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Das Konzept des libertären Kommunismus (1936) Teil2

Aufgabe und innere Organisation der Kommune

Die Kommune wird sich mit all dem zu befassen haben, was das Individuum betrifft. Sie wird sich um alle Angelegenheiten kümmern müssen, die in Zusammenhang mit der Verwaltung und Verschönerung der Ortschaft stehen. Sie wird für die Unterbringung ihrer Bewohner sorgen müssen. Sie wird sich um die Artikel und Produkte kümmern müssen, die ihr von den Gewerkschaften und Produzentenvereinigungen geliefert worden sind.

Sie wird sich ebenso mit der Hygiene, der kommunalen Statistik, den kollektiven Bedürfnissen, dem Unterricht, den Gesundheitseinrichtungen sowie der Erhaltung und Vervollkommnung der örtlichen Kommunikationsmöglichkeiten beschäftigen. Sie wird die Verbindungen zu den anderen Kommunen organisieren und sich um die Förderung künstlerischer und kultureller Aktivitäten bemühen. Um diese Aufgabe gut erfüllen zu können, wird ein Rat der Kommune gewählt werden, dem die Vertreter der Räte für Ackerbau, Gesundheit, Kultur, Verteilung sowie Produktion und Statistik angehören werden. Das Wahlverfahren für die Räte der Kommune wird man unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bevölkerungsdichte erarbeiten, wobei man berücksichtigen muß, daß die Metropolen bei der Bildung von Föderationen der Kommunen nur langsam politisch dezentralisiert werden.

Alle diese Institutionen werden keinen exekutiven oder bürokratischen Charakter haben. Abgesehen von denen, die technische oder rein statistische Aufgaben wahrnehmen, werden auch sie ihre Aufgabe als Produzenten erfüllen. Die Mitglieder der einzelnen Institutionen versammeln sich erst gegen Ende des Arbeitstages, um die Detailfragen zu diskutieren, die nicht der Zustimmung durch die kommunalen Versammlungen bedürfen. Es werden so oft Versammlungen abgehalten, wie es die Bedürfnisse der Kommune erfordern, und zwar entweder auf Ersuchen der Mitglieder des Rates der Kommune oder auf Wunsch der Einwohner einer jeden Kommune.

Gegenseitige Kontakte und Austausch der Produkte

Wie schon erwähnt, ist unsere Organisation föderalistischer Art und sichert die Freiheit des einzelnen innerhalb der Gruppe und innerhalb der Kommune, die der Kommunen innerhalb der Föderation und die der Föderationen innerhalb der Konföderationen. Wir kommen also vom Individuum zum Kollektiv und sichern so die Rechte des einzelnen. Das Prinzip der Freiheit bleibt dabei unantastbar. Die Bewohner einer Kommune werden untereinander die internen Probleme diskutieren: Produktion, Konsum, Unterricht, Hygiene und was sonst noch für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Kommune erforderlich sein könnte. Wenn es sich um Probleme handelt die einen ganzen Landstrich oder eine Provinz angehen, dann müssen die Föderationen untereinander beraten.

In den Versammlungen, die letztere abhalten, werden alle Kommunen vertreten sein, deren Delegierte die Argumente vorbringen werden, die zuvor in ihren Heimatkommunen gebilligt worden sind. Wenn zum Beispiel Straßen gebaut werden sollen, die die Ortschaften eines Landstriches miteinander verbinden, oder wenn es um Transportangelegenheiten oder um den Austausch von Produkten zwischen landwirtschaftlich ausgerichteten und industriell geprägten Landstrichen geht, dann ist es nur natürlich, wenn alle Kommunen ihren Standpunkt darlegen, denn sie müssen ja auch alle ihren Beitrag zu den Bauarbeiten leisten.

In Angelegenheiten regionalen Charakters wird es die Regionale Föderation sein, die die Beschlüsse in die Praxis umsetzt. Diese Beschlüsse werden den souveränen Willen aller Bewohner der Region zum Ausdruck bringen. Denn zur Willensbildung kommt es zuerst beim Individuum, dann in der Kommune, dann in der Föderation und schließlich in der Konföderation. Auf ganz ähnliche Art und Weise werden wir zu einer Diskussion aller Probleme kommen, die die ganze Nation angehen, denn unsere Einrichtungen werden sich untereinander immer mehr ergänzen. Die nationale Organisation wird die internationalen Beziehungen regeln, indem sie direkten Kontakt zum Proletariat der anderen Länder aufnimmt, und zwar mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden Organe, die, wie in unserem Falle, der Internationalen Arbeiter-Assoziation angehören.

Um den Austausch der Produkte von Kommune zu Kommune zu sichern, setzen sich die Räte der Kommune mit den regionalen Föderationen der Kommunen und mit dem Rat der Konföderation für Produktion und Verteilung in Verbindung, wobei sie das anfordern, was ihnen fehlt, und das anbieten, was sie im Überfluß haben. Durch das Netz von Verbindungen zwischen den Kommunen und den Räten für Produktion und Statistik, die durch die Nationalen Produzentenföderationen hergestellt werden, ist das Problem bereits gelöst und vereinfacht.

Was die kommunale Seite der Frage betrifft, so werden Produzentenbescheinigungen genügen, die von den Werks- und Fabrikräten ausgestellt sind und den Arbeitern das Recht zum Erwerb dessen geben, was sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen. Die Produzentenbescheinigung ist im Prinzip so etwas wie ein Wechselbrief, die zwei Ausführungsbestimmungen unterworfen ist: Erstens, daß sie nicht übertragbar ist, und zweitens, daß man ein Verfahren entwickelt, mit dem auf der Bescheinigung der Wert der Arbeit in Arbeitstagen registriert wird und der hier eingetragene Wert höchstens ein Jahr lang zum Erwerb von Produkten berechtigen soll. Den nicht in den Arbeitsprozeß einbezogenen Teilen der Bevölkerung werden die Gemeinderäte Verbrauchsbescheinigungen ausstellen.

Selbstverständlich kann man keine absolut gültige Norm aufstellen. Die Autonomie der Kommunen muß respektiert werden, die, wenn sie es für angemessen halten, ein anderes System des inneren Austausches einführen können, vorausgesetzt daß die neuen Systeme auf keinen Fall die Interessen der anderen Kommunen verletzen.

Pflichten des Individuums gegenüber dem Kollektiv und Idee von der gerechten Verteilung

Der freiheitliche Kommunismus ist unvereinbar mit jedem auf Strafe beruhenden System, und folglich führt er auch zum Verschwinden des gegenwärtig herrschenden Systems einer korrigierenden Justiz und mit ihm der Strafinstrumente (Gefängnisse, Zuchthäuser etc.). Dieser Bericht ist der Auffassung, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die sogenannten Delikte hauptsächlich soziale Ursachen haben und wenn diese Ursachen verschwunden sind, im allgemeinen auch das Delikt verschwindet.

Wir meinen also:

  • Erstens: Daß der Mensch nicht von Natur aus schlecht ist und daß die Straffälligkeit die logische Folge der sozialen Ungerechtigkeit ist, in der wir leben.
  • Zweitens: Daß, wenn man die Bedürfnisse des Menschen befriedigt und ihm eine vernünftige und menschliche Erziehung gewährt, diese Ursachen verschwinden müssen.

Darum glauben wir, daß ein Individuum, das seine Pflichten, sei es nun im Bereich der Moral oder der Produktion, nicht erfüllt, vor den Volksversammlungen zu erscheinen hat, die im Sinne sozialer Harmonie eine gerechte Lösung für die Angelegenheit finden werden. Der freiheitliche Kommunismus wird also seine „korrigierenden Maßnahmen“ der Medizin und der Pädagogik entnehmen, die über die einzigen vorbeugenden Hilfsmittel verfügen, die die moderne Wissenschaft anerkennen. Wenn irgendein Individuum als Opfer pathologischer Erscheinungen gegen die Harmonie verstößt, die zwischen den Menschen herrschen soll, dann wird die pädagogische Therapeutik sich darum bemühen, sein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen und in ihm das moralische Gefühl für soziale Verantwortlichkeit zu stärken, das durch sein ungesundes Erbe sich nicht hat entwickeln können.

Die Familie und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern

Man sollte nicht vergessen, daß die Familie der erste zivilisatorische Kern des Menschengeschlechts gewesen ist und daß sie auf dem Gebiet der Kultur, der Moral und des Gemeinschaftsgeistes Bewunderungswürdiges geleistet hat. Man sollte nicht vergessen, dass sie sich auch innerhalb der Entwicklung von der Familie zum Clan, vom Clan zum Stamm, vom Stamm zum Volk und vom Volk zur Nation erhalten hat. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Familie noch lange Zeit bestehen bleiben wird. Die Revolution darf nicht gewaltsam gegen die Familie vorgehen, ausgenommen in solchen Fällen, in denen es sich um unharmonische Ehen handelt, bei denen man das Recht auf Scheidung anerkennen und unterstützen muß. So wie die erste Maßnahme des freiheitlichen Kommunismus darin besteht, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Menschen ohne Unterschied der Geschlechter zu sichern, so wird auch die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Mann und Frau verschwinden, die aus Gründen wirtschaftlicher Unterlegenheit im Kapitalismus entstanden ist. Es ist also klar, daß die Geschlechter gleichberechtigt sein werden, in ihren Rechten wie in ihren Pflichten.

Der freiheitliche Kommunismus proklamiert die freie Liebe, die nur durch den Willen des Mannes und der Frau bestimmt wird, wobei den Kindern der Schutz durch die Gemeinschaft garantiert wird und sie durch die Anwendung biologisch-eugenischer Prinzipien vor menschlichen Verirrungen bewahrt bleiben. Ebenso wird eine gute Sexualerziehung in der Schule auf eine Auswahl der Spezies Mensch hinwirken, die in Übereinstimmung mit den Zielen der Eugenik erfolgt, so daß sich die menschlichen Paare bewußt fortpflanzen und daran denken, gesunde und schöne Kinder zu zeugen.

Für moralische Probleme, die die Liebe in eine freiheitliche kommunistische Gesellschaft hineintragen kann und die z.B. in Eifersucht ihre Ursache haben könnten, gibt es in der Gemeinschaft und in Freiheit nur zwei Lösungsmöglichkeiten, damit die menschlichen und sexuellen Beziehungen sich normal entwickeln. Für den, der Liebe mit Gewalt erzwingen will und sich dabei wie ein Tier benimmt, wird es, wenn weder guter Rat noch der Respekt vor dem Recht des einzelnen etwas auszurichten vermag, nur ein Mittel geben, nämlich die Entfernung aus der Gemeinschaft. Für viele Krankheiten empfiehlt sich ein Wasser- und Luftwechsel. Gegen die Liebeskrankheit, eine Krankheit, die sich in Starrsinn und Blindheit verwandeln kann, wird sich ein Wechsel der Kommune empfehlen, wobei der Kranke von dem Milieu entfernt wird, das ihn blind und verrückt macht, obgleich nicht zu befürchten steht, daß es in einer Atmosphäre sexueller Freiheit dazu kommen wird.

Die religiöse Frage

Die Religion, eine rein subjektive Erscheinung der menschlichen Existenz, wird insoweit anerkannt werden, als sie sich auf das Heiligtum des individuellen Gewissens beschränkt. Aber auf keinen Fall kann die Religion in der Form einer öffentlichen Zurschaustellung oder eines moralischen und intellektuellen Zwanges anerkannt werden. Es bleibt dem einzelnen freigestellt, wie viele moralische Ideen er sich zu eigen machen will, doch alle Riten werden verschwinden.

Über die Pädagogik, die Kunst, die Wissenschaft und das freie Experimentieren

Das Erziehungsproblem muß mit radikalen Mitteln gelöst werden. In erster Linie muß das Analphabetentum energisch und systematisch bekämpft werden. Die Kultur wird denen zurückgegeben werden, denen man sie geraubt hatte. Dies ist eine Pflicht der Wiedergutmachung im Sinne der sozialen Gerechtigkeit, die die Revolution erfüllen muß. So wie der Kapitalismus den gesellschaftlichen Reichtum gehamstert hat, so haben die Städte Kultur und Erziehung monopolisiert. Den materiellen Reichtum und die Kultur zurückzuerstatten, das sind die wesentlichsten Ziele unserer Revolution. Wie das geschehen soll? Dadurch, daß im materiellen Bereich der Kapitalismus enteignet wird und im moralischen Bereich die Kultur denen vermittelt wird, denen sie fehlt.

Unsere erzieherische Arbeit muß sich folglich in zwei Etappen vollziehen. Wir haben eine erzieherische Aufgabe, die wir unmittelbar nach der Revolution lösen müssen, und eine allgemein menschliche Aufgabe, die erst im Rahmen der neuen Gesellschaft zu erfüllen ist. Die unmittelbare erzieherische Aufgabe wird darin bestehen, unter der analphabetischen Bevölkerung eine elementare Bildungsarbeit zu organisieren, die zum Beispiel im Unterricht folgender Dinge bestehen könnte: Lesen, Schreiben, Rechnen, Sport, Hygiene, Entwicklungs- und Revolutionsgeschichte, theoretische Aufklärung über die Nichtexistenz Gottes etc. Diese Aufgabe kann von einer großen Zahl gebildeter junger Leute als freiwilliger Bildungsdienst für ein oder zwei Jahre übernommen werden, wobei sie durch die Nationale Föderation für Erziehung entsprechend ausgebildet und überwacht werden.

Diese Institution wird unmittelbar nach der Proklamierung des freiheitlichen Kommunismus die Leitung aller Lehr- und Bildungszentren übernehmen und die Tauglichkeit der hauptberuflichen und freiwilligen Lehrer über prüfen. Die Nationale Föderation für Erziehung wird sich von denjenigen trennen, die intellektuell, vor allem aber moralisch nicht in der Lage sind, sich den Erfordernissen einer freien Pädagogik anzupassen. Ebenso wird bei der Auswahl der Lehrer für die Volksschule beziehungsweise die Höhere Schule allein die in praktischer Arbeit bewiesene Fähigkeit entscheiden.

Der Unterricht, dessen pädagogische Aufgabe darin besteht, zu einer neuen Menschlichkeit zu erziehen, wird frei, wissenschaftlich und für beide Geschlechter in gleicher Weise zugänglich sein. Alle notwendigen Mittel werden zur Verfügung gestellt werden, um sich in jedem nur möglichen Zweig der menschlichen Produktivität und des menschlichen Wissens üben zu können. Der Hygiene und der Kindererziehung wird Vorrang eingeräumt werden, wobei die Frau dazu erzogen wird, schon in der Schule das Notwendige zu lernen, um Mutter sein zu können. Ebenso wird ein Hauptaugenmerk auf die Sexualerziehung gelegt werden, die die Grundlage für eine Verbesserung des Menschengeschlechts ist. Wir halten es für die Hauptaufgabe der Pädagogik, die Heranbildung von Menschen mit selbständigem Urteil zu fördern, wobei natürlich auch die Frauen gemeint sind. Dazu wird es notwendig ein, daß der Lehrer alle Anlagen des Kindes mit dem Ziel fördert, daß das Kind zur vollständigen Entwicklung aller seiner Fähigkeiten gelangt.

In dem pädagogischen System, das der freiheitliche Kommunismus verwirklichen wird, werden auf gar keinen Fall Bestrafungen oder Belohnungen Platz finden, denn diese beiden Erscheinungen enthalten den Keim zur Entwicklung aller Formen von Ungleichheit. [1]

Das Kino, der Rundfunk, die pädagogischen Hilfsmittel – Bücher, Bilder, Projektionsapparate – werden ausgezeichnete und wirksame Dienste bei einer schnellen intellektuellen und moralischen Umgestaltung der gegenwärtigen Generationen leisten und ebenso bei der Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder und Heranwachsenden von Nutzen sein, die im freiheitlichen Kommunismus geboren werden und aufwachsen.

Ganz abgesehen vom rein erzieherischen Aspekt wird die freiheitliche kommunistische Gesellschaft schon in den ersten Jahren allen Menschen das Recht sichern, ihr Leben lang Zugang zu Wissenschaft, Kunst und Forschung zu erhalten, soweit sich das mit den unabdingbaren Erfordernissen produktiver Arbeit vereinbaren läßt. Erst solche geistige Betätigungen garantieren die Gesundheit und das seelische Gleichgewicht der menschlichen Natur. Darum sind auch die Produzenten in der freiheitlichen, kommunistischen Gesellschaft nicht in Hand- und Kopfarbeiter aufgeteilt, sondern alle werden zugleich körperlich und geistig arbeiten. Darüber hinaus wird der Zugang zu den Künsten und Wissenschaften frei sein, denn die Zeit, die man auf sie verwendet, gehört dem Individuum und nicht der Gemeinschaft, aus der sich der einzelne lösen kann, wenn er Lust dazu hat, sobald er die Tagesarbeit, seine Aufgabe als Produzent erfüllt hat.

Es gibt Bedürfnisse geistiger Art, die als Parallelerscheinungen zu den materiellen Bedürfnissen angesehen werden können und die sich um so mehr in einer Gesellschaft bemerkbar machen, je mehr in ihr die materiellen Bedürfnisse befriedigt werden und der Mensch als moralisch emanzipiert akzeptiert wird. So wie die Entwicklung eine ununterbrochene Linie ist, wenn auch nicht immer eine Gerade, so wird auch der einzelne immer Ehrgeiz haben, etwa den Wunsch, mehr zu genießen, seine Eltern zu übertreffen, unter seinen Kollegen hervorzuragen, sich selbst zu überwinden.

Alle diese Wünsche nach dem Übertreffen anderer, nach schöpferischer, künstlerischer, wissenschaftlicher oder literarischer Tätigkeit und nach dem Experimentieren kann eine Gesellschaft, die auf der freien Prüfung und der Freiheit, alle Ausdrucksformen des menschlichen Lebens zu tolerieren, beruht, unter keinerlei allgemeinen oder materiellen Zweckmäßigkeitserwägungen unterdrücken; sie wird diese Bestrebungen nicht scheitern lassen, wie es heute geschieht, sondern sie wird im Gegenteil fördern und pflegen, da sie weiß, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt und daß die Menschheit unglücklich wäre, müßte sie allein vom Brot leben.

Es ist unlogisch zu glauben, daß die Menschen in unserer neuen Gesellschaft nicht das Bedürfnis nach Zerstreuung hätten. In den autonomen freiheitlichen Kommunen werden im Gegenteil Tage zur allgemeinen Erholung bestimmt, wozu die Versammlungen symbolträchtige Tage aus der Geschichte oder aus dem Naturablauf auswählen werden. Ebenso werden bestimmte Stunden am Tage für Ausstellungen, Theateraufführungen, Filmvorführungen oder Vorträge reserviert, die allen Freude und Zerstreuung bringen.

Verteidigung der Revolution

Wir räumen ein, daß es notwendig ist, die mit Hilfe der Revolution gewonnenen Errungenschaften zu verteidigen. Weil wir annehmen, daß es in Spanien mehr revolutionäre Möglichkeiten gibt als in irgendeinem der Nachbarländer, ist zu vermuten, daß sich der Kapitalismus in diesen Ländern nicht damit abfindet, wenn er sich der Interessen beraubt sieht, die er im Lauf der Zeit in Spanien erworben hatte.

Solange also die soziale Revolution nicht in internationalem Maßstab gesiegt hat, wird man die zur Verteidigung des neuen Regimes notwendigen Maßnahmen ergreifen müssen, sei es gegen die Gefahr einer ausländischen kapitalistischen Invasion, wie sie oben angedeutet wurde, sei es, um eine Konterrevolution im eigenen Lande zu verhindern. Ein stehendes Heer bedeutet allerdings die größte Gefahr für die Revolution, denn unter seinem Einfluß würde sich die Diktatur herausbilden, die der Revolution unvermeidlich den Todesstoß geben würde.

In den Augenblicken des Kampfes, in denen die Streitkräfte des Staates ganz oder teilweise mit dem Volk gemeinsame Sache machen, werden die organisierten militärischen Kräfte auf den Straßen ihren Beitrag zum Sieg über die Bourgeoisie leisten. Ist diese aber niedergeworfen, wird die Aufgabe der Streitkräfte beendet sein. Das bewaffnete Volk wird die beste Garantie gegen jeden Versuch bilden, das zerstörte kapitalistische Regime mit innerspanischen oder ausländischen Kräften zu restaurieren. Es gibt Tausende von Arbeitern, die den Militärdienst absolviert haben und die moderne militärische Technik kennen.

Jede Kommune muß über Waffen und Geräte für die Verteidigung verfügen, bis die Revolution endgültig gesichert ist. Danach können sie dann in Arbeitsgeräte umgewandelt werden. Wir empfehlen dringend die Unterhaltung von Flugzeugen, Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Maschinengewehren und auch Flugabwehrkanonen, denn in der Luft liegt die Hauptgefahr im Falle einer ausländischen Invasion. Wenn dieser Augenblick gekommen ist, wird das Volk rasch mobilmachen, um sich dem Feind entgegenzuwerfen.

Sobald die Verteidigungsaufgabe erfüllt ist, werden die Produzenten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Diese Generalmobilmachung wird alle Personen beiderlei Geschlechts erfassen, sofern sie für den Kampf tauglich sind. Sie werden sich vorbereiten, um in diesem Kampf die vielfältigen und notwendigen Aufgaben erfüllen zu können. Die Verteidigungskräfte der Konföderation, die bis hinunter in den Produktionsstätten bereitstehen, werden bei der Verteidigung der Errungenschaften der Revolution die wertvollsten Hilfskräfte sein. Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, um sie für die Kämpfe auszubilden.

Wir erklären deshalb:

  • Erstens: Die Entwaffnung des Kapitalismus bedeutet die Aushändigung der Waffen an die Kommunen, die mit ihrer Unterhaltung und Pflege beauftragt werden und gleichzeitig dafür sorgen, daß die Verteidigungskräfte im nationalen Rahmen wirksam organisiert werden.
  • Zweitens: Im internationalen Rahmen müssen wir unter den Proletariern aller Länder intensive Propagandaanstrengungen unternehmen, damit diese Proletarier energischen Protest einlegen und sich mit uns solidarisch erklären, wenn von Seiten ihrer Regierungen irgendein Invasionsversuch unternommen wird. Zur gleichen Zeit wird unsere Iberische Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen allen Ausgebeuteten der Welt moralische und materielle Hilfe leisten, damit sie sich für immer aus der unerträglichen Vormundschaft des Kapitalismus und des Staates befreien können.

Abschließende Bemerkungen

Unsere Arbeit ist hiermit beendet, aber bevor wir zum Schluß kommen, glauben wir, in dieser historischen Stunde noch einmal dringend darauf hinweisen zu müssen, daß diese Schrift nicht als etwas Endgültiges angesehen werden darf, das als unverrückbare Norm für die Aufbauarbeit des revolutionären Proletariats dienen soll. Der Anspruch dieser Ausführungen ist wesentlich bescheidener. Wir würden es begrüßen, wenn der Kongreß in ihnen die allgemeinen Linien eines ersten Planes sehen würde, den die Arbeiter vollenden müssen: einen Ausgangspunkt für die Menschheit auf dem Wege zu ihrer gänzlichen Befreiung.

Jeder, der sich klug, mutig und befähigt fühlt, möge unsere Arbeit verbessern.

[1] Zu den Erziehungsvorstellungen vgl. auch die Versuche Francisco Ferrers, der bereits 1901 in Barcelona eine freie Schule gegründet hat. Francisco Ferrer, Die moderne Schule, Berlin 1923, Nachdruck mit einem neuen Vorwort, Karin Kramer Vlg., Berlin 1970 + 1975

Originaltext: http://www.fau-bremen.de.vu (überarbeitet) gespiegelt von: http://www.anarchismus.at

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