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Die Machno Bewegung

AIZ # 5, Nov./Dez. 98
AZL – Autonome Zelle Landshut
Antifaschistische Autonome ArbeiterInnen Info Zeitung

In der offiziellen Geschichtsschreibung wird jeder Versuch den Anarchismus zu leben, jede anarchistische Revolution konsequent verleugnet, offiziell existiert diese anarchistische Praxis nicht. Jedoch gibt es in fast jedem Land eine verschüttete anarchistische Geschichte, mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger interessant.

Eine eindeutig anarchistische Bewegung, die zahlenmäßig von Bedeutung war und den Versuch unternommen hat, ihre Form des Anarchismus auch zu realisieren, waren die bäuerlichen Anarchisten in der südlichen Ukraine. Sie bemühten sich zwischen 1917 und 1921 ihre Spielart des Anarchismus praktisch umzusetzen. Durch den Frieden von Brest-Litowsk war die Ukraine an Deutschland und Österreich gefallen und unter der Herrschaft des von den Deutschen eingesetzten „Hetman“ Skoropadski erhoben sich die armen Bauern und Tagelöhner an vielen Stellen gleichzeitig und spontan. Die Revolte erstreckte sich jedoch nicht nur auf ihre wahren Unterdrücker, die Staatsgewalt und Großkapitalisten, sondern ergoß sich auch in antisemitische Progrome, von Seiten der Kleinbauern, denen es nicht auf die Revolution ankam, sondern auf den Erhalt ihres Besitzes. Die „Anarcho-kommunistischen Gruppen“, die teils von Kropotkins, teils von Bakunins Ideen beseelt waren und in der Ukraine auf einen jahrelangen Kampf gegen den Zaren zurückblicken konnten, verurteilten diese Progrome (…) reaktionärer Kleinbauern.

Einer ihrer bekanntesten Kämpfer, Nestor Machno, nach dem diese Bewegung benannt wurde, war durch die Revolution 1917 aus dem Gefängnis in Petersburg befreit worden. Dort saß er eine lebenslange Strafe ab, zu der er als 17-jähriger zum Tode verurteilt – „begnadigt“ worden war. Umgehend begab er sich in seine Heimatstadt Gulaj-Pole, eine ländliche Kleinstadt mit primitiver Industrie. Unverdrossen nahm er seine frühere Agitation wieder auf und kümmerte sich um die heruntergekommene Gewerkschaftsbewegung.

Sein Wirken war so erfolgreich, dass schon nach wenigen Wochen ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde. Aber sein Rückhalt und der seiner Genossen war schon zu groß. Binnen kurzen konnten die Anarchisten aus den verbitterten Kleinbauern, die den Geruch der Freiheit witterten, eine kleine Guerillaarmee mit etwa 1.000 Kämpfern gründen. Rasch war Gulaj-Pole befreit und der Kampf breitete sich wie ein Steppenbrand aus. Es gelingt den „Machnowzi“, deren Guerillaarmee bis auf 10.000 Menschen anwuchs in der Folgezeit den „freien Rayon“ bis auf 70.000 Quadratkilometer auszudehnen. In dem Gebiet liegen mehrere Großstädte, dort leben ca. 7 Mio. Menschen. Rückgrad der gesamten Selbstverwaltung waren Räte, die „Freien Sowjets“. Die gab es in jeden Gebiet, aber auch für bestimmte übergreifende Aufgaben wie Transportkultur, Industrie und Kriegsführung. Übergeordnet tagte wann immer dies möglich war, der „Rayonkongress“, eine bunte Volksversammlung aller Delegierten all jener Räte.

Man muss sich das vorstellen: Bis zu 20.000 Menschen kamen zusammen und besprachen ihre Probleme. Dann gingen diese Leute wieder nach Hause und setzten die Beschlüsse um. Drei solcher Rayonkongresse wurden durchgeführt, viel zu wenig, um das Handwerk der Anarchie zu lernen, aber genug um zu sehen, mit wieviel Hingabe und Disziplin einfache Menschen in der Lage sind, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. In der Regel waren die Delegierten an das imperative Mandat ihres Rates gebunden und man bemühte sich, Beschlüsse möglichst einstimmig zu fassen. Jedes Kollektiv, jeder Rat blieb aber autonom, die Entscheidungen anzunehmen oder abzulehnen. Dieses Prinzip galt ebenso für die Landwirtschaft, wie für die freien Schulen, als auch für die Partisanenarmee, die ihre „Führer“ vor den Gefechten zu wählen pflegten.

Dieses Experiment war natürlich weit davon entfernt den Idealvorstellungen eines Tolstoi, Kropotkin oder Proudhon zu entsprechen, aber es war der Beweis dafür, dass man Anarchie tatsächlich leben kann und dass es funktioniert. Sie scheiterten an einem übermächtigen Gegner, den Bolschewiki. Das Verhalten der Machnowzi den Bolschewiki gegenüber war geradezu naiv. Im Juni 1918 kam Nestor Machno in Moskau mit Lenin zusammen. Beide behandelten den Kampf gegen die weißen Generäle. Die Anarchisten Moskaus standen zu diesen Zeitpunkt schon auf den Hinrichtungslisten der Geheimpolizei. Als die weißen Generäle geschlagen worden waren, erging es den ukrainischen Anarchisten wie den russischen. Die Rote Armee zerschlug das freie Gemeindewesen unter unerbittlichen Widerstand der Anarchisten, die jedoch am 28. August 1921 nach Rumänien flüchten mußten. Der Kampf zwischen libertären und autoritären Sozialismus hat zahlreichen Bauern und Abeiterfamilien, die mit den Anarchisten sympathisiert hatten, das Leben gekostet.

Zum Weiterlesen:

  • Peter Arschinoff, Geschichte der Machnobewegung, Karin Kramer Verlag
  • Horst Stowasser, Die Machnotschina, An-Archia-Verlag

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