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Ein roter Don Quichotte – Erich Mühsam

Rezension. Am 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam von den Nazis im KZ Oranienburg ­ermordet. Von 1910 bis 1924 hatte er das Auf und Ab seines Lebens in Tagebüchern festgehalten
Von Alexander Bahar

Erich Mühsam (1878–1934) war Dichter und Rebell, Anarchist, Bohemien und Individualist – antiautoritär, nonkonformistisch, freiheitsliebend, provokativ, polemisch. Er war einer von denen, die das autoritätsgläubige, obrigkeitsstaatliche Deutschland nicht ertragen konnten, einer von denen, die in ihrer Person vereinten, was die Nazis haßten. Drei Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, am 20. Februar 1933, hielt Mühsam im Rahmen einer Veranstaltung des Schutzverbands deutscher Schriftsteller seine letzte öffentliche Rede. Sieben Tage später, in der Nacht vom 27. zum 28. Februar, geriet er im Zuge der auf den Reichstagsbrand folgenden Massenverhaftungen in die Hände der neuen Machthaber und landete schließlich im Konzentrationslager Oranienburg, das die brandenburgische SA im März 1933 eingerichtet hatte. Die Nazis wollten an Mühsam ein Exempel statuieren. Noch nach der Machtübertragung hatte er den Mut besessen, offen gegen sie zu agitieren.Mühsam, einer der Aktivisten der ersten Münchner Räterepublik im April 1919 und von den Nazis bezichtigt, am »Münchner Geiselmord« im selben Monat beteiligt gewesen zu sein, wurde 17 Monate lang systematisch gedemütigt, gequält, gefoltert und verkrüppelt. Doch gelang es seinen Peinigern nicht, ihn zu brechen. Da er einen Suizid verweigerte, wurde eine Selbsttötung fingiert. Nach einem Bericht des Berliner Publizisten Kurt Hiller habe der Lagerkommandant Mühsam den Befehl erteilt, sich binnen 48 Stunden zu erhängen. Am Abend des 9. Juli 1934 um 22 Uhr wurde er ins Zimmer des Kommandanten bestellt. Hier wurde er ermordet und anschließend im Klosetthaus aufgehängt.

»Es soll mein Tagebuch sein«
Nahezu 24 Jahre zuvor, am 22. August 1910, hatte Mühsam einen folgenschweren Entschluß gefaßt: »Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen. Es soll mein Tagebuch sein.« Die tägliche Rechenschaft über das eigene Denken und Handeln lenkte Mühsams Leben nicht nur in neue Bahnen, es sollte auch zu seinem – im doppelten Wortsinn – gewichtigsten Werk werden. Im Verlauf von fast 15 Jahren wuchs es auf 42 dicke Hefte mit insgesamt zirka 7000 Seiten an. Das letzte Wort schrieb Mühsam Ende 1924, bei der Entlassung aus der bayerischen Haft, hinein: »Frei!«Zusammen mit Briefen und Werkmanuskripten bilden Erich Mühsams Tagebücher den Teil seines schriftlichen Nachlasses, den seine Frau Zenzl vor dem Zugriff der Nazis in die Tschechoslowakei retten konnte. 1936 reiste sie nach Moskau, hielt Vorträge über Mühsams Schicksal in verschiedenen Städten der Sowjetunion und ließ schließlich den Nachlaß aus Prag holen, um ihn dem Moskauer Maxim-Gorki-Institut für Internationale Literatur zu übergeben, wo man ihr eine Veröffentlichung der Werke Mühsams in mehreren Sprachen in Aussicht gestellt hatte. Dort wurden die Manuskripte eiligst ausgewertet, doch mehrere Tagebuchhefte und etliche Briefe verschwanden und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.Zenzl Mühsam wurde im Zuge der stalinschen »Säuberungen« verhaftet und verbrachte viele Jahre im Gulag. Erst 1955 kehrte sie schwerkrank nach Berlin zurück. Kopien des Nachlasses, die sie in Moskau anforderte, landeten beim ZK der SED. Schließlich übernahm die Akademie der Künste der DDR die Mikrofilme mit rund 12000 Aufnahmen und lagerte sie ein.Erst 1980, 18 Jahre nach Zenzl Mühsams Tod, entschied man im Ostberliner Verlag Volk und Welt, der Mühsams Werke verlegte, auch dessen Tagebücher zu veröffentlichen. Doch zu einer Edition kam es nicht mehr. 1994 erschien bei dtv eine rund 400seitige Auswahl. Chris Hirte, Mühsam-Biograph, Übersetzer und Mitherausgeber der Werkausgabe, und Conrad Piens, Informatiker und Antiquar, ist es zu verdanken, daß seit 2011 eine gedruckte 15bändige Gesamtausgabe der Tagebücher im Berliner Verbrecher Verlag erscheint – und zugleich als Onlineedition im Internet. In einem »Projekt ohne Lohn und ohne finanzielle Unterstützung«, schreibt Hirte, konnten die beiden Herausgeber immerhin auf in den 1980er Jahren in der DDR angefertigte Fotokopien der Originalhandschrift und maschinenschriftliche Transkriptionen zurückgreifen. »Fleißige ABM-Kräfte besorgten die digitale Erfassung der Abschriften (…). Was blieb, war der editorische und technische Aufwand.« Zur Gesamtausgabe gehört ein kommentiertes Sach- und Personenregister, das online bereitgestellt wird. Der Volltext im Internet ist nicht nur mit dem Register, sondern auch mit der digitalisierten Originalhandschrift des Tagebuchs verlinkt.

»Bilder gehn so schnell vorüber«
1900 war Mühsam als frisch ausgebildeter Apothekergehilfe von Lübeck nach Berlin gekommen, um Schriftsteller zu werden. In den Bohemekneipen rund um die Gedächtniskirche kannte ihn bald jeder. Wild wucherndes rötliches Haar, abgetragene Altherrengarderobe und der Zwicker auf der Nase wurden zu seinen unverwechselbaren Erkennungszeichen ebenso wie die konsequente Weigerung, sich jeder wie auch immer gearteten sozialen Rangordnung und Konvention zu unterwerfen. Berlin, München, Zürich, Wien, Ascona, Paris waren Stationen seiner Befreiung aus den Fängen der verhaßten bürgerlich-wilhelminischen Ordnung. Mühsam hungerte, schnorrte, lernte, mit weniger als dem Allernotwendigsten zu überleben, und nutzte jede sich bietende Gelegenheit, die ihm ein Stück Selbstbestimmung ermöglichte. Angewidert von den herrschenden Gewaltverhältnissen und sozialen Ungerechtigkeiten fiel es ihm leicht, andere mit seiner Empörung und seinem Elan anzustecken. Dem sozialdemokratischen Spießertum setzte Mühsam seine »Tatpropaganda« entgegen, suchte mit dieser, als »Hetzprophet« durch die Lande ziehend, die anarchistischen Grüppchen in der Provinz zu begeistern – gegen Kost und Logis.1907/08 entdeckte er das städtische Subproletariat als potentielles revolutionäres Subjekt. Während sein strenger – und nicht nur in Fragen der Sexualmoral biederer – Mentor Gustav Landauer von der herrschaftsfreien Gesellschaft in ländlichen Siedlungen träumte, setzte Mühsam auf die städtischen Außenseiter am unteren Rand der Gesellschaft: Arbeitslose, Verarmte, Obdachlose, Prostituierte, Verbrecher und – nicht zuletzt – Künstler. Doch Mühsams »Ansteckungsstrategie« ging nicht auf. Mit frechen Versen und brillanten, messerscharfen Polemiken ließ sich zwar – mühevoll genug – die eine oder andere Mark verdienen, nicht aber eine Revolution zum Sturz der bürgerlichen Ordnung entzünden.Doch Mühsam gab nicht auf, vertraute weiter auf die gelebte Propaganda der Tat. Von der Außenseiterromantik vorerst geheilt, verlegte er sich nun darauf, seine freiheitliche Gesellschaftsutopie aus der Mitte der Gesellschaft heraus vorzuleben. In München war er dabei, sich als Schriftsteller und Kritiker, als Anarchist und als kulturelle Instanz zu etablieren. Das Tagebuch sollte ihm helfen, seine geistigen Kräfte zu bündeln, sich in der Selbstbespiegelung zu disziplinieren und dem eigenen Lebensstrom literarisch Gestalt zu geben. »Mein Leben ist so mannigfach, meine Beziehungen sind so zahlreich, meine Bilder gehn so schnell vorüber, daß das, was andern ein dauerndes Erlebnis bliebe, an mir abgleitet und verloren ginge, schriebe ichs nicht gleich auf« (17.3.1912).

»Mißglücktheit beleuchtet«
Das relativ tolerante Klima der bayerischen Metropole und die sozial bunt gemischte Szene der Schwabinger Boheme boten Mühsam den nötigen Spielraum, um die Keimzelle einer freien, mitmenschlichen Gesellschaft im Hier und Jetzt zu entwerfen. Das hieß konkret, sich von den geistigen und moralischen Zwängen, Konventionen, Heucheleien und Lebenslügen freizumachen, die das Individuum verkümmern ließen und einer selbstbestimmten Individualität im Weg standen. Mehr und mehr befreite er sich von den Fesseln geltender Moralvorstellungen und ließ seinem Hedonismus freien Lauf. Seine erotischen und sexuellen Wünsche und Abenteuer nehmen in den Tagebüchern mit den größten Raum ein. Daneben steht die Mühsal des Gelderwerbs. Mangel und Geldnot sind seine ständigen Begleiter, die Lebensumstände – »ein möbliertes Zimmer, in dem ich schlafen, essen und arbeiten muß« – entwürdigend. Ein Nährboden für Selbstzweifel und Einsamkeit. Vom Vater und den Geschwistern wird er an der kurzen Leine gehalten, Geldzuwendungen gibt es nur gegen demütigende Auflagen. Seine Bitten um einen größeren Betrag – auch gegen gute Verzinsung – schlägt der Vater aus. Bittere Vorwürfe an den Erzeuger sind ein wiederkehrendes Motiv: »Er zwingt mich, seinen Tod meine Hoffnung sein zu lassen. Ob er das gar nicht weiß? Ich würde ihn so gern lieben. Aber sein Verhalten zwingt mich, ihn zu hassen« (29.11.1911). Der chronische Geldmangel wird ihn zeitlebens nicht zur Ruhe kommen lassen.Unterhaltsam und schillernd sind Mühsams Schilderungen des geselligen Lebens der Cafés und Kneipen und des Schwabinger Nachtlebens. Er kennt Gott und die Welt: Heinrich Mann, Frank Wedekind, Max Halbe, Lion Feuchtwanger, Oskar Kokoschka, Max Oppenheimer, Else Lasker-Schüler, Paul Wegener, Tilla Durieux, Hanns Heinz Ewers. Ausgiebig, nicht ohne Humor und (Selbst-)Ironie widmet sich Mühsam Lieb- und Freundschaften, Affären, Intrigen, Rivalitäten und Animositäten, plant und grübelt über literarisch-publizistische Projekte und beschäftigt sich ausgiebig mit Theater, Kultur und Zeitgeschichte.Wie Mühsam seinen Alltag beschreibt, seine Debatten und Zechereien mit den Größen der Literatur, des Theaters, der Kunst, seine Liebesabenteuer und -kümmernisse, das ist so unverstellt und farbig, daß man sich wie bei einer Zeitreise unmittelbar in das München der damaligen Zeit hineinversetzt fühlt. Es ist ein pralles, buntes, atemberaubendes Leben. Immer wieder scheint er dabei die selbstgesteckten hohen Ziele aus den Augen zu verlieren, läßt sich, liebeshungrig und leichtgläubig, gern verführen und teilt sein bißchen Geld bereitwillig mit Menschen, die seine Schwächen auszunutzen wissen. Angetrieben von seinen Gefühlen und Leidenschaften, mißtraut er der kalkulierenden Vernunft, die er verdächtigt, die natürlichen menschlichen Regungen zu verfälschen. »Der Karneval ist mitten im Gange. Er stimmt mich nicht froh, aber er macht mich unglaublich unsolide und führt fortgesetzt Stimmungen herauf, die meine Traurigkeit und meine Mißglücktheit bengalisch beleuchten.«Mühsam ist so davon in Anspruch genommen, das wogende Auf und Ab seines wild wuchernden Lebens in all seinen Widersprüchen und Brechungen schreibend in den Griff zu bekommen, daß für Politik und Anarchie in den Tagebüchern der Jahre 1911 bis 1914 nur wenig Platz bleibt.

»Verworrenheit in allen Geistern«
Erst der Erste Weltkrieg holt ihn zurück. Die politischen Themen, die Auseinandersetzung mit den Kriegsereignissen und der Kriegsberichterstattung rücken nun in den Mittelpunkt, und Mühsam versucht, die Wahrheit aus der Flut der Propagandalügen herauszufiltern. Der deutschen Sozialdemokratie hatte er stets mißtraut. Die degenerierte, biedere SPD, dies sah Mühsam ganz klar, wirkte nicht nur als revolutionäre Bremse, indem sie den Widerstand der Massen kanalisierte und neutralisierte, sie würde im Ernstfall auch den imperialistischen Krieg unterstützen. Bereits am 5. September 1910 hatte er anläßlich des »Sozialisten-Kongresses in Kopenhagen« in sein Tagebuch notiert: »Es ist doch schmachvoll, wie diese deutschen Sozialdemokraten ihren Beruf als Volksverführer auffassen, mit was für Mätzchen und Kniffen sie sich um die selbstverständlichsten Pflichten herumdrücken.« Der Grund für Mühsams scharfe Kritik: Die sozialdemokratischen Delegierten aus Deutschland, Österreich und Italien hatten den Antrag der britischen Genossen zu Fall gebracht, »jeder drohenden Kriegserklärung sei von den Arbeitern der betreffenden Länder mit dem Generalstreik zu begegnen«. Mühsam weiß: »Das Votum der deutschen Sozialdemokratie kann bei der Regierung gar nicht anders verstanden werden als: ›Wenn ihr Krieg führen wollt – auf uns, auf die deutsche Arbeiterschaft könnt ihr euch verlassen!‹«.Vier Jahre später ist dies bittere Realität geworden. Die SPD hatte im Reichstag nicht nur die Kriegskredite bewilligt, sie stellte bereitwillig auch ihre Presse für die Propaganda zur »Vaterlandsverteidigung« zur Verfügung. »Antimonarchisten, Republikaner. Jahrzehntelang haben sie geschrien, daß wir in Deutschland noch jede Freiheit erkämpfen müßten. Jetzt aber bewilligen sie alle Kriegshilfe für die Erhaltung der deutschen Freiheit, die also plötzlich von ihnen entdeckt sein muß und brüllen Hurrah für die Fürsten, denen sie bisher stets stramm die Zivilliste (d.i. der Anteil, der einem Monarchen aus der Staatskasse gewährt wird; Anm. d. Red.) verweigert haben. Charaktere!« (5.2.1915) Gespannt verfolgt Mühsam die Umbrüche, die sich in der kaisertreuen SPD anbahnen – der linke Flügel verweigert neue Kriegskredite, es droht die Spaltung der Partei. Karl Liebknechts Haltung im Reichstag erlebt Mühsam als Lichtblick. Doch damit steht er an den Stammtischen Schwabings auf verlorenem Posten: »Es war trübe zu erleben, wie Halbe, Schmid, Maaßen, selbst Köhler – doch lauter kluge, anständige, mit jedem guten Willen ausgestattete Männer, in der mutigen Art Liebknechts nur schäbige, feige und törichte Motive erkennen konnten. Der persönliche Mut zu einer Überzeugung gilt gar nichts, wenn die Überzeugung selbst nicht geteilt wird. (…) Es ist eine entsetzliche Verworrenheit in allen Geistern. (…) So tief ist das ethische Gewissen Deutschlands gesunken, daß, wer die Empfindungen der Millionen öffentlich ausspricht, im ganzen Lande als Lügner verlästert wird. Der Sieg der deutschen Waffen wird die Vernichtung der deutschen Seele sein!« (23.9.1915)Auch in der Münchner Boheme lichten sich die Reihen. Mühsam muß befürchten, ebenfalls an die Front geschickt zu werden. Doch eher ist er bereit zu sterben als zu töten. Die Geldnot ist drückender denn je, da tritt mit dem langersehnten Telegramm vom Tod des Vaters endlich die Wende ein: Im September 1915 heiratet Mühsam Zenzl, gründet mit dem Geld aus der Erbschaft einen Hausstand. Derweil ist es in München einsam um ihn geworden. Der ganze Wahnsinn des Krieges quält ihn täglich aufs neue. Besonders beschäftigt ihn der Völkermord an den Armeniern, der die volle Billigung der deutschen Politik findet. Am 22. Dezember 1915 klagt er: »Leider hat bei den jüngsten Reichstagsverhandlungen wieder kein einziger Abgeordneter den Mund aufgetan, um gegen die Ausrottung des armen Armeniervolks zu protestieren.« Wieder ist es Karl Liebknecht, an dessen Widerstand sich Mühsam aufrichtet. Am 1. Januar 1916 notiert er: »Liebknecht hat sich im Reichstag durch neue ›Kurze Anfragen‹ unbeliebt gemacht. So hat er die Regierung befragt, ob ihr bekannt sei, daß die Türken die armenische Bevölkerung zu Hunderttausenden aus ihren Wohnsitzen vertrieben und niedergemacht habe, und was sie getan habe, um Wiederholungen solcher Greuel zu verhindern. (…) Bei einer Ergänzungsfrage Liebknechts geriet das ›hohe Haus‹ in Zorn, und der Präsident mitsamt dem loyalen Troß von rechts bis links verhinderte jede Möglichkeit einer Kritik an der Stelle, die allein zensurimmun ist.«

»Auswurf der Menschheit«
Was kann er selbst tun, um die Wahrheit zu verbreiten und den Widerstand gegen den Krieg zu schüren? Mühsams Vorstellungen sind unklar. Ihm schwebt vor, »die oppositionellen Elemente der deutschen Intellektualität zu sammeln« (6.2.1916), einen Kongreß auszurichten. Seine Suche nach Verbündeten bei Schriftstellern wie Frank Wedekind und Heinrich Mann, dem Philosophiehistoriker Ernst von Aster oder bei linken Sozialdemokraten wie Karl Liebknecht führen zu keinem konkreten Ergebnis. Am 12. Mai 1916 notiert er: »Ich zweifle leider daran, ob in München irgendwelche Aktion überhaupt möglich sein wird, auch wenn sonst im ganzen deutschen Reich keine einzige Großstadt zurückstehn sollte.« Im Herbst 1916 endlich erreicht der Protest gegen den Krieg auch München. Zwei Jahre später wird auch in Bayern die alte Ordnung hinfortgerissen. In der Münchner Rätebewegung findet Mühsam eine neue Aufgabe. Als Mitglied des Münchner Rats der Volksbeauftragten ist er neben Gustav Landauer und Ernst Toller einer der Protagonisten der Ersten Münchner Räterepublik vom 6./7. bis 13. April 1919.»Ich fühle mich zumeist erst auf dem rechten Wege, wenn man mich als Don Quichotte verhöhnt«, hatte er am 12. Mai 1916 seinem Tagebuch anvertraut. »Ist Mühsam in München wieder in die Rolle eines Don Quichotte hineingeraten?« fragt sein Biograph Chris Hirte. Statt die Kampfkraft des Proletariats zu organisieren, dreht sich die Räteregierung im Leerlauf um sich selbst, in einem Machtvakuum, das von Tag zu Tag eine gefährlichere Situation schafft. Mühsam will das Beste, aber alleingelassen, kann er kaum etwas bewirken. Die SPD-geführte bayerische Regierung von Johannes Hoffmann, die sich nach Bamberg abgesetzt hat, ruft die Freikorps zu Hilfe und fordert beim Parteigenossen und Reichswehrminister Gustav Noske Truppen an. In der Nacht zum 13. April 1919 wird Mühsam von der »Republikanischen Schutztruppe der SPD« aus dem Bett heraus verhaftet. Die hatte sich, nahezu unbehelligt von der Rätemacht, im Hauptbahnhof verschanzt. Ihr Putschversuch beendet die sechs Tage währende Schirmherrschaft der USPD, und er rettet Mühsam das Leben, denn jetzt beginnt die heroische und die tragische Phase der bayerischen Revolution: die Zweite Räterepublik unter Führung der KPD und Eugen Levinés.Im Juli 1919 wird Erich Mühsam wegen Beteiligung an der Revolution zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Zwischen 1919 und 1924 ist er in den Gefängnissen Ebrach, Ansbach und Niederschönenfeld inhaftiert. In den Tagen des Mordens sitzt er bereits im Zuchthaus Ebrach. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung gelangen seine Tagebücher in Polizeibesitz und werden so vor der Vernichtung bewahrt. Erst Ende April 1919 dringen die Nachrichten von der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik durch SPD und Reichswehr zu ihm durch. Im Tagebuch, das er auch in der Festungshaft mit größter Sorgfalt weiterführt, läßt er seinen Gefühlen freien Lauf: Schock, Entsetzen, Trauer, Wut. Er hält Rückschau, forscht nach den Ursachen des Scheiterns.Am 7. Mai 1919 notiert er: »Die Namen Scheidemann, Ebert, Landsberg, Noske, Hoffmann, Schneppenhorst etc. werden als Abscheu, als Auswurf der Menschheit dereinst von den Zukünftigen genannt werden. Sie sind schlimmer als die Ludendorffs und Hohenzollern, die doch grade und offen ihre Standesinteressen vertreten haben, während jene proletarische Ideale im Munde führen und der eigenen Herrschsucht zuliebe sich mit diesen Gestürzten der Novemberrevolution verbünden, um alle proletarischen Ideale niederzukämpfen. Der furchtbare Blutmensch Noske ist in Wahrheit ihr würdiger Repräsentant.«In der Festungshaftanstalt Ansbach verfaßt Erich Mühsam im September 1920 seinen persönlichen Rechenschaftsbericht über die Münchner Revolutionsereignisse (»Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der bayerischen Raeterepublik«). Er wird ihn allerdings erst 1929 anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Räterepublik veröffentlichen.

»Mein Glaube ist stark«
Erich Mühsams fünfeinhalb Jahre währende Haft (1919–1924) ist von Konflikten unter den Häftlingen und dem zermürbenden Kampf gegen die bayerischen Vollzugsbehörden beherrscht. Er führt einen zähen Kleinkrieg gegen die Rachejustiz, versucht, mit solidarischen Aktionen, Hungerstreik, Eingaben, Prozessen für sich und seine Mitgefangenen menschenwürdige Haftbedingungen zu erzwingen. Doch es ist schwer, die »Genossen« zum gemeinsamen Handeln zu erziehen: »Die Sache wird begriffen und für gut befunden, die Idee nimmt Gestalt an und soll Praxis werden – und da steht den Menschen der Mensch im Wege. Das Menschliche scheitert an den Menschlichkeiten. Aber mein Glaube ist stark zum Bergeversetzen« (29.7.1919). Dennoch bleibt auch Zeit und Energie für die Erörterung der politischen Entwicklung in Deutschland: der Kapp-Putsch im März 1920 und der Hitlers mit dem General Erich Ludendorff im November 1923, und die Aktivitäten der revolutionären Arbeiterbewegung im Märzaufstand 1920 und beim Hamburger Aufstand im Oktober 1923. Er beobachtete das Erstarken der Nazis.Mehrfach wurden Mühsams Gefängnistagebücher beschlagnahmt und vom Zensor der Haftanstalt »durchgearbeitet«, manche Eintragungen im bayerischen Landtag vorgetragen – als »Beweis« für »bolschewistische Umtriebe« in der Festungshaftanstalt. Bei seiner Entlassung aus der Festungshaft anläßlich der »Hitler-Amnestie« Weihnachten 1924 kann Mühsam alle Tagebücher unversehrt nach Berlin mitnehmen. Zu seiner früheren sozialen Verwurzelung findet er dort allerdings nicht mehr zurück. Die Niederlagen der vergangenen Jahre haben ihn gelehrt, daß Idealismus und Pazifismus nicht ausreichen, um die soziale Revolution gegen Verrat, Verleumdung und Waffengewalt zu verteidigen. Er erkennt, daß hierzu notfalls auch militärische Mittel notwendig sind, lehnt aber nach wie vor jede Form von »Obrigkeit« ab, sei es in Gestalt einer Armee oder einer Partei.»Als politisch-emanzipatorisches Konzept ist Mühsams Versuch einer anarchistischen Lebens­praxis gescheitert«, so Biograph Chris Hirte. »Sein Geltungsanspruch war ins Phantastische überhöht, sein revolutionärer Impetus auf leichtfertige Illusionen gebaut. Was er vorlebte, fand neben Spott auch Bewunderung, aber kaum ernsthafte Nachfolger.« Das ist wohl richtig, dennoch hat Mühsams oft naive, widersprüchliche, gelegentlich tragisch-grotesk anmutende, stets aber redliche und von wahrhafter Menschenliebe durchdrungene Suche nach einem Weg aus den Klauen von Staat, Kirche, Anpassung und bürgerlicher Zwangsmoral auch für heutige Leser, sofern sie dazu bereit sind, etwas ungemein Inspirierendes. Gerade sein Tagebuch, in dem ihm, um nochmals Hirte zu zitieren, »das Kunststück« gelang, »all seine auseinanderstrebenden Affekte und Motive unter einen Hut zu bringen, den Widerspruch auszuhalten, eine Haltung daraus zu formen«, vermag diesen Funken zu übertragen und in uns Heutigen zu entzünden.

 

Erich Mühsam: Tagebücher in 15 Bänden. Verbrecher Verlag Berlin. Bisher sind die ersten sechs Bänder erschienen.Im Internet: www.muehsam-tagebuecher.de
Alexander Bahar schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 4.6.2014 über die deutsch-englische Rivalität um 1900

Quelle: jw

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