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Judenmord – warum?

Viel wissen wir über das Wer, das Wo und das Wann. Dahinter verblaßt die Frage nach dem Warum

Die folgende gekürzte Fassung eines Universitätsvortrags von Kurt Pätzold entnamen wir der Tageszeitung „junge Welt“.

Von Kurt Pätzold

Kaum ein historisches Ereignis ist so ausführlich erforscht worden wie der Völkermord an den Juden. Viel wissen wir über das Wer, das Wo und das Wann. Dahinter verblaßt die Frage nach dem Warum.

Nach einem anfänglich in die engere Wahl gezogenen Entwurf für das »Holocaust«-Denkmal in Berlin hätten sich die Besucher beim Betreten des Ortes einem Fragewort 39fach gegenüber gesehen: »Warum?« In sämtlichen Sprachen der Ermordeten sollte es auf einer Eisenplatte erscheinen. Gedacht war zudem an eine Dokumentation des Entstehungsprozesses des Denk-Mals. Seine ersten Betrachter sollten Antworten formulieren, die später – so war das Projekt weiter beschrieben – in eine das Areal bedeckende Metallplatte graviert werden sollten. Der erste Teil des Projekts war originell, hätte er doch – anders als konkurrierende – einen eindringlichen »Ansatz zum Denken« geboten. Der zweite, gleichsam die Wiedergabe des ersten Besucherbuches, lief auf einen Katalog mehr oder weniger zufällig gewonnener Antworten hinaus, womöglich auf eine Zitatensammlung aus Geschichtswerken. Dem Urheber dieses Entwurfs, Jochen Gert, wird möglicherweise der Schwierigkeitsgrad von Fragen nach dem Warum nicht bewußt gewesen sein; zumal wenn sie sich auf hochkomplexe Geschichtsprozesse wie den Massenmord an den europäischen Juden richten, einem der kompliziertesten »Themen« aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts, vergleichbar nur mit jenem, das mit dem Stichwort Gulag bezeichnet wird.

Unerklärbar?

Manche Forscher sind der Meinung, der Holocaust stelle ein Geschehen dar, das sich jedem Fragen nach dem Warum verschließe. Wer das akzeptiert, nimmt das Verbrechen aus der Geschichte und drängt Geschichtsschreibung in ihre fernen Anfänge, als sie beschrieb, ausschmückte, rühmte oder beklagte. Darauf konnten sich Historiker nicht einlassen. Was ihre Aufgabe sei, ist u. a. in der Goldhagen-Debatte, teils überspitzt, formuliert worden. Hans Mommsen: »Es bedarf (…) der Beschreibung der Verbrechen im einzelnen nicht, und die Aufgabe des analysierenden Historikers kann sich in der Schilderung der unvorstellbaren Gewaltmaßnahmen und Verbrechen gegen die jüdischen Bürger nicht erschöpfen, sondern es muß versucht werden, die Ursachen zu bestimmen.«

Das Großverbrechen, das die einen Holocaust, andere Shoah nennen und Historiker unverkleidet als Völkermord an den europäischen Juden bezeichnen, hatte schon Zeitgenossen unabweisbare Fragen aufgegeben. Seitdem wurde die Untat Gegenstand von Berichten überlebender Opfer, führte zu Ermittlungen von Justizorganen, regte wissenschaftliche Untersuchungen an. Es liegt eine unübersehbare Fülle von Veröffentlichungen vor. Historiker, Rechts- und Religionswissenschaftler, Philosophen, Soziologen, Politiker, Schriftsteller und Journalisten waren daran beteiligt. Gemessen an der ihr zugewandten Aufmerksamkeit besetzt die Erforschung des Holocaust den ersten Platz innerhalb der Faschismusforschung, die derzeit von einer dritten Forschergeneration vorangetrieben wird. Die Öffnung von bis 1990 in Osteuropa verschlossenen Archiven gab den Arbeiten einen mächtigen Impuls. Die Topographie des Massenmordens wurde genauer rekonstruiert. Untersucht werden das Wer, das Wo, das Wann und das Wie. In den Blick gerieten lokale und regionale Besonderheiten und spezifische Rechtfertigungen der Untat. Mit keiner Frage ist die Historiographie an ein Ende gelangt. Am meisten umstritten blieb die Frage, die am Ende der Kette steht, die nach den Ursachen und Antrieben des Geschehenen und nach den Zwecken, denen es diente. Sie lautet: Warum? Sie führt an die Grenzen geschichtlicher Aufklärungsmöglichkeiten. Zudem treffen die gefundenen Antworten auf aktuelle Interessen, ein Umstand, der förderlich oder abträglich wirken kann.

Der »Hitler in uns«?

Dennoch herrscht weiterhin die Besichtigung der Oberfläche vor. Eingeständnisse des zutage Liegenden, die »Anerkennung« des Gerichtsnotorischen, Aussagen vom Typ »Deutsche haben den Holocaust begangen«, mögen vor dem Hintergrund von Abwendung, Verdrängung und Leugnung aufrichtig erscheinen. Vielfach verbinden sie sich mit der Beteuerung: Das wollen und werden wir nicht wieder tun, dem neuerdings angefügt wird: Das dürfen wir auch nirgendwo sonst auf der Welt zulassen. Die Deutschen trügen besondere Verantwortung, Wiederholungen durch wen und wo auch immer zu verhindern.

Die Aussage »Deutsche haben den Holocaust begangen«, erfüllt aber auch einen anderen Zweck: Sie ebnet den unterschiedlichen Grad der Beteiligung und Verantwortung ein. Alle – so die Lieblingsworte – seien verwickelt und verstrickt gewesen. Verlangt wird sodann, den »Hitler in uns« zu suchen, der offenbar in unseren Vorfahren gesteckt haben muß. Fragen der Geschichtswissenschaft werden derart an die Individualpsychologie »delegiert«.

Nach dem Warum zu forschen, verlangt hingegen die Analyse gesellschaftlicher und staatlicher Zustände. Das gilt für beide Aspekte, die sie aufweist. Der eine lautet: Warum sollten die Juden Europas ermordet werden? Welche Zwecke und Ziele wurden mit dem Massenmorden verfolgt? Der andere fragt: Warum konnte die Untat so weitgehend verwirklicht werden? Während der erste das Führungspersonal betrifft, führt der zweite zur Haltung von Millionen, zu den Exekutoren, zu Tätern und Mittätern, den untätigen, mehr oder weniger wissenden Zeitgenossen und den nichtdeutschen Kollaborateuren. Auch ein flüchtiger Einblick in die Holocaust-Literatur läßt erkennen, daß die Frage nach den Erfolgsbedingungen der Mordplaner zum momentan bevorzugten Thema von Untersuchungen wurde. Demgegenüber trat das Interesse an der Rolle der Regimespitze in den Hintergrund.

Was ist mit der minutiösen Rekonstruktion des Personals, der Wege und der Taten der Mörderschwadronen erreicht worden? Wir wissen genauer, in welchem Umfange die Initiativen von Judenmördern in eroberten Regionen oder ganzen Staaten (Ungarn) den Hergang der Verbrechen und deren Resultate beeinflußten. Nachgewiesen ist, daß lokale und regionale Interessen, auch der bloße Ehrgeiz von Personen das Töten voranzutreiben oder abzubremsen vermochten. Wir kennen die Begründungen der Vorantreibenden gegenüber Vorgesetzten und Untergebenen. Das Geschichtsbild vom Hergang der grausigen Massaker und dem Elend der Opfer ist tiefenschärfer geworden. Das ältere, das den Ablauf auf Befehlserteilung und Befehlsausführung reduzierte, ist bei den Akten. Doch das Neugefundene wurde auch überinterpretiert. Der Holocaust erschien als aus einer auf mittlerer und unterer Ebene entwickelten Masseninitiative hervorgegangen. Dazu trug bei, daß anfängliche Erwartungen, der Weg in die Archive Rußlands, Belorußlands, der Ukraine und der baltischen Staaten werde zum Auffinden unbekannter zentraler Dokumente führen, sich nicht erfüllten. Und es schlug durch, daß die Entschlußbildungen an der Regimespitze sich ebensowenig lückenlos rekonstruieren ließen wie die Befehlswege »nach unten«.

Doch wie viele Tatsachen über Entscheidungen und Befehle von Machthabern in den besetzten Gebieten auch noch ans Licht kommen werden, sie lassen doch keinen berechtigten Zweifel darüber entstehen, daß diese Faschisten im ihnen vorgezeichneten Rahmen handelten. Ihnen war bewußt, daß sie, was sie verbrachen, mit ausdrücklicher Billigung taten und einen Auftrag erfüllten, mündlich oder schriftlich erteilt in Form von Befehlen und Weisungen. Es war eine Führungsgruppe, die Verfolgung, Vertreibung und später die Ermordung der Juden in Gang setzte und jeweils deren Platz im Rahmen ihrer Gesamtpolitik bestimmte. Ihr mörderisches Projekt lief ihr nie aus dem Regierungs- und Befehlsruder. Sie geriet nie in die Rolle jener Figur, welche die Geister gerufen hatte und ihrer dann nicht mehr Herr wurde. Mithin ist die Antwort auf die Frage nach dem Warum weder in Auschwitz noch an einem Ort zu finden, an dem die Hingemordeten verscharrt wurden.

Der Judenmord besaß seinen Platz in den politischen Kalkülen der Machthaber. Das gilt in der »Kampfzeit« und für die Herrschaftsphase der deutschen Faschisten. Für die Etappe der Vertreibung, die nach der Machtübergabe einsetzte und bis in die ersten Kriegsjahre dauerte, wobei aus dem Strom der Flüchtenden ein Rinnsal wurde, ist das heute unbestritten. Geprüft wurden Vorteile und Nachteile der »Judenpolitik«. Zweckmäßigkeitserwägungen verschärften oder verlangsamten das Vorgehen. Beständig galt das Ziel, auch den letzten Juden aus dem Reich zu treiben. Auch die Nutznießer dieser Etappe sind ermittelt. Sie reichten vom Kleinhändler bis zum Großverdiener der »Arisierung« in Industrie und Bankwesen, von Ärzten, Juristen, Wissenschaftlern und Lehrern, für die Arbeitsplätze und Aufstiegsmöglichkeiten freigemacht wurden, bis zu Beziehern komfortabler Wohnungen. Die Machthaber sammelten auf diesem Pfad Sympathien unter den Judenfeinden, erzogen das Volk und füllten die überstrapazierte Staatsrüstungskasse. Diese Nutznießung entstand nicht als willkommenes Abfallprodukt der Exekution einer Ideologie. Er war an historischen Vorbildern orientiert und kalkuliert. Ideologische, politische und materielle Antriebe bildeten ein Geflecht, dessen Anteile quantitativ nicht bestimmt werden können.

Dieser Prozeß der Diffamierung, Drangsalierung, Enteignung, Beraubung und Vertreibung der Juden ist undenkbar ohne antisemitische Ideologie, ohne ein abstrus-groteskes Weltbild von der Rolle der Juden, ohne Arierwahn, Erscheinungen, die nicht nur als Instrumente zur Rechtfertigung dieser Politik angesehen werden können, sondern ein Eigen- und Vorleben besaßen. Die Täter an der Staatsspitze und auf den Führungsebenen mögen unterschiedlich motiviert gewesen sein und der Mischungsgrad von Wahn und Kalkül mag sich von Judenfeind zu Judenfeind unterschieden haben. Im gesellschaftlichen, faschistischen Ganzen indessen wirkte beides ineinander, konnte dieser jenes verstärken und umgekehrt.

Reiner Wahn und Widersinn?

Der Punkt, an dem sich die Standpunkte auf wissenschaftlichem Feld scharf scheiden, betrifft den Übergang von der Vertreibung zur Vernichtung, der sich 1941 vollzog. Von da an, so eine verbreitete Behauptung, triumphierte die Ideologie, hinter der jede rationale Erwägung zurücktrat. Reiner Wahn- und Widersinn habe die Herrschaft angetreten. Ein Verbrechen ohne Sinn und Nutzen hätte seinen grausigen Anfang genommen. Wieder und wieder findet sich in der Literatur die Kennzeichnung »Selbstzweck«. Hannah Arendt? schrieb: » … daß im Unterschied zu allen anderen antijüdischen Maßnahmen, die einen gewissen Sinn machten und ihren Urhebern irgendwie zu nutzen schienen, die Gaskammern niemandem nutzten« und das Verbrechen eine »Tat jenseits aller ökonomischen Zweckhaftigkeit« gewesen sei. Diese Interpretation verknüpft sich häufig mit der weiteren, wonach der Judenmord schlechthin belege, daß das Regime über den Kapitalismus hinausgelangt sei, der doch Arbeitskräfte nutze, ausbeute, sie deshalb auch ernähre und ihre Fortpflanzung sichere, aber sie nicht vernichte. So blamiere sich vor dem Verbrechen, dies ein weiterer Schluß, auch das marxistische Verständnis des Faschismus. Das Starargument, das den Widersinn der Untat aus der Mörderperspektive sinnfällig machen soll und weite Verbreitung gefunden hat, behauptet, der Judenmord habe selbst vor den Kriegsinteressen Vorrang besessen. Das werde bewiesen durch die Bevorzugung der Judenmörder bei der Zuteilung knapper Transportkapazitäten.

Beide Argumente stehen auf tönernen Füßen. Das erste unterstellt ein prinzipielles Interesse der kapitalistischen Gesellschaft an Menschen, die sich als Arbeitskräfte verwenden lassen. Das existiert aber, wie ein Blick in die Geschichte des Kolonialismus zeigt, nicht. Dieses Interesse war stets eingeschränkt auf die kurz- und mittelfristig verwertbaren Kräfte und galt nie allen Menschen, welche die Eroberer in Amerika, Afrika und Asien in ihre Hand brachten. Und daß der Entzug von Lokomotiven, Waggons und Schienenwegen zu ungunsten der Kriegszwecke erfolgt sei, gehört schlicht ins Reich der Legenden. Der angeblich allgewaltige Himmler trat gegenüber dem Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium als Bittsteller auf, als er die Vernichtung der Juden des Warschauer Ghettos in Treblinka beschleunigen wollte.

Generalziele des Systems

Verfechter der These von der Sinn- und Nutzlosigkeit des Judenmords räumen ein, daß der Antisemitismus für sich allein genommen das Verbrechen nicht zu erklären vermag. Was aber dann? Was muß – zumindest noch – in die Analyse aufgenommen werden? Antworten lauten: Das gesamte Weltbild der Machthaber, insbesondere ihre Vorstellungen von der Beschaffenheit der Erde nach ihrem Endsieg. Mithin muß die Bahn der Geschichte von Antijudaismus und Antisemitismus verlassen, von den realen Generalzielen des Systems gehandelt werden, von der Utopie, der Vision. Wie sind sie zu beschreiben, nur als Ausgeburt eines Wahns oder zugleich als ein Zukunftsprojekt mit Bodenberührung? Entstammten die Zielvorstellungen Hitlers und seiner Clique dem Bezirk des Irrationalen, drückte sich in ihnen nichts als das »absolut Böse« aus oder wurden sie nicht auch durch klar rationale Elemente und Faktoren bestimmt?

Letztere sind kein Geheimnis und überlieferten Quellen zu entnehmen. Je mehr Menschen, Ländereien und Reichtümer im Kriegsverlauf in den eigenen Machtbereich gelangten, desto schärfer stellte sich das Problem ihrer dauernden Beherrschung und Verwertung. Hitler sprach davon, daß man den Kuchen handlich zerteilen müsse. Erörtert wurde, was angesichts des Partisanenkampfes nahelag, wie künftig Aufstände der Unterdrücken militärisch niederzuschlagen wären. Bereits vor dem Eroberungszug gegen die Sowjetunion wurde thematisiert, was mit den Millionen »überflüssiger« Menschen geschehen solle, wenn sich das Einflußgebiet bis zum Ural dehne. Als solch »Überflüssige« wurden vordem schon die Juden im Reich und den bereits eroberten Gebieten eingestuft. Mehr noch: Sie galten als Hauptgefahr und das wegen ihrer angeblich blutsmäßigen Eigenschaften. Auf der Stufenleiter der störenden Untermenschen waren sie auf die unterste Sprosse gesetzt und das bedeutete in der Reihe der zu Vernichtenden auf Platz eins. Ihre Ausrottung galt diesem Verständnis von tausendjähriger Weltherrschaft als so selbstverständlich, daß der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich während der Wannseekonferenz im Januar 1942 nicht einen Nebensatz darauf verwandte, um das Töten zu rechtfertigen.

In den Zielvorstellungen vom germanischen Weltreich flossen reale Macht- und Ausbeutungsinteressen an Kohle, Erzen, Erdöl, Lebensmitteln zusammen mit der Ideologie von Herren- und Untermenschen und vom unbegrenzten Recht des Stärkeren. Dieses imperialistische Projekt knüpfte an Vorbilder an und war nazistisch umgeprägt. So brachten Wahn und Kalkül das Massenmorden hervor, beide gewachsen auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft, was bedeutet, daß die Untat als »Rückkehr ins Mittelalter« und als »Rückfall in die Barbarei« anderer vorkapitalistischer Zustände und voraufklärerischer Zeiten falsch verortet ist. Das »Großgermanische Weltreich«, ein Staat ohne Juden und ohne andere als »unbrauchbar« geltende Menschengruppen, zeichnete sich nicht als ein mittelalterliches, sondern ein neuzeitliches kapitalistisches Gebilde ab. Hitler versicherte das den Führern der deutschen Industrie 1944 in seiner letzten an sie gerichteten Rede in Linz 1944 ausdrücklich.

Der Judenmord, das am weitesten vorgetriebene Verbrechen, auf der Schwelle zum Endsieg begonnen, verwies über das Kriegsende hinaus in die Nach-Endsieg-Zeit. Das Verbrechen war, das nimmt ihm von seiner Ungeheuerlichkeit und Einzigartigkeit nichts, gemessen an den Planungen eine Eröffnung. In Worten Hannah Arendts aus dem Jahre 1950: »Der Antisemitismus hat nur den Boden dafür bereitet, die Ausrottung ganzer Völker mit dem jüdischen Volk zu beginnen.« Diese Sicht bezeichnet das Verdienst aller, die erreichten, daß dieser Imperialismus nicht weiter kam als – geographisch gesprochen – bis vor Moskau und schließlich total scheiterte.

Nüchterne Sicht auf den Holocaust setzt sich dem Verdacht aus, das Andenken an die Ermordeten zu schmälern. Mitunter war zu hören: Für die Opfer sei es gleichgültig, warum sie umgebracht wurden. Sezierende Analysen raubten die Fähigkeit des Trauerns. Indessen erscheint die »Pflicht, Partei für die Opfer zu ergreifen« (Joseph Wulf), mit der Darstellung ihrer Leiden und ihres Sterbens nicht erfüllt. Wer Geschichte nur zur Quelle der Stille und der Tränen macht, nimmt sich die Möglichkeit, die Gegenwart und ihre Gefahren klaren Blickes wahrzunehmen. Die Aufgabe des Historikers besteht in der Arbeit, dem Geschehenen auf den Grund zu gehen und so dafür zu sorgen, daß es nicht wieder geschieht. Das ist die einzige mögliche Form der Wiedergutmachung.

  • Gekürzter Text eines am 30. Oktober 2003 in der Universität Hamburg gehaltenen Vortrages des Historikers Prof. Dr. Kurt Pätzold

Quelle: junge Welt vom 29.11.2003 & http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Rassismus/holocaust.html

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