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In Spanien stand’s um unsre Sache schlecht…(Teil 1)

60 Jahre nach dem Barrikadenkampf in Barcelona

von Manfred Behrend, 1997

60 Jahre post factum sind Vorgänge des Spanischen Bürgerkrieges, besonders die Kämpfe zwischen Faschismusgegnern unterschiedlicher Richtungen Anfang Mai 1937 in Barcelona, auf der Linken hart umstritten. Bei Vorgeplänkeln seit 1992 im ‚Neuen Deutschland‘ und während gesellschaftswissenschaftlicher Tagungen standen einander einerseits Kurt Hager und der ehemalige Offizier der spanischen Republikanischen Volksarmee Fritz Teppich, andererseits unter anderen der Anarchist Arthur Lehning, der sozialdemokratisch orientierte Historiker Wolfgang Wippermann, der Geschichtswissenschaftler und Mitherausgeber von Trotzki-Schriften Reiner Tosstorff und ich gegenüber. Der Streit eskalierte aus Anlaß einer Spanienkonferenz, die Bundesvorstand und Landesvorstand Berlin der PDS zum 24. November 1996 ins Karl-Liebknecht-Haus einberiefen.

Die AG Republikanische Spanienkämpfer in der IV VDN blieb der Konferenz demonstrativ fern, weil sie erstens nicht in die Vorbereitungen einbezogen war, weil zweitens zu Veranstaltungsbeginn der Film ‚Land and Freedom‘ von Ken Loach gezeigt wurde, in dem die Problematik von 1937 die Hauptrolle spielt und den sie als ‚kraß tatsachenverfälschend‘ abqualifizierte, und weil ihr drittens vor allem Tosstorffs Referat über ‚Anarchisten und POUM? versus moskautreue Antifaschisten‘ nicht behagte. Zudem behauptete sie, den Inszenatoren gehe es ‚gar nicht um den Spanienkrieg, vielmehr darum, die PDS im Hinblick auf deren Bundeskongreß Anfang 1997 auf bestimmte Gleise zu schieben‘.(1)

Da das der inneren Logik nach ‚auf revolutionäre Gleise schieben‘ bedeutet hätte, vertiefte sie die These klugerweise nicht. Die Spanienkonferenz selbst war z.T. durch heftige Debatten zwischen Anhängern stalinistischer Geschichtsauffassungen und denen einer an Tatsachen orientierten Sicht gekennzeichnet. Sprachlich nicht astrein, aber lautstark wetterte einer der Erstgenannten: ‚Der Trotzkismus wird vor den Wagen der PDS gespannt – und die merkt’s nicht mal!'(2)

Wahrheit und Legenden über die Maitage 1937

Die stalinistische Version ist ebenso alt wie die Vorgänge in Barcelona selbst. Das verleiht ihr den Schein einer feststehenden Tatsache, die zu beweisen nicht mehr nötig wäre. Die Legende wurde noch während der Kämpfe, teilweise sogar schon vorher ersonnen und vornehmlich von der Kominternpresse, aber auch durch fellow travellers in die Welt posaunt. Inzwischen findet sie sich in Publikationen zahlreicher Autoren, die häufig zwar in Spanien, nicht aber am Ort der Geschehnisse gewesen sind. Hierzu gehören auf deutscher Seite neben Teppich und Hager Karl Mewis, die Interbrigadisten Heinz Hoffmann, Ludwig Renn und leider auch Heinz Priess. Letzterer hätte den sonst in seinem Erinnerungswerk unternommenen Versuch, damals Geglaubtes kritisch zu überprüfen, konsequent weiterführen müssen.(3) Als Paradiesvogel mangelnder Wahrheitsliebe brillierte Alfred Neumann, wie Hager vormals Politbüromitglied der SED. Er verkündete: „Trotzkis Leute haben 1937 in Spanien von den Dächern auf die Maidemonstration geschossen.“(4) Das aber konnten sie nicht. Wegen generellen Verbots gab es am 1. 5. 1937 keine Demonstration.

Die gängige Lesart stalinistischer Barcelona-Legenden bietet Teppich dar. In seinem Buch ‚Spaniens Himmel‘ schreibt er: „Während an den Fronten vor Madrid und Euzkadi im Frühjahr 1937 schwere Kämpfe tobten und die Aragon-Front im großen und ganzen abwartend verharrte…, wurde von Barcelona aus ein unverzeihlicher Anschlag auf das republikanische Hinterland ausgelöst… Die Putschbefürworter hatten vorsorglich ihre Parteigebäude befestigt und große Mengen Waffen der Front entzogen… Am 3. Mai eröffneten sie in Barcelona das Feuer. Durch die Stadt rast das Gerücht, den Faschisten solle von einer 5. Kolonne die Front geöffnet werden“. Der konservative britische Historiker Hugh Thomas berichtet in seinem Buch ‚Der spanische Bürgerkrieg‘ auf S. 331: „Der deutsche Botschafter Faupel berichtete aus Salamanca nach Berlin, Franco habe ihm am 7. Mai gesagt, daß in Barcelona dreizehn nationalspanische Agenten tätig seien.“… Am 4. Mai griffen die POUM sowie ihre Anhänger in (den anarchistischen Organisationen) FAI? und CNT Regierungs-, Partei- und Polizeigebäude der Republik an. Die Versorgung der Front war unterbrochen, die Rüstungsproduktion stand still. Die Soldaten an den Fronten waren empört. Von Valencia riefen die anarchistischen Minister Garcia Oliver? und Federica Montseny? über Radio zur Einstellung der Attacken auf. Dagegen forderte das POUM-Organ ‚La Batalla‘: Revolution! Die Aufständischen versuchten, anarchistische Milizgruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen. Die Regierung entsandte Kriegsschiffe und Polizei. Am 8. Mai gibt die CNT-Führung die Parole aus: ‚Weg mit den Barrikaden!‘ Der Anschlag auf die um ihre Existenz kämpfende Republik hat Hunderte von Todesopfern und Tausende von Verletzten gefordert. Der moralische Schaden wird nie überwunden.“(5)

Zu Teppichs phantasievoller Schilderung nur dies: Die Kämpfe in Barcelona wurden nicht von Anarchisten und POUMisten ausgelöst, sondern durch ein Kommando der Sturmgarde, einer speziellen Polizeitruppe, unter Führung des zur KP-nahen katalanischen PSUC gehörenden Kommissars für Öffentliche Ordnung, Eusebio Rodriguez Salas. Ohne Vorwarnung versuchte es am Nachmittag des 3. 5.1937, die Telefonzentrale der Stadt zu besetzen, die sich seit Niederschlagung der Faschistenrebellion ein Jahr zuvor unter Arbeiterkontrolle befand und von CNT-Milizionären bewacht wurde. Das Kommando stieß auf Widerstand und mußte nach einem Schußwechsel abziehen.

Barcelonas zumeist anarchistisch organisierte Arbeiter waren seit Wochen von der Provinzial- und Regionalregierung sowie der PSUC provoziert worden. Den Angriff auf die Telefónica faßten sie – wie sich zeigen sollte zu Recht – als Auftakt zur Liquidierung aller revolutionären Errungenschaften des Jahres 1936 in Katalonien auf. Sie strömten in die Innenstadt, errichteten Barrikaden und setzten sich zur Wehr. Wenn also von Putsch und ‚Anschlag auf das Hinterland‘ die Rede ist: Es standen weder POUM noch Anarchisten dahinter. Deren Parteigebäude waren vorher keineswegs besonders befestigt worden. Sie starrten auch nicht von Waffen. Vielmehr gab es, wie der Augenzeuge und Mitkämpfer George Orwell berichtet, von Letzteren nur wenige.(6)

Das wiederum war nicht verwunderlich. Die einzige Front, von der sich für Barcelona etwas hätte beschaffen lassen, war die in Aragon. Die aber litt chronisch an unzulänglichen und veralteten, bisweilen für die Kämpfer selbst lebensgefährlichen Waffen. Neue Waffen für das republikanische Spanien kamen vor allem aus der Sowjetunion. Sie wurden zwar an parteikommunistische Einheiten, die Volksarmee und die Polizei vergeben, nicht aber an CNT und POUM. Die zuerst von Salas‘ Sturmgardisten Attackierten und ihre Genossen verteidigten sich, griffen aber in der Regel nicht an. Dennoch hatten sie zeitweise das Übergewicht. Dies lag sowohl an ihrer Zahl als daran, daß Teile der Zivilgarde kampflos die Waffen streckten. Volksarmee und Interbrigadisten blieben neutral. Auf der Gegenseite standen nur Sturmgardisten, Leute von der PSUC und dem bürgerlichen Estat Catala. Hätten Anarchisten und POUM den Angriff gewagt, wären sie Herren der Stadt geworden. Die Versorgung der Front und die Rüstungsproduktion wurden nicht eingestellt, ebenso wenig übrigens der Telefonverkehr in und via Barcelona. ‚La Batalla‘ forderte zwar im allgemeinen, keineswegs aber im besonderen ‚die Revolution‘. Die Parole, die Regierungen in Barcelona und Valencia zu stürzen, gab die Zeitung nicht aus. Auch versuchten ‚die Aufständischen‘ keine ‚Miliztruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen‘. Als rund 500 Soldaten aus POUM und CNT von sich aus ihren Kameraden in Barcelona zu Hilfe kommen wollten, wurden sie durch Vertreter ihrer eigenen Parteien und der Regionalregierung hiervon abgebracht.(7)

Spaniens Zentralregierung in Valencia hingegen schreckte nicht davor zurück, 5000 glänzend bewaffnete Sturmgardisten von der Jarama-Front abzuziehen und nach Barcelona zu schicken.(8) Auf dem Weg dorthin räumte die Truppe verschiedentlich mit politischen Gegnern auf. Gleichzeitig taten sich im Schutze der Nacht in Barcelona selbst ‚Republikverteidiger‘ durch Morde, so an dem legendären italienischen Anarchisten Camillo Berneris? und dem Sekretär der spanischen Libertären Jugend, Alfredo Martinez?, hervor.(9) Das Unterfangen, den angeblichen Hinterlandputsch in Barcelona mit Franco und dessen Agenten in Verbindung zu bringen, ist angesichts der entschieden antifaschistischen Haltung von Anarchisten und POUM verwegen und abgeschmackt. Teppich versucht sich bei anderer Gelegenheit davon zu distanzieren, schafft das aber nur zum Teil.(10) Zu gut paßt die Legende in das allgemeine Lügengewebe der Komintern und und des sowjetischen Geheimdienstes von den POUM-„Trotzkisten“ als Helfern der Faschisten, das zeitgleich mit den Moskauer Schauprozessen fabriziert wurde und nach wie vor Bestandteil prostalinistischer Spanien-Argumentation ist. Weiter unten wird von ihm ausführlicher die Rede sein.

Die Parole, alle bewaffneten Aktionen einzustellen und die Barrikaden zu räumen, gab die Führung der Anarchisten nicht am 8., sondern schon am 4. und 5.5.1937 aus. Sie stellte sich damit gegen die eigene Basis, die tagelang weiter auf den Barrikaden blieb. Nicht ohne Erfolg war die anarchistische Führung zugleich bemüht, der von draußen anrückenden Sturmgarde keine Hindernisse in den Weg zu legen. Als diese am Nachmittag des 7.5. in Barcelona eintraf, hatten die Arbeiter resigniert und ihre Barrikaden eingerissen. Die Telefónica war von den Anarchisten geräumt, kurz danach entgegen den Waffenstillstandsvereinbarungen beider Seiten von der Polizei besetzt worden.

Der kurze Zeit möglich gewesene Sieg der Revolutionäre gedieh zur vollendeten Niederlage. So mühselig die Auseinandersetzung mit der stalinistischen Barcelona-Legende ist, so notwendig ist sie noch immer. Nicht um eingefleischte Dogmatiker zu überzeugen – die bleiben allen Fakten und Enthüllungen zum Trotz bei den alten Statements und verzichten auf jedwedes Abwägen und Nachdenken. Doch ist es wichtig, Sozialisten und potentielle Sozialisten für einen Kampf zu wappnen, der vornehmlich in Überzeugungsarbeit bestehen wird. Er erfordert Geschichts-kenntnisse, auch solche über stalinistische Kniffe und Winkelzüge zum Schaden antifaschistischen Kampfes und der Revolution.

Spanien und die Volksfront

Die Maitage 1937 in Barcelona waren keine bloße Episode. Seit Beginn der zweiten spanischen Republik 1931 wurde der Staat von bürgerlich geführten Kabinetten regiert, Vertretungen einer Klasse, die wie in anderen Ländern historisch zu spät gekommen war und um so ängstlicher auf die nachdrängenden Klassen reagierte, stets bereit, sich mit der feudalen Reaktion zu verbünden. Den liberalen oder konservativen Regierungen gemeinsam war, daß sie Kernprobleme der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung vor sich herschoben oder nur zum geringsten Teil anpackten. Insbesondere handelte es sich dabei um das horrende reaktionäre Übergewicht der katholischen Kirche, der Grundherren und der Armee; um die Landarmut von Millionen Tagelöhnern und Bauern, die periodisch zu Hungersnöten führte; um die Rückständigkeit von Industrie und Verkehrswesen; um Spaniens Nationalitätenfragen und seine Kolonialherrschaft im Norden Marokkos.

Zwischen den Regierungsparteien und großen Teilen des Volkes herrschten Spannungen, die sich immer wieder in Aufruhr und Streiks, 1934 im Aufstand der Bergarbeiter Asturiens entluden, der durch General Francisco Franco brutal unterdrückt wurde. Am Ende erschien Spanien immer weniger regierbar. Vom rechten Rand drohte der Faschismus, der anders als in Italien und Deutschland hier nur per Militärputsch die Macht erlangen konnte. Links bahnte sich Mitte der 30er Jahre eine Volksfrontlösung an. Die Volksfront, aus Faschismusgegnern unterschiedlicher Klassen, Schichten und Parteien zusammengesetzt, hatte sich zuerst im Nachbarlande Frankreich herausgebildet; ihre Organisierung nahmen dort die Führer der Bürgerlich-Radikalen, Sozialisten und Kommunisten in die Hand.(11) Nach hartem Gerangel hinter den Kulissen erklärte 1935 die Kommunistische Internationale beim VII. und letzten Weltkongreß in Moskau die Volksfront zum erstrebenswerten Ziel. Sie kam damit dem Wunsch der sowjetischen Führung und Stalins nach, Bedingungen für ein Zusammengehen der UdSSR mit parlamentarisch regierten kapitalistischen Ländern, besonders England und Frankreich, gegen die von faschistisch regierten drohende Kriegsgefahr schaffen zu helfen.

Vorwiegend indirekt und keineswegs konsequent kritisierte die Komintern während des Kurswechsels ihre ultralinke Politik in der vorangegangenen Phase seit 1928, die in Deutschland Hitlers Machtantritt begünstigt hatte, also die Mißachtung der bürgerlichen Demokratie und ihre Gleichsetzung mit Diktatur, den Kampf vornehmlich gegen die zu „Sozialfaschisten“ erklärten Sozialdemokraten und die systematische Unterschätzung des tatsächlichen Faschismus. Die Kominternsektionen, darunter die kleine spanische PCE, übernahmen nach der alten die neue Linie und verlautbarten gegebenenfalls, so wieder die spanische Partei, ihre Bereitschaft zur Volksfront. Interessant ist nun der Charakter des Programms, das die PCE im Zusammenhang damit im Sommer 1935 vorschlug.

Es enthielt nicht nur Forderungen wie Ablösung der damaligen konservativen Regierung und Neuwahlen, Amnestie der politischen Gefangenen, Wiederherstelllung demokratischer Verhältnisse, Steuersenkungen für Arbeiter, Bauern und Angehörige der städtischen Mittelschichten, Einführung von Arbeitslosenunterstützung, Säuberung der Armee von Gegnern der Republik und Verbot faschistischer Organisationen. Vielmehr waren neben solchen nach Selbstbestimmungsrechten für Katalonien, Euzkadi (Baskenland) und Galicien sowie Entlassung Spanisch-Marokkos aus der Kolonialherrschaft auch die revolutionär-demokratischen Postulate: Enteignung des Großgrundbesitzes und kostenlose Übergabe des Bodens an Landarbeiter und Bauern darin enthalten.(12)

An der Stimmung weiter Bevölkerungskreise gemessen waren sie real. Sie wurden in ähnlicher Form auch von der starken Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) erhoben. Gleich dieser gab aber die PCE, als am 15.1.1936 ein Volksfrontabkommen mit den drei liberalen Parteien geschlossen wurde, ihre wichtigsten Forderungen, revolutionäre wie reformerische, preis. Das Kommuniqué hierüber weist aus, daß die Liberalen-Linksrepublikanische Partei, Republikanische Union und Kataloniens Esquerra – als bestimmende Kraft auftraten. ‚Die Republikaner‘, hieß es beispielsweise, „akzeptieren nicht das Prinzip der Nationalisierung des Bodens und seine kostenlose Verteilung an die Bauern.“ Stattdessen sei die Sicherheit des Grundbesitzes zu garantieren, solle (analog zu 1931) nur staatlicher Kauf von Boden und dessen Verpachtung an Landarme gestattet sein. Selbstverständlich waren die liberalen Republikaner für wirtschaftliche Expansion. Sie verwarfen aber „die Maßnahmen zur Nationalisierung der Banken, ie von den Arbeiterparteien vorgeschlagen werden“, desgleichen „die Beihilfe zur Arbeitslosigkeit (Arbeitslosenunterstützung)“ und „die von der sozialistischen Delegation eingebrachte Arbeiterkontrolle“. Auch duldeten sie weder programmatisch festgelegte Maßnahmen zur Demokratisierung der Armee, noch solche zur Dekolonialisierung Spanisch-Marokkos. Die zugunsten der Nationalitäten in Spanien getroffenen Maßnahmen beschränkten sich auf Wiederherstellung der katalanischen Halbautonomie und einer stärker zentralistischen Regelung für Euzkadi.(13) Alles in allem bedeutete das den programmatischen Verzicht auf eine demokratische Revolution. Auch an manchen ursprünglich liberalen Prinzipien gemessen waren die Vereinbarungen ein Rückschlag. Es gab noch einen weiteren wichtigen Punkt, bei welchem Kommunisten und Sozialisten klein beigaben. Sie fanden sich im Hinblick auf die bevorstehenden Cortes-Wahlen mit einer gemeinsamen Kandidatenliste ab, die den Liberalen wesentlich mehr Mandate als den Arbeiterparteien zusicherte.

Nach dem Wahlerfolg vom 16.2.1936 zogen Erstgenannte mit 162 Abgeordneten, die Sozialisten nur mit 99 und die Parteikommunisten lediglich mit 17 ins Zentralparlament ein. Die Anarchisten waren aus grundsätzlicher Abneigung gegen den Staat nicht angetreten, hatten aber vielfach für die Volksfront gestimmt. Die POUM war mangels Masse nicht in den Cortes vertreten. Insgesamt standen einander in diesem Parlament 278 Angehörige der Volksfront, 55 der Mittelparteien, von denen die zehn baskischen Nationalisten später zur Volksfront stießen, und 134 Angehörige des Rechtsblocks gegenüber. Das Regierungsruder lag in liberaler Hand.

Bis zum faschistischen Putsch vom 17. und 18.7.1936 in Spanisch-Marokko resp. Spanien war die Entwicklung auch dadurch charakterisiert, daß das Volk die politischen Gefangenen befreite, die Arbeiter mittels Streiks ihre Lage zu verbessern suchten, Bauern und Tagelöhner durch spontane Landnahme die Agrarreform vorantreiben wollten und 160 Kirchen in Flammen aufgingen. Die Regierung hatte die Gefangenenbefreiung nicht verhindern können, sperrte aber, um Eigentum und Privilegien der Herrschenden zu schützen, zahlreiche Linke und Anarchisten in Gefängnisse. Die Organisationstätigkeit der Linksparteien wurde vielerorts verboten. Gegen Landbesetzer richteten sich Polizeiattacken, die wiederholt zu einem Blutbad führten. Analog zum chilenischen Allende-Kabinett wertete die spanische Regierung die Militärs zu „treue(n) Diener(n) der verfassungsmäßigen Macht und Bürgen des Gehorsams gegenüber dem Volkswillen“ auf.(14) Sie bestritt jedwede Putschabsicht der Armee und tilgte durch den Zensor alle dem entgegengesetzten Hinweise aus der Presse. Bis zwei Tage nach Beginn des Putsches weigerte sie sich entschieden, Arbeiter zu bewaffnen, damit sie die Republik retten könnten, und suchte sich stattdessen mit den Putschisten zu arrangieren. Spaniens Sozialisten halfen die Arbeiterbewaffnung durchsetzen. Daß sie vordem trotz deutlichen Linksrucks in den eigenen Reihen alles an Regierungspolitik geduldet oder mit exekutiert hatten, hing mit der generellen Rolle der Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert zusammen, Stütze bürgerlich-parlamentarischer Herrschaft zu sein. Doch machte diesmal auch die PCE diese Politik mit. Sie war als Kominternsektion gehalten, revolutionäre Ausbrüche im eigenen Land verhindern zu helfen bzw. ihnen entgegenzuwirken, damit Frankreich und Großbritannien nicht von einem Bündnis mit der UdSSR abgeschreckt wurden.

Bekanntermaßen ist damals dies Bündnis dennoch nicht zustande gekommen. Die Westmächte reagierten auf den spanischen Bürgerkrieg mit einer Franco, Hitler und Mussolini fördernden, der Demokratie in Spanien schadenden Politik sogenannter Nichteinmischung. Daher stellt sich die Frage, ob eine revolutionäre Entwicklung in Spanien nicht trotz damit verbundener Risiken für das Land und Europa besser gewesen wäre. Jedenfalls hätte es den Elan des Volkes im Kampf gegen die Putschgenerale und deren Helfer enorm erhöht, wenn dieses Volk Spaniens Geschicke bestimmt, wenn es Staat und Wirtschaft übergenommen hätte. Bei Fortfall des Kolonialstatus in Spanisch-Marokko wäre andererseits die Masse der Mauren schwerlich Franco dienstbar gewesen. Die einzig denkbare Reaktion von Marx, Engels, Lenin, Luxemburg und Trotzki? auf eine Entwicklung nach Art der spanischen – das klare Ja zum Revolutionsversuch -, läßt sich ihren Werken entnehmen, Texten zur Revolution von 1848, zur Pariser Commune, zu den russischen Revolutionen seit 1905 und zur deutschen von 1918. Trotzki hat zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges noch gelebt und sich ausführlich geäußert.(15) Den Ausgang einer Revolution in Spanien hätte kein Marxist voraussagen können, ebenso wenig wie den jeder anderen Revolution. Doch hätte das Ergebnis unmöglich schlechter ausfallen können als das, das mit der tatsächlich verfolgten konterrevolutionären Politik erreicht wurde.

Um glaubhaft zu machen, daß die Revolution in Spanien unmöglich resp. ein gefährliches Abenteuer gewesen wäre, hat Fritz Teppich auf die Cortes-Wahlen vom Februar 1936 verwiesen, die ein Stimmenverhältnis von rund 4,8 Millionen für die Volksfront, 3,99 Millionen für die ‚Nationale Front‘ der Rechtsparteien und 0,45 Millionen für die kleinbürgerlichen Parteien der Mitte ergaben. Ebenso verwies er auf die Tatsache, daß innerhalb der Volksfront Liberale und Basken in der Mehrheit waren. Eine „pseudorevolutionäre Machtergreifung“, so sein Schluß, „hätte rasch in den Abgrund geführt“.(16) Zu diesem Argument muß gesagt werden: Von Ausnahmefällen wie dem Rosa Luxemburgs abgesehen, haben sich bekannte kommunistische Führer im 20. Jahrhundert kaum einmal durch ungünstige Mehrheitsverhältnisse von Machtergreifung und Machterhaltung abschrecken lassen. Manche fälschten lieber die Wahlergebnisse, um Volkszustimmung zu ihrem Tun und Lassen vorzutäuschen. Diese Denk- und Verfahrensweise war nicht nur unmoralisch, sondern auch dumm. Doch muß der Historiker stets von dem ausgehen, das passierte, nicht dem, das hätte geschehen sollen.

Das Ansehen der bürgerlichen Regenten Spaniens schwand nach der Februarwahl und besonders dem faschistischen Putsch, der mit als Folge ihrer Politik ausgelöst wurde, rasch dahin. Das Gros der Bourgeois und Adligen flüchtete ins Ausland oder in das von Franco besetzte Gebiet. Im republikanischen Spanien verblieb nur ein Teil ihrer politischen Vertreter, der sich nicht mehr direkt auf die von ihm repräsentierten Klassen stützen konnte und daher in höherem Maße angreifbar war. Als die Massen nach dem Franco-Putsch im Sommer 1936 Spanien, vor allem aber Katalonien und Aragon revolutionär umzugestalten begannen, scherten sie sich um Weisungen der Zentral- oder Regionalregierung den Teufel, konnten andererseits die Regierungen sie nicht an ihrem Tun hindern. Wäre damals neu gewählt worden, hätten offenbar die Linken gesiegt.

Revolutionäre Ansätze und Kampf zu ihrer Liquidation

Trotz faktischer Unterstützung durch mehrere liberale Volksfront-Regenten scheiterte im Juli 1937 der Versuch faschistischer Putschgenerale, Spanien in wenigen Tagen zu erobern. Zwar konnten sie sich im Nord- und Südwesten, angelehnt an ihren Verbündeten Portugal, festsetzen und von dort mit italienisch-deutscher Hilfe ab September ins Landesinnere vordringen. Doch gelang es am 19.7. nahezu unbewaffneten Arbeitern, die Putschisten in Madrid, Barcelona, Valencia, Malaga und anderen Städten zu schlagen. Kurz danach gewannen anarchistische Milizen Aragon, eine ganze Provinz. Gleich der POUM half eine Eliteeinheit ihrer Truppen unter Durruti im November, die Hauptstadt gegen Faschisten zu verteidigen. Die Hauptarbeit leisteten hier allerdings kommunistisch geführte Einheiten und Interbrigadisten.

Die im Kampf errungenen Erfolge stärkten das Selbstbewußtsein vieler Arbeiter und Bauern Spaniens. Sie schlossen sich nicht nur in von ihren Parteien und Gewerkschaften geschaffenen Milizen zusammen, sondern bildeten auch Arbeiterpatrouillen anstelle der städtischen Polizei und Wachen zur Verteidigung der Dörfer. Gleichzeitig griffen sie ins Wirtschaftsleben und in die Produktion ein. Nachdem die Inhaber geflohen waren, übernahmen Arbeiter viele Fabriken. Andere unterstellten sie ihrer Kontrolle. Eine Reihe von Betrieben, so Hispano-Suiza, fertigte fortan dringend benötigte Rüstungsgüter. Von der anarchistische CNT-, z. T. auch von der sozialistischen UGT-Gewerkschaft und diesen zugehörigen Milizionären angeregt, schlossen sich besonders in Katalonien und Aragon Bauern und Landarbeiter in Agrarkollektiven zusammen. Das geschah großenteils freiwillig, in Einzelfällen auch unter Druck. Generell erwies sich kollektive Arbeit produktiver als die individuelle, weshalb damals die Versorgung der Städte und der Front sichergestellt werden konnte. Einige besonders gut geleitete Kollektivwirtschaften reüssierten derart, daß sie Krankenhäuser, Schulen und Heime einrichten konnten. Werktätige kontrollierten das Verkehrswesen, die Lebensmittelversorgung, zahlreiche Restaurants, die Theater und Kinos.

Mit den Ansätzen zur demokratischen Revolution einher ging die Veränderung der Lebensweise. Das äußerte sich u. a. darin, daß monatelang keine modisch gekleideten MüssiggängerInnen in den Straßen und Parks flanierten, Trinkgelder nicht gezahlt und angenommen wurden und der für Spanien typische Machotyp – z. T. auch an der Front – durch selbstsichere junge Frauen mit Gewehren über der Schulter in die Ecke gedrängt wurde. Nichts zu lachen hatten die verhaßten Kirchen. Genau wie mancher Adlige und Bourgeois bebten begüterte Dorf-Kaziquen ob des neuen, gottlosen Treibens vor Wut. Auf betrieblicher und örtlicher Ebene bestimmten in großen Teilen Spaniens Fabrikkomitees, Milizeinheiten und Bauernräte. Die Zentralregierung hatte große Schwierigkeiten, sich durchzusetzen.

In Katalonien, das wie Aragon am wenigsten unter Volksfronteinfluß stand – vielmehr gaben Anarchisten und POUM den Ton an – hatte die Generalitat genannte Regionalregierung unter Luis Companys erst recht nichts zu sagen. Hier vertrat seit 21.7.1936 das von Arbeiterparteien und Gewerkschaften organisierte Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen seinen Part an der Doppelherrschaft, damit zeitweilig wirkliche Macht. Die Arbeiterkomitees wurden indes auch hier nicht zentral zusammengefaßt, die liberale Regionalregierung im Amt belassen. Außer Angehörigen der bisher herrschenden Klassen, deren Schwestern und Brüdern im kapitalistischen Ausland waren Teile der sozialistischen Partei und die Stalinistenführer über die Vorgänge in Spanien verdrossen. Letztere sahen in der Revolution, die sich anbahnte, eine Gefahr für die UdSSR. Revolutionäre Vorgänge konnten Großbritannien und Frankreich, die als Bündnispartner gewonnen werden sollten, irritieren, eine erfolgreiche Revolution in einem Land, das dem Rußland von 1917 in vielem ähnlich sah, Auswirkungen auf die Haltung der durch Stalins Politbürokratie geknechteten Arbeiter und Bauern in der Sowjetunion haben. Hier mußte gegengehalten werden.

Dabei kam den Stalinisten zweierlei zupaß: Erstens die Tatsache, daß – wie gesagt – im Kampf gegen revolutionäre Ansätze Interessengleichheit mit Spaniens herrschenden Klassen, dem Gros der Sozialdemokraten, zudem noch mit diversen anarchistischen Führern bestand. Strikt dagegen waren nur ein Teil des anarchistischen Lagers, besonders der Jugendverband und die ‚Freunde Durrutis‘, Gruppen linker Sozialisten, die POUM und eine winzige trotzkistische Gruppierung. Wer gegen die „Unruhestifter“ vorging, war der Mehrheit genehm und wurde dafür honoriert. Zweitens wirkte sich zugunsten der Stalinisten aus, daß sie beinahe das Monopol für Waffenlieferungen an die Spanische Republik hatten, denn sonst half nur noch Mexiko. In den ersten Bürgerkriegsmonaten hatte auch die UdSSR sich am Lieferembargo beteiligt, das die Westmächte im Zeichen ihrer Nichteinmischungspolitik gegen Spanien verhängten. Da aber Deutschland, Italien und Portugal weiter Franco versorgten, kündigte Moskau im Oktober 1936 die Teilnahme am Embargo. Waffenlieferungen an das republikanische Spanien boten verschiedene Vorteile. Einmal den, daß die Sowjetunion sich mit dem über 500 Tonnen schweren spanischen Goldschatz, den viertgrößten der Welt, bezahlt machen konnte und zudem noch einen Schuldschein über 110 Mill. Dollar kassierte.(17) Gleichzeitig waren die sowjetischen Waffen ein probates Mittel, Spaniens Politik zu beeinflussen.

Die Verteilung dieser Waffen lag in parteikommunistischer Hand. Sie erfolgte nur an Moskau genehme Truppen. Anarchisten und POUM gingen leer aus. Wegen fehlender oder hoffnungslos veralteter Waffen konnten sie nach 1936 in ihrem Frontbereich nicht mehr offensiv werden, wurden dafür aber in der kommunistischen Presse und der der Interbrigaden mangelnder Kampfbereitschaft und Solidarität geziehen. Zugleich sind die Waffenlieferungen wiederholt als Mittel genutzt worden, spanische Entscheidungen zu verhindern, die der Sowjetunion nicht zusagten, und ihr genehme zu erzwingen. UdSSR und PCE taten frühzeitig kund, daß sie gegen eine revolutionäre Entwicklung in Spanien waren. Nachdem Anfang September 1936 unter dem Gewerkschaftsführer Largo Caballero (PSOE) eine Regierung mit sozialistischer und kommunistischer Beteiligung gebildet worden war – später kamen noch zwei anarchistische Minister hinzu -, schrieben Stalin, Molotow und Woroschilow am 21. 12. einen vertraulichen Brief an den spanischen Ministerpräsidenten. Sie empfahlen ihm, die Klein- und Mittelbourgeoisie für sich einzunehmen, „indem er sie gegen Konfiszierungen schützt“. Caballero solle gleichzeitig die Eigentumsrechte und legitimen Interessen jener Ausländer respektieren, die (wie Engländer und Franzosen) die Franco-Rebellen nicht unmittelbar unterstützten. Den spanischen Liberalen möge er die Beibehaltung ihres Vertrauensmannes Manuel Azana als Staatspräsident, allgemein die Aufrechterhaltung des parlamentarischen Systems versprechen.(18) Zuvor bereits versicherte der spätere Erziehungsminister Jesús Hernández, Herausgeber des PCE-Organs „El Mundo Obrero“, in der Ausgabe vom 6. 8. 1936: „Es ist völlig falsch, daß die gegenwärtige Arbeiterbewegung… zum Ziel hat, eine proletarische Diktatur zu errichten. Man kann nicht sagen, wir hätten für unsere Beteiligung am Krieg ein gesellschaftliches Motiv. Wir Kommunisten… sind ausschließlich von dem Wunsch beseelt, die demokratische Republik zu verteidigen.“ PCE-Generalsekretär José Diaz erklärte am 5.3.1937 vor dem Zentralkomitee: „Zu Beginn mögen die verschiedenen übereilten Versuche zur ‘Sozialisierung’ und ‘Kollektivierung’, die sich aus einem unklaren Verständnis des gegenwärtigen Kampfes ergaben, durch die Tatsache gerechtfertigt gewesen sein, daß die Großgrundbesitzer und Fabrikbesitzer ihre Güter und Betriebe im Stich gelassen hatten, und daß es unter allen Umständen notwendig war, die Produktion aufrechtzuerhalten. Jetzt können sie im Gegenteil durch nichts gerechtfertigt werden. Da gegenwärtig eine Volksfrontregierung besteht, in der alle gegen den Faschismus kämpfenden Kräfte vertreten sind, ist so etwas nicht nur nicht erwünscht, sondern absolut unstatthaft“(19)

Um den konterrevolutionären Kurs zu rechtfertigen, wurden Krieg und Revolution als Antinomien einander gegenübergestellt. Gebetsmühlenartig wird von stalinistischer Seite bis heute dargetan, erst habe der Krieg gewonnen werden müssen, bevor über soziale Inhalte gesprochen werden konnte. Mir scheinen damals jene im Recht gewesen zu sein, die dialektisch statt antinomisch dachten – so linke spanische Sozialisten, die am 22. 8. 1936 in der „Claridad“ konstatierten: „Der Krieg und die Revolution sind ein und dasselbe. Sie schließen sich nicht nur nicht aus oder behindern sich gegenseitig, sondern ergänzen und unterstützen sich. Der Krieg braucht zu seinem Triumph die Revolution im Hinterland, die den Sieg auf den Schlachtfeldern sicherer und begeisterter machen wird.“

Der Eintritt von CNT und POUM in die katalanische Generalitat im September, der Anarchisten in die Zentralregierung im November 1936 schwächte die revolutionären Kräfte, da einige ihrer Vertreter nun „in der Verantwortung“ waren. In Katalonien wurden per Dekret die lokalen revolutionären Komitees, dann auch die potentielle Arbeiterregierung – das Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen – aufgelöst. Die Befugnisse gingen an die Munizipalverwaltungen resp. die Minister für Verteidigung und Öffentliche Ordnung. Ein weiteres Dekret schränkte die Handlungsfreiheit kollektivierter Industriebetriebe ein und lieferte sie dem Druck der Banken aus. Am 12.12.1936 wurde im Schatten der sowjetischen Drohung, sonst keine Waffen für Spanien zu entladen, die bei weiteren Schritten nach rechts hinderliche POUM aus der Generalitat ausgebootet.(20) Danach lieferte Letztere die Lebensmittelversorgung an die PSUC aus, was durch deren Begünstigung bürgerlicher Geschäftemacher Preisanstieg nach sich zog. Gleichzeitig versuchte die Regionalregierung die Arbeiter zu entwaffnen und Arbeiterpatrouillen aufzulösen, wodurch sie Zusammenstöße zwischen diesen und der Polizei provozierte. Analog zur Generalitat, jedoch mit größerem Nachdruck schränkte die Regierung Caballero revolutionäre Errungenschaften ein. Das Recht der Bauern auf Boden sollte fortan nur für Ländereien gelten, die bekannten Faschisten gehörten. Die Rechte der Fabrikkomitees in Valencia und Madrid wurden eingeengt. Zudem ermächtigte sich die Regierung zu Betriebsinterventionen.

Ein wichtiger Differenzpunkt zwischen Anhängern der Zentralgewalt inklusive PCE und PSUC einerseits, Anarchisten und POUM andererseits war die von Erstgenannten betriebene Entmündigung der Milizen und deren Eingliederung in eine straff von oben dirigierte Volksarmee. Diese war mit Eigenschaften bürgerlicher Truppen ausgestattet. So gab es wieder Rangabzeichen, Drill, unterschiedlich hohen Sold statt gleicher Bezüge, nahezu uneingeschränkte Befehlsgewalt der Offiziere und Privilegien zu deren Gunsten. Zugleich wurde die Macht der Politkommissare eingeschränkt, ihre Zahl verringert. Begründet wurde all das u. a. damit, daß vor allem anarchistische Milizen viel zu undiszipliniert seien, um richtig Krieg führen zu können. Dies Argument der Disziplinlosigkeit, auf das besonders Ludwig Renn an vielen Stellen seines Spanien-Buches zu sprechen kommt,(21) hat im Einzelfall etwas für sich. Doch will bedacht sein, daß sich manch anarchistische Einheit ausgezeichnet geschlagen hat, es andererseits Desertionen, Feigheit vor dem Feind und Verrätereien auch bei der Volksarmee, ja selbst bei Interbrigadisten gab. Stalinanhänger operieren zugleich mit der mangelnden Offensivtätigkeit an der Aragon-Front. Sie verschweigen den Grund hierfür, das gegen diese Front der Anarchisten und POUMisten wirkende Waffenembargo, und kolportieren stets erneut die damals ersonnenen Geschichtslügen, wonach die Anarchisten nicht kämpfen konnten und die POUM es vorzog, mit Faschisten zwischen den Fronten Fußball zu spielen oder Kaffee zu trinken.(22)

Darüber, wie es an der Aragon- und Huesca-Front wirklich aussah, haben zwei Augenzeugen, George Orwell und Waldemar Bolze (KPDO), berichtet.(23) Erschütternd ihre Schilderungen über den beängstigenden Mangel an Pistolen, Gewehren, Maschinengewehren und Handgranaten, an Patronen, die nicht nach jedem fünften Schuß steckenbleiben, sowie an Brennholz und Kleidung. Orwell merkt gleichzeitig an, Journalisten, die das Milizsystem verhöhnten, hätten selten darüber nachgedacht, „daß die Milizen die Front halten mußten, während die Volksarmee in der Etappe ausgebildet wurde“.(24) Wiederholt ist von stalinistischer Seite behauptet worden, Anarchisten und POUM seien durchweg gegen eine zentralisierte Armee und damit gegen eine vernünftige Kriegführung gewesen. Das trifft nicht einmal für alle anarchistischen Führer zu, erst recht nicht für die POUM. Von Zeitungsartikeln gleichen Inhalts abgesehen, legte deren Militärkonferenz vom Januar 1937 in Lérida fest: Ein Erfolg der gegenwärtigen Kriegführung hängt von der umgehenden Schaffung eines einheitlichen zentralen Oberkommandos ab. Die selbständigen Parteimilizen müssen einer revolutionären Armee Platz machen. Im Zusammenhang damit sind Soldatenräte das demokratische Organ der Masse.(25) Different ist zwischen Bürgerlichen, Stalinisten und Revolutionären nicht der zentrale Charakter der angestrebten Armee, wohl aber ihr revolutionärer Charakter, dazu die Frage, ob diese Armee autoritär geführt werden oder es bei aller Anerkennung der Notwendigkeit von Disziplin Mitspracherechte der Soldaten geben soll. Durch solche Mitsprache kann z. B. sinnloses Hinsterben auf aussichtslosem Posten, das es beim Militär häufig vorkommt, vermieden werden. Zugleich würde Begeisterung für die eigene revolutionäre Sache eine dringend notwendige zusätzliche Waffe gegen den technisch und ausbildungsmäßig überlegenen Feind sein.

Die Konflikte zwischen Revolutionären und Ordnungshütern in der spanischen Republik spitzten sich um die Jahreswende 1936/37 zu. Nachdem die kleine POUM-Gruppe in Madrid samt ihrer Presse verboten und der bekannteste Führer der POUM, Andres Nin, aus der katalanischen Regierung entfernt war, meldete am 17.12.1936 die Moskauer ‚Prawda‘: „Was Katalonien betrifft, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarcho- Syndikalisten begonnen; sie wird mit derselben Energie gehandhabt werden, mit der sie in der UdSSR betrieben wurde.“ Damit spielte das Blatt auf jene berüchtigten Schauprozesse an, die im selben Jahr in Moskau begonnen hatten. Sie dienten dazu, Lenins engste Kampfgefährten zu liquidieren, waren aber gleichzeitig nur die Spitze eines ungeheuren und ungeheuerlichen Eisbergs.

Im März 1937 wurden in dem katalanischen Ort Sabadell alle in einer Flugzeugfabrik beschäftigten Ausländer verhaftet, darunter drei der KPDO zugehörige Deutsche. Anschließend übernahmen sowjetische Spezialisten die Leitung der Fabrik. Dadurch war gesichert, daß die Produktion, die gerade anlaufen sollte, in die „richtigen Hände“ kam, also nicht der bislang ohne Luftunterstützung gebliebenen Aragon-Front dienen könnte, solange sie von Anarchisten und POUMisten gehalten wurde. Die Verhafteten wurden nach Valencia gebracht und dort von GPU-Agenten verhört – weniger über Fragen des Flugzeugbaus als darüber, welche Verbindungen zwischen KPDO und POUM bestünden. Gleichzeitig wurden die KPDOler als „Trotzkisten“ tituliert und als „Gestapo-Agenten“ verleumdet. ‚Ende März‘, so die Schlußfolgerung eines der Betroffenen, „waren also bereits Prozesse in Vorbereitung, die die getreue Kopie ihrer Moskauer Vorbilder waren, um die POUM in Spanien und die KP(O) in Deutschland vor den Arbeitermassen zu diskreditieren“.(26)

Während Stalins NKWD sich schon damals in Madrid und Murcia Übergriffe leistete, entsandte der rechtssozialistische Finanzminister der spanischen Zentralregierung, Juan Negrín, bewaffnete Zollbeamte an die französische Grenze, damit sie den Anarchisten die Grenzkontrolle abnähmen. Sie provozierten bewaffnete Zusammenstöße mit mehreren Toten. Es folgten an verschiedenen Orten politische Morde und Strafexpeditionen der Polizei. Die Stimmung war so brisant, daß zum 1. Mai alle Versammlungen und Demonstrationen in Spanien untersagt wurden. Zwei Tage später löste der zur PSUC gehörende Kommissar für öffentliche Ordnung, Salas, die Barrikadenkämpfe in der katalanischen Hauptstadt aus.

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