rassenkonzept durch ein populationsgenetisches zu ersetzen (vgl. Kattmann 1973). Die genaue Analyse zeigt jedoch, dass keines der Argumente, am Menschenrassen-Konzept festzuhalten, biologisch stichhaltig ist.</p>
<p class="vspace">Zunächst ist festzustellen, dass der Terminus »Rasse« in der Zoologie weitestgehend obsolet ist und ausgiebig nur von Anthropologen und Haustierkundlern verwendet wird. In der Klassischen Genetik wird er noch in einigen Schulbüchern benutzt, um die reinen Linien der Mendelschen Erbgänge zu charakterisieren. Er ist in diesem Zusammenhang missleitend und gänzlich überflüssig.</p>
<p class="vspace">Der einzige Objektbereich, in dem »Rasse« als Fachwort angewendet wird, sind die Zuchtformen der Haustiere. Bei diesen liegen tatsächlich »zoologische Formengruppen« vor, die typologisch nach »Rassekriterien« zu beschreiben sind. Die Haustierrassen sind jedoch durch gezielte Auslese und Isolation vom Menschen auf jeweils einen Typ hin enggezüchtet worden. Insofern wurden hier vom Menschen selbst »Typen« erst geschaffen, wie sie Rassenkundler beim Menschen als Naturzüchtung zu erkennen glauben.</p>
<p class="vspace">Natürliche Populationen sind jedoch genetisch vielfältig und keineswegs mit Haustierrassen vergleichbar. Geographisch deutlich differenzierte Populationen werden zoologisch als Unterarten (Subspezies) bezeichnet. Die Unterteilung von Arten in Unterarten oder noch feineren Kategorien ist dabei keineswegs ein verpflichtendes biologisches Prinzip. Die zoologische Klassifikation ist nur auf dem Artniveau zwingend: Jeder sich zweielterlich fortpflanzende Organismus gehört notwendig einer Biologischen Art an, die als Fortpflanzungsgemeinschaft definiert ist. Unterhalb des Artniveaus ist die Unterteilung dagegen eine Frage der Zweckmäßigkeit: Es gibt Arten, die (aufgrund fehlender oder nicht erfasster geographischer Differenzierung) nicht weiter untergliedert werden, und solche, bei denen die Gliederung in Unterarten Schwierigkeiten macht und entsprechende Versuche daher in der Zoologie umstritten sind. Vielfach stellt sich die geographische Differenzierung auch bei Tieren komplexer dar, als es die Einteilung nach auffälligen Merkmalen erscheinen lässt (vgl. Senglaub 1982). Keine biologische Gesetzmäßigkeit verpflichtet also Biologen dazu, Arten in Unterarten einzuteilen.</p>
<p class="vspace">Beim Menschen ist die Vielfalt innerhalb und zwischen den Populationen so komplex, dass es unzweckmäßig ist, diese Art zoologisch weiter zu untergliedern (vgl. Gould 1984). Dieser Befund gilt nicht exklusiv für den Menschen, sondern auch für manche andere Tierart. Für die Untergliederung einer Biologischen Art ist jedoch allein wichtig, dass deren geographische Differenzierung damit angemessen beschrieben wird. Das eben ist mit dem Rassenkonzept beim Menschen nicht möglich. Das Verwerfen des Menschenrassen-Konzepts hat also mit dem Postulat einer Sonderstellung des Menschen nichts zu tun, das vom Autor vielmehr aus biologischen Gründen entschieden abgelehnt wird (vgl. Kattmann 1974). Das Rassenkonzept ist einfach untauglich, die genetische Verschiedenheit der Menschen in ihrer individuellen und geographischen Vielfalt angemessen zu erfassen.</p>
<p class="vspace">Wie die Grundsätze der Klassifizierung werden auch Prinzipien der Evolution durch das Verwerfen des Menschenrassen-Konzepts nicht verletzt, sondern differenziert. Nicht nur bezogen auf den Menschen ist die Vorstellung zu revidieren, Populationsdifferenzierungen entstünden allein durch Selektion in geographisch isolierten Züchtungsräumen. Die molekulargenetische Rekonstruktion der Geschichte menschlicher Populationen (vgl. Cavalli-Sforza 1992) erklärt die genetische Differenzierung hauptsächlich aus Wanderschüben und Alleldrift (Gendrift) sowie Allelfluss (Genfluss) zwischen Populationen, ohne dass ein längerer Aufenthalt in isolierten Räumen angenommen werden muss. Schon deshalb ist die wanderaktive Art Mensch nicht in geographische Unterarten differenziert. Alle heutigen Menschen sind einmal aus Afrika ausgewandert. So, wie die nach Amerika ausgewanderten Europäer dort nicht zu einer neuen »Rasse« wurden, so wenig gilt dies auch für unsere wandernden Vorfahren. Ob es uns gefällt oder nicht: Im Grunde genommen sind wir alle Afrikaner.</p>
<p class="vspace">Der Abschied vom anthropologischen Rassenbegriff ist Teil eines wissenschaftsethisch notwendigen Konzeptwandels (vgl. Kattmann 1992, S. 134 f.). Mit ihm wird erkannt, dass die Evolution des Menschen und die Populationsgeschichte komplexer sind, als es schematische Vorstellungen von Rassen- und Artbildung vorzuschreiben scheinen.</p>
<p class="vspace">Für eine Humanbiologie jenseits von Rasse ergeben sich folgende Schlussfolgerungen und Aufgaben:</p>
<p class="vspace">- »Rasse« ist kein biologisch begründbares Konzept. Die systematisch schwer fassbare genetische Verschiedenheit der Menschen legt nahe, die Bemühungen um Klassifikationen unserer Spezies beiseitezulegen und das Konzept der Rasse durch die Beschreibung und Analyse der Vielfalt der Menschen selbst zu ersetzen (vgl. Lewontin 1986). Die Menschheit besteht nicht aus drei, fünf, sieben, 35 oder 300 »Rassen«, sondern aus annähernd 6 Milliarden Menschen. Nicht Typenbildung und Klassifikation von Typen sind wissenschaftlich gefragt, sondern das Verstehen von Vielfalt und Individualität.</p>
<p class="vspace">- Mit dem Abschied vom Menschenrassen-Konzept ist Rassismus nicht erledigt. Eine solche Annahme wäre naiv und gefährlich, da sie menschenverachtende rassistische Anschauungen bagatellisieren würde. Rassistische Überzeugungen sind jedoch von der biotischen Existenz von Rassen nicht abhängig, sondern erzeugen sich ihre Rassen selber. Nicht »Rassen« sind hier das Problem, sondern der Glaube an deren Existenz und die damit verbundenen Wertungen und Wirkungen.</p>
<p class="vspace">- Wer weiterhin naturwissenschaftlich von Rassen des Menschen sprechen will, muss erklären, in welchem Sinne dies sachgemäß und auch im Lichte der geschichtlichen Wirkungen des Konzeptes gerechtfertigt sein könnte. Hinter dieser Forderung lauert kein Denkverbot, sondern das Gebot, Denkgewohnheiten zu hinterfragen und Konzepte auch hinsichtlich ihrer ethischen Implikationen zu reflektieren. Wissenschaftler sind nicht nur verantwortlich für das Handeln, sondern auch für das Denken, das sie nahelegen oder anstiften (vgl. Frey 1992).</p>
<p class="vspace"><em>Autor: Prof. Dr. Ulrich Kattmann</em></p>
<p class="vspace"><small>Adresse: Prof. Dr. Ulrich Kattmann, Instiut für Biologie, Geo- und Umweltwissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, D-26111 Oldenburg</small></p>
<p class="vspace"><strong><em>Literatur</em></strong></p>
<p class="vspace"><small>American Association of Physical Anthropologists: Statement on biological aspects of race. In: American Journal of Physical Anthropology 101, 1996, 569-570</small></p>
<p class="vspace"><small>Cavalli-Sforza, L. Luca/ Menozzi, Paolo/ Piazza, Alberto: The history and geography of human genes. Princeton University Press 1996</small></p>
<p class="vspace"><small>Cavalli-Sforza, L. Luca: Stammbäume von Völkern und Sprachen. In: Spektrum der Wissenschaft, Nr. 1/1992, 90-98</small></p>
<p class="vspace"><small>Chopra, V. P.: The use of polymorphic genes to study human racial differences. In: Homo 43, Nr. 1/1992, 43-57</small></p>
<p class="vspace"><small>Demel, Walter: Wie die Chinesen gelb wurden. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Rassentheorien. In: Historische Zeitschrift 255, 1992, 625-666</small></p>
<p class="vspace"><small>Frey, Christofer: Verantwortung nicht nur für das Handeln, sondern auch für das Denken. In: Preuschoft, Holger/ Kattmann, Ulrich (Hrsg.): Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Oldenburg 1992, 1-18</small></p>
<p class="vspace"><small>Gould, Stephen Jay: Warum wir menschliche Rassen nicht benennen sollten &#8211; eine biologische Betrachtung. In: Gould, Stephen Jay: Darwin nach Darwin. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1984, 195-200</small></p>
<p class="vspace"><small>Grimm, Hans: Die Verwendung der Bezeichnung »Rasse« in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Anthropologie. In: Kirschke, Siegfried (Hrsg.): Grundlinien der Geschichte der biologischen Anthropologie. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Wissenschaftliche Beiträge 1990/3 (A 121), Halle 1990, 28-43</small></p>
<p class="vspace"><small>Herder Verlag: Lexikon der Biologie. Bd. 5, Freiburg 1985</small></p>
<p class="vspace"><small>Herrmann, Bernd: Zur Entstehung und Wirkung ästhetischer Prinzipien in der menschlichen Rassenkunde. In: Berliner Historische Studien 9, 1983, 165-175</small></p>
<p class="vspace"><small>Hirschfeld, Lawrence, A.: Do children have a theory of race? In: Cognition 54, 1995, 209-252</small></p>
<p class="vspace"><small>Holtz, Günther: Brief an Dr. Erhard Wetzel vom 1. Oktober 1942. Bundesarchiv R 6/184, Koblenz</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Rassen &#8211; Bilder vom Menschen. Wuppertal 1973</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Sonderstellung oder Eigenart? Zur Stellung des Menschen innerhalb der Lebewesen. In: Praxis der Naturwissenschaften-Biologie 23, Nr. 10/1974, 253-264</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Anmerkungen zur Wissenschaftssystematik und Wissenschaftsethik der Anthropologie auf dem Hintergrund ihrer Geschichte. In: Preuschoft, Holger/ Kattmann, Ulrich (Hrsg.): Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Oldenburg 1992, 127-142</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Was heißt hier Rasse? In: Unterricht Biologie 19, Nr. 204/1995, 44-50</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Wie Menschen zu Fremden gemacht werden. In: Interkulturell, Nr. 3/4/1994, 100-114</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Menschenrassen. In: Lexikon der Biologie. Band 9. 2. Auflage, Weinheim 2002, 170-177</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Rassismus. . In: Lexikon der Biologie. Band 11. 2. Auflage, Weinheim 2003, 423-424</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich/ Seidler, Horst: Rassenkunde und Rassenhygiene. Ein Weg in den Nationalsozialismus. Velber 1989</small></p>
<p class="vspace"><small>Kaupen-Haas, Heidrun/ Saller, Christian (Hrsg.): Wissenschaftlicher Rassismus. Frankfurt 1999, 65-83</small></p>
<p class="vspace"><small>Knußmann, Rainer: Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik. 2. Auflage, Jena, Lübeck, Ulm 1996</small></p>
<p class="vspace"><small>Lenz, Fritz: Über Wege und Irrwege rassenkundlicher Untersuchungen. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 39, 3/1941, 385-413</small></p>
<p class="vspace"><small>Lenz, Fritz: Noch einmal die Irrwege bei rassenkundlichen Untersuchungen. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 40, 1943, 185-187</small></p>
<p class="vspace"><small>Lewontin, Richard C.: The apportionment of human diversity. In: Evolutionary Biology 6, 1972, 381-398</small></p>
<p class="vspace"><small>Lewontin, Richard C.: Menschen. Heidelberg 1986</small></p>
<p class="vspace"><small>Linné, Carl von: Systema naturae per regna tria naturae. 10. Auflage, Holmiae 1758</small></p>
<p class="vspace"><small>Livingston, F. B.: On the non-existence of human races. In: Current Anthropology 3, Nr. 3/1962, 279-281</small></p>
<p class="vspace"><small>Robins, Ashley H.: Biological perspectives on human pigmentation. Cambridge 1991</small></p>
<p class="vspace"><small>Schaaffhausen, Hermann: Die Entwicklung des Menschengeschlechtes und die Bildungsfähigkeit seiner Rassen. In: Schaaffhausen, Hermann: Anthropologische Studien, Bonn 1885, 222-235</small></p>
<p class="vspace"><small>Schwidetzky, Ilse: Über Wege rassenkundlicher Untersuchungen. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 40, 1943, 179-184</small></p>
<p class="vspace"><small>Schwidetzky, Ilse: Rassen und Rassenbildung beim Menschen. Stuttgart/New York 1979</small></p>
<p class="vspace"><small>Seidler, Horst/ Rett, Andreas: Das Reichssippenamt entscheidet. Rassenbiologie im Nationalsozialismus. Wien, München 1982</small></p>
<p class="vspace"><small>Seidler, Horst/ Rett, Andreas: Rassenhygiene, ein Weg in den Nationalsozialismus. Wien, München 1988</small></p>
<p class="vspace"><small>Seidler, Horst: Einige Bemerkungen zur sogenannten Rassenkunde unter besonderer Berücksichtigung der deutschsprachigen Anthropologie. In: Preuschoft, Holger/ Kattmann, Ulrich (Hrsg.): Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Oldenburg 1992, 75-101</small></p>
<p class="vspace"><small>Senglaub, Konrad: Sie sind veränderlich. Eine Einführung in die Fortpflanzungs- und Entwicklungsbiologie der Tiere. Leipzig 1982</small></p>
<p class="vspace"><small>UNESCO-Workshop: Stellungnahme zur Rassenfrage. In: Biologen in unserer Zeit, Nr. 5/1996, 71-72</small></p>
<p class="vspace"><small>Vogel, Christian: Menschliche Stammesgeschichte &#8211; Populationsdifferenzierung. Biologie in Stichworten, V Humanbiologie. Kiel 1974</small></p>
<p class="vspace"><em>Anmerkungen</em></p>
<p class="vspace"><em>[Note 1] Überarbeitete Fassung des im Rahmen der Ringvorlesung »Humanbiologie auf dem Prüfstand der Sozial- und Kulturwissenschaften« am 10. 7. 1997 gehaltenen Vortrages. Veröffentlicht in Kaupen-Haas/Saller (1999). Die vorliegende Fassung wurde um Literaturhinweise ergänzt.</em></p>
<p class="vspace"><em>Quelle: <a rel="nofollow" href="http://www.shoa.de/rassenlehre.html" target="_blank">shoa.de</a></em></p>
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		<title>Antizionismus ist nicht Antisemitismus</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Jun 2009 20:17:04 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die wirkliche antirassistische und antikolonialistische Linke braucht nicht erst zu beweisen, dass sie im Kampf gegen die antisemitische Pest steht. Sie wird diesen Kampf desto wirksamer fortführen, je klarer und unzweideutiger sie zu den Kriegsverbrechen Israels und zu seiner Kolonisierungspolitik Stellung bezieht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-410"></span><em>von Michel Warschawski (*)</em><strong><br />
</strong></p>
<p>Der israelisch-palästinensische Konflikt verführt leicht zu religiösen oder zumindest ethnischen Interpretationen. Er spielt sich auf einem Gebiet ab, das die Wiege von Weltreligionen war und das viele &#8220;Heiliges Land&#8221; nennen; der Zionismus wird oft als &#8220;Rückkehr&#8221; des jüdischen Volkes ins Gelobte Land dargestellt, und seine Argumente schöpfen viel aus dem Bereich tradierter Rechte, wenn nicht gar göttlicher Verheißung; Jerusalem ist dreifach heilige Stadt und von Wallfahrtszielen übersät.</p>
<p>Die Allgegenwart der islamistischen Kultur im arabischen Bewusstsein und in der arabischen nationalen Kultur geht gleichfalls schwanger mit der Konfessionalisierung eines Konflikts, der oft als Befreiung eines islamischen, von Ungläubigen besetzten Bodens dargestellt wird. Dem muss die zionistische Idee hinzugefügt werden, einen &#8220;jüdischen Staat&#8221; zu schaffen, und die entsprechende permanente Strategie jüdischer Kolonisierung, die nicht ohne den ethnischen Säuberungskrieg von 1948 auskam.</p>
<p>Es ist ein Verdienst Yasser Arafats, in einem solchen Kontext alles Menschenmögliche getan zu haben, um den israelisch-palästinensischen Konflikt in seiner politischen (und nicht religiösen oder ethnischen) Dimension zu halten: nämlich die eines Kampfes für nationale Befreiung und Unabhängigkeit, eines antikolonialen Kampfes um ein Territorium und um nationale Souveränität.</p>
<p>Umgekehrt ist eines der größten Verbrechen des ehemaligen Premierministers Ehud Barak, das religiöse Element in die Verhandlungen eingeführt zu haben, indem er auf dem zweiten Gipfeltreffen von Camp David die jüdische Souveränität über die Moscheenallee von Jerusalem auf der Grundlage religionsgeschichtlicher Thesen gefordert hat. Diese irre Forderung war ohne Zweifel einer der Hauptgründe für den Zusammenbruch des Oslo- Prozesses. Die Geschichte wird zeigen, ob sie nicht auch zum Auslöser eines Religionskrieges im gesamten Mittleren Osten und eines weltweiten islamisch-jüdischen Konflikts wird.</p>
<p>Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein politischer Konflikt zwischen einer kolonialen Bewegung und einer nationalen Befreiungsbewegung. Der Zionismus ist eine politische und keine religiöse Ideologie, die darauf abzielt, die jüdische Frage in Europa durch die Einwanderung in Palästina, seine Kolonisierung und die Schaffung eines jüdischen Staates zu lösen. So haben seine Sprecher ihn immer definiert, von Herzl bis Ben Gurion, von Pinsker bis Jabotynski, die die Konzepte der Kolonisierung (Hityashvut) oder der Kolonien (Yishuv, Moshav) nie in einem negativ wertenden Sinne benutzt haben. Bis zum Aufstieg des Nazismus hat die überwältigende Mehrheit der Juden weltweit den Zionismus verworfen, sei es als Häresie (das war die Position der großen Mehrheit der Rabbiner und der religiösen Juden), sei es als reaktionär (das war die Position der jüdischen Arbeiterbewegung in Osteuropa), sei es als anachronistisch (so dachten die emanzipierten oder assimilierten Juden in Mittel- und Westeuropa). In diesem Sinne wurde der Antizionismus immer als eine politische Position unter anderen verstanden, die dazu noch ungefähr ein halbes Jahrhundert in der jüdischen Welt hegemonial war. Erst seit etwa dreißig Jahren gibt es eine breite Kampagne, die mit unleugbarem Erfolg versucht, nicht zur Kontroverse über die politische Sinnhaftigkeit des Zionismus beizutragen, zur Analyse seiner Dynamik und seiner politischen und moralischen Implikationen, sondern den Antizionismus zu delegitimieren, indem er ihn mit Antisemitismus gleichsetzt.</p>
<p><strong>Semantische Verschiebungen &#8230;</strong></p>
<p>Wie jeder andere Rassismus negiert der Antisemitismus (oder die Judenfeindlichkeit) den Anderen in seiner Identität und in seiner Existenz. Der Jude ist, egal was er tut, egal was er denkt, Hassobjekt bis hin zur Ausrottung, nur weil er Jude ist.</p>
<p>Der Antizionismus hingegen ist eine politische Kritik an einer politischen Ideologie und Bewegung; er greift nicht eine Menschengruppe an, sondern stellt eine bestimmte Politik in Frage. Wie kommt man dann dazu, die politischen Ideen des Antizionismus mit der rassistischen Ideologie des Antisemitismus gleichzusetzen? Eine europäische Gruppe zionistischer Intellektueller hat die Lösung gefunden, indem sie das Unterbewusste ins Spiel bringt und ein Konzept einführt, mit dem man alles beweisen kann: nämlich das der &#8220;semantischen Verschiebung&#8221;. Wenn man den Zionismus anklagt oder auch Israel kritisiert, dann geht es einem, manchmal unbewusst, nicht um die Politik einer Regierung (der Regierung Sharon) oder um den kolonialistischen Charakter einer politischen Bewegung (des Zionismus) oder, mehr noch, den institutionalisierten Rassismus eines Staates (Israel), sondern um die Juden. Wenn man sagt: &#8220;Die Bombardierungen der Zivilbevölkerung sind Kriegsverbrechen&#8221;, oder: &#8220;Die Kolonisierung ist eine flagrante Verletzung der Vierten Genfer Konvention&#8221;, meint man in Wirklichkeit: &#8220;Das jüdische Volk ist verantwortlich für den Tod von Jesus Christus&#8221; und &#8220;Tod den Juden&#8221;!</p>
<p>Natürlich kann man auf ein solches Argument nichts erwidern, denn jede Antwort wird, vielleicht unbewusst, zur Verteidigung des Antisemitismus. Das Argument der Bedeutungsverschiebung und der Rückgriff auf das Unterbewusste in der politischen Polemik beendet jede Möglichkeit der Debatte, egal zu welchem Thema im Übrigen. Die Verurteilung des Kolonialismus wird zu einer Verurteilung des Engländers (oder des Franzosen oder des Deutschen, je nachdem), seiner Kultur und seiner Existenz. Auch den Antikommunismus gibt es nicht, er ist eine Wortbedeutungsverschiebung für den Slawenhass. Wenn ich sage: &#8220;Ich mag keinen Camembert&#8221;, denke ich in Wirklichkeit: &#8220;Tod den Franzosen!&#8221;; wenn ich erkläre, jiddische Musik zu mögen, sage ich mittels semantischer Verschiebung, dass ich die Araber hasse?</p>
<p>Der Antisemitismus existiert und scheint in Europa wieder sein Haupt zu erheben ? nach einem halben Jahrhundert der Ächtung in Folge des Grauens des Völkermords an den Juden durch die Nazis und der Verbrechen der Kollaboration. Bei einem wachsenden Anteil der arabisch-moslemischen Gemeinden in Europa nehmen rassistische Verallgemeinerungen zu, werden unterschiedslos die Juden für die Verbrechen verantwortlich gemacht, die der jüdische Staat und seine Armee verüben. Im Übrigen findet sich der Antisemitismus oft im selben Lager wieder, das die israelische Politik bedingungslos unterstützt, so z.B. unter den fundamentalistischen protestantischen Sekten, die in den USA die wirkliche proisraelische Lobby darstellen.</p>
<p>Der antiarabische Rassismus existiert ebenfalls, nur räumen die Medien den drastischen Polemiken des Beitar und der Jüdischen Verteidigungsliga gegen die islamischen Institutionen oder gegen Organisationen, die sich der israelischen Kolonisierungspolitik widersetzen, wenig Platz ein ? oder den Parolen, die die Häuserwände gewisser Viertel in Paris verunzieren (&#8220;Tod den Arabern&#8221;, &#8220;Keine Araber, keine Anschläge&#8221;) oder den organisierten Ausschreitungen zionistischer Kommandos.</p>
<p>Der antiarabische und der antijüdische Rassismus müssen beide ohne Zugeständnisse verurteilt und bekämpft werden, und das kann man wirksam nur machen, wenn man sie frontal bekämpft, sonst verstärkt man die verbreitete Idee, hinter der Verurteilung des einen Rassismus stecke faktisch ein Angriff auf die andere Menschengruppe.</p>
<p>Diejenigen, die tatsächliche oder durch &#8220;Wortbedeutungsverschiebung&#8221; unterstellte antisemitische Handlungen verurteilen und zu antiarabischen Exzessen schweigen, machen sich mitverantwortlich für die Kommunitarisierung und Ethnisierung der Köpfe und für die Verstärkung des Antisemitismus, denn sie bekämpfen nicht den Rassismus? überhaupt, egal von wem er ausgeht und gegen wen er sich richtet, sondern ausschließlich den Rassismus der anderen. Sicher sind nicht sie es ? die Tarnero, Lanzmann und anderen Tagieffs ? die das Recht hätten, der radikalen Linken und der Bewegung gegen die marktradikale Globalisierung, die immer an der Spitze antirassistischer Kämpfe standen und keinen dieser Kämpfe im Stich lassen, irgendwelche Lehren zu erteilen.</p>
<p><strong>&#8230; und reale Komplizenschaft</strong></p>
<p>Doch gehen wir einen Schritt weiter. Ein wichtiger Teil der Verantwortung für das Übergleiten von der Kritik an der israelischen Politik zu antisemitischen Haltungen ruht auf den Schultern eines Teils der oft selbsternannten Vorstände der jüdischen Gemeinden in Europa und in den USA. Tatsächlich sind sie es, die sehr oft die jüdische Gemeinde als solche mit einer bestimmten Politik gleichsetzen? nämlich der einer bedingungslosen Unterstützung der politischen Führung Israels. Wenn sie, wie in Straßburg, dazu aufrufen, ihre Unterstützung für Sharon auf dem Vorplatz einer Synagoge zu demonstrieren, wen wundert es dann, wenn die Synagoge zur Zielscheibe von Demonstrationen gegen die israelische Politik wird?</p>
<p>Und was soll man von den kommunitaristischen Sprechern der jüdischen Gemeinde in Frankreich sagen, die den Wahlerfolg Le Pens &#8220;verstehen&#8221; und &#8220;hoffen, dass er die arabische Gemeinde in Frankreich zum Nachdenken bringt&#8221;?</p>
<p>Kann man in dieser Haltung die Komplizenschaft mit dem Mann übersehen, der in Frankreich am meisten die rassistische ? und so auch die antisemitische ? Ideologie verkörpert? Eine Komplizenschaft, die die Zusammenarbeit extrem rechter Organisationen wie des Beitar mit faschistischen und antisemitischen Gruppen wie Occident aus den 70er Jahren fortsetzt? Hier handelt es sich nicht mehr um semantische Verschiebung, sondern um ein abgekartetes Spiel.</p>
<p>Die israelische Politik wird weltweit von vielen kritisiert, und je mehr der jüdische Staat außerhalb des Rechts handelt, desto mehr wird er als gesetzlos betrachtet werden und den entsprechenden Preis dafür bezahlen. Es ist völlig unakzeptabel und unverantwortlich, dass solche jüdischen Intellektuellen, die wie die Vorstände jüdischer Gemeinden in aller Welt eine absolute Identifikation mit Israel zur Schau tragen, letztere mit in den Abgrund ziehen, auf den Ariel Sharon und seine Regierung zustreben.</p>
<p>Im Gegenteil, wenn sie wirklich von der Sorge um die Gemeinschaft bewegt wären, in deren Interesse sie zu sprechen vorgeben, würden sie ihr Möglichstes tun, um die barbarischen Akte des israelischen Staates zu demaskieren und die dramatischen Konsequenzen aufzuzeigen, die diese Handlungen früher oder später für eine nationale hebräische Existenz überhaupt im Nahen Osten nach sich ziehen werden.</p>
<p>Dadurch würden sie Verantwortungsbewusstsein auch gegenüber der jüdischen Gemeinschaft in Israel an den Tag legen: Wäre es nicht besser, wenn sie, statt dem israelischen Draufgängertum zu schmeicheln und zur wachsenden selbstmörderischen Verblendung der israelischen Führung und Bevölkerung beizutragen, und statt mit Lanzmann zu schreien: &#8220;Immer bedingungslos mit Israel&#8221;, als Schutzwall fungierten und Sharon und seine Regierung vor den dramatischen Konsequenzen seiner Politik warnten?</p>
<p>Sind sie so blind, nicht zu sehen, dass die Straffreiheit, derer sich Israel bei bestimmten politischen und weltanschaulichen Strömungen in Europa und Nordamerika erfreut, nur die andere Seite des Antisemitismus und seines Arsenals &#8220;jüdischer Besonderheiten&#8221; ist? Sind sie so stumpfsinnig nicht zu begreifen, dass für viele sogenannte Freunde Israels die Haltung des Gewährenlassens gegenüber dem jüdischen Staat Ausdruck eines Zynismus ist, der die Juden gern frontal gegen die Wand laufen sieht? Und dass im Gegenteil denjenigen, die Israel ? und manchmal hart ? kritisieren, das Leben und Überleben seiner Bevölkerung wirklich am Herzen liegt?</p>
<p>Ariel Sharon, seine Minister, seine Generäle, seine Richter und ein Teil seiner Soldaten werden sich eines Tages vor dem Internationalen Strafgerichtshof für Kriegsverbrechen oder sogar für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten müssen. Damit dann nicht die gesamte israelische Bevölkerung auf der Anklagebank sitzt, gibt es in Israel Tausende Männer und Frauen, Zivilisten und Soldaten, die &#8220;Nein&#8221; sagen, die Widerstand leisten und in Opposition gehen.</p>
<p>Um die Juden der Welt vor dem Vorwurf der Mitverantwortlichkeit zu schützen, um der antisemitischen Propaganda den Boden zu entziehen, die die Leiden der Palästinenser instrumentalisiert, um jeden Juden, nur weil er Jude ist, für schuldig zu erklären, um der Kommunitarisierung und Ethnisierung des israelisch-palästinensischen Konflikts einen Riegel vorzuschieben, ist es unbedingt notwendig, dass sich eine mächtige und feste Stimme innerhalb der jüdischen Gemeinden Gehör verschafft, die sagt, was der Name einer US- amerikanischen jüdischen Organisation ausdrückt, die sich diesem Ziel verschrieben hat: &#8220;Nicht in unserem Namen!&#8221;</p>
<p>Es ist natürlich auch die Pflicht der demokratischen und linken Organisationen auf der ganzen Welt, die Verbrechen Israels ohne jede Konzession zu verurteilen, nicht nur weil die Verteidigung der Unterdrückten und Kolonisierten, welcher auch immer, integraler Bestandteil ihres Programms und ihres Denkens ist, sondern auch weil nur eine klare und mit den anderen Kämpfen, die sie führen, kohärente Position es ihnen ermöglicht, den Kommunitarismus und Rassismus in ihrem eigenen Land zu bekämpfen.</p>
<p>Sich von der Erpressung mit dem Antisemitismusverdacht abschrecken zu lassen, zu schweigen, um sich nicht der Anklage auszusetzen, man leiste &#8220;dem Antisemitismus Vorschub&#8221; oder sei gar &#8220;unbewusst antisemitisch&#8221;, kann letztlich nur den wirklichen Antisemiten zugute kommen oder zumindest die identitäre und kommunitaristische Verwirrung fördern.</p>
<p>Die wirkliche antirassistische und antikolonialistische Linke braucht nicht erst zu beweisen, dass sie im Kampf gegen die antisemitische Pest steht. Sie wird diesen Kampf desto wirksamer fortführen, je klarer und unzweideutiger sie zu den Kriegsverbrechen Israels und zu seiner Kolonisierungspolitik Stellung bezieht.</p>
<p><em>((*) Michel Warschawski ist Leiter des Alternative Information Center in Jerusalem)</em></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.vsp-vernetzt.de/soz/02090h.htm" target="_blank">http://www.vsp-vernetzt.de/soz/02090h.htm</a></em></p>
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