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Malerei als Waffe

Pablo Picasso hörte nie auf, ein revolutionärer Künstler zu sein. Eine Betrachtung seines politischen Werks

Von Klaus Hildebrandt

Am 22. Februar 2014 wird in der Bremer Kunsthalle die Ausstellung »Sylvette, Sylvette, Sylvette. Picasso und das Modell« eröffnet. Zu befürchten ist, daß Picasso hier wieder einmal auf das Thema »Künstler und Modell/Frau« reduziert wird. Deshalb soll hier vorgeführt werden, daß man Picasso auch anders sehen kann.

Pablo Picasso, der bedeutendste Maler des 20. Jahrhunderts, wurde 1881 in Malaga geboren und starb 1973 hochbetagt im Alter von 91 Jahren in Mougins im Süden Frankreichs. In seine Kindheit fiel der spanisch-amerikanische Krieg, der das Ende Spaniens als bedeutender Kolonialmacht besiegelte. Er erlebte zwei Weltkriege, den Aufstieg der USA zur Weltmacht und den Niedergang des englischen Empire, die Revolutionen in Rußland und in China und die Dekolonisierung der Länder des Südens. Und er war Zeitzeuge der Bildung faschistischer Regimes in einer Reihe europäischer Staaten, darunter auch in seinem Geburtsland Spanien. Da stellt sich die Frage, ob das alles an Picasso spurlos vorübergegangen ist und ob es nicht auch sein gigantisches Werk mit geprägt hat. Werfen wir deshalb einen Blick auf Picassos Lebensweg und sein künstlerisches Schaffen.

Im Visier der Polizei

Am 18.6.1901 unterschreibt in Paris ein Polizeikommissar einen Überwachungsbericht mit dem Betreff »Über die Person Picasso Ruiz Pablo, dem der überwachte Anarchist Mañach Unterkunft gewährt hat«. Picasso hält sich gerade zum zweiten Mal zu einem Besuch in Paris auf und ist 19 Jahre alt. Gegen Ende des Berichts heißt es zusammenfassend: »Im Ergebnis gibt es Grund genug, ihn als Anarchisten anzusehen.« Und für den Fall polizeilicher Maßnahmen ist eine genaue Personenbeschreibung beigefügt.

Warum kam die Pariser Polizei auf den Gedanken, den jungen Maler mit dem Anarchismus in Verbindung zu bringen? Picasso kam zum Schuljahresbeginn 1896 im Alter von 15 Jahren nach Barcelona und verbrachte dort einen wesentlichen Teil seiner Jugend. Die Stadt war um die Jahrhundertwende eine geschäftige Industrie- und Handelsstadt mit knapp über einer halben Million Einwohnern. Die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter war katastrophal, der Lohn für sie erbärmlich und die Arbeitslosigkeit hoch. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken gehörten zu den schlimmsten Europas. Spiegelt sich davon etwas in dem damaligen Schaffen Picassos?

Etwa aus dem Jahre 1899 stammt die Zeichnung »Caridad« (Barmherzigkeit). Wir sehen eine dreiköpfige bettelnde Familie. Der Vater spielt auf einer Violine, die Mutter hält ein Kleinkind im Arm, und diese Tochter streckt die Hand nach einem Almosen aus, das ihr ein von links kommender Mann – der Kleidung nach zu urteilen ein Arbeiter – gibt. Rechts im Hintergrund des Bildes entfernt sich eine Kutsche. Zufällig ist der Gegensatz von sich entfernender bürgerlicher Kutsche und dem auf die arme Familie zugehenden und ihr ein Almosen gebenden Arbeiter nicht. Es gibt eine Reihe entsprechender Zeichnungen.

Wie erklärt sich die hier zu erkennende Zuwendung zu den ärmeren Teilen der Gesellschaft und die damit verbundene antibürgerliche Haltung? Es gab in Barcelona eine Reihe von Künstlern, darunter Isidre Nonell und Ramon Casas, die sich sozialen Themen genähert hatten. Hintergrund war, daß es in Barcelona um die Jahrhundertwende heftige politische Auseinandersetzungen und Streiks gab. Der Anarchismus war weit verbreitet und beeinflußte das Denken vieler Künstler, mit denen Picasso bekannt oder befreundet war. Entsprechend war seiner Pariser Bekanntenkreis. Das brachte die Polizei auf seine Spur.

Picassos politische Haltung kann man aus einem von ihm unterzeichneten Manifest herauslesen. Am 29.12.1900, Picasso war 19 Jahre alt, erschien auf der Titelseite der Zeitung La Publicidad das »Manifest der in Paris ansässigen spanischen Kolonie«. Es forderte eine Amnestie für die politischen Gefangenen, meistens Anarchisten, die wegen antimilitaristischer Agitation eingekerkert waren, und für diejenigen, die vor dem Militärdienst nach Frankreich geflohen waren.

Picasso malte in den Jahren vor 1904 auffallend oft arme und elendig lebende Menschen. Man darf sich dabei durch heutige Bildtitel nicht in die Irre führen lassen, denn es sind teilweise nicht ihre ursprünglichen, sondern sie sind wegen der den Verkauf nicht fördernden Bezeichnungen von Auktionshäusern und Galeristen neutralisiert worden. Das Bild »Mutter und Kind im Profil« hieß ursprünglich, als es 1902 ausgestellt wurde, »Das Elend. Mutter und Kind«. »Gestalten am Strand« wurde zuerst »Die Verelendeten am Ufer des Meeres« genannt. Auch Zeitgenossen haben den aktuellen, gesellschaftlichen Bezug solcher Bilder gesehen.

In den Jahren 1912 bis 1914 schuf Picasso eine umfangreiche Serie von Collagen (französisch: Papiers collès). Sie wurden und werden in der Regel als abstrakte und nicht als auf die Realität bezogene Werke betrachtet. In diesen Collagen sind eine Vielzahl von Zeitungsausschnitten verarbeitet. Patricia Leighten, eine US-amerikanische Kunstwissenschaftlerin, hat sich die Texte genauer angesehen. Dabei machte sie die Entdeckung, daß Picasso die Ausschnitte offensichtlich bewußt ausgewählt hatte und daß mehr als die Hälfte davon einen Bezug zu jenen Kriegen hatten, die dem Ersten Weltkrieg vorausgingen und die Picasso ablehnte.

1920 wurde in Frankreich die kommunistische Partei (PCF) ins Leben gerufen. Ihre Gründung wirkte bis in bürgerliche und künstlerische Kreise hinein. Das zeigte sich u.a. an der Entwicklung der Surrealisten, mit denen Picasso in engem Kontakt stand. Diese Schriftsteller und bildenden Künstler verstanden ihre Arbeit auch politisch. Picassos enge Beziehungen zu ihnen sind deshalb von Bedeutung, weil einige sich im Laufe des Jahrzehnts der Französischen Kommunistischen Partei annäherten oder ihr beitraten. 1927 wurden die Surrealisten André Breton, Benjamin Péret, Louis Aragon, Paul Éluard und Pierre Unik zeitweise Mitglieder. Den langjährigen Kommunisten Aragon und Éluard war Picasso über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden. 1930 benannten die Surrealisten ihre Zeitschrift, die ursprünglich La Révolution surréaliste (Die surrealistische Revolution) hieß, in Le Surréalisme au service de la révolution (Der Surrealismus im Dienste der Revolution) um, um die Verschiebung des Schwerpunkts zur Politik zu betonen. Allerdings war das Verhältnis zwischen den Surrealisten und der PCF nicht immer einvernehmlich. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen und zu Trennungen von der Partei. Das ist im nachhinein u.a. deshalb verständlich, weil hier höchst unterschiedliche Lebensweisen aufeinandertrafen und eine kommunistische Kunsttheorie und -praxis noch nicht entwickelt war.

An der Seite der Volksfront

1936 malte Picasso die Gouache »La Dé­pouille du Minotaure« (»Die sterblichen Überreste des Minotaurus«), die zeigt, wie Menschen ein Untier abwehren, das die Gefahr des Faschismus verkörpert. Der Maler stellte sie als Vorlage für den Theatervorhang des Schauspiels »Der 14. Juli« von Romain Rolland am 14.7.1936 im »Théatre du peuple« in Paris zur Verfügung. Die Aufführung war eine staatsaktähnliche Feier zu Ehren des Sieges der Volksfront bei den Wahlen am 4.6.1936. »Das Publikum beklatschte die Vorhangdekoration von Picasso, der Saal war außer sich vor Freude …«, erinnert sich ein Teilnehmer. Die Aufführung endete damit, daß Schauspielerinnen und Schauspieler zusammen mit den Zuschauerinnen und Zuschauern mit erhobenen Fäusten die »Marseillaise« und die »Internationale« sangen. Picasso befand sich im Publikum.

Am 17.7.1936 putschte das spanische Militär gegen die Spanische Republik und entfesselte einen Bürgerkrieg. Anfang Januar 1937 arbeitete Picasso an zwei Radierungen der satirischen Folge »Traum und Lüge Francos«. Sie zeigt, daß Picasso das Bündnis von Kapital, Adel und Kirche als entscheidende Kraft hinter dem Putsch gegen die Spanische Republik sah. 1937 beschrieb er seine Sichtweise mit den Sätzen: »Der Krieg in Spanien ist die Schlacht der Reaktion gegen das Volk, gegen die Freiheit. Mein ganzes Leben als Künstler ist ein ununterbrochener Kampf gegen die Reaktion und gegen den Tod der Kunst gewesen.« Etwas mehr als drei Monate nach dem Beginn der Arbeit an den Radierungen verwandelt die deutsche Luftwaffe Guernica in ein Trümmer- und Leichenfeld. Am 12. Juli 1937 wurde der spanische Pavillon auf der Pariser Weltausstellung der Öffentlichkeit übergeben. In der Eingangshalle hing Picassos heute berühmtestes Gemälde, »Guernica«, das er im Auftrag der Regierung der Spanischen Republik geschaffen hatte. Der Maler gab damit eine öffentliche und eindeutige politische Stellungnahme für die Volksfrontregierung und gegen die Franco-Putschisten ab. Zuvor hatte er in einer Erklärung für die Spanish Relief Campaign in New York deutlich gemacht, auf welchen konkreten Feind das Bild zielte: »In dem Gemälde, an dem ich gerade arbeite, und das ich ›Guernica‹ nennen werde, und in allen meinen letzten Kunstwerken drücke ich deutlich meinen Abscheu vor der Militärkaste aus, die Spanien in einem Meer von Leid und Tod versenkt hat.« Die amerikanische Hilfsorganisation veranstaltete im Juni 1937 eine Kunstausstellung, um Geld für das republikanische Spanien zu sammeln.

Am 3. April 1940 stellte Picasso bei den französischen Behörden einen Einbürgerungsantrag. Das setzte den Polizeiapparat wieder in Bewegung. Erkundigungen werden eingeholt und Akten zusammengeführt. In ihnen ist u.a. eine Übersicht aller Wohnsitze und Ferienaufenthalte Picassos in den Jahren zwischen 1905 und 1939 enthalten. Picasso wurde also bis dahin 34 Jahre lang lückenlos von der französischen Polizei überwacht. Ein Ergebnis dieser Bespitzelung war der Rapport vom 25. Mai 1940. In ihm heißt es: »Picasso ist unserem Dienst bekannt, weil er 1905 als Anarchist beschrieben wurde, da er bei einem seiner Landsleute wohnte …, der auch Anarchist war und von der Préfecture de Police überwacht wurde.« Die Polizei bemerkte negativ, daß er während des Bürgerkrieges der republikanischen Seite beachtliche Geldbeträge überwiesen habe. Einige Zeilen weiter wird die Feststellung getroffen: »Picasso hat seine extremistischen Ideen behalten und sie in Richtung Kommunismus weiterentwickelt.« Auf der nächsten Seite wird aus einem Überwachungsbericht zitiert, in dem stand: »Er kritisierte offen unsere Institutionen und verteidigte die Sowjets.« Die Polizei befürwortete deshalb auch nicht den Einbürgerungsantrag. Als dieser Bericht unterschrieben wurde, lag der Beginn des Westfeldzugs der deutschen Faschisten schon vierzehn Tage zurück, und es sollte nur noch drei Wochen dauern, bis die deutschen Truppen in das kampflos überlassene Paris einzogen.

»Ich habe den Krieg nicht gemalt, weil ich nicht zu den Menschen gehöre, die wie Fotografen einem Sujet nachjagen. Doch es besteht kein Zweifel, daß der Krieg in den Bildern, die ich damals gemalt habe, existiert. Vielleicht finden die Historiker eines Tages die Bilder und beweisen, daß sich mein Stil unter dem Einfluß des Krieges geändert hat. Bewußt ist mir das jedoch nicht.« Diese Aussage Picassos wird durch zahlreiche Arbeiten des Künstlers, der den größten Teil der Zeit der Besatzung Frankreichs in Paris verbrachte, belegt. Es gibt eine große Werkgruppe mit Vanitas-, Unheils- und Todesmotiven, deren dunkle Töne unverkennbar eine Reaktion auf den Beginn des Krieges sind. Zu den eindrucksvollen Arbeiten dieser Pariser Jahre zählt eine Serie monumentaler, sitzender Frauenfiguren, die als Inkarnation von Unheil und Todesnähe zu deuten sind. Im Zusammenhang mit der Stalingrader Wende des Krieges mehrten sich Bildthemen mit positiveren Konnotationen, es entstand z.B. das Gemälde »Erste Schritte« vom 21. Mai 1943. Es zeigt vorsichtige erste Schritte eines Kindes, dem von der Mutter dabei geholfen wird. Das Bild ist durchaus metaphorisch zu verstehen. Im August 1944 wurde Paris befreit. Das spiegelt sich z.B. in dem Ölgemälde »Hahn der Befreiung« vom 23.11.1944 wider. Die Farben sind lichter und heller geworden. Der Blick kann sich in eine humane Zukunft öffnen. Louis Parrot, ein französische Schriftsteller, der während des Krieges für den Pariser Untergrundverlag »Edition Minuit« arbeitete, schrieb kurz nach der Befreiung: »Alleine durch seine Anwesenheit unter uns gab er denjenigen die Hoffnung, die sonst an den Chancen unseres Überlebens gezweifelt hätten.« Und er fügte hinzu, daß Picassos Beispiel den Dank der Intellektuellen und Künstler Frankreichs verdient habe.

Schon immer dabei

Die deutsche Besatzung von Paris hatte am 25. August 1944 kapituliert. Am 5. Oktober 1944 erschien die L’Humanité, die Tageszeitung der Französischen Kommunistischen Partei, mit der Schlagzeile: »Picasso, der größte heute lebende Künstler, hat seinen Beitritt zur Partei der Wiedergeburt Frankreichs erklärt.« Er war am Tage zuvor in den PCF eingetreten. Zu dieser Zeit war Picasso 62 Jahre alt. Die Zeitung zitierte ihn mit den Worten: »Jetzt habe ich meine wirkliche Heimat gefunden.« In der Erklärung des Malers zu seinem Parteieintritt heißt es:

»Die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei ist die logische Folge meines gesamten Lebens. Denn, und darauf bin ich stolz, ich habe die Malerei nie als bloßen Zeitvertreib, als Zerstreuung betrachtet; ich wollte mit der Zeichnung und den Farben – denn das sind meine Waffen – weiter zum Verständnis der Welt und der Menschen vordringen, damit dieses Verständnis von Tag zu Tag freier macht; ich habe auf meine Art versucht, auszudrücken, was ich für das Wahrste, das Gerechteste, das Beste halte, und das war natürlich immer auch das Schönste, wie die großen Künstler wissen. Ja, ich bin mir im klaren, daß ich schon immer durch meine Malerei am Kampf teilgenommen habe, als ein echter Revolutionär. Aber jetzt habe ich begriffen, daß das nicht genug ist; diese Jahre der grausamen Unterdrückung haben mir bewiesen, daß ich nicht nur durch meine Kunst kämpfen muß, sondern mit dem Einsatz meiner ganzen Person. Und darum bin ich in die Kommunistische Partei eingetreten, ohne zu zögern, denn im Grunde war ich schon immer dabei.«

Seine Kunstauffassung beschreibt Picasso in der unmittelbaren Nachkriegszeit so: »Was glauben Sie denn, ist ein Künstler? Ein Tor, der nur Augen hat, wenn er ein Maler ist, nur Ohren, wenn er ein Musiker ist, oder mit einer Lyra für alle Lagen des Herzens, wenn er ein Dichter ist, oder gar nur mit den Muskeln, wenn er ein Boxer ist? Ganz im Gegenteil! Er ist auch immer ein politisches Wesen, daß in steter Aufgeschlossenheit gegenüber den zerstörerischen, brennenden und beglückenden Weltereignissen lebt und darauf mit seinem ganzen Wesen reagiert. Wie könnte er keinen Anteil nehmen am Schicksal anderer Menschen und sich in elfenbeinerner Gleichgültigkeit vor dem Leben verschließen, das sie ihm so überreichlich entgegenbringen. Nein, Malerei ist ein Mittel des Kampfes, zum Angriff und zur Abwehr des Feindes.«

Es ist immer wieder versucht worden, die Bedeutung von Picassos Eintritt in die Kommunistische Partei Frankreich herunterzuspielen. Die US-amerikanische Kunstwissenschaftlerin Gertje R. Utley schreibt im Gegensatz zu solchen Anschauungen in ihrer grundlegenden und keinesfalls prokommunistischen Untersuchung »Picasso. The Communist Years«: »Nach Ansicht der meisten von mir Interviewten wäre es falsch anzunehmen, daß Picassos Kommunismus für ihn von geringer Bedeutung gewesen sei. Sie schienen mit François Gilots (zeitweilige Lebensgefährtin Picassos, Anm. d. Red.) Sichtweise übereinzustimmen, daß Picassos Entscheidung, in die Partei einzutreten, ein Schritt war, den er sorgfältig abgewogen hatte und der auf tiefer Überzeugung und Hingabe beruhte.« Utley verweist in diesem Zusammenhang auf Dora Maar, die Vorgängerin Gilots, die einem amerikanischen Schriftsteller gegenüber erklärte: »Seine Ehrlichkeit ist wie sein Werk. Der Stil verändert sich, aber Picassos innerstes Wesen bleibt sich selbst treu. Und Sie können sicher sein, daß er genau so an das Ideal des Kommunismus glaubt, wie Sie daran glauben, daß Präsident Lincoln die Sklaven befreit hat.« Picasso blieb bis an sein Lebensende Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs und stand in stetem Kontakt mit seinen Genossen.

Gegen neue Kriege

Die Zeit nach der Befreiung Frankreichs war für Picasso natürlich zuerst einmal durch die Freude darüber bestimmt, daß der Faschismus besiegt war. Das zeigt sich auch in seiner Malerei. Typisch dafür ist das Gemälde »La Joie de vivre« (Die Freude zu leben), das er 1946 in Antibes gemalt hat. Aber die Schrecken der Vergangenheit beschäftigten Picasso weiter. So schuf er 1945 »Das Leichenhaus«, ein eindrucksvolles Gemälde in Erinnerung an faschistische Kriegsverbrechen, begangen an Zivilisten. Er spendete das Gemälde einem von Kommunisten organisierten Unterstützungsfonds für Überlebende der Résistance. In Erinnerung an die Opfer der ca. 50000 spanischen Republikaner, die sich am bewaffneten Kampf gegen die deutschen Besatzer in Frankreich beteiligt hatten, schuf er das Gemälde »Monument für die für Frankreich gefallenen Spanier«.

Picasso hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das für politische Aktionen im Kampf gegen die aggressive Kriegspolitik der imperialistischen Staaten bestimmt war. Das bekannteste ist die in vielen Versionen vorliegende »Friedenstaube«. Sie geht auf die Lithographie »La Colombe« zurück, die Aragon Anfang 1949 für ein Plakat verwenden durfte, das zur Teilnahme am Friedenskongreß 1949 in Paris aufrief. Picasso selbst nahm an einer Vielzahl von Antikriegskongressen und -aktionen teil. Er schuf Werke, die sich direkt auf die damit zusammenhängenden aktuellen politischen Auseinandersetzungen bezogen. Dazu gehört das eindrucksvolle Gemälde »Massacres en Corée« (Massaker in Korea) aus dem Jahr 1952, das ein US-amerikanisches Kriegsverbrechen während des Koreakriegs (1950–1953) zum Thema hat. Ein Höhepunkt seines Schaffens sind die 1952 entstandenen großen Wandgemälde »Guerre« (Krieg) und »Paix« (Frieden) für die Kapelle im Schloß von Vallauris, die ebenfalls direkte Bezüge auf den Koreakrieg enthalten.

Oft erschließen sich die gesellschaftlichen und politischen Bezüge in Picassos Werk nicht auf den ersten Blick. Sieht man jedoch genauer hin, dann erkennt man, daß sie in vielen Arbeiten enthalten sind, wie die Ausstellung »Picasso. Frieden und Freiheit« 2010 in Liverpool und Wien zeigte.

So ist z.B. Picassos bildnerische Auseinandersetzung mit dem spanischen Barockmaler Diego Velázquez 1957 nicht ohne seine Verachtung des von den kapitalistischen Hauptmächten gestützten Franco-Regimes zu begreifen. Der Werkkomplex »Die Frauen von Algier« 1954 steht in direktem Zusammenhang mit dem im selben Jahr begonnenen französischen Kolonialkrieg gegen die Befreiungsbewegung in Algerien. Die Arbeiten mit Variationen zu Manets »Frühstück im Freien« zwischen 1959 und 1962 enthalten positive Bezüge zur linksbürgerlichen und frühsozialistischen Geschichte Frankreichs und kritische zum Ende der Vierten Republik, als sich General de Gaulle im Juni 1958 ohne Wahlen an die Spitze des Staates setzte. Die Werke zum »Der Raub der Sabinerinnen« 1962/63 haben die Gefahr eines drohenden Atomkriegs während der Kuba-Krise 1962 zum Hintergrund.

Quelle: Junge Welt

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