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	<title>Die Gruppe MD &#187; Frauenbewegung</title>
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	<description>Linke politische Textsammlung</description>
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		<title>&#8220;Linke&#8221; Männer und Frauenbewegung</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Jun 2009 11:02:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[FAU]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
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		<category><![CDATA[Patriarchat]]></category>

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		<description><![CDATA[Den meisten Frauen und vielleicht auch einigen Männern dürfte vieles, was in diesem Papier festgehalten ist, bekannt sein, denn die "Frauenfrage" stand in den letzten zwanzig Jahren immer mal wieder zur Diskussion. Aus den Erfahrungen innerhalb der FAU und anderer Gruppen und Projekte mußte ich aber leider schließen, daß sich kaum etwas konkret verändert hat. Noch immer Ablenkungsmanöver. mangelnde Auseinandersetzung, Drücken vor praktischen Konsequenzen. Einige der Verhaltensweisen von Männern werden im Folgenden angesprochen, andere möchte ich kurz vorwegschicken. Die Behauptung, das Problem sei in einer Gruppe geklärt, ist albern, solange die Herrschaftsform Patriarchat weiterexistiert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-460"></span><em>Dieser Text stammt von einer Frau der FAU-Ortsgruppe Frankfurt. Der Beitrag wurde in der Nr. 77 der &#8220;direkten aktion&#8221; mit leichten Kürzungen veröffentlicht. Die folgende Fassung ist die ungekürzte.</em></p>
<p><strong>Einleitung</strong></p>
<p>Den meisten Frauen und vielleicht auch einigen Männern dürfte vieles, was in diesem Papier festgehalten ist, bekannt sein, denn die &#8220;Frauenfrage&#8221; stand in den letzten zwanzig Jahren immer mal wieder zur Diskussion. Aus den Erfahrungen innerhalb der FAU und anderer Gruppen und Projekte mußte ich aber leider schließen, daß sich kaum etwas konkret verändert hat. Noch immer Ablenkungsmanöver. mangelnde Auseinandersetzung, Drücken vor praktischen Konsequenzen. Einige der Verhaltensweisen von Männern werden im Folgenden angesprochen, andere möchte ich kurz vorwegschicken. Die Behauptung, das Problem sei in einer Gruppe geklärt, ist albern, solange die Herrschaftsform Patriarchat weiterexistiert. Diese Bemerkung drückt nur aus, dass</p>
<ol>
<li>Realität als statisch angesehen wird und</li>
<li> die gesellschaftlichen Dimensionen von Patriarchat und Frauenbewegung nicht erkannt wurden.</li>
</ol>
<p>Ein beliebtes Mittel des Ausweichens ist auch die Diskussion darüber, warum das Thema Frauen immer in Zeiten der Krise der Linken auf den Tisch kommt und welche böse Absicht der Frauen da wohl hinterstecken könnte. Diese Fragestellung ignoriert die kontinuierliche Arbeit von vielen Frauen in diesem Bereich. Das Zyklusartige erscheint nur den Männern so. Allerdings gibt es Zeiten, in denen Frauen die Auseinandersetzung mit Männern nicht mehr oder noch nicht suchen. Interessanter ist die Frage, warum z.B. in bewegungsreichen Zeiten das Thema dann wieder so in den Hintergrund gedrückt wird.</p>
<p>Beim Schreiben das Papiers ist mir aufgefallen, daß auch bei mir die Schere im Kopf ganz gut funktioniert. Zu oft erwischte ich mich dabei, bestimmte, mir bereits von Männern bekannte Einwände schon im Vorhinein zu widerlegen oder Dinge so auszudrücken, daß sie aufgrund der Einschränkungen (meist, oft usw.) jederzeit relativierbar sind. Es ist nicht so einfach. sich mit einem Großteil der Menschen anzulegen, mit denen frau tagtäglich zu tun hat und es ist verdammt einfach, die Schwachpunkte an einem Papier herauszufiltern, d. h. es zu zerreißen. Trotzdem glaube ich, daß weiterhin genug Diskussionsstoff drinnen steckt.</p>
<p>&#8220;Objektivität&#8221;? Dieser Aufsatz ist, wie alle Aufsätze, subjektiv: die Einschätzungen und Analysen beruhen auf meiner Wahrnehmung, meinen Erfahrungen und meiner Art, Erlebnisse zu verarbeiten. Deine Lebenssituation entscheidet darüber, welche Erfahrungen du machst, Dein Bewußtsein, Dein Selbstverständnis und Deine Art zu denken sind entscheidend für die Verarbeitung dieser Erfahrungen. Gesellschaftlich und kulturell geprägte Denkmuster ‚Wertvorstellungen, vorhandene oder nicht mehr vorhandene Sensibilität. vorhergehende Erfahrungen und antrainierte Verhaltensmechanismen, Vorlieben und Abneigungen sind ausschlaggebend für die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Objektivität ist also ein Absurdum, sobald Menschen mit ins Spiel kommen.</p>
<p>Dies trifft natürlich auch auf das Thema Mann/Frau zu &#8211; ich kann nur von meinen Erfahrungen als Frau ausgehen, die Wirklichkeitswahrnehmung des Mannes wird mir (fast) nur verbal vermittelt, d. h. gefiltert durch ein Sieb von Denk- und Formulierungsprozessen. Die Unterschiedlichkeit der Erfahrungsweiten von Frauen und Männern ist ein Fakt und Voraussetzung für viele der untenstehenden Überlegungen und Thesen.</p>
<p>Für die Analyse der derzeitigen Situation ist es übrigens völlig unwichtig, ob die typisch männlichen oder weiblichen Verhaltensweisen ansozialisiert oder angeboren sind. Diese Frage wäre höchstens dann von Bedeutung, wenn es um die Utopie, d. h. die Überwindung ungleicher Verhältnisse geht. Doch selbst dann ist diese Diskussion nur bedingt wichtig. Denn wann ich eine nicht-patriarchale Utopie definiere als Möglichkeit zur Wiederaneignung verlorener Fähigkeiten und als Weiterentwicklung der im Menschen angelegten Möglichkeiten, dann wird die Frage nach der Angeborenheit bestimmter Verhaltensmuster auch dabei zweitrangig. Doch die Frage nach der Utopie stellt sich sowieso erst im zweiten Abschnitt der Diskussion, denn über die Überwindung von Herrschaftsverhältnissen läßt sich erst dann reden, wenn klar ist, worin sie bestehen, wie sie funktionieren und wo sie sichtbar und angreifbar werden. Diesem ersten Schritt ist dieses Papier gewidmet.</p>
<p><strong>Das &#8220;Patriarchat&#8221;</strong></p>
<p>Das Patriarchat, also die Herrschaft des Mannes über die Frau und die gesellschaftliche Höherbewertung der als &#8220;männlich&#8221; angesehenen Eigenschaften manifestiert sich, wie alle Herrschaftsverhältnisse, auf drei Ebenen:</p>
<p>a) die institutionelle: Staat, Wirtschaft, Justiz usw. Dabei geht es im die traditionelle Besetzung der Führungspositionen durch Männer und um die Struktur der Herrschaftsinstrumente, die eben auch von männlichem Denken erdacht und in Wirklichkeit umgesetzt wurde. Dazu gehört auch die Stellung der Frau in der Gesetzgebung, ihre Ausbeutung als minderbezahlte Arbeitskraft in &#8220;frauenspezifischen&#8221; Berufen usw.</p>
<p>b) die soziale oder gesellschaftliche Ebene: damit meine ich Männer- und Frauenverhalten allgemein, gesellschaftliche Wertvorstellungen, die direkte soziale Kontrolle durch Erziehungsmuster und Rollenerwartungen und die indirekte, die durch verinnerlichte Mechanismen in unseren Köpfen funktioniert. Diese Dinge bezeichne ich als sozial, weil wir alle ausnahmslos davon betroffen sind, weil sich keine/r von uns dieser gesellschaftlichen Konditionierung entziehen kann und konnte.</p>
<p>c) die &#8220;private&#8221; Ebene: Beziehungen, Kleingruppen, individuelles Verhalten. Hier handelt es sich um die subjektiven Erfahrungen und die (meist individuelle) Verarbeitung derselben.</p>
<p>Diese Aufteilung ist weniger hilfreich bei der Analyse der bestehenden Machtverhältnisse, denn in der Praxis ergänzen sich die Herrschaftsmechanismen auf den verschiedenen Ebenen. Ich führe sie hauptsächlich an, weil sie bei der Diskussion um Lösungsstrategien von Bedeutung sind: meine persönliche Einflußsphäre erstreckt sich auf die unteren beiden Ebenen, während politische Organisationen und Bewegungen sich auch auf der institutionellen Ebene mit der~ Machtträgerlnnen auseinandersetzen müssen. Z. Z. besteht eine Tendenz innerhalb der gemischten Gruppen, in denen ich arbeite, Lösungsansätze auf der untersten, der persönlichen oder Gruppenebene zu suchen, weil dies so lange außen vor geblieben ist und vor allen Dingen auch vielversprechender ist. Ich denke aber, daß bei der Analyse patriarchaler Herrschaftsverhältnisse klar wird, daß die Überwindung auf allen drei Ebenen gleichzeitig erfolgen muß.</p>
<p><strong>Feminismus &#8211; was ist das?</strong></p>
<p>Im Gegensatz zu den von Männern entwickelten politischen Analysen und allgemeinen Forschungsansätzen sind diese drei Aspekte in fast allen mir bekannten Schriften der Frauenforschung enthalten, findet hier keine Abstraktion statt, die für die betroffenen Frauen nicht mehr nachvollziehbar wäre. Die Loslösung von Forschung und Theorie vom realen Alltag und die Ausklammerung der gesellschaftlichen Folgen dieser Abstraktion ist auch einer der Hauptkritikpunkte von FeministInnen an der herkömmlichen, männerdominierten Wissenschaft. Die Ansätze von Frauen zu einer eigenen Analyse von Gesellschaft und Herrschaft gehören für mich zum Interessantesten, was in den letzten Jahren geschrieben wurde. Trotz aller Behinderungen struktureller und sozialer Art (kein Geld, keine Stellen an den Unis, politische Angriffe auf autonome Frauenprojekte, Kriminalisierung, Diffamierung der Frauenforschung als &#8220;unwissenschaftlich&#8221;) ist von Frauen auf vielen Gebieten einiges geleistet worden. So gibt es mittlerweile Untersuchungen über Frauenverhalten in Diskussionen, Männergewalt, zur Städteplanung. Es gibt eine ausführliche Kritik am marxistischen Arbeitsbegriff, Untersuchungen über weibliche Sozialisation, eine feministische Sprach- und Wissenschaftskritik usw. usf. Ich schreibe dies hier hauptsächlich, um den Herren Genossen die Dimension ihres Nicht-Wissens vor Augen zu führen.</p>
<p><strong>Zur bisherigen Diskussion in der &#8220;radikalen Linken&#8221;</strong></p>
<p>Es gibt ja immer noch Frauen, die, ausgehend von einer gemeinsamen Utopie von Männern und Frauen, sich verzweifelt bemühen, den Herren Genossen die Bedeutung der Patriarchatskritik für die politische Arbeit zu vermitteln. Dahinter steckt natürlich auch die Motivation, die existierenden Gruppen, Organisationen und Arbeitsfelder nicht einfach den Männern zu überlassen. Und natürlich der persönliche Aspekt, daß frau mit diesen Männern ja auch privat zu tun hat und es eben da ohne eine Veränderung beim männlichen Geschlecht auch schwer erträglich wird.</p>
<p>Jetzt laufen verdammt viele dieser Diskussionen aber nach dem leidigen Muster ab: Frau fordert, Mann weicht aus. Zieht sich auf Plattheiten zurück oder geht zum Gegenangriff über, stürzt sich auf nicht ausgereifte Gedanken oder ungewohnte Begriffe. Ganz offensichtlich gibt es eine tiefgehende Aversion, eine Heidenangst bei Männern vor der Auseinandersetzung mit dem Thema Patriarchat. Ist auch irgendwo logisch, denn eine wirkliche Beschäftigung damit würde das Infragestellen von</p>
<p>a) der bisher gemachten Politik und b) der persönlichen Verhaltensweisen erfordern.</p>
<p>In Anbetracht der Tatsache, daß viele von uns Politik als eine Art Beschäftigungstherapie betreiben, um sich eben nicht unbequeme und angsteinflößende Gedanken über die Gestaltung des eigenen Lebens machen zu müssen, ist diese Vorstellung für viele halt ein Horror. Dazu kommt noch die Gefährdung des Einflusses in der Gruppe/Organisation und die Verunsicherung durch diffuse Ansprüche, die die gewohnten Abwehrmechanismen nicht mehr zulassen. Denn natürlich holen wir uns, bei allem Idealismus, mit dem wir Politik machen, auch immer eine gehörige Portion Anerkennung, eine Art sozialen Status in der Gruppe oder Bewegung.</p>
<p>So ganz uneigennützig ist unser Engagement ja wirklich nicht. Dazu kommt noch der gerade unter AnarchistInnen so beliebte moralische Zeigefinger und eine Art Prinzipienreiterei, die ein offenes Eingeständnis von Fragen, schwächen usw. unmöglich machen. Das steht für mich in einem direkten Zusammenhang mit unserem schwierigen Utopieverständnis: wir halten uns nur an einigen wenigen Prinzipien und Vorstellungen fest und nicht an einem ausgefeilten Programm. Das ist zwar eigentlich richtig, führt aber oft dazu, daß unser moralischer Imperativ ein Verständnis für die Wirklichkeit gerade in ungewohnten Situationen verhindert.</p>
<p>Wie wäre es mit einem neuen Prinzip:Denken ohne Scheuklappen oder so ähnlich? Leider wirkt sich unsere Art zu diskutieren auf die Patriarchatsdiskussion ganz besonders aus. Die Forderung nach eigenständigem Denken, die von Frauen an die Männer gestellt wird, wird schnell mißverstanden als moralischer Druck, sich auf eine bestimmte Art und Weise, &#8220;opportun&#8221;, zu verhalten und führt letztendlich wieder zur Flucht zurück ins Mackersein. Ich bin zwar auch nicht mehr bereit, bestimmte Sprüche und Verhaltensweisen in Gruppen zu akzeptieren, aber die eigentliche Auseinandersetzung um Feminismus und Patriarchat kann nur in einer repressionsfreien Atmosphäre geführt werden. Vielleicht geht das bei diesem Thema prinzipiell besser in nicht-gemischten Gruppen. Soviel zur persönlichen &#8220;Gefährdung&#8217;, jetzt zur Infragestellung der althergebrachten Politik.</p>
<p>Das Streetfightertum wurde von Frauen ja bereits ausführlichkritisiert, das Räuber- und Gendarmspiel ebenfalls. Doch die Kritik läßt sich leicht ausweiten auf sämtliche Männer-Idole der radikalen Linken, von Che bis Durruti. Gerade bei AnarchistInnen stehen Wagemut, eine Art von Einzelkämpfertum mit kollektivem Anspruch, die Waffe als Symbol der Macht und andere &#8220;typisch männliche&#8221; Heldenvorstellungen hoch im Kurs. Die geschichtliche Identifikation bezieht sich auch ausschließlich auf Männer, denn von den Frauen in der anarchistischen Bewegung ist uns kaum etwas erhalten geblieben. Und keiner dieser Männer hat Nennenswertes zum Geschlechterkonflikt geschrieben, obwohl es zu ihren Zeiten aktive Frauen gab, zum Teil in ihrem direkten Umfeld.</p>
<p>Die wenigen Anekdoten, die über ihr Privatleben erhalten sind (fast immer überliefert durch die Frauen) sind wenig schmeichelhaft, Zeugnisse typischen Mackertums. Bsp: Most, Kropotkin, Proudhon, Mühsam. Hinterfragenswert fände ich auch das Rebellenbild im Anarchismus. Wie sehr beeinflußt ist es durch die Idee vom &#8220;Herrn im eigenen Haus&#8221;-Seins, des &#8220;Herr der Lage&#8221;-Seins? Hat die Ablehnung fremder Herrschaft einen direkten Zusammenhang mit der Erfahrung einer eigenen Herrschaftssphäre das Mannes innerhalb eines überschaubaren Umfeldes? Ist die &#8220;Geschlechterfrage&#8221; also bedeutungslos im Hinblick auf Gesellschaftsanalyse und Utopie?</p>
<p>In der anarchistischen Bewegung wurde und wird ständig diskutiert, wen wir mit unseren Aktionen ansprechen wollen, welche Schwerpunkte wir in unserer Arbeit setzen, welche Kampagnen gemacht werden sollen. Klar ist dabei dann auch mehr oder weniger, daß wir an der Betroffenheit der Menschen ansetzen müssen, seien es nun wir selbst oder irgendeine Zielgruppe. Und oft genug geraten wir dabei auf das Glatteis der gesellschaftlich vorgegebenen Funktionsaufteilung: mal sind es ArbeiterInnen, KonsumentInnen, Jobberlnnen, StudentInnen usw. Auch wir zerlegen die Menschen damit in die Funktionen, die sie für das Kapital haben und setzen dann noch oft an dem Klischeebild von Alltag an, das nur noch für eine Gruppe von hauptsächlich Männern überhaupt gültig ist (siehe 35-Stunden-Woche, Flexibilisierung usw.). Wir suchen Massen, wo nur noch kleinere Gruppen isolierter Individuen vorhanden sind, sind aufgrund unseres Denkens unfähig, die wirklichen Gemeinsamkeiten herauszufiltern.</p>
<p>Die Ursache dafür sehe ich in den Überbleibseln materialistisch-marxistischer, d.h. männlicher Denkweisen in unserer Theorie. Danach verfügen bestimmte gesellschaftliche Gruppen potentiell über Macht und müssen deshalb von uns agitiert werden. Jegliche Einwände (z. B. unbezahlte Arbeit, Verlagerung von Arbeit aus den Produktionsbetrieben, vor allem aber das subjektive Bedürfnis von Menschen, nicht mehr auf Funktionen reduziert zu werden) werden von den Vertretern dieser Richtung vom Tisch gewischt. Sie interessieren nicht die Menschen, sondern ihre vermeintliche gesellschaftliche Sprengkraft. Dies gilt auch für unsere allgemeinen Themen wie Umwelt, Frieden oder Antifa. Auch hier das Schielen nach gesellschaftlichem Einfluß, der sich offenbar in Quantitäten ausdrückt und nicht in radikaler Kritik und möglichst phantasievollem Aktionen, die die Andersartigkeit anarchistischen Denkens vermitteln. In den jeweiligem Analysen fehlt dazu noch die besondere Bedeutung von patriarchalem Denken, männlicher Technikbesessenheit und Männergewalt ohne die bestimmte kapitalistische oder gesellschaftliche Phänomene aber gar nicht vollständig erklärbar sind (z.B. Faschismus).</p>
<p>Warum greife ich die größtenteils bekannten Kritikpunkte an der anarchistischen/anarchosyndikalistischen Bewegung noch mal auf? Ich bin der Meinung, daß der Anteil des &#8220;männlichen&#8221; Politikverständnisses an diesen Irrtümern noch lange nicht gründlich genug hinterfragt ist. Noch immer werden mir Flugblätter in die Hand gedrückt, die scheinbar Theorien und Analysen verbraten, die ich an keinem Punkt auf mein Leben beziehen kann, oft noch verfaßt in einer Sprache, in der kein vernünftiger Mensch privat reden würde.</p>
<p>Schlagwörter, undurchdachte Zusammenhänge, völlige Realitätsferne weisen doch darauf hin, daß hier einer Scheinwissenschaft gefolgt wird, die nicht an eigenen Erlebnissen überprüft wird. Auch ich als Frau habe mich oft genug darauf eingelassen, um in bestimmten Diskussionen mit den Männern mithalten zu können, um ihnen auf ihrer Ebene etwas entgegensetzen zu können. Ich sehe so aber kein Vorwärtskommen mehr, sondern nur noch das weitere Abdriften in die gesellschaftlichen Isolierung.</p>
<p>Analog zu den Forderungen von FeministInnen an die herkömmliche Wissenschaft wäre eine Überprüfung aller gängigen Befreiungs-, Faschismus- u. a. Theorien innerhalb der Linken fällig. Dabei muß die Rolle patriarchaler Unterdrückung von Männern und Frauen in geschichtlichen und aktuellen Herrschaftsformen analysiert werden. Außerdem sollte uns daran liegen, die subjektive Nachvollziehbarkeit abstrakter Überlegungen zu ermöglichen. Als Maßstab können dabei natürlich erst mal nur wir mit unseren Erfahrungen dienen, ein zugegebenermaßen etwas beschränkter Teil der Bevölkerung.</p>
<p>Aber zumindest würde dies einen Prozeß in Gang setzen, der weitere spannende Diskussionen ermöglicht. Denn durch das Überdenken der eigenen Sozialisation können wir hoffentlich eine Sensibilität entwickeln für das Funktionieren von Anpassungsprozessen und Machtmechanismen überhaupt und diese Erkenntnisse vielleicht sogar mal vermitteln.</p>
<p>Diesen Ansatz will ich jetzt an einem, von FAU-Frauen geführten Gespräch verdeutlichen:</p>
<p>Wir redeten über unser Verhältnis zur Arbeit und versuchten, weibliche Sozialisation und das Verhalten von Frauen am Arbeitsplatz zusammenzubringen. Wir stellten fest, daß Arbeit in unseren Vorstellungen immer nur eine Möglichkeit der Lebensgestaltung war und für die meisten von uns eine zumindest vorübergehende Abwesenheit aus dem Erwerbsleben durchaus vorstellbar ist. Die Perspektive &#8220;bis zur Rente&#8221; war für uns kaum vorstellbar, zumal die meisten von uns auch nur &#8220;Jobs&#8221; hatten, mit Arbeitsbedingungen, die auch kaum ein Leben lang aushaltbar waren und einem Verdienst, der halt eben gerade mal für eine Person ausreicht. Und fast alle von uns waren, trotz Emanzipation, in den typischen Frauenberufen tätig. Diese Situation prägt schon mal unsere Einstellung zu Widerstand am Arbeitsplatz überhaupt, er ist kaum zukunftsorientiert und vor allem sind die Bedingungen für Widerstand in einer solchen Arbeitssituation einfach schlecht. Wir Frauen leben seit jeher mit der &#8220;Flexibilisierung&#8221;, sind immer und ewig Lückenbüßer gewesen.</p>
<p>Generell feststellbar war auch eine mangelnde Konfliktbereitschaft bei Frauen, eine tiefsitzende Angst vor der fast immer männlichen Autorität im Betrieb. Alle sahen wir uns mit bestimmten Erwartungen an Aussehen und Verhalten konfrontiert, bei dem wir einer gewissen Vorstellung von Weiblichkeit Rechnung zu tragen hatten. Dazu kommt noch die sexuelle Komponente eines männlich-weiblichen utoritätsverhältnisses, also einerseits die Angst vor Belästigungen und das Hinnehmen derselben und andererseits das uns antrainierte &#8220;Gefallen wollen&#8221;. Soviel zu den Gemeinsamkeiten.</p>
<p>Die tatsächliche Situation der einzelnen Kolleginnen war dann extrem unterschiedlich, abhängig davon, ob sie Kinder hat oder nicht, ob sie alleinerziehend ist, wie weit sie ihr Mann unter Druck setzt usw. Dieser Fakt prägt unser Leben außerhalb der Arbeit weit mehr, als ähnliche Umstände das Leben eines Mannes bestimmen. Vor allem greifen die verschiedenen Lebensbereiche so ineinander über, daß ein rein auf die Arbeit fixierter Ansatz von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Ich kann von keiner Frau, die schon bei einem Fehlbetrag in der Kasse des Supermarkts von ihrem Mann verprügelt wird, erwarten, daß sie an einem Streik teilnimmt. Dies nur als besonders krasses Beispiel. Ich will darauf hinaus, daß Allgemeinlösungen und absolut gestellte Forderungen hier einfach nicht greifen, daß abstrakte Analysen über &#8220;Prekarisierung&#8221;, &#8220;Entgarantierung der Arbeit&#8221; usw. hier nur zweitrangig sind.</p>
<p>Wenn wir über Lösungen nachdenken, um unsere verschiedenen Bedürfnisse an unsere Alltagsgestaltung unter einen Hut zu bringen, dann ist sowieso eine radikalere Veränderung der Arbeitssituation erforderlich. Unser Problem ist, daß es Arbeitsplätze mit niedriger Stundenzahl und ausreichend Geld für nicht qualifizierte Frauen nicht gibt und die wenigen von uns, die über eine ausreichende Qualifikation verfügen, an gute Jobs nicht rankommen, weil sie von Männern besetzt sind.</p>
<p>&#8220;Sie könnten ja schwanger werden&#8221;. Auch die unter linken Frauen ausgeprägte Flucht in die Alternativbetriebe hat sich nicht als Lösung erwiesen. Wir sind uns bewußt, daß wir mit diesen Bedürfnissen leicht Manövriermasse des Kapitals bleiben, doch haben viele Frauen einfach keine andere Möglichkeit, als sich auf &#8220;entgarantierte&#8221; Arbeit einzulassen.</p>
<p>Ich hoffe, aus diesem Abschnitt geht hervor, wie &#8220;strukturelle Gewalt gegen Frauen&#8221;, individuelle Lebenssituation und soziale Konditionierung ineinander übergreifen. Ich gehe deshalb so intensiv auf diesen Punkt ein, weil er zeigt, daß weder die Schema F-Antworten der etablierten Gewerkschaften noch die betriebsorientierten Ansätze innerhalb der anarchistischen/anarchosyndikalistischen Bewegung die Dimension des Problems für uns Frauen erfassen. Lösungs- und Ansatzpunkte können nur vor Ort, in der jeweiligen Klitsche und oft auch nur in Zusammenarbeit mit den dort arbeitenden Frauengruppen gefunden werden, denn um offensiv am Arbeitsplatz auftreten zu können, müssen irgendwie auch die Zwänge außerhalb der Arbeit angegangen werden. Die Solidarität muß sich auch auf den sogenannten &#8220;Reproduktionsbereich&#8221; erstrecken.</p>
<p><strong>Der Alltag der &#8220;Scene&#8221;</strong></p>
<p>Ich möchte nun noch einiges zu den gesellschaftlichen und individuellen Auswirkungen des Patriarchats schreiben, vor allen Dingen zu den für mich bis jetzt sichtbaren unmittelbaren Schritten zur Veränderung.</p>
<p>Was ich von den Männern in der Bewegung erwarte, sind selbständige Überlegungen zu folgenden Punkten:</p>
<p>Einmal die oben bereits erwähnte Überprüfung von Theorie, Geschichte und Praxis der anarchistischen Bewegung. Dann eine absolut notwendige Beschäftigung mit der eigenen Sozialisation als Mann, darin vor allem die Rolle der Sexualität und des Frauenbildes. Abgeleitet davon stellt sich die Frage nach einer nicht-patriarcbalen Utopie, der Wiederaneignung verlorener Fähigkeiten. Ebenso wichtig ist das Bewußtmachen emotionaler Reaktionen, die scheinbar der Erfassung mit dem Verstand entzogen sind und die zu repressiven Verhaltensweisen in Gruppen und in Beziehungen führen.</p>
<p><strong>Frauen- und Männerbild</strong></p>
<p>Von der Frauenseite aus ist es wohl notwendig, daß wir unsere Erwartungen an die Männer, also die Dinge, die sie für uns &#8220;interessant&#8221; machen, auch mal überprüfen. Die Hierarchien in der Scene existieren z. T. deshalb, weil auch heute noch die Männer, die sich in Gruppen am besten darstellen können. für uns eine gewisse Faszination besitzen. Auch wir schätzen das Reden-können immer noch höher ein als das Zuhören-können. In der Hoffnung, zum weichen Kern vordringen zu können, arbeiten wir uns an den harten Mauern ab, versuchen, zu verändern und zu erziehen, anstatt Männer mit ausgeprägt männlichen Verhaltensweisen wirklich mal auflaufen zu lassen.</p>
<p>Das gleiche gilt für das Frauenbild der Männer. Von uns wird auch innerhalb der Bewegung eine gewisse Weiblichkeit erwartet. Früher wurden solche Ansprüche mit Begriffen wie &#8220;Anmut&#8221;, &#8220;Grazie&#8221;, &#8220;Einfühlsamkeit&#8221; usw. bezeichnet, Begriffen, die nur mit Frauen in Verbindung gebracht werden. Diese Erwartungen haben osich verändert, ja, aber es sind einfach nur neue hinzugekommen. Heute müssen wir zusätzlich noch redegewandt, selbständig, intelligent etc. sein, damit die Frau wieder als Schmuckstück dienen kann. Dieses neue Frauenbild wird den &#8220;Emanzen&#8221; gerade von traditioneller lebenden Frauen vorgeworfen, da sie das Gefühl haben, den neuen Ansprüchen der Männer nicht mehr zu genügen. Und wir überfordern uns oft selbst und merken nicht einmal, daß wir es den Männern nur bequemer machen mit unserer &#8220;Selbständigkeit&#8221;.</p>
<p>Denn die ist &#8220;in&#8221; beim &#8220;linken&#8221; Mann. Aber bitte nicht zuviel davon &#8211; jede Überschreitung der vorn Mann vorgegebenen Norm (= er selbst) wirkt peinlich, unpassend, macht den Männern Angst. Überlegenheit wird den Frauen höchstens auf den traditionellen Frauengebieten zugestanden, auf den anderen Gebieten reagieren Männer mit Konkurrenz. Nur allzuwenige sind in der Lage, bestimmte Aussagen etc. anzunehmen ohne sich unterlegen zu fühlen. Eine typische Form der Ignoranz ist die Weigerung, gerade in Beziehungen, sich mit den Themen, Büchern etc. zu beschäftigen, die Frau wichtig findet, ein solches Interesse aber umgekehrt erwartet wird.</p>
<p>Woher ich diese Thesen nehme? Aus Beobachtungen. Eine Kritik aus Frauensicht wird zu oft mit Redeschwällen beantwortet, die zu zwei Dritteln am Thema vorbeigehen. Mackerhaftes Auftreten von Frauen provoziert heftigere Ablehnung auf Seiten der Männer als ein solches Verhalten aus den eigenen Reihen. Und dann die berühmte non-verbale Kommunikation. Mit einem charmanten Lächeln lassen sich Dinge als Frau in einer Gruppe viel besser durchsetzen. Was bei Männern noch als entschiedenes Auftreten durchgeht, wirkt bei Frauen aggressiv.</p>
<p>Die Einzelheiten dieses vorherrschende Frauen/Männerbildes und der damit verbundenen Schönheitsideale und Gefühlskonditionierung sind mir aber auch erst durch die feministische Literaturkritik bewußt geworden. Erst durch das Herausarbeiten der Frauenklischees in der Literatur wurde mir klar, mit welchen Rollen ich mich mein Leben lang identifiziert hatte. Dabei ist die Bedeutung der anderen Medien, vor allem da. Fernsehen, noch lange nicht berücksichtigt. Über die verschiedenen Rollen und Zwänge, die die Kunst für Männer bereit hält, habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht, ich weiß nur von Müttern, daß die Rollenklischees in den Medien einer eschlechtsunspezifischen Erziehung sehr im Wege stehen.</p>
<p><strong>Und die Auswirkungen</strong></p>
<p>Ich werde als Frau in der Scene/Organisation/Beziehung noch einmal mit den Erwartungen und Verhaltensweisen konfrontiert, gegen die ich mich oft im normalem Alltag, in dem alles noch etwas direkter auftritt, schon dauernd wehren muß. Aus den wenigen, weitgehend gleichberechtigten Erfahrungen mit Frauen und auch ein paar Männern, die sich ihre Sensibilität bewahrt hatten, weiß ich, wie wichtig ein halbwegs streßfreier Raum ist, eine Möglichkeit des Nachdenkens, Genießen und Gehenlassens. Durch diese Erfahrungen wird mir aber auch immer wieder klar, wie repressiv und leistungsorientiert die Stimmung in den Politgruppen ist.</p>
<p>Frauen reagieren wesentlich stärker auf die versteckten Zeichen von Sympathie oder Antipathie, von Ernstgenommen oder Ignoriertwerden. Dafür gibt es verschiedene Gründe: einmal die Scheu vor direkten körperlichen Berührungen und offensivem Zugehen auf Männer, das schnell unangenehm wird und von dem uns von klein auf abgeraten wird. Dann die uns antrainierte Zurückhaltung, das Bitten statt Fordern. Mädchen wird beigebracht, daß sie irgendwie zu &#8220;sein&#8221; haben, während Jungen etwas &#8220;leisten&#8221;, etwas darstellen müssen. Hier verändern sich die Ansprüche zwar auch, aber die subtile Erwartungshaltung hat unsere Kindheit entscheidend geprägt. So entwickelten wir sehr früh &#8220;Antennen&#8221; für nicht direkt vermittelte Gefühle bei anderen. Sehr wichtig finde ich auch, daß den meisten Frauen das Gefühl einer Souveränität über den eigenen Alltag völlig fehlt (siehe vorne das Bild vom &#8220;Herrn im eigenen Hause&#8221;). Das Recht auf individuelle Revolte, auf das Durchsetzen des eigenen Kopfes wird Mädchen stärker abgesprochen als Jungen. Es gibt für sie kaum einen Bereich, wo sie zumindest theoretisch &#8220;das Sagen haben&#8221;, jedenfalls nicht als positiv besetztes Bild. Herrschaft erleben Frauen also immer aus der Perspektive der Unterdrückten und entwickeln entsprechende Verhaltensmechanismen. Das Ausmaß dürfte bei allen Frauen unterschiedlich sein, aber prinzipiell wirkt die geschlechtsspezifische Erziehung bei uns allen.</p>
<p>Die Lustfeindlichkeit, Unsicherheit, repressive Atmosphäre auf Treffen wird von Frauen eher empfunden als bewußt registriert. Der Grund für das Unbehagen muß dann erst mühsam in Gesprächen außerhalb der Gruppe ermittelt werden, ist also in der direkten Situation nicht vermittelbar. Dazu kommen die direkten Ausdrücke von Desinteresse: Endlos-Monologe in Unterhaltungen zeugen von Desinteresse an der Meinung anderer, Unterstellungen und Fehl-Interpretationen sind, wenn sie nicht taktische oder rhetorische Mittel sind, Ausdruck von Nicht-Zuhören. Dieses Verhalten ist nicht ausschließlich auf Männer begrenzt, sie bringen es aber wesentlich häufiger und vor allem auch in privatem Gesprächen, in denen ich es von Frauen nicht kenne.</p>
<p><strong>Beziehungen, Sexualität</strong></p>
<p>Kommen wir also nun zum Verhalten der Scene-Macker in Beziehungen und im Bereich Sexualität. An diesem Punkt haben die wenigsten etwas begriffen, für zuviele ist nicht-orgasmusfixierte Zärtlichkeit kaum vorstellbar, Sinnlichkeit ein absolutes Fremdwort. Da wird immer noch an den Bedürfnissen der Frau vorbeigevögelt, ist Sexualität Technik und nicht Lusterfahrung. Es gibt dazu einen hervorragenden Artikel einer Frau, erschienen vor Jahren in der &#8220;Großen Freiheit&#8221;, dem auch heute noch nichts hinzuzufügen ist (Titel: No more heroes oder wo bleibt die Revolution im Bett?).</p>
<p>Die Reaktionen von Frauen auf den Artikel machten mir klar, daß diese scheinbar so persönlichem Erfahrungen allgemein, d.h. sozial sind. Um jetzt Konsequenzen für die politische Ebene und die Utopie zu ziehen, müßten noch Psychoanalyse, Kultur- und Religionskritik usw. miteinfließen. Wäre interessant, würde aber leider zu weit führen.</p>
<p>Auch im stinknormalen Alltag ist von einem Einbeziehen der Frau in die eigenen Handlungen, das erst ein gleichberechtigtes Miteinander ermöglicht, wenig zu spüren. Ob der Mann nun vorneweg läuft und die Frau hinterherdackeln muß oder an anderen Punkten einfach sein Ding durchzieht und die Frau sich eben anpaßt oder zwangsweise dagegen powert, der Versuch einer wirklichen Gemeinsamkeit wird kaum unternommen. Das Ganze wird dann noch mit dem Anspruch auf Freiheit gerechtfertigt, als sei Freiheit etwas, das immer gegen andere durchgesetzt werden muß und nicht etwas, das nur gemeinsam und gleichberechtigt mit anderen geschaffen werden kann. Aber bevor ich mich jetzt zu sehr in die Details verliere, kehre ich lieber wieder zum Ausgangspunkt zurück.</p>
<p>Vor allem durch Gespräche mit Frauen ist mir klar geworden, daß viele Verhaltensweisen, die ich für privat bzw. persönlich hielt, eigentlich soziale Phänomene sind, denn sie treten massenhaft auf. Den meisten Männern fehlt diese Erkenntnis, denn sie setzen sich seltenst mit anderen Männern darüber auseinander. Aus der Erkenntnis der gesellschaftlichen Dimension scheinbar privater Probleme lassen sich aber die Mechanismen ableiten, mit denen Herrschaft aufrechterhalten wird. Unter Hinzuziehung der äußeren Gegebenheiten beginne ich, die strukturellen Mechanismen von Herrschaft zu begreifen und kann Ansatzpunkte für Widerstand suchen. Gleichzeitig erkenne ich die Begrenztheit einer Veränderung auf einer rein persönlichen Ebene. Ich wünsche mir, daß dieser Zusammenhang in der Patriarchatsdiskussion von den Männern begriffen wird, damit Gespräche darüber überhaupt möglich werden.</p>
<p><em><strong>Dani, FAU-Frankfurt</strong></em></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.fau.org/texte/anarcho-syndikalismus/art_040112-172445" target="_blank">http://www.fau.org/texte/anarcho-syndikalismus/art_040112-172445</a></em></p>
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		<title>New Profile</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Jun 2009 10:27:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Militarismus & Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Militär]]></category>
		<category><![CDATA[Militarismus]]></category>

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		<description><![CDATA["New Profile" ist eine israelische Organisation, die sich seit 1997 für eine "Zivilisierung" der israelischen Gesellschaft, sprich: ihre Demilitarisierung einsetzt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-455"></span></p>
<h2>Eine gewaltfrei-feministische Organisation in Israel</h2>
<p><strong>Ruth Hiller und Michal Gelbart sind auf den ersten Blick zwei recht unterschiedliche Frauen. Michal ist eine eher zurückhaltende Person, die nur zögerlich Englisch spricht. Ruth dagegen scheint es zu genießen, vor einer Gruppe zu stehen und über ihre Arbeit zu erzählen. Was die beiden Frauen verbindet, ist die Art und Weise, wie sie zu &#8220;New Profile&#8221; gestoßen sind.</strong></p>
<p>&#8220;New Profile&#8221; ist eine israelische Organisation, die sich seit 1997 für eine &#8220;Zivilisierung&#8221; der israelischen Gesellschaft, sprich: ihre Demilitarisierung einsetzt.</p>
<p>Ruth und Michal haben sich beide wegen ihrer Kinder entschlossen, bei der Gruppe mitzuarbeiten. &#8220;Als mein drittältester Sohn mir sagte, dass er nicht zur Armee gehen wird, musste ich mich entscheiden, ob ich für ihn bin oder gegen ihn&#8221;, sagt Ruth Hiller. Sie hat sich für ihren Sohn entschieden, obwohl sie, wie sie sagt, in einem Kibbuz lebt, der sehr zionistisch ist. Bei Michal war es ihre zweitälteste Tochter, die nicht zur Armee wollte und deswegen mehrere Male im israelischen Militärgefängnis saß.</p>
<p>New Profile ist eine der wenigen Gruppen innerhalb Israels, die sich mit den Folgen der Militarisierung der israelischen Gesellschaft auseinander setzen, und versucht, ihr etwas zu entgegnen. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Unterstützung von Kriegsdienstverweigerinnen und Kriegsdienstverweigerern.</p>
<p>In Israel besteht eine Wehrpflicht von 3 Jahren für Männer und 21 Monaten für Frauen. Jugendliche erhalten mit 16 den ersten Bescheid, dass sie zur Armee eingezogen werden, und müssen zu ersten medizinischen Untersuchungen gehen. Mit 18 beginnt der Kriegsdienst. Religiöse oder verheiratete Frauen und palästinensische Israelis müssen keinen Kriegsdienst leisten. Daneben gibt es die Möglichkeit, diesem aus medizinischen Gründen zu entgehen oder ihn &#8211; in engen Grenzen &#8211; aus Gewissensgründen zu verweigern.</p>
<p>Vor allem die Möglichkeit der Verweigerung aus Gewissensgründen ist allerdings nach Aussagen der beiden Frauen von New Profile wenig bekannt. Wer dies tun will, muss es bereits nach Erhalt des ersten Bescheids der Armee mitteilen. Später wird er oder sie von einer Kommission angehört und gegebenenfalls vom Kriegsdienst freigestellt.</p>
<p>New Profile berät über Möglichkeiten der Kriegsdienstverweigerung, organisiert Rechtshilfe, spricht mit Eltern und Jugendlichen. Teil der Aufklärungsarbeit ist es auch, bestimmte Mythen darüber zu zerstören, welche Nachteile es in Israel angeblich mit sich bringen kann, keinen Kriegsdienst geleistet zu haben. Tatsächlich stehen bestimmte Jobs nur Leuten offen, die ihren Kriegsdienst geleistet haben, und auch manche Vergünstigungen (wie z.B. die Berechtigung, in einem Studentenwohnheim zu wohnen) werden davon abhängig gemacht. Viele andere Befürchtungen sind aber unberechtigt.</p>
<p>&#8220;Es waren teilweise Gerüchte im Umlauf, dass jemand, der nicht in der Armee war, keinen Führerschein machen dürfte&#8221;, erzählt Ruth. &#8220;Das ist völliger Unsinn.&#8221;</p>
<p>Nach ihrer Einschätzung ist es nicht übermäßig schwierig, den Kriegsdienst auf die ein oder andere Art zu vermeiden. &#8220;Es gibt einen Überfluss an Soldaten in diesem Land.&#8221; Ungefähr 50 % der jüdischen Israelis jedes Jahrgangs leisten keinen Kriegsdienst oder verlassen die Armee im Laufe des ersten Jahres wieder.</p>
<p>&#8220;Leuten, die den Militärdienst vermeiden wollen, ohne Aufsehen zu erregen, wird dies oft relativ einfach ermöglicht . Leute, die aus ihrer Verweigerung einen öffentlichen Akt machen (insbesondere Verweigerer aus Gewissengründen), werden dagegen sehr hart behandelt und oft ins Gefängnis gesperrt&#8221;, stellt ein Bericht von New Profile fest.</p>
<p>Aktivitäten im Bereich von Erziehung bilden einen weiteren Aspekt von New Profile. New Profile arbeitet sowohl mit Jugendlichen, als auch mit Eltern und LehrerInnen.</p>
<p>&#8220;Wenn ich Kinder aufziehe, bin ich mit dafür verantwortlich, was sie tun&#8221;, sagt Ruth. Die Vorbereitung aufs Militär beginnt in Israel bereits in der Schulzeit. SoldatInnen in Uniform haben Zugang zu allen Schulen. In manchen Schulen werden SoldatInnen als HilfslehrerInnen eingesetzt. Im letzten Schuljahr haben alle SchülerInnen die Möglichkeit, an einem einwöchigen militärischen Training teilzunehmen, in Uniform und in Begleitung ihrer LehrerInnen. Schießübungen eingeschlossen. New Profile hat keinen vergleichbar einfachen Zugang zu den Schulen. Über Sommercamps und andere Aktivitäten versuchen die AktivistInnen von New Profile trotzdem, die Jugendlichen zu erreichen.</p>
<p>Die gesellschaftlichen Auswirkungen davon, dass ein Großteil der jungen Männer und Frauen ihren Armeedienst ableisten und die Gesellschaft insgesamt in hohem Maße militarisiert ist, beschreibt Ruth so: &#8220;Wir sind besorgt über die Checkpoints und die Besatzung. Aber wir sind auch besorgt darüber, dass die Soldaten nach Hause kommen und ihre Frauen verprügeln.</p>
<p>Selbst wenn die Besatzung enden würde, hätten wir immer noch mit ihren Folgen umzugehen. Hast Du den israelischen Fahrstil beobachtet? Jeder einzelne hier auf der Straße ist ein großer Panzer.&#8221;</p>
<p>&#8220;Wir haben hier in den letzten Jahren eine starke Zunahme an Aggression erlebt&#8221;, fügt Michal zu. Beide betonen immer wieder, wie jung Israelis sind, wenn sie sich entscheiden müssen, ob sie zur Armee wollen, und wenn sie ihren Kriegsdienst ableisten. &#8220;Wenn die Soldaten nicht 21 wären, würden sie das, was sie tun, vermutlich nicht tun&#8221;, sagt Ruth.</p>
<p>Die Gruppe versteht sich als feministisch. Das heißt jedoch, wie Ruth betont, nicht, dass nur Frauen mitarbeiten. Das Feministische an der Arbeit von New Profile ist für sie, dass ein bestimmter Blick hinterfragt wird, die Idee, dass es keine Alternative gibt zu Krieg und Militarisierung. Weiterhin trifft die Gruppe Entscheidungen nach Prinzipien, die sie als feministisch betrachtet: keine hierarchische Struktur, Diskussion und Entscheidung im Plenum. New Profile arbeitet ehrenamtlich mit ungefähr 45 Aktiven im ganzen Land und finanziert sich über Spenden und Zuschüsse.</p>
<p>Ruth und Michal haben auch in ihrem eigenen Umfeld immer wieder mit Leuten zu tun, die in der Armee sind. Michal erzählt: &#8220;Eines Tages waren Freunde meines Sohnes bei uns zuhause. Ich hörte einen der Freunde meines Sohnes sagen: ‚Letzte Woche habe ich zwei Araber umgebracht&#8217;, in einem Ton, als würde er erzählen, dass er sich gestern ein Eis gekauft hat.&#8221;</p>
<p>Solche Aussagen, sagt sie, sind einer der Gründe für ihre Arbeit bei New Profile.</p>
<p><em><strong>Christiane Gerststetter</strong></em></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.graswurzel.net/307/newprofile.shtml" target="_blank">http://www.graswurzel.net/307/newprofile.shtml</a></em></p>
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		<title>Gegen Monster und Machos</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Jun 2009 10:19:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Chiapas]]></category>
		<category><![CDATA[EZLN]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>

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		<description><![CDATA[Der mühsame Befreiungskampf der indigenen Frauen ist vielen Menschen kaum bewusst.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-452"></span></p>
<h2>Der Kampf indigener Frauen in Südmexiko für Respekt und Autonomie</h2>
<p><strong>In den Bundesstaaten Chiapas, Oaxaca, Guerrero und weiteren zentralen und südlichen Regionen lebt die Mehrheit der indigenen Bevölkerung Mexikos. Durch den Aufstand der linken Guerilla EZLN (zapatistische Befreiungsarmee) vom 1. Januar 1994 ist das Thema der Ausgrenzung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung weit bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass viele Indígenas schon zuvor gegen ihre Misere kämpften und heute weiter Widerstand leisten &#8211; nicht nur in Chiapas und nicht allein in der EZLN.</strong></p>
<p>Der mühsame Befreiungskampf der indigenen Frauen ist vielen Menschen kaum bewusst.</p>
<p><strong>Zivilgesellschaft im Widerstand</strong></p>
<p>Während ihres Besuches in Europa brachten die drei indigenen Aktivistinnen Ana López, Claudia Flores und Marta Sánchez (1) aus den Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca souverän Licht in dieses Dunkel. López und Flores, Tojolabal-Frauen von der sociedad civil en resistencia (dt.: Zivilgesellschaft im Widerstand) betonten, dass die Zivilgesellschaft in Chiapas bereits vor dem 1.1.1994 organisiert war. Mit Zivilgesellschaft meint die linke und indigene Bewegung in Mexiko die aktive Opposition, die nicht nach Posten und Pfründen Ausschau hält, sondern sich wirklich unabhängig für ihre Basis einsetzt. Die sociedad civil unterstützt die Forderungen der EZLN, weil sie gerecht und richtig sind und hat ein solidarisches Verhältnis zur EZLN, die der Bevölkerung mit ihren milicianos (dt.: MilizionärInnen) auch Schutz bietet (2). Gleichzeitig hat die Zivilgesellschaft ihrerseits Einfluss auf die zapatistische Bewegung, so dass von einer sich ergänzenden und unterstützenden Koexistenz im Widerstand gesprochen werden kann.</p>
<p>López führte aus, dass die sociedad civil en resistencia zwar nicht wie die EZLN die Waffen erhoben hat, aber über die Entschlossenheit und den Willen verfügt, anhaltenden Widerstand zu leisten. Sie unterstützt die Abkommen von San Andrés über indigene Selbstverwaltung, Rechte und Kultur, die &#8211; von Regierungsvertretern und EZLN 1996 unterzeichnet -, von der Regierung bis heute nicht umgesetzt wurden.</p>
<p>Seit der großen consulta (Befragung) zur Durchsetzung der indigenen Rechte, welche die EZLN 1999 angeregt hatte, existieren in zahlreichen Städten Mexikos weiterhin die lokalen Komitees, die sich damals zur Unterstützung zusammengefunden hatten. Die Aktivitäten der Zivilgesellschaft im Widerstand haben sich seitdem verstärkt und die AktivistInnen sind mexikoweit und regional vernetzt.</p>
<p>In Chiapas gibt es sieben Regionen der organisierten Zivilgesellschaft, die in einem Forum beschlossen haben, wie die Zapatistas keinerlei Hilfe von Staat anzunehmen, weil die Regierung mit diesen Almosen die Gemeinden spaltet, die Kontrolle zurückerlangt und den Menschen ihre Würde nimmt, an den ausbeuterischen und marginalisierenden Strukturen aber nichts ändert. Dieser sozio-ökonomische Sektor der Aufstandsbekämpfung, der parallel zum Krieg der niederen Intensität durch Paramilitärs und Armee vorangetrieben wird, ist in den letzten Jahren unter der neoliberal-konservativen Bundesregierung von Vicente Fox und dem neuen chiapanekischen Gouverneur Pablo Salazar wichtiger geworden. Sogenannte &#8220;Hilfsprogramme&#8221; wie Progresa oder Procampo (3) bieten den Menschen auf dem Land Geld, Baumaterial und Sämereien an, wenn diese sich im Gegenzug von der EZLN und der weiteren Opposition lossagen. Diese Programme dienen folglich dazu, die Gemeinden auseinander zu dividieren und mit einer Umarmungstaktik an die Regierung zu binden, um die oppositionelle Basis zu schwächen.</p>
<p><strong>Der Kampf der indigenen Frauen</strong></p>
<p>In Südmexiko werden die Frauen gezielt dazu angehalten, Geld im Rahmen des Programms oportunidades (dt.: Chancen/Möglichkeiten) zu akzeptieren. Nach Meinung der oppositionellen Frauenorganisationen soll mit den Staatsgeldern erreicht werden, dass sich die Männer betrinken und keinen Widerstand organisieren und die Frauen gleichzeitig weniger Kinder bekommen. Die Frauen werden in aufoktroyierten Gesprächen zur Verhütung gedrängt, denn nach Aussagen der Aktivistinnen hat die Regierung offenbar Angst vor jedem neuen potentiellen Guerilla-Nachwuchs.</p>
<p>Viele Frauen gehen ungern in die staatlichen Hospitäler, da sie dort wegen ihres Indígena-Seins oft abschätzig behandelt werden, weil sie abgelaufene Medikamente teuer erwerben müssen und z.T. nach Entbindungen gegen ihren Willen und gegen ihr Wissen operiert oder &#8220;geimpft&#8221; werden &#8211; was sich in einigen Fällen als Zwangssterilisierung entpuppte. Viele Frauen schämen sich oder haben Angst, diese menschenverachtenden Sterilisierungen zu melden, so dass von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen werden muss.</p>
<p>Das Programm oportunidades veranschaulicht auch das korrupte politische System Mexikos, denn es wird von der Weltbank mitfinanziert und eigentlich sollte jede interessierte Frau monatlich 500 Pesos erhalten, ausbezahlt werden in der Regel jedoch nur 150 Pesos (z.Z. gut 12,- Euro).</p>
<p>Frauenorganisationen und andere Gruppen, die diese staatliche &#8220;Hilfe&#8221; ablehnen, werden immer stärkerem Druck ausgesetzt, die Zuwendungen zu akzeptieren &#8211; bis hin zu Morddrohungen. Dagegen wehren sich die Zapatistinnen und die Frauen im Widerstand.</p>
<p>Claudia Flores ist Aktivistin einer Frauenorganisation aus der Region Las Margaritas, die 1994 eine Kooperative gegründet hat. Die Kooperative verfügt über eine Mühle und einen Laden, um ein wenig Geld aufzutreiben und die Ernährung ihrer Familien zu sichern. Neben dem ökonomischen Aspekt ist es der Organisation auch wichtig, dass es ein Unterstützungszentrum für Frauen gibt. Dort betreuen sie Frauen, die von ihren Ehemännern oder anderen männlichen Gemeindemitgliedern misshandelt oder unterdrückt wurden. Vielen Frauen wird z.B. verboten, nachts auf die Straße zu gehen oder allein zu verreisen.</p>
<p>Dies führt bei einigen Frauen dazu, dass sie in der häuslichen Umgebung nahezu vereinsamen und nur wenig außerfamiliäre Kontakte aufbauen können.</p>
<p>Die Frauenorganisation besucht regelmäßig fünf Tojolabal-Gemeinden, um Aufklärungsarbeit über Menschen- und Frauenrechte zu leisten, wobei die Aktivistinnen auch Männer und Jugendliche zu ihren Seminaren einladen.</p>
<p>Des weiteren geben sie Alphabetisierungskurse, weil viele indigene und bäuerliche Frauen während ihrer Kindheit nicht die Schule besuchen konnten, da sie aufgrund von Armut und Unterdrückung &#8211; auch innerhalb der Familie &#8211; gezwungen waren zu arbeiten.</p>
<p>Flores und ihre Kolleginnen sind nicht nur in diesen Gemeinden, sondern auch auf bundesstaatlicher Ebene organisiert. Die übergreifenden Forderungen der Frauenorganisationen lauten: Gesundheit, Bildung, Wohnraum, Recht auf Ämter, Eigentum und politische Betätigung, Emanzipation und Freiheit. Diese Forderungen wollen sie mit Kongressen, Seminaren, Treffen und weiteren Mobilisierungen erreichen. Neben ihrer Belastung als Mutter, Frau und Indígena leiden viele Frauen auch unter der schlechten Gesundheitsversorgung, was ihr eigenes Engagement weiter erschwert.</p>
<p>Festzuhalten bleibt, dass es vor allem die Frauen selbst sind, die &#8211; trotz aller Widrigkeiten &#8211; die Prozesse der Verbesserung ihrer Lebenssituation aktiv vorantreiben.</p>
<p><strong>Der Kampf für indigene Autonomie und gegen das System</strong></p>
<p>Marta Sánchez von der coordinadora nacional de mujeres indígenas (dt.: Nationale Koordination indigener Frauen) innerhalb des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) erläuterte, dass der indigene Kampf für Autonomie nicht nur auf Chiapas und die Zapatistas beschränkt ist. Die Indígenas leben in vielen verschiedenen Bundesstaaten, in denen es ähnliche Probleme wie in Chiapas gibt. Sie betonte gleichzeitig, dass sich die CNI-Frauenkoordination solidarisch mit der EZLN und der Zivilgesellschaft &#8220;gemeinsam für eine mit Inhalt gefüllte Autonomie einsetzt, um gegen das Monster, welches das System darstellt, kämpfen zu können&#8221;.</p>
<p>Durch den Aufstand von 1994 konnten über 40 indigene Bevölkerungsgruppen ihre Anliegen formulieren und gründeten 1996 den CNI, um gegen Rassismus zu kämpfen und eigene Räume für die Indígenas zu öffnen &#8211; ohne Einmischung von Parteien, NGOs und Wirtschaftsvertretern.</p>
<p>Sánchez unterstrich an dieser Stelle, dass es wichtig sei, das Bild der Indígenas zu entmystifizieren, da sie keineswegs eine homogene Gruppe seien und in der Vergangenheit durch aufgepfropfte Systeme oder interne Konflikte zerstritten waren. Gerade aufgrund der Heterogenität der indigenen Bewegung müssten Organisierungsprozesse von unten geleistet werden. Den Indígenas hilft es auch nicht, wenn ein indigener Mensch das Land regieren würde; der Bewegung geht es um den Aufbau selbstverwalteter, basisdemokratischer Strukturen, was eine fundamentale Kritik am herrschenden System impliziert.</p>
<p>Der CNI, in dem die EZLN eine Mitgliedgruppe ist, befindet sich zur Zeit weiterhin im Aufbau, trifft sich regelmäßig und agiert dabei auf mexikoweiter Ebene. Die zentrale Forderung des CNI ist (deckungsgleich mit derjenigen der EZLN) die wirkliche Umsetzung der Abkommen von San Andrés über indigene Selbstverwaltung, Rechte und Kultur.</p>
<p>Im CNI werden die Frauenrechte mehrheitlich bejaht, sie sind jedoch noch nicht angemessen umgesetzt und garantiert.</p>
<p>Die Frauen fordern z.B. weiterhin, Ämter übernehmen oder Land erben zu können und an den Debatten um die indigene Bewegung mehr teilnehmen zu können. Die Aktivistinnen aus Chiapas und Oaxaca berichteten übereinstimmend, dass die Männer oft Diskussionen unter sich führen, während viele Frauenorganisationen darauf Wert legen, an ihren Seminaren auch Männer teilnehmen zu lassen.</p>
<p>Am Beispiel des Widerstandes gegen den Plan Puebla Panama &#8211; ein Megaprojekt, das durch Straßen, Staudämme, Biopiraterie und Fabrikbau die ländlichen Gemeinden bedroht &#8211; schilderte Flores, dass die Frauen besonders unter der Repression leiden und die umfassendere soziale Arbeit leisten, während einige Männer &#8220;Siegeshymnen&#8221; anstimmen, wenn ein Teilerfolg errungen wurde. Sie verlangen eine stärkere Einbeziehung der Frauenfrage, sie soll eine Perspektive werden, die immer und überall eingebracht wird.</p>
<p>Das Ziel der Frauenstruktur des CNI ist, dass ihre Kämpfe, aber auch ihr Alltag anerkannt und respektiert werden. Die Frauen betonen, dass Autonomie nicht nur nach außen gerichtet ist, sondern auch innerhalb der Gemeinden umgesetzt werden muss. Neben der Umsetzung von Frauenrechten bedeutet dies vor allem einen solidarischen Umgang mit natürlichen und ökonomischen Ressourcen sowie eine Politik der Gemeinschaft.</p>
<p>Am Ende ihrer beeindruckenden Informationsveranstaltung riefen die drei Mexikanerinnen unter Beifall dazu auf, die Kämpfe der Indígenas, der Frauen und der linken Bewegung auch hier in Europa bekannt zu machen und weiterzuverfolgen, da es längerfristig darum geht, mit allen verschiedenen emanzipatorischen Kräften des Erdballs eine Alternative zum herrschenden System aufzubauen.</p>
<p><em>Luz Kerkeling, Gruppe B.A.S.T.A.</em></p>
<p><em><strong>Anmerkungen</strong></em></p>
<p>(1) Die Namen der drei Aktivistinnen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.</p>
<p>(2) Obwohl die EZLN ihre Waffen noch besitzt, hat sie seit Mitte Januar 1994 keine militärischen Aktionen mehr unternommen. Viele BeobachterInnen des Konflikts gehen in diesem Kontext davon aus, dass die Bewegung längst zerschlagen worden wäre, wenn sie ihre Waffen abgegeben hätte.</p>
<p>(3) Progresa: dt.: Programm für Erziehung, Gesundheit und Ernährung &#8211; Procampo: Programm zur direkten Unterstützung der ländlichen Produzenten.</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.graswurzel.net/281/mexiko.shtml" target="_blank">http://www.graswurzel.net/281/mexiko.shtml</a></em></p>
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		<title>Kreuzzug gegen Frauenrechte</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/kreuzzug-gegen-frauenrechte</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Jun 2009 10:09:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Patriarchat]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Christliche Rechte in den USA ist ein bedeutender politischer Faktor. Mit neuen Strategien versucht sie, die Bevölkerung für ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen umzustimmen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-450"></span></p>
<p><strong>Die Christliche Rechte in den USA ist ein bedeutender politischer Faktor. Mit neuen Strategien versucht sie, die Bevölkerung für ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen umzustimmen</strong> Von <em>Kathrin Hedtke</em></p>
<p>Die Christliche Rechte ist von ­George W. Bush und seiner Politik enttäuscht. Das könnte die Republikanische Partei bei den Kongreßwahlen am 7. November in arge Bedrängnis bringen. Dabei war es vor nicht allzu langer Zeit maßgeblich das Verdienst der christlichen Fundamentalisten, daß Bush junior im Jahr 2000 zum 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde – und es heute noch ist. Die Evangelikalen haben seinerzeit aktiven Wahlkampf für den Texaner betrieben und Millionen konservative Gläubige an die Wahlurnen befördert. Schließlich sahen sie in Bush einen Verbündeten, der sich selber als »wiedergebornen Christen« bezeichnet und lautstark ihre Moralvorstellungen propagierte – wie beispielsweise die bedingungslose Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen. Doch von den 78 Prozent der Evangelikalen, die bei den Präsidentschaftswahlen 2004 die Republikaner unterstützten, wollen bei den anstehenden Kongreßwahlen nur noch 57 Prozent der Partei ihre Stimme geben. Das geht aus einer Umfrage des US-amerikanischen Pew Research Centers hervor, die Anfang Oktober veröffentlicht wurde. Der Verlust von 21 Prozent könnte die Republikaner Kopf und Kragen kosten, denn die evangelikalen Christen stellen mittlerweile ein Viertel der Wählerschaft.</p>
<p>Eine Ursache für das Stimmungstief mag sicherlich der jüngste Skandal um den republikanischen Abgeordneten Mark Foley sein. Der homosexuelle Politiker hatte wiederholt minderjährigen Praktikanten im Kongreß sexuelle Avancen gemacht. Unter dem Druck der Öffentlichkeit legte er am 29. September 2006 sein Mandat nieder. Doch dieser Vorfall ist nur ein Nebenschauplatz. Die Enttäuschung der Fundamentalisten über George W. ­Bush und seine Politik ist indes viel grundlegender. Denn ihr Präsident wird seiner Mission der moralischen Erneuerung der US-Gesellschaft im Sinne der evangelikalen Ideologie nicht gerecht. Dabei hatte die Christliche Rechte in ihm einst einen Mitstreiter im Kampf gegen »das Böse« gesehen.</p>
<p><strong>Dienende Rolle der Frau</strong> Was »das Böse« genau ist, ist nach Ansicht der erzreaktionären Christen in der Bibel klar definiert: Es sind all jene, welche die patriarchale Gesellschaftsform mißachten. In den Augen der Evangelikalen sind die Übeltäter allen voran Homosexuelle, die für die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe und Sexualität in der Gesellschaft kämpfen sowie emanzipierte Frauen, die sich dem Willen ihres Ehemanns widersetzen. Die Geschlechterrollen sind bei der Christlichen Rechten klar definiert: »Gott, unser Schöpfer, hat die Frau geschaffen, um für die Kinder zu sorgen, ein schönes Zuhause herzurichten und andere zu pflegen«, heißt es auf der Homepage der evangelikalen Organisation Focus on the Family. In der Bibel seien sowohl dem weiblichen als auch dem männlichen Geschlecht klare Funktionen zugeordnet, die auf einer eindeutigen Hierarchie basierten. Der Mann werde dabei als Ernährer und Familienoberhaupt definiert, dem sich die Frau unterzuordnen habe – so wie er sich selbst unter Gott. Diese biblische Vorgabe sorge für Ordnung und Stabilität. »Die Anerkennung der jeweiligen Geschlechterrollen ist nicht nur für ein korrektes Verständnis von Gottes Konzept für das menschliche Leben unerläßlich, sondern auch für das Überleben der Familie und das der gesamten Gesellschaft«, so die Meinung der in Colorado Springs ansässigen Organisation, die über ein gigantisches Medienimperium verfügt und deren Vorsitzender Dr. James Dobsen täglich in rund 3500 Radio- und 80 TV-Sendern in den USA seine Botschaft verbreitet. Seine Außenwirkung wird von der US-Organisation Right Wing Watch auf über 200 Millionen Zuhörer pro Tag geschätzt.</p>
<p>Vor diesem ideologischen Hintergrund ist auch der Kreuzzug der Christlichen Rechten gegen das Recht auf Abtreibung zu verstehen. Das Urteil im Fall Roe vs. Wade, mit dem die neun Richter des Obersten Gerichtshofes am 22. Januar 1973 das Recht auf Schwangerschaftsabbruch verfassungsrechtlich legitimierten, war zugleich die Geburtsstunde der evangelikalen Bewegung in den USA. Der Richterspruch löste bei konservativen Christen eine heftige Reaktion aus. Für sie stand weitaus mehr auf dem Spiel als das Recht auf Abtreibung, ihr gesamtes Weltbild schien in Gefahr. Mit diesem Urteil wurde den Frauen offiziell die Kontrolle über ihren Körper zugestanden, was eine Bedrohung für das klassische Geschlechterverhältnis darstellte. Überhaupt waren die 60er Jahre eine harte Zeit für erzkonservative Christen: Jugendliche rebellierten gegen Autoritäten, Frauen wollten sich aus den Zwängen des Patriarchats befreien, Schwule und Lesben forderten gleiche Rechte – die hierarchische Familienordnung drohte auseinanderzubrechen.</p>
<p>Die Legalisierung von Abtreibung bildete 1973 den Höhepunkt dieses Prozesses und führte zu einer Politisierung der konservativen Christen. Als Reaktion auf die gesellschaftlichen Entwicklungen formierte sich die (Neue) Christliche Rechte als soziale, politische und religiöse Bewegung. Wurde die Kampagne gegen das Recht auf Abtreibung anfangs noch von der katholischen Kirche dominiert, so übernahm schon bald die erstarkende Christliche Rechte die Führung und entwickelte sich zu einer bedeutenden politischen Kraft. Innerhalb weniger Jahre gründeten sich zahlreiche evangelikale Organisationen, darunter Americans United for Life (1971), National Right to Life Committee (1973), Eagle Forum (1975), Focus on the Family (1977), Moral Majority (1979), Concerned Women for America (1979) und American Life League (1979). Diese evangelikalen Gruppierungen vereinigen unterschiedliche religiöse, konservative Strömungen, deren Gemeinsamkeit auf der wortgetreuen Auslegung der Bibel basiert. Ihre Mitglieder sind der Auffassung, Jesus Christus habe sich ihnen durch eine Begegnung offenbart, sie von der Sünde befreit und auf den »rechten Weg« geführt. Dieses Erlebnis feiern die Evangelikalen als ihren zweiten Geburtstag – daher auch der Begriff »Wiedergeborene Christen«.</p>
<p>Für die Durchsetzung ihrer Ziele hat die Christliche Rechte in der jüngeren Vergangenheit auf tatkräftige Unterstützung durch George W. Bush und die Republikaner gesetzt. Schließlich hatte der Texaner im Wahlkampf lautstark seine Sympathien für die evangelikale Bewegung bekundet und sich als erbitterter Abtreibungsgegner in Szene gesetzt. Doch abgesehen von großzügigen Finanzspritzen für evangelikale Organisationen und einigen Restriktionen hat George W. ­Bush keine ersichtlichen Schritte unternommen, um das Abtreibungsurteil von 1973 prinzipiell in Frage zu stellen. So waren beispielsweise seine Kandidaten für den Obersten Gerichtshof der USA zunächst keineswegs radikale Abtreibungsgegner, was bei der Christlichen Rechten heftige Reaktionen auslöste. Doch Bush ist um einen Balanceakt bemüht: Er versucht, den Erwartungen der evangelikalen Bewegung entgegenzukommen und gleichzeitig die moderaten Kräfte im Land nicht zu brüskieren. Denn er hat zu sehr mit der Kritik an seinem schmutzigen Krieg im Irak zu kämpfen, als daß er sich noch fundamentale Konflikte im Inneren leisten könnte. Zwar hat ihm die Christliche Rechte maßgeblich zu seinen Wahlsiegen verholfen, doch momentan sind ihre Ziele nicht mit den Vorstellungen der breiten Mehrheit der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Einer Gallup-Umfrage vom Juli 2005 zufolge sprachen sich 68 Prozent der Befragten gegen eine Revision von Roe vs. Wade aus.</p>
<p><strong>Kulturelle Hegemonie angestrebt</strong> Der große politische Einfluß der Christlichen Rechten reicht also nicht aus, um ihre Ziele in der Gesellschaft durchzusetzen – diese Erkenntnis ist für die Evangelikalen allerdings nicht neu. Eine ähnliche Enttäuschung haben sie in der Vergangenheit bereits mit Ronald Reagan erlebt. Auch der hatte nach seinem Wahlsieg schnell die Versprechen einer moralischen Erneuerung der Gesellschaft vergessen und sich während seiner Amtszeit (1981–1989) vorzugsweise außenpolitischen und wirtschaftlichen Themen gewidmet. Doch die christlichen Fundamentalisten haben eine wichtige Lehre aus dieser Erfahrung gezogen. Heute richten sie ihren Fokus nicht mehr ausschließlich auf die direkte politische Einflußnahme. Statt dessen konzentrieren sie sich vermehrt auf den Kampf um kulturelle Hegemonie, sprich um die Zustimmung der breiten Bevölkerung für ihre Ziele.</p>
<p>Bislang wurde das Bild der Anti-Abortionists in der Öffentlichkeit davon geprägt, daß sie Bilder mit blutigen Föten schwenkten und lautstark Frauen, die sich für eine Abtreibung entschieden haben, als Kindermörderinnen beschimpften. Doch mittlerweile versuchen sich Teile der evangelikalen Bewegung, von diesem Image zu distanzieren. Sie wollen dem weitverbreiteten Vorwurf entgegenwirken, die sogenannte Pro-Life-Bewegung sei ausschließlich auf den Fötus fixiert und ignoriere die Interessen der Frau. Die neue PR-Strategie der Christlichen Rechten orientiert sich daher am vermeintlichen Wohlergehen des weiblichen Geschlechts. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei die evangelikale Organisation Focus on the Family ein, die mit einem jährlichen Budget von rund 130 Millionen US-Dollar zu den mächtigsten Vertreterinnen der Christlichen Rechten gehört.</p>
<p>Die neue Strategie ist notwendiges Resultat der gesellschaftlichen Stimmung. Denn die Mehrheit der US-Bevölkerung akzeptiert nach jahrzehntelanger Propaganda heute weitgehend das Argument der Christlichen Rechten, daß der Fötus ein menschliches Lebewesen ist und Abtreibung moralischen Prinzipien widerspricht. Laut einer Umfrage des renommierten Pew Forum on Reli­gion and Public Life vom August 2005, bei der rund 3000 Erwachsene über 18 Jahre befragt wurden, erachten 41 Prozent Schwangerschaftsabbrüche als »moralisch falsch in einigen Umständen« und 29 Prozent in »fast allen Umständen«. Trotz einer generellen Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen spricht sich die Mehrheit der Bevölkerung aber gegen eine Abschaffung dieses Rechts aus. Einer Umfrage des Pew Forums zufolge lehnen 65 Prozent der Befragten eine Rücknahme des Urteils Roe vs. Wade durch den Obersten Gerichtshof grundsätzlich ab, lediglich 29 Prozent würden einen entsprechenden Vorschlag unterstützen.</p>
<p>Ausschlaggebender Faktor für die breite Unterstützung des Rechts auf Abtreibung ist für die meisten US-Amerikaner das Recht der Frau – daran hat sich seit 1973 kaum etwas geändert. Die Mehrheit der Bevölkerung solidarisiert sich mit den Forderungen der sogenannten Pro-Choice-Bewegung, die sich seit Jahrzehnten für die Emanzipation und Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts stark macht. Einer Umfrage des Gallup-Instituts zufolge bezeichneten sich 54 Prozent der Interviewten als Pro-Choice und nur 38 Prozent als Pro-Life. Dieses Verhältnis ist seit Jahrzehnten relativ konstant.</p>
<p><strong>Erfolgreiche Panikmache</strong> Die Bestrebungen der Christlichen Rechten scheitern also maßgeblich daran, daß die Interessen der Frau im öffentlichen Bewußtsein dominieren. Die evangelikale Bewegung hat diesen Tatbestand längst erkannt und gründet deshalb ihre neue Strategie auf die Behauptung, Pro-Life sei zugleich Pro-Woman. Ziel ihrer Kampagne ist es, innerhalb der Bevölkerung die Sichtweise zu etablieren, jede Abtreibung habe zwei Opfer – den Fötus und die Frau. Denn wenn die Öffentlichkeit davon überzeugt werden kann, daß das Recht auf Abtreibung für die US-Amerikanerinnen keine Errungenschaft bedeutet, sondern ihnen im Gegenteil sogar schadet, gäbe es keinen Grund mehr, ein entsprechendes Gesetz zu verteidigen.</p>
<p>Das Hauptargument der evangelikalen Organisation basiert auf der Behauptung, Abtreibung sei schädlich für die Gesundheit und das Wohlergehen der Frau. Dabei verweist die Christliche Rechte in der Öffentlichkeit auf die Risiken einer Abtreibung und führt detailliert sämtliche körperlichen und psychischen Folgen auf, die im Zuge eines Schwangerschaftsabbruchs auftreten können. Auf ihrer Homepage warnt Focus on the Family: »Abtreibung ist nicht ohne Risiko – für unseren Körper, unseren Geist und unsere Gefühle.« Die Organisation behauptet, ein Schwangerschaftsabbruch steigere das Risiko von Unfruchtbarkeit und späteren Fehlgeburten. Diese Behauptung ist Erkenntnissen des Guttmacher-Instituts zufolge wissenschaftlich nicht haltbar – ebensowenig wie die These, eine Abtreibung vergrößere die Gefahr von Brustkrebs. Doch die Evangelikalen verweisen auf eigene Untersuchungen und untermauern ihre Thesen mit »Erfahrungsberichten«. Mit Erfolg. Denn obwohl ihre Behauptungen offensichtliche Lügen sind, hinterlassen sie bei vielen Frauen ein Gefühl der Verunsicherung. Bei der Gesundheitsorganisation Planned Parenthood gehen täglich zahlreiche besorgte Zuschriften von US-Amerikanerinnen ein, welche die Risiken einer Abtreibung fürchten.</p>
<p>Größeres Augenmerk als auf die körperlichen Schäden legt Focus on the Family auf die seelischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs. Diese Akzentuierung hat den Vorteil, daß emotionale Reaktionen schwer nachweisbar oder meßbar sind. Die Christliche Rechte hat sogar eigens einen Begriff für die psychischen Nachwirkungen einer Abtreibung erfunden, der den Eindruck eines regulären Krankheitsbilds wecken soll: »Post-Abortion Syndrome«. Zwar wird die Existenz eines entsprechenden Phänomens weder von der American Psychological Association noch von der American Psychiatric Association anerkannt, doch in der Öffentlichkeit und den Medien konnte sich der Begriff längst etablieren. Als Ursache für die Traumata der Frau deklariert Focus on the Family jene Reue- und Schuldgefühle, die sie selber mit ihren Kampagnen maßgeblich fördert, indem sie beispielsweise behauptet, Abtreibung sei »Mord an einem unschuldigen Lebewesen«. Untersuchungen der Gesundheitsorganisation Planned Parenthood zufolge sind ernsthafte emotionale Probleme nach einem Schwangerschaftsabbruch allerdings äußerst selten. Entscheidend für psychische Folgeschäden seien bereits vor der Abtreibung existente Faktoren und weniger der Eingriff selber.</p>
<p>Darüber hinaus instrumentalisiert Focus on the Family mit dem weiblichen Selbstbestimmungsrecht ein weiteres bedeutendes Argument der Pro-Choice-Bewegung für ihre Zwecke. Denn der Anspruch der Frau, eigenmächtig über ihren Körper und damit über Fortführung oder Abbruch ihrer Schwangerschaft zu entscheiden, ist in den USA ein fester Wert innerhalb der Bevölkerung. Deshalb behauptet Focus on the Family, daß das Recht auf Abtreibung nicht die Verwirklichung weiblicher Selbstbestimmung gewährleiste, sondern de facto dessen Gegenteil darstelle. Denn ein Schwangerschaftsabbruch sei niemals die freie Entscheidung der Frau – schließlich sei ihre Mutterrolle naturgegeben. Vielmehr werde die schwangere Frau durch äußere Faktoren dazu gezwungen, eine Abtreibung als ihre »einzige Option« anzusehen. Die Evangelikalen konzentrieren sich dabei auf die Behauptung, die Mehrzahl der Frauen sei mangelhaft informiert und werde von Familienangehörigen, Freunden oder ihrem Arzt zu der Entscheidung gezwungen. Da die US-Amerikanerinnen mit ihrem Selbstbestimmungsrecht nicht umgehen könnten, sollten Frauen und Föten nach Ansicht der Christlichen Rechten künftig durch ein Verbot vor Abtreibungen geschützt werden. »Es ist eine schmerzliche Realität für Millionen amerikanischer Frauen, die keine andere Option sehen, und für ihre ungeborenen Kinder, die als Folge der uninformierten Entscheidung ihrer Mutter sterben müssen«, argumentiert Focus on the Family.</p>
<p><strong>Scheinalternativen </strong>In der Öffentlichkeit vertritt die Christliche Rechte lautstark die These: »Frauen verdienen etwas Besseres als Abtreibungen«. Als Alternative verweisen sie auf die rund 3200 Crisis Pregnancy Center, die seit Mitte der 80er Jahre von der Christlichen Rechten in den USA aufgebaut wurden. Viele der Mitarbeiterinnen arbeiten hier ehrenamtlich in der Hoffnung, somit die »Sünde« einer vergangenen Abtreibung ausgleichen zu können. Die ersten dieser Einrichtungen entstanden in dem Bestreben der Evangelikalen, der kritischen Medienberichterstattung etwas Positives entgegenzusetzen. Außerdem erhofften sie sich durch die Crisis Pregnancy Center eine direkte Einflußnahme auf die Zielgruppe abtreibungswilliger Frauen. In der Überzeugung, dadurch einen zentralen Beitrag zur Abschaffung des Rechts auf Abtreibung zu leisten, bildet die bundesweite Unterstützung und Förderung dieser Einrichtungen einen Schwerpunkt von Focus on the Family.</p>
<p>Konkret beinhaltet das Angebot der Crisis Pregnancy Centers kostenlose Schwangerschafts­tests, Auskünfte über die negativen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs, rechtliche und medizinische Ratschläge für werdende Mütter sowie gebrauchte Kinderkleidung und Informationen über Adoptionsmöglichkeiten. Diese Maßnahmen sind allerdings kaum geeignet, einer schwangeren Frau in einer Krisensituation einen Ausweg zu bieten. Statt dessen wird mit diesem Angebot das Ziel verfolgt, die Entscheidung der Frau zu manipulieren. Die Schwangere soll durch emotionalen Druck von ihrem Entschluß abgehalten werden. Doch nach der Geburt soll sie ihr Kind keineswegs behalten, sondern wird gedrängt, es zur Adoption freizugeben. Schließlich widerspricht auch das Familienmodell der alleinerziehenden Mutter dem evangelikalen Gesellschaftsideal.</p>
<p>Tatsächlich geht es der Christlichen Rechten um weitaus mehr als um das Leben der Föten, wie sie immer behauptet. In erster Linie soll das Recht auf Abtreibung abgeschafft werden, weil es Symbol für weibliche Emanzipation ist und ein Verbot die patriarchalen Abhängigkeitsverhältnisse fördern würde. Denn 57 Prozent aller Schwangeren, die sich für eine Abtreibung entscheiden, sind arm oder einkommensschwach. Vor diesem Hintergrund wäre eine Revision des Abtreibungsurteils bei gleichzeitig unzureichender sozialstaatlicher Unterstützung ein effektives Mittel, um die ökonomische Abhängigkeit der Frau von einem männlichen Ernährer und somit die Institution Ehe zu stärken. Es ist nachvollziehbar, warum selbst ein erzreaktionärer Präsident wie George W. Bush die Forderungen der christlichen Fundamentalisten nicht aktiv unterstützen kann – Millionen emanzipierte Frauen würden in den USA auf die Barrikaden gehen.<br />
<strong><em>jw, 01.11.2006</em></strong></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.jungewelt.de/2006/11-01/038.php" target="_blank">http://www.jungewelt.de/2006/11-01/038.php</a></em></p>
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		<title>Frauen und Rechtsextremismus</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Jun 2009 22:18:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Slogan "Nationalismus ist auch Mädelsache" versuchen die NPD? und ihre Jugendorganisation JN? (Junge Nationaldemokraten) gezielt, junge Mädchen anzuwerben. Der Pressesprecher des Landesamtes für Verfassungsschutz in Niedersachsen, Rüdiger Hesse, stellte schon 2000 fest, "dass sich Frauen zunehmend in der Szene etablieren".]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-447"></span><em><strong>Vortrag von Astrid Rothe-Beinlich bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Frauenpolitik am 9. Februar 2008</strong></em></p>
<p>Die Rolle von weiblichen Neonazis wird unterschätzt &#8211; modernes Auftreten paart sich mit knallharter Ideologie</p>
<p>Mit dem Slogan &#8220;Nationalismus ist auch Mädelsache&#8221; versuchen die NPD? und ihre Jugendorganisation JN? (Junge Nationaldemokraten) gezielt, junge Mädchen anzuwerben. Der Pressesprecher des Landesamtes für Verfassungsschutz in Niedersachsen, Rüdiger Hesse, stellte schon 2000 fest, &#8220;dass sich Frauen zunehmend in der Szene etablieren&#8221;. Er benannte damals bereits einen durchschnittlichen Frauenanteil in der rechten Szene von 20%, räumte jedoch ein, dass dieser in den Kameradschaften eher noch höher sei.</p>
<p>Nur zum Vergleich: Die CSU hat laut Datenreport des Statistischen Bundesamtes rund 17% weibliche Mitglieder, die CDU 25%, die SPD knapp 30%, die FDP etwas über 25% und wir etwa 38%.</p>
<p>Lange Jahre prägte die rechtsextreme Naziszene eher ein unterwürfiges Frauenbild. So textete die Rechtsrock &#8211; Skinheadband Radikahl: &#8220;Weiber sind bei uns nichts wert. Auch wenn man sie nicht gern entbehrt.&#8221; Viele Frauen fügten sich lange nur als &#8220;Anhängsel&#8221; in die rechtsextreme Szene ein.</p>
<p>Längst jedoch haben auch rechtsextreme Frauen dieses Klischee hinter sich gelassen und wollen &#8211; zumindest zum Teil &#8211; auch eine erkennbar politischere Rolle spielen.</p>
<p>&#8220;Wir wollen das Anliegen von Frauen, unsere Vorstellungen der Organisation wieder-geben&#8221;, erklärt es zum Beispiel Stella Palau (Pressesprecherin des Rings Nationaler Frauen und im Vorstand der NPD, Ehefrau von Jürg Hähnel, NPD-Aktivist und rechter Liedermacher) und betont: &#8220;Wir möchten als Organisation Aufklärung betreiben, auch gegen die Hetze gegen uns Nationale Frauen.&#8221;</p>
<p>Nichtsdestotrotz, so berichten es vor allem Opferberatungsstellen und AussteigerInneninitia-tiven, ist Gewalt gegen Frauen in der rechten Kameradschaftsszene weiterhin nichts ungewöhnliches und gehört zu den durchaus üblichen Erfahrungen. Ebenso das Wissen darum, wie schwer auch und gerade Frauen der Ausstieg aus der Szene durch die Szene gemacht wird.</p>
<p>Bei den folgenden Einschätzungen beziehe ich mich nun maßgeblich auf Forschungsergebnisse des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus.</p>
<p><strong>1. Zu den Quantitativen Anteilen von Frauen im Rechtsextremismus/in rechtsextremen Strukturen und bei rechtsextremen Einstellungen</strong></p>
<p>Dies lässt sich am besten in Form einer Pyramide darstellen.</p>
<p>a) Die Spitze derselben bilden die 3-5 Prozent Frauen, die statistisch nachweisbar an rechtsextrem motivierten Gewalttaten aktiv beteiligt bzw. als Täterinnen aktiv waren. Länderspezifische Erhebungen weisen auf einen noch höheren Frauenanteil im Bereich der Gewalttaten hin &#8211; hier ist zudem die Dunkelziffer besonders hoch, da sich in der Statistik nur die als politisch erfassten Gewalttaten tatsächlich wiederfinden.</p>
<p>Zur direkten Tatbeteiligung kommt weiterhin die indirekte Tatbeteiligung hinzu, die sich bspw. in Form von Anfeuern, Anstiften, Beifall klatschen oder Schmiere stehen ausdrückt.</p>
<p>Die Beteiligung von Frauen und Mädchen an rechtsextremer Gewalt bzw. deren eigenes gewalttätig sein ist also sehr vielfältig und reicht von der aktiven Tatbeteiligung über die indi-rekte bis hin zur geistigen Brandstiftung.</p>
<p>b) Auf der Ebene des sogenannten organisierten Rechtsextremismus ist der Frauenanteil höher, so finden sich im Bundesdurchschnitt unter den Mitgliedern rechtsextremer Parteien ca. 20% Frauen. Auffallend ist, dass der Frauenanteil in den Landesverbänden der Partein die vor Ort aktiv sind wesentlich höher ist, als der in reinen Bundesparteien. Im Herbst 2006 hatte die NPD lt. Bundesvorstandsmitglied Peter Marx einen Mitgliederanteil von 27% Frauen. Bei den Neuzugängen, so heißt es weiter, verzeichne man sogar 50% Frauen, darunter besonders viele Mütter. Und diesen will man, so Marx, &#8220;nicht vor den Kopf stoßen&#8221;.</p>
<p>Marx will von einer Benachteiligung von Frauen in seiner Partei nichts wissen. So betont er: &#8220;Die NPD ist keine männliche Domäne&#8221; und fügt an, dass er sich &#8220;irgendwann&#8221; in Zukunft auch mal eine weibliche Parteivorsitzende vorstellen könne.</p>
<p>Der Anteil weiblicher Funktionsträgerinnen ist demgegenüber gering, in Bundes- und Landesvorständen finden sich gerade mal 7 bis max. 20% Frauen wieder. In der NPD ist der Anteil weiblicher Funktionärinnen im Vergleich mit DVU? und Republikanern? sogar am niedrigsten.</p>
<p>Unter den 36 angetretenen DirektkandidatInnen der NPD zur LTW in Mecklenburg-Vorpommern war nur eine Frau, Nancy Barth. Von 18 gewonnenen NPD-Mandaten bei der Kommunalwahl in Niedersachsen waren 17 männlich, nur eine Frau, Elke Raabe aus Helmstedt, gewann ein Mandat. Zur Landtagswahl im Januar dieses Jahres schaffte es in Niedersachsen auch nur eine Frau auf die Landesliste, die prominente Naziliedermacherin An-nett Müller, geborene Moeck aus Bad Lauterberg. Nur in Sachsen-Anhalt gibt es eine weibliche NPD-Landesvorsitzende, Carola Holz, sie ist zugleich aktiv im Ring Nationaler Frauen.</p>
<p>Die aktiven Frauen in rechtsextremen Parteien bearbeiten zudem überwiegend die Themen Soziales, Frauen und Familie.</p>
<p>Doris Zutt, einzige Frau im Bundesvorstand der NPD erklärte auf der Demo der NPD am 1.Mai 2000 in Berlin: &#8220;Wir haben unsere Männer, die an vorderster Stelle das Recht auf Arbeit haben. Wenn ich auf die Frauenpolitik gehe, dann sage ich, die Männer gehen arbeiten, die Frauen bleiben zu Hause. Wir bekommen die Kinder. Wir müssen die Zukunft sichern.&#8221;</p>
<p>Derartige Einstellungen jedoch sind mittlerweile selbst in rechtsextremen Parteien in der Minderheit. Für die stellvertretende Bundesvorsitzende der Republikaner und Landesvorsitzende von NRW; Uschi Winkelsett, ist Berufstätigkeit eine Selbstverständlichkeit. &#8220;Ich bin Mutter von vier Kindern. Ich habe meinen Beruf nie aufgegeben. Nicht nur ich erziehe die Kinder, auch mein Mann erzieht die Kinder.&#8221;</p>
<p>Mainstream unter vielen Nazis ist mittlerweile, dass sich modernes Auftreten mit knallharter Ideologie paart. Von einer generellen politischen Emanzipation engagierter Nazifrauen kann allerdings keine Rede sein, allenfalls in Teilbereichen. Aber auch Frauen sind aktive Nazis und prägen die Parteistrukturen nachhaltig.</p>
<p>c) Im Bereich der Cliquen, Kameradschaften/Mädelbünde und Organisationen, die sich durch lockere netzwerkartige Strukturen auszeichnen, liegt der Frauenanteil zwischen 25 und 33% &#8211; die Spannbreite ergibt sich hier aus den unterschiedlichen Charakteren der Gruppierungen. Der geringe Organisationsgrad macht hier genauere Angaben schwierig.</p>
<p>d) Der höchste Anteil von rechtsextremen Frauen findet sich auf der &#8220;Einstellungsebene&#8221;.</p>
<p>Nachgewiesen wurde dies auch bei der Auswertung der Landtagswahlen in Sachsen 2004 und in Mecklenburg-Vorpommern 2006, dort betrug der Frauenanteil bei den Wählerinnen jeweils etwa ein Drittel. Auf der Einstellungsebene kann sogar von 50:50 bei Frauen und Männern ausgegangen werden. Eine Forsa-Studie von 2003 fand zudem heraus, dass rechtsextreme Ansichten noch stärker unter Frauen in den ostdeutschen Bundesländern verbreitet sind. Dies bestätigt weiterhin die Langzeitstudie von Heitmeyer zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit aus dem Jahr 2005. Auch der Thüringen-Monitor von 2005 verweist auf einen besonders hohen Frauenanteil bei rechtsextremen Einstellungen. So wurden 16% der Thüringer Männer und 28% der Thüringer Frauen als rechtsextrem denkend eingestuft.</p>
<p>Im Mittel zwischen den Geschlechtern bedeutet dies, dass Frauen und Männer in ihren politischen Einstellungen genauso oft oder stark rassistisch und rechtsextrem eingestellt sind.</p>
<p><strong>2. Aktivitäten und Beteiligungsformen rechtsextremer Frauen und Mädchen</strong></p>
<p>Rein quantitativ betrachtet setzen Frauen ihre rechtsextreme Einstellung vergleichsweise weniger in politische Aktivitäten um als Männer.(gleiches trifft allerdings generell auf politische Aktivität zu)</p>
<p>Das Spektrum der Aktivitäten der Nazifrauen ist allerdings breit gefächert:- Beteiligung an Organisationen im Hintergrund &#8211; Aufrechterhaltung der Infrastruktur &#8211; Betreiben von Gaststätten und Szenetreffs &#8211; Auftreten als Spenderinnen, zur Verfügung stellen von Immobilien &#8211; Fungieren als Netzwerkerinnen &#8211; Treiben Handel im Internet</p>
<p>Besonders häufig übernehmen Frauen:- das Anmieten von Räumen für Veranstaltung &#8211; das Betreiben von Infoständen &#8211; die Verteilung von Flugblättern und Infomaterial und die Übernahme des Versands &#8211; die Erledigung von Spitzeltätigkeiten: Ausforschen politischer GegnerInnen &#8211; Aktivität bei der Anti-Antifa &#8211; Unterstützungsarbeit für nationale Inhaftiere und deren Familien in der HNG (Hilfsge-meinschaft für nationale Gefangene)</p>
<p>Bei der Beteiligung an öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten der extremen Rechten ist in letz-ter Zeit auffallend, dass sich Frauen als Teilnehmerinnen an Demonstrationen und Aufmärschen ausgesprochen vielfältig präsentieren: als &#8220;typisch deutsche Mädels&#8221; analog der Ästhetik der Nazis, als &#8220;normale&#8221; Frauen, als Skingirls (Renees), Frauen im Girlie-Outfit und in letzter Zeit zunehmen auch als autonome Nationalistinnen &#8211; äußerlich sehr ähnlich den linksautonomen oder in der Antifa aktiven Frauen.</p>
<p>Auch als Trägerinnen der Fronttransparente auf Demonstrationen treten immer häufiger Frauen in Erscheinung. Sie betätigen sich zudem beim &#8220;Nationalen Sanitätsdienst&#8221; (braunen Kreuz), fungieren als Ordnerinnen, melden Demonstrationen an und treten &#8211; zwar noch selten, aber doch &#8211; als Rednerinnen auf Kundgebungen auf.</p>
<p>Auch im musikalischen Bereich gibt es bekannte Frauenstimmen, wenn auch keine reinen Frauenbands. So gibt beispielsweise Annett Müller, prominenteste Liedermacherin in der Szene (u.a. &#8220;Ich habe Deutschland einen Sohn geboren&#8230;&#8221;) ihre zum Teil unglaublich verhetzenden und rassistischen an Deutschtümelei kaum zu überbietenden Lieder zum Besten &#8211; sei es auf Parteitagen Kundgebungen oder rechtsextremen Musikspektakeln. Diese sind auch als CD zu erhalten.</p>
<p>Viele rechtsextreme Frauen leisten zudem als Anwaltsgehilfinnen oder Rechtsänwältinnen im wahrsten Sinne des Wortes RECHTSbeistand für ihre &#8220;KameradInnen&#8221;. Auch als Autorinnen und Herausgeberinnen rechtsextremer Zeitungen sind Frauen bekannt &#8211; sie veröffentlichen u.a.: &#8220;Das treue Mädel&#8221;, &#8220;Aryan Sisterhood&#8221; oder &#8220;Triskele&#8221;.</p>
<p>In den letzten Jahren konnte eine zunehmende Selbstorganisation rechter Frauen beobachtet werden. Als Ziele benannten diese:- die Stärkung des politischen Engagements rechtsextremer Frauen &amp; &#8211; die Gründung eigenständiger Frauenorganisationen</p>
<p>Seit Ende der 1990er Jahre war ein regelrechter Boom rechter Frauengruppen zu beobachten, die allerdings nicht alle Bestand haben. Eine der bedeutendsten Gruppierungen ist bereits seit einigen Jahren der &#8220;Mädelring Thüringen&#8221;, welcher sich als Mädelkameradschaft versteht und immense Mitgliederzugewinne verzeichnet. Dieser versteht sich selbst als Teil des nationalen Widerstands. Interessant hier ist vor allem der Blick auf die dort stattfindende Frauenbild &#8211; Diskussion. So findet sich auf der Homepage dieser Gruppierung ein Leitartikel unter der Fragestellung: &#8220;Nationaler Feminismus &#8211; ein Paradoxon?&#8221; Siehe auch: www.maedelring.tk</p>
<p>Die größte und aktivste sowie gefährlichste Frauenorganisation der Nazis ist die Gesellschaft Deutscher Frauen (GDF). Sie hat eine streng neonazistische Ausrichtung und stellt die Verbindung von Mutterschaft und politischem Engagement ins Zentrum ihrer Aktivität. Siehe auch: www.g-d-f.de</p>
<p>Die GDF wurde 2001 als Nachfolgeorganisation des Skingirlfreundeskreises Deutschland gegründet und weist viele Verbindungen zu anderen rechtsextremen Gruppierungen auf, so auch zur Heimattreuen Deutschen Jugend (HdJ), der sich in der Tradition der 1994 verbotenen Wikingjugend der &#8220;nationalen Erziehung&#8221; verschrieben hat und vor allem Kinder- und Jugendlager ausrichtet. Dieses sind übrigens für Kinder von Arbeitslosen oder Hartz IV EmpfängerInnen kostenlos, solange diese Herkunftsdeutsche sind. Mehr dazu unter: www.heimattreue-jugend.de</p>
<p>Viele in der GDF Aktive gehören zugleich dem Ring Nationaler Frauen (RNF) an. Dieser wurde 2006 gegründet und hat mittlerweile Regionalgruppen u.a. in NRW; Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Der RNF fungiert als Dachverband für Nazifrauen und bietet u.a. Schulungen für Frauen an, um diese für die Partei (NPD) zu werben und argumentativ zu schulen. Zudem betreiben die dort Aktiven vielfältige Öffentlich-keitsarbeit zu aktuellen politischen Fragen, wie zum Beispiel zum Elterngeld. Siehe auch: www.ring-nationaler-frauen.de Der RNF versucht zudem, über die Gründung von Landes- und Ortsverbänden Einfluss auf die Landes- und Kommunalpolitik zu nehmen. Ziel des RNF ist neben der Stabilisierung von Partei und Umfeld zudem eine Imageverbesserung der NPD.</p>
<p>Allen diesen Organisationen und dort aktiven Frauen ist bewusst, dass Nazifrauen damit wesentlich zur Außendarstellung und Modernisierung der rechten Szene beitragen. Zudem haben derartige Zusammenschlüsse ganz klar eine stabilisierende Wirkung nach Innen und Außen, stützen allerdings auch (ideologisch wie praktisch) Gewalttaten.</p>
<p><strong>3. Was bedeutet dies? Welche Konsequenzen können oder müssen wir bei der Entwicklung von Gegenstrategien ziehen?</strong></p>
<p>Ein grundsätzliches Problem bei der Betrachtung der Gesamtproblematik ist, dass rechtsex-treme Frauen und Mädchen in Medien, Forschung sowie politischer und pädagogischer Praxis immer wieder aus dem Blickfeld geraten &#8211; keine wirkliche Beachtung erfahren.</p>
<p>Daraus resultiert, dass zu allererst ein geschlechtsbewusster Umgang in der Sensibilisierung und Schärfung der Wahrnehmung für die Aktivitäten und das Selbstbewusstsein rechtsextrem orientierter Mädchen und Frauen geschafft werden muss.</p>
<p>Folgenden vier Wahrnehmungsproblemen gilt es zu begegnen (da diese schon das Erken-nen verunmöglichen)</p>
<p>a) Frauen sind friedfertig Diese blendet aus, dass Frauen sowohl aktiv als auch indirekt an der Ausübung rechtsextremer Gewalt beteiligt sind. Hinzu kommt die häufige Ausblendung des politischen Hinter-grunds von Gewalt &#8211; gerade, wenn diese von Frauen ausgeht.</p>
<p>b) Frauen sind unpolitisch Frauen werden als politische Akteurinnen weniger wahr- und noch weniger ernst genommen (Grundsatzproblem). Ihre Art des politischen Engagements/der politische Aktionsradius sind oft auf den sozialen Nahraum bezogen oder beschränkt und werden nicht als genuin politisch angesehen. Hier kommt hinzu, dass die Bedeutung sog. &#8220;weicher&#8221; Politikformen tendenziell unterschätzt wird &#8211; vor allem im Hinblick auf die Einbindung und Mobilisierung von Frauen.</p>
<p>c) Rechtsextremismus bei Mädchen ist eine Phase Diese fälschliche und verharmlosende Annahme hat unterschiedliche Facetten. Das offensive &#8220;Zur Schau stellen&#8221; rechtsextremer Symbolik findet überwiegend in der Übergangsphase (Findungs- und Orientierungsphase) zum Rechtsextremismus statt. Das Nachlassen von Provokation und ein weniger eindeutiges Erscheinungsbild sind keineswegs Zeichen von Abkehr von dieser Ideologie, sondern stehen vielmehr für Festigung und stärkere Szeneanbindung &#8211; generell lassen sich in letzter Zeit eher &#8220;umgekehrte Dresscodes&#8221; erkennen &#8211; sprich die regelrechte Aufforderung durch rechte Kader, die Gesinnung nicht äußerlich kenntlich werden zu lassen.</p>
<p>Hinzu kommt eine immer frühere gezielte und bessere Einbindung und Schulung gerade von Mädchen in rechtsextreme Strukturen, damit diese nicht in der &#8220;Familiengründungsphase&#8221; zum Ausstiegsgrund für Männer aus der Szene werden. Zunehmend gibt es außerdem Angebote an Familie: Kinderbetreuung, Kinderfeste&#8230; um Familie und politisches Engagement vereinbaren zu können.</p>
<p>d) Frauen sind weniger offensichtlich/sichtbar gefährlich Die politischen Tätigkeiten von Frauen in der extremen Rechten sind stärker sozial orientiert &#8211; weniger Aufmerksamkeit heischend oder spektakulär. Sie wirken für die Stärkung des Zusammenhalts und somit die Stabilisierung der gesamten Szene im Sinne einer Generationen übergreifenden Fürsorge &#8220;treusorgender Mütter&#8221; oder &#8220;Retterinnen des deutschen Volkes&#8221;. Genau diese Frauen befördern damit aber auch die Anschlussfähigkeit an die sogenannte bürgerliche Mitte.</p>
<p>Und hier Achtung: dieses scheinbar sanfte Auftreten und Agieren im Sinne der Sache (sprich für die faschistische Ideologie, die dahinter steht) ist überhaupt nicht weniger bedenklich, sondern unter Umständen sogar gefährlicher im Hinblick auf die Durchsetzung rechtsextremer Deutungsmuster.</p>
<p><strong>4. Was folgt daraus?</strong></p>
<p>Prävention ist das A und O &#8211; Demokratiebildung brauchen wir von Anfang an, um die demokratischen Abwehrkräfte zu stärken. Je früher individuell Einzelfallarbeit geleistet wird, umso eher besteht die Chance, Mädchen gar nicht erst in die rechtsextreme Szene gelangen zu lassen. Wir brauchen gelebte Zivilcourage und eine strikte Menschenrechtsorientierung parteilicher Mädchenarbeit &#8211; das heißt zum Beispiel gezielte Angebote an nicht-rechte Mädchen, um demokratisch orientierte Kräfte zu stärken. Wir brauchen die konsequente und explizite Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Rassismus und müssen auf die Entwicklung von Gegenstrategien abzielen.</p>
<p>Generell müssen sich pädagogische Angebote und Maßnahmen der Anforderung stellen, eine konsequente antirassistische und antidiskriminierende Perspektive einzunehmen, wenn sie einen adäquaten Beitrag zur Bekämpfung des Rechtsextremismus leisten wollen.</p>
<p>Die Verschränkung von Rassismus und Sexismus ist &#8211; wie man an der skizzierten Band-breite ideologischer Positionen zum Geschlechterverhältnis und der Vielfalt und Widersprüchlichkeit gelebter Frauen- und Geschlechterbilder in der rechten Szene sehen kann &#8211; nicht zwangsläufig oder automatisch gegeben.</p>
<p>Folglich müssen sich auch pädagogische und politische Gegenstrategien auf den Kernpunkt des Rechtsextremismus, den rassistischen und menschenverachtenden Konsens der ethnisch definierten &#8220;Nationalen Volksgemeinschaft&#8221; konzentrieren und dabei der Tatsache Rechnung tragen, dass Frauen und Mädchen unter diesem ideologischen Dach genauso radikal denken und vehement agieren wie ihre männlichen &#8220;Kameraden&#8221;.</p>
<p>Auch Frauen und Mädchen sind Nazis und selbst aktiver und denkend wie handelnder &#8220;Teil&#8221; des Rechtsextremismus, der aus der Mitte der Gesellschaft kommt&#8230;</p>
<p><em><strong>Literatur:</strong></em></p>
<p><em>Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.): Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. Unrast Verlag 2005. 142 Seiten. ISBN 978-3-89771-809-8. 14,00 EUR. Reihe: Antifaschistische Texte, Band 12.</em></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.gruene-thueringen.de/cms/themen/dok/219/219841.frauen_und_rechtsextremismus.htm" target="_blank">gruene-thueringen.de </a></em></p>
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		<title>Etta Federn (1883-1951) und die Mujeres Libres</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dieses Buch ist die deutsche Erstveröffentlichung der Broschüre "Mujeres de las revoluciones", die 1938 während des spanischen Bürgerkrieges im Verlag der "Mujeres Libres" in Barcelona herausgegeben wurde. Die Autorin dieser Broschüre, die Anarchistin Etta Federn (-Kohlhaas), war eine aktive Mitstreiterin in der 1936 gegründeten anarchosyndikalistischen Frauenorganisation "Mujeres Libres".]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-272"></span><strong>Ein Portrait anläßlich der Wiederveröffentlichung ihrer Broschüre &#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221;</strong></p>
<p><em>Marianne Kröger (Hrsg.): Etta Federn: Revolutionär auf ihre Art. Zwölf Skizzen unkonventioneller Frauen. Psychosozial Verlag, Gießen 1997, 134 S., 28 DM.</em></p>
<p>Dieses Buch ist die deutsche Erstveröffentlichung der Broschüre &#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221;, die 1938 während des spanischen Bürgerkrieges im Verlag der &#8220;Mujeres Libres&#8221; in Barcelona herausgegeben wurde. Die Autorin dieser Broschüre, die Anarchistin Etta Federn (-Kohlhaas), war eine aktive Mitstreiterin in der 1936 gegründeten anarchosyndikalistischen Frauenorganisation &#8220;Mujeres Libres&#8221;.</p>
<p>&#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221; enthält eine Sammlung von Portraits exponierter Frauen aus aller Welt. Die LeserIn erhält Einblick in ein breites Spektrum nicht-konformer Lebensentwürfe. Sowohl radikal-bürgerliche Frauenrechtlerinnen wie Emmeline Pankhurst, Lili Braun u.a. werden hier vorgestellt, als auch kommunistische Sozialrevolutionärinnen wie Angelika Balabanoff, Vera Figner u.a. Erwähnenswert sind außerdem die Portraits der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key sowie der Tänzerin Isadora Duncan.</p>
<p>Was aber ist das spezifisch &#8220;Revolutionäre&#8221; an diesen Lebensentwürfen? Im Mittelpunkt steht dabei nicht eine Teilnahme am aktiven militärischen Kampf, sondern der folgende Aspekt: &#8220;Aber sie alle (&#8230;) haben einen großen Einfluß auf die Bewußtmachung der Probleme ihrer Zeitepoche ausgeübt, haben Fortschritte durch ihre Art des Denkens und Urteilens herbeigeführt, haben neue Gesichtspunkte vermittelt: sie haben dadurch Revolutionen verursacht und den Gang der Evolution beschleunigt.&#8221; (1)</p>
<p>Bereits Emma Goldman hatte, als sie sich auf Rundreise durch das republikanische Spanien befand, in der Zeitschrift &#8220;Mujeres Libres&#8221; einige historische Frauen präsentiert, um durch die Darstellung der &#8220;erstaunlichen Taten der Frauen in der Vergangenheit die Legende von ihrer Minderwertigkeit&#8221; (S.94) zu widerlegen. Es war grundlegender Bestandteil der feministischen Erwachsenenbildung, das Selbstbewußtsein der Spanierinnen zu stärken und gezielt das &#8220;Wissen um eine Frauengeschichte&#8221; (S.94) mit ihnen zusammen zu entfalten. Dafür war es methodisch sinnvoll, u.a. historische Frauenportraits als Medium einzusetzen, insbesondere um &#8220;mögliche Orientierungsvorbilder&#8221; (S.94) zu geben.</p>
<p>Der Dachverband &#8220;Agrupación Mujeres Libres&#8221; war explizit aus der Erkenntnis und Erfahrung heraus entstanden, daß die aktiven, zumeist jungen Anarchistinnen ihre spezifischen Anliegen und Probleme innerhalb der bestehenden libertären Ortsgruppen nicht einbringen und äußern konnten (der Begriff &#8220;libertär&#8221; umfaßt hier sowohl anarchistische als auch anarchosyndikalistische Ansätze). Obwohl es für die libertären Frauengruppen zumeist äußerst schwierig war, sich innerhalb der fest verankerten patriarchalischen Strukturen autonom zu behaupten, entwickelte sich die spanische anarchafeministische Basisbewegung zu einer erfolgreichen, eigenständigen und dynamischen Kraft. Eine ihrer ersten politischen Forderungen war die &#8220;Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der Bewegung und innerhalb der Familie.&#8221; (S.87)</p>
<p>&#8220;Capacitatión&#8221; lautete das Schlagwort der Schulungs- und Bildungsprogramme für Frauen. Im wesentlichen bedeutete dies, &#8220;daß jede Einzelne lernen müsse, die gesellschaftlichen Mechanismen zu durchschauen, sich der eigenen Position innerhalb der Gesellschaft bewußt zu werden und sich individuell weiterzubilden, um innerhalb des revolutionären Prozesses ein kompetentes, selbstbewußtes und schöpferisches Individuum zu werden.&#8221; (S.88) Die Organisation &#8220;Mujeres Libres&#8221; bot für diese Zielsetzung zum Beispiel Kurse für Analphabetinnen an, aber auch weiterführende berufsbildende Lehrgänge.</p>
<p><strong>Die libertäre Pädagogin und Schriftstellerin Etta Federn</strong></p>
<p>Im Kulturzentrum der anarchosyndikalistischen Frauenbewegung von Barcelona unterrichtete Etta Federn Literatur, Sprache und Pädagogik. Nach dem Modell der &#8220;Escuela Moderna&#8221; des libertären Pädagogen Francisco Ferrer (1859-1909) entwickelte sie eigene libertär-pädagogische Konzepte. Später gründete sie &#8211; ebenso im Zusammenhang mit den &#8220;Mujeres Libres&#8221; &#8211; ein libertäres Schulzentrum im katalonischen Ort Blanes, dessen Leiterin sie auch war und wo sie nicht nur Kinder, sondern auch zukünftige Lehrerinnen ausbildete. Dieses anarchistische Schulmodell war nicht nur atheistisch und koedukativ ausgerichtet, sondern vor allem antimilitaristisch und pazifistisch. Eine &#8220;angstfreie, kindgerechte, anregende und fürsorgliche Atmosphäre&#8221; war dabei maßgebend, &#8220;und zwar möglichst unbelastet von den politisch-sozialen Kämpfen der Epoche.&#8221; (S.90)</p>
<p>Von vielen ZeitgenossInnen und FreundInnen wurde sie als eine bemerkenswerte Persönlichkeit mit großer Ausstrahlungskraft beschrieben. &#8220;Der Kampf für individuelle und gesellschaftliche Emanzipation prägte ihr gesamtes Denken und Leben.&#8221; (S.90) Ihre Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit und ihre Wertschätzung für Literatur und Bildung sind u.a. auf ihre eigene Sozialisation zurückzuführen, nicht zuletzt auf ihre Mutter, die selbst eine engagierte Frauenrechtlerin war.</p>
<p>Etta Federn wurde 1883 in Wien als jüngste Tochter einer assimilierten österreichisch-jüdischen Familie geboren. Was Ausbildung und Erziehung anbetraf, war sie ihren Brüdern vollkommen gleichgestellt. Nach der Matura begann sie mit dem Studium der Germanistik und Philosophie. Darüber hinaus erhielt sie eine breit angelegte Ausbildung in Fremdsprachen. Trotz der gut gestellten Startbedingungen ins Leben kam es zum Bruch mit der Familie. Sie siedelte nach Berlin über, wo sie ihr Studium zu Ende führte.</p>
<p>In Berlin verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zunächst durch Unterrichten und Übersetzen aus den Sprachen Englisch, Französisch, Dänisch, Russisch und Jiddisch. Sie übersetzte u.a. Alexandra Kollontai, Shakespeare und Hans Christian Andersen. Beim Berliner Tageblatt arbeitete sie als Literaturkritikerin. Gleichzeitig begann sie zu schreiben: Essays, Biographien, Autobiographisches, Erzählungen, ein Theaterstück und Gedichte. Vor allem mit ihrer 1927 erschienenen Erstbiographie über Walther Rathenau hatte sie sich im Berlin der Weimarer Republik einen Namen gemacht. Aufgrund ihrer vehementen Verteidigung dieses liberalen Politikers und überhaupt wegen ihrer freiheitlich-geistigen Gesinnung (sowie natürlich auch wegen ihrer assimilierten jüdischen Herkunft) erhielt sie Morddrohungen von Nazis. Schließlich wurde der Verfolgungsdruck so stark, daß sie bereits 1932 Deutschland den Rücken kehren mußte. Fast 50- jährig ging sie zusammen mit ihren beiden Söhnen nach Spanien ins Exil (1932-1938).</p>
<p><strong>Berlin, Barcelona, Paris: Stationen eines Lebens im anarchistischen Milieu</strong></p>
<p>Bis 1932 hatte sie nach zwei gescheiterten Ehen und als Alleinernährerin ihrer Familie Zuflucht innerhalb der anarchosyndikalistischen Bewegung Berlins gefunden. Die Mitwirkung in der FAUD (&#8220;Freie Arbeiter-Union Deutschlands&#8221;) &#8211; für deren Zeitschriften sie außerdem regelmäßig Beiträge schrieb &#8211; entfaltete sich bald zu einem dichten, tragenden sozialen Beziehungsnetz. Insbesondere die innige Freundschaft mit Rudolf Rocker und Milly Witkop-Rocker hielt lebenslang.</p>
<p>Ihre Eingebundenheit in die anarchistische Bewegung Groß-Berlins, in der sich damals viele &#8220;selbständige jüdische Frauen engagierten, deren Themen wie soziale Revolution, Freie Pädagogik, die Bedeutung von kultureller Arbeit und Frauenemanzipation sowie der hohe Stellenwert solidarischen, verantwortungsbewußten Verhaltens boten ihr geistigen, emotionalen und politischen Rückhalt.&#8221; (2)</p>
<p>Auch für ihre Anfangszeit in Barcelona im Exil war ihr der syndikalistische FreundInnenkreis aus Berlin eine solidarische Stütze. Bereits von Berlin aus konnten ihre FreundInnen Etta Federn Anlaufadressen und Mitarbeitsmöglichkeiten in Barcelona verschaffen. Ihre Integration als Exilantin erfolgte außergewöhnlich schnell. Innerhalb weniger Wochen war sie imstande, journalistische Artikel auf Spanisch zu veröffentlichen, gleichzeitig lernte sie katalanisch.</p>
<p>Trotzdem litt sie anfänglich unter dem Verlust, ihre poetisch-literarische Ausdrucksfähigkeit im Exilland vorerst nicht verwirklichen zu können. Hinzu kamen finanzielle Belastungen. Aufgrund ihrer Notsituation halfen ihr nahestehende Verwandte in den USA mit regelmäßigen, allerdings geringen Überweisungen.</p>
<p>Im faschistischen Deutschland von 1933 wurden inzwischen alle ihre bisherigen Veröffentlichungen bei der Bücherverbrennung den Flammen übergeben und ihr Name auf die &#8220;schwarze Liste&#8221; gesetzt. Trotz Verschärfung der spanischen Ausländergesetze und zunehmender Bespitzelung durch die NSDAP/Auslandsorganisation in Barcelona gelang es ihr, zahlreiche deutsche Flüchtlinge in ihrer Wohnung zu beherbergen.</p>
<p>Im Jahre 1938, kurz vor dem Einmarsch Francos, verließ sie aufgrund der massiven Bombardierungen Barcelonas ihr Exilland. In Paris fand sie schließlich für sich und ihre beiden Söhne Unterkunft. Bis zu ihrem Lebensende (1951) blieb diese Stadt ihre Wahlheimat. Obwohl Etta Federn zum Zeitpunkt der Übersiedlung physisch völlig erschöpft war, ja teilweise sogar ernsthaft erkrankt, beteiligte sie sich aktiv an der Résistance durch Übersetzungen, Propagandaarbeit und Organisierung. Schmerzlich war dann nochmal der Verlust ihres ältesten Sohnes, der als Kämpfer der Résistance 1945 in einem Gefecht umgekommen war. Paradoxerweise erhielt sie gerade wegen diesem Vorfall die französische Staatsangehörigkeit und eine kleine monatliche Entschädigungsrente.</p>
<p>Die von Marianne Kröger vorgelegte Publikation &#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221; bietet zugleich einen spannend und interessant geschriebenen Einblick in das Lebenswerk Etta Federns. Wesentliche Orte und längst verlorengegangene Spuren dieser uns heute zumeist unbekannten Schriftstellerin und libertären Sozialreformerin sind aufgedeckt und wiedergefunden. Besonders der psycho-soziale Aspekt, nämlich auf welche Weise die Persönlichkeit Etta Federns selbst mit den libertären sozialen Bewegungen ihrer Zeit verbunden war, ist meines Erachtens gut herausgearbeitet.</p>
<p><em><strong>Martina Pawlowski</strong></em></p>
<p><em>Aus: &#8220;<a href="http://www.graswurzel.net/225/federn.shtml" target="_blank">Graswurzelrevolution</a>&#8221; Nr. 225 (Jänner 1998)</em></p>
<p>Fußnoten:</p>
<p>(1) Marianne Kröger: Etta Federn. Schreiben als geistige Überlebensarbeit. In: Mit der Ziehharmonika. Literatur / Widerstand / Exil, 12. Jg., Nr. 3, Wien, Oktober 1995, S.11.</p>
<p>(2) a.a.O., S.9.</p>
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		<title>„Mujeres Libres“</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:00:37 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wie überall in Europa, so auch in Spanien, untermauerten scheinwissenschaftliche Argumentationen die angebliche Minderwertigkeit der Frauen gegenüber dem Mann. Einziger Unterschied zu den säkularisierten Staaten war die Tatsache, dass in Spanien die Doktrin des Katholizismus vorherrschte. Dort war die Minderwertigkeit vom göttlichen Willen abgeleitet. In den patriarchal strukturierten Gesellschaften dominierte die Geschlechterdifferenz, was bedeutete, dem Mann wurde rationale Sachlichkeit zugeordnet, während der Frau unterstellt wurde rein emotional gesteuert zu sein.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-269"></span><strong>Die anarchistische Frauenorganisation „Mujeres Libres“ zur Zeit der sozialen Revolution in Spanien 1936-1939</strong></p>
<p>Da es hier nicht um den Spanischen Bürgerkrieg gehen soll, aber um eine Frauengruppe, die sich kurz vor Beginn des Bürgerkriegs gründete, kurz einige Daten und Fakten zu diesem Krieg:</p>
<p>Der Historiker Walther L. Bernecker benennt vier entscheidende Gründe für den Bürgerkrieg, die fundamentale Konflikte darstellen:</p>
<ol>
<li> die Agrarfrage; schlecht bezahlte TagelöhnerInnen im Vergleich zu Großgrundbesitzern; das Fehlen einer Mittelschicht auf dem Lande im Vergleich zur Stadt , nur Katalonien und das Baskenland hatten eine starke Mittelschicht auf dem Land; der Landbesitz hatte eine große Bedeutung für das Ansehen des Bauern, für seine Rente und das Erbrecht, und der Großgrundbesitzer hatte Verfügungsgewalt über den nationalen Reichtum;</li>
<li>Konflikte zwischen Stadt und Land die aber eher politischen Charakter hatten durch die Sonderrechte von Katalonien und dem Baskenland. Diese beiden Regionen waren die Reichsten , aber ihre Sonderrechte wurden ihnen spätestens im 19.ten Jahrhundert wieder aberkannt. Die Macht hatte nun das Zentrum.</li>
<li>der Einfluss des Militärs, das Heer stand nicht nur für konservative Werte, vielmehr haben sie bei jedem Putsch ihre Hand im Spiel;</li>
<li>letztlich das enge Verhältnis zwischen Staat und Kirche, das dazu führte, dass die ArbeiterInnen in den Funktionsträgern der Parteien und der Regierung insgesamt mit der Macht der Kirche und ihren Werten identifizierten. Der Katholizismus war Staatsideologie.</li>
</ol>
<p>Bei den Wahlen im April 1931 siegten die pro-republikanischen Parteien. Am 14. April 1931 wurde die Republik ausgerufen. In der republikanischen Verfassung werden zwar den Frauen einige Rechte zugestanden wie z. B. Artikel 36 bedeutete das Wahlrecht für Frauen. Artikel 43 gestand die gleichen Rechte für Frauen in der Ehe wie für die Männer zu. Artikel 25 sichert den Frauen Gleichberechtigung in rechtlichen Fragen zu und im Artikel 40 wird festgelegt, dass alle Spanier ungeachtet ihres Geschlechts für alle Berufe und Posten zugelassen sind. All das war von Anbeginn umstritten, selbst von Frauen. Drei weibliche Parlamentsabgeordnete waren gegen das Wahlrecht von Frauen, weil sie fürchteten diese stimmten sowieso nur wie ihre konservativen Männer vorgaben. Prompt wurden auch die Frauen für den Wahlsieg der Rechten 1933 verantwortlich gemacht. In den fünf Jahren der zweiten Republik gab es ständig kleine Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Schon 1933 erheben sich mehrere Dörfer und rufen den libertären Kommunismus aus. Berühmt wurde „CASAS VIEJES“. In diesem Dorf wurde die Polizei besiegt und ein inhaftierter Anarchistenführer aus dem Gefängnis befreit. Allerdings eroberte die Guarda Civil das Dorf zurück und erschoss 11 AnarchistInnen und 13 andere DorfbewohnerInnen. Es kommt zu Massendemonstrationen, die die Gewerkschaft CNT organisiert. Am 16. Februar 1936 gewinnt die Volksfront die Wahlen. Die Volkfront ist ein Bündnis von linken und republikansichen Parteien.</p>
<p>Am 17. Juli 1936 putscht das Militär und bringt die Francisten unter Francisco Franco an die Macht. Danach beginnt der Spanische Bürgerkrieg.</p>
<p>Die Situation der Frau in der Spanischen Gesellschaft war durch die Verbindung von Staat und Kirche gekennzeichnet von den drei K.: Kinder – Küche – Kirche.</p>
<p>Die Unterdrückung durch den Mann reduziert die Frau auf das Haus und durch die Erziehung der Kinder, bevormundet durch die Kirche, war die Frau getrennt von dem politischen gesellschaftlichen Geschehen. Die einzige Möglichkeit für soziale Kontakte bestand beim täglichen Gang in die Kirchen zur Messe (Anderseits waren es aber auch Klöster, die den Frauen Arbeit gaben.).</p>
<p>Wie überall in Europa, so auch in Spanien, untermauerten scheinwissenschaftliche Argumentationen die angebliche Minderwertigkeit der Frauen gegenüber dem Mann. Einziger Unterschied zu den säkularisierten Staaten war die Tatsache, dass in Spanien die Doktrin des Katholizismus vorherrschte. Dort war die Minderwertigkeit vom göttlichen Willen abgeleitet. In den patriarchal strukturierten Gesellschaften dominierte die Geschlechterdifferenz, was bedeutete, dem Mann wurde rationale Sachlichkeit zugeordnet, während der Frau unterstellt wurde rein emotional gesteuert zu sein. Im Laufe des Bürgerkriegs veränderte sich diese Sichtweise aber nur punktuell. Dies zeigte sich am deutlichsten im späteren Verbot für Frauen, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen. Das Verbot wurde allerdings zum Teil auch damit begründet, dass die Frauen im Hinterland gebraucht würden, um die Arbeitsplätze der Männer auszufüllen, die jetzt im Krieg waren. Die Produktion musste aufrechterhalten werden und die Landwirtschaft musste funktionieren.</p>
<p>Lucía Sánchez Saornil – sie hatte von 1895 bis 1970 gelebt –war Telefonistin und hat auch als solche gearbeitet. Mercedes Comaposada Guillén hat von 1900 bis 1994 gelebt und wird in den verschiedenen Büchern als Akademikerin benannt (in welcher Weise auch immer). Ámparo Poch y Gascón hat von 1902 bis 1968 gelebt. Sie war Ärztin.</p>
<p>Diese drei Frauen haben die Gruppe „Mujeres Libres“ gegründet im April 1936, nachdem sie schon Jahre vorher eine Zeitschrift herausgaben. Der Name der Gruppe war auch gleichzeitig der Name ihrer Zeitschrift, die bis 1939 herausgegeben wurde.</p>
<p>Eine andere Frauengruppe hatte sich schon 1934 gegründet: die *Grupo Cultural Femenino * (CNT).</p>
<p>Als Mujeres Libres von der Frauengruppe 1936 erfuhr, nahm im September 1936 Mercedes Comaposada in Barcelona an einem Regionaltreffen der CNT teil. Beim Austausch der Informationen und Programme wurden schnell die Unterschiede deutlich. „Mujeres Libres“, die ihren Sitz in Madrid hatte, wollte nicht nur eigene Mitgliederinnen agitieren und zur Befreiung ihrer Unterdrückung und Ausbeutung befähigen, vielmehr wollten sie unpolitische Frauen für ihre Arbeit begeistern. Während die Frauen der CNT sich hauptsächlich nur um ihre eigenen Frauen bemühen.</p>
<p>Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise überwogen die Gemeinsamkeiten, so dass es einen Zusammenschluss der beiden Gruppen unter dem Namen „Mujeres Libres“ gab.</p>
<p>Die Organisation der Gruppe glich denen der anderen anarchistischen Gruppierungen, die sich nach dem Prinzip der Basisdemokratie organisiert hatten. So wurde die ehemalige CNT eine Untergruppe von „Mujeres Libres“ Madrid in Barcelona.</p>
<p>Auf der unteren Ebene gab es lokale Gruppen, die Frauen in die Provinzkomitees entsandten (Originalname „Comité Provincial“). Diese wiederum ernannten und entsandten Frauen in die Regionalkomitees, von dort wurden dann Frauen in die Nationalkomitees geschickt.</p>
<p>Auf dem Kongress im September 1937 in Valencia wird die dezentrale Organisierung in der Satzung festgehalten, so dass die Autonomie der einzelnen Gruppen gesichert war. Es gab somit keine Befehlshierarchie von oben nach unten bei der Gruppe „Mujeres Libres“.</p>
<p>(Der Artikel Nr. 4 aus der Satzung ist in dem Buch von Vera Beanchi “Feministinnen in der Revolution – die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg“ aus dem Unrast Verlag enthalten.)</p>
<p>Die Mitgliederanzahl wird unterschiedlich angegeben, aber nach Aussagen von Mercedes Comaposada waren es im Jahre 1938 bereits 30.000 und am Ende des Bürgerkriegs 60 000.</p>
<p>Die meisten Gruppen gab es im Zentrum von Madrid und in Katalonien – Barcelona, gefolgt von Aragonien, Valencia und Andalusien. Mary Nash, die ein Buch zu Mujeres Libres geschrieben hat, hat im Anhang ihres Buches eine genaue Aufzählung der damaligen Gruppen auggeführt. Wobei sie sogar die außerhalb Spaniens gegründeten Gruppen aufführt.</p>
<p>Am 27. März 1937 erscheint eine Broschüre der Frauenorganisation „Mujeres Libres“ mit dem Titel: „Tierra y Libertad“, in der die Ziele der Gruppe definiert werden.</p>
<p>I. Emanzipation der Frau von ihrer dreifachen Versklavung, der sie im allgemeinen unterworfen war und bleibt: der Sklaverei durch Unwissenheit, der Sklaverei als Frau und der Sklaverei als Produzentin.</p>
<p>II. Aus unserer Organisation eine bewusste und verantwortliche feministische Kraft zu machen, die eine Avantgarde innerhalb der revolutionären Bewegung bildet.</p>
<p>III. Die Unwissenheit bekämpfen, indem wir die Genossinnen kulturell und sozial schulen. Dabei können Mittel eingesetzt werden wie Grundkurse, Konferenzen, Gespräche, kommentierte Lektüre, Filmaufführungen usw.</p>
<p>IV. Einen gegenseitigen Austausch mit den Gewerkschaften, Ateneos und der libertären Jugend einrichten, um zu einer Zusammenarbeit zu gelangen, die unsere revolutionäre Bewegung stärkt. Z. B. eine Gewerkschaft schickt eine Genossin zu der Gruppe, bei der sie eine Grundschulung und soziales Bewusstsein im Umgang mit anderen Genossinnen erhält, die schon länger dabei und erfahrener sind. Einmal so vorbereitet kann diese Genossin in einem Ateneo oder in die libertäre Jugend eintreten und ist dabei in der Lage, eine wirkungsvolle Arbeit leisten.</p>
<p>V. Zu einem echten Zusammentreffen zwischen Genossen und Genossinnen zu gelangen: zusammen leben, zusammen arbeiten und sich nicht ausschließen. Energie für die gemeinsame Aufgabe investieren.</p>
<p>VI. Einen starken Beitrag der Frauen für die konstruktive revolutionäre Aufgabe vorbereiten, indem diese Bewegung Krankenschwestern, Lehrerinnen, Ärztinnen, Künstlerinnen, Kindergärtnerinnen, Chemikerinnen, intelligente Arbeiterinnen zugeführt werden. Das ist wirkungsvoller als nur guter Wille, gepaart mit Unwissenheit.</p>
<p>Diese formulierten Ziele sind noch heute durchaus revolutionär zu nennen, zumal die Gruppe schon Ziele formuliert, die erst in der späten 70iger Jahren unter neuen Namen von Anarcha-Feministinnen propagiert werden. “Tripple Opression“ bedeutet die dreifach Bekämpfung: gegen Rassismus – Sexismus – Kapitalismus.</p>
<p>Die Aktivitäten der Frauengruppe „Mujeres Libres“:</p>
<ul>
<li> Zentren für Frauen errichtet wie Haus der Arbeiterinnen, Mutterschaftshaus &#8230;</li>
<li>Kampagnen gegen Analphabetentum geleitet und eingeführt.</li>
<li>Kurse für Grundbildung und allgemeine Kultur abgehalten.</li>
<li>Wöchentliche Konferenzen und Gespräche über allgemeine Probleme ihrer kulturellen und sozialen Welt organisiert.</li>
<li>Einen kulturellen Träger produziert: die Zeitung „Mujeres Libres“, die mit insgesamt 13 Nummern in der Zeit von 1936 bis 1939 erschienen ist.</li>
<li>Schulen gegründet und gefördert, die der technischen, intellektuellen und sozialen Ausbildung der Frauen dienten. Hier wurden Kurse angeboten wie für bewusste Mutterschaft, für Kleinmechanik, Technik, Landwirtschaft, Geflügelzucht und auch Physikkurse.</li>
<li>Sexuelle Aufklärungskampagnen organisiert und selber durchgeführt.</li>
<li>Kampagnen zur Arbeitsbeschaffung um Frauen ökonomisch unabhängig werden zu lassen.</li>
<li>Kampagnen zur Errichtung von kostenlosen Kinderkrippen in den Fabriken und ArbeiterInnenvierteln angeregt. Es gelang den „Mujeres Libres“ endlich Kinderkrippen und Kinderhorte zu errichten.</li>
<li>Volksspeiseräume für die Arbeiter beider Geschlechter gefordert, um die Arbeiterinnen von ihren Aufgaben zu Hause zu entlasten.</li>
<li>Gewerkschaftliche Hilfen aller Art organisiert.</li>
<li>Landschulen für Flüchtlingskinder gegründet.</li>
<li>Kampagnen zur Heranbildung von LehrerInnen durchgeführt, um einer neuen Konzeption der Erziehung und Bildung in Schulen zum Erfolg zu verhelfen. Die neuen Konzepte sollten bedürfnisorientiert, realistischer und nicht manipulativ sein, damit Kinder freier lernen konnten.</li>
<li>Neue Konzeption zum Abbau der Prostitution erstellt. Zu ihrem Konzept gehörten „Befreiungszentren der Prostitution“.</li>
</ul>
<p>Es gab allerdings bei den Mujeres Libres durchaus auch Frauen, die bewaffnet an der Front kämpften. Andere wiederum versorgten als Krankenschwestern die verwundeten Frauen und Männer an festgelegten Orten. Wieder andere waren als mobile Einsatzkommandos unterwegs (Sanitätswesen, Transport und Verkehr.)</p>
<p>Ich habe aus den vielen Beispielen der Aktivitäten von „Mujeres Libres“ einiges herausgesucht, von denen ich denke, dass sie der Gruppe gerecht werden.</p>
<p><strong>Zu Beginn möchte ich die Zeitung gleichen Namens vorstellen.</strong></p>
<p>Die Zeitschrift „Mujeres Libres“ galt den Frauen als Agitationsorgan für ihre Ziele und ihr aktuelles Programm, aber auch zur Verbreitung von Informationen über ihre Aktivitäten und Berichten aus der anarchistischen Bewegung generell.</p>
<p>Über die Veröffentlichung theoretisch intellektueller Artikel sollte nicht nur geschult werden, vielmehr wollten „Mujeres Libres“ Frauen für die anarchistische Bewegung gewinnen.</p>
<p>Wegen des Bürgerkriegs konnte das Ziel, monatlich zu erscheinen, nicht eingehalten werden.</p>
<p>Die ersten Ausgaben der Zeitschrift erschienen noch vor dem Beginn des Bürgerkriegs im Mai, Juni und Juli 1936. Danach wurden die Zeitschriften nicht mehr nach unserer Zeitrechnung nummeriert ( Zeitrechnung nach Christi Geburt), sondern als Zählung galt der Beginn der Revolution.</p>
<p>Auch in dem Fall, wie in vielen anderen, geht Vera Beanchi akribisch vor und benennt die einzelnen Ausgaben zahlenmäßig. Wie sie im Anhang alle Gruppen aufführt, die es je gegeben hat.</p>
<p>Neben ihrer eigenen Zeitschrift veröffentlichten „Mujeres Libres“ ebenfalls Texte, Gedichtsbände und Abhandlungen zu bestimmten Themen nicht nur eigener Mitgliederinnen, auch Emma Goldmann, die in Amerika lebte, kommt zu Wort. Die Veröffentlichungen bezogen sich aber nicht nur auf bekannte Namen aus der Gruppe. Es kamen sehr wohl auch unbekannte Frauen zu Wort, die über ihre Erfahrungen von der Front oder den Arbeitsplätzen berichteten. Auch Berichte aus dem häuslichen Bereich fanden in der Zeitschrift Platz.</p>
<p>Eine weitere Zeitung war in Planung, die den Namen „Kämpferinnen“ erhalten sollte. Das Projekt scheiterte an den fehlenden Geldern.</p>
<p>In Barcelona unterhielt die Gruppe „Mujeres Libres“ einen eigenen Kiosk , an dem nicht nur die eigenen Broschüren, Bücher und Zeitung vertrieb en wurde. Medienprinten aller Art wurden dort verkauft. Eine große Auswahl sozialkritischer Bücher, Sozialtheorien, Literatur – wir würden heute sagen „Belletristik“ sowie Bücher und Essay´s eigener Mitgliederinnen wie z. B. von Mercedes Comaposada und Lucia Sánchez lagen zum Verkauf aus.</p>
<p>Die Artikel in der Zeitschrift waren mitunter lediglich mit dem Vornamen der Frauen gekennzeichnet, aber überwiegend waren die Artikel mit vollem Namen in der Zeitung.</p>
<p>Besonders hervorhebenswert finde ich die Ausgabe „Mujeres Libres“ Nr. 2, in der die Gruppe ihr Geschichtsbild und -verständnis beschreibt, indem sie von den 4 (vier) Revolutionen schreiben:</p>
<ul>
<li> Die erste sei die von Luther (kirchliche Reformation),</li>
<li>die zweite die der Menschenrechte (französiche Revolution),</li>
<li>die dritte die kommunistische Utopie (die russische Oktoberrevolution),</li>
<li>die vierte sei ihre eigene Revolution.</li>
</ul>
<p>In der gleichen Ausgabe befindet sich eine harte Kritik an der bürgerlichen Demokratie und einer Frauengruppe, die innerhalb bestehender Strukturen die Gleichberechtigung der Frau forderte. Es ginge aber nicht um das Bitten liberaler Gesetzgebung, sondern mit allen Geboten zu brechen, um zur Revolution zu kommen.</p>
<p>Die Ausgabe Nr. 3 war ebenso spannend und interessant. Sie enthielt eine Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral (Frauen müssen monogam leben, Männern ist der Seitensprung durchaus erlaubt.). Dahinter steht der Besitzsicherungsanspruch, um ganz sicher zu sein, dass das in der Ehe geborene Kind auch von dem Ehemann stammt. Gesichert sein sollte damit, dass das Erbe das richtige Kind erreicht.</p>
<p>Mujeres Libres verweist in dem Zusammenhang auf den Ausschluss von vielen Frauen aus dem industriellen Produktionsbereich, um in häuslicher Umgebung die Reproduktionsarbeit leisten zu können. Außerfamiliäre Kontakte waren damit unterbunden. Attach:miliciene_front.jpgIm gleichen Artikel propagiert Mujeres Libres die freie Liebe und fordern die Frauen auf, nicht wegen eines Kindes eine Beziehung oder Ehe aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig distanzieren sie sich von der Auffassung anarchistischer Männer, die in freier Liebe lediglich vermehrte Sexualkontakte verstanden und verstehen (Das Gleiche wiederholte sich in der Zeit der 68er Bewegung, in der ein Spruch gut verdeutlicht, was unter freier Liebe verstanden wurde: „Wer zweimal mit der Selben pennt, gehört schon zum Establishment!“).</p>
<p>Sexuelle Freiheit ist lediglich ein Teil der freien Liebe. Es geht bei der freien Liebe um das Erlernen der *guten Liebe*. Im Originaltext heißt es *Buen Amor*.</p>
<p>An einer anderen Stelle des Buches erwähnt Vera Bianchi eine andere Kommunistin mit Namen Soledad Real, die über die patriarchalen Strukturen ihres Mannes berichtet. Zitat Seite 77: „Ein weiteres Mal, als er auf Fronturlaub kam, war für den gleichen Abend eine Parteiversammlung angesetzt, und ich erklärte ihm, ich muß dahin gehen, aber in etwa zwei Stunden bin ich zurück. Er antworte darauf: an erster Stelle komme ich, und in erster Linie hast du dich um mich zu kümmern.“ Als sie doch gehen will, wird sie von ihrem Mann geschlagen.</p>
<p>Für uns heute kaum nachvollziehbar hat Mujeres Libres sich für ein Hygieneprogramm stark gemacht, wie die anarchistische Bewegung insgesamt. Mujeres Libres forderte den Einbau von Badezimmern mit fließendem Wasser und propagierten den Gebrauch von Seife. Im damaligen Spanien keineswegs selbstverständlich, da die TagelöhnerInnen auf dem Land, sowie die wenigen IndustriearbeiterInnen unter katastrophalen Hygienebedingungen lebten. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch.</p>
<p>Ein anderes Anliegen war Mujeres Libres die sinnvolle Freizeitgestaltung. Deshalb propagierten sie in der Zeitschrift sportliche Betätigung als Entspannung, Freude und Erholung.</p>
<p>Wettkämpfe im Sinne von Siegen im Konkurrenzkampf lehnten sie ab.</p>
<p>In der neuen Art Sport zu treiben sahen sie auch ein Mittel zur Stärkung des Selbstbewusstseins.</p>
<p>Um den Bereich Zeitschriften abzuschließen noch eine Bemerkung: In jeder Ausgabe waren Gedichte vorhanden, wobei sicherlich das berühmteste damals neben der Hymne das über den anarchistischen Kämpfer Buenaventura Durutti war.</p>
<p>In dem Abschnitt über Gründe einer Frauenorganisation führt Vera Bianchi aus, dass keineswegs bei allen anarchistischen Frauen der Gedanke der eigenen Organisation auf Zustimmung stieß. Vor allem ältere von Männern anerkannte Anarchistinnen und GewerkschafterInnen waren gegen eine eigenständige Frauenbewegung. Ihr stärkstes Argument war stets, dass das zu Spaltungen von der anarchistischen Bewegung führen würde, und die Frauenfrage sich mit der Abschaffung des Kapitalismus und dem Sieg der Revolution sich erledigen würde. Diese Frauen sahen einen Automatismus von Revolution und Freiheit, dass heißt für sie würde mit dem Sieg der Revolution die Frauenfrage von selbst sich lösen. Auch Anarchisten waren dieser Meinung.</p>
<p>Was allerdings viele anarchistischen Männer in der Praxis darunter verstanden, hat eine der Mitbegründerinnen von Mujeres Libres in der Zeitung „Solidaridad Obera“ veröffentlicht. Sie schreibt über die Arroganz der anarchistischen Männer gegenüber Frauen anhand eigener Erlebnisse. So hat sie Kurse für anarchistische Arbeiter zur Fortbildung gegeben, die sie abbrechen musste, weil die Männer nicht von einer Frau gelehrt werden wollten. Ein anderer Anarchist, als er gefragt wurde, warum seine Frau zu der Konferenz nicht mitgekommen sei, gab einmal zur Antwort: “Meine Genossin hat genug damit zu tun, auf mich und meine Kinder aufzupassen.“. Und eine Rechtsanwältin wollte ein Anarchist doch lieber beim Geschirr spülen sehen statt im Gerichtsaal als Anwältin. Andererseits konnten aber Frauen in anarchistischen Organisationen durch Teilnahme ihr Selbstwertgefühl stärken.</p>
<p>Mit der Gründung der Frauengruppe Mujeres Libres sollte nicht die Geschlechtertrennung zementiert werden, wichtig war ihnen, für einige Zeit einen Freiraum für Frauen zu schaffen, in dem sie sich ungestört von männlicher Arroganz und Dominanz entfalten konnten, um eine eigene starke kritische Persönlichkeit zu entwickeln. Mujeres Libres waren davon überzeugt, dass die Befreiung der Frauen nur sein kann, wenn diese ihre Emanzipation selber in die Hand nehmen.</p>
<p>Zur Unterstützung einer kollektiven Zusammengehörigkeit hat sich die Gruppe eine eigene Fahne gegeben und eine Hymne.</p>
<p>Wie ernst es Mujeres Libres mit der Befreiung der Frauen von Unterdrückung und Ausbeutung war, belegt sich unter anderem nicht nur durch ihre Schulungen zur Weiterbildung in Berufen und Kampf gegen Analphabetentum, sondern auch welcher alltäglichen Themen und Problemen sie sich widmeten. Ein Anliegen von Mujeres Libres war es, den Frauen zu verdeutlichen, dass es nicht zu ihrer ureignen Natur gehört, sich um Schönheit, Schminken, Kochrezepte, Frisurtipps Mode, Klatsch und Tratsch und ähnlichem zu bemühen, wie ihnen in bürgerlichen Zeitschriften suggeriert wird.</p>
<p>Mujeres Libres brach mit dieser Tradition der Klischees und vermittelte ein anderes Frauenbild und einen anderen Begriff von Schönheit. Zitat aus Buch: „Nicht die geschminkte Frau ist schön, sondern die, deren Äußeres zu ihrem Inneren passt. Im Gesicht einer schönen Frau lasse sich der Ausdruck von Güte, Intelligenz und Sensibilität finden – statt Schminke.“</p>
<p>Ähnlich ist ihre Kritik an der Mode, die nur dazu diene, Frauen Zeit zu rauben für wichtigereDinge. Das Streben nach ständig neuer Garderobe kostet zu dem viel Geld, das die Arbeiterinnen für sinnvollere Dinge einsetzen könnten. Außerdem ist die Mode hässlich und wenig nützlich zur Arbeit.</p>
<p>Scharfe Kritik üben Mujeres Libres an anderen Frauengruppen und ihren Publikationen, in denen das alte Frauenbild stabilisiert würde. Die von ihnen kritisierten Klischees tauchen in den Gruppen auf.</p>
<p>Ähnlich scharf ist die Kritik der Mujeres Libres an der moralischen und ethischen Verurteilung der Prostituierten durch die Gesellschaft, was sich in einem 1931 verabschiedeten Gesetz niederschlägt. Prostitution wird verboten, aber bei bekannt werden, kommen nur die Frauen vor Gericht und werden verurteilt. Freier bleiben unbehelligt.</p>
<p>Soziale Hintergründe wie die Armut der Frauen, die sie auf die Straße trieben, blieben unberücksichtigt.</p>
<p>Damit war Prostitution nicht nur ein Thema für die Gruppe, das in ihrer Zeitschrift aufgegriffen wird, vielmehr eröffnen Mujeres Libres Frauenhäuser, in denen Prostituierte geschult werden, um in andere Berufe zu kommen. Außerdem gibt es dort ärztliche Untersuchungen und Prostituierte können dort auch wohnen. Darüber hinaus gibt es auch ökonomische Unterstützung, vor allem aber moralische und ethische Unterstützung. Genau wie heute galten in der damaligen spanischen Gesellschaft – und nicht nur in ihr – Prostituierte als schlechte Menschen . Die Diffamierung ging bis hin zur Beschimpfung als Verbrecherin.</p>
<p>Für Mujeres Libres waren Prostituierte Marginalisierte. Und es waren nicht wenige Frauen aus dem Kreis, die an der Front kämpften. Vielen Anarchisten war das ein Dorn im Auge und sie versuchten nicht selten selbst im Schützengraben sie als Prostituierte statt als Kämpferin zu behandeln.</p>
<p>Anderseits wurden die bewaffnet kämpfenden Frauen – Milicinas – von allen männlichen Kämpfern im Laufe des Bürgerkriegs als Prostituierte bezeichnet und verunglimpft. Auch von Anarchisten. Dabei wurden zu Beginn der Kämpfe mit Plakatpropaganda die Frauen in blauen Overals in heroischen Posen dargestellt, um Frauen für den bewaffneten Kampf anzuwerben. Als das Bild der Miliciana nicht mehr als positives Symbol fungieren konnte, fielen die meisten Frauen in die alte Frauenrolle der Mutterschaft zurück. Diesmal aber nicht als die alles Richtende im individuellen Haus, sondern als die Mutter der Nation.</p>
<p>Als solche war sie in den Lazaretten als Pflegerin willkommen. Somit waren die spanischen Frauen wieder versöhnt mit den Milicianas und eine Identifikation war mit ihnen möglich.</p>
<p>„Quer durch alle Ideologien herrschte und herrscht zum Teil noch immer die Ansicht, Frau und Kampf schließe sich aus.“ Zitiert nach Ingrid Strobl: Frauen im bewaffneten Widerstand.</p>
<p>Das ist sicherlich auch der Hintergrund für den Erlass vom November 1936 durch Caballero, der es Frauen untersagt, mit der Waffe an der Front zu kämpfen.</p>
<p>Diesem Dekret leistet Mujeres Libres keinen Widerstand. Der Teil der Mujeres Libres, die bis dahin als Kämpferinnen an der Front waren, gehen nun als Krankenschwestern in feste und fahrende Lazarette, als Arbeiterin in die Industrie, um den Mann zu ersetzen, und sind wieder auf dem Land tätig.</p>
<p>Wichtig vielleicht noch zu erwähnen, dass die Gruppe Mujeres Libres im Vergleich zu anderen Frauengruppen, wie z. B. den Mujeres Antifascictas niemals Frauen angeworben haben und sie als Mitläuferinnen behandelten. Das ist ein Vorwurf an Frauengruppen aus der kommunistischen Partei, besonders den Stalinistinnen. Ihnen machten Mures Libres den Vorwurf Frauen für parteipolitische Zwecke zu manipulieren und benutzen. Aber auch die anarchistische Bewegung soll Frauen nicht hinreichend informiert haben über das, was sie zu erwarten haben beim Kampf gegen Faschismus.</p>
<p>Der Hauptunterschied zu den anderen Gruppen bestand darin, dass Mujeres Libres den Kampf um ökonomische und gesellschaftliche Befreiung nicht trennte von dem gleichzeitigen Kampf um die Befreiung der Frau.</p>
<p>Der Weitergang der Revolution nicht zu trennen war vom Kampf gegen den Faschismus.</p>
<p>Während Mujeres Libres eine unabhängige Gruppe war, was sie stets in ihrer Zeitung genau so wie auf Veranstaltungen betonen, waren die von kommunistischen Parteien abhängigen Frauengruppen auch gleichzeitig moskautreu. Sowjetische Frauen werden verherrlicht und als Vorbilder dargestellt, obwohl sie zum größten Teil zu den Säuberungen in Russland schwiegen, die zeitgleich stattfanden. Geschwiegen wurde auch zu den Verhaftungen von AnarchistInnen durch die KommunistInnen in Spanien.</p>
<p>Im Oktober 1938 erscheint die letzte Nummer von „Mujeres Libres“ und am 1. April 1939 ist Francos Sieg über die Volksfront besiegelt. Vera Bianchi schreibt, dass sie nichts genaues über das Schicksal der vielen Mitgliederinnen von Mujeres Libres weiß. Sie gibt nur ein Bild und beschreibt die Atmosphäre nach der Eroberung Spaniens durch die Faschisten. Danach sind die Gefängnisse hoffnungslos überbelegt. Es kommt zu Folter, Vergewaltigungen und anderen Brutalitäten. Besonders auch durch weibliches Personal. Dem stand die Solidarität der gefangenen Frauen gegenüber, die sich Essen teilten und gegenseitig auf ihre Gesundheit achteten.</p>
<p>Bekannt ist nur, dass Lucía Sánchez Saornil, eine der Mujeres Gründerinnen, noch vor dem Sieg der Francisten im Januar 1939 ins Exil nach Paris ging. Beim Einmarsch der Deutschen 1940 flieht sie in die Nähe von Toulouse und arbeitet mit Quäkern zusammen. Aus Angst vor Verhaftung und Konzentrationslager geht sie 1942 nach Spanien zurück. Als sie in Madrid eines Tages auf der Strasse erkannt wird, flieht sie nach Valencia zur Familie ihrer Lebensgefährtin.</p>
<p>Auch Mercedes Comaposada floh 1939 mit ihrem Lebensgefährten Baltasar Lobo nach Paris. Aufgrund der Führsprache von Pablo Picasso wurden sie in Paris geduldet. Sie arbeitet als Picassos Sekretärin und später als Managerin von Baltasar Lobo, der sich auf die Herstellung von Skulpturen spezialisiert hatte. Mercedes Comaposada stirbt 1994.</p>
<p>Ab 1964 gibt es eine Exilzeitung mit Namen „Mujeres Libres en Exilio“, die in Süd-Frankreich nahe der Spanischen Grenze hergestellt wird. Suceso Portalis und Sara Guillén hatten sie mit anderen ehemaligen, jetzt im Exil lebenden „Mujeres Libres“ gegründet. Auch neue bis dahin Nichtmitgliederinnen kamen dazu. Ihre Themen glichen denen von früher wie z. B. über „bewusste Mutterschaft“, Kindererziehung – neue Pädagogik, die davon ausging, dass selbstbewusste Menschen von Anbeginn ihres Lebens sich entwickeln – Empfängnisverhütung, historische/politische Literatur, sowie alte und neue Gedichte.</p>
<p>Nach dem Ende der Franco-Diktatur gründete sich „Mujeres Libres“ ab 1976 erneut in einigen spanischen Städten wie Barcelona, Madrid, Sevilla, Valencia und Zaragoza. Ab 1977 erscheint auch wieder ihre Zeitschrift gleichen Namens. Vera Bianchi schreibt, dass sie danach nichts mehr über Mujeres Libres finden kann, und somit nicht weiß, ob die Gruppe noch weiterhin bestand hatte.</p>
<p><strong>andere Frauengruppen</strong></p>
<p>Schon 1933 gründete sich die Frauengruppe „Agrupación Mujeres Antifacistas“ AMA, -anitfaschistische Frauengruppe &#8211; unter der Schirmherrschaft der Kommunistischen Partei. Ursprünglich hieß die Gruppe „Mujeres contra la Guerra y el Fascismo“ – Frauen gegen Krieg und Faschismus. Diese Gruppe war die einflussreichste Frauengruppe und war Mitglied der 3. Internationale. Frauen aus der Partei und der AMA schlossen sich zusammen unter dem Namen “Mujeres Antifascistas.“ Eine Zeitung mit dem Namen „Monatszeitschrift des Nationalkomitees der antifaschistischen Frauen“ wurde ab 1937 produziert.</p>
<p>Im September 1936 gründen die marxistische Poum eine eigene Frauenorganisation, „Secretariado Femenino del Poum“, die aber von der Partei kontrolliert wird. Die Befreiung der Frau wird nicht thematisiert und spielt in der praktischen Arbeit keine Rolle, da sie als Nebenwiderspruch behandelt wird. Im Widerspruch dazu steht allerdings, dass in ihren Veröffentlichungen Stellung bezogen wird zur Geburtenkontrolle, Abtreibung und Sexualität. Im Mai 1937 löst sich diese Frauengruppe wieder auf.</p>
<p>Poum = Patido Socialista Obrero de Unificación Marxista = Arbeiterpartei der Marxistsichen Vereinigung, linkskommunistisch orientiert. Entstand im September 1935 aus dem Zusammenschluss des BOC und der Kommunistischen Linken. Wichtigste linksradikale Partei während des Bürgerkriegs; erlitt blutige Verfolgungen von Seiten der Stalinisten und war beteiligt am Maiaufstand von 1937 in Barcelona.</p>
<p>BOC = Bloc Obrer i Camperol &#8211; Arbeiter- und Bauernblock, entstand 1930 in Barcelona aus dem Zusammenschluss mehrerer kommunistischer Oppositionsgruppen Kataloniens. Schloss sich im September 1935 mit der dem Trotzkismus nahe stehenden „Kommunistischen Linken“ Andrés Nins zur Arbeiterpartei der Marxistischen Vereinigung (POUM) zusammen.</p>
<p>Eine weitere Frauenorganisation war die „Union der Frauen Kataloniens“ (UDC). Diese war ebenfalls der Kommunistischen Partei Spaniens untergeordnet. Die ANDJ „Nationale Allianz der jungen Frauen“ war eine Frauengruppe, die von der Jugendorganisation JSU gegründet war. JSU = Juventudes Sozialistas Unificades = Vereinigte Sozialistische Jugendorganisation.</p>
<p><em><strong>Alle Abkürzungserklärungen aus der Biographie von Abel Paz: „DURUTTI“, Nautilus Verlag. 1994.</strong></em></p>
<p><em>Dieser Beitrag ist während einem Seminar vom 4. bis 6. April 2005 in Potsdam/Berlin gehalten worden. </em></p>
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		<title>Der Einfluss von Frauen auf den frühen Anarchismus</title>
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		<pubDate>Thu, 28 May 2009 17:18:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Interesse feministischer Forscherinnen an der Geschichte des Anarchismus hat sich bislang auf wenige herausragende Figuren wie Louise Michel, Emma Goldmann oder Clara Wichmann konzentriert. Vom Einfluss von Frauen auf die Anfänge des Anarchismus, in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, ist wenig bekannt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-218"></span>Das Interesse feministischer Forscherinnen an der Geschichte des Anarchismus hat sich bislang auf wenige herausragende Figuren wie Louise Michel, Emma Goldmann oder Clara Wichmann konzentriert. Vom Einfluss von Frauen auf die Anfänge des Anarchismus, in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, ist wenig bekannt. Das liegt wohl zum großen Teil daran, dass die &#8220;Ahnenreihe&#8221; des Anarchismus häufig mit dem französischen Sozialphilosophen Pierre-Joseph Proudhon begonnen wird, einem überzeugten Antifeministen, was natürlich den Schluss auf feministische Gründungsimpulse zu widerlegen scheint. Wenn man die Anfänge des Anarchismus bei Proudhon sucht – und fast jede allgemeine Darstellung der Geschichte des Anarchismus tut das – dann lässt sich kaum vermuten, dass Frauen mit diesen Anfängen etwas zu tun gehabt haben könnten.</p>
<p>Daran hat auch die Tatsache nichts geändert, dass die zweite große Gründerfigur des Anarchismus, der russische Revolutionär Michael Bakunin, im Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter eine dezidiert egalitäre Haltung einnimmt. Zwar gilt er deshalb für manche seiner Biografen geradezu als &#8220;Pionier der Frauenemanzipation&#8221;[1], doch der eklatante Widerspruch zwischen Proudhon und Bakunin – die doch beide den Anarchismus begründet haben sollen – scheint den Ideengeschichtlern bisher wenig Kopfschmerzen bereitet zu haben. Aus androzentristischer Perspektive ist eben die jeweilige Position, die eine politische Theorie zu &#8220;den Frauen&#8221; einnimmt, schlicht unwesentlich, so als ob manche Leute zufällig Antifeministen und andere Feministen seien, ohne dass sich das Auswirkungen auf den Rest ihrer Theorie im geringsten auswirken würde.</p>
<p>Geht man jedoch davon aus, dass die Geschlechterdifferenz einen wesentlichen Punkt im Rahmen einer politischen Theorie darstellt – und die zeitgenössischen Akteure inklusive Proudhon und Bakunin tun das – so muss die Annahme einer gemeinsamen Traditionslinie von Bakunismus und Proudhonismus in Frage gestellt werden. Wenn man diese Perspektive erst einmal einnimmt, dann erschließen sich auch ganz neue Erkenntnisse über das, was damals in der europäischen Arbeiterbewegung, vor allem in der Ersten Internationale, diskutiert wurde. Und es stellt sich heraus, dass Frauen bei diesen Diskussionen in entscheidendem Maß beteiligt waren.[2]</p>
<p><strong>Virginie Barbet und die &#8220;Allianz der sozialistischen Demokratie&#8221;</strong></p>
<p>Die männerzentrierte Sichtweise, nach der im frühen Anarchismus Frauen nicht vermutet werden, hat bis in die Quelleneditierung hinein Verwirrung gestiftet. Folgende Passage zum Beispiel findet sich im Protokoll vom 5. Juni 1869 der Versammlung der &#8220;Allianz der Sozialistischen Demokratie&#8221;, einer politischen Gruppe von Frauen und Männern, die Bakunin ein halbes Jahr zuvor in Genf gegründet hatte: &#8220;Bakunin berichtet über das Treffen in Neuchatel &#8230; dann verliest er einen Brief an Madame Barbet in Lyon, begleitet von einem Artikel über das Erbrecht – Fortsetzung der Diskussion &#8230; worauf Abschaffung des Erbrechts einstimmig akzeptiert wird&#8221;[3]. Der Text ist merkwürdig: Warum sollte Bakunin einen Brief und einen Artikel, den er an Virginie Barbet nach Lyon schicken will, vorher öffentlich verlesen? Ist es nicht eher üblich, dass man in einer politischen Versammlung Briefe verliest, die man von Gleichgesinnten bekommen hat? Virginie Barbet, die angebliche Adressatin des Briefes, war Mitglied in der Allianz und schrieb häufig Artikel für sozialistische Zeitungen – unter anderem auch für die Zeitung &#8220;Egalité&#8221;, deren Redaktion von Bakunin geleitet wurde. Wäre es da nicht wahrscheinlicher, dass sie einen Brief an Bakunin geschrieben hat, mit der Bitte, ihren beiliegenden Artikel zu veröffentlichen? Mit anderen Worten: Könnte da nicht im Laufe der Überlieferungsgeschichte der Protokolle aus dem Wörtchen &#8220;von&#8221; das Wörtchen &#8220;an&#8221; geworden sein?</p>
<p>Wenn man hier textkritisch nachforscht, stellt sich erst einmal heraus, dass das französische Original des Protokolls nicht mehr auffindbar ist, sondern zwei mal aus einem jeweils nur handschriftlich vorliegenden Text übertragen wurde[4] &#8211; es gibt also zwei mögliche Fehlerquellen. Der entscheidende Hinweis findet sich schließlich bei James Guillaume, der damals Redaktionsmitglied der Egalité war. Er erinnert sich, im Juni oder Juli 1869 eine Zuschrift zum Thema Erbrecht erhalten zu haben, die &#8220;einige Einwände gegen einen Artikel von Madame Virginie Barbet aus Lyon vorbrachte, der in der Nummer vom 12. Juni veröffentlicht worden war&#8221;[5]. In dieser Ausgabe ist in der Tat ein Artikel über das Erbrecht enthalten, der auch noch aus Lyon datiert– eine Indizienkette, die ausreichen sollte, um in Virginie Barbet die Autorin dieses Artikels zu sehen, der bislang Bakunin zugeschrieben wurde.</p>
<p>Es waren also, unter anderem, die Thesen einer Frau, Virginie Barbet, die den Diskussionen in der Bakunin-Gruppe zu Grunde lagen. Die Forderung nach Abschaffung des Erbrechs stellte Bakunin im September 1869 beim Basler Kongreß der Ersten Internationale zur Abstimmung und forderte damit die Marxisten heraus, die dies ablehnten. An dieser Frage wurde erstmals die Spaltung der Internationale in zwei gegensätzliche theoretische Lager, den Anarchismus und den Marxismus, sichtbar, ein Konflikt, der zwei Jahre später zum Ende der Internationale führte und den Anfang einer jahrzehntelangen ideologischen Auseinandersetzung über die theoretische Ausrichtung der sozialistischen Bewegung markiert. Und dennoch – kein Mensch kennt heute Virginie Barbet!</p>
<p>Dabei scheint sie eine wichtige Persönlichkeit der bakunistischen Allianz und der Lyoner Sektion der Internationale gewesen zu sein. In Quellendokumenten begegnet ihr Name relativ häufig, in Mitgliederlisten, Protokollen oder als Unterschrift unter Aufrufen und Solidaritätsbekundungen. Auch Chronisten der Internationale wie James Guillaume, Sreten Maritch, Jacques Rougerie oder Maurice Moissonier erwähnen Barbet, allerdings meist in Anmerkungen oder Nebensätzen.[6] Über ihre Biografie ist deshalb nur wenig bekannt, nicht einmal ihr Geburts- und Todesjahr. Man weiß lediglich, dass sie in Lyon eine Gaststätte betrieben hat.[7] Andererseits ist jedoch von ihr genügend Schriftliches erhalten – Zeitungsartikel, Flugschriften, Manifeste[8] – so dass sich durchaus mehr über sie sagen lässt, als nur einen Hinweis auf die bloße Tatsache ihrer Existenz zu geben.</p>
<p>Es ist nicht ganz klar, unter welchen Umständen Barbet zur Allianz der sozialistischen Demokratie gefunden hat, aber wahrscheinlich ist es beim Kongress der Friedens- und Freiheitsliga im September 1868 zum Kontakt zwischen ihr und Bakunin gekommen. Die Liga war eine internationale Vereinigung von zum Teil sehr prominenten Reformerinnen und Reformern wie Victor Hugo, John Stuart Mill oder Giuseppe Garibaldi, die für eine Überwindung nationaler Konflikte durch die Gründung einer Europa-Union und die Abschaffung der stehenden Heere eintrat. Anders als in der vier Jahre vorher gegründeten Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA), die damals ein reiner Männerverein war, arbeiteten viele Frauen in der Friedensliga mit, vor allem die Schweizer Feministin Marie Goegg. Auch Virginie Barbet, die sich dem Kongress als Vertreterin &#8220;der Frauen der Lyoner Sozialdemokratie&#8221;[9] vorstellte, hielt dort eine Rede über die Bedeutung von Fraueninteressen für politische Bewegungen.</p>
<p>Bakunin hatte sich von Anfang an stark in der Liga engagiert und auch den Kongress mit vorbereitet. Seine dringende Forderung, auch sozialistische Positionen in das Programm aufzunehmen, wurde aber von der bürgerlichen Mehrheit der Ligamitglieder abgelehnt. Daraufhin traten er und etwa zwanzig weiteren Frauen und Männern aus der Friedensliga aus und gründeten die &#8220;Allianz der Sozialistischen Demokratie&#8221;. Eine Sektion dieser Allianz wurde ein halbes Jahr später, im Sommer 1869 von Virginie Barbet und Albert Richard in Lyon gegründet.</p>
<p>Anders als Bakunin war Barbet zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied der Internationale, doch dürfte sie als &#8220;überzeugte Anhängerin der Frauenemanzipation&#8221;[10], wie sie sich selbst bezeichnete, mit deren bis dahin eher antifeministischer Ausrichtung kaum einverstanden gewesen sein. Vor allem in Frankreich war die Internationale in den ersten Jahren ihres Bestehens nämlich ideologisch sehr vom Proudhonismus beeinflusst und die französischen Vertreter bei den ersten Internationale-Kongressen sahen ihre Aufgabe vor allem darin, die Ablehnung der Frauenerwerbsarbeit in der Programmatik der Internationale zu verankern. Die Allianz dagegen gab sich sofort ein dezidiert feministisches Programm. Gleich im zweiten Punkt wird &#8220;die politische, ökonomische und soziale Gleichmachung der Klassen und der Individuen beider Geschlechter&#8221;[11] gefordert – es ist sehr wahrscheinlich, dass Barbet hier eine Möglichkeit sah, ihr sozialistisches und feministisches Engagement zu verbinden.</p>
<p>Der Eintritt von Virginie Barbet in die Allianz und deren Anschluss an die Internationale im Winter 1868/69 fällt in eine Zeit, wo die Internationale in Frankreich einen Richtungswechsel vollzog. Besonders in Paris wurden die konservativ-proudhonistischen Gründer nun von jüngeren, militanteren Männern zurückgedrängt, hier sind vor allem Benoit Malon und Eugène Varlin zu nennen, die der Internationale ein kämpferischeres, radikaleres, weniger frauenfeindliches Image gaben. Diesen Richtungswechsel trieb auch Virginie Barbet in Lyon voran. Spätestens seit Juli 1868 hatte sie Kontakt zu einer Pariser feministischen Gruppe, der &#8220;Sociéte pour la Révendication du Droit des Femmes&#8221; um André Léo, von der später noch die Rede sein wird.[12] Dabei wurde sie dabei von anderen Frauen aus der Lyoner Internationale, etwa Marie Richard[13], unterstützt.</p>
<p>Schon vor ihrer Bekanntschaft mit Bakunin und der Gründung der Allianz ging Barbet also – in deutlicher Abgrenzung vom saint-simonistischen Feminismus, der die Geschlechterdifferenz betonte &#8211; davon aus, die Natur habe Frau und Mann gleich geschaffen und daher sei auch die &#8220;Gleichmachung&#8221; von Frauen und Männern durch Abschaffung materieller und kulturell geschaffener Unterschiede möglich. Barbets Anschluss an die Allianz erscheint vor diesem Hintergrund ganz folgerichtig. Als Schatzmeisterin der Lyoner Internationale und Mitglied in dem Ausschuss, der die Delegierten für die internationalen Kongresse wählte, hatte sie auch genügend Einfluss auf die Lyoner Internationale insgesamt, um einen solchen Richtungswechsel hier anzustoßen. Dennoch war es nach Meinung der meisten Forscher nicht Barbet, sondern der blutjunge Albert Richard, der Sohn von Marie Richard, der in der Lyoner Internationale die Richtung vorgab. Die herausragende Führungsrolle, die vor allem Richard selber sich zugeschrieben hat,[14] wird in der Literatur völlig unkritisch übernommen, was aber auch daran liegt, dass Richard als Vertreter Lyons bei den IAA-Kongressen 1868 und 1869 in den offiziellen Dokumenten vorkommt, deren Bedeutung für die Theoriediskussionen in der IAA ohnehin oft überschätzt wird.[15] Der Hauptgrund dafür, dass Richards dominante Rolle bisher nicht in Frage gestellt wurde, ist aber wohl, dass Barbets Teilnahme am Friedensliga-Kongress in Bern weitgehend unbekannt ist und man also davon ausgeht, dass allein Richard dort Bakunin kennengelernt habe.</p>
<p>Gegen Richards Führungsqualitäten sprechen jedoch, neben seinem jungen Alter, die Einschätzungen zahlreicher Zeitgenossen. James Guillaum charakterisiert als &#8220;dumm&#8221;, &#8220;kindisch&#8221; und &#8220;überheblich&#8221;[16] Victor Jaclard attestiert ihm &#8220;eine Reihe von Charakterschwächen, eine extrem persönliche Ambition, eine grenzenlose Eitelkeit, einen völlig unausgeglichenen Geist&#8221;[17]. Vor allem aber hatte Richard inhaltlich überhaupt keine gefestigte Position. Es ist völlig unklar, für welche Inhalte er stand. In der Lyoner Internationale war er spätestens im Frühjahr 1870 sehr umstritten, man verdächtigte ihn, ein Polizeispitzel zu sein, und während der Pariser Kommune wurde er dann überzeugter Bonapartist.[18]</p>
<p>Virginie Barbets politische Schriften zeigen dagegen eine klare inhaltliche Position. Eines ihrer wichtigsten Anliegen war, wie bereits angedeutet, die Abschaffung des Erbrechts: Durch diesen Schritt sollte ein gleicher materieller &#8220;Ausgangspunkt&#8221; für alle Kinder geschaffen werden, um die &#8220;Gleichmachung der Individuen&#8221; zu befördern. Besonders vehement wurde diese Diskussion im Vorfeld des Basler Kongresses im September 1869 geführt, wo die Allianz diese Frage zur Abstimmung brachte. Die Egalité – die Genfer Allianzzeitung – widmete bereits in der Nummer vom 1. Mai 1869 ihren Leitartikel diesem Thema. Er stammt sehr wahrscheinlich aus der Feder Bakunins, der darin vor allem bemüht ist, die kleinbürgerlichen Ängste der Arbeiter zu beschwichtigen. Anders dagegen der zweite programmatische Artikel zum Thema, eben der eingangs erwähnte von Virginie Barbet, der am 12. Juni erschien. Dort polemisiert sie gegen den Autor des ersten Artikels, also Bakunin, wenn sie schreibt: &#8220;Wenn wir diese Frage aufgreifen, &#8230; haben wir uns keineswegs vorgenommen, eine vertiefende Studie zu machen, sondern wir wollen lediglich die Aufmerksamkeit &#8230; auf eine der wichtigsten Tatsachen lenken. Ja, der wichtigsten, denn man darf nicht verschweigen, dass eine soziale Revolution, die vorgibt, die Gleichheit zu etablieren und nicht mit der Abschaffung des Erbrechtes anfängt, ihr Ziel eindeutig verfehlen würde&#8221;.[19]</p>
<p>Für Barbet ist die Notwendigkeit, das Erbrecht abzuschaffen, keine Frage, die &#8220;vertiefender Studien&#8221; bedarf, sondern ein Faktum, das schlicht in Erinnerung gerufen werden muss. Deutlicher als die meisten anderen Allianzmitglieder macht sie das Erbrecht zur Prinzipienfrage. Und anders als Bakunin nimmt sie dabei auch keinerlei Rücksicht auf die Bedenken, die von kleinbürgerlich-patriarchal orientierten Familienvätern innerhalb der Arbeiterbewegung zu erwarten sind. Während Bakunin von der Notwendigkeit ausgeht, überhaupt erst einmal die Diskussion über das Erbrecht zu führen und sich bemüht, Bedenken durch behutsame Argumentation auszuräumen, macht Barbet die Erbrechtsfrage sozusagen zur Gretchenfrage. Dass viele auch in der anarchistischen Bewegung jener Zeit sie damit für zu radikal hielten, wird auch aus entsprechenden Leserbriefen deutlich.[20]</p>
<p>Ein anderer Punkt, an dem sich kontroverse Positionen von Barbet und Bakunin aufzeigen lassen, ist Barbets Konzept der revolutionären Gewaltfreiheit. Bakunin erhoffte sich in jenen Jahren zunehmend einen revolutionären Schub für gewaltsame Aufstände und rechnete dabei auch auf das &#8220;Lumpenproletariat&#8221;, die Deklassierten, die Verzweiflung derer, die ohnehin nichts zu verlieren haben.[21] Dies zeugt von einer tendenziell männlichen Perspektive, zumindest im Rahmen einer Gesellschaft, in der die Sorge um Kinder, kranke und alte Menschen weitgehend in die Verantwortung von Frauen fallen. Auch dann, wenn sie zum &#8220;Lumpenproletariat&#8221; gehörten, dürften Frauen nicht unbedingt die Desperados gewesen sein, die Bakunin sich vorgestellt. Vielleicht hatte Barbet diese konkrete Lebensrealität im Blick, denn im Gegensatz zu Bakunin klagte sie vor allem die Gewaltlosigkeit politischer Aktionen ein.</p>
<p>Ihre Strategie des gewaltfreien Widerstands kommt sehr deutlich in einem von ihr verfassten Manifest zum Ausdruck, in dem Lyoner Sozialistinnen im Januar 1870 an die jungen Männer der Stadt appellieren, ihrer Einberufung zum Militärdienst nicht zu folgen.[22] Barbets Argumentation ist dabei nicht eine der prinzipiellen Gewaltlosigkeit. Der Militärdienst müsse verweigert werden, weil die Regierung des Second Empire nicht die Interessen des französischen Volks vertrete, sondern die der &#8220;Unterdrücker des Proletariats&#8221;. Für den Fall, dass es zum passiven Widerstand in Form einer Militärdienstverweigerung kommt, sagt Barbet den jungen Wehrpflichtigen die Unterstützung der Frauen zu. Sie rät ihnen, auf den Einberufungsbefehl gar nicht zu antworten oder die Gründe darzulegen, warum sie in einer Armee Bonapartes nicht kämpfen könnten. Für die Frauen selbst hat Barbet dabei eine eigene Methode vorzuschlagen: &#8220;Sobald wir erfahren, dass einer oder mehrere von euch verhaftet wurden, werden wir massenhaft bei den verantwortlichen Autoritäten eure Freilassung fordern&#8221;[23], verspricht sie.</p>
<p>Drei Monate später veröffentlicht Barbet – wieder im Namen der Lyoner Sozialistinnen – ein weiteres Manifest, in dem sie diese Strategie deutlicher ausformuliert. Diesmal geht es um die Unterstützung eines großen Streiks der Minen- und Stahlarbeiter in Le Creuzot. Barbet fordert die Frauen auf, den Streik ihrer Männer (in der Stahlindustrien waren kaum Frauen beschäftigt) zu unterstützen, und zwar mit einer gewaltfreien, revolutionären und originär weiblichen Kampfform: &#8220;Sprecht die Sprache der Wahrheit zu den Soldaten, die euch umzingeln. &#8230; Sagt diesen unglücklichen Kinder des Volks, dass die Männer, die zu verfolgen sie den Befehl haben, nicht &#8230; Söldner irgendeiner politischen Partei sind, sondern Eure Väter, Eure Brüder, Eure Ehemänner, &#8230; die kein anderes Verbrechen begangen haben als das, das heiligste Recht des Menschen einzufordern, nämlich von ihrer Arbeit zu leben. Mit solchen Worten, da könnt Ihr sicher sein, werdet ihr sie beeindrucken&#8221;[24]. Auch wenn diese Strategie in Creuzot noch an der Übermacht von Militär und Polizei scheiterte, so war sie doch ein Jahr später in Paris erfolgreich: Genau mit dieser Verunsicherung der Soldaten, dem wortreichen &#8220;Dazwischenstellen&#8221; der Frauen zwischen die Regierungstruppen und die Aufständigen, mit der Überzeugungsarbeit der Frauen begann am 18. März 1871 die Kommune von Paris.</p>
<p><strong>André Léo und die antiautoritäre Internationale</strong></p>
<p>In der Pariser Kommune begegnet man einer weiteren Protagonistin des frühen Anarchismus, die für dessen Entwicklung vielleicht noch wichtiger war: Die Pariser Schriftstellerin und Journalistin André Léo (1824-1900).[25] Sie hatte sich in der anti-proudhonistischen Frauenbewegung der fünfziger und sechziger Jahre mit ihren Romanen und ihrem 1868 erschienenen theoretischen Hauptwerk &#8220;Les femmes et les moeurs&#8221;[26] einen Namen gemacht. 1866 gründete sich in ihrer Wohnung die &#8220;Société pour la Revendication du Droit des Femmes&#8221;, die schon bald zum Sammelbecken der führenden Feministinnen in Paris wurde, darunter Paule Minck (die spätere Mitbegründerin der französischen Arbeiterpartei), die damals noch ganz unbekannte Louise Michel, sowie die bekannte Frauenrechtlerin Maria Deraismes.</p>
<p>Die Société markierte eine Neuorientierung gegenüber dem frühsozialistischen Feminismus der dreißiger und vierziger Jahre im Umfeld Fouriers und des Saint-Simonismus: Als Reaktion auf die antifeministischen Kampagnen bürgerlicher Intellektueller wie Proudhon, Michelet und anderen stellten die Feministinnen nun nicht mehr die Geschlechterdifferenz in den Vordergrund, argumentierten nicht mehr mit den besonderen Fähigkeiten und Interessen von Frauen, die deren Partizipation am öffentlichen Leben notwendig machten, sondern betonten die Gleichheit der Geschlechter. Die faktischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern führten sie weitgehend auf ihre Sozialisation zurück, und entsprechend wichtig wurde ihnen die Betonung der Bildungsarbeit, die Forderung nach gleichen Bildungschancen für Mädchen. Der entscheidende Topos für die Argumentation war aber, dass sie von Frauen nicht mehr als Gruppe sprachen, sondern besonders ihre Individualität betonten.</p>
<p>Es war diese Gruppe Pariser Feministinnen, die spätestens seit 1866 den typisch egalitären Feminismusansatz als Gegenstrategie gegen den bürgerlichen Antifeminismus herausarbeitete, den dann im Sommer 1868 die Lyoner Internationalistinnen um Virginie Barbet aufnahmen und der sich Ende 1868 auch im Programm der anarchistischen Allianz um Bakunin niederschlug. So ist es auch eine logische Konsequenz, dass es früher oder später zu einer Zusammenarbeit zwischen den Pariser Allianzisten und den Feministinnen der Société kam.[27]</p>
<p>Im Gegensatz zu den bekanntesten Antiproudhonistinnen der Zeit, Juliette Lamber (verh. Adam) und Jenny D&#8217;Héricourt[28], ist für André Léo die rechtliche Gleichstellung von Frauen allerdings nicht eine logische Folge der Verwirklichung der bürgerlichen Gesellschaft und der Umsetzung gleicher Rechte. Léo erkennt, dass die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft &#8211; ebenso wie die sozialistische &#8211; auch gut auf der Basis der Familie existieren kann. Sie klagt daher nicht nur die innere Logik der Aufklärung ein, sondern hält es für wichtig, auch eine materielle Basis dafür zu schaffen. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, dass Frauen sich nicht nur theoretisch, sondern auch konkret als Individuen an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen können – von hier kommt André Léo zur Forderung nach Erwerbsarbeit für Frauen und einer sozialistische Umgestaltung der Wirtschaftsordnung.</p>
<p>Insofern André Léo, zusammen mit Paule Minck, die sie in dieser Hinsicht vermutlich beeinflusst hat, dem Pariser Feminismus eine sozialistische Wendung gab, wurde ihre Gruppe natürlich zu einer Herausforderung für die proudhonistische Pariser Internationale, was sich auch bald in einem öffentlich ausgetragenen Konflikt nieder schlug. In den Archives Nationales in Paris ist eine Reihe von handschriftlichen Polizeiprotokollen über 16 Versammlungen zum Thema &#8220;Frauenarbeit&#8221; fast vollständig erhalten[29], die diese Kontroverse dokumentieren. Paule Minck, André Léo und andere führten hier vor einem Auditorium von mehreren tausend Männern und Frauen einen öffentlichen Streit mit wichtigen Pariser Internationalisten.</p>
<p>Folgt man den Polizeiprotokollen, dann scheint die Grundstimmung dieser Treffen der Frauenarbeit tendenziell wohlgesonnen gewesen zu sein. Am 6. Juli etwa spricht sich offenbar nur der Internationale Jean-Pierre Héligon gegen Frauenerwerbsarbeit aus, alle anderen Rednerinnen und Redner äußern sich positiv. In der folgenden Woche, am 13. Juli, hält Paule Minck eine lange und eindrückliche Rede zugunsten der Frauenerwerbsarbeit, die später auch als Broschüre gedruckt wird.[30] Bei diesen Versammlungen wird auch deutlich, dass es damals zwei rivalisierende Gruppen in der Pariser IAA gab und dass die Position zur &#8220;Frauenfrage&#8221; einer ihrer wichtigsten Streitpunkte war. Aus Protest gegen Héligons Rede meldeten sich nämlich Eugène Varlin und Benoit Malon, (die an den Versammlungen nicht teilnehmen konnten, weil sie wegen einiger militanter Aktionen in jenen Monaten inhaftiert waren) in einem offenen Brief zu Wort und stellten klar, dass die Internationale &#8220;besonders in der Frauenfrage verschiedene Gruppen umfasst, die auf keinen Fall miteinander verwechselt werden dürfen&#8221;[31].</p>
<p>Der oben bereits angedeutete Richtungswechsel in der IAA, den auch Virginie Barbet in Lyon vorantrieb, war daher wohl auch Voraussetzung für den Eintritt von André Léo in diese Organisation. Ende 1868 trat sie in die vom Allianz-Mitglied Malon geführte Sektion Batignolles ein und setzte ihre Reputation als anerkannte Schriftstellerin der IAA, die damals unter dauernden Schikanen der bonapartistischen Polizei zu leiden hatte, zur öffentlichen Verteidigung dieser Arbeiterorganisation ein. Nur mit Bakunin kam es bald schon zu Auseinandersetzungen.</p>
<p>Die Genfer Allianz-Zeitung Egalité, immer bemüht, bekannte Autorinnen und Autoren zu gewinnen, kündigte in ihrer Ausgabe vom 27. Februar 1869 stolz die Mitarbeit von Léo, &#8220;einer der ersten sozialistischen Schriftstellerinnen Frankreichs&#8221;, an. Doch bereits am 13. März sieht sich Léo genötigt, eine Klarstellung ihrer Prinzipien zu veröffentlichen und distanziert sich von der antibürgerlichen Propaganda der Zeitung: &#8220;Ich stimme mit Ihnen in den Zielen überein, wir unterscheiden uns aber zuweilen in den Mitteln&#8221;. Gegen Bakunin plädiert Léo hier für eine gewisse Offenheit potentiellen Bündnispartnern im republikanischen Lager gegenüber und schreibt: &#8220;Wir glauben an die Gleichheit. Seien wir konform mit unserem Glauben, indem wir &#8230; nicht ohne Beweise Verdacht gegen die Loyalität derer erheben, die sich von uns unterscheiden&#8221;. Noch in der gleichen Ausgabe schreibt Bakunin einen Gegenkommentar, in dem er seine Kompromisslosigkeit rechtfertigt: &#8220;Jede Konzession würde bedeuten, die vollständige Emanzipation der Arbeit aufzuschieben&#8221;.</p>
<p>Allerdings stand André Léo mit ihrer Auffassung keineswegs allein da. Elisée Reclus unterstützte sie in einem Leserbrief der, so Bakunin, &#8220;denselben Geist der Versönlichkeit trägt&#8221;[32]. Auch Malon, so weiß man aus Bakunins Briefen, schlug sich auf Léos Seite. Doch anstatt dem Urteil seiner langjährigen politischen Weggefährten zu folgen, warf Bakunin ihnen Häresie vor und führte den Grund auf ihre &#8220;Schwächen für die dramatischen und sentimentalen Ungereimtheiten des schönen Geschlechts&#8221;[33] zurück. Bakunins Urteilskraft war in diesem Zeitraum ziemlich getrübt, wahrscheinlich wegen seiner kurzen, aber doch einige Monate lang sehr leidenschaftlichen Bewunderung für die radikale Rhetorik eines jungen russischen Revolutionärs Sergej Nechajev, der damals in Genf lebte. Dies ist vermutlich auch der Grund für seine Überschätzung des sich ebenfalls radikal gebärdenden Albert Richard in Lyon.</p>
<p>Die Positionen von Bakunin und Léo näherten sich aber nach der Pariser Kommune wieder an. Nach dem unrühmlichen Abgang seiner jungen Pseudorevolutionäre[34] revidierte Bakunin seine Meinung über Léo, während diese ihrerseits ihre Position radikalisierte. André Léo hatte die Kommune aus ganzem Herzen unterstützt, sich dabei jedoch nicht gescheut, auch interne Kritik vorzubringen, wenn ihr das notwendig erschien, etwa bei Prozessen gegen vermeintliche &#8220;Verräter&#8221; oder wenn die Kommune Pressezensur verhängte. Selbst in dieser Extremsituation ließ sie sich nicht von ihrer Überzeugung abbringen, dass der Zweck unter keinen Umständen die Mittel heiligt: &#8220;Wenn wir uns verhalten wie unsere Gegner, wie soll sich die Welt dann zwischen ihnen und uns entscheiden?&#8221;[35]</p>
<p>Nach der Niederschlagung der Kommune gelang André Léo, ebenso übrigens wie Virginie Barbet, die Flucht in die Schweiz. Ihre Lebensaufgabe sah sie nun darin, die extrem kritische bürgerliche Öffentlichkeit über die wirklichen Ziele und die wahre Geschichte der Kommune aufzuklären und die Bluttaten der Versailler anzuprangern. Dass sie damit jedoch auch beim der liberal-republikanischen Bürgertum, darunter viele ihrer früheren Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus dem feministisch-republikanischen Lager, auf taube Ohren stieß, zeigte sich im September 1871 beim Kongress der Friedens- und Freiheitsliga in Lausanne, wo André Léo durch Tumult und Zwischenrufe gezwungen wurde, ihre Rede abzubrechen und den sie &#8220;tieftraurig&#8221;[36] verließ.</p>
<p>Nach diesen Erfahrungen wandte sich Léo endgültig der sozialistisch-anarchistischen Bewegung zu und setzte, wie viele Kommuneflüchtlinge, ihre Hoffnung ganz in die Internationale. Dort war es jedoch inzwischen zu einem offenen Streit zwischen dem Londoner Generalrat und der Genfer Allianz gekommen, und die Schweizer IAA hatte sich über diesen Konflikt in zwei rivalisierende Föderalräte gespalten. Weil sie sich in diesen Streit nicht hereinziehen lassen wollten, beschlossen Léo, Malon, Barbet, Minck und andere Kommuneflüchtlinge, nicht in die Allianz einzutreten, sondern eine eigene Sektion zu gründen, die &#8220;Sektion der Propaganda und der revolutionären Tat&#8221;. Verstärkung bekamen sie durch Schweizer Anarchisten, während die Allianz, die der Generalrat inzwischen ohnehin verboten hatte, aufgelöst wurde.</p>
<p>Im Gefolge der Kommuneflüchtlinge, die als Helden und Heldinnen verehrt wurden, hatte der anarchistische Flügel der Internationale in der Schweiz stark Oberwasser bekommen. Um zu verhindern, dass dieser Stimmungsumschwung auch auf andere Länder übergriff, nutzten Marx und Engel ihren Einfluss im Generalrat und veranstalteten im September 1871 in London eine IAA-Konferenz, zu der die anarchistischen Sektionen nicht eingeladen wurden. Dort fasste man zahlreiche Beschlüsse, die für die anarchistischen Sektionen, zu denen auch die neue Genfer Flüchtlingssektion gezählt wurde, untragbar waren. Mit dieser Provokation eröffneten Marx und Engels allerdings eine gefährliche Kontroverse, bei der sie letztlich selbst unterlagen.</p>
<p>Für die Kommuneflüchtlinge war der Generalrat bis dahin nämlich keineswegs ein Gegner gewesen. Ihre antizentralistischen, libertären Positionen waren in erster Linie in der Auseinandersetzung mit blanquistischen und jakobinischen Strömungen innerhalb der Kommune entstanden, in deren zentralistischem, autoritärem Vorgehen zumindest André Léo auch einen Grund für das Scheitern des Kommuneexperiments sah. Erst durch die Londoner Konferenz, in derem &#8220;autoritären&#8221; Verhalten die Kommunardinnen und Kommunarden dazu eine Parallele sahen, definierten sie ihre &#8220;antiautoritären&#8221; Ideen auch in Opposition zum Generalrat.</p>
<p>André Léo war neben James Guillaume eine der treibenden Figuren dieser Debatte. Im Oktober 1871 übernahm sie die Redaktion der Zeitung der neuen Propaganda-Sektion, der &#8220;Révolution Sociale&#8221;[37], und kommentierte die Beschlüsse der Londoner Konferenz mit beißender Ironie: &#8220;Dass die Göttin Freiheit uns zu Hilfe komme! Denn wir haben gegen die jüngste päpstliche Bulle verstoßen, &#8230; indem wir die Unfehlbarkeit des obersten Rates zur Diskussion stellen. Nun sind also auch wir von der Exkommunizierung bedroht, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Seele dem Teufel der Anarchie zu verschreiben&#8221;[38]. Durch die Agitation von André Léo und die Verbreitung eines Zirkulars der anarchistischen Sektionen, das die Kompetenzen des Generalrats nun offen in Frage stellte, wurde der Konflikt nun auch in andere Länder getragen, und die Opposition gegen den Generalrat wuchs.</p>
<p>Diese Entwicklung haben Marx und Engels lange nicht wahrhaben wollen. Erst im März 1872 reagierten sie mit einem Rundbrief über &#8220;Die angeblichen Spaltungen in der Internationale&#8221;, in dem sie das Schweizer Zirkular Punkt für Punkt kommentierten und auch André Léo persönlich angriffen.[39] Doch es war zu spät. Im Lauf des Jahres wurde deutlich, dass sich die große Mehrheit der Sektionen, vor allem in den romanischen Ländern, aber auch in Belgien und sogar in England gegen Marx stellten. Der größte Irrtum von Marx und Engels in diesem Konflikt war, dass sie den Einfluss Bakunins völlig überschätzten. Sie hielten ihn für den alleinigen Urheber der abweichenden Meinungen und Positionen in der IAA und konzentrierten daher ihre gesamte Gegenstrategie auf eine Kampagne gegen seine Person – eine grobe Fehleinschätzung, die nicht dadurch richtiger wird, dass sie bis heute in der Literatur ständig wiederholt wird. Bakunin wohnte schon seit Ende 1869 jenseits der Alpen, in Locarno, und hatte kaum noch Einfluss auf die Diskussionen in Genf und im Schweizer Jura, einer Hochburg des Anarchismus. Schon die Auflösung der Allianz war gegen Bakunins ausdrücklichen Willen vollzogen worden, und das Programm der Propagandasektion fand er &#8220;ziemlich schlecht&#8221;[40]. Marx und Engels hatten es keineswegs nur mit Bakunin zu tun, wie sie glaubten, sondern mit einer ganzen Reihe von Führungspersönlichkeiten, die völlig eigenständige Positionen vertraten, wie das Beispiel von André Léo zeigt. Auch wenn es Marx und Engels tatsächlich gelungen wäre, Bakunin zu diskreditieren, hätte das an dieser Tatsache überhaupt nichts geändert. Ganz entgegen der dahinterstehenden Absicht lösten sie durch ihr Vorgehen faktisch sogar eine erneute Welle der Solidarität mit Bakunin aus.</p>
<p><em><strong>Fussnoten:</strong></em></p>
<p>[1] Masters, Anthony (1974) Bakunin. The Father of Anarchism. Sidgwick and Jackson: Lonson, S. 172.</p>
<p>[2] Vgl. dazu ausführlicher: Antje Schrupp (1999) Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin, Frauen in der Ersten Internationale – Virginie Barbet, Elisabeth Dmitrieff, André Léo und Victoria Woodhull, Königstein.</p>
<p>[3] Zit. nach: Jacques Freymond, Hrsg. (1964) Etudes et Documents sur la Première Internationale en Suisse. Droz: Genève, S.160.</p>
<p>[4] Zunächst von Max Nettlau aus dem später verloren gegangenen Original, und später von Bert Andréas und Mikós Molnar, den Herausgebern der Protokolle, aus Nettlaus handschriftlichem Manuskript.</p>
<p>[5] Guillaume, James (1985) L&#8217;Internationale, Bd. I, Gérard Lebovici: Paris, S. 281.</p>
<p>[6] Vgl. Testut, Oscar (1872) Die Internationale, Leipzig, S. 32ff, 107, ders. (1872) L&#8217;Internationale et le Jacobinisms, Paris, Bd. 2, S. 383, Freymond a.a.O., S. 249, Guillaume a.a.O., S. 244, Moissonnier, Maurice (1972) La Première Internationale et la Commune à Lyon, Paris, S. 95, 112, 151 u.a., Lehning, Arthur (1977) Bakunin-Archiv VI, Leiden, S. XXXIX, 140, Maritch, Sreten (1939) Histoire du mouvement social sous le Second Empire à Lyon, Paris, S. 255, Rougerie, Jacques (1961) &#8220;La première Internationale à Lyon&#8221; in: Annali dell&#8217;Istituto Giangiacomo Feltrinelli, S. 142..</p>
<p>[7] Evtl. auch einen Weinhandel, vgl. Rougerie, a.a.O., nach Guillaume, a.a.O. in der Rue Moncey 123 am linken Rhoneufer, vgl. auch Moissonnier, a.a.O., S. 242, Auzias, Claure und Houel, Annik (1982) La grève des ovalistes, Paris, S. 158.</p>
<p>[8] Barbet, Virginie (1868) Rede vor der Friedens- und Freiheitsliga in: Rahm, Berta (1993) Marie Goegg, Schaffhausen, S. 101-103, dies. (1869) Déisme et Athéisme. Profession de foi d&#8217;une Libre-penseuse, Lyon, dies.: Berichte vom Lyoner Ovalistinnen-Streik in: Egalité vom 3.7. und 17.7. 1869, dies. (1870) &#8220;Manifeste des femmes lyonnaises adhérentes à l&#8217;Internationale&#8221;, in: Testut (1972) a.a.O., S. 277-279, dies.: &#8220;Pourquoi je suis collectiiste&#8221; in Solidarité vom 18.6.1870, dies. (1871) Réponse d&#8217;un membre de l&#8217;Internationale à Mazzini, Lyon, dies. (1881) Religions et libre-pensée, Genève.</p>
<p>[9] Zit. nach Rahm, a.a.O., S. 101.</p>
<p>[10] In: Solidarité vom 18.6.1870.</p>
<p>[11] Das Allianz-Programm ist dokumentiert in Freymond, a.a.O., S. 233 ff., zum abweichenden Text vgl. ebd. 210.</p>
<p>[12] Vgl. Auzias/Houel, a.a.O., S. 156, Maritch, a.a.O., S. 255.</p>
<p>[13] Vgl. Faucon, Marcel (1967) &#8220;Albert Richard, militant socialiste&#8221; in: Revue Socialiste Nr. 208, S. 545, Auzias/Houel, a.a.O., S.. 156.</p>
<p>[14] Vgl. v.a. Richard, Albert (1896) &#8220;Les Propagateurs de l&#8217;Internationale&#8221; in: Revue Socialiste, Juni, S. 641-667, ders. (1896) &#8220;Bakunin et L&#8217;Internationale à Lyon&#8221;, in: Revue de Paris, September, S. 119-160, ders. (1897) Les débuts du parti socialiste francais&#8221;, in: Revue politique et parlementaire, Januar, S. 65-95.</p>
<p>[15] Vgl. Schrupp (1999), a.a.O., S. 12f.</p>
<p>[16] Guillaume, a.a.O., Bd. II, S. 68.</p>
<p>[17] Zit. nach Vuilleumier (1972), a.a.O. S. 301, vgl. auch Dutacq, Francois (1931)&#8221; Les grèves lyonnaises de la fin du Second Empire&#8221; in Révolution de 1848, Nr. 28, S. 221. Auch Paul Robin und Eugéne Varlin hatten ein distanziertes Verhältnis zu Richard.</p>
<p>[18] Vgl. Dutacq, a.a.O., S. 222, auch Egalité vom 15.2.1872, Archer, Julian (1971) &#8220;La Commune de Lyon&#8221; in: Mouvement Social, Nr. 77, S. 43, Langhard, J. (1903) Die anarchistische Bewegung in der Schweiz, Berlin, S. 34, Jaeckh, Gustav (1904) Die Internationale, Leipzig, S. 166.</p>
<p>[19] Egalité vom 12.6.1869.</p>
<p>[20] Vgl. Egalité vom 26.6.1869.</p>
<p>[21] Zur Bedeutung des &#8220;Lumpenproletariats&#8221; für den Bakunin&#8217;schen Anarchismus vgl. Woodcock (1962) S. 23f, Dressen (1994) S. 192ff, Bookchin (1977) S. 28f u.a. Zur marxistischen Gegenposition u.a. Die I. Internationale in Deutschland, S. 446ff, Stekloff (1928) S. 162ff.</p>
<p>[22] Barbet (1870), a.a.O., in Auszügen auch dokumentiert bei Maritch, a.a.O., S. 255f.</p>
<p>[23] Barbet (1870), a.a.O., S. 278f.</p>
<p>[24] In: Solidarité vom 16.4.1870.</p>
<p>[25] Der Name ist ein Pseudonym, aus den Vornamen ihrer Zwillingssöhne zusammengesetzt, das aber Victorine-Léodile Béra, verheiratete Champseix, seit Anfang der sechziger Jahre ausschließlich benutzte.</p>
<p>[26] Reprint 1990, Tusson (Charente). Vgl. auch: André Léo (1865) Observations d&#8217;une mère de famille, Paris und die Quellensammlung &#8220;André Léo, une journaliste de la Commune&#8221; in: Le Lérot rêveur, Nr. 44, März 1987.</p>
<p>[27] Dazu kommen auch Kontakte durch persönliche Beziehungen, da etwa Noémie Reclus, die Cousine und Schwägerin von Elisée Reclus, Mitglied der Société war.</p>
<p>[28] Vgl. Lamber, Juliette (1858) Idées antiproudhoniennes sur l&#8217;amour, les femmes et le marriage, Paris, und D&#8217;Héricourt, Jenny (1860) La femme affranchie, Brüssel. Beide Bücher wurden in den sechziger Jahren in Frankreich breit diskutiert.</p>
<p>[29] Es handelt sich um wöchentliche Treffen im Ballsaal Vauxhall: &#8220;42 Procès-verbaux de Commissaires de police de réunions publiques entre juillet et novembre 1868&#8243;, Archives Nationales, Paris, Fonds Rouher – 45 AP 6. Vgl. auch Dalotel, Alain; Faure, Alain; Freiermuth, Jean-Claude (1980) Axs origines de la Commune. Le mouvement des réunions publiques à Paris 1864-1871, Paris.</p>
<p>[30] Abgedruckt in Minck, Paule (1982) Les mouches et les araignées, Le travail des femmes, et autres textes, hrsg. von Alain Dalotel, Paris.</p>
<p>[31] Zit. nach Stekloff, Jurij M. (1928) History of the First International, London.</p>
<p>[32] Reclus&#8217; Brief, der von drei weiteren Verteidigern Léos unterzeichnet ist, wurde, ebenso wie eine Erwiderung von Léo selbst, aus &#8220;Raummangel&#8221; nicht veröffentlicht, vl. Bakunin, Michael (1978) Gesammelte Werke, Bd. II, hrsg. von Max Nettlau, Vaduz/Liechtenstein, S. 44.</p>
<p>[33] Vgl. Nettlau, Max (1928) Elisée Reclus, Anarchist und Gelehrter, Berlin, S. 127.</p>
<p>[34] Jeglichen Rest von Reputation hatte Nechajev verloren, nachdem durch einen Prozess in Russland seine betrügerische und skrupellose Vorgehensweise auch gegen Gleichgesinnte bekannt geworden war, vgl. Pomper (1979) 147. Richard war schon länger der Zusammenarbeit mit der napoleonischen Polizei verdächtigt worden und inzwischen ganz offen Bonapartist geworden.</p>
<p>[35] Léo (1987) a.a.O., S. 34, vgl. auch Thomas, Edith (1963) Les Pétroleuses, Paris, S. 146.</p>
<p>[36] Die Rede ist abgedruckt in Léo (1987), a.a.O., S. 51ff.</p>
<p>[37] Vgl. Guillaume (1985) II, 219.</p>
<p>[38] Zit. nach Guillaume (1985) II, S. 221.</p>
<p>[39] Marx/Engels (1971a) Bd. 18, S. 21f.</p>
<p>[40] Anfang Oktober in einem Brief, zit. nach Guillaume (1985) II, 218.</p>
<p><em>Orginaltext: <a href="http://antjeschrupp.de/ " target="_blank">http://antjeschrupp.de/ </a></em></p>
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		<title>Frauen an die Macht &#8211; Keine Macht für Niemand!</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 08:12:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Seit es die Frauenbewegung gibt, gibt es einerseits die Forderung nach einer Verbesserung der Situation der Frauen innerhalb des Systems, z.B. durch eine Gleichstellung der Frauen mit den Männern, andererseits aber auch die Überzeugung, dass eine wirkliche Befreiung nur möglich wird durch eine Überwindung der Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-97"></span><strong>Gedanken zum Verhältnis Feminismus &#8211; Anarchismus</strong></p>
<p>Seit es die Frauenbewegung gibt, gibt es einerseits die Forderung nach einer Verbesserung der Situation der Frauen innerhalb des Systems, z.B. durch eine Gleichstellung der Frauen mit den Männern, andererseits aber auch die Überzeugung, dass eine wirkliche Befreiung nur möglich wird durch eine Überwindung der Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft.</p>
<p>Die Frauenbewegung verlangt seit ihren Anfängen nach Menschenrechten, die &#8211; als Männerrechte formuliert &#8211; ihrem Namen keineswegs gerecht werden, doch wurden diese Forderungen von der bürgerlichen Frauenbewegung oft gleich wieder stark eingeschränkt. Zur Zeit der Wahlrechtsbewegung z.B. gab es Gruppen, die das allgemeine und gleiche Wahlrecht forderten, also das aktive und passive Wahlrecht auch für alle Frauen ebenso wie konservative (Frauen) Gruppen, die das Frauenstimmrecht prinzipiell ablehnten und auch Vereine, die zwar für die Beibehaltung des Zensuswahlrechtes eintraten, aber unter Einbeziehung der Frauen.</p>
<p>Die bürgerliche Frauenbewegung war und ist eine Gleichberechtigungsbewegung, das heißt, frau orientiert sich an etwas bereits Vorhandenem, an Rechten, die (manche) Männer haben, an Normen, die von Männern geprägt sind.</p>
<p>Allerdings ist es auch um diese Gleichberechtigung schlecht bestellt: Von den ca. 200 Staaten der Welt haben Frauen in weniger als 60 das Wahlrecht, der Anteil der weiblichen Abgeordneten beträgt weltweit nicht einmal 15%. Angesichts der Macht(rück)verschiebung von den politischen Gremien zu den Wirtschaftszentralen sei dazu gesagt, dass dort der Frauenanteil weit unter diesem Wert liegt. Laut einer Studie der Arbeiterkammer haben in 92% der österreichischen Unternehmen Männer die Mehrheit im Aufsichtsrat, der Frauenanteil beträgt im Durchschnitt 7,5%. Wie mag dieser Wert wohl global sein?</p>
<p>Doch nehmen wir einmal an, dieses Ziel der Gleichstellung der Geschlechter wäre erreicht: Frauen hätten das gleiche Durchschnittseinkommen wie Männer, wären im Besitz der Hälfte der Vermögen und sowohl in den politischen als auch ökonomischen Entscheidungsgremien gemäß ihrer Zahl repräsentiert &#8211; wäre dann etwas anders, abgesehen davon, dass Frauen dann auch mit der (wenn auch unwahrscheinlichen) Hoffnung auf einen Hauptpreis in der kapitalistischen Lotterie leben könnten?</p>
<p>Emma Goldman hat einmal geschrieben &#8220;Ich glaube nicht, dass Frauen die Politik schlechter machen; aber ich kann auch nicht glauben, dass sie sie besser machen&#8221; &#8211; und dabei hat Emma Goldman weder Margaret Thatcher noch Benita Ferrero-Waldner gekannt! Nur weil eine Frau eine Machtposition innehat, wird die Macht selbst noch keine andere! Und wo Macht ist, ist auch Ohnmacht. Ein solches Täter-Opfer-Schema ermöglicht nur sehr eingeschränkte Verhaltensweisen: Teilhabe, Resignation oder blindes Dagegenanrennen &#8211; allen dreien gemeinsam ist die Akzeptanz dieser Macht und damit letztlich ihre Zementierung.</p>
<p>Wenn frau Macht aber nicht als Synonym für Herrschaft versteht, nicht als abgeleitete Macht &#8211; gegeben von anderen, um sie auszuüben über andere, sondern als Selbstermächtigung, Macht über sich selbst, über ihr eigenes Leben, dann wird diese patriarchalische Polarität Macht-Ohnmacht ersetzt durch ein offenes, mehrdimensionales Denken. Dann wird Einflussnahme möglich nicht durch Eroberung der Macht, wie wir sie kennen, sondern durch Entdeckung und Entwicklung der uns noch unbekannten eigenen Macht.</p>
<p>Die Beschränkung der Macht auf das eigene Leben und ständige Überprüfung möglicher Herrschaftsstrukturen schließt auch eine schlichte Umkehrung der Verhältnisse vom Patriarchat zum Matriarchat aus.</p>
<p>Der Teil der Frauenbewegung, der davon ausgeht, dass innerhalb der kapitalistischen Strukturen eine Emanzipation nicht möglich ist, weil frau dabei nur Abhängigkeiten tauschen kann (den Vater gegen den Staat, den Ehemann gegen den Arbeitgeber oder auch den Chef gegen die Chefin) sah &#8211; und sieht sich teilweise noch mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Forderungen nicht ernst genommen oder als nicht wichtig erachtet werden, oder entweder als abweichlerisch bekämpft bzw. zu vereinnahmen versucht werden.</p>
<p>Der Marxismus enthält von sich aus keine feministische Kritik (Haupt- und Nebenwiderspruch; mit dem Kapitalismus wird auch die Frauenunterdrückung verschwinden) und wurde erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts durch marxistische Feministinnen um Kategorien erweitert, die die Rolle der Frau in der Reproduktion mit Begriffen definierten, die den Frauen innerhalb der marxistischen Analyse Bedeutung gaben. Auch dabei steht aber die Rolle der Frauen als &#8220;Arbeiterinnen&#8221; im Kampf gegen den Kapitalismus im Zentrum.</p>
<p>Der Anarchismus nun scheint aufgrund der Selbstdefinition als politische Philosophie zur Abschaffung jeglicher Herrschaft geradezu prädestiniert als politisches Gerüst für eine feministische Revolutionierung der Gesellschaft. Allerdings sind Theorie und Praxis oft zwei sehr verschiedene Dinge und die Anarchistinnen mussten die gleichen Erfahrungen der Ignoranz und Unterdrückung durch die Männer der Bewegung machen wie Frauen überall. Dazu kommt noch, dass Anarchisten in dem Bewusstsein, dass sie ohnehin die Guten seien, die jegliche Form der Herrschaft ablehnen, oft die Reflexion über Unterdrückungsmechanismen bei sich selbst verweigern &#8211; weil nicht sein kann, was nicht sein darf. (Diese Haltung ist prinzipiell aber nicht nur bei Männern anzutreffen &#8211; wie sich anhand der Kritik der Schwarzen Feministinnen an der weißen Frauenbewegung zeigt.)</p>
<p>Herrschaftslosigkeit ist ein Begriff, der eine ganze Philosophie umfasst, aber die dazu erforderlichen Bedingungen können nur konkret gedacht werden &#8211; so wie Blume als Gänseblümchen, Rose oder Primel gedacht werden kann, aber schwer als Blume an sich.</p>
<p>Alle Formen der Unterdrückung sind gleich wichtig, stützen sich gegenseitig und sind wohl weder ausschließlich materiell noch ausschließlich kulturell bedingt &#8211; können also nicht durch ein wie auch immer geartetes Patentrezept überwunden werden.</p>
<p><strong>&#8230;.verlieren wir die BeHERRschung</strong></p>
<p><em>Originaltext: <a href="http://www.schwarzwurzeln.org/" target="_blank">schwarzwurzel Frauen</a></em></p>
<p>Aus: &#8220;Anarchie&#8221; Nr. &#8211; / + (2004)</p>
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