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Disziplinierung durch Armut

Kapitalbedingt wird von Politik und Medien das falsche Bild vom Tüchtigen, der nicht arm werden kann, ins Alltagsbewußtsein gehoben Von Christoph Butterwegge

Seit der SPD-Vorsitzende Kurt Beck in einem Interview, das die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 8. Oktober 2006 veröffentlichte, eher beiläufig den Begriff »Unterschichten« erwähnte und ihnen mangelnden Aufstiegswillen vorwarf, hat die deutsche Öffentlichkeit nach etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten erstmals wieder das Thema Armut entdeckt. In einer manchmal beinahe hysterischen Weise wurde erörtert, ob es das Phänomen überhaupt gibt, was daran neu ist, wer dafür die Verantwortung trägt und was getan werden muß, um ihm zu begegnen.

Wie die Sozialgeschichte der Armut zeigt, unterliegt letztere einem ständigen Wandel. Was darunter verstanden wird, ist vom jeweiligen Wohlstandsniveau, von der Produktivkraftentwicklung und den Besitz-, Einkommens- bzw. Vermögensverhältnissen sowie den hierauf basierenden Normen und Werten, ihrer Widerspiegelung im Massenbewußtsein und den soziokulturellen Traditionen einer Gesellschaft abhängig. »Armut« gehört zu jenen Begriffen, die zwar fest im Alltagsbewußtsein verankert sind, unter denen aber jeder etwas anderes versteht.

Armutsdiskussion bis 1989/90

Überblickt man die politischen, publizistischen und wissenschaftlichen Armutsdiskussionen, fallen regelrechte Konjunkturen des Themas ins Auge. Perioden der Tabuisierung, Verharmlosung und Beschönigung wechselten mit allerdings viel selteneren Phasen der öffentlichen Thematisierung ab. Wie auch in der jüngsten Diskussion über eine »neue Unterschicht« gingen Dramatisierung und Verdrängung, Skandalisierung und Bagatellisierung des Problems teilweise sogar Hand in Hand. Insgesamt hatte das Problem »Armut« in der öffentlichen Diskussion der Bundesrepublik einen äußerst niedrigen Stellenwert.

Das unvorstellbare Nachkriegselend mit Wohnungsnot, Kältetoten und Hungermärschen wich im Laufe der 50er Jahre, durch günstige weltpolitische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen gefördert, einem wachsenden Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten. Vor diesem Hintergrund versprach der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) 1957 in seinem Buch »Wohlstand für Alle«, das Auf und Ab der Konjunkturzyklen zu überwinden, Vollbeschäftigung zu gewährleisten und den privaten Reichtum durch Verstetigung des Wachstums ohne Umverteilung zu maximieren. Tatsächlich schien die große Rentenreform desselben Jahres die (Alters-)Armut schon bald so weit zu verringern, daß man allgemein glaubte, Leistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz vom 30. Juni 1961 nur noch im Einzelfall der persönlichen Notlage, aber nicht mehr massenhaft im Sinne eines Kollektivschicksals sozial Deklassierter gewähren zu müssen. Während des westdeutschen »Wirtschaftswunders« gegen Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre wurde die Armut zum Randphänomen in der Hinsicht erklärt, daß sie ein zu vernachlässigendes Problem sei und nur noch völlig irrelevante Randgruppen wie Drogensüchtige, Trinker, geistig Behinderte und psychisch Kranke treffe.

Nach dem Regierungswechsel im Herbst 1969 (Ablösung der großen durch die sozial-liberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt) entdeckten der damalige rheinland-pfälzische Sozialminister Heiner Geißler und andere CDU-Politiker um die Mitte der 70er Jahre, was sie »Neue Soziale Frage?« nannten. Das zwar wenig präzise, aber nicht unpopuläre Schlagwort erfüllte seinen Zweck, der darin bestand, organisierte und nichtorganisierte Gruppen – unabhängig von der Vereinbarkeit ihrer Interessen wie der Berechtigung ihrer Ansprüche gegenüber der ständig wachsenden Kapitalmacht – auseinanderzudividieren, ganz gut.

Während der 80er Jahre vollzog sich eine Spaltung zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen, die hauptsächlich im Gewerkschaftsbereich registriert und mit dem Begriff »Neue Armut« etikettiert wurde. Mit den Kindern geriet zum erstenmal eine Betroffenengruppe ins Blickfeld, die man nicht selbst für ihr Schicksal verantwortlich machen und der man schwerlich Leistungsmißbrauch vorwerfen kann.

Peter Glotz (SPD) prägte 1984 die Formel der »Zweidrittelgesellschaft« für Spaltungstendenzen, die sich damals abzeichneten. Je mehr sich der damit bezeichnete Zerfallsprozeß zuspitzte, desto weniger wollte die Sozialforschung davon wissen. Hatte die westdeutsche Soziologie zur Zeit des »Wirtschaftswunders« in den späten 50er und frühen 60er Jahren die These von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« des Soziologen Helmut Schelsky übernommen, so erschien ihr die Bundesrepublik jetzt gewissermaßen als pluralisierte Milieugesellschaft, in der soziale Antagonismen, aber auch Klassen und Schichten gar keine Rolle mehr spielten. Modernisierungs- und Individualisierungstheorien der etablierten Fachwissenschaft überdeckten jene Marginalisierungstendenzen, die eher einem Rückfall in den Frühkapitalismus als einer Überwindung dieser Gesellschaftsordnung ähnelten.

Daß sich die Gesellschaft aufgrund der Umverteilung »von unten nach oben« während der 80er Jahre immer deutlicher in Arm und Reich spaltete, sich das Kapital in wenigen Händen konzentrierte und mit der Massenarbeitslosigkeit vermehrt alte Deprivationserfahrungen um sich griffen, entging jenen Soziologen, die sich nach Schüler- und Studentenbewegung, außerparlamentarischer Opposition und »Linkswende« wieder den gesellschaftlichen Machtverhältnissen anpaßten, und US-amerikanische Forschungsmethoden genauso unkritisch übernahmen wie andere Bürger des Landes Moden. Die meisten Wissenschaftler wandten sich von der Klassenanalyse, die nach 1968 zumindest das Image des Fachs bestimmt hatte, ab und der Vielfalt soziokultureller Milieus, Lebensformen und -stile zu. Hingegen wurden materielle Not, Notlagen und Ausgrenzungsprozesse kaum noch zur Kenntnis genommen.

Ulrich Beck sprach 1986 in seinem Buch »Risikogesellschaft« von einem sozialen »Fahrstuhleffekt«, der die Gesellschaftsklassen und Schichten gemeinsam nach oben befördert habe: »Es gibt– bei allen sich neu einpendelnden oder durchgehaltenen Ungleichheiten – ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft, Massenkonsum. In der Konsequenz werden subkulturelle Klassenidentitäten und -bindungen ausgedünnt oder aufgelöst. Gleichzeitig wird ein Prozeß der Individualisierung und Diversifizierung von Lebenslagen und Lebensstilen in Gang gesetzt, der das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterläuft und in seinem Wirklichkeitsgehalt in Frage stellt.« Ungefähr zwei Jahrzehnte später sah Beck die Bundesrepublik, obwohl sie nie zuvor so reich gewesen war, als eine »Gesellschaft des Weniger« auf der sozialökonomischen Talfahrt, und schrieb zur Bundestagswahl im September 2005: »Jetzt, am Beginn des 21. Jahrhunderts, lauern überall Gefahren – und der Fahrstuhl bewegt sich nach unten.« Dabei übersah der Münchener Soziologe erneut, daß sich die Gesellschaft dialektisch entwickelt und ein Paternostereffekt dominiert: In demselben Maße, wie einige nach oben gelangten, ging es für die meisten nach unten. Mehr denn je existiert im Zeichen der neoliberalen Globalisierung ein soziales Auf und Ab, das Unsicherheit und Existenzangst für eine wachsende Zahl von Menschen mit sich bringt.

Zweiteilige Armutsstruktur

Die gegenwärtige Dramatik der Armut wird erst verständlich vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Weltmarktdynamik. Denn die wirtschaftliche Globalisierung führt keineswegs zur Verallgemeinerung des Wohlstandes. Vielmehr wirkt der Globalisierungsprozeß im Rahmen der Standortpolitik als »soziales Scheidewasser«, das die Bevölkerung der Bundesrepublik wie die anderer Länder in Gewinner und Verlierer, diese jedoch wiederum in Marginalisierte (Dauerarbeitslose, Deprivierte und Langzeitarme) einerseits sowie Geringverdiener (prekär Beschäftigte, von Überschuldung Bedrohte und Kurzzeitarme) andererseits spaltet. Während die Dauerarbeitslosen ohne Hoffnung auf Reintegration den »sozialen Bodensatz« im Gegenwartskapitalismus bilden, verkörpern die Niedriglohnempfänger, oftmals Migranten und ethnischen Minderheiten entstammend, eher das »Treibgut« des Globalisierungsprozesses.

Bereits seit geraumer Zeit bildet die Bundesrepublik – sich damit anderen hochentwickelte Staaten des Westens angleichend – eine zweiteilige Armutsstruktur aus: Den armen Erwerbslosen, die wegen niedriger oder fehlender Lohnersatzleistungen auf das Existenzminimum zurückgeworfen werden, treten die erwerbstätigen Armen zur Seite, deren Lohn für ein Leben im gesicherten Wohlstand nicht ausreicht. Während sich die Langzeit- und Mehrfacharbeitslosigkeit älterer und/oder gering qualifizierter Personen zur Dauerarbeitslosigkeit verfestigt und die Betroffenen ansatzweise eine soziale Schicht völlig Deklassierter, d. h. vom Arbeitsmarkt wie auch von der gesellschaftlichen Teilhabe Ausgeschlossener bilden, nimmt die Zahl jener Personen bzw. Haushalte, deren Einkommen trotz kontinuierlicher Lohnarbeit in Form eines oder mehrerer Arbeitsverhältnisse nicht oder nur knapp über der relativen Armutsgrenze liegt, gleichfalls zu. Auch hat sich während der 90er Jahre ein breiter, seinem Umfang nach oft unterschätzter Niedriglohnsektor herausgebildet, der längst nicht mehr nur typische Frauenarbeitsplätze umfaßt. Kombilöhne sind keine Lösung, sondern ein Teil des Armutsproblems.

In einer kapitalistischen Hochleistungsgesellschaft, die Konkurrenz bzw. Leistung geradezu glorifiziert und mit Prämien, Gehaltszulagen oder Lohnsteigerungen prämiert, scheint Armut funktional zu sein, weil sie nur das Pendant dessen verkörpert, was die »Tüchtigeren und daher Erfolgreichen« in des Wortes doppelter Bedeutung »verdient« haben. Armut ist mithin kein »Betriebsunfall«, vielmehr ein soziales Abfallprodukt der Marktwirtschaft. Sie dient im neoliberalen »Umbau«-Projekt als ein höchst willkommenes Disziplinierungsinstrument, während materieller Wohlstand und privater Reichtum ein geeignetes Lockmittel darstellen, das die »Leistungsträger« zu besonderen Anstrengungen motivieren soll.

Aufgrund der US-Amerikanisierung der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes und des Wohlfahrtsstaates zeichnet sich hierzulande eine US-Amerikanisierung der Sozialstruktur ab. Einerseits reicht das Armutsrisiko bis in die Mittelschichten hinein, was sich in der Überschuldung von Existenzgründern und Selbstständigen genauso manifestiert wie in den prekären Lebenslagen jener Menschen, die keinen gesicherten Arbeitsplatz haben, sondern fürchten müssen, praktisch über Nacht unter die Armutsschwelle zu sinken. Andererseits weitet sich jener Sektor aus, in dem totale Perspektivlosigkeit, Not und Verelendung die Lebenslagen der Menschen bestimmen. Die latente Armut, aber auch die evidente Armut von Obdachlosen und Bettlern hat – besonders in urbanen Zentren und Ostdeutschland – stark zugenommen. Wie man heute seinen Luxus, motiviert durch ein verändertes gesellschaftliches Klima, offener als früher zur Schau stellt, manifestiert sich auch die Armut deutlicher, weil sie breiter streut und tiefer reicht.

Politik, Medien und Armut

Als die SPD-Grünen-Koalition im April 2001 einen Armuts- und Reichtumsbericht vorlegte, gebührte ihr einerseits das Verdienst, daß sie als erste Bundesregierung offiziell Notiz von der schiefen Verteilung, sozialer Unterversorgung und Ungleichheit nahm. Nach den unzähligen Versuchen früherer Kabinette, die in der Bundesrepublik eher subtil als spektakulär zu Tage tretende Armut totzuschweigen oder zu vertuschen, konnte man die Bedeutung des zwei Bände umfassenden Berichts mit dem Titel »Lebenslagen in Deutschland« gar nicht hoch genug veranschlagen. Andererseits wies er zahlreiche Lücken, methodische Mängel und Fehlinterpretationen auf. Hinsichtlich seiner Datenbasis reichte das Regierungsdokument gewiß nicht zufällig nur bis zum Amtsantritt von SPD und Grünen im Herbst 1998; den Reichtum beschränkte es auf das private Geldvermögen, wohingegen das Produktivvermögen unberücksichtigt blieb.

Der im März 2005 veröffentlichte zweite Armuts- und Reichtumsbericht blendete die Ursachen der sozialen Polarisierung und damit die Frage nach der politischen Verantwortung aus, lieferte also keine Erklärung dafür, daß unter einer Bundesregierung von SPD und Grünen die öffentliche Armut zugenommen hat, die Armen seit 1998 mehr und die Reichen reicher geworden waren. Vor allem verwischte der Bericht die strukturellen Zusammenhänge zwischen einer wachsenden Armut und vermehrtem Reichtum. Daß zunehmender Reichtum in einem Gesellschaftssystem, das auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln, der Konkurrenz und der Mehrwertproduktion durch Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft basiert, Armut hervorbringt, bleibt völlig außer Betracht.

Bei den Hartz-Gesetzen, der »Agenda 2010«, der letzten Gesundheitsreform und den erst teilweise (z. B. im Rentenversicherungsnachhaltigkeitsgesetz) legislativ umgesetzten Vorschlägen der Rürup-Kommission handelte es sich um einen massiven Um- bzw. Abbau des Sozialstaates. Das nach Peter Hartz benannte Gesetzespaket markiert eine historische Zäsur für die Entwicklung von Armut bzw. Unterversorgung. Besonders mit Hartz IV waren grundlegende Änderungen im Arbeits- und Sozialrecht verbunden, die das politische Klima der Bundesrepublik auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verschlechtern dürften.

Ohne die Lage zu dramatisieren, kann man prognostizieren, daß es in der Bundesrepublik, die nach wie vor zu den reichsten Industrienationen der Welt gehört, künftig noch mehr Armut geben wird. Dies gilt hauptsächlich für Ostdeutschland, wo sich der neoliberal gestaltete Um- bzw. Abbau des Sozialstaates noch drastischer auswirkt als in Westdeutschland, weil die dortigen Familien stärker auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Nur wenn eine grundlegende Kurskorrektur erfolgt, vermag die Regierungspolitik den Trend zur Abseitsstellung eines wachsenden Bevölkerungsteils umzukehren.

Zur aktuellen Diskussion

Durch das riesige und wahrscheinlich auch den SPD-Vorsitzenden überraschende Medienecho auf Kurt Becks eingangs wiedergegebene Interviewäußerungen gewann die deutsche Armutsdiskussion, bisher fast immer auf die Vorweihnachtszeit und das mediale Sommerloch beschränkt, eine neue Qualität. Wohl zum erstenmal wurden sich weite Kreise der Gesellschaft bewußt, daß sie Armut hervorbringt und daß diese nicht zuletzt durch Maßnahmen einer falschen Arbeitsmarktpolitik (Hartz IV) bis in die Mittelschichten hinein vorgedrungen ist, was ideologisch motivierte Abwehrreflexe aktivierte: Da wurden entweder die Betroffenen selbst für ihr Schicksal verantwortlich gemacht – ganz so, als sei das »Unterschichtenfernsehen«, dessen übermäßiger Konsum sie angeblich davon abhält, ihren sozialen Aufstieg zu organisieren, nicht bloß die moderne Wiederkehr von »Brot und Spielen«, mit denen man sozial Benachteiligte in der Antike ruhigstellte. Oder der Sozialstaat wurde zum Sündenbock erklärt: Welche neoliberale Reformer hätte sich nicht über eine ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gefreut, wonach seine deutsche Variante mit das meiste Geld ausgibt, aber die geringste Wirkung erzielt?

So gut wie gar nicht wurde indes thematisiert, daß Armut und Reichtum zwei Seiten einer Medaille und nicht zufällig fast zeitgleich gewachsen sind. Wer über den Reichtum bzw. die Oberschicht und ihre Tendenz, sich der finanziellen Verantwortung für das Gemeinwesen durch Steuerflucht– Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann, Günther Netzer, Michael Schumacher, Thomas Gottschalk & Co. lassen grüßen– zu entziehen, nicht sprechen will, sollte deshalb auch über die Armut bzw. die »Unterschicht« schweigen.

Neu ist nicht, daß es in der Bundesrepublik eine Unterschicht gibt, sondern daß sich die soziale Polarisierung seit 1989/90 noch deutlicher ausprägt. 1,89 Millionen Kinder unter 15 Jahren (von 11,65 Millionen dieses Alters insgesamt) leben nach offiziellen Angaben der Bundesagentur für Arbeit in Hartz-IV-Haushalten, während das Privatvermögen der beiden reichsten Deutschen, der Gebrüder Albrecht, Eigentümer der Aldi-Ketten Nord und Süd, laut Manager Magazin 32,15 Milliarden Euro beträgt. Verschärft wird das Problem durch eine Spaltung in »Draußen« (Exkludierte) und »Drinnen« (Integrierte), regionale Disparitäten (Ost-West- und Nord-Süd-Gefälle) sowie einen neoliberalen Ab- bzw. Umbau des bestehenden Wohlfahrtssystems (vom Sozialversicherungs- zum bloßen Fürsorge-, Almosen- und Suppenküchenstaat). So leben in Görlitz 42,2 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten, während es im bayerischen Starnberg nur vier Prozent sind.

In der Diskussion erscheint Armut meist als selbstverschuldetes Schicksal, das im Grunde eine gerechte Strafe für Leistungsverweigerung oder die Unfähigkeit darstellt, sich bzw. seine Arbeitskraft auf dem Markt mit ausreichendem Erlös zu verkaufen, wie der Reichtum umgekehrt als angemessene Belohnung für eine Leistung betrachtet wird, die auch ganz schlicht darin bestehen kann, den Tip eines guten Anlageberaters zu befolgen. Unterbelichtet blieben die exklusive Stellung der Oberschichten, welche noch nie so begütert und einflußreich waren, sowie die Tendenz zur ethnischen Unterschichtung der Gesellschaft. Unter den Migranten bildet sich stärker als je zuvor eine Zwei-Klassen-Gesellschaft heraus.

Hießen die sozial Verelendeten früher »Lazarusschicht« oder (bei Marx mit verächtlichem Unterton) »Lumpenproletariat«, gilt heute selbst der Armutsbegriff manchen Politikern und Kommentatoren als diskriminierend. Wer in Termini wie »Unterschicht« oder »abgehängtes Prekariat« die Betroffenen diffamierende Schimpfworte sieht, offenbart jedoch nur seine Unfähigkeit zur Gesellschaftsanalyse mittels analytischer Kategorien. Ganz selbstverständlich von »Mittelschichten« zu sprechen, aber den komplementären Terminus »Unterschicht« zu meiden wie der Heilige die Sünde, macht semantisch überhaupt keinen Sinn. Wer konzediert, daß sich die Gesellschaft sozialökonomisch immer deutlicher spaltet, wird kein Problem haben, zwischen Spitzenpositionen der sozialen Hierarchie, Mittelplätzen und Abstiegsrängen zu differenzieren.

Lebensfern ist Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering (SPD), der so tut, als gäbe es keine Klassen und Schichten mehr, damit die gesellschaftliche Realität jedoch völlig ignoriert. Daß der sozialdemokratische Vizekanzler als zuständiger Fachminister die Existenz von Gesellschaftsschichten und (folglich: verfestigter sozialer Ungleichheit) in der Bundesrepublik bestreitet, wirft ein Schlaglicht auf die öffentliche Meinung hierzulande, vor allem jedoch auf das beklagenswerte Niveau der Programmdiskussion seiner Partei.

Spaltungstendenzen innerhalb der Armutsbevölkerung erschweren die Gegenwehr der Betroffenen. Die neoliberale Leistungsideologie führt zur Entsolidarisierung der Gesellschaftsmitglieder. Durch die Sozialgeschichte der Armut zieht sich wie ein roter Faden die Einteilung davon Betroffener in »würdige« und »unwürdige Arme«. Letztere wurden und werden für ihr Schicksal selbst verantwortlich gemacht. Was die »neue Unterschicht« von ihren früheren Leidensgenossen unterscheidet, ist das Stigma, den eigenen »Wirtschaftssstandort« zu ruinieren. Sowohl die Proletarier des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie auch Dekaden später die südamerikanischen Straßenkinder waren durch das Bewußtsein miteinander verbunden, sich auf der Basis gemeinsamer Interessen organisieren und kollektiv wehren zu müssen.

Wer die Armut mit Erfolg bekämpfen will, muß die Reichen zur Kasse bitten, anders gesagt: eine Politik machen, welche dafür sorgt, daß jene nicht durch ständige Senkungen des Spitzensteuersatzes bei der Einkommensteuer wie des Steuersatzes für Kapitalgesellschaften (Körperschaftsteuer) weiter entlastet, sondern durch die Wiedererhebung der Vermögensteuer und Anhebung der Steuersätze ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit gemäß zur Finanzierung sozialstaatlicher Aufgaben herangezogen werden.

Prof. Dr. Christoph Butterwegge leitet die Abteilung für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Zum Thema erschien von ihm »Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland«, »Krise und Zukunft des Sozialstaates«, »Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung«

Quelle: http://www.jungewelt.de/2006/10-25/008.php

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Kommentare

Bisher wurde ein Kommentar geschrieben.

  • Peter G. sagt:

    Nachwuch droht Gehalt auf Hartz-4-Niveau

    Ende der Wohlstands-Ära: Die Jungen werden ärmer als ihre Eltern

    http://www.stern.de/wirtschaft/geld/mckinsey-studie–die-jungen-werden-aermer-als-ihre-eltern-6971346.html

    oder auch ganz lecker: Verarmung als Megatrend – siehe auch: https://www.berlinjournal.biz/verarmung-kinder-aermer-als-eltern/

    Laut Politik müsse man sich „integrieren“ (nach Definition der Politik was das denn angeblich sei). Dazu braucht es in der heutigen Zeit üppige Geldmittel, die die meisten Leute, die angeblich „nicht integriert“ sind (auch sehr viele Deutsche), gar nicht aufbringen können.

    Auf einen Zusammenhang stieß die britische Soziologin Marii Peskow in der European Social Survey (ESS): Demnach sei die Bereitschaft zur Wohltätigkeit in egalitären Gesellschaften deutlich schwächer ausgeprägt, als in solchen mit großen Einkommensunterschieden. Die Erklärung dafür liege im sozialen Statusgewinn, den Wohlhabende in ungleichen Gesellschaften erfahren würden, wenn sie Schwächere unterstützten. In egalitären Gesellschaften herrsche hingegen das Bewusstsein vor, dass dank des Sozialstaats für die Schwachen schon gesorgt sei.

    Faulheit gilt in den westlichen Industrienationen als Todsünde. Wer nicht täglich flott und adrett zur Arbeit fährt, wer unbezahlte Überstunden verweigert, lieber nachdenkt als malocht oder es gar wagt, mitten in der Woche auch mal bis mittags nichtstuend herumzuliegen, läuft Gefahr, des Schmarotzertums und parasitären Lebens bezichtigt zu werden.

    Nein, stopp: Nur die armen Arbeitslosen fallen in die Schublade »Ballastexistenz«. Millionenerben, Banker- und Industriellenkinder dürfen durchaus lebenslang arbeitslos und faul sein. Sie dürfen andere kommandieren, während sie sich den Bauch auf ihrer Jacht sonnen.

    Früher glaubten viele Menschen an einen Gott. Wie viele heute noch glauben, da oben säße einer, der alles lenke, weiß ich nicht. Das ist auch egal. Gottes ersten Platz hat im modernen Industriezeitalter längst ein anderer eingenommen: Der »heilige Markt«. Der Finanzmarkt. Der Immobilienmarkt. Der Energiemarkt. Der Nahrungsmittelmarkt. Und der Arbeitsmarkt.

    Der Arbeitsmarkt ist, wie der Name schon sagt, zum Vermarkten von Arbeitskraft da. Wer kein Geld und keinen oder nur sehr wenig Besitz hat, verkauft sie. Die Eigentümer der Konzerne konsumieren sie, um daran zu verdienen. Das geht ganz einfach: Sie schöpfen den Mehrwert ab. Sprich: Der Arbeiter bekommt nur einen Teil seiner Arbeit bezahlt. Den Rest verrichtet er für den Gewinn des Unternehmers.

    Arbeit verkaufen, Arbeit konsumieren: So geschieht es seit Beginn der industriellen Revolution. Denn Sklaverei und Leibeigenschaft wurden ja, zumindest auf dem Papier, abgeschafft.

    Solange Furcht vor Strafe, Hoffnung auf Lohn oder der Wunsch dem Über-Ich zu gefallen, menschliches Verhalten bestimmen, ist das wirkliche Gewissen noch gar nicht zur Wort gekommen. (VIKTOR FRANKL)

    Die Todsünde der Intellektuellen ist nicht die Ausarbeitung von Ideen, wie fehlgeleitet sie auch sein mögen, sondern das Verlangen, diese Ideen anderen aufzuzwingen (Paul Johnson)

    Der Teufel hat Gewalt, sich zu verkleiden, in lockende Gestalt… (Shakespeare)

    Das Heimweh nach der Barbarei ist das letzte Wort einer jeden Zivilisation (Cioran)

    Alle Menschen sind klug – die einen vorher, die anderen nachher (Voltaire)

    Die Gefahr ist, dass die Demokratie zur Sicherung der Gerechtigkeit für diese selbst gehalten wird (Frankl)

    Absolute Macht vergiftet Despoten, Monarchen und Demokraten gleichermaßen (John Adams)

    Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer (Schopenhauer)

    Unser Entscheiden reicht weiter als unser Erkennen (Kant)

    Denn mancher hat, aus Furcht zu irren, sich verirrt (Lessing)

    Die Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus… (Goethe)

    Immer noch haben die die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen (Hölderlin)

    So viele Gefühle für die Menschheit, dass keines mehr bleibt für den Menschen (H. Kasper)

    „Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden“ (Helmut Schmidt)

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