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	<title>Die Gruppe MD &#187; FAI</title>
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		<title>Eine Antwort auf die häufigsten marxistischen Lügen über die spanische Revolution</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 18:03:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist wohl fair zu sagen, dass die meisten MarxistInnen in England ihre Kritik der profunden Rolle der AnarchistInnen in der spanischen Revolution den Büchern des Trotzkisten Felix Morrow entnehmen. Morrows Buch "Revolution and Counterrevolution in Spain" (Revolution und Konterrevolution in Spanien - d.Ue.) ist aus einer orthodox trotzkistischen Perspektive verfasst und mitunter werden die Ereignisse dieser Perspektive angeglichen anstatt sie zu untersuchen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-278"></span><em>Kurze Vorbemerkung: Es folgt die deutsche Übersetzung eines Artikels der ursprünglich in der 211. Ausgabe der englischen anarchistischen Zeitschrift Black Flag veröffentlicht wurde, die über BM Hurricane, London Wc1N 3XX, England bezogen werden kann.</em></p>
<p>Es ist wohl fair zu sagen, dass die meisten MarxistInnen in England ihre Kritik der profunden Rolle der AnarchistInnen in der spanischen Revolution den Büchern des Trotzkisten Felix Morrow entnehmen. Morrows Buch &#8220;Revolution and Counterrevolution in Spain&#8221; (Revolution und Konterrevolution in Spanien &#8211; d.Ue.) ist aus einer orthodox trotzkistischen Perspektive verfasst und mitunter werden die Ereignisse dieser Perspektive angeglichen anstatt sie zu untersuchen. Beispielsweise transformiert Morrow die &#8220;Bloshevisten-Leninisten&#8221;, eine obskure Sekte, die es wahrscheinlich nicht zu einer zweistelligen Mitgliederzahl brachte, zu den einzigen, die die spanische Revolution hätten retten können. Weshalb? Weil allein sie über jenes kostbare Gut der Mitgliedschaft in der 4. Internationale und einer trotzkistischen Analyse verfügten! (was kümmerts, dass die spanischen Arbeiter Waffen und Solidarität brauchen!) Viele von Morrows Behauptungen haben in die linke Folklore Einzug gefunden und werden regelmässig hervorgeholt. Wir wollen an dieser Stelle auf sie antworten.</p>
<p>Morrow behauptet, dass die CNT (die anarchosyndikalistische Gewerkschaft, welche die Revolution durchführte) von einer äußerst zentralisierten Iberischen Anarchistischen Föderation (FAI) kontrolliert worden sei. Die FAI wurde 1927 als eine Konföderation regionaler Föderationen (einschließlich der Portugiesischen Anarchistischen Union) gegründet. Diese regionalen Föderationen koordinierten wiederum lokale und bezirksbezogene Föderationen anarchistischer Bezugsgruppen mit äußerster Autonomie. Folglich mag es zentralistische Tendenzen innerhalb der FAI gegeben haben, eine &#8220;äußerst zentralistische politische Partei&#8221; war sie jedoch nicht. Desweiteren waren viele AnarchosyndikalistInnen und Bezugsgruppen nicht in der FAI (obwohl die meisten sie anscheinend befürworteten) und für viele FAI-Mitglieder rangierte die Loyalität zur CNT an erster Stelle. So heißt es beispielsweise im Protokoll des Nationalen Plenums der FAI im Januar-Februar 1936: &#8220;Das regionale Komitee (von Aragon, Rioja und Navarra) wird von den meisten Militanten vollständig vernachlässigt, da sie in den größeren Aktivitäten der CNT aufgehen.&#8221; Und &#8220;einer der Gründe für die schlechte Verfassung der FAI war die Tatsache, dass fast alle GenossInnen in den Verteidigungskomitees der CNT aktiv waren.&#8221; (Bericht der regionalen Föderation des Nordens). Da diese Zitate aus internen Dokumenten stammen, dürfte es sich dabei schwerlich um Lügen handeln. Es ist offenkundig, dass AnarchistInnen den größten Einfluss innerhalb der CNT hatten (die bereits lange anarchosyndikalistisch war, ehe es zur Gründung der FAI kam). Doch die &#8220;Kontrolle der FAI&#8221; war eine Erfindung einer reformistischen Minderheit innerhalb der CNT, zum Beispiel Angel Pestaña, der aus der CNT eine &#8220;neutrale&#8221; Bewegung machen wollte und später die Syndikalistische Partei gründete und die Cortes unterstützte.</p>
<p>Ein weiterer alter Hut Morrows ist der Vorwurf, die CNT habe die Streikwelle der SozialistInnen und Arbeiterallianz sabotiert und Truppen transportiert, die den Aufstand in Asturien niederschlagen sollten. Um diese Anschuldigungen zu verstehen, ist es notwendig die Vorgeschichte des Oktobers 34 und den Unterschied zwischen der CNT und der UGT (Gewerkschaft, die von der reformistischen Sozialistischen Partei PSOE kontrolliert wurde) zu kennen. Zwischen 1931 und 1933 hatten die SozialistInnen in einer Koalitionsregierung mit den RepublikanerInnen die CNT attackiert. Mit Hilfe der SozialistInnen wurden Gesetze erlassen, die spontane Streiks verbaten und zu staatlich gelenkten Vermittlungen verpflichteten. Streiks der CNT wurden gewaltsam unterdrückt und die UGT stellte StreikbrecherInnen zur Verfügung, so wie im Streik der Telephongesellschaft 1931. Während und nach den CNT Aufständen 1932 in Katalonien und größeren Aufständen im Januar 1933 (9.000 CNT Mitglieder kamen in Gefängnisse) und im Dezember 1933 (16.000 kamen in Gefängnisse) gab es praktisch keine Solidarität durch die SozialistInnen. Die SozialistInnen konvertierten plötzlich zur &#8220;Revolution&#8221; nachdem sie die Wahlen im November 1933 verloren und sämtliche Gesetze, die sie gegen die CNT erlassen hatten, nun auch gegen sie zur Anwendung kamen. Als der nichtrepublikanischen Rechten im Oktober 1934 Kabinettsitze angeboten wurden, rief die PSOE/UGT zum Generalstreik auf. Die CNT versäumte es, sich daran zu beteiligen &#8211; ein Fehler, der von vielen AnarchistInnen anerkannt wird. Morrow behauptet, dies sei darauf zurückzuführen, dass sie glaubten &#8220;alle Regierungen seien gleich schlecht&#8221;, aber die Wahrheit lautet, dass sie den SozialistInnen zu Recht misstrauten. Ein Aufruf der CNT im Februar 1934, die UGT solle ihre revolutionären Ziele deutlich und öffentlich bekanntgeben, wurde nicht beantwortet. Läßt mensch die Rhetorik beiseite, so scheint das Hauptziel der PSOE im Oktober gewesen zu sein, Neuwahlen zu erzwingen, um erneut eine Koalition mit den RepublikanerInnen eingehen zu können. Die CNT sollte als Kanonenfutter dienen, um eine weitere Regierung zusammenzustellen, die sie angreifen würde. Im Oktober war &#8211; abgesehen von Katalonien (wo die katalonische Regierung die Militanten der CNT am Vortag festnehmen ließ und dann versuchte, eine katalonische Autonomie auszurufen) und Madrid (wo die CNT den Generalstreik unterstützte) &#8211; das einzige wirkliche Zentrum des Widerstandes Asturien. Hier hatte sich die CNT mit den SozialistInnen und den KommunistInnen zu einer &#8220;Arbeiterallianz&#8221; zusammengeschlossen. Doch entgegen den Vereinbarungen der Allianz gaben die SozialistInnen den Befehl zum Aufstand eigenmächtig aus &#8211; und das sozialistisch kontrollierte Provinz Komitee verweigerte der CNT Waffen. Dies obwohl die CNT in dem Gebiet über 22.000 Mitglieder zählte (verglichen mit 40.000 der UGT). Morrow erwähnt CNT EisenbahnarbeiterInnen, die dem Oktoberaufstand das Rückgrat gebrochen hätten, in dem sie Truppen und Ausrüstung transportiert hätten. Doch in Asturien (dem einzigen Gebiet, in dem Truppentransporte gebraucht wurden) kam es durch eine Küstenlandung von Fremdenlegionären und marokkanischen Truppen zum Hauptangriff der Regierung &#8211; gegen den Hafen von Gijon, einer CNT-Hochburg. Trotz Bitten der CNT verweigerten ihnen die SozialistInnen Waffen, Gijon fiel nach einem blutigen Kampf und wurde Ausgangspunkt zur Zerschlagung der gesamten Region. Diese sozialistische und kommunistische Sabotage sollte zwei Jahre später wiederholt werden aber Morrows Verzerrungen werden von ignoranten TrotzkistInnen ad nauseam vorgebracht.</p>
<p>Die letzte Lüge, der wir entgegentreten wollen, ist die Behauptung, die Freunde Durrutis hätten einen &#8220;bewussten Bruch mit der Staatsfeindlichkeit des revolutionären Anarchismus&#8221; vollzogen. Die Freunde Durrutis wurden im März 1937 von anarchistischen Militanten ins Leben gerufen, die sich weigerten, sich der kommunistisch kontrollierten &#8220;Militarisierung&#8221; der ArbeiterInnenmilizen zu fügen. Während der Maitage &#8211; des Regierungsangriffes auf die Revolution zwei Monate später &#8211; taten sich die Freunde durch ihre Aufrufe hervor, durchzuhalten und die Konterrevolution zu zerschlagen. Sie vollzogen keine &#8220;Abweichung&#8221; vom Anarchismus &#8211; sie weigerten sich, angesichts von GenossInnen, die sich an der Regierung beteiligten, zu kompromittieren. Ihre Flugschriften im April 1937 riefen die Gewerkschaften und Gemeinden dazu auf, den &#8220;Staat (zu) ersetzen&#8221; und nicht zum Rückzug. In ihrem Manifest von 1938 wurde dieser Aufruf wiederholt (&#8220;der Staat kann angesichts der Gewerkschaft nicht weiterhin in der Gewalt bleiben&#8221;) und drei Forderungen aufgestellt: Für ein Nationales Verteidigungskomitee &#8211; von den ArbeiterInnen (einschließlich derer an der Front) gewählt und ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig, in dem sämtliche Posten rückrufbar wären; für alle &#8220;öknomische Entscheidungen an die Gewerkschaften&#8221;; und für die &#8220;freie Gemeinde&#8221;, um die Gebiete außerhalb der Gewerkschaftsmandate zu decken. Kürzlich sagte Jaime Balius, einer der Hauptaktivisten der Freunde Durrutis: &#8220;Wir sagten &#8220;Alle Macht den Gewerkschaften&#8221;. Wir waren in keinster Weise politisch orientiert.&#8221; (&#8220;politisch&#8221; heißt hier staats- politisch &#8211; eine gebräuchliche Verwendung des Wortes durch AnarchistInnen).</p>
<p>Die Belege dafür, dass Durruti selbst, der wohl bekannteste anarchistische Militante dieser Zeit, der an der Madrider Front im November 1936 starb, mit dem Anarchismus &#8220;gebrochen&#8221; habe, sind noch fragwürdiger, sofern das überhaupt möglich ist.</p>
<p><em><strong>von einem Genossen aus Liverpool</strong></em></p>
<p><em>Aus: Blag Flag Nr. 211 </em></p>
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		<title>Gaston Leval &#8211; Die schwarz-roten Straßenbahnen von Barcelona</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:35:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Straßenkämpfe hatten den ganzen Verkehr lahmgelegt, die Straßen waren durch die Barrikaden versperrt, deren Hauptmaterial eben oft aus Straßenbahnen und Bussen bestand. Man mußte also alles ausräumen und den Weg freimachen, um die in der Großstadt unerläßlichen Transportmittel wieder ingangzusetzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-275"></span>Die Straßenbahnen waren in Barcelona das wichtigste Transportmittel. 60 Linien zogen durch die Stadt und fuhren zu den Vororten und den umliegenden Ortschaften: Pueblo Nuevo, Horta, Sarria, Badalona, Sens, Bonanova, Gracia, Casa Anunez usw. Die Allgemeine Straßenbahngesellschaft, eine AG mit hauptsächlich belgischem Kapital, beschäftigte 7.000 Lohnempfänger, die die Wagen fuhren und den Fahrpreis kassierten und in den 8 Depots und in den Reparaturwerkstätten arbeiteten.</p>
<p>Ungefähr 6.500 von diesen 7.000 Arbeitern waren in der CNT, wo sie die ihrem Fachgebiet entsprechende Sektion der Industriegewerkschaft der Transportmittel bildeten. Die anderen, bedeutend kleineren Sektionen waren die der U-Bahn (2 Linien), der Taxifahrer, die sich in der Folge getrennt organisierten, der Autobusse und schließlich der beiden Drahtseilbahnlinien nach Montjuich und dem Tibidabo-Berg.</p>
<p>Die Straßenkämpfe hatten den ganzen Verkehr lahmgelegt, die Straßen waren durch die Barrikaden versperrt, deren Hauptmaterial eben oft aus Straßenbahnen und Bussen bestand. Man mußte also alles ausräumen und den Weg freimachen, um die in der Großstadt unerläßlichen Transportmittel wieder ingangzusetzen. Nun beauftragte die gewerkschaftliche Straßenbahnsektion eine Kommission von sieben Genossen damit, die Verwaltungsräume zu besetzen, während andere die Bahnen besichtigen und sich einen Überblick über die nötigen Aufräumungsarbeiten verschaffen sollten.</p>
<p>Vor dem Gesellschaftslokal fand die Kommission eine Bereitschaftsgruppe der Zivilgarde, die den Zugang verhindern sollte. Der sie befehligende Unteroffizier erklärte, er habe den Befehl erhalten, keinen Menschen hineinzulassen. Mit Gewehren und Granaten bewaffnet und zum Teil durch den Panzerwagen, der für den Geldtransport der Gesellschaft bestimmt war, gut geschützt, drohten unsere Genossen anzugreifen. Der Unteroffizier bat seine Vorgesetzten telephonisch um die Erlaubnis zum Rückzug und sie wurde ihm gewährt.</p>
<p>Verweilen wir einen Augenblick bei einer kleinen, amüsanten Einzelheit. Das gesamte höhere Personal war nicht da, und in den Büroräumen fand die Gewerkschaftsdelegation nur den Anwalt vor, dessen Aufgabe es war, die Gesellschaft zu vertreten und für sie Verhandlungen durchzuführen. Der Genösse Sanchez, der aktivste und erfahrenste Militante, kannte diesen Herrn sehr wohl, der ihn vor zwei Jahren bei einem 28monatigen Streik zu 17 Jahren Gefängnis hatte verurteilen lassen &#8211; dieser Verteidiger der Interessen der Gesellschaft hatte sogar eine Strafe von 105 Jahren Gefängnis gegen ihn beantragt! (Sanchez war zusammen mit Tausenden anderer Genossen dank der nach den Wahlen im Februar 1936 gewährte Amnestie aus dem Gefängnis entlassen worden.)</p>
<p>Dieser Herr empfing ihn auf sehr liebenswürdige Weise, indem er erklärte, er würde die neue Situation akzeptieren und sich sogar als Anwalt den Arbeitern zur Verfügung stellen. Sanchez&#8217; Genossen wollten ihn auf der Stelle erschießen, dieser aber war dagegen und ließ ihn sogar weggehen. Es war Freitag, und man machte für den nächsten Montag ein Treffen aus. Vertrauensvoll bat der Mann darum, daß man ihn heimbegleitete, da auf den Straßen so viele bewaffnete Revolutionäre wären &#8230; Man tat es, aber er kam am folgenden Montag nicht wieder und wurde dann nie wieder gesehen.</p>
<p>Das Komitee der sieben rief sofort die Delegierten der verschiedenen Gewerkschaftssektionen &#8211; Elektrizitätswerk, Kabel, Reparaturen, Verkehr, Schaffner, Lagerräume, Buchführung, Büros, Verwaltung usw. &#8211; zusammen: wieder einmal gelang die Synchronisierung der Industriegewerkschaft hervorragend. Einstimmig wurde beschlossen, die Straßenbahnen unverzüglich wieder ingangzusetzen.</p>
<p>Am folgenden Tag wurden die Handarbeiter und Techniker durch den Rundfunk zusammengerufen &#8211; so wie die Metallindustriegewerkschaft es mit ihren Mitgliedern getan hatte &#8211; es fehlten nur einige Faschisten. Alle Ingenieure stellten sich der Gewerkschaft zur Verfügung, ein alter Oberst miteinbegriffen, der wegen seiner aktiven Sympathie für die Arbeiter bereits vom Posten des Leiters der Verkehrsabteilung und Direktors der U-Bahn in die Archivabteilung zurückversetzt worden war.</p>
<p>Fünf Tage nach dem Abschluß der Kämpfe fuhren 700 &#8211; anstatt 600 &#8211; Straßenbahnen mit den schwarzroten Schrägstreifen der FAI durch Barcelona. Ihre Zahl war vergrößert worden, um die Anhänger abzuschaffen, die viele Unfälle verursachten. Dafür hatte man Tag und Nacht und mit allgemeiner Begeisterung gearbeitet, um ungefähr 100 zum alten Eisen geworfene, weil für unbrauchbar gehaltene Wagen zu reparieren.</p>
<p>Natürlich konnten die Dinge deshalb so schnell und so gut organisiert werden, weil die Menschen selbst gut organisiert waren. Denn wir finden hier eine Gesamtheit von Sektionen vor, die nach Berufszweigen und auf industrieller Basis gemäß der Arbeitsorganisation gegründet worden sind, und zwar sowohl auf Betriebs- als auch auf Gewerkschaftsebene. Mechaniker, Schaffner, Autoschlosser, Tischler usw. bildeten jeweils einander ergänzende Gruppierungen, die über den bloßen, herkömmlichen Berufsrahmen hinausgingen, um sich in einer einzigen Organisation zu vereinigen.</p>
<p>An der Spitze jeder Sektion standen ein in Übereinstimmung mit der Gewerkschaft ernannter Ingenieur und ein Vertreter der Arbeiter: so wurde zu gleicher Zeit für die Arbeit und für die Arbeiter gesorgt. Auf der nächsthöheren Stufe bildeten die versammelten Delegierten das lokale Generalkomitee. Die Sektionen kamen getrennt zusammen, wenn es sich um ihre spezifischen Aktivitäten handelte, die also unabhängig von den anderen betrachtet werden konnten; wenn es um allgemeine Probleme ging, hielten dagegen alle Arbeiter aller Berufe eine Vollversammlung ab.</p>
<p>Es bestand also auch eine permanente Übereinkunft zwischen Ingenieuren und Arbeitern. Kein Ingenieur durfte eine wichtige Maßnahme ergreifen, ohne das Lokalkomitee um Rat zu fragen, nicht nur, weil alle gleichermaßen an den Entscheidungen teilhaben sollten, sondern auch deswegen, weil die Handarbeiter meistens in praktischen Fragen mehr Erfahrung haben als die Ingenieure. (&#8230;)</p>
<p>Die spontane Disziplin und das hohe ethische Bewußtsein der Arbeiter waren allgemein anerkannt. Alle stimmten dem gemeinsamen Werk zu und nahmen daran teil, und jeder entwickelte seine eigene Phantasie, um technische Verbesserungen und neue Arbeitsmethoden zu finden. (&#8230;)</p>
<p>Diese Mitarbeit ging sogar über den Betriebs- bzw. Gewerkschaftsrahmen hinaus. Die gut ausgerüsteten Werkstätten stellten z.B. Raketen und Haubitzen für die aragonesische Front her. Die Arbeiter machten also kostenlos Extrastunden und kamen sogar Sonntags in die Fabrik, um dem gemeinsamen Kampf ihren unentgeltlichen Beitrag zu leisten.</p>
<p>Zum Abschluß will ich noch betonen, daß überall Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit herrschten. Gewiß hat es einige wenige Fälle von Unehrlichkeit gegeben, sie beschränkten sich aber innerhalb von Jahren auf sechs kleinere Diebstähle, die nicht einmal nennenswert wären, aber wir wollen nicht den Anschein erwecken, das Unangenehme zu übergehen. Am ernstesten war folgender Fall: Ein Arbeiter nahm ab und zu kleinere Mengen Kupfer mit nach Hause, die er dann verkaufte, sobald er ein Kilo zusammen hatte. Er wurde entlassen, als seine Frau aber zum Betriebskomitee ging und erklärte, sie hätte ein Kind, das darunter zu leiden haben würde, gab man ihr den Lohn für drei oder vier Wochen und versetzte ihren Mann in eine andere Werkstatt.</p>
<p><em><strong>Gaston Leval</strong></em></p>
<p><em>Aus: &#8220;Die Aktion&#8221; Nr. 161/164 &#8211; Dossier zu Spanien 1936 </em></p>
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		<title>CNT (Confederación National del Trabajo)</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 16:10:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die erste und wichtigste Strömung der spanischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung war der Anarchismus. Dessen organisatorische Anfänge reichen in das Jahr 1868 zurück]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-164"></span><strong>Nationaler Bund der Arbeit</strong></p>
<p>Die erste und wichtigste Strömung der spanischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung war der Anarchismus. Dessen organisatorische Anfänge reichen in das Jahr 1868 zurück, als der Italiener Giuseppe Fanelli (als Gesandter Michael Bakunins) in Spanien eintraf und die schon in den 1840er Jahren in Katalonien gegründeten Arbeitervereine, die sich zu den sozialistischen Ideen antistaatlicher Tendenz, zur direkten Aktion als Kampfwaffe und zum Föderalismus im Sinne des von Pierre Joseph Proudhon beeinflussten Pi y Margall bekannten und Konsum- und Produktivgenossenschaften proudhonistischer Richtung gegründet hatten, mit der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) in Verbindung brachte. Bereits 1869 wurde in Madrid die „Regionale Spanische Arbeiterföderation&#8221; (Federación Obrera Regional Español) gegründet, die sich ein Jahr später der Ersten Internationale anschloss. l870 fand in Barcelona der erste spanische Arbeiterkongress statt, auf dem das Programm der Jura-Föderation &#8211; „in der Politik anarchistisch, in der Wirtschaft kollektivistisch, in der Religion atheistisch&#8221;- angenommen wurde. Die spanische Sektion der Internationale und somit die ganze „antiautoritäre&#8221; Bewegung der Internationalisten sprach breite Arbeiterschichten an und beeinflusste bis 1939 die gesamte nationale Arbeiterbewegung. Vor allem die Angaben Max Nettlaus über die Entwicklung und organisatorische Situation der spanischen Internationale in den 1870er und l880er Jahren belegen die konsequente Entwicklung des spanischen Anarchismus.</p>
<p>Von 1874 bis I881 war die Internationale in Spanien verboten; nach ihrer Wiederzulassung durch die liberale Regierung Sagasta (1881) wurde die weitere Entwicklung des spanischen Anarchismus durch die vehementen Tendenzkämpfe zwischen den syndikalistisch organisierten Arbeitern Kataloniens, die den Bakuninschen Anarcho-Kollektivismus und seine Mittel (Massenbewegung, Generalstreik, Kollektivierung der Produktionsmittel, Entlohnung nach der Leistung) bevorzugten, und den andalusischen Befürwortern eines Anarcho-Kommunismus Kropotkinscher Prägung (autonome Gruppen, individuell-revolutionäre Tat, Terrorismus, Geheimgesellschaften, kein Privatbesitz an Konsumgütern, Entlohnung nach den Bedürfnissen) bestimmt. Die Auseinandersetzung zwischen kollektivistischen Anarchisten und aufständischen Anarcho-Kommunisten endete Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Kompromiss, der den Bakunismus als Grundlage des Klassenkampfes und der Arbeiterorganisation und den „freiheitlichen Kommunismus&#8221; als Endziel im revolutionären Syndikalismus vereinigte. Dieser folgte der anarchistischen Tradition insofern, als er der „spontanen“ Bewegung der Masse vertraute und in jeder„autoritären&#8221; Organisation ein Hindernis für die Entwicklung eines revolutionären Bewusstseins sah.</p>
<p>Die Richtungskämpfe zwischen verschiedenen Flügeln blieben im organisierten Anarchismus auch nach der 1910 erfolgten Gründung des revolutionär-syndikalistischen „Nationalen Bundes der Arbeit&#8221; (CNT) bestehen. Die CNT blieb bei der den Anarchismus charakterisierenden konsequenten Ablehnung der partei- und verbandsförmigen Einflussnahme auf politische Willensbildung und Entscheidungsprozesse. Sie übernahm vom Anarchismus die Lehre, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiter selbst sein müsse. Das Programm der CNT war allerdings weder ein bloßes Wiedererstehen des Bakunismus noch lediglich eine Übernahme des revolutionären französischen Syndikalismus. Die Philosophie des täglichen Lebenskampfes, der „direkten Aktion&#8221; (Streik, Boykott, Sabotage), trat neben die Auffassung vom Endkampf und bewaffneten Aufstand. Ein Generalstreik hatte stets revolutionären, niemals nur reformistisch-ökonomischen Charakter.</p>
<p>Der Kurs der CNT schwankte nach 1910 zwischen dem Dogmatismus der extremistischen Fraktion und dem Pragmatismus einer gemäßigten Linie um Salvador Seguí und Angel Pestaña. Ausdruck der tastenden Unsicherheit des Anarchosyndikalismus waren sowohl der Pakt mit der sozialistischen UGT (1917) als auch der vorübergehende Eintritt (1920/22) in die Komintern bei gleichzeitigem Festhalten an den von Bakunin entworfenen Prinzipien. Ende 1922 trat die CNT der IAA bei. deren explizites Ziel es war, den Klassenkampf zu verschärfen, gegen ein Übergreifen politischer Parteien auf die Gewerkschaften anzukämpfen, schließlich den Kapitalismus und den Staat zu zerstören. 1923 löste sich die CNT formal auf, um einer Zwangsauflösung durch Primo de Rivera zuvorzukommen. Da sich innerhalb der im Untergrund operierenden CNT in den folgenden Jahren die „reformistische&#8221; Strömung durchzusetzen begann, die zum Sturz des Diktators eine Zusammenarbeit mit republikanischen Parteien befürwortete, wurde 1927 auf einem illegalen Kongress in Valencia die Federación Anarquista Ibérica (Iberische Anarchistische Föderation. FAI) als Geheimorganisation gegründet, die ihre Aufgabe darin sah, über die Reinerhaltung der Lehre Bakunins zu wachen und zu verhindern, dass sich die Arbeiter dem Reformismus und der Kooperation mit politischen Parteien oder dem sowjetischen Kommunismus und der Lehre von der Diktatur des Proletariats zuwendeten. Die verschiedenen Tendenzen innerhalb der CNT führten zu Beginn der Zweiten Republik zur Spaltung der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft. 1931 verkündete die rein syndikalistische Richtung ein „Manifest der Dreißig“ (Manifiesto de los treinta) genanntes Programm &#8211; deren Anhänger daraufhin treintistas genannt wurden -, das sich gegen die angeblich drohende Vorherrschaft der minoritären FAI in der Gewerkschaftsbewegung auflehnte und die Unabhängigkeit des Syndikalismus und seinen Anspruch, sich selbst zu genügen, bestärkte. Eine Anzahl von Einzelsyndikaten, die einen gewissen Grad an Mitarbeit in der gegebenen Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung vertrat, verließ unter der Führung von A. Pestaña die Dachorganisation CNT und gründete „Oppositionssyndikate&#8221;. Wenn auch diese Gewerkschaften am Vorabend des Bürgerkrieges in die CNT zurückkehrten, blieb im Anarchosyndikalismus eine gemäßigte Richtung bestehen, die während des Bürgerkrieges erheblichen Einfluss gewinnen und die Entwicklung der CNT bis 1939 und danach wesentlich mitbestimmen sollte.</p>
<p>Während des Spanischen Bürgerkrieges erlebte die CNT mit über 2 Millionen Mitgliedern den Höhepunkt ihrer Geschichte. In jenen Jahren wurde auch der z. T. erfolgreiche Versuch einer Sozialen Revolution in dem republikanisch gebliebenen Territorium unternommen. Der Bürgerkrieg bedeutete jedoch für die CNT auch das Scheitern des Anarchosyndikalismus in der politischen Arena, vor allem in der innerrepublikanischen Auseinandersetzung mit den Parteien der Volksfront. Zu den erbittersten Gegnern entwickelten sich die Kommunisten der stalinistischen Kommunistischen Partei (Partido Comunista de España). Im Bürgerkrieg traten die Anarchisten von CNT und FAI sowohl in die Regierung der Republik (Kabinette Francisco Largo Caballero und Juan Negrín) als auch in die katalanische Regionalregierung ein: Als den anarchistischen Führern nach der Niederschlagung rebellierender Truppenteile in einigen Gegenden Spaniens klar geworden war, dass die vollständige Durchführung ihres programmatischen Vorentwurfs einer anarchistischen Diktatur gleichkommen würde, entschlossen sie sich &#8211; unter Missachtung ihrer Ideologie und jahrzehntelangen antistaatlichen Praxis &#8211; zur Zusammenarbeit mit Regierung und Staat. Sie verzichteten auf das Kampfziel der libertären Bewegung: der Zerschlagung des Staates, schufen dafür revolutionäre Machtorgane (Komitees), die auf lokaler und regionaler Ebene in Konkurrenz zur Zentral- und Regionalregierung traten, arbeiteten mit politischen Parteien zusammen und übernahmen, seit sie selbst in der Regierung saßen, deutlich wahrnehmbar gouvermentale Denkweisen. Der Bruch mit der anarchistischen Tradition des Antipolitizismus sowie mit ihren direkt-demokratischen Prinzipien führte in CNT und FAI zu Hierarchiebildung und Absonderung der oberen Entscheidungsgremien von der Mitgliederbasis. Die Regierungsbeteiligung der Anarchisten trug somit zur Restauration und Stärkung des Staatsapparates, mittelbar darüber hinaus zur Liquidierung der Revolution bei.</p>
<p>Nach dem Bürgerkrieg wurden bis 1945 im Landesinneren 10 Nationalkomitees der CNT zerschlagen, bis 1949 waren es 16. An den Guerillaaktionen jener Jahre gegen das Francoregime waren die Anarcho-Syndikalisten führend beteiligt. Den wesentlichen Impuls zum Sturz des Franquismus erwarteten auch sie von den Alliierten. Als deren Unterstützung ausblieb, die Guerillataktik sich als ein Fehlschlag erwies und außerdem ideologische Probleme zwischen Exilführung und den Mitgliedern im Landesinneren auftraten, begann der eigentliche Niedergang der Anarchosyndikalisten. Und als 1945 zwei Anarchosyndikalisten in die Exilregierung Giral eintraten, spaltete sich über diese Frage außerdem die libertäre Bewegung in einen „politischen“ und einen „apolitischen“ Flügel. Bezeichnenderweise war es die innerspanische CNT, die sich für eine breite Zusammenarbeit mit allen antifranquistischen Kräften einsetzte, während die Toulouser Exilführung sich hinter der Bezeichnung Comisión Intercontinental del Movimiento Libertario Español verschanzte, zusehends den Kontakt zur sozialen Realität Spaniens verlor und sich erneut maximalistischen Positionen zuwandte.</p>
<p>In den 50er Jahren erhielt die CNT im Landesinneren kaum mehr Unterstützung von außen. Ihre Strukturen wurden nahezu vollends zerschlagen. Der von libertärer Seite sporadisch fortgesetzte Kleinkrieg fand um 1960, nachdem die letzten Symbolfiguren des bewaffneten Widerstandes (u. a. die Brüder Sabater) hingerichtet worden waren, ein Ende. In den Jahren zuvor hatten sich immer mehr Anarchisten &#8211; enttäuscht von den internen Streitigkeiten, von der Erfolglosigkeit ihrer Anstrengungen, zermürbt von jahrelanger Untergrundtätigkeit und Gefängnishaft &#8211; vom bewaffneten Kampf gegen den Franquismus zurückgezogen.</p>
<p>Obwohl auch in den folgenden Jahren zahlreiche anarchosyndikalistische Gruppen und Organisationen verschiedenster Tendenz bestehen blieben, verfügte die CNT 1975 bei Francos Tod über keinerlei landesweite Organisation, Die eigentliche Neugründung der Gewerkschaft erfolgte im Februar 1976 (noch illegal) durch die Zusammenfassung von drei bis dahin nebeneinander bestehenden Strömungen; den „historischen Anarchisten&#8221;, der „christlichen Tendenz&#8221; und dem „sozialistisch- marxistischen Flügel&#8221;. Diese neue CNT unterschied sich von Anfang an in mehreren Punkten von der traditionellen CNT der Bürgerkriegszeit: Sie war in ihrer ideologischen Zusammensetzung durch die Aufnahme christlicher und marxistischer Elemente bedeutend heterogener. Sie war nicht mehr eine reine Arbeitergewerkschaft, sondern umfasste zu einem nicht unerheblichen Teil auch Studenten, Intellektuelle, Kleinbürger, Bohemiens; und schließlich fehlte in ihr fast völlig die „mittlere“ Generation. Ihre Mitglieder gehörten entweder der „alten Garde“ an oder sie waren zwischen 18 und 25 Jahre alt.</p>
<p>Seit September 1976 lag die organisatorische Zentrale der CNT wieder in Spanien. Da jedoch die CNT-Exilorganisation in Toulouse weiterbestand und neben der „rein“ anarchistischen FAI nach wie vor auf die Strategie der innerspanischen CNT Einfluss zu nehmen suchte, bildete sich ein immer stärker werdender anarchosyndikalistischer Flügel, der jegliche ideologische Majorisierung der CNT durch die Exilorganisation und die FAI entschieden ablehnte. In jenen Jahren bildeten sich zwei Grundpositionen heraus, die nach dem V. Kongress der Gewerkschaft vom Dezember 1979 (Congreso de la Casa de Campo) deutlich hervortraten. Der Kongress führte zur Spaltung der Gewerkschaft in eine „historische“ und eine „erneuerte“ CNT, die sich auf dem VI. Kongress 1983 in Barcelona noch vertiefte. Die „historische&#8221; CNT warf der „erneuerten“ vor, sie sei reformistisch, spalterisch, marxistisch und vertikalistisch; umgekehrt wurde der „historischen CNT“ vorgeworfen, sie sei autoritär-dogmatisch, entferne sich von der Arbeiterbasis und hänge immer noch anachronistischen Vorstellungen der 30er Jahre an. Die Minderheit (CNT Confederal) beteiligte sich 1986 erstmals an Betriebsratswahlen, errang jedoch nur ganz wenige Sitze. Da beide Gruppen Anspruch auf das von der CNT vom Franco-Regime beschlagnahmte Erbe (patri monio sindical) und auf das im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrte Gewerkschaftsarchiv erhoben, kam es zu einer Auseinandersetzung um die Rechtmäßigkeit der Benutzung des Namens CNT, die gerichtlich zugunsten der ersten Gruppe entschieden wurde. Im April 1989 nahm der „erneuerte“ Sektor der CNT den Namen Confederación General del Trabajo (Allgemeiner Arbeiterbund) an; Generalsekretär ist José March. Die CGT verzichtete auf die 248 Millionen Peseten, die der CNT von Gerichten als Entschädigung für die franquistischen Beschlagnahmungen zugesprochen worden waren.</p>
<p>Die „historische“ CNT-AIT verfügt nach eigenen Angaben über 50.000 zahlende Mitglieder und 200 Büros in Spanien; hinzu kommen 2.500 Mitglieder im Ausland. Die anfallenden Arbeiten werden von den Mitgliedern selbst erledigt, es gibt keine angestellten Funktionäre. Die Auflagenhöhe (6.000 &#8211; 8.000) der beiden Organe „Solidaridad Obrera“ (Barcelona, vierzehntägig) und „CNT“ (Madrid, monatlich) zeigt die geringe Bedeutung des heutigen Anarchosyndikalismus in Spanien an. Die CNT bildet heute weder eine dritte parteiunabhängige Gewerkschaft neben UGT und Arbeiterkommissionen noch ist es ihr gelungen, zentralisierender Faktor der alternativen Bewegungen (Ökoszene, Feminismus. Selbstverwaltungsgruppen) und der „Gegenkultur“ zu werden.</p>
<p><strong>Organisation</strong></p>
<p>Die CNT erfuhr innerhalb weniger Jahre nach ihrer Gründung einen enormen Aufschwung. Auf dem Comedia-Kongress von 1919 hatte sie bereits über 715.000 Mitglieder; regionale Schwerpunkte waren Katalonien, Andalusien und Valencia. Im Juni 1931 zählte sie schon wieder knappe 540.000 Mitglieder. In der zweiten Republik erfuhr der Dachverband massiven Zulauf. Im Februar 1936 zählte die CNT ca. 1 Million Mitglieder, im Bürgerkrieg, dürfte sie an die 2 Millionen gehabt haben. Die CNT war ein lockerer Dachverband. Die Konföderation setzte &#8211; sich aus regionalen Gewerkschaftsverbänden zusammen. Sie betonte das Prinzip der Dezentralisierung, die den regionalen Organisationen das fast uneingeschränkte Recht auf Autonomie gewährte. Die Grundeinheit der CNT war die Lokalgewerkschaft, die nach den einzelnen Berufsbranchen in Sektionen aufgeteilt war. Parallel zu dem föderativ-horizontalen Aufbau bestand seit 1937 ein zweites Organisationsprinzip: das der Nationalen Industrieföderationen, das allerdings bis zum Ende des Bürgerkrieges keine entscheidende Rolle mehr spielte.</p>
<p>Im Übergang zur Demokratie erlebte die CNT einen ungeahnten Aufschwung. Im Mai 1978 gab sie die Zahl ihrer Mitglieder mit über 300.000 an, von denen der überwiegende Teil in den klassischen anarchosyndikalistischen Hochburgen Katalonien, Valencia und Andalusien angesiedelt war. In jenen Jahren war die Fluktuation zwischen den Gewerkschaften besonders stark; Mitglieder der sozialistischen UGT und der kommunistischen Arbeiterkommissionen, die die „politische“ .d.h. die auf Parteien orientierte Haltung ihrer Gewerkschaften ablehnten, liefen zur CNT über, die andererseits jedoch gleichzeitig viele Austritte registrierte. Nach der Spaltung der CNT dürfte die Gewerkschaft heute kaum mehr als 70.000 Mitglieder zählen. Der fast gleichzeitig mit dem Wiederaufschwung der CNT erfolgende Niedergang der anarchosyndikalistischen Bewegung hängt sicherlich mit der organisatorischen Schwäche der CNT zusammen, die nach der Zerschlagung ihrer Strukturen durch das Franco-Regime nicht auf bedeutsame Finanzhilfe von Schwestergewerkschaften in der Phase des Neuaufbaus (wie der UGT) zurückgreifen konnte. Führende ehemalige CNT-Mitglieder haben außerdem selbstkritisch darauf hingewiesen, dass das quantitative Anwachsen der CNT 1976/77 zu einem gleichzeitigen Bürokratisierungsprozess der CNT führte, der wiederum Hintergrund für Krise und Niedergang der Gewerkschaft war, dass somit der Anarchosyndikalismus zum Opfer seines zahlenmäßigen Wachstums wurde, das die Selbstnegierung der eigenen Organisationsprinzipien und interne Widersprüche zur Folge hatte, die sich in Ausschlüssen und Verdammungen artikulierten. Die durch den Massenzuwachs an Mitgliedern und das organisatorische Wachstum bedingte Konzentration von Informationen und „Herrschaftswissen“ in den oberen Komitees bewirkte eine Außerkraftsetzung klassischer anarchistischer Organisationsprinzipien: Übergeordnete Komitees koordinierten nicht nur sondern entschieden, der Willensbildungsprozess von unten nach oben funktionierte nicht mehr; das Rotationsprinzip wurde aufgehoben, allmählich entstand eine Arbeiteraristokratie und ein Funktionärskörper, die sich als „Freigestellte“ der realen Arbeitswelt entfremdeten &#8211; ein Bürokratisierungsprozess. den gerade der Anarchosyndikalisimus immer wieder in seiner Geschichte angeprangert hatte.</p>
<p><strong>Programm und Politik</strong></p>
<p>Der spanische Anarchismus hatte von Anfang an sozial und regional zwei Schwerpunkte: den latifundistischen Süden des Landes, in dem der andalusische Agrar- und Handwerkeranarchismus Wurzel schlug, und der relativ industrialisierte Nordosten der Halbinsel, wo sich der katalanische Anarchosyndikalismus durchsetzte. Die andalusischen Tagelöhner wurden schon früh auf einen antiparlamentarischen und antipolitischen Weg gedrängt. Ausgeschlossen von jeglicher politischen Partizipation. gesellschaftlich zu der untersten Schicht gehörig, ihr Dasein am Rande des Existenzminimums fristend, erhofften sie die ihnen vorenthaltenen Rechte nicht von graduellen Verbesserungen, die auf politisch-parlamentarischem Weg erreicht werden sollten, sondern eher von einer plötzlichen sozialen Revolution, in deren Gefolge die lange vermisste Gerechtigkeit Einzug halten würde. Diese Revolution gehörte zentral zum Programm des Anarchismus, der von Anfang an revolutionär-antistaatliche und antikapitalistische Ziele verfocht. Die für die CNT wesentlichen Postulate waren der Föderalismus, der gewerkschaftliche Kampf und die im Generalstreik kulminierende „direkte Aktion“. Neben reformistisch-ökonomischen verfolgte ein Generalstreik immer auch politisch-revolutionäre Ziele: Durch ihn sollten der Staat beseitigt und die Gesellschaft Syndikalistisch organisiert werden. Keimzellen dieser neuen herrschaftsfreien Gesellschaft sollten das selbstverwaltete Munizipium und die Gewerkschaft selbst sein.</p>
<p>Insofern war die CNT sowohl eine Gewerkschaft mit vorerst reformistischer Zielsetzung als auch eine revolutionäre Organisation mit letztlich systemtranszendierender Programmatik. Die Philosophie des täglichen Lebenskampfes, der direkten Aktion (Streik, Boykott, Sabotage), trat neben die Auffassung vom Endkampf und bewaffneten Aufstand. Anarchosyndikalistisches Endziel blieb die „Reorganisation des gesamten gesellschaftlichen Lebens auf der Basis des freien Kommunismus durch die direkte revolutionäre Aktion der Unterdrückten“.</p>
<p>Im Bürgerkrieg war die CNT nicht in der Lage. eine Strategie zu erarbeiten, wie der Krieg geführt und zugleich die proletarisch-soziale Revolution vorangetrieben werden konnte. In ihrer programmatischen Unsicherheit ließen sich die schwankend-unentschlossenen Anarchisten von den straff organisierten und ideologisch starren Kommunisten unter dem Schlagwort der nationalen Verteidigung und des national-revolutionären Krieges gegen den internationalen Faschismus einen politischen Burgfrieden aufnötigen, den sie mangels praktikabler Alternativen akzeptieren mussten. Sie wandten sich schon sehr früh gegen eine vollständige Realisierung ihres „Konzepts des Freiheitlichen Kommunismus“ und ließen an die Stelle der auf dem Zaragoza-Kongress (1936) manifestierten „revolutionären Ungeduld“ eine kooperationsfreudige Haltung treten, die zwar von der realistischen Einsicht in die Notwendigkeit des militärischen Sieges diktiert war und in der „Politisierung“ der Anarchisten ihren Niederschlag fand, infolge der geringen theoretischen Vorbereitung von CNT und FAI auf die nachrevolutionäre Gesellschaft und ihre Organisationsformen jedoch nicht nur zur faktischen Aufgabe des libertären Endziels eines herrschaftsfreien Kommunismus, sondern darüber hinaus zur wirtschaftlichen Marginalisierung und politischen Ausschaltung des organisierten Anarchismus führte.</p>
<p>Die heftigen inner anarchistischen Auseinandersetzungen um die Regierungsbeteiligung waren Ausdruck der Fraktions- und Flügelbildungen innerhalb von CNT und FAI. Das Auseinanderklaffen zwischen Theorie und Praxis, das schließlich zum politischen Scheitern der Anarchisten im Bürgerkrieg führte, hatte bereits zu Beginn des Jahrhunderts zu revisionistischen Tendenzen und ideologisch-organisatorischer Aufsplitterung geführt. Neben dem „klassischen“ Anarchosyndikalismus trat rechts eine reformistisch-politische Tendenz, die in begrenztem Umfang eine Reformpolitik unter den gegebenen kapitalistischen Verhältnissen befürwortete (z.B. Salvador Seguí, in abgewandelter Form auch Angel Pestaña), und links eine „anarchobolschewistische“ Richtung, die die Schaffung einer revolutionären Macht mit straffer Disziplin und den erforderlichen Apparaten (Exekutivkomitee etc.) befürwortete (z. B. Juan García Oliver). Diese Gruppierungen erfuhren während des Bürgerkrieges noch eine weitere Ausdifferenzierung und ließen damit die Heterogenität der anarchistischen Organisation, ihren Mangel an Einheitlichkeit und Schlagkraft und somit letztlich einen der Hauptgründe für ihren Untergang erkennen.</p>
<p>Die internen Divergenzen blieben auch nach 1939 bestehen und wurden 1975 derart verstärkt, dass es erneut zur Spaltung der Gewerkschaft kam; diese Spaltung war einer der Hauptgründe, die zum Niedergang und zur Existenzkrise der CNT führten. Die große Verweigerungsstrategie der „orthodoxen“ CNT nach 1975 erwies sich als unfähig, breitere Massen anzulocken &#8211; vor allem die Verweigerung gegenüber den grundlegenden Entscheidungen der Demokratisierung: Teilnahme an politischen und Betriebsrats wählen, Sozialpakte. konstitutioneller Konsens über die Parlamentarische Monarchie. Angesichts ihrer internen und externen Krisen verblasste auch das historische Ansehen der CNT, Vorkämpferin für Arbeiter- und Bauernforderungen zu sein. Das Gefangensein der CNT in ihrer Anti-Wahlhaltung der 30er Jahre (in denen unter historisch anderen Bedingungen diese Anti-Strategie durchaus Erfolge erzielen konnte), ohne effiziente Alternativen für den Übergang von einer Diktatur zur repräsentativen Demokratie zu bieten, wirkte auf die Masse der Bevölkerung nicht als überzeugendes Programm. Keine Radikallösungen waren gefragt, sondern Reformen, an denen der Spanier durch Stimmenabgabe partizipieren wollte.</p>
<p><strong>Charakterisierung</strong></p>
<p>Alle libertären Autoren, die sich selbstkritisch mit ihrer Bewegung und deren Rolle in den sozialen Auseinandersetzungen im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt haben, weisen auf die mangelnde Übereinstimmung der verschiedenen Flügel des Anarchismus in wesentlichen programmatischen Fragen hin. Inneranarchistische Auseinandersetzungen und fehlender Konsens in wichtigen Fragen lassen sich bis in die Anfänge der Bewegung zurückverfolgen. Die unterschiedlichen Strategien wiederum sind auf den Entstehungszusammenhang der Bewegung zurückzuführen. Der spanische Anarchismus wurde zwar mit seiner Betonung der Individualität und Autonomie des Arbeiters sehr schnell die geistige Heimat verschiedener sozialer Gruppen; es gelang ihm jedoch nicht, die als Folge ungleichmäßiger Entwicklung zwischen Industriezentren und Agrarregionen auftretenden verschiedenartigen Interessen des Industrie- und des Landproletariats in einer gemeinsamen Strategie überzeugend zu bündeln. Die Differenziertheit innerhalb der anarchistischen Bewegung war deren Stärke und zugleich ihre Schwäche. Besonders deutlich wurde dies an der Entwicklung der CNT im Bürgerkrieg. Die Flügelbildungen und Spaltungstendenzen haben auch der CNT nach 1975 mehr geschadet als geholfen. Ob der rapide Niedergang der CNT nach 1977 allerdings primär auf (Fehl-) Entscheidungen einzelner Personen zurückzuführen ist oder ob in einem hochindustrialisierten Staat kein Raum mehr für eine anarchistische Massenorganisation ist, wird die Entwicklung der kommenden Jahre erweisen.</p>
<p><em>Autor: Walther L. Bernecker</em></p>
<p><strong>Literatur und Quellen</strong></p>
<ul>
<li> Walther L. Bernecker: Anarchismus und Bürgerkrieg. Zur Geschichte der sozialen Revolution in Spanien 1936-1939, Hamburg 1978</li>
<li>Ders./J. Hallerbach: Anarchismus als Alternative, Berlin 1986</li>
<li>J. Gómez Casas: EI relanzamiento de la CNT 1973- 1979. Con un epílogo hasta la primavera de 1984, Paris 1984</li>
<li>Die libertäre Bewegung in Spanien. Mit Beiträgen von A. Souchy u.a.; Bremen ohne Jahrgang</li>
<li>C. M. Lorenzo: Los anarquistas españoles y el poder 1868 -1969, Paris 1969.</li>
</ul>
<p><em>Quelle: <a href="http://dadaweb.de/wiki/Confederaci%C3%B3n_Nacional_del_Trabajo_%28CNT%29" target="_blank">DadA-Web</a></em></p>
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		<title>Anarchie</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 13:50:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-33"></span><em>Anarchistische Föderation Französischer Sprache (FAF). Herausgegeben von der I-AFD – IFA (Initiative für eine anarchistische Föderation in Deutschland &#8211; Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen)</em></p>
<p><strong>Vorwort der HerausgeberInnen</strong></p>
<p><em>Liebe Leserinnen und Leser,</em></p>
<p>Mit der Broschürenreihe Libertäre Texte, in der wir Materialien zu Theorie(n) und Praxis, Entwicklung und gegenwärtigen Formen anarchistischer Bewegungen in aller Welt veröffentlichen wollen, möchten wir nicht nur Szene-InsiderInnen und aktive Libertäre ansprechen.</p>
<p>Sie richtet sich vor allem an die wachsende Zahl staatsverdrossener und parteimüder Mitmenschen, die sich auf der Suche nach gangbaren, gesellschaftlichen Alternativen auch einmal vorurteilsfrei über den Anarchismus, seine Vorstellungen, Ziele und Ausdrucksformen informieren wollen.</p>
<p>Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich das erste Bändchen dieser Reihe der grundsätzlichen Frage widmet, was Anarchismus denn nun eigentlich ist. Der vorliegende Text, der im letzten Jahr von der Commission Propagande der Anarchistischen Föderation Frankreichs (FAF/IFA) unter dem Titel Qu est-ce que l´anarchisme? publiziert wurde, hat nicht den Anspruch, darauf eine allumfassende, quasi akademische Antwort zu geben, aber er vermittelt, leicht verständlich geschrieben, einen guten Zugang zur anarchistischen Ideenwelt und den Versuchen, sie zur Realität werden zu lassen. Er räumt auf mit dem Mythos von den gewalttätigen, bombenwerfenden AnarchistInnen, die nichts anderes im Sinn haben, als durch blindwütigen Terror ein Höchstmaß an Chaos in der Gesellschaft zu erzeugen.</p>
<p>Wir bedanken uns herzlich bei den GenossInnen der Bielefelder Ortsgruppe der Freien ArbeiterInnen Union (FAU/IAA), die uns die deutsche Übersetzung des Originaltextes der FAF zur Verfügung gestellt haben und damit das Erscheinen dieses Bandes ermöglichten.</p>
<p>Im Mai 1993 Gruppe Krefeld/Moers der Initiative für eine Anarchistische Föderation in Deutschland (I-AFD) / Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen (IFA)</p>
<p><strong>Anarchismus</strong></p>
<p>Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.</p>
<p>Gewöhnlich bezieht man sich auf Stirner, Proudhon und Bakunin, als die drei Haupttheoretiker dieser Denkströmung. Das ist aber nur zum Teil richtig, denn was Stirner betrifft, so blieb sein Denken bis zum Ende des 19. Jahrhunderts außerhalb Deutschlands praktisch unbekannt und hatte mit dem Entstehen der libertären Bewegung im eigentlichen Sinne überhaupt nichts zu tun. Was Proudhon angeht, der zu Recht als Vater des Anarchismus betrachtet werden kann, so hat sein Denken lange Zeiten des Vergessens durchgemacht und ist gelegentlich grob entstellt worden. Und wenn der Einfluss von Bakunin auf die libertäre Bewegung auch direkt und entscheidend gewesen ist, so hat diese doch erst nach seinem Tod ihren eigentlichen Aufschwung genommen und ihre charakteristischen Merkmale entwickelt. Überdies sind die anarchistischen Ideen im wesentlichen durch das Werk seiner Schüler, wie Kropotkin und Malatesta, bekannt geworden, die nicht davor zurückgeschreckt sind, das Erbe Bakunins in wichtigen Punkten zu verändern, zu präzisieren und zu erweitern, wobei sie sich ausdrücklich auf den libertären Kommunismus beriefen.</p>
<p>Dennoch hat das anarchistische Denken ein einheitliches Gepräge mit festen Grundzügen, und es wäre ein schwerer Irrtum, in ihm nur einfach einen individuellen Protest zu sehen &#8211; wie es seine Gegner oft getan haben &#8211; oder den Ausdruck eines folgenlosen Geistes der Revolte.</p>
<p>Auf philosophischer und geistiger Ebene kann der Anarchismus als die extremste Äußerung der Verweltlichung des abendländischen Denkens betrachtet werden, indem er bis zur Ablehnung jeglicher Form einer dem Menschen äußerlichen oder höheren Autorität fortschreitet, egal ob sie vorgibt, göttlichen oder menschlichen Ursprungs zu sein; sowie zur Ablehnung aller Prinzipien, die zu allen Zeiten unter verschiedenen Formen und Gestalten von den jeweils Mächtigen benutzt wurden, um ihre Ausbeutung und ihre Herrschaft über den Rest der Bevölkerung zu rechtfertigen.</p>
<p>Auf politischer und sozialer Ebene stellt sich der Anarchismus als Fortsetzung des Werkes der französischen Revolution dar, insofern er neben der politischen Gleichheit die Verwirklichung einer tatsächlichen ökonomischen und sozialen Gleichheit einfordert; eine faktische Gleichheit, die erst aus dem Kampf gegen den Kapitalismus und für die Abschaffung des Lohnsystems entstehen kann.</p>
<p>Historisch ist die anarchistische Bewegung &#8211; ebenso wie andere sozialistische Strömungen auch &#8211; aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, als Ausdruck des Protestes der Arbeiter gegen die moderne Ausbeutung. In dieser Hinsicht kann er als radikale Reaktion auf die Lage der Arbeiter im 19. Jahrhundert begriffen werden, die gekennzeichnet war durch die Verallgemeinerung der Lohnarbeit und die Teilung der Gesellschaft in Klassen.</p>
<p>Vom Moment ihrer Entstehung an traten die anarchistischen Ideen in Widerspruch sowohl zu den reformistischen Auffassungen des Sozialismus (die es für möglich hielten, die Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaft nach und nach zu verändern), als auch zu den marxistischen Auffassungen, insbesondere was den Einsatz der Diktatur als revolutionäres Mittel betrifft.</p>
<p><strong>Die Besonderheit der anarchistischen Lehre</strong></p>
<p>Die Anarchisten streben eine Gesellschaft freier und gleicher Menschen an. Die Freiheit und die Gleichheit sind die beiden Schlüsselbegriffe, um die sich alle libertären Entwürfe drehen.</p>
<ul>
<li> Als Sozialisten sind sie für den Gemeinbesitz an Produktions- und Distributionsmitteln.</li>
<li>Als Libertäre glauben sie, dass der Einzelne nur frei sein kann in einer Gesellschaft wirklich freier Menschen, und dass die Freiheit eines jeden von der Freiheit der anderen nicht eingeschränkt, sondern bestätigt wird. Die Freiheit, wie auch die Gleichheit, so wie die Libertären sie begreifen, hat indes nichts Abstraktes, sondern zielt ab auf eine konkrete, d.h. soziale Freiheit und Gleichheit, die sich auf die gleiche und wechselseitige Anerkennung der Freiheit aller gründet.</li>
</ul>
<p>„Ich bin überzeugter Anhänger der ökonomischen und sozialen Gleichheit“, konnte Bakunin schreiben, „weil ich weiß, dass außerhalb dieser Gleichheit Freiheit, Gerechtigkeit, menschliche Würde, Moral und Wohlergehen des Einzelnen ebenso wie der Wohlstand der Nationen nichts als Lügen sein werden; doch als Anhänger auch der Freiheit, dieser Grundvoraussetzung der Menschlichkeit, glaube ich, dass die Gleichheit sich durch die freiwillige Organisation der Arbeit und des Kollektiveigentums der frei zusammengeschlossenen und föderierten Produzentenassoziationen in den Kommunen herstellen muss, nicht unter der Oberhoheit und Vormundschaft des Staates.“ Um einen solchen gesellschaftlichen Zustand zu verwirklichen, der einzige, der tatsächlich jede Form der Ausbeutung und des Privilegs abschaffen kann, meinen die Anarchisten, dass es unvermeidlich ist, nicht nur jede Form ökonomischer Ausbeutung zu bekämpfen, sondern auch jede Form politischer Herrschaft staatlicher oder regierungsförmiger Art. Für die Anarchisten schafft jede Regierung, jede Staatsmacht, ungeachtet ihrer Zusammensetzung, ihres Ursprungs und ihrer Legitimität die materielle Voraussetzung für die Herrschaft und die Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch den anderen. Wie Proudhon gezeigt hat, ist der Staat nur ein Parasit der Gesellschaft, den die freie Organisation der Produzenten und Konsumenten überflüssig machen muss und kann. In diesem bestimmten Punkt sind die anarchistischen Auffassungen ebenso weit von den liberalen Auffassungen entfernt &#8211; die aus dem Staat einen notwendigen Schiedsrichter zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Friedens machen &#8211; wie von den marxistisch-leninistischen Auffassungen &#8211; die glauben, die politische und diktatorische Macht eines Arbeiterstaates einsetzen zu können, um die Klassenantagonismen abzuschaffen. Seit 1917 ist, zunächst in Russland, dann auch in anderen Ländern besonders des Ostens das Scheitern der Versuche, den Sozialismus durch den Einsatz der Diktatur zu verwirklichen, offensichtlich und beweist zur Genüge die Richtigkeit der libertären Kritiken in dieser Sache.</p>
<p>Der Einsatz der Diktatur, und sei es im Namen des Proletariats, hat nicht etwa zum Absterben des Staates geführt, sondern überall eine riesige Bürokratie geschaffen, die das soziale Leben und die freie Initiative des Einzelnen erstickt. Und doch war es eben diese Bürokratie, bis heute die Hauptquelle der Ungleichheiten und Privilegien in diesen Ländern, die das kapitalistische Privateigentum hat abschaffen wollen. Wie schon Bakunin in seiner Polemik mit Marx unterstrichen hatte: Freiheit ohne Gleichheit ist eine krankhafte Fiktion (&#8230;). Gleichheit ohne Freiheit; das ist Staatsdespotismus. Und der despotische Staat könnte keinen einzigen Tag lang bestehen, ohne wenigstens eine ausbeuterische und privilegierte Klasse zu haben: die Bürokratie. Der regierungsförmigen, zentralisierenden Organisationsweise des gesellschaftlichen Lebens stellen die Libertären eine föderalistische Organisationsweise gegenüber, die es ermöglicht, den Staat und seinen Verwaltungsapparat zu ersetzen durch die kollektive Übernahme aller Funktionen des sozialen Lebens, die jetzt noch durch über der Gesellschaft thronende staatliche Körperschaften monopolisiert und verwaltet werden, durch die Betroffenen selbst.</p>
<p>Der Föderalismus als Organisationsweise bildet den zentralen Bezugspunkt des Anarchismus, die Grundlage und die Methode, auf welche der libertäre Sozialismus aufbaut. Stellen wir indes klar, dass der so verstandene Föderalismus nur sehr wenig gemein hat mit den bekannten Formen des politischen Föderalismus, wie er derzeit von einer Reihe von Staaten praktiziert wird. Es handelt sich nämlich im Sinne der Libertären nicht bloß um eine Regierungstechnik, sondern um ein eigenständiges gesellschaftliches Organisationsprinzip, das alle Lebensaspekte einer menschlichen Gemeinschaft umfasst. Entweder der Föderalismus ist vollständig, oder er ist überhaupt nicht.</p>
<p>Das anarchistische Denken ist also recht weit davon entfernt, Notwendigkeit und Bedeutung der Organisation abzustreiten, es setzt sich vielmehr eine andere Art sich zu organisieren zum Ziel, die sowohl die Autonomie seiner Bestandteile sicherstellt, als auch kollektiven Erfordernissen Rechnung trägt. An der Basis beruht der Föderalismus auf der Autonomie der Betriebe und der Industrien wie auch der Kommunen. Die einen wie die anderen schließen sich zusammen, um sich gegenseitig zu schützen und um die individuellen und kollektiven Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenso wie die Selbstverwaltung im Unternehmen die Ersetzung des Lohnsystems durch die Verwirklichung der assoziierten Arbeit ermöglicht, so gestattet die föderative Organisation der Produzenten, der Kommunen, der Regionen die Abschaffung des Staates. Sie stellt sich dar als unerlässlicher Beitrag zur Durchführung des Sozialismus und als beste Garantie für die individuelle Freiheit.</p>
<p>Die Grundlage einer solchen Organisation ist der gleiche und wechselseitige, freiwillige, nicht theoretische, sondern faktische Vertrag, der je nach dem Willen der Vertragspartner (Assoziationen von Produzenten und Konsumenten usw.) abgeändert werden kann und allen Bestandteilen der Gesellschaft das Recht auf Initiative zuerkennt.</p>
<p>So definiert, ermöglicht der föderative Vertrag sowohl, die Rechte und Pflichten des Einzelnen zu bestimmen, als auch die Prinzipien eines wirklichen sozialen Rechts anzugeben, das imstande ist, die möglichen Konflikte zu regeln, die zwischen Individuen, Gruppen oder Gemeinschaften, ja sogar zwischen Regionen auftauchen können, ohne indes die Autonomie seiner Bestandteile in Frage zu stellen, was der föderalistischen Organisation ermöglicht, sowohl dem demokratischen Zentralismus entgegenzutreten als auch dem Laisser-faire (Geschehenlassen) des liberalen Individualismus.</p>
<p>Gewiss, eine solche Organisation kann nicht für sich in Anspruch nehmen, alle Konflikte zu beseitigen, und wir denken, dass es wichtig ist zu unterstreichen, dass Konflikte sich auf jeder Ebene der föderalistischen Gesellschaft einstellen können. Der Föderalismus darf nicht als ein religiöser Glaube mehr angesehen werden oder als Versprechen auf eine vollkommene Gesellschaft, sondern als eine offene, dynamische Auffassung von der Gesellschaft, die einen Rahmen bietet, der sich mit der Zeit verändern kann. Es ist nicht ein Traum mehr, sondern eine Weise, die gesellschaftlichen Fragen so gut wie möglich zu lösen, d.h. unter Beachtung der größten Freiheit eines jeden, ohne auf Instanzen eines regierungsförmigen Interessenausgleichs zurückzugreifen, die sichere Quellen neuer Privilegien wären.</p>
<p><strong>Die anarchistische Aktion</strong></p>
<p>Die Modalitäten der anarchistischen Aktion sind &#8211; wie könnte es anders sein &#8211; ein Spiegelbild der Leitgedanken, die wir gerade skizziert haben. Mehr noch, für die Anarchisten besteht eine untrennbare Verbindung zwischen dem angestrebten Ziel und den Mitteln, die eingesetzt werden, um es zu erreichen. Im Gegensatz zu den mehr oder weniger jesuitischen Rechtfertigungen jeder politischen Partei, meinen wir, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt, und dass jene immer, sofern das irgend möglich ist, im Einklang mit dem angestrebten Endziel stehen müssen.</p>
<p>Es kann also auf keinen Fall der Zweck der anarchistischen Aktion sein, auf die Eroberung der Macht oder die Verwaltung des Bestehenden auszugehen. Im Jahr 1872 wurde auf dem Kongress von Saint-Imier in der Schweiz offiziell der antiautoritäre Flügel der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) ins Leben gerufen, in Opposition zu den marxistischen Thesen. Man bekräftigte dort, dass die erste der Pflichten des Proletariats nicht in der Eroberung der politischen Macht bestünde, sondern in ihrer Zerstörung. Allgemeiner gesprochen, können wir sagen, dass die Libertären soziale Lösungen den politischen Lösungen entgegenstellen. Sie sind deswegen nicht unpolitisch, sondern antipolitisch. Im übrigen haben die Libertären, historisch gesehen, die Arbeiter immer vor der Illusion gewarnt, das Wahlrecht oder den Parlamentarismus als Waffe benutzen zu können, um ihre Lebensbedingungen innerhalb der bürgerlichen Demokratien grundlegend zu verändern. Der politisch-parlamentarischen Aktion, die auf die Eroberung der Machtausübung abzielt, ziehen sie die direkte Aktion der Massen vor, d.h. die Übernahme ihrer Angelegenheiten durch die Betroffenen selbst, ohne Delegation der Macht an irgendjemanden.</p>
<p>Die Arbeiter brauchen keine Vermittler, um an ihrer Stelle ihre Forderungen auszudrücken oder einen Kampf zu führen, sondern sie können und müssen es direkt selbst machen. Die Libertären denken, dass die Praxis der direkten Aktion, und des Streiks im besonderen, auch das bestmögliche und das wirksamste Kampfmittel in den Händen der Arbeiter ist, um ihre Interessen, einschließlich der unmittelbaren, zu verteidigen. Die Libertären haben sich immer jedem Versuch der Unterwerfung der revolutionären Bewegung oder der Arbeiterbewegung entgegengesetzt, und sie befürworten die Selbstorganisation, die kollektive und autonome Aktion der Arbeiter.</p>
<p>Die Anarchisten trachten nun nicht ihrerseits danach, eine Avantgarde- oder Führungsrolle zu spielen, denn sie gehen davon aus, dass es niemanden gibt, der sich besser um seine Angelegenheiten kümmern kann, als man selbst. Aber damit es dahin kommt, müssen sich die Arbeiter dessen bewusst werden, was Proudhon ihre politische Fähigkeit genannt hat. Die Arbeiter stellen die wesentliche Kraft einer Gesellschaft dar, nur von ihnen kann eine grundlegende Veränderung letzterer ausgehen. Die anarchistische Aktion hat immer in erster Linie die Verteidigung der Ausgebeuteten angestrebt, und sie unterstützt jede Forderung, die auf größeren Wohlstand und sozialen Fortschritt abzielt.</p>
<p>Zahlreiche Libertäre haben in den Gewerkschaften nicht nur Organisationen zur Verteidigung der Interessen der Lohnabhängigen gesehen, sondern auch eine Kraft der sozialen Veränderung, unter der Voraussetzung, dass sie es verstanden, von ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen. In dieser Hinsicht kann der libertäre Föderalismus, dessen Prinzipien wir vorhin umrissen haben, nicht realisiert werden ohne die aktive Mitwirkung der Arbeitergewerkschaften, denn einerseits sind diese geeignet, die Produktion zu organisieren und andererseits haben sie den Vorteil, die Arbeiter in ihrer Eigenschaft als Produzenten zu vereinigen.</p>
<p>Aus libertärer Sicht muss eine Gewerkschaftsorganisation in ihrer Tätigkeit wie in ihren Prinzipien:</p>
<ul>
<li> versuchen, ihre Autonomie gegenüber jeder politischen Organisation, die sie kontrollieren möchte, wie auch gegenüber dem Staat zu bewahren;</li>
<li>den Föderalismus und eine wirkliche direkte Demokratie zu praktizieren, die einzigen sicheren Garantien gegen jede Form der Bürokratisierung;</li>
<li>sich zum Ziel setzen, sowohl die Befriedigung unmittelbarer, materieller Forderungen zu erreichen, als auch die Arbeiter darauf vorzubereiten, in der Zukunft die</li>
<li>Verwaltung der Produktion zu übernehmen.</li>
</ul>
<p>Dieser letzte Punkt ist sehr wichtig, denn die Gewerkschaft und die gewerkschaftliche Aktion sind kein Selbstzweck und können nicht als solcher angesehen werden. Ihre Autonomie darf nicht Neutralität in bezug auf die Macht oder die Parteien bedeuten, wodurch sie einen Großteil ihrer Möglichkeiten zur Veränderung und zum Bruch mit dem Bestehenden einbüßen würde. Die Gewerkschaft muss sich deshalb, will sie nicht in Trade-Unionismus verfallen, ein soziales Umgestaltungsprogramm und eine entsprechende Praxis zu eigen machen.</p>
<p>Die gewerkschaftliche Aktion ist jedoch nicht das einzige Kampfmittel, über das die Arbeiter verfügen, die sich je nach den Umständen die Organisations- und Widerstandsformen schaffen können und müssen, die ihnen am angemessensten erscheinen.</p>
<p><strong>Der Anarchismus gestern und heute</strong></p>
<p>Der Einfluss, den die libertäre Bewegung auf die Arbeiterbewegung ausgeübt hat, ist beträchtlich gewesen, auch wenn er selten als solcher anerkannt wird. Ob einem das gefällt oder nicht, die Anarchisten repräsentieren sehr wohl eine authentische Strömung der internationalen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, und ihre Äußerungen finden sich in allen revolutionären Bewegungen wieder, im 19. wie auch im 20. Jahrhundert, angefangen bei der Pariser Kommune von 1871 oder in den Revolutionen von Russland und Spanien in den Jahren 1917 und 1936.</p>
<p>Der Einfluss der anarchistischen Ideen hat sich vor allem innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen deutlich bemerkbar gemacht, wie in der CGT in Frankreich, der USI in Italien, der CNT in Spanien, aber auch der FORA in Argentinien, der IWW in den Vereinigten Staaten, der FAUD in Deutschland oder der SAC in Schweden. Wie man sieht, die Liste ist lang. Jede dieser Organisationen vorzustellen, würde darauf hinauslaufen, für jedes dieser Länder einen Abriss der Geschichte ihrer Arbeiterbewegung an sich zu geben. Beschränken wir uns auf den Hinweis, dass 1922 der Gründungskongress einer (zweiten) Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), auf dem die anarcho-syndikalistischen Organisationen vertreten waren, die sich geweigert hatten, sich der bolschewistischen Internationale anzuschließen, mehrere Millionen Mitglieder zählte.</p>
<p>Gleichwohl hat der Anarchismus im Verlauf der 20er und 30er Jahre eine Krisenzeit durchlaufen. Wenn auch die russische Revolution in Europa und in der Welt eine neue revolutionäre Phase eröffnete, so wurde sie doch vielerorts begleitet von der Entfesselung der bürgerlich-kapitalistischen Reaktion in ihrer faschistischen Form. Insbesondere die libertäre Bewegung sah sich einem doppelten Angriff ausgesetzt. In Russland zunächst durch die bolschewistische, dann stalinistische Repression ausgeschaltet, musste sie in anderen Ländern mit den Methoden der Stalinisten fertig werden, die innerhalb der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung nicht vor der physischen Beseitigung ihrer Gegner zurückschreckten. Der Mythos der bolschewistischen Revolution und die Haltung der verschiedenen kommunistischen Parteien des Westens haben zu einer wachsenden Verdrängung des anarchistischen Einflusses in der Arbeiterklasse geführt. Und dort, wo die libertären Organisationen stark geblieben waren, wurden sie von der faschistischen Reaktion zerstört. In Italien, in Deutschland, in Argentinien, in Bulgarien, dort, wo der Faschismus siegte, wurde die anarchistische Bewegung zerschlagen und ihre aktivsten Kämpfer getötet oder gezwungen, ins Exil zu gehen.</p>
<p>Allgemein gesprochen, wurden die Anarchisten in dieser Zeit, zusammen mit einigen unabhängigen Sozialisten und Kommunisten, auch auf internationaler Ebene immer mehr isoliert, angesichts jenes Kampfes um die Weltherrschaft, den sich Stalin auf der einen Seite und die faschistischen Staaten sowie die bürgerlichen Demokratien auf der anderen Seite lieferten. Die Alternative Faschismus oder Demokratie zurückweisend, vor die man das Handeln des Weltproletariats zu stellen versuchte, schlugen sich die Libertären so gut es ging, um einen neuen Krieg zu verhindern.</p>
<p>Die spanische Revolution vom Juli 1936 stellte die letzte Gelegenheit dar, die sich den Arbeitern bot, um auf Faschismus und Krieg durch die Revolution zu antworten. Die Ereignisse von Spanien sind durch die bestimmende Rolle, die die anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Organisationen spielten, der historisch bedeutsamste Ausdruck der libertären Ideen und verdienen es, näher betrachtet zu werden. Am 18. Juli 1936 wurde ein Staatsstreich der spanischen Armee, unterstützt von der Rechten, den Faschisten der Falange und der Kirche, in mehr als der Hälfte des Landes durch einen Aufstand der Arbeiterbevölkerung niedergeschlagen. Die entscheidenden Kräfte im antifaschistischen Lager waren die anarchosyndikalistische Dachorganisation, die Nationale Konföderation der Arbeit (CNT), die im Mai 1936, auf ihrem Kongress in Saragossa, in ihren Reihen 982 Syndikate und 550.595 Mitglieder zählte, die Iberische Anarchistische Föderation (FAI.) und die Iberische Föderation der Libertären Jugend (FIJL.).</p>
<p>Der Kampf gegen das putschende Militär verwandelte sich schon in den ersten Stunden des Sieges in eine soziale Revolution; von Mitte Juli bis Ende August wurden das städtische Verkehrswesen und die Eisenbahnen, die Stahlwerke und Textilfabriken, die Wasser-, Gas- und Stromversorgung sowie Teile des Groß- und Kleinhandels kollektiviert. Ungefähr zwanzigtausend Industrie- und Handelsunternehmen wurden auf diese Weise enteignet und von den Arbeitern und ihren Gewerkschaften direkt verwaltet. Ein Wirtschaftsrat wurde gebildet, um die Aktivitäten der verschiedenen Produktionszweige zu koordinieren. In der Landwirtschaft wurde die Kollektivierung am vollständigsten durchgeführt: Abschaffung des Geldes, Änderung der Gemeindegrenzen, Organisation der gegenseitigem Hilfe zwischen reichen und armen Gemeinschaften, Auszahlung gleicher Löhne, Einrichtung von Familienlöhnen, Vergemeinschaftung der Arbeitswerkzeuge und der Ernteerträge. Es handelt sich um die weitreichendste soziale Revolution in der Geschichte, schrieb Gaston Leval.</p>
<p>Vom 3. bis 8. Mai 1937 begann ein zweiter unversöhnlicher Kampf, diesmal innerhalb des republikanischen Lagers, als die stalinistischen Kommunisten versuchten, die Kontrolle über die öffentlichen Gebäude von Barcelona zu übernehmen. Man weiß heute aus sicherer Quelle, nämlich aus den späteren Zeugenaussagen politischer und militärischer Führer der Kommunistischen Partei Spaniens (J. Hernandez, El Campesino), dass Stalin den Sieg des Faschismus einer wirklichen sozialen Revolution unter führender Beteiligung der Anarchisten vorzog. Von den westlichen Demokratien unter dem verlogenen Vorwand der Nicht-Einmischung im Stich gelassen, während Nazi-Deutschland und das Italien Mussolinis die Nationalisten massiv aufrüsteten, von den Stalinisten verraten, gelang es dem spanischen Volk und seinen Klassenorganisationen bis zum März 1939 der Koalition von europäischer Reaktion und Faschismus mit der Waffe in der Hand standzuhalten. Durch die Gewalt besiegt, bleibt die spanische Revolution ein Vorbild durch den außerordentlichen Erfolg ihrer sozialen und ökonomischen Hervorbringungen.</p>
<p>Seit 1945 haben die Aufteilung der Welt in zwei unterschiedliche imperialistische Blöcke, der kalte Krieg und die atomare Bedrohung den Handlungsspielraum für die Libertären und alle jene, die sich weigern, sich mit diesen Zustand abzufinden, kleiner gemacht. Darüber hinaus hat die Vereinnahmung des Arbeiterkampfes entweder durch die Gewerkschaftsbürokratien oder die politischen Führer der Linken einen Großteil der Aussichten auf soziale Veränderung in den kapitalistischen Industrieländern blockiert.</p>
<p>Seit 1968 haben jedoch infolge des Ausbruchs der Studenten- und Jugendrevolte die libertären Ideen wieder an Stärke zurückgewonnen, wie auch in den sozialen Bewegungen, mit der allgemeinen Verbreitung von Konzepten wie dem der Selbstverwaltung. Dem ist noch die immer heftigere Reaktion von weiten Teilen der Bevölkerung auf die zunehmende Bürokratisierung und Verstaatlichung der Gesellschaften des Ostblocks, aber auch der kapitalistischen Länder hinzuzufügen.</p>
<p>Vor allem aber scheinen nach dem Scheitern der diversen Reform- und Revolutionsprojekte, die nacheinander von den sozialdemokratischen Parteien wie auch von den verschiedenen, sich auf den Marxismus, den Leninismus, Trotzkismus, Maoismus usw. berufenden Tendenzen, angezettelt wurden, die anarchistischen Ideen diejenigen zu sein, die der Abnutzung durch die Zeit am besten widerstehen. Halten wir fest, dass zahlreiche von den Anarchisten begonnene Kämpfe, sei es gegen den Militarismus, den Sexismus, den Fremdenhass oder die Religionen, der Reihe nach zum Gegenstand breiter Mobilisierungen geworden sind, die manchmal zum Erfolg geführt haben. Der freie Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung sind gute Beispiele dafür, aber auch die Anerkennung der Rechte von Kindern und das relative Bemühen um persönliche Entfaltung, das sowohl die Eltern als auch die Schule als Institution hinsichtlich der Kinder an den Tag legen. Erwähnen wir allgemeiner die größere Friedfertigkeit im sozialen Umgang wie im individuellen Verhalten, der noch das hinzuzufügen ist, was man gemeinhin die sozialen Errungenschaften nennt, diese kleinen Stückchen Freiheit, für die Generationen von Menschen gekämpft haben.</p>
<p>Diese wenigen, kleinen Siege über die säkulare Apartheid (die der Wohlgeborenen über die Armen, der Männer über die Frauen, der prügelnden Väter über die Kinder, der Chefs aller Arten über die Untergebenen, der Doktrinen und Religionen jeglicher Herkunft über das freie Denken) erinnern jeden Tag an den umfassenden Kampf der Menschheit gegen die Ungleichheit und für die Überwindung der Autorität. Der unerbittliche Konflikt zwischen den Menschen, den zu viele Professoren als das menschliche Wesen ausgeben wollen, findet seinen Ursprung im Autoritätsprinzip, und der Anarchismus bleibt in diesem Punkt die einzig tragfähige Idee, um dessen Mechanismus entgegenzuwirken. Die positiven Entwicklungen und die relativen Fortschritte, die wir oben erwähnt haben, sind nicht endgültig, und sie betreffen vor allem nur sehr wenige Leute, verglichen mit den fünf Milliarden Menschen, die auf diesem Planeten leben.</p>
<p><strong>Die Welt von heute – Qual und Bilanz</strong></p>
<p>Natürlich kann die heutige Welt nicht vollständig und ernsthaft im Rahmen dieser Broschüre beschrieben werden, und gewiss haben die Anarchisten in dieser Hinsicht noch ein großes Maß an Analyse und Konfrontation der Ideen zu leisten, um einerseits ihre Thesen zu popularisieren und vor allem, um mit einem ausreichenden Verständnis für die vorhandenen Erscheinungen auf die Realität einzuwirken und sie zu verändern. Jedoch können wir nicht völlig darauf verzichten, wenigstens kurz auf die sich abzeichnenden Bruchlinien hinzuweisen und auf die Probleme, die sich heute dem Anarchismus und der gesamten Menschheit stellte.</p>
<p><strong>Beschleunigung und Einheit der Welt</strong></p>
<p>Die Welt der 80er Jahre ist schnelllebig, die Analysen müssen häufig im Laufe weniger Jahre korrigiert oder gänzlich neu geschrieben werden. So verhält es sich mit den sozialen Errungenschaften der Arbeiter in allen Ländern, wie auch mit ihrer ökonomischen und politischen Lage, dem Stand der Energiequellen, der Technologie, des Wissens auf allen Gebieten; aber ebenso verhält es sich auch mit den internationalen Fragen, wo man gerade eine völlige Neuordnung der großen strategischen, militärischen und ökonomischen Konstellationen beobachten kann. Vermerken wir außerdem die wachsende gegenseitige Abhängigkeit aller Länder, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht, wie auch in puncto Energieversorgung und Ökologie, so dass kein einziges Land, einschließlich der Großmächte, behaupten kann, autark zu sein.</p>
<p><strong>Einheit der Welt mit dem Geschmack nach Elend und in den Farben eines Supermarkts</strong></p>
<p>Diese leicht feststellbare Tendenz in Richtung Einheit der Welt lässt sich durch einige mehr oder weniger neue Phänomene illustrieren. Ein besonders verheerendes und konfliktträchtiges ist der westliche Kulturimperialismus, der dort zur Anpassung, hier zu Verarmung und Gleichförmigkeit führt. Was gestern der befreiende Hauch der Entkolonialisierung gewesen ist, hat unglücklicherweise nur einem neuen Typ von Abhängigkeit den Weg bereitet. Die dritte Welt entstand und stürzte sich kopfüber in das Wettrennen um eine Entwicklung nach westlichem Vorbild, dessen alleinige Nutznießer die lokalen Führungsschichten und ihre Verbündeten in den großen Industriemetropolen und den multinationalen Konzernen sind. Das könnte man die erste Phase der Standardisierung und Gleichschaltung der modernen Welt nennen. Diese Bewegung wird begleitet und ist Ergebnis von jener Anschauung, die die Welt einem riesigen Supermarkt gleichsetzt: das kulturelle Erkennungszeichen des Westens, sein bewährtester Botschafter ist der Marktwert, mehr noch, die Ware. Die Welt wird nach und nach zu einem endlosen Markt, auf dem eine unerbittliche Konkurrenz tobt, unter der Aufsicht der Großen dieser Welt, die auf die Einhaltung bestimmter Regeln achten, um den Fortbestand des Systems zu garantieren. Die jüngsten Umwälzungen im Osten werden diesen Prozess der weltweiten Durchsetzung der Marktökonomie vollenden. Was von Beginn an die liberale mit der marxistischen Ideologie verband, ist auch das, was sie heute in einer Orgie entfesselter Marktwirtschaft zusammenführt: Ihr gemeinsamer Glaube an einen historischen und ökonomischen Determinismus wird letztendlich diesen Vereinheitlichungsprozess zum Abschluss bringen.</p>
<p><strong>Eine zerstörte Welt. Das Scheitern des Kapitalismus</strong></p>
<p>Der moralische und gesundheitliche Zustand der Weltbevölkerung grenzt schon an ein Wunder in dieser Welt des Fortschritts. Jahr für Jahr sterben Millionen Menschen an Hunger und Epidemien, während auf der südlichen Erdhalbkugel mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in absoluter Armut leben. Selbst die reichen Nationen sind überfüllt von Armen und Arbeitslosen &#8211; eine wahre Glanzleistung nach jahrhundertelanger Ausplünderung ganzer Kontinente und Völkerschaften. In der kapitalistischen Akkumulation war Teilen nie vorgesehen, ihr einziges Ziel bestand im individuellen Profit auf Kosten des kollektiven Wohlstands. Das wird glänzend veranschaulicht durch die jährliche Vernichtung von Millionen Tonnen Nahrungsmittel und Fertigwaren, während gleichzeitig Not und Elend die Welt verwesten. Die kapitalistische Welt zwingt ihr Verbrechen dem ganzen Planeten auf, wo man zusehen kann, wie die Grenzen des Gebrauchswertes immer mehr durch den Tauschwert verdrängt und ersetzt werden, die Bedürfnisse im gleichen Maße der Lächerlichkeit preisgegeben werden wie das Beutemachen vonstatten geht, und sich phantastische Reichtümer bei einigen wenigen Privilegierten anhäufen.</p>
<p><strong>Planet in Gefahr</strong></p>
<p>Der verschwenderische, produktivistische Irrsinn des Kapitalismus ist nicht nur moralisch verwerflich, er hat auch der ganzen Welt enthüllt, dass er in höchstem Maße schädlich ist, schon aufgrund seiner Eskapaden, die zu Lasten der Erde als Ökosystem gehen, in dem die Lebewesen mit ihrer Umwelt durch ein zerbrechliches und labiles Gleichgewicht verbunden sind. Der Planet ist geplündert, klimatische und ökologische Katastrophen stehen uns bevor; Landschaften, Flüsse, das Erdreich sind stellenweise schon ruiniert. Die Verschmutzungen, die es natürlich nicht erst seit kurzem gibt, erreichen manchmal schon den kritischen Punkt und bedrohen das Leben selbst. Die schrankenlose Ausbeutung der Böden und der nicht erneuerbaren Energiequellen stellt mitten im größten Bevölkerungswachstum die Frage nach der Zukunft. Das bereits ausgebeutete Afrika wird der neue Kontinent zur Endlagerung von Abfällen und Giftmüll, übrigens ohne die geringste Gegenleistung für die örtliche Bevölkerung. Die dramatischen Probleme der Versteppung, der Landflucht, das Wachstum der Städte und der industriellen Konzentration fügen der ökologischen Gefahr noch die gestresster, erstickter, in medizinischer Behandlung befindlicher oder unter Beruhigungsmitteln stehender Menschenmassen hinzu.</p>
<p><strong>Die Wissenschaft die befreit&#8230; und die unterjocht</strong></p>
<p>Der gegenwärtige Zustand des Planeten, die Lebensbedingungen seiner Bewohner, die Arroganz und die Brutalität der Gesellschaften, die sich auf die Wissenschaft berufen, führen heute zu widersprüchlichen Ansichten über die befreiende Kraft der Wissenschaft selbst sowie über die Idee des Fortschritts und der Entwicklung. Dass man den Völkern vor mehr als hundert Jahren einen neuen Stein der Weisen, der Befreiung und der Wissenschaft ankündigte, dessen Ausgeburten wir gerade vor unseren Augen zusammenbrechen sehen, hat nicht wenig dazu beigetragen, Unruhe in den Köpfen auszulösen und jenes sagenhafte Werkzeug in Misskredit zu bringen, dass sich der menschliche Geist geschaffen hatte. Aus einem Werkzeug hat man ein System machen wollen, aus dem Scheitern des Systems hat man auf die Untauglichkeit, wenn nicht gar Schädlichkeit des Werkzeugs geschlossen. Ein Haufen Menschen und Gesellschaften kennen von den Wissenschaften nur das Gesetz des Gewehrs und des Völkermordes. So wohnen wir dem Erwachen reaktionärer und obskurantistischer Ideologien bei, der vorsätzlichen Flucht in metaphysische Träume, dem Wiederauftauchen von Sekten und okkulten Gesellschaften. Ein Phänomen, das durch die Ausdehnung der Probleme über den ganzen Planeten gewiss noch verstärkt wird, wobei das Individuum, ob es entscheidet oder nicht, immer machtloser ist. Eine Situation, in der die Menge an Wissen auf jedem Gebiet noch nie so groß gewesen ist, zugleich aber die Zerstückelung, der Verlust an Geschick und Meisterschaft sowie die Entfernung des Arbeiters von seinem Werkzeug und dem Produkt seiner Arbeit noch nie einen so hohen Grad erreicht hat. Der Rückgriff auf die künstlichen Paradiese der Innerlichkeit wird unter diesen Bedingungen zu einer alltäglichen Erscheinung und lässt befürchten, dass der wissenschaftliche, emanzipatorische Geist völlig in den Hintergrund tritt.</p>
<p><strong>Ängste, Medien und Verrat der Intellektuellen</strong></p>
<p>Die weltweite Hochrüstung hat ebenfalls dazu beigetragen, die Ängste zu schüren; mehr als eine Bedrohung ist sie eine dauernde Gefahr, Tag für Tag ist sie am Werk, eine Verschwendung von Leben und Energien, ein Exzess an Dummheit. Diese Ängste, die man im (religiösen) Dogmatismus, im Nationalismus, im Fremdenhass wiederfindet, sorgen dafür, dass sich die Menschen sehr rasch gegeneinander zusammenrotten. Sie sind ein Vorzeichen der scheußlichsten Erniedrigungen. Hat der Mensch erst einmal das Vertrauen verloren, versetzen ihn die wiederholten Ankündigungen ökologischer und atomarer Weltuntergänge schließlich in einen abergläubischen Fatalismus.</p>
<p>Die Medien und alle modernen Kommunikationsmittel, einschließlich der Verkehrsmittel, von denen man mit Recht erwarten könnte, dass sie die Menschen einander näherbringen und ihnen helfen, sich besser zu verstehen, haben allenfalls die Grenzen des Planeten zusammengerückt, um jene Rede, die das Regime auf sich selbst hält, noch weiter zu verbreiten. Das mediale Überangebot und die Massenkommunikation schaffen Isolierung und Kommunikationslosigkeit, wie die Kultur des Anderswo und der Auftrieb des Exotischen aus Bezirken des nachbarschaftlichen Zusammenlebens Orte der schieren Nichtexistenz machen. Kurzum, die Medien, von denen man erwarten sollte, dass sie Orte der Erziehung und der Information sind, präsentieren sich im Gegenteil als das trübselige Schaufenster einer Kultur der Verblödung, in der sich die Intellektuellen und Wissenschaftler noch einmal zu ihrem Verrat bekennen. Diese Speerspitzen des Fortschritts, eifrige Diener der Macht, legen dabei eine solch sträfliche Bereitwilligkeit an den Tag, dass ihr an Unredlichkeit nur noch die Unterschlagung und Verfälschung von Informationen gleichkommt, die sie stillschweigend praktizieren.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Am Ende dieses Jahrhunderts Anarchist zu sein, heißt, darauf hinzuarbeiten, den Möglichkeiten einer wirklichen sozialen Befreiung neue Glaubwürdigkeit zu verschaffen; heißt zu brechen mit der Praxis des Rückzugs und des bloßen Anspruchs ohne das Ziel, eine Veränderung der Gesellschaft herbeizuführen. Die Anarchisten müssen die Praktiken der direkten Aktion aus dem Erbe des revolutionären Syndikalismus? wiederbeleben. Sie müssen den Mythos der Demokratie entlarven, der nur für wenige Völker gilt und keinerlei soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit beinhaltet. Dadurch werden Pessimismus und Fatalismus zurückweichen. Man muss den Menschen wieder Vertrauen zu sich selbst geben. Die Anarchisten haben Vorschläge zu machen, es werden keinen bezugsfertigen Modelle sein, aber sie müssen Lust auf eine andere Welt machen und so die Voraussetzungen für einen aktiven revolutionären Willen schaffen. In den letzten Jahren war eine internationale Wiederbelebung des Anarchismus zu verzeichnen, besonders anlässlich des Zusammenbruchs der Diktaturen in Osteuropa, aber auch in den Vereinigten Staaten und in Südamerika. Der Neuaufbau einer starken internationalen anarchistischen Bewegung muss das Produkt intensiver Arbeit sein und ist die Bedingung für die Entwicklung und die Erfolgsaussichten einer internationalen sozialen Revolution. Diese aufzubauende revolutionäre Bewegung wird weder in ihrer Propaganda noch in ihrer Kampfpraxis umhin können, einen ernsthaften Prozess des Nachdenkens über alle in dieser Broschüre aufgeworfenen Fragen anzustrengen. Insbesondere muss der übertriebene Glaube von einst an die Vorteile der Industrialisierung und des wissenschaftlichen Fortschritts schleunigst überdacht werden, um heute eine revolutionäre Strategie auszuarbeiten, die den Zustand des Planeten und die Bedürfnisse der Menschen, die auf ihm leben, berücksichtigt. Der Produktivismus hat Schiffbruch erlitten, und das bloße Festhalten an der Arbeit und den sozialen Errungenschaften ist eine Bankrotterklärung der Gewerkschaftsbewegung. Das in einigen westlichen Ländern zu beobachtende Phänomen der Arbeiterkoordinationen, die die gewerkschaftlichen Spaltungen überwinden, hat bis zum heutigen Tage keine befriedigende Antwort auf den Mangel an Perspektiven in der Arbeiterbewegung gebracht. Nirgendwo wird die Frage nach dem eigentlichen Ziel des gewerkschaftlichen Kampfes gestellt: die Übernahme der Wirtschaft und der Verwaltung der Städte durch die Arbeiter selbst.</p>
<p><strong>Die Zukunft der Menschheit liegt außerhalb des Nationalstaates</strong></p>
<p>Die internationale Arbeiterbewegung hat heute mit den Bedingungen zu kämpfen, die durch die weltweite Ausbreitung der Ökonomie geschaffen worden sind. Während die Internationale des Kapitals eine altbekannte Tatsache ist, auf die bisher nur schwache Antworten gefunden wurden, stellt hingegen die quasi grenzenlose Ausdehnung der Kapitalflüsse ein jüngeres Phänomen dar, das den Aufbau internationaler Strukturen zur unmittelbaren Notwendigkeit für die Arbeiterbewegung macht. Die Konkurrenz verschiedener nationaler Arbeiterklassen gegeneinander, die bereits stattfindet und mit Sicherheit noch zunehmen wird, verurteilt jeden Versuch des Widerstands auf korporativer oder nationalstaatlicher Ebene zum Scheitern. Von der Schnelligkeit und der Schärfe, mit der die Arbeiterbewegung auf diese Herausforderung antworten wird, hängt die Zukunft des Friedens ab und mit ihr die der Menschheit. Die einzigen wirklichen Trümpfe in dieser Angelegenheit sind die Erfahrungen der Arbeiterbewegung selbst, ihr soziales Gedächtnis und das immer und überall feststellbare Bemühen der Menschen, ihre Freiheit zu erobern. Die einzige Hoffnung besteht letztlich darin, dass sich die Einsicht durchsetzt, dass diese Freiheit unteilbar ist und sich nicht mit der Knechtschaft auch nur eines einziges Menschen verträgt.</p>
<p><strong>Den Entmutigten&#8230; den Verächtern</strong></p>
<p>Das Werk, das vor uns liegt, ist gigantisch, und wenn es dazu reizt, den Mut zu verlieren, so können wir nur sagen, dass es unsere Väter nicht hat zurückschrecken lassen, und aus diesem Grunde schätzen wir sie und bemühen uns, ihre Ideale nicht zu verraten. Zu viele Menschen scheinen zu glauben, dass die revolutionäre Agitation eher dazu geeignet ist, neue Unordnungen zu schaffen, als welche zu beseitigen. Die herrschende Ideologie lässt keine Gelegenheit aus, sie davon zu überzeugen, und die Tatsache, dass die Revolutionen der Vergangenheit immer wieder gescheitert sind, scheint sie ausnahmslos in dieser These zu bestätigen. All jenen, die darauf setzen, dass alles so weitergehen kann, dass nichts passieren wird, während doch ständig alles vor ihrer Nase passiert, soll gesagt sein, dass das labile Gleichgewicht und die ungerechte Ordnung, an die sie sich klammern, das unauslöschliche Zeichen der Barbarei trägt. Was sie sich nicht eingestehen wollen, ist die Angst, die sie verfolgt und sie dazu treibt, lieber ihre Ideen an ihrer erbärmlichen Existenz auszurichten, als das Risiko einzugehen, im Einklang mit den eigenen Idealen zu leben. Ihr Respekt vor der Idee ist genauso groß wie der vor ihren Chefs&#8230; immer bereit, sie gegen andere einzutauschen!</p>
<p>Im Vergleich zu den vergangenen und aktuellen Sackgassen der Arbeiterbewegung, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden, können die libertären Ideen einen originellen Denkansatz und neuartige Lösungen vorweisen, denn sie enthalten ein großes, noch ungenutztes geistiges Potential, um mit der staatlich-kapitalistischen Logik, die überall in der Welt vorherrscht, zu brechen. Sie zeigen auf jeden Fall denen, die für eine bessere Zukunft des Menschen kämpfen, einen gangbaren Weg.</p>
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