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	<title>Die Gruppe MD &#187; Chiapas</title>
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	<description>Linke politische Textsammlung</description>
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		<title>Gegen Monster und Machos</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Jun 2009 10:19:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Chiapas]]></category>
		<category><![CDATA[EZLN]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>

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		<description><![CDATA[Der mühsame Befreiungskampf der indigenen Frauen ist vielen Menschen kaum bewusst.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-452"></span></p>
<h2>Der Kampf indigener Frauen in Südmexiko für Respekt und Autonomie</h2>
<p><strong>In den Bundesstaaten Chiapas, Oaxaca, Guerrero und weiteren zentralen und südlichen Regionen lebt die Mehrheit der indigenen Bevölkerung Mexikos. Durch den Aufstand der linken Guerilla EZLN (zapatistische Befreiungsarmee) vom 1. Januar 1994 ist das Thema der Ausgrenzung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung weit bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass viele Indígenas schon zuvor gegen ihre Misere kämpften und heute weiter Widerstand leisten &#8211; nicht nur in Chiapas und nicht allein in der EZLN.</strong></p>
<p>Der mühsame Befreiungskampf der indigenen Frauen ist vielen Menschen kaum bewusst.</p>
<p><strong>Zivilgesellschaft im Widerstand</strong></p>
<p>Während ihres Besuches in Europa brachten die drei indigenen Aktivistinnen Ana López, Claudia Flores und Marta Sánchez (1) aus den Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca souverän Licht in dieses Dunkel. López und Flores, Tojolabal-Frauen von der sociedad civil en resistencia (dt.: Zivilgesellschaft im Widerstand) betonten, dass die Zivilgesellschaft in Chiapas bereits vor dem 1.1.1994 organisiert war. Mit Zivilgesellschaft meint die linke und indigene Bewegung in Mexiko die aktive Opposition, die nicht nach Posten und Pfründen Ausschau hält, sondern sich wirklich unabhängig für ihre Basis einsetzt. Die sociedad civil unterstützt die Forderungen der EZLN, weil sie gerecht und richtig sind und hat ein solidarisches Verhältnis zur EZLN, die der Bevölkerung mit ihren milicianos (dt.: MilizionärInnen) auch Schutz bietet (2). Gleichzeitig hat die Zivilgesellschaft ihrerseits Einfluss auf die zapatistische Bewegung, so dass von einer sich ergänzenden und unterstützenden Koexistenz im Widerstand gesprochen werden kann.</p>
<p>López führte aus, dass die sociedad civil en resistencia zwar nicht wie die EZLN die Waffen erhoben hat, aber über die Entschlossenheit und den Willen verfügt, anhaltenden Widerstand zu leisten. Sie unterstützt die Abkommen von San Andrés über indigene Selbstverwaltung, Rechte und Kultur, die &#8211; von Regierungsvertretern und EZLN 1996 unterzeichnet -, von der Regierung bis heute nicht umgesetzt wurden.</p>
<p>Seit der großen consulta (Befragung) zur Durchsetzung der indigenen Rechte, welche die EZLN 1999 angeregt hatte, existieren in zahlreichen Städten Mexikos weiterhin die lokalen Komitees, die sich damals zur Unterstützung zusammengefunden hatten. Die Aktivitäten der Zivilgesellschaft im Widerstand haben sich seitdem verstärkt und die AktivistInnen sind mexikoweit und regional vernetzt.</p>
<p>In Chiapas gibt es sieben Regionen der organisierten Zivilgesellschaft, die in einem Forum beschlossen haben, wie die Zapatistas keinerlei Hilfe von Staat anzunehmen, weil die Regierung mit diesen Almosen die Gemeinden spaltet, die Kontrolle zurückerlangt und den Menschen ihre Würde nimmt, an den ausbeuterischen und marginalisierenden Strukturen aber nichts ändert. Dieser sozio-ökonomische Sektor der Aufstandsbekämpfung, der parallel zum Krieg der niederen Intensität durch Paramilitärs und Armee vorangetrieben wird, ist in den letzten Jahren unter der neoliberal-konservativen Bundesregierung von Vicente Fox und dem neuen chiapanekischen Gouverneur Pablo Salazar wichtiger geworden. Sogenannte &#8220;Hilfsprogramme&#8221; wie Progresa oder Procampo (3) bieten den Menschen auf dem Land Geld, Baumaterial und Sämereien an, wenn diese sich im Gegenzug von der EZLN und der weiteren Opposition lossagen. Diese Programme dienen folglich dazu, die Gemeinden auseinander zu dividieren und mit einer Umarmungstaktik an die Regierung zu binden, um die oppositionelle Basis zu schwächen.</p>
<p><strong>Der Kampf der indigenen Frauen</strong></p>
<p>In Südmexiko werden die Frauen gezielt dazu angehalten, Geld im Rahmen des Programms oportunidades (dt.: Chancen/Möglichkeiten) zu akzeptieren. Nach Meinung der oppositionellen Frauenorganisationen soll mit den Staatsgeldern erreicht werden, dass sich die Männer betrinken und keinen Widerstand organisieren und die Frauen gleichzeitig weniger Kinder bekommen. Die Frauen werden in aufoktroyierten Gesprächen zur Verhütung gedrängt, denn nach Aussagen der Aktivistinnen hat die Regierung offenbar Angst vor jedem neuen potentiellen Guerilla-Nachwuchs.</p>
<p>Viele Frauen gehen ungern in die staatlichen Hospitäler, da sie dort wegen ihres Indígena-Seins oft abschätzig behandelt werden, weil sie abgelaufene Medikamente teuer erwerben müssen und z.T. nach Entbindungen gegen ihren Willen und gegen ihr Wissen operiert oder &#8220;geimpft&#8221; werden &#8211; was sich in einigen Fällen als Zwangssterilisierung entpuppte. Viele Frauen schämen sich oder haben Angst, diese menschenverachtenden Sterilisierungen zu melden, so dass von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen werden muss.</p>
<p>Das Programm oportunidades veranschaulicht auch das korrupte politische System Mexikos, denn es wird von der Weltbank mitfinanziert und eigentlich sollte jede interessierte Frau monatlich 500 Pesos erhalten, ausbezahlt werden in der Regel jedoch nur 150 Pesos (z.Z. gut 12,- Euro).</p>
<p>Frauenorganisationen und andere Gruppen, die diese staatliche &#8220;Hilfe&#8221; ablehnen, werden immer stärkerem Druck ausgesetzt, die Zuwendungen zu akzeptieren &#8211; bis hin zu Morddrohungen. Dagegen wehren sich die Zapatistinnen und die Frauen im Widerstand.</p>
<p>Claudia Flores ist Aktivistin einer Frauenorganisation aus der Region Las Margaritas, die 1994 eine Kooperative gegründet hat. Die Kooperative verfügt über eine Mühle und einen Laden, um ein wenig Geld aufzutreiben und die Ernährung ihrer Familien zu sichern. Neben dem ökonomischen Aspekt ist es der Organisation auch wichtig, dass es ein Unterstützungszentrum für Frauen gibt. Dort betreuen sie Frauen, die von ihren Ehemännern oder anderen männlichen Gemeindemitgliedern misshandelt oder unterdrückt wurden. Vielen Frauen wird z.B. verboten, nachts auf die Straße zu gehen oder allein zu verreisen.</p>
<p>Dies führt bei einigen Frauen dazu, dass sie in der häuslichen Umgebung nahezu vereinsamen und nur wenig außerfamiliäre Kontakte aufbauen können.</p>
<p>Die Frauenorganisation besucht regelmäßig fünf Tojolabal-Gemeinden, um Aufklärungsarbeit über Menschen- und Frauenrechte zu leisten, wobei die Aktivistinnen auch Männer und Jugendliche zu ihren Seminaren einladen.</p>
<p>Des weiteren geben sie Alphabetisierungskurse, weil viele indigene und bäuerliche Frauen während ihrer Kindheit nicht die Schule besuchen konnten, da sie aufgrund von Armut und Unterdrückung &#8211; auch innerhalb der Familie &#8211; gezwungen waren zu arbeiten.</p>
<p>Flores und ihre Kolleginnen sind nicht nur in diesen Gemeinden, sondern auch auf bundesstaatlicher Ebene organisiert. Die übergreifenden Forderungen der Frauenorganisationen lauten: Gesundheit, Bildung, Wohnraum, Recht auf Ämter, Eigentum und politische Betätigung, Emanzipation und Freiheit. Diese Forderungen wollen sie mit Kongressen, Seminaren, Treffen und weiteren Mobilisierungen erreichen. Neben ihrer Belastung als Mutter, Frau und Indígena leiden viele Frauen auch unter der schlechten Gesundheitsversorgung, was ihr eigenes Engagement weiter erschwert.</p>
<p>Festzuhalten bleibt, dass es vor allem die Frauen selbst sind, die &#8211; trotz aller Widrigkeiten &#8211; die Prozesse der Verbesserung ihrer Lebenssituation aktiv vorantreiben.</p>
<p><strong>Der Kampf für indigene Autonomie und gegen das System</strong></p>
<p>Marta Sánchez von der coordinadora nacional de mujeres indígenas (dt.: Nationale Koordination indigener Frauen) innerhalb des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) erläuterte, dass der indigene Kampf für Autonomie nicht nur auf Chiapas und die Zapatistas beschränkt ist. Die Indígenas leben in vielen verschiedenen Bundesstaaten, in denen es ähnliche Probleme wie in Chiapas gibt. Sie betonte gleichzeitig, dass sich die CNI-Frauenkoordination solidarisch mit der EZLN und der Zivilgesellschaft &#8220;gemeinsam für eine mit Inhalt gefüllte Autonomie einsetzt, um gegen das Monster, welches das System darstellt, kämpfen zu können&#8221;.</p>
<p>Durch den Aufstand von 1994 konnten über 40 indigene Bevölkerungsgruppen ihre Anliegen formulieren und gründeten 1996 den CNI, um gegen Rassismus zu kämpfen und eigene Räume für die Indígenas zu öffnen &#8211; ohne Einmischung von Parteien, NGOs und Wirtschaftsvertretern.</p>
<p>Sánchez unterstrich an dieser Stelle, dass es wichtig sei, das Bild der Indígenas zu entmystifizieren, da sie keineswegs eine homogene Gruppe seien und in der Vergangenheit durch aufgepfropfte Systeme oder interne Konflikte zerstritten waren. Gerade aufgrund der Heterogenität der indigenen Bewegung müssten Organisierungsprozesse von unten geleistet werden. Den Indígenas hilft es auch nicht, wenn ein indigener Mensch das Land regieren würde; der Bewegung geht es um den Aufbau selbstverwalteter, basisdemokratischer Strukturen, was eine fundamentale Kritik am herrschenden System impliziert.</p>
<p>Der CNI, in dem die EZLN eine Mitgliedgruppe ist, befindet sich zur Zeit weiterhin im Aufbau, trifft sich regelmäßig und agiert dabei auf mexikoweiter Ebene. Die zentrale Forderung des CNI ist (deckungsgleich mit derjenigen der EZLN) die wirkliche Umsetzung der Abkommen von San Andrés über indigene Selbstverwaltung, Rechte und Kultur.</p>
<p>Im CNI werden die Frauenrechte mehrheitlich bejaht, sie sind jedoch noch nicht angemessen umgesetzt und garantiert.</p>
<p>Die Frauen fordern z.B. weiterhin, Ämter übernehmen oder Land erben zu können und an den Debatten um die indigene Bewegung mehr teilnehmen zu können. Die Aktivistinnen aus Chiapas und Oaxaca berichteten übereinstimmend, dass die Männer oft Diskussionen unter sich führen, während viele Frauenorganisationen darauf Wert legen, an ihren Seminaren auch Männer teilnehmen zu lassen.</p>
<p>Am Beispiel des Widerstandes gegen den Plan Puebla Panama &#8211; ein Megaprojekt, das durch Straßen, Staudämme, Biopiraterie und Fabrikbau die ländlichen Gemeinden bedroht &#8211; schilderte Flores, dass die Frauen besonders unter der Repression leiden und die umfassendere soziale Arbeit leisten, während einige Männer &#8220;Siegeshymnen&#8221; anstimmen, wenn ein Teilerfolg errungen wurde. Sie verlangen eine stärkere Einbeziehung der Frauenfrage, sie soll eine Perspektive werden, die immer und überall eingebracht wird.</p>
<p>Das Ziel der Frauenstruktur des CNI ist, dass ihre Kämpfe, aber auch ihr Alltag anerkannt und respektiert werden. Die Frauen betonen, dass Autonomie nicht nur nach außen gerichtet ist, sondern auch innerhalb der Gemeinden umgesetzt werden muss. Neben der Umsetzung von Frauenrechten bedeutet dies vor allem einen solidarischen Umgang mit natürlichen und ökonomischen Ressourcen sowie eine Politik der Gemeinschaft.</p>
<p>Am Ende ihrer beeindruckenden Informationsveranstaltung riefen die drei Mexikanerinnen unter Beifall dazu auf, die Kämpfe der Indígenas, der Frauen und der linken Bewegung auch hier in Europa bekannt zu machen und weiterzuverfolgen, da es längerfristig darum geht, mit allen verschiedenen emanzipatorischen Kräften des Erdballs eine Alternative zum herrschenden System aufzubauen.</p>
<p><em>Luz Kerkeling, Gruppe B.A.S.T.A.</em></p>
<p><em><strong>Anmerkungen</strong></em></p>
<p>(1) Die Namen der drei Aktivistinnen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.</p>
<p>(2) Obwohl die EZLN ihre Waffen noch besitzt, hat sie seit Mitte Januar 1994 keine militärischen Aktionen mehr unternommen. Viele BeobachterInnen des Konflikts gehen in diesem Kontext davon aus, dass die Bewegung längst zerschlagen worden wäre, wenn sie ihre Waffen abgegeben hätte.</p>
<p>(3) Progresa: dt.: Programm für Erziehung, Gesundheit und Ernährung &#8211; Procampo: Programm zur direkten Unterstützung der ländlichen Produzenten.</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.graswurzel.net/281/mexiko.shtml" target="_blank">http://www.graswurzel.net/281/mexiko.shtml</a></em></p>
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		<title>Ist der Zapatismus ein Anarchismus?</title>
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		<pubDate>Thu, 28 May 2009 12:35:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Zapatismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Als soziale Bewegung, die jegliche Einbindung in staatliche Strukturen negiert, steht der Zapatismus aber tendenziell auch auf der tragischen Seite anarchistischer Tradition.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-181"></span><strong>Libertäre Aspekte in Chiapas und der Internationalen der Hoffnung</strong></p>
<p><em>REDaktion (Hg.): Chiapas und die Internationale der Hoffnung; Mit einem Fotoessay (s/w). Neuer ISP-Verlag; Köln 1997. 250 Seiten, 29,80 DM.</em></p>
<p>&#8220;Wirklich revolutionär wäre daher nicht so sehr der Kampf um staatlich-politische Machtpositionen, sondern die konkrete Verweigerung, die Beendigung des ganz alltäglichen Mitmachens, das praktisch werdende Bewußtsein, sich nicht mehr alles zumuten zu lassen&#8221; (Joachim Hirsch, S.133).</p>
<p>Irgendeines Aufhängers bedarf es immer, sollen Buchbesprechungen nicht nur den Inhalt zusammenfassend wiedergeben. Und von Anarchie ist in diesem Buch gar nicht die Rede, und gerade deshalb soll es hier darum gehen. Um mich nicht gänzlich der Vereinnahmung schuldig zu machen, der Satz für die Verlagsprospekte &amp; Klappentexte gleich zu Beginn: Diese Buch ist das beste zum Thema, das seit der Aufsatzsammlung der Topitas (1994) erschienen ist; den HerausgeberInnen ist es gelungen, die aktuellen Diskurse um den zapatistischen Aufstand kritisch kreisen und hoffnungsvoll auf den Punkt bringen zu lassen. In sechs Kapiteln werden, ausgehend vom 1.Interkontinentalen Treffen im vergangenen Jahr in Chiapas, Erlebnisberichte von dort und Analysen der Situation in Mexiko, theoretische Überlegungen zur Globalisierungsdebatte und das zapatistische Politikverständnis in Aufsätzen und Interviews auseinandergenommen und in Zusammenhang gebracht. Ich weiß nicht, ob dieses Buch dazu angetan ist, Hoffnung zu verbreiten, etwas Neues signalisiert es aber ganz sicher. Im Bericht vom &#8220;Intergalaktischen&#8221;, wie das Treffen von Chiapas auch genannt wird, steht der Aufruf, den Widerstand gegen den Neoliberalismus horizontal zu organisieren, weil letztlich Leben und Politik nicht voneinander zu trennen seien. Die libertär-feministische Forderung, daß das Private politisch sei, ganz zu Beginn des Buches, stellt so den Zusammenhang zu anarchistischen Theorien &amp; Praxen her, die in vielen der Beiträge Anwendung &amp; Niederschlag finden.</p>
<p>&#8220;Der Staat&#8221;, so John Holloway, &#8220;trennt das Öffentliche vom Privaten und indem er dies tut, legt er uns selbst eine Trennung auf, teilt unsere öffentliche, ernste Hälfte ab von der anderen, der privaten, der nichtigen und irrelevanten. Der Staat fragmentiert, entfremdet uns von uns selbst&#8221; (S.149). Dafür, daß Staat und neoliberale Wirtschaftsstrategien sich nicht widersprechen, wie immer wieder gern behauptet wird, um z.B. den wohlfahrtsichernden Staat gegen die entfesselten Kapitalgewalten aufzubieten, findet Friederike Habermann so grundsätzliche wie klare Worte. Und wenn beide, Staat &amp; Kapital, alle Bereiche unseres Lebens durchdringen, ist es erst recht revolutionär und das Faszinierende am Zapatismus, die rebellische Gemeinschaft den materiellen Werten entgegenzusetzen.</p>
<p>Über das wirklich Revolutionäre ist in der Geschichte der Linken viel gestritten worden. Um so erstaunlicher, daß MarxistInnen im Zapatismus-Fieber plötzlich zu libertären Erkenntnissen kommen. Die Argumentationsfigur ist dabei in etwa die, daß die ökonomischen Verhältnisse der letzten Jahre die Grundlagen der sozialen Organisation aus dem Produktions- in den Reproduktionsbereich verlegt haben. Das heißt, persönliche Bindungen haben dem Arbeitsplatz den Rang abgelaufen, was die innere Konstituierung von Gesellschaft betrifft, und damit sei gleichzeitig die &#8220;Herrschaft aus der Fabrik auf die Straße gezogen&#8221; (Ana Esther Cecena, S.117). Im Kampf gegen die Herrschaft führt das folglich dazu, daß nicht nur Eigentums- und Verteilungsprobleme die Schauplätze der Befreiungsbemühungen sind, sondern vielmehr die Bedingungen des eigenen Lebens: statt Klassenkampf also &#8220;Soziale BürgerInnenschaft&#8221; (Cecena) oder &#8220;Frage der Demokratie&#8221; (Hirsch).</p>
<p>Der Anarchist Gustav Landauer stritt sich geradezu exemplarisch mit MarxistInnen über die Frage der objektiven Bedingungen, die es für AnarchistInnen nie gab, wenn die Motivation zur Revolte oder zum sozialistischen Beginnen zur Debatte stand. Herrschaft findet sich nicht erst in Zeiten der Privatisierung im öffentlichen Raum, sondern tummelt sich seit je in Straßen, Betten, Körpern. Bei der Frage der Macht kommt so auch Holloway zu der anfangs zitierten Folgerung, daß nämlich Würde, Wahrheit, Nicht-Identität &#8220;nicht als transzendente Essenzen, sondern als Verweigerung in der Gegenwart, als Kampf, als Negation des Falsch-Seins der kapitalistischen Gesellschaft&#8221; existieren (S.151). Der Aufstand der Zapatistas kam so unerwartet, weil er die unerträgliche Situation des eigenen Lebens zum Anlaß nahm &#8211; und sie mit der eigenen Geschichte (502 Jahre Kolonialismus) und der eigenen Zukunft (Existenzraub durch NAFTA) in Zusammenhang setzte. Und daß die Zapatistas nicht zuletzt durch ihre Konzeptlosigkeit für die Artikulationsräume (J.Winter, S. 171) gesorgt haben, die zur Zerrüttung des mexikanischen Herrschaftsapparates beitragen konnten, zeigt sich als der richtige Grundsatz zur richtigen Zeit.</p>
<p>Als soziale Bewegung, die jegliche Einbindung in staatliche Strukturen negiert, steht der Zapatismus aber tendenziell auch auf der tragischen Seite anarchistischer Tradition. Mit der Regierungsbeteiligung in Spanien 1936 verloren die anarchistischen FührerInnen nicht nur den Krieg, sondern auch das Vertrauen der breiten Basis und damit die Macht, die sie institutionell abzusichern versucht hatten. Das zapatistische Organisationsprinzip des mandar obedeciendo &#8211; &#8220;gehorchend befehlen&#8221;, &#8220;in unserer Politsprache mit dem Konzept des &#8216;imperativen Mandats&#8217; vergleichbar&#8221;(S.83) &#8211; ist nicht nur angesichts dessen mehr als nur der Schnickschnack zur Erhaltung moralischer Integrität. Die Verbindung von Ethik und Politik, wie sie im Zapatismus anzutreffen ist, hat mit Thoreau und Gandhi jedenfalls mehr gemein als mit mancher lateinamerikanischen Guerilla. &#8220;Letztlich wird eine faktische Demokratisierung Mexikos nur stattfinden können, wenn Menschen die Fähigkeit erobern, ihre Interessen unabhängig von Staat und der herrschenden Klasse zu verteidigen, durch eine Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, ohne der Gefahr des Klientelismus zu erliegen&#8221; (Christine Weiß, S.79).</p>
<p>Dies ist, wie gesagt, nur die an einer Ecke aufgehängte Lesart eines Buches. Daß darin auch ein netter Fotoessay enthalten ist, die Grenzen des Konzepts Zivilgesellschaft diskutiert werden und zur Vernetzung Adressen und kommentierte Bücher aufgelistet sind, spricht außerdem für dieses Werk. Auch im Streit um den Nationalismus der EZLN gibt es weiterbringende Beiträge: während Nationalismus John Holloway (&#8220;&#8230;so sehr ich mich auch bemühe, mein Hirn mit allem Wohlwollen zu verrenken&#8230;&#8221;) immer noch krank macht (S.183), versucht A.E. Cecena die Nation als den Raum der beherrschten Klasse auszumachen &#8211; im Gegensatz zu Staat und Markt als Räume der Herrschenden &#8211; und für universell zu erklären. Nicht nur die deutsche Realität als Gegenbeispiel läßt dieses Unterfangen schnell als Quatsch erscheinen. Mit Universalisierungen ist es ja eh vorbei, denn auch Zapatismus hat mit Postmoderne zu tun. Anne Huffschmid formuliert wahrhaft visionär über den taz-Tellerrand hinaus: &#8220;Postmoderne Skepsis stünde demnach nicht mehr notwendig im Widerspruch zu utopischem Denken, und die EZLN wäre eine der ersten wirklichen Befreiungsbewegungen, die die Utopie wieder mit der Gegenwart versöhnen&#8221;(S.145).</p>
<p><em><strong>Pregun Tando-Caminamos<br />
(Agentur petzner &amp; pseudonyms)</strong></em></p>
<p>Aus: &#8220;<a href="http://www.graswurzel.net/221/chiapas.shtml" target="_blank">Graswurzelrevolution</a>&#8221; Nr. 221 (September 1997)</p>
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