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	<title>Die Gruppe MD &#187; IAA</title>
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		<title>Anarchismus in Deutschland 1945-1960</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 13:46:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Wer weis heute über den deutschen Nachkriegs-Anarchismus und vor allem den Anarcho-Syndikalismus nach 1945, seine Aktivitäten und TrägerInnen bescheid? Wenige, das ist sicher. Hans-Jürgen Degen hat sich mit seinem Buch „Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960“ die Aufgabe gestellt, Licht in die Dunkelheit zu bringen und eine Wissenslücke zu schließen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-264"></span><em>(DA Nr.153 September/Oktober 2002) (ungekürzte Fassung)</em></p>
<p><strong>Buchbesprechung: </strong>Hans Jürgen Degen: „ Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960“. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp; Oelschläger. 20 Euro, ISBN 3-932577-37-X</p>
<p>Wer weis heute über den deutschen Nachkriegs-Anarchismus und vor allem den Anarcho-Syndikalismus nach 1945, seine Aktivitäten und TrägerInnen bescheid? Wenige, das ist sicher. Hans-Jürgen Degen hat sich mit seinem Buch „Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960“ die Aufgabe gestellt, Licht in die Dunkelheit zu bringen und eine Wissenslücke zu schließen.</p>
<p>Auf 440 Seiten legt er die Entwicklungsgeschichte der „Föderation Freiheitlicher Sozialisten“ (FFS) dar, die in der Kontinuität der durch die Nationalsozialisten verbotenen und zerschlagenen „Freien Arbeiter Union Deutschlands“ (FAUD) steht.</p>
<p>Sinnvoll aufgeteilt in 18 Kapitel nimmt er sich der FFS und &#8211; in geringerem Umfang &#8211; anderer anarchistischer und anarcho-syndikalistischer Gruppen an, beschreibt die Schwerpunkte der Arbeit, die „ideologischen“ Grundlagen und das Verhältnis zwischen den verschiedenen libertären Gruppen. Er zeigt die internationale Solidarität für die deutsche libertäre Bewegung, beschreibt die Arbeit der FFS-GenossInnen in „Fremdorganisationen“ wie Parteien und Gewerkschaften und analysiert, weshalb die FFS – trotz Verlag, Zeitschrift und Jugendorganisation &#8211; nie zu einem Masseneinfluss gelangte und schließlich scheiterte. In vier Exkursen nimmt er sich noch einmal spezieller Themenstellungen an. Zweimal mit Bezug auf den – auch nach 1945 – in Deutschland einflussreichen anarcho-syndikalistischen Theoretiker Rudolf Rocker, der sich zum Revisionisten entwickelte und zum dritten mit einer viel Beachtung verdienenden Abhandlung zur Situation der AnarchosyndikalistInnen und Libertären in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später der DDR. Den vierten Exkurs bildet ein Beitrag zum österreichischen Anarchisten Peter Brandt, seiner Broschüre „Wege zur Freiheit“ und dessen Analysen der Situation in Nachkriegsdeutschland, die ebenfalls viel kritische Beachtung verdienen.</p>
<p>Degen hat über viele Jahre eine Menge an Informationen zusammentragen können. Dabei zitiert er für „Anarchismus in Deutschland“ maßgeblich aus dem Schriftverkehr zwischen den GenossInnen und aus offiziellen Verlautbarungen, z.B. in Zeitschriften und internen Rundschreiben. An einigen Stellen revidiert Degen so die Aussagen von Günter Bartsch, der seit den 70er Jahren immer wieder auch über den Nachkriegsanarchismus und die FFS schrieb.</p>
<p><strong>Die Situation in Nachkriegsdeutschland und die Gründung der FFS</strong></p>
<p>Degen beschreibt die Situation in Nachkriegsdeutschland nachdrücklich. Er lässt die GenossInnen zu Wort kommen, die schon kurz nach dem Ende des Krieges die Kontinuität der Wirtschaftsbosse und Altnazis an der Macht scharf analysierten. Und er beschreibt die Lebensrealität der arbeitenden Klasse: Zerbombte Städte, Hunger, Obdachlosigkeit, geflohene und vertriebene Menschen, Erwerbslosigkeit.</p>
<p>„Dem weitverbreiteten apathisch-resignativen Element in der Nachkriegsgesellschaft verfielen auch die meisten Anarchisten/Anarchosyndikalisten: Sie entzogen sich nicht den Bedürfnissen nach „Ruhe“, „Sehnsucht nach Wohlstand“, gesellschaftlicher „Anerkennung“ – was nicht implizierte, damit auch gleichzeitig den Wunsch nach „Veränderung“ aufzugeben. Dieses psychische Dilemma hinter sich zu lassen, gelang nur einem Bruchteil von ihnen. Eine Reorganisation des deutschen Anarchismus bedeutete in dieser Situation primär Selbstorganisation auf der Mikroebene: Keinerlei organisatorische Struktur hatte das 3.Reich überlebt&#8230;.Hinzu kam die durch KZ-Haft oft so stark angeschlagene Gesundheit, dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl von ihnen die Hungerjahre 1945– 1948 nicht überlebte.“ (S.34)</p>
<p>Unterstützung erhielten die deutschen Genossinnen und Genossen aus der internationalen anarcho-syndikalistischen Bewegung. U.a. auf Initiative des ehem. FAUD-Aktivisten und Spanienkämpfers Helmut Rüdiger (Schweden) und Rudolf Rocker (USA), organisierten vor allem die schwedische SAC und jüdische ArbeiterInnen in den USA Hilfslieferungen für über 200 deutsche GenossInnen. Hilfe kam ebenfalls von der „Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher Sozialisten“ in Basel, der französischen FAF und einigen anderen anarchistischen Hilfskomitees, sowie der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) – der anarcho-syndikalistischen Internationale. Diese berichtete seit 1945 über die Situation in Deutschland und rief zur Solidarität auf. Im Mai 1948 beschloss dann der 2.FFS-Kongress auf diese Hilfslieferungen zu verzichten um sie stattdessen den„spanischen Genossen“ zugute kommen zu lassen, die der Franco-Diktatur ausgesetzt waren.</p>
<p>1945 – das belegt Degen sehr anschaulich – entstanden die ersten anarcho-syndikalistischen Gruppen in Deutschland. Oftmals reine Diskussionszirkel versuchten sie mit Gleichgesinnten in anderen Städten und Regionen in Kontakt zu treten. Ein Großteil von ihnen wollte und konnte durch die gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr dort weitermachen, wo sie mit ihrer Arbeit 1933 durch die Nazis gezwungen wurden aufzuhören. Sie regten Diskussionenüber die Neubestimmung libertärer und anarcho-syndikalistischer Positionen an, in denen der (europäische) Föderalismus und die freie Entfaltung der Persönlichkeit einen hohen Stellenwert besaßen. Ausgehend von Gretelund Alfred Leinau in Darmstadt kam es ab 1945 zu einer Reihe von Treffen, auf denen über die Gründung einer freiheitlich-sozialistischen Organisation beraten wurde. Diese wurde dann Pfingsten 1947 in Darmstadt als Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) gegründet. Vertreten waren „ca.30 Delegierte aus fünfzehn Orten in ganz Westdeutschland“ (S.60). Von Anfang an beteiligte sich der Berliner Fritz Linow, ehemaliges Mitglied der Geschäftskommission der FAUD am Aufbau und der inhaltlichen Ausrichtung der neuen Organisation. Linow, der mit Rocker und Rüdiger in der Neudefinition eines freiheitlichen Sozialismus konform ging, wurde zu einer dominanten Person in der FFS. Er bestimmte durch seine Redaktionsarbeit in der FFS-Zeitschrift „Die freie Gesellschaft“ das Erscheinungsbild, das von kulturellen und theoretischen Beiträgen geprägt war und dem erklärten Anspruch der Zeitschrift, auch neue Mitglieder zu gewinnen, nicht gerecht wurde. Die Zeitschrift wurde zur fast ausschließlichen Arbeitsaufgabe für die Gesamt-Organisation und offenbar von den FFS-Mitgliedern nicht geliebt, da sie ein fast rein akademisch – intellektuelles Spektrum bediente, das mit der Lebensrealität der allermeisten FFSlerInnen nicht viel gemein hatte.</p>
<p>Der Wuppertaler Fritz Benner schrieb über diesen Zustand:“&#8230;man kann mit ihr keine Bewegung aufbauen. Die Genossen werden es leid, alles nur für die Zeitschrift zu opfern, keine Versammlungen, nichts. Eine Bewegung kann man nur schaffen, wenn man sich an die materiellen Interessen wendet. Die Genossen im Ruhrgebiet wollen&#8230;werben. Sie halten die Zeitschrift dafür nicht geeignet.“ (S.323 ff.)</p>
<p>Da es, mit Ausnahme der Drucklegung, Werbung und des offensiven Verkaufs der Informationsbroschüre „Der Leidensweg von Zensl Mühsam“, die vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete und dort in ein Konzentrationslager gebracht wurde, zu keiner gemeinsamen Kampagnenarbeit der FFS kam, war der Stellenwert ihrer Zeitschrift für die Wahrnehmbarkeit der Organisation sehr hoch.</p>
<p>Ein wichtiger Punkt bei den Beratungen an Pfingsten 1947 war die Zulassung der FFS als legale Organisation. Diese „Lizenzierung“ wurde von den alliierten Besatzungsmächten vorgenommen und der FFS – in allen Besatzungszonen &#8211; beständig verweigert.</p>
<p>Die Mitgliederstärke der FFS soll nach Degen 1948 zwischen 350 und 400 Mitgliedern gelegen haben, wovon allein in Berlin mit 80 und in Köln mit 113 Mitgliedern lokale Hochburgen bestanden. Weitere größere Gruppen bestanden in München, Hamburg, Ludwigshafen, Mannheim und Wuppertal.</p>
<p>Im weiteren führt Degen die internen Diskussionen zur inhaltliche Bestimmung der FFS aus, die durchaus kontrovers verliefen, an deren Ende sich aber die Mehrheit für die revisionistischen Positionen – die auch von Rocker aufgegriffen wurden– aussprach. So lehnte die FFS den Parlamentarismus zwar immer noch als undemokratisch ab, schuf ihren Mitgliedern aber die Möglichkeit der Teilnahme an Wahlen auf kommunaler Ebene, um der geführten Diskussion um einen „Gemeinde-Sozialismus“ Rechnung zu tragen. Einige FFS´ler kandidierten auf kommunaler Ebene und erzielten beachtenswerte Wahlerfolge wie Karl Dingler in Göppingen und Karl Preiss in Ulm.</p>
<p>Ein Teil der FFS-Mitglieder übernahm Funktionen in Gewerkschaften des DGB und wurden Betriebsräte bei gleichzeitiger massiver Kritik an ihnen. Die Gründung einer eigenständigen syndikalistischen Gewerkschaft wurde zwar immer wieder vorgebracht, aufgrund der Einschätzung das ihre Verwirklichung momentan unrealistisch sei, aber immer wieder verworfen.</p>
<p>Ein Aufruf des in der Erwerbslosenbewegung aktiven Theodor Bennek aus Hildesheim im März 1951 zur „Wiedergründung der FAUD“ stieß u.a. deswegen auf breite Ablehnung. (S. 335 ff.)</p>
<p>Leider finden sich keine evt. Positionen zur „Freien Sozialistischen Gewerkschaft“ (FSG) im Buch, die sich 1947 in Hamburg als politische Richtungsgewerkschaft formierte, nach 1 ½ Monaten aber schon von der britischen Besatzungsmacht verboten wurde.</p>
<p><strong>Reorganisation, Verfolgung und Ermordung von AnarchosyndikalistInnen in der SBZ und der DDR</strong></p>
<p>Ein großes Plus an Degens Buch ist die bisher am gründlichsten recherchierte Beschreibung und Veröffentlichung zur Situation der Libertären in der SBZ und der DDR. In seinem Exkurs dazu beschreibt er die politischen Bedingungen die eine offene Betätigung durch die Kommunisten unmöglich machte. Er definiert „3 Tendenzen libertären Verhaltens“. „Erstens diejenigen Libertären, die versuchten, sich relativ offen wieder zu organisieren und sich damit auch offen gegen das kommunistische Regime stellten; zweitens die Libertären, die mit dem kommunistischen System zwar paktierten, aber versuchten, hier Libertäres einzubringen; drittens arrangierte und identifizierte sich ein vermutlich kleiner Teil der Libertären völlig mit dem Regime“. (S.182)</p>
<p>Zu den wenigen bekannten Köpfen des Wiederaufbaus der anarcho-syndikalistischen Bewegung in der SBZ und späteren DDR gehört der Illmenauer Fritz Heller, der für seine Tätigkeit 1968 zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, wovon er 5 ¼ Jahre im KZ Bautzen verbringen musste, bevor er es schaffte nach Frankfurt/M. zu gelangen. Der Metallarbeiter Willi Jelinek aus Zwickau richtete eine Informationsstelle ein, von der aus über Rundschreiben Kontakte hergestellt wurden. „In Sachsen sollen sich daraufhin fünf oder sechs Gruppen gebildet haben.“ (S.183) In Dresden war der Anarchosyndikalist Walter Reede aktiv und der Ostberliner Rudolf Ludwig war Verbindungsmann der FSS in den Westen.</p>
<p>1948 tagte in Leipzig eine „Konferenz der libertären Bewegung“, deren Durchführung von einem Spitzel verraten wurde und die Verhaftung aller TeilnehmerInnen zur Folge hatte.1949 kam es zu zwei Verhaftungswellen gegen AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen durch das kommunistische Regime. Anfang 1949 wurden über 100 GenossInnen verhaftet und im September über 170 „vornehmlich der vor 1933 existierenden Gruppen Kommunistische Arbeiterpartei und Syndikalisten&#8230;verhaftet. Die Opfer der SED-Justiz wurden oft zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Viele von ihnen inhaftierte man in den ehem. Nazi-KZ´s und in Bautzen. „Bewacher“ waren meist „Russen, größtenteils aber deutsche Volkspolizei, die sich nur in der Uniform von Hitlers SS unterscheidet.““ (S.193). Und Anfang 1950 saßen „dreißig freiheitliche Sozialisten ..seit weit einem Jahr wieder im KZ Oranienburg-Sachsenhausen“. (S.194). In Bautzen wurde der Anarchosyndikalist Willi Jelinek ermordet.</p>
<p>Die Reaktion der westdeutschen GenossInnen war die Bildung von Unterstützungsgruppen für die Verfolgten und die Information der Öffentlichkeit über das totalitäre Vorgehen der Kommunistenim Osten. In Publikationen und Diskussionen wurde die Gleichartigkeit der Struktur von Nationalsozialismus und Bolschewismus analysiert und die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) (heute VVN-BdA) scharf angegriffen, da sie die Existenz von KZ´s in der SBZ/DDR und die Verfolgung freiheitlicher Sozialisten leugnete. Der Berliner Otto Reimers formulierte dies in einem Beitrag in der „Freien Gesellschaft“: „..wurdet ihr VVN-Kameraden nicht auch einst in die Hitler KZ´s als Staatsfeinde eingewiesen ? Wir Sozialisten wissen dass sich in den Ostzonen KZ´s heute Sozialisten befinden, die auch unter Hitler im KZ schmachteten und ihr (VVN) schweigt dazu.“ (S.194)</p>
<p>In einer Resolution des 2. FFS-Kongresses 1948 in Nieder-Berbach/Mordach formulierten die GenossInnen als Grundkonsens: “gegen jede Art autoritärer Bevormundung, gegen die bürokratische und zentralistische Entartung der Demokratie, gegen den Faschismus und insbesondere gegen den totalen Staat in Gestalt des als Diktatur des Proletariats verschleierten roten Faschismus und der sogenannten Volksdemokratien &#8230; Die FFS (Deutschlands) bekennt sich zur Sache des Friedens und der Völkerverständigung &#8230; sie ist vor allem entschlossen, das weitere Vordringen des bolschewistischen Totalitarismus in Europa verhindern zu helfen.“ (S.331)</p>
<p><strong>Die Internationale Arbeiter Assoziation</strong></p>
<p>In einem weiteren Beitrag geht Degen auf die Beziehungen zwischen der FFS und der IAA ein, welcher die FFS 1948 – als Nachfolgerin der FAUD beigetreten war, und stellt die interne Entwicklung der IAA, ihre inhaltlichen Differenzen und schließlich den Austritt einiger ihrer Sektionen in den 50er Jahren anschaulich dar. Ein Beitrag der auch abseits der Konzentration auf die FFS Aufmerksamkeit verdient, da die Informationen über dieIAA und ihre Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg gerade in Deutschland weitestgehend unbekannt sind. Delegierte für die FFS auf internationaler Ebene waren u.a. Helmut Rüdiger und der 1966 aus dem mexikanischen Exil nach München zurückgekehrte Augustin Souchy.</p>
<p>Den Abschluss der 18 Kapitel bildet der Beitrag „Das Ende der FFS. Nachwehen und Ausläufer“ (S.400 ff.). Ein offizielle Auflösung der FFS hat nie stattgefunden, berichtet Degen, und gibt Einblick in die Stimmung der FFS. „Die FFS Protagonisten waren ausgebrannt“ (S.403) und führt dies auf die „ausgebliebene Resonanz in der Nachkriegsgesellschaft“ zurück, die nach A. Klönne „einen hohen Grad von Geschichtsverlust aufwiese“ den dieser auf den Nationalsozialismus zurückführte. „Nicht nur Verbot, Verfolgung der Organisationen der Arbeiterbewegung, sondern der NS-Staat war auch darauf aus, jeder Erinnerung an den Prozeß der Emanzipation und Selbstorganisation der Arbeiterschaft aus dem historischen Bewusstsein zu löschen.“ (S.404) Weiterhin – so Degen – hätte sich der „im Westen Deutschlands konstituierende `Wohlstandsstaat` erosiv auf die freiheitlichen Sozialisten ausgewirkt. Denn die sozialistische Alternativ, die die FFS aufzeigte, konnte nicht attraktiv gegenüber dem sich Anfang der 50er herausbildenden „Sozialstaat“ wirken. Und dessen Integrationskraft hatten die freiheitlichen Sozialisten keine machtpolitische Alternativen entgegen zu setzen. Auch die „revisionistische“ Form des freiheitlichen Sozialismus konnte hier nichts ausrichten.“ (S.405) Nach diesen Ausführungen folgt der Blick auf den weiteren Werdegang einiger Aktiver und ganzer Gruppen, wobei u.a. die FFS in München bis in die 70er Jahre aktiv blieb.</p>
<p>Abgerundet wird dieses Buch mit einer Auswahl von Kurzbiographien einzelner FFS´lerInnen , einem (unvollständigen) Verzeichnis der Ortsföderationen und ihrer Mitglieder und einem Personenregister. Zu diesem Buch gäbe es noch eine Menge zu sagen und ich bin Sicher das die Informationen aus ihm viel Stoff für weitere Untersuchungen und politische und soziale Analysen, sowie für die anarcho-syndikalistische Spurensuche nach sich ziehen wird. Es ist eine umfassende Fundgrube. Kritisch anzumerken bleibt, das Degen von „überkommenen anarcho-syndikalistischen Positionen“ spricht ohne diese Aussage näher zu erklären. (S. 201).</p>
<p>Alles in allem: Ein hochspannendes, historisches und gleichzeitig aktuelles, empfehlenswertes Buch für alle an einer freiheitlich sozialistischen Zukunft Interessierten.</p>
<p><em>Martin Veith</em></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.fau-bremen.de.vu/" target="_blank">FAU-IAA &#8211; Lokalföderation Bremen</a></em></p>
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		<title>Der Anarchosyndikalismus in Deutschland (1932)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/der-anarchosyndikalismus-in-deutschland-1932</link>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 13:27:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Weiter entwickelten sich Industrie und Proletariat viel rascher, als der Ausbau des modernen demokratisch-liberalen Verfassungsstaates erfolgen konnte. Die Bourgeoisie hatte also bereits zu einer Zeit mit einer starken proletarisch-revolutionären Bewegung zu rechnen, als sie ihre eigene Herrschaft gegenüber dem Feudalismus noch gar nicht durchgesetzt hatte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-259"></span><em>H.W. Gerhard (Gerhard Wartenberg)</em></p>
<p>Infolge der jahrhundertelangen Hohenzollernherrschaft in Preußen und später in ganz Deutschland, wodurch nicht nur äußere, staatliche Verhältnisse bestimmt wurden, sondern auch der ganze Volkscharakter verdorben wurde, ist Deutschland eines der Länder, in denen der zentralistisch-autoritäre Geist am tiefsten Wurzel geschlagen hat. Hinzu kommt, daß in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Spanien, Frankreich, England sich schon frühzeitig der Einheitsstaat mit einer zentralen Regierung bildete, so daß die Volksmassen die Schäden des Zentralismus am eigenen Leibe spürten und mehr oder weniger einen gesunden, föderalistisch-freiheitlichen Sinn bewahrten. In Deutschland (ebenso in Italien), hingegen entwickelten sich mehrere oder viele Kleinstaaten, die mit ihren Zollschranken in der Zeit des Industrialismus und des Welthandels ein starkes Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung bildeten. Die natürliche Folge war das starke Sehnen nach der „nationalen Einheit“, das die bürgerlichen Revolutionäre des ganzen 19. Jahrhunderts in diesen Ländern beseelte. Diese Einstellung wirkt noch heute nach, und sicher ist dies eine der Hauptursachen, warum die Sozialisten Deutschlands fast aller Richtungen auf den staatlichen Zentralismus schwören.</p>
<p>Weiter entwickelten sich Industrie und Proletariat viel rascher, als der Ausbau des modernen demokratisch-liberalen Verfassungsstaates erfolgen konnte. Die Bourgeoisie hatte also bereits zu einer Zeit mit einer starken proletarisch-revolutionären Bewegung zu rechnen, als sie ihre eigene Herrschaft gegenüber dem Feudalismus noch gar nicht durchgesetzt hatte. Aus Angst vor dem &#8220;roten Umsturz&#8221; warf sich deshalb die deutsche Bourgeoisie etwa um 1870 vollkommen dem Bismarckschen Militärregime in die Arme, verzichtete zugunsten der Junker auf politische Herrschaft und begnügte sich mit dem wirtschaftlichen Profit. Der Bismarksche Staat lastete wie ein Alpdruck fast 50 Jahre auf der deutschen Arbeiterschaft und veranlaßte die deutsche Arbeiterbewegung infolgedessen, ihre rein proletarischen, wirtschaftlich-sozialen Kampfaufgaben zurückzustellen und dafür zunächst den Feudalstaat zu bekämpfen. Diese politische, eigentlich bürgerlich-demokratische Tätigkeit der Arbeiterbewegung hatte mehrere äußerst verhängnisvolle Folgen:</p>
<ul>
<li> erstens ging das Schwergewicht des Kampfes auf die Partei (Sozialdemokratie) über, wirtschaftliche oder kulturelle Aufgaben wurden vernachlässigt,</li>
<li>zweitens zog die Partei außer den Arbeitern auch mehr und mehr die kleinbürgerlich-oppositionellen Elemente an und wurde daher selbst kleinbürgerlich-reformistisch,</li>
<li>drittens prägte sich den Arbeitern die Vorherrschaft der Parteipolitik, der &#8220;Wahlschlachten&#8221; usw. derart ein, daß sie den wirklichen sozialrevolutionären und wirtschaftlichen Kampf darüber fast vergaßen.</li>
</ul>
<p>Als nun im November 1918 der deutschen Arbeiterschaft die politische Macht in die Hände fiel, wußte sie damit nichts anderes anzufangen, als eine Nationalversammlung zu wählen, in der die bürgerlichen Parteien die Mehrheit hatten. Man begnügte sich mit der politischen Demokratie, zerstörte die Anfänge des Rätesystems fast völlig und dachte nicht im Traume daran, den Kapitalisten und Großgrundbesitzern ihre wirtschaftliche Macht durch Enteignung der Betriebe und Latifundien zu nehmen.</p>
<p>Allerdings &#8211; nicht alle Arbeiter waren von bürgerlicher Denkweise durchdrungen. Unter den Revolutionären nahmen die Syndikalisten, die vor dem Kriege nur eine kleine Organisation mit einigen Tausend Mitgliedern gewesen waren, einen ehrenvollen Platz ein. Man kann die organisierten Syndikalisten der Revolutionsjahre 1919-21 etwa auf 100 000 annehmen, ihr Einfluß erstreckte sich aber auf Millionen. Bei verschiedenen Generalstreiks, besonders im Bergbau und der Schwerindustrie Rheinland-Westfalens, gingen sie führend voran.</p>
<p>Aber die herrschende Sozialdemokratie verstand es, durch gedungene reaktionäre Söldnerscharen alle Bewegungen des Proletariats niederzuschlagen. Und als nun Ende 1923 die Währung stabilisiert wurde und sich die Republik festigte, waren alle wirklich revolutionären Bewegungen in äußerst schwieriger Lage. Lediglich der Kommunistischen Partei gelang es, sich als Massenpartei zu behaupten, weil sie entschieden in das parlamentarische Fahrwasser einbog. Alle anderen revolutionären Bewegungen gingen praktisch zugrunde, und der deutsche Anarcho- Syndikalismus wurde wieder auf die Rolle der Vorkriegszeit zurückgedrängt.</p>
<p>In den letzten Jahren ging die deutsche Bourgeoisie fast vollständig in das Lager des Faschismus über und warf die Sozialdemokratie aus der Leitung des Staates heraus, Ein Widerstand des Proletariats machte sich kaum bemerkbar, weil durch die ungeheuren Enttäuschungen seit der Revolution, durch die Spaltungen usw. große Mutlosigkeit Platz gegriffen hatte, die erst wieder etwa seit Frühjahr 1932 einem gewissen Kampfmut gewichen ist.</p>
<p>Heute gibt es in Deutschland unter den Massenparteien eigentlich überhaupt nur diktatorisch-zentralistische; die KPD., die mehr und mehr die Rolle der Vorkriegssozialdemokratie einnimmt, ist offen diktatorisch, ebenso die Nationalsozialistische Partei, die das Gros des Bürger- und Bauerntums umfaßt. Und die Mittelparteien, Sozialdemokratie und Katholiken, haben die Errichtung der Halbdiktatur des Reichskanzlers Brüning widerspruchslos hingenommen und Brüning zwei Jahre lang gestützt.</p>
<p>Man kann sich im Ausland kaum einen Begriff machen, wie tief der Glaube an die Allmacht des Staates in der deutschen Arbeiterschaft sitzt. Infolgedessen blickt alles wie gebannt auf die &#8220;Eroberung der politischen Macht&#8221;. Dies ist selbstverständlich ein denkbar ungünstiger Boden für die anarchosyndikalistische Lehre von der direkten Aktion und der sozialen Revolution. Die Anerkennung des bürgerlichen Staates durch die Sozialdemokratie im November 1918 brachte die Ersetzung des Sozialismus durch die Sozialpolitik mit sich. Tatsächlich gingen die deutschen reformistischen (&#8220;freien&#8221;) Gewerkschaften restlos im sozialen Versicherungswesen, in Tarif-, Schlichtungs- und Arbeitsgerichtssachen auf. Wirkliche Kämpfe wurden so gut wie gar nicht mehr geführt, immer überließ man der staatlichen Schlichtungsbehörde die Entscheidung. Staatlicher und gewerkschaftlicher Apparat verfilzten sich dermaßen, daß eine Trennung fast unmöglich ist. Wenn die reformistischen Gewerkschaften auf diese Weise ein praktisches Monopol in der Vertretung der Arbeiter bekamen, so wurden die revolutionären Verbände völlig entrechtet. Es gehört deshalb heute ein bedeutendes Maß von revolutionärem Bewußtsein dazu, einem revolutionären Verbande anzugehören, um so mehr, als die ungeheure Arbeitslosigkeit den Unternehmern erlaubte, in den Betrieben rücksichtslos mit Revolutionären aufzuräumen. 80 bis 90% der deutschen anarchosyndikalistischen Organisation, der Freien Arbeiter Union Deutschlands, sind arbeitslos, sehr viele seit Jahren,</p>
<p>Zu diesen ungünstigen äußeren Umständen kommen innere Schwächen der deutschen Bewegung, die nicht verschwiegen zu werden brauchen, Erkenntnis ist noch immer der erste Schritt zur Beseitigung von Fehlern gewesen.</p>
<p>In den Revolutionsjahren litt die Bewegung an geistiger Unklarheit. All die vielen revolutionären Arbeiter, die ohne jede Erfahrung und Tradition zur Bewegung stießen, brachten sehr viele unklare Ideen mit, die man noch dazu oftmals gleich in die Praxis umsetzen wollte, was die Bewegung stark geschädigt hat. Insbesondere ist hier die Siedlungsidee und die maßlose Übertreibung des antiautoritären Prinzips zu nennen, was zur Atomisierung führte. 1927 bildete sich sogar eine &#8220;Opposition&#8221;, die freilich nie irgendeine Bedeutung erlangen konnte.</p>
<p>In den Jahren seit 1922 etwa schritt dann die Klärung vorwärts. Die IAA, hat hierzu wesentlich beigetragen durch Übermittlung von ausländischen Erfahrungen. Besonders auf dem letzten Kongreß der FAUD. in Erfurt 1932 gelangte man zur Ausarbeitung einer wirklichen taktischen Linie.</p>
<p>Aber diese äußeren und inneren Widerstände haben den Mut und die Tatkraft unserer Genossen nur gestählt. Wir verfügen auch heute noch in hunderten von deutschen Orten über Kerne von befähigten und opferwilligen Kämpfern, die Tausende und Zehntausende von Zeitungen und Broschüren absetzen, die bei wichtigen Ereignissen Versammlungen abhalten, die auf den Arbeitsnachweisen und in Versammlungen gegnerischer Organisationen ihren Mann stehen. In manchen Industrien, wo unsere Genossen über größeren Einfluß verfügen, treten sie bei Streiks und anderen Kämpfen führend hervor. Die Bewegung ist in der Lage, eine Wochenzeitung &#8220;Der Syndikalist&#8221;, eine alle zwei Wochen erscheinende Arbeitslosenzeitung &#8220;Der Arbeitslose&#8221; und ein theoretisches Monatsorgan &#8220;Die Internationale&#8221; herauszugeben. Ferner ist ihr ein leistungsfähiger Verlag mit reichhaltigem Bücherlager angegliedert und eine Büchergilde, die bereits ein Dutzend Werke freiheitlichen Charakters herausgebracht hat, steht ebenfalls auf unserem Boden. Die Zahl der örtlichen und Berufsorgane ist groß. In letzter Zeit wurde sogar ein solches Blatt für Landarbeiter und Kleinbauern geschaffen. Das nächste Ziel ist, ein Funktionärblatt herauszubringen, um die inneren Fragen der Bewegung behandeln zu können.</p>
<p>Eng mit der FAUD. arbeitet die Jugendorganisation, die Syndikalistisch-anarchistische Jugend, zusammen, die ein gedrucktes, allerdings unregelmäßig erscheinendes Organ herausgibt, &#8220;Junge Anarchisten&#8221;. In neuerer Zeit hat eine starke Tätigkeit zur Schaffung von Kindergruppen eingesetzt. Auf diesem Gebiet sind die Erfolge ziemlich groß, es existiert sogar ein monatlich erscheinendes freiheitliches Kinderblatt &#8220;Proletarisches Kinderland&#8221;. Diese Kinderbewegung berechtigt zu den besten Hoffnungen, wie ja überhaupt die Revolutionierung der Erziehungsmethoden in der Zeit seit 1918 der stärkste Faktor für eine Zersetzung des autoritären Geistes in Deutschland ist. Bemerkenswert ist schließlich noch der bedeutende Einfluß der Anarchosyndikalisten in anderen Arbeiterorganisationen sportlicher oder kultureller Art. Insbesondere ist hier die &#8220;Gemeinschaft proletarischer Freidenker&#8221; zu erwähnen, eine überparteiliche, revolutionär-antikirchliche Organisation mit ca. 15000 Mitgliedern. Selbstverständlich benutzen die Syndikalisten ihren Einfluß nicht, um andere Richtungen an die Wand zu drücken, sondern sie haben die Führung an vielen Orten ganz einfach auf Grund ihrer überwiegenden Arbeit und Aktivität. Ein trübes Kapitel ist leider die Solidaritätsleistung gegenüber Verfolgten, vor allem wegen der Finanznöte. Es sind jedoch Bestrebungen vorhanden, einen besonderen Solidaritätsfonds für derartige Zwecke zu schaffen. Dies wird um so notwendiger sein, als gerade jetzt die Verfolgungen gegen die revolutionäre Bewegung stark zunehmen. Ausnahmegerichte, faschistische Überfälle, Verbote der Zeitungen, Beschlagnahmen, Versammlungsverbote, Verhaftungen und andere Schikanen hageln nur so. Der &#8220;Syndikalist&#8221; wurde innerhalb eines Jahres dreimal verboten, die &#8220;Internationale&#8221; einmal. Viele unserer Genossen sitzen im Gefängnis, mehrere davon sind mit langjährigen Zuchthausstrafen bedroht. Dies zeigt, daß unsere deutsche Organisation, trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche, eine außergewöhnliche Aktivität entwickelt und von der Reaktion danach behandelt wird.</p>
<p>Es ist zu hoffen, daß das deutsche Proletariat die derzeit herrschende Reaktion bald überwindet und daß damit auch die Bahn für eine neue Entwicklung der FAUD. frei wird. Sicher wird das nicht ohne schwere Kämpfe abgehen, in denen die deutschen Anarchosyndikalisten an ihrem Platze zu finden sein werden. Ob sich dies sofort in organisatorischen Erfolgen auswirken wird, wissen wir nicht. Auf jeden Fall aber sind die deutschen Anarchosyndikalisten mit eiserner Entschlossenheit am Werke, ihrer Idee diejenige Stellung im deutschen Proletariat zu schaffen, die ihr gebührt und der IAA. in Deutschland, dem ehemaligen Bollwerk der Wilhelminischen Autorität, eine Sektion zu geben, die des großen Beispiels anderer Länder würdig ist.</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.fau-bremen.de.vu/" target="_blank">FAU-IAA &#8211; Lokalföderation Bremen</a></em></p>
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		<title>Der Einfluss von Frauen auf den frühen Anarchismus</title>
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		<pubDate>Thu, 28 May 2009 17:18:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Interesse feministischer Forscherinnen an der Geschichte des Anarchismus hat sich bislang auf wenige herausragende Figuren wie Louise Michel, Emma Goldmann oder Clara Wichmann konzentriert. Vom Einfluss von Frauen auf die Anfänge des Anarchismus, in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, ist wenig bekannt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-218"></span>Das Interesse feministischer Forscherinnen an der Geschichte des Anarchismus hat sich bislang auf wenige herausragende Figuren wie Louise Michel, Emma Goldmann oder Clara Wichmann konzentriert. Vom Einfluss von Frauen auf die Anfänge des Anarchismus, in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, ist wenig bekannt. Das liegt wohl zum großen Teil daran, dass die &#8220;Ahnenreihe&#8221; des Anarchismus häufig mit dem französischen Sozialphilosophen Pierre-Joseph Proudhon begonnen wird, einem überzeugten Antifeministen, was natürlich den Schluss auf feministische Gründungsimpulse zu widerlegen scheint. Wenn man die Anfänge des Anarchismus bei Proudhon sucht – und fast jede allgemeine Darstellung der Geschichte des Anarchismus tut das – dann lässt sich kaum vermuten, dass Frauen mit diesen Anfängen etwas zu tun gehabt haben könnten.</p>
<p>Daran hat auch die Tatsache nichts geändert, dass die zweite große Gründerfigur des Anarchismus, der russische Revolutionär Michael Bakunin, im Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter eine dezidiert egalitäre Haltung einnimmt. Zwar gilt er deshalb für manche seiner Biografen geradezu als &#8220;Pionier der Frauenemanzipation&#8221;[1], doch der eklatante Widerspruch zwischen Proudhon und Bakunin – die doch beide den Anarchismus begründet haben sollen – scheint den Ideengeschichtlern bisher wenig Kopfschmerzen bereitet zu haben. Aus androzentristischer Perspektive ist eben die jeweilige Position, die eine politische Theorie zu &#8220;den Frauen&#8221; einnimmt, schlicht unwesentlich, so als ob manche Leute zufällig Antifeministen und andere Feministen seien, ohne dass sich das Auswirkungen auf den Rest ihrer Theorie im geringsten auswirken würde.</p>
<p>Geht man jedoch davon aus, dass die Geschlechterdifferenz einen wesentlichen Punkt im Rahmen einer politischen Theorie darstellt – und die zeitgenössischen Akteure inklusive Proudhon und Bakunin tun das – so muss die Annahme einer gemeinsamen Traditionslinie von Bakunismus und Proudhonismus in Frage gestellt werden. Wenn man diese Perspektive erst einmal einnimmt, dann erschließen sich auch ganz neue Erkenntnisse über das, was damals in der europäischen Arbeiterbewegung, vor allem in der Ersten Internationale, diskutiert wurde. Und es stellt sich heraus, dass Frauen bei diesen Diskussionen in entscheidendem Maß beteiligt waren.[2]</p>
<p><strong>Virginie Barbet und die &#8220;Allianz der sozialistischen Demokratie&#8221;</strong></p>
<p>Die männerzentrierte Sichtweise, nach der im frühen Anarchismus Frauen nicht vermutet werden, hat bis in die Quelleneditierung hinein Verwirrung gestiftet. Folgende Passage zum Beispiel findet sich im Protokoll vom 5. Juni 1869 der Versammlung der &#8220;Allianz der Sozialistischen Demokratie&#8221;, einer politischen Gruppe von Frauen und Männern, die Bakunin ein halbes Jahr zuvor in Genf gegründet hatte: &#8220;Bakunin berichtet über das Treffen in Neuchatel &#8230; dann verliest er einen Brief an Madame Barbet in Lyon, begleitet von einem Artikel über das Erbrecht – Fortsetzung der Diskussion &#8230; worauf Abschaffung des Erbrechts einstimmig akzeptiert wird&#8221;[3]. Der Text ist merkwürdig: Warum sollte Bakunin einen Brief und einen Artikel, den er an Virginie Barbet nach Lyon schicken will, vorher öffentlich verlesen? Ist es nicht eher üblich, dass man in einer politischen Versammlung Briefe verliest, die man von Gleichgesinnten bekommen hat? Virginie Barbet, die angebliche Adressatin des Briefes, war Mitglied in der Allianz und schrieb häufig Artikel für sozialistische Zeitungen – unter anderem auch für die Zeitung &#8220;Egalité&#8221;, deren Redaktion von Bakunin geleitet wurde. Wäre es da nicht wahrscheinlicher, dass sie einen Brief an Bakunin geschrieben hat, mit der Bitte, ihren beiliegenden Artikel zu veröffentlichen? Mit anderen Worten: Könnte da nicht im Laufe der Überlieferungsgeschichte der Protokolle aus dem Wörtchen &#8220;von&#8221; das Wörtchen &#8220;an&#8221; geworden sein?</p>
<p>Wenn man hier textkritisch nachforscht, stellt sich erst einmal heraus, dass das französische Original des Protokolls nicht mehr auffindbar ist, sondern zwei mal aus einem jeweils nur handschriftlich vorliegenden Text übertragen wurde[4] &#8211; es gibt also zwei mögliche Fehlerquellen. Der entscheidende Hinweis findet sich schließlich bei James Guillaume, der damals Redaktionsmitglied der Egalité war. Er erinnert sich, im Juni oder Juli 1869 eine Zuschrift zum Thema Erbrecht erhalten zu haben, die &#8220;einige Einwände gegen einen Artikel von Madame Virginie Barbet aus Lyon vorbrachte, der in der Nummer vom 12. Juni veröffentlicht worden war&#8221;[5]. In dieser Ausgabe ist in der Tat ein Artikel über das Erbrecht enthalten, der auch noch aus Lyon datiert– eine Indizienkette, die ausreichen sollte, um in Virginie Barbet die Autorin dieses Artikels zu sehen, der bislang Bakunin zugeschrieben wurde.</p>
<p>Es waren also, unter anderem, die Thesen einer Frau, Virginie Barbet, die den Diskussionen in der Bakunin-Gruppe zu Grunde lagen. Die Forderung nach Abschaffung des Erbrechs stellte Bakunin im September 1869 beim Basler Kongreß der Ersten Internationale zur Abstimmung und forderte damit die Marxisten heraus, die dies ablehnten. An dieser Frage wurde erstmals die Spaltung der Internationale in zwei gegensätzliche theoretische Lager, den Anarchismus und den Marxismus, sichtbar, ein Konflikt, der zwei Jahre später zum Ende der Internationale führte und den Anfang einer jahrzehntelangen ideologischen Auseinandersetzung über die theoretische Ausrichtung der sozialistischen Bewegung markiert. Und dennoch – kein Mensch kennt heute Virginie Barbet!</p>
<p>Dabei scheint sie eine wichtige Persönlichkeit der bakunistischen Allianz und der Lyoner Sektion der Internationale gewesen zu sein. In Quellendokumenten begegnet ihr Name relativ häufig, in Mitgliederlisten, Protokollen oder als Unterschrift unter Aufrufen und Solidaritätsbekundungen. Auch Chronisten der Internationale wie James Guillaume, Sreten Maritch, Jacques Rougerie oder Maurice Moissonier erwähnen Barbet, allerdings meist in Anmerkungen oder Nebensätzen.[6] Über ihre Biografie ist deshalb nur wenig bekannt, nicht einmal ihr Geburts- und Todesjahr. Man weiß lediglich, dass sie in Lyon eine Gaststätte betrieben hat.[7] Andererseits ist jedoch von ihr genügend Schriftliches erhalten – Zeitungsartikel, Flugschriften, Manifeste[8] – so dass sich durchaus mehr über sie sagen lässt, als nur einen Hinweis auf die bloße Tatsache ihrer Existenz zu geben.</p>
<p>Es ist nicht ganz klar, unter welchen Umständen Barbet zur Allianz der sozialistischen Demokratie gefunden hat, aber wahrscheinlich ist es beim Kongress der Friedens- und Freiheitsliga im September 1868 zum Kontakt zwischen ihr und Bakunin gekommen. Die Liga war eine internationale Vereinigung von zum Teil sehr prominenten Reformerinnen und Reformern wie Victor Hugo, John Stuart Mill oder Giuseppe Garibaldi, die für eine Überwindung nationaler Konflikte durch die Gründung einer Europa-Union und die Abschaffung der stehenden Heere eintrat. Anders als in der vier Jahre vorher gegründeten Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA), die damals ein reiner Männerverein war, arbeiteten viele Frauen in der Friedensliga mit, vor allem die Schweizer Feministin Marie Goegg. Auch Virginie Barbet, die sich dem Kongress als Vertreterin &#8220;der Frauen der Lyoner Sozialdemokratie&#8221;[9] vorstellte, hielt dort eine Rede über die Bedeutung von Fraueninteressen für politische Bewegungen.</p>
<p>Bakunin hatte sich von Anfang an stark in der Liga engagiert und auch den Kongress mit vorbereitet. Seine dringende Forderung, auch sozialistische Positionen in das Programm aufzunehmen, wurde aber von der bürgerlichen Mehrheit der Ligamitglieder abgelehnt. Daraufhin traten er und etwa zwanzig weiteren Frauen und Männern aus der Friedensliga aus und gründeten die &#8220;Allianz der Sozialistischen Demokratie&#8221;. Eine Sektion dieser Allianz wurde ein halbes Jahr später, im Sommer 1869 von Virginie Barbet und Albert Richard in Lyon gegründet.</p>
<p>Anders als Bakunin war Barbet zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied der Internationale, doch dürfte sie als &#8220;überzeugte Anhängerin der Frauenemanzipation&#8221;[10], wie sie sich selbst bezeichnete, mit deren bis dahin eher antifeministischer Ausrichtung kaum einverstanden gewesen sein. Vor allem in Frankreich war die Internationale in den ersten Jahren ihres Bestehens nämlich ideologisch sehr vom Proudhonismus beeinflusst und die französischen Vertreter bei den ersten Internationale-Kongressen sahen ihre Aufgabe vor allem darin, die Ablehnung der Frauenerwerbsarbeit in der Programmatik der Internationale zu verankern. Die Allianz dagegen gab sich sofort ein dezidiert feministisches Programm. Gleich im zweiten Punkt wird &#8220;die politische, ökonomische und soziale Gleichmachung der Klassen und der Individuen beider Geschlechter&#8221;[11] gefordert – es ist sehr wahrscheinlich, dass Barbet hier eine Möglichkeit sah, ihr sozialistisches und feministisches Engagement zu verbinden.</p>
<p>Der Eintritt von Virginie Barbet in die Allianz und deren Anschluss an die Internationale im Winter 1868/69 fällt in eine Zeit, wo die Internationale in Frankreich einen Richtungswechsel vollzog. Besonders in Paris wurden die konservativ-proudhonistischen Gründer nun von jüngeren, militanteren Männern zurückgedrängt, hier sind vor allem Benoit Malon und Eugène Varlin zu nennen, die der Internationale ein kämpferischeres, radikaleres, weniger frauenfeindliches Image gaben. Diesen Richtungswechsel trieb auch Virginie Barbet in Lyon voran. Spätestens seit Juli 1868 hatte sie Kontakt zu einer Pariser feministischen Gruppe, der &#8220;Sociéte pour la Révendication du Droit des Femmes&#8221; um André Léo, von der später noch die Rede sein wird.[12] Dabei wurde sie dabei von anderen Frauen aus der Lyoner Internationale, etwa Marie Richard[13], unterstützt.</p>
<p>Schon vor ihrer Bekanntschaft mit Bakunin und der Gründung der Allianz ging Barbet also – in deutlicher Abgrenzung vom saint-simonistischen Feminismus, der die Geschlechterdifferenz betonte &#8211; davon aus, die Natur habe Frau und Mann gleich geschaffen und daher sei auch die &#8220;Gleichmachung&#8221; von Frauen und Männern durch Abschaffung materieller und kulturell geschaffener Unterschiede möglich. Barbets Anschluss an die Allianz erscheint vor diesem Hintergrund ganz folgerichtig. Als Schatzmeisterin der Lyoner Internationale und Mitglied in dem Ausschuss, der die Delegierten für die internationalen Kongresse wählte, hatte sie auch genügend Einfluss auf die Lyoner Internationale insgesamt, um einen solchen Richtungswechsel hier anzustoßen. Dennoch war es nach Meinung der meisten Forscher nicht Barbet, sondern der blutjunge Albert Richard, der Sohn von Marie Richard, der in der Lyoner Internationale die Richtung vorgab. Die herausragende Führungsrolle, die vor allem Richard selber sich zugeschrieben hat,[14] wird in der Literatur völlig unkritisch übernommen, was aber auch daran liegt, dass Richard als Vertreter Lyons bei den IAA-Kongressen 1868 und 1869 in den offiziellen Dokumenten vorkommt, deren Bedeutung für die Theoriediskussionen in der IAA ohnehin oft überschätzt wird.[15] Der Hauptgrund dafür, dass Richards dominante Rolle bisher nicht in Frage gestellt wurde, ist aber wohl, dass Barbets Teilnahme am Friedensliga-Kongress in Bern weitgehend unbekannt ist und man also davon ausgeht, dass allein Richard dort Bakunin kennengelernt habe.</p>
<p>Gegen Richards Führungsqualitäten sprechen jedoch, neben seinem jungen Alter, die Einschätzungen zahlreicher Zeitgenossen. James Guillaum charakterisiert als &#8220;dumm&#8221;, &#8220;kindisch&#8221; und &#8220;überheblich&#8221;[16] Victor Jaclard attestiert ihm &#8220;eine Reihe von Charakterschwächen, eine extrem persönliche Ambition, eine grenzenlose Eitelkeit, einen völlig unausgeglichenen Geist&#8221;[17]. Vor allem aber hatte Richard inhaltlich überhaupt keine gefestigte Position. Es ist völlig unklar, für welche Inhalte er stand. In der Lyoner Internationale war er spätestens im Frühjahr 1870 sehr umstritten, man verdächtigte ihn, ein Polizeispitzel zu sein, und während der Pariser Kommune wurde er dann überzeugter Bonapartist.[18]</p>
<p>Virginie Barbets politische Schriften zeigen dagegen eine klare inhaltliche Position. Eines ihrer wichtigsten Anliegen war, wie bereits angedeutet, die Abschaffung des Erbrechts: Durch diesen Schritt sollte ein gleicher materieller &#8220;Ausgangspunkt&#8221; für alle Kinder geschaffen werden, um die &#8220;Gleichmachung der Individuen&#8221; zu befördern. Besonders vehement wurde diese Diskussion im Vorfeld des Basler Kongresses im September 1869 geführt, wo die Allianz diese Frage zur Abstimmung brachte. Die Egalité – die Genfer Allianzzeitung – widmete bereits in der Nummer vom 1. Mai 1869 ihren Leitartikel diesem Thema. Er stammt sehr wahrscheinlich aus der Feder Bakunins, der darin vor allem bemüht ist, die kleinbürgerlichen Ängste der Arbeiter zu beschwichtigen. Anders dagegen der zweite programmatische Artikel zum Thema, eben der eingangs erwähnte von Virginie Barbet, der am 12. Juni erschien. Dort polemisiert sie gegen den Autor des ersten Artikels, also Bakunin, wenn sie schreibt: &#8220;Wenn wir diese Frage aufgreifen, &#8230; haben wir uns keineswegs vorgenommen, eine vertiefende Studie zu machen, sondern wir wollen lediglich die Aufmerksamkeit &#8230; auf eine der wichtigsten Tatsachen lenken. Ja, der wichtigsten, denn man darf nicht verschweigen, dass eine soziale Revolution, die vorgibt, die Gleichheit zu etablieren und nicht mit der Abschaffung des Erbrechtes anfängt, ihr Ziel eindeutig verfehlen würde&#8221;.[19]</p>
<p>Für Barbet ist die Notwendigkeit, das Erbrecht abzuschaffen, keine Frage, die &#8220;vertiefender Studien&#8221; bedarf, sondern ein Faktum, das schlicht in Erinnerung gerufen werden muss. Deutlicher als die meisten anderen Allianzmitglieder macht sie das Erbrecht zur Prinzipienfrage. Und anders als Bakunin nimmt sie dabei auch keinerlei Rücksicht auf die Bedenken, die von kleinbürgerlich-patriarchal orientierten Familienvätern innerhalb der Arbeiterbewegung zu erwarten sind. Während Bakunin von der Notwendigkeit ausgeht, überhaupt erst einmal die Diskussion über das Erbrecht zu führen und sich bemüht, Bedenken durch behutsame Argumentation auszuräumen, macht Barbet die Erbrechtsfrage sozusagen zur Gretchenfrage. Dass viele auch in der anarchistischen Bewegung jener Zeit sie damit für zu radikal hielten, wird auch aus entsprechenden Leserbriefen deutlich.[20]</p>
<p>Ein anderer Punkt, an dem sich kontroverse Positionen von Barbet und Bakunin aufzeigen lassen, ist Barbets Konzept der revolutionären Gewaltfreiheit. Bakunin erhoffte sich in jenen Jahren zunehmend einen revolutionären Schub für gewaltsame Aufstände und rechnete dabei auch auf das &#8220;Lumpenproletariat&#8221;, die Deklassierten, die Verzweiflung derer, die ohnehin nichts zu verlieren haben.[21] Dies zeugt von einer tendenziell männlichen Perspektive, zumindest im Rahmen einer Gesellschaft, in der die Sorge um Kinder, kranke und alte Menschen weitgehend in die Verantwortung von Frauen fallen. Auch dann, wenn sie zum &#8220;Lumpenproletariat&#8221; gehörten, dürften Frauen nicht unbedingt die Desperados gewesen sein, die Bakunin sich vorgestellt. Vielleicht hatte Barbet diese konkrete Lebensrealität im Blick, denn im Gegensatz zu Bakunin klagte sie vor allem die Gewaltlosigkeit politischer Aktionen ein.</p>
<p>Ihre Strategie des gewaltfreien Widerstands kommt sehr deutlich in einem von ihr verfassten Manifest zum Ausdruck, in dem Lyoner Sozialistinnen im Januar 1870 an die jungen Männer der Stadt appellieren, ihrer Einberufung zum Militärdienst nicht zu folgen.[22] Barbets Argumentation ist dabei nicht eine der prinzipiellen Gewaltlosigkeit. Der Militärdienst müsse verweigert werden, weil die Regierung des Second Empire nicht die Interessen des französischen Volks vertrete, sondern die der &#8220;Unterdrücker des Proletariats&#8221;. Für den Fall, dass es zum passiven Widerstand in Form einer Militärdienstverweigerung kommt, sagt Barbet den jungen Wehrpflichtigen die Unterstützung der Frauen zu. Sie rät ihnen, auf den Einberufungsbefehl gar nicht zu antworten oder die Gründe darzulegen, warum sie in einer Armee Bonapartes nicht kämpfen könnten. Für die Frauen selbst hat Barbet dabei eine eigene Methode vorzuschlagen: &#8220;Sobald wir erfahren, dass einer oder mehrere von euch verhaftet wurden, werden wir massenhaft bei den verantwortlichen Autoritäten eure Freilassung fordern&#8221;[23], verspricht sie.</p>
<p>Drei Monate später veröffentlicht Barbet – wieder im Namen der Lyoner Sozialistinnen – ein weiteres Manifest, in dem sie diese Strategie deutlicher ausformuliert. Diesmal geht es um die Unterstützung eines großen Streiks der Minen- und Stahlarbeiter in Le Creuzot. Barbet fordert die Frauen auf, den Streik ihrer Männer (in der Stahlindustrien waren kaum Frauen beschäftigt) zu unterstützen, und zwar mit einer gewaltfreien, revolutionären und originär weiblichen Kampfform: &#8220;Sprecht die Sprache der Wahrheit zu den Soldaten, die euch umzingeln. &#8230; Sagt diesen unglücklichen Kinder des Volks, dass die Männer, die zu verfolgen sie den Befehl haben, nicht &#8230; Söldner irgendeiner politischen Partei sind, sondern Eure Väter, Eure Brüder, Eure Ehemänner, &#8230; die kein anderes Verbrechen begangen haben als das, das heiligste Recht des Menschen einzufordern, nämlich von ihrer Arbeit zu leben. Mit solchen Worten, da könnt Ihr sicher sein, werdet ihr sie beeindrucken&#8221;[24]. Auch wenn diese Strategie in Creuzot noch an der Übermacht von Militär und Polizei scheiterte, so war sie doch ein Jahr später in Paris erfolgreich: Genau mit dieser Verunsicherung der Soldaten, dem wortreichen &#8220;Dazwischenstellen&#8221; der Frauen zwischen die Regierungstruppen und die Aufständigen, mit der Überzeugungsarbeit der Frauen begann am 18. März 1871 die Kommune von Paris.</p>
<p><strong>André Léo und die antiautoritäre Internationale</strong></p>
<p>In der Pariser Kommune begegnet man einer weiteren Protagonistin des frühen Anarchismus, die für dessen Entwicklung vielleicht noch wichtiger war: Die Pariser Schriftstellerin und Journalistin André Léo (1824-1900).[25] Sie hatte sich in der anti-proudhonistischen Frauenbewegung der fünfziger und sechziger Jahre mit ihren Romanen und ihrem 1868 erschienenen theoretischen Hauptwerk &#8220;Les femmes et les moeurs&#8221;[26] einen Namen gemacht. 1866 gründete sich in ihrer Wohnung die &#8220;Société pour la Revendication du Droit des Femmes&#8221;, die schon bald zum Sammelbecken der führenden Feministinnen in Paris wurde, darunter Paule Minck (die spätere Mitbegründerin der französischen Arbeiterpartei), die damals noch ganz unbekannte Louise Michel, sowie die bekannte Frauenrechtlerin Maria Deraismes.</p>
<p>Die Société markierte eine Neuorientierung gegenüber dem frühsozialistischen Feminismus der dreißiger und vierziger Jahre im Umfeld Fouriers und des Saint-Simonismus: Als Reaktion auf die antifeministischen Kampagnen bürgerlicher Intellektueller wie Proudhon, Michelet und anderen stellten die Feministinnen nun nicht mehr die Geschlechterdifferenz in den Vordergrund, argumentierten nicht mehr mit den besonderen Fähigkeiten und Interessen von Frauen, die deren Partizipation am öffentlichen Leben notwendig machten, sondern betonten die Gleichheit der Geschlechter. Die faktischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern führten sie weitgehend auf ihre Sozialisation zurück, und entsprechend wichtig wurde ihnen die Betonung der Bildungsarbeit, die Forderung nach gleichen Bildungschancen für Mädchen. Der entscheidende Topos für die Argumentation war aber, dass sie von Frauen nicht mehr als Gruppe sprachen, sondern besonders ihre Individualität betonten.</p>
<p>Es war diese Gruppe Pariser Feministinnen, die spätestens seit 1866 den typisch egalitären Feminismusansatz als Gegenstrategie gegen den bürgerlichen Antifeminismus herausarbeitete, den dann im Sommer 1868 die Lyoner Internationalistinnen um Virginie Barbet aufnahmen und der sich Ende 1868 auch im Programm der anarchistischen Allianz um Bakunin niederschlug. So ist es auch eine logische Konsequenz, dass es früher oder später zu einer Zusammenarbeit zwischen den Pariser Allianzisten und den Feministinnen der Société kam.[27]</p>
<p>Im Gegensatz zu den bekanntesten Antiproudhonistinnen der Zeit, Juliette Lamber (verh. Adam) und Jenny D&#8217;Héricourt[28], ist für André Léo die rechtliche Gleichstellung von Frauen allerdings nicht eine logische Folge der Verwirklichung der bürgerlichen Gesellschaft und der Umsetzung gleicher Rechte. Léo erkennt, dass die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft &#8211; ebenso wie die sozialistische &#8211; auch gut auf der Basis der Familie existieren kann. Sie klagt daher nicht nur die innere Logik der Aufklärung ein, sondern hält es für wichtig, auch eine materielle Basis dafür zu schaffen. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, dass Frauen sich nicht nur theoretisch, sondern auch konkret als Individuen an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen können – von hier kommt André Léo zur Forderung nach Erwerbsarbeit für Frauen und einer sozialistische Umgestaltung der Wirtschaftsordnung.</p>
<p>Insofern André Léo, zusammen mit Paule Minck, die sie in dieser Hinsicht vermutlich beeinflusst hat, dem Pariser Feminismus eine sozialistische Wendung gab, wurde ihre Gruppe natürlich zu einer Herausforderung für die proudhonistische Pariser Internationale, was sich auch bald in einem öffentlich ausgetragenen Konflikt nieder schlug. In den Archives Nationales in Paris ist eine Reihe von handschriftlichen Polizeiprotokollen über 16 Versammlungen zum Thema &#8220;Frauenarbeit&#8221; fast vollständig erhalten[29], die diese Kontroverse dokumentieren. Paule Minck, André Léo und andere führten hier vor einem Auditorium von mehreren tausend Männern und Frauen einen öffentlichen Streit mit wichtigen Pariser Internationalisten.</p>
<p>Folgt man den Polizeiprotokollen, dann scheint die Grundstimmung dieser Treffen der Frauenarbeit tendenziell wohlgesonnen gewesen zu sein. Am 6. Juli etwa spricht sich offenbar nur der Internationale Jean-Pierre Héligon gegen Frauenerwerbsarbeit aus, alle anderen Rednerinnen und Redner äußern sich positiv. In der folgenden Woche, am 13. Juli, hält Paule Minck eine lange und eindrückliche Rede zugunsten der Frauenerwerbsarbeit, die später auch als Broschüre gedruckt wird.[30] Bei diesen Versammlungen wird auch deutlich, dass es damals zwei rivalisierende Gruppen in der Pariser IAA gab und dass die Position zur &#8220;Frauenfrage&#8221; einer ihrer wichtigsten Streitpunkte war. Aus Protest gegen Héligons Rede meldeten sich nämlich Eugène Varlin und Benoit Malon, (die an den Versammlungen nicht teilnehmen konnten, weil sie wegen einiger militanter Aktionen in jenen Monaten inhaftiert waren) in einem offenen Brief zu Wort und stellten klar, dass die Internationale &#8220;besonders in der Frauenfrage verschiedene Gruppen umfasst, die auf keinen Fall miteinander verwechselt werden dürfen&#8221;[31].</p>
<p>Der oben bereits angedeutete Richtungswechsel in der IAA, den auch Virginie Barbet in Lyon vorantrieb, war daher wohl auch Voraussetzung für den Eintritt von André Léo in diese Organisation. Ende 1868 trat sie in die vom Allianz-Mitglied Malon geführte Sektion Batignolles ein und setzte ihre Reputation als anerkannte Schriftstellerin der IAA, die damals unter dauernden Schikanen der bonapartistischen Polizei zu leiden hatte, zur öffentlichen Verteidigung dieser Arbeiterorganisation ein. Nur mit Bakunin kam es bald schon zu Auseinandersetzungen.</p>
<p>Die Genfer Allianz-Zeitung Egalité, immer bemüht, bekannte Autorinnen und Autoren zu gewinnen, kündigte in ihrer Ausgabe vom 27. Februar 1869 stolz die Mitarbeit von Léo, &#8220;einer der ersten sozialistischen Schriftstellerinnen Frankreichs&#8221;, an. Doch bereits am 13. März sieht sich Léo genötigt, eine Klarstellung ihrer Prinzipien zu veröffentlichen und distanziert sich von der antibürgerlichen Propaganda der Zeitung: &#8220;Ich stimme mit Ihnen in den Zielen überein, wir unterscheiden uns aber zuweilen in den Mitteln&#8221;. Gegen Bakunin plädiert Léo hier für eine gewisse Offenheit potentiellen Bündnispartnern im republikanischen Lager gegenüber und schreibt: &#8220;Wir glauben an die Gleichheit. Seien wir konform mit unserem Glauben, indem wir &#8230; nicht ohne Beweise Verdacht gegen die Loyalität derer erheben, die sich von uns unterscheiden&#8221;. Noch in der gleichen Ausgabe schreibt Bakunin einen Gegenkommentar, in dem er seine Kompromisslosigkeit rechtfertigt: &#8220;Jede Konzession würde bedeuten, die vollständige Emanzipation der Arbeit aufzuschieben&#8221;.</p>
<p>Allerdings stand André Léo mit ihrer Auffassung keineswegs allein da. Elisée Reclus unterstützte sie in einem Leserbrief der, so Bakunin, &#8220;denselben Geist der Versönlichkeit trägt&#8221;[32]. Auch Malon, so weiß man aus Bakunins Briefen, schlug sich auf Léos Seite. Doch anstatt dem Urteil seiner langjährigen politischen Weggefährten zu folgen, warf Bakunin ihnen Häresie vor und führte den Grund auf ihre &#8220;Schwächen für die dramatischen und sentimentalen Ungereimtheiten des schönen Geschlechts&#8221;[33] zurück. Bakunins Urteilskraft war in diesem Zeitraum ziemlich getrübt, wahrscheinlich wegen seiner kurzen, aber doch einige Monate lang sehr leidenschaftlichen Bewunderung für die radikale Rhetorik eines jungen russischen Revolutionärs Sergej Nechajev, der damals in Genf lebte. Dies ist vermutlich auch der Grund für seine Überschätzung des sich ebenfalls radikal gebärdenden Albert Richard in Lyon.</p>
<p>Die Positionen von Bakunin und Léo näherten sich aber nach der Pariser Kommune wieder an. Nach dem unrühmlichen Abgang seiner jungen Pseudorevolutionäre[34] revidierte Bakunin seine Meinung über Léo, während diese ihrerseits ihre Position radikalisierte. André Léo hatte die Kommune aus ganzem Herzen unterstützt, sich dabei jedoch nicht gescheut, auch interne Kritik vorzubringen, wenn ihr das notwendig erschien, etwa bei Prozessen gegen vermeintliche &#8220;Verräter&#8221; oder wenn die Kommune Pressezensur verhängte. Selbst in dieser Extremsituation ließ sie sich nicht von ihrer Überzeugung abbringen, dass der Zweck unter keinen Umständen die Mittel heiligt: &#8220;Wenn wir uns verhalten wie unsere Gegner, wie soll sich die Welt dann zwischen ihnen und uns entscheiden?&#8221;[35]</p>
<p>Nach der Niederschlagung der Kommune gelang André Léo, ebenso übrigens wie Virginie Barbet, die Flucht in die Schweiz. Ihre Lebensaufgabe sah sie nun darin, die extrem kritische bürgerliche Öffentlichkeit über die wirklichen Ziele und die wahre Geschichte der Kommune aufzuklären und die Bluttaten der Versailler anzuprangern. Dass sie damit jedoch auch beim der liberal-republikanischen Bürgertum, darunter viele ihrer früheren Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus dem feministisch-republikanischen Lager, auf taube Ohren stieß, zeigte sich im September 1871 beim Kongress der Friedens- und Freiheitsliga in Lausanne, wo André Léo durch Tumult und Zwischenrufe gezwungen wurde, ihre Rede abzubrechen und den sie &#8220;tieftraurig&#8221;[36] verließ.</p>
<p>Nach diesen Erfahrungen wandte sich Léo endgültig der sozialistisch-anarchistischen Bewegung zu und setzte, wie viele Kommuneflüchtlinge, ihre Hoffnung ganz in die Internationale. Dort war es jedoch inzwischen zu einem offenen Streit zwischen dem Londoner Generalrat und der Genfer Allianz gekommen, und die Schweizer IAA hatte sich über diesen Konflikt in zwei rivalisierende Föderalräte gespalten. Weil sie sich in diesen Streit nicht hereinziehen lassen wollten, beschlossen Léo, Malon, Barbet, Minck und andere Kommuneflüchtlinge, nicht in die Allianz einzutreten, sondern eine eigene Sektion zu gründen, die &#8220;Sektion der Propaganda und der revolutionären Tat&#8221;. Verstärkung bekamen sie durch Schweizer Anarchisten, während die Allianz, die der Generalrat inzwischen ohnehin verboten hatte, aufgelöst wurde.</p>
<p>Im Gefolge der Kommuneflüchtlinge, die als Helden und Heldinnen verehrt wurden, hatte der anarchistische Flügel der Internationale in der Schweiz stark Oberwasser bekommen. Um zu verhindern, dass dieser Stimmungsumschwung auch auf andere Länder übergriff, nutzten Marx und Engel ihren Einfluss im Generalrat und veranstalteten im September 1871 in London eine IAA-Konferenz, zu der die anarchistischen Sektionen nicht eingeladen wurden. Dort fasste man zahlreiche Beschlüsse, die für die anarchistischen Sektionen, zu denen auch die neue Genfer Flüchtlingssektion gezählt wurde, untragbar waren. Mit dieser Provokation eröffneten Marx und Engels allerdings eine gefährliche Kontroverse, bei der sie letztlich selbst unterlagen.</p>
<p>Für die Kommuneflüchtlinge war der Generalrat bis dahin nämlich keineswegs ein Gegner gewesen. Ihre antizentralistischen, libertären Positionen waren in erster Linie in der Auseinandersetzung mit blanquistischen und jakobinischen Strömungen innerhalb der Kommune entstanden, in deren zentralistischem, autoritärem Vorgehen zumindest André Léo auch einen Grund für das Scheitern des Kommuneexperiments sah. Erst durch die Londoner Konferenz, in derem &#8220;autoritären&#8221; Verhalten die Kommunardinnen und Kommunarden dazu eine Parallele sahen, definierten sie ihre &#8220;antiautoritären&#8221; Ideen auch in Opposition zum Generalrat.</p>
<p>André Léo war neben James Guillaume eine der treibenden Figuren dieser Debatte. Im Oktober 1871 übernahm sie die Redaktion der Zeitung der neuen Propaganda-Sektion, der &#8220;Révolution Sociale&#8221;[37], und kommentierte die Beschlüsse der Londoner Konferenz mit beißender Ironie: &#8220;Dass die Göttin Freiheit uns zu Hilfe komme! Denn wir haben gegen die jüngste päpstliche Bulle verstoßen, &#8230; indem wir die Unfehlbarkeit des obersten Rates zur Diskussion stellen. Nun sind also auch wir von der Exkommunizierung bedroht, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Seele dem Teufel der Anarchie zu verschreiben&#8221;[38]. Durch die Agitation von André Léo und die Verbreitung eines Zirkulars der anarchistischen Sektionen, das die Kompetenzen des Generalrats nun offen in Frage stellte, wurde der Konflikt nun auch in andere Länder getragen, und die Opposition gegen den Generalrat wuchs.</p>
<p>Diese Entwicklung haben Marx und Engels lange nicht wahrhaben wollen. Erst im März 1872 reagierten sie mit einem Rundbrief über &#8220;Die angeblichen Spaltungen in der Internationale&#8221;, in dem sie das Schweizer Zirkular Punkt für Punkt kommentierten und auch André Léo persönlich angriffen.[39] Doch es war zu spät. Im Lauf des Jahres wurde deutlich, dass sich die große Mehrheit der Sektionen, vor allem in den romanischen Ländern, aber auch in Belgien und sogar in England gegen Marx stellten. Der größte Irrtum von Marx und Engels in diesem Konflikt war, dass sie den Einfluss Bakunins völlig überschätzten. Sie hielten ihn für den alleinigen Urheber der abweichenden Meinungen und Positionen in der IAA und konzentrierten daher ihre gesamte Gegenstrategie auf eine Kampagne gegen seine Person – eine grobe Fehleinschätzung, die nicht dadurch richtiger wird, dass sie bis heute in der Literatur ständig wiederholt wird. Bakunin wohnte schon seit Ende 1869 jenseits der Alpen, in Locarno, und hatte kaum noch Einfluss auf die Diskussionen in Genf und im Schweizer Jura, einer Hochburg des Anarchismus. Schon die Auflösung der Allianz war gegen Bakunins ausdrücklichen Willen vollzogen worden, und das Programm der Propagandasektion fand er &#8220;ziemlich schlecht&#8221;[40]. Marx und Engels hatten es keineswegs nur mit Bakunin zu tun, wie sie glaubten, sondern mit einer ganzen Reihe von Führungspersönlichkeiten, die völlig eigenständige Positionen vertraten, wie das Beispiel von André Léo zeigt. Auch wenn es Marx und Engels tatsächlich gelungen wäre, Bakunin zu diskreditieren, hätte das an dieser Tatsache überhaupt nichts geändert. Ganz entgegen der dahinterstehenden Absicht lösten sie durch ihr Vorgehen faktisch sogar eine erneute Welle der Solidarität mit Bakunin aus.</p>
<p><em><strong>Fussnoten:</strong></em></p>
<p>[1] Masters, Anthony (1974) Bakunin. The Father of Anarchism. Sidgwick and Jackson: Lonson, S. 172.</p>
<p>[2] Vgl. dazu ausführlicher: Antje Schrupp (1999) Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin, Frauen in der Ersten Internationale – Virginie Barbet, Elisabeth Dmitrieff, André Léo und Victoria Woodhull, Königstein.</p>
<p>[3] Zit. nach: Jacques Freymond, Hrsg. (1964) Etudes et Documents sur la Première Internationale en Suisse. Droz: Genève, S.160.</p>
<p>[4] Zunächst von Max Nettlau aus dem später verloren gegangenen Original, und später von Bert Andréas und Mikós Molnar, den Herausgebern der Protokolle, aus Nettlaus handschriftlichem Manuskript.</p>
<p>[5] Guillaume, James (1985) L&#8217;Internationale, Bd. I, Gérard Lebovici: Paris, S. 281.</p>
<p>[6] Vgl. Testut, Oscar (1872) Die Internationale, Leipzig, S. 32ff, 107, ders. (1872) L&#8217;Internationale et le Jacobinisms, Paris, Bd. 2, S. 383, Freymond a.a.O., S. 249, Guillaume a.a.O., S. 244, Moissonnier, Maurice (1972) La Première Internationale et la Commune à Lyon, Paris, S. 95, 112, 151 u.a., Lehning, Arthur (1977) Bakunin-Archiv VI, Leiden, S. XXXIX, 140, Maritch, Sreten (1939) Histoire du mouvement social sous le Second Empire à Lyon, Paris, S. 255, Rougerie, Jacques (1961) &#8220;La première Internationale à Lyon&#8221; in: Annali dell&#8217;Istituto Giangiacomo Feltrinelli, S. 142..</p>
<p>[7] Evtl. auch einen Weinhandel, vgl. Rougerie, a.a.O., nach Guillaume, a.a.O. in der Rue Moncey 123 am linken Rhoneufer, vgl. auch Moissonnier, a.a.O., S. 242, Auzias, Claure und Houel, Annik (1982) La grève des ovalistes, Paris, S. 158.</p>
<p>[8] Barbet, Virginie (1868) Rede vor der Friedens- und Freiheitsliga in: Rahm, Berta (1993) Marie Goegg, Schaffhausen, S. 101-103, dies. (1869) Déisme et Athéisme. Profession de foi d&#8217;une Libre-penseuse, Lyon, dies.: Berichte vom Lyoner Ovalistinnen-Streik in: Egalité vom 3.7. und 17.7. 1869, dies. (1870) &#8220;Manifeste des femmes lyonnaises adhérentes à l&#8217;Internationale&#8221;, in: Testut (1972) a.a.O., S. 277-279, dies.: &#8220;Pourquoi je suis collectiiste&#8221; in Solidarité vom 18.6.1870, dies. (1871) Réponse d&#8217;un membre de l&#8217;Internationale à Mazzini, Lyon, dies. (1881) Religions et libre-pensée, Genève.</p>
<p>[9] Zit. nach Rahm, a.a.O., S. 101.</p>
<p>[10] In: Solidarité vom 18.6.1870.</p>
<p>[11] Das Allianz-Programm ist dokumentiert in Freymond, a.a.O., S. 233 ff., zum abweichenden Text vgl. ebd. 210.</p>
<p>[12] Vgl. Auzias/Houel, a.a.O., S. 156, Maritch, a.a.O., S. 255.</p>
<p>[13] Vgl. Faucon, Marcel (1967) &#8220;Albert Richard, militant socialiste&#8221; in: Revue Socialiste Nr. 208, S. 545, Auzias/Houel, a.a.O., S.. 156.</p>
<p>[14] Vgl. v.a. Richard, Albert (1896) &#8220;Les Propagateurs de l&#8217;Internationale&#8221; in: Revue Socialiste, Juni, S. 641-667, ders. (1896) &#8220;Bakunin et L&#8217;Internationale à Lyon&#8221;, in: Revue de Paris, September, S. 119-160, ders. (1897) Les débuts du parti socialiste francais&#8221;, in: Revue politique et parlementaire, Januar, S. 65-95.</p>
<p>[15] Vgl. Schrupp (1999), a.a.O., S. 12f.</p>
<p>[16] Guillaume, a.a.O., Bd. II, S. 68.</p>
<p>[17] Zit. nach Vuilleumier (1972), a.a.O. S. 301, vgl. auch Dutacq, Francois (1931)&#8221; Les grèves lyonnaises de la fin du Second Empire&#8221; in Révolution de 1848, Nr. 28, S. 221. Auch Paul Robin und Eugéne Varlin hatten ein distanziertes Verhältnis zu Richard.</p>
<p>[18] Vgl. Dutacq, a.a.O., S. 222, auch Egalité vom 15.2.1872, Archer, Julian (1971) &#8220;La Commune de Lyon&#8221; in: Mouvement Social, Nr. 77, S. 43, Langhard, J. (1903) Die anarchistische Bewegung in der Schweiz, Berlin, S. 34, Jaeckh, Gustav (1904) Die Internationale, Leipzig, S. 166.</p>
<p>[19] Egalité vom 12.6.1869.</p>
<p>[20] Vgl. Egalité vom 26.6.1869.</p>
<p>[21] Zur Bedeutung des &#8220;Lumpenproletariats&#8221; für den Bakunin&#8217;schen Anarchismus vgl. Woodcock (1962) S. 23f, Dressen (1994) S. 192ff, Bookchin (1977) S. 28f u.a. Zur marxistischen Gegenposition u.a. Die I. Internationale in Deutschland, S. 446ff, Stekloff (1928) S. 162ff.</p>
<p>[22] Barbet (1870), a.a.O., in Auszügen auch dokumentiert bei Maritch, a.a.O., S. 255f.</p>
<p>[23] Barbet (1870), a.a.O., S. 278f.</p>
<p>[24] In: Solidarité vom 16.4.1870.</p>
<p>[25] Der Name ist ein Pseudonym, aus den Vornamen ihrer Zwillingssöhne zusammengesetzt, das aber Victorine-Léodile Béra, verheiratete Champseix, seit Anfang der sechziger Jahre ausschließlich benutzte.</p>
<p>[26] Reprint 1990, Tusson (Charente). Vgl. auch: André Léo (1865) Observations d&#8217;une mère de famille, Paris und die Quellensammlung &#8220;André Léo, une journaliste de la Commune&#8221; in: Le Lérot rêveur, Nr. 44, März 1987.</p>
<p>[27] Dazu kommen auch Kontakte durch persönliche Beziehungen, da etwa Noémie Reclus, die Cousine und Schwägerin von Elisée Reclus, Mitglied der Société war.</p>
<p>[28] Vgl. Lamber, Juliette (1858) Idées antiproudhoniennes sur l&#8217;amour, les femmes et le marriage, Paris, und D&#8217;Héricourt, Jenny (1860) La femme affranchie, Brüssel. Beide Bücher wurden in den sechziger Jahren in Frankreich breit diskutiert.</p>
<p>[29] Es handelt sich um wöchentliche Treffen im Ballsaal Vauxhall: &#8220;42 Procès-verbaux de Commissaires de police de réunions publiques entre juillet et novembre 1868&#8243;, Archives Nationales, Paris, Fonds Rouher – 45 AP 6. Vgl. auch Dalotel, Alain; Faure, Alain; Freiermuth, Jean-Claude (1980) Axs origines de la Commune. Le mouvement des réunions publiques à Paris 1864-1871, Paris.</p>
<p>[30] Abgedruckt in Minck, Paule (1982) Les mouches et les araignées, Le travail des femmes, et autres textes, hrsg. von Alain Dalotel, Paris.</p>
<p>[31] Zit. nach Stekloff, Jurij M. (1928) History of the First International, London.</p>
<p>[32] Reclus&#8217; Brief, der von drei weiteren Verteidigern Léos unterzeichnet ist, wurde, ebenso wie eine Erwiderung von Léo selbst, aus &#8220;Raummangel&#8221; nicht veröffentlicht, vl. Bakunin, Michael (1978) Gesammelte Werke, Bd. II, hrsg. von Max Nettlau, Vaduz/Liechtenstein, S. 44.</p>
<p>[33] Vgl. Nettlau, Max (1928) Elisée Reclus, Anarchist und Gelehrter, Berlin, S. 127.</p>
<p>[34] Jeglichen Rest von Reputation hatte Nechajev verloren, nachdem durch einen Prozess in Russland seine betrügerische und skrupellose Vorgehensweise auch gegen Gleichgesinnte bekannt geworden war, vgl. Pomper (1979) 147. Richard war schon länger der Zusammenarbeit mit der napoleonischen Polizei verdächtigt worden und inzwischen ganz offen Bonapartist geworden.</p>
<p>[35] Léo (1987) a.a.O., S. 34, vgl. auch Thomas, Edith (1963) Les Pétroleuses, Paris, S. 146.</p>
<p>[36] Die Rede ist abgedruckt in Léo (1987), a.a.O., S. 51ff.</p>
<p>[37] Vgl. Guillaume (1985) II, 219.</p>
<p>[38] Zit. nach Guillaume (1985) II, S. 221.</p>
<p>[39] Marx/Engels (1971a) Bd. 18, S. 21f.</p>
<p>[40] Anfang Oktober in einem Brief, zit. nach Guillaume (1985) II, 218.</p>
<p><em>Orginaltext: <a href="http://antjeschrupp.de/ " target="_blank">http://antjeschrupp.de/ </a></em></p>
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		<title>Anarchismus in Deutschland 1945-1960</title>
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		<pubDate>Thu, 28 May 2009 15:21:50 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wer weiss heute über den deutschen Nachkriegs-Anarchismus und vor allem den Anarcho-Syndikalismus nach 1945, seine Aktivitäten und TrägerInnen bescheid? Wenige, das ist sicher. Hans-Jürgen Degen hat sich mit seinem Buch „Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960“ die Aufgabe gestellt, Licht in die Dunkelheit zu bringen und eine Wissenslücke zu schließen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-194"></span><em>Buchbesprechung: Hans Jürgen Degen: „ Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960“. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp; Oelschläger. 20 Euro, ISBN 3-932577-37-X</em></p>
<p>Wer weiss heute über den deutschen Nachkriegs-Anarchismus und vor allem den Anarcho-Syndikalismus nach 1945, seine Aktivitäten und TrägerInnen bescheid? Wenige, das ist sicher. Hans-Jürgen Degen hat sich mit seinem Buch „Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960“ die Aufgabe gestellt, Licht in die Dunkelheit zu bringen und eine Wissenslücke zu schließen. Auf 440 Seiten legt er die Entwicklungsgeschichte der „Föderation Freiheitlicher Sozialisten“ (FFS) dar, die in der Kontinuität der durch die Nationalsozialisten verbotenen und zerschlagenen „Freien Arbeiter Union Deutschlands“ (FAUD) steht.</p>
<p>Sinnvoll aufgeteilt in 18 Kapitel nimmt er sich der FFS und &#8211; in geringerem Umfang &#8211; anderer anarchistischer und anarcho-syndikalistischer Gruppen an, beschreibt die Schwerpunkte der Arbeit, die „ideologischen“ Grundlagen und das Verhältnis zwischen den verschiedenen libertären Gruppen. Er zeigt die internationale Solidarität für die deutsche libertäre Bewegung, beschreibt die Arbeit der FFS-GenossInnen in „Fremdorganisationen“ wie Parteien und Gewerkschaften und analysiert, weshalb die FFS – trotz Verlag, Zeitschrift und Jugendorganisation &#8211; nie zu einem Masseneinfluss gelangte und schließlich scheiterte. In vier Exkursen nimmt er sich noch einmal spezieller Themenstellungen an. Zweimal mit Bezug auf den – auch nach 1945 – in Deutschland einflussreichen anarcho-syndikalistischen Theoretiker Rudolf Rocker, der sich zum Revisionisten entwickelte und zum dritten mit einer viel Beachtung verdienenden Abhandlung zur Situation der AnarchosyndikalistInnen und Libertären in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später der DDR. Den vierten Exkurs bildet ein Beitrag zum österreichischen Anarchisten Peter Brandt, seiner Broschüre „Wege zur Freiheit“ und dessen Analysen der Situation in Nachkriegsdeutschland, die ebenfalls viel kritische Beachtung verdienen.</p>
<p>Degen hat über viele Jahre eine Menge an Informationen zusammentragen können. Dabei zitiert er für „Anarchismus in Deutschland“ maßgeblich aus dem Schriftverkehr zwischen den GenossInnen und aus offiziellen Verlautbarungen, z.B. in Zeitschriften und internen Rundschreiben. An einigen Stellen revidiert Degen so die Aussagen von Günter Bartsch, der seit den 70er Jahren immer wieder auch über den Nachkriegsanarchismus und die FFS schrieb.</p>
<p><strong>Die Situation in Nachkriegsdeutschland und die Gründung der FFS</strong></p>
<p>Degen beschreibt die Situation in Nachkriegsdeutschland nachdrücklich. Er lässt die GenossInnen zu Wort kommen, die schon kurz nach dem Ende des Krieges die Kontinuität der Wirtschaftsbosse und Altnazis an der Macht scharf analysierten. Und er beschreibt die Lebensrealität der arbeitenden Klasse: Zerbombte Städte, Hunger, Obdachlosigkeit, geflohene und vertriebene Menschen, Erwerbslosigkeit.</p>
<p>„Dem weitverbreiteten apathisch-resignativen Element in der Nachkriegsgesellschaft verfielen auch die meisten Anarchisten/Anarchosyndikalisten: Sie entzogen sich nicht den Bedürfnissen nach „Ruhe“, „Sehnsucht nach Wohlstand“, gesellschaftlicher „Anerkennung“ – was nicht implizierte, damit auch gleichzeitig den Wunsch nach „Veränderung“ aufzugeben. Dieses psychische Dilemma hinter sich zu lassen, gelang nur einem Bruchteil von ihnen. Eine Reorganisation des deutschen Anarchismus bedeutete in dieser Situation primär Selbstorganisation auf der Mikroebene: Keinerlei organisatorische Struktur hatte das 3.Reich überlebt&#8230;.Hinzu kam die durch KZ-Haft oft so stark angeschlagene Gesundheit, dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl von ihnen die Hungerjahre 1945– 1948 nicht überlebte.“ (S.34)</p>
<p>Unterstützung erhielten die deutschen Genossinnen und Genossen aus der internationalen anarcho-syndikalistischen Bewegung. U.a. auf Initiative des ehem. FAUD-Aktivisten und Spanienkämpfers Helmut Rüdiger (Schweden) und Rudolf Rocker (USA), organisierten vor allem die schwedische SAC und jüdische ArbeiterInnen in den USA Hilfslieferungen für über 200 deutsche GenossInnen. Hilfe kam ebenfalls von der „Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher Sozialisten“ in Basel, der französischen FAF und einigen anderen anarchistischen Hilfskomitees, sowie der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) – der anarcho-syndikalistischen Internationale. Diese berichtete seit 1945 über die Situation in Deutschland und rief zur Solidarität auf. Im Mai 1948 beschloss dann der 2.FFS-Kongress auf diese Hilfslieferungen zu verzichten um sie stattdessen den „spanischen Genossen“ zugute kommen zu lassen, die der Franco-Diktatur ausgesetzt waren.</p>
<p>1945 – das belegt Degen sehr anschaulich – entstanden die ersten anarcho-syndikalistischen Gruppen in Deutschland. Oftmals reine Diskussionszirkel versuchten sie mit Gleichgesinnten in anderen Städten und Regionen in Kontakt zu treten. Ein Großteil von ihnen wollte und konnte durch die gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr dort weitermachen, wo sie mit ihrer Arbeit 1933 durch die Nazis gezwungen wurden aufzuhören. Sie regten Diskussionen über die Neubestimmung libertärer und anarcho-syndikalistischer Positionen an, in denen der (europäische) Föderalismus und die freie Entfaltung der Persönlichkeit einen hohen Stellenwert besaßen. Ausgehend von Gretel und Alfred Leinau in Darmstadt kam es ab 1945 zu einer Reihe von Treffen, auf denen über die Gründung einer freiheitlich-sozialistischen Organisation beraten wurde. Diese wurde dann Pfingsten 1947 in Darmstadt als Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) gegründet. Vertreten waren „ca.30 Delegierte aus fünfzehn Orten in ganz Westdeutschland“ (S.60). Von Anfang an beteiligte sich der Berliner Fritz Linow, ehemaliges Mitglied der Geschäftskommission der FAUD am Aufbau und der inhaltlichen Ausrichtung der neuen Organisation. Linow, der mit Rocker und Rüdiger in der Neudefinition eines freiheitlichen Sozialismus konform ging, wurde zu einer dominanten Person in der FFS. Er bestimmte durch seine Redaktionsarbeit in der FFS-Zeitschrift „Die freie Gesellschaft“ das Erscheinungsbild, das von kulturellen und theoretischen Beiträgen geprägt war und dem erklärten Anspruch der Zeitschrift, auch neue Mitglieder zu gewinnen, nicht gerecht wurde. Die Zeitschrift wurde zur fast ausschließlichen Arbeitsaufgabe für die Gesamt-Organisation und offenbar von den FFS-Mitgliedern nicht geliebt, da sie ein fast rein akademisch – intellektuelles Spektrum bediente, das mit der Lebensrealität der allermeisten FFSlerInnen nicht viel gemein hatte.</p>
<p>Der Wuppertaler Fritz Benner schrieb über diesen Zustand:“&#8230;man kann mit ihr keine Bewegung aufbauen. Die Genossen werden es leid, alles nur für die Zeitschrift zu opfern, keine Versammlungen, nichts. Eine Bewegung kann man nur schaffen, wenn man sich an die materiellen Interessen wendet. Die Genossen im Ruhrgebiet wollen &#8230; werben. Sie halten die Zeitschrift dafür nicht geeignet.“ (S.323 ff.) Da es, mit Ausnahme der Drucklegung, Werbung und des offensiven Verkaufs der Informationsbroschüre „Der Leidensweg von Zensl Mühsam“, die vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete und dort in ein Konzentrationslager gebracht wurde, zu keiner gemeinsamen Kampagnenarbeit der FFS kam, war der Stellenwert ihrer Zeitschrift für die Wahrnehmbarkeit der Organisation sehr hoch.</p>
<p>Ein wichtiger Punkt bei den Beratungen an Pfingsten 1947 war die Zulassung der FFS als legale Organisation. Diese „Lizenzierung“ wurde von den alliierten Besatzungsmächten vorgenommen und der FFS – in allen Besatzungszonen &#8211; beständig verweigert. Die Mitgliederstärke der FFS soll nach Degen 1948 zwischen 350 und 400 Mitgliedern gelegen haben, wovon allein in Berlin mit 80 und in Köln mit 113 Mitgliedern lokale Hochburgen bestanden. Weitere größere Gruppen bestanden in München, Hamburg, Ludwigshafen, Mannheim und Wuppertal.</p>
<p>Im weiteren führt Degen die internen Diskussionen zur inhaltliche Bestimmung der FFS aus, die durchaus kontrovers verliefen, an deren Ende sich aber die Mehrheit für die revisionistischen Positionen – die auch von Rocker aufgegriffen wurden– aussprach. So lehnte die FFS den Parlamentarismus zwar immer noch als undemokratisch ab, schuf ihren Mitgliedern aber die Möglichkeit der Teilnahme an Wahlen auf kommunaler Ebene, um der geführten Diskussion um einen „Gemeinde-Sozialismus“ Rechnung zu tragen. Einige FFS´ler kandidierten auf kommunaler Ebene und erzielten beachtenswerte Wahlerfolge wie Karl Dingler in Göppingen und Karl Preiss in Ulm.</p>
<p>Ein Teil der FFS-Mitglieder übernahm Funktionen in Gewerkschaften des DGB und wurden Betriebsräte bei gleichzeitiger massiver Kritik an ihnen. Die Gründung einer eigenständigen syndikalistischen Gewerkschaft wurde zwar immer wieder vorgebracht, aufgrund der Einschätzung das ihre Verwirklichung momentan unrealistisch sei, aber immer wieder verworfen. Ein Aufruf des in der Erwerbslosenbewegung aktiven Theodor Bennek aus Hildesheim im März 1951 zur „Wiedergründung der FAUD“ stieß u.a. deswegen auf breite Ablehnung. (S. 335 ff.)</p>
<p>Leider finden sich keine evt. Positionen zur „Freien Sozialistischen Gewerkschaft“ (FSG) im Buch, die sich 1947 in Hamburg als politische Richtungsgewerkschaft formierte, nach 1 ½ Monaten aber schon von der britischen Besatzungsmacht verboten wurde.</p>
<p><strong>Reorganisation, Verfolgung und Ermordung von AnarchosyndikalistInnen in der SBZ und der DDR</strong></p>
<p>Ein großes Plus an Degens Buch ist die bisher am gründlichsten recherchierte Beschreibung und Veröffentlichung zur Situation der Libertären in der SBZ und der DDR. In seinem Exkurs dazu beschreibt er die politischen Bedingungen die eine offene Betätigung durch die Kommunisten unmöglich machte. Er definiert „3 Tendenzen libertären Verhaltens“. „Erstens diejenigen Libertären, die versuchten, sich relativ offen wieder zu organisieren und sich damit auch offen gegen das kommunistische Regime stellten; zweitens die Libertären, die mit dem kommunistischen System zwar paktierten, aber versuchten, hier Libertäres einzubringen; drittens arrangierte und identifizierte sich ein vermutlich kleiner Teil der Libertären völlig mit dem Regime“. (S.182)</p>
<p>Zu den wenigen bekannten Köpfen des Wiederaufbaus der anarcho-syndikalistischen Bewegung in der SBZ und späteren DDR gehört der Illmenauer Fritz Heller, der für seine Tätigkeit 1968 zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, wovon er 5 ¼ Jahre im KZ Bautzen verbringen musste, bevor er es schaffte nach Frankfurt/M. zu gelangen. Der Metallarbeiter Willi Jelinek aus Zwickau richtete eine Informationsstelle ein, von der aus über Rundschreiben Kontakte hergestellt wurden. „In Sachsen sollen sich daraufhin fünf oder sechs Gruppen gebildet haben.“ (S.183) In Dresden war der Anarchosyndikalist Walter Reede aktiv und der Ostberliner Rudolf Ludwig war Verbindungsmann der FSS in den Westen.</p>
<p>1948 tagte in Leipzig eine „Konferenz der libertären Bewegung“, deren Durchführung von einem Spitzel verraten wurde und die Verhaftung aller TeilnehmerInnen zur Folge hatte.1949 kam es zu zwei Verhaftungswellen gegen AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen durch das kommunistische Regime. Anfang 1949 wurden über 100 GenossInnen verhaftet und im September über 170 „vornehmlich der vor 1933 existierenden Gruppen Kommunistische Arbeiterpartei und Syndikalisten &#8230; verhaftet. Die Opfer der SED-Justiz wurden oft zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Viele von ihnen inhaftierte man in den ehem. Nazi-KZ´s und in Bautzen. „Bewacher“ waren meist „Russen, größtenteils aber deutsche Volkspolizei, die sich nur in der Uniform von Hitlers SS unterscheidet.“ (S.193). Und Anfang 1950 saßen „dreißig freiheitliche Sozialisten .. seit weit einem Jahr wieder im KZ Oranienburg-Sachsenhausen“. (S.194). In Bautzen wurde der Anarchosyndikalist Willi Jelinek ermordet.</p>
<p>Die Reaktion der westdeutschen GenossInnen war die Bildung von Unterstützungsgruppen für die Verfolgten und die Information der Öffentlichkeit über das totalitäre Vorgehen der Kommunisten im Osten. In Publikationen und Diskussionen wurde die Gleichartigkeit der Struktur von Nationalsozialismus und Bolschewismus analysiert und die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) (heute VVN-BdA) scharf angegriffen, da sie die Existenz von KZ´s in der SBZ/DDR und die Verfolgung freiheitlicher Sozialisten leugnete. Der Berliner Otto Reimers formulierte dies in einem Beitrag in der „Freien Gesellschaft“: „&#8230;wurdet ihr VVN-Kameraden nicht auch einst in die Hitler KZ´s als Staatsfeinde eingewiesen? Wir Sozialisten wissen dass sich in den Ostzonen KZ´s heute Sozialisten befinden, die auch unter Hitler im KZ schmachteten und ihr (VVN) schweigt dazu.“ (S.194)</p>
<p>In einer Resolution des 2. FFS-Kongresses 1948 in Nieder-Berbach/Mordach formulierten die GenossInnen als Grundkonsens: “gegen jede Art autoritärer Bevormundung, gegen die bürokratische und zentralistische Entartung der Demokratie, gegen den Faschismus und insbesondere gegen den totalen Staat in Gestalt des als Diktatur des Proletariats verschleierten roten Faschismus und der sogenannten Volksdemokratien &#8230; Die FFS (Deutschlands) bekennt sich zur Sache des Friedens und der Völkerverständigung &#8230; sie ist vor allem entschlossen, das weitere Vordringen des bolschewistischen Totalitarismus in Europa verhindern zu helfen.“ (S.331)</p>
<p><strong>Die Internationale Arbeiter Assoziation</strong></p>
<p>In einem weiteren Beitrag geht Degen auf die Beziehungen zwischen der FFS und der IAA ein, welcher die FFS 1948 – als Nachfolgerin der FAUD beigetreten war, und stellt die interne Entwicklung der IAA, ihre inhaltlichen Differenzen und schließlich den Austritt einiger ihrer Sektionen in den 50er Jahren anschaulich dar. Ein Beitrag der auch abseits der Konzentration auf die FFS Aufmerksamkeit verdient, da die Informationen über dieIAA und ihre Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg gerade in Deutschland weitestgehend unbekannt sind. Delegierte für die FFS auf internationaler Ebene waren u.a. Helmut Rüdiger und der 1966 aus dem mexikanischen Exil nach München zurückgekehrte Augustin Souchy.</p>
<p>Den Abschluss der 18 Kapitel bildet der Beitrag „Das Ende der FFS. Nachwehen und Ausläufer“ (S.400 ff.). Ein offizielle Auflösung der FFS hat nie stattgefunden, berichtet Degen, und gibt Einblick in die Stimmung der FFS. „Die FFS Protagonisten waren ausgebrannt“ (S.403) und führt dies auf die „ausgebliebene Resonanz in der Nachkriegsgesellschaft“ zurück, die nach A. Klönne „einen hohen Grad von Geschichtsverlust aufwiese“ den dieser auf den Nationalsozialismus zurückführte. „Nicht nur Verbot, Verfolgung der Organisationen der Arbeiterbewegung, sondern der NS-Staat war auch darauf aus, jeder Erinnerung an den Prozeß der Emanzipation und Selbstorganisation der Arbeiterschaft aus dem historischen Bewusstsein zu löschen.“ (S.404) Weiterhin – so Degen – hätte sich der „im Westen Deutschlands konstituierende `Wohlstandsstaat` erosiv auf die freiheitlichen Sozialisten ausgewirkt. Denn die sozialistische Alternativ, die die FFS aufzeigte, konnte nicht attraktiv gegenüber dem sich Anfang der 50er herausbildenden „Sozialstaat“ wirken. Und dessen Integrationskraft hatten die freiheitlichen Sozialisten keine machtpolitische Alternativen entgegen zu setzen. Auch die „revisionistische“ Form des freiheitlichen Sozialismus konnte hier nichts ausrichten.“ (S.405) Nach diesen Ausführungen folgt der Blick auf den weiteren Werdegang einiger Aktiver und ganzer Gruppen, wobei u.a. die FFS in München bis in die 70er Jahre aktiv blieb.</p>
<p>Abgerundet wird dieses Buch mit einer Auswahl von Kurzbiographien einzelner FFS´lerInnen , einem (unvollständigen) Verzeichnis der Ortsföderationen und ihrer Mitglieder und einem Personenregister. Zu diesem Buch gäbe es noch eine Menge zu sagen und ich bin Sicher dass die Informationen aus ihm viel Stoff für weitere Untersuchungen und politische und soziale Analysen, sowie für die anarcho-syndikalistische Spurensuche nach sich ziehen wird. Es ist eine umfassende Fundgrube. Kritisch anzumerken bleibt, das Degen von „überkommenen anarcho-syndikalistischen Positionen“ spricht ohne diese Aussage näher zu erklären (S. 201).</p>
<p>Alles in allem: Ein hochspannendes, historisches und gleichzeitig aktuelles, empfehlenswertes Buch für alle an einer freiheitlich sozialistischen Zukunft Interessierten.</p>
<p><em><strong>Martin Veith</strong></em></p>
<p><em>Aus: Direkte Aktion Nr. 153 </em></p>
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		<title>CNT (Confederación National del Trabajo)</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 16:10:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Organisationen]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
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		<category><![CDATA[FAI]]></category>
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		<category><![CDATA[Syndikalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Die erste und wichtigste Strömung der spanischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung war der Anarchismus. Dessen organisatorische Anfänge reichen in das Jahr 1868 zurück]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-164"></span><strong>Nationaler Bund der Arbeit</strong></p>
<p>Die erste und wichtigste Strömung der spanischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung war der Anarchismus. Dessen organisatorische Anfänge reichen in das Jahr 1868 zurück, als der Italiener Giuseppe Fanelli (als Gesandter Michael Bakunins) in Spanien eintraf und die schon in den 1840er Jahren in Katalonien gegründeten Arbeitervereine, die sich zu den sozialistischen Ideen antistaatlicher Tendenz, zur direkten Aktion als Kampfwaffe und zum Föderalismus im Sinne des von Pierre Joseph Proudhon beeinflussten Pi y Margall bekannten und Konsum- und Produktivgenossenschaften proudhonistischer Richtung gegründet hatten, mit der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) in Verbindung brachte. Bereits 1869 wurde in Madrid die „Regionale Spanische Arbeiterföderation&#8221; (Federación Obrera Regional Español) gegründet, die sich ein Jahr später der Ersten Internationale anschloss. l870 fand in Barcelona der erste spanische Arbeiterkongress statt, auf dem das Programm der Jura-Föderation &#8211; „in der Politik anarchistisch, in der Wirtschaft kollektivistisch, in der Religion atheistisch&#8221;- angenommen wurde. Die spanische Sektion der Internationale und somit die ganze „antiautoritäre&#8221; Bewegung der Internationalisten sprach breite Arbeiterschichten an und beeinflusste bis 1939 die gesamte nationale Arbeiterbewegung. Vor allem die Angaben Max Nettlaus über die Entwicklung und organisatorische Situation der spanischen Internationale in den 1870er und l880er Jahren belegen die konsequente Entwicklung des spanischen Anarchismus.</p>
<p>Von 1874 bis I881 war die Internationale in Spanien verboten; nach ihrer Wiederzulassung durch die liberale Regierung Sagasta (1881) wurde die weitere Entwicklung des spanischen Anarchismus durch die vehementen Tendenzkämpfe zwischen den syndikalistisch organisierten Arbeitern Kataloniens, die den Bakuninschen Anarcho-Kollektivismus und seine Mittel (Massenbewegung, Generalstreik, Kollektivierung der Produktionsmittel, Entlohnung nach der Leistung) bevorzugten, und den andalusischen Befürwortern eines Anarcho-Kommunismus Kropotkinscher Prägung (autonome Gruppen, individuell-revolutionäre Tat, Terrorismus, Geheimgesellschaften, kein Privatbesitz an Konsumgütern, Entlohnung nach den Bedürfnissen) bestimmt. Die Auseinandersetzung zwischen kollektivistischen Anarchisten und aufständischen Anarcho-Kommunisten endete Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Kompromiss, der den Bakunismus als Grundlage des Klassenkampfes und der Arbeiterorganisation und den „freiheitlichen Kommunismus&#8221; als Endziel im revolutionären Syndikalismus vereinigte. Dieser folgte der anarchistischen Tradition insofern, als er der „spontanen“ Bewegung der Masse vertraute und in jeder„autoritären&#8221; Organisation ein Hindernis für die Entwicklung eines revolutionären Bewusstseins sah.</p>
<p>Die Richtungskämpfe zwischen verschiedenen Flügeln blieben im organisierten Anarchismus auch nach der 1910 erfolgten Gründung des revolutionär-syndikalistischen „Nationalen Bundes der Arbeit&#8221; (CNT) bestehen. Die CNT blieb bei der den Anarchismus charakterisierenden konsequenten Ablehnung der partei- und verbandsförmigen Einflussnahme auf politische Willensbildung und Entscheidungsprozesse. Sie übernahm vom Anarchismus die Lehre, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiter selbst sein müsse. Das Programm der CNT war allerdings weder ein bloßes Wiedererstehen des Bakunismus noch lediglich eine Übernahme des revolutionären französischen Syndikalismus. Die Philosophie des täglichen Lebenskampfes, der „direkten Aktion&#8221; (Streik, Boykott, Sabotage), trat neben die Auffassung vom Endkampf und bewaffneten Aufstand. Ein Generalstreik hatte stets revolutionären, niemals nur reformistisch-ökonomischen Charakter.</p>
<p>Der Kurs der CNT schwankte nach 1910 zwischen dem Dogmatismus der extremistischen Fraktion und dem Pragmatismus einer gemäßigten Linie um Salvador Seguí und Angel Pestaña. Ausdruck der tastenden Unsicherheit des Anarchosyndikalismus waren sowohl der Pakt mit der sozialistischen UGT (1917) als auch der vorübergehende Eintritt (1920/22) in die Komintern bei gleichzeitigem Festhalten an den von Bakunin entworfenen Prinzipien. Ende 1922 trat die CNT der IAA bei. deren explizites Ziel es war, den Klassenkampf zu verschärfen, gegen ein Übergreifen politischer Parteien auf die Gewerkschaften anzukämpfen, schließlich den Kapitalismus und den Staat zu zerstören. 1923 löste sich die CNT formal auf, um einer Zwangsauflösung durch Primo de Rivera zuvorzukommen. Da sich innerhalb der im Untergrund operierenden CNT in den folgenden Jahren die „reformistische&#8221; Strömung durchzusetzen begann, die zum Sturz des Diktators eine Zusammenarbeit mit republikanischen Parteien befürwortete, wurde 1927 auf einem illegalen Kongress in Valencia die Federación Anarquista Ibérica (Iberische Anarchistische Föderation. FAI) als Geheimorganisation gegründet, die ihre Aufgabe darin sah, über die Reinerhaltung der Lehre Bakunins zu wachen und zu verhindern, dass sich die Arbeiter dem Reformismus und der Kooperation mit politischen Parteien oder dem sowjetischen Kommunismus und der Lehre von der Diktatur des Proletariats zuwendeten. Die verschiedenen Tendenzen innerhalb der CNT führten zu Beginn der Zweiten Republik zur Spaltung der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft. 1931 verkündete die rein syndikalistische Richtung ein „Manifest der Dreißig“ (Manifiesto de los treinta) genanntes Programm &#8211; deren Anhänger daraufhin treintistas genannt wurden -, das sich gegen die angeblich drohende Vorherrschaft der minoritären FAI in der Gewerkschaftsbewegung auflehnte und die Unabhängigkeit des Syndikalismus und seinen Anspruch, sich selbst zu genügen, bestärkte. Eine Anzahl von Einzelsyndikaten, die einen gewissen Grad an Mitarbeit in der gegebenen Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung vertrat, verließ unter der Führung von A. Pestaña die Dachorganisation CNT und gründete „Oppositionssyndikate&#8221;. Wenn auch diese Gewerkschaften am Vorabend des Bürgerkrieges in die CNT zurückkehrten, blieb im Anarchosyndikalismus eine gemäßigte Richtung bestehen, die während des Bürgerkrieges erheblichen Einfluss gewinnen und die Entwicklung der CNT bis 1939 und danach wesentlich mitbestimmen sollte.</p>
<p>Während des Spanischen Bürgerkrieges erlebte die CNT mit über 2 Millionen Mitgliedern den Höhepunkt ihrer Geschichte. In jenen Jahren wurde auch der z. T. erfolgreiche Versuch einer Sozialen Revolution in dem republikanisch gebliebenen Territorium unternommen. Der Bürgerkrieg bedeutete jedoch für die CNT auch das Scheitern des Anarchosyndikalismus in der politischen Arena, vor allem in der innerrepublikanischen Auseinandersetzung mit den Parteien der Volksfront. Zu den erbittersten Gegnern entwickelten sich die Kommunisten der stalinistischen Kommunistischen Partei (Partido Comunista de España). Im Bürgerkrieg traten die Anarchisten von CNT und FAI sowohl in die Regierung der Republik (Kabinette Francisco Largo Caballero und Juan Negrín) als auch in die katalanische Regionalregierung ein: Als den anarchistischen Führern nach der Niederschlagung rebellierender Truppenteile in einigen Gegenden Spaniens klar geworden war, dass die vollständige Durchführung ihres programmatischen Vorentwurfs einer anarchistischen Diktatur gleichkommen würde, entschlossen sie sich &#8211; unter Missachtung ihrer Ideologie und jahrzehntelangen antistaatlichen Praxis &#8211; zur Zusammenarbeit mit Regierung und Staat. Sie verzichteten auf das Kampfziel der libertären Bewegung: der Zerschlagung des Staates, schufen dafür revolutionäre Machtorgane (Komitees), die auf lokaler und regionaler Ebene in Konkurrenz zur Zentral- und Regionalregierung traten, arbeiteten mit politischen Parteien zusammen und übernahmen, seit sie selbst in der Regierung saßen, deutlich wahrnehmbar gouvermentale Denkweisen. Der Bruch mit der anarchistischen Tradition des Antipolitizismus sowie mit ihren direkt-demokratischen Prinzipien führte in CNT und FAI zu Hierarchiebildung und Absonderung der oberen Entscheidungsgremien von der Mitgliederbasis. Die Regierungsbeteiligung der Anarchisten trug somit zur Restauration und Stärkung des Staatsapparates, mittelbar darüber hinaus zur Liquidierung der Revolution bei.</p>
<p>Nach dem Bürgerkrieg wurden bis 1945 im Landesinneren 10 Nationalkomitees der CNT zerschlagen, bis 1949 waren es 16. An den Guerillaaktionen jener Jahre gegen das Francoregime waren die Anarcho-Syndikalisten führend beteiligt. Den wesentlichen Impuls zum Sturz des Franquismus erwarteten auch sie von den Alliierten. Als deren Unterstützung ausblieb, die Guerillataktik sich als ein Fehlschlag erwies und außerdem ideologische Probleme zwischen Exilführung und den Mitgliedern im Landesinneren auftraten, begann der eigentliche Niedergang der Anarchosyndikalisten. Und als 1945 zwei Anarchosyndikalisten in die Exilregierung Giral eintraten, spaltete sich über diese Frage außerdem die libertäre Bewegung in einen „politischen“ und einen „apolitischen“ Flügel. Bezeichnenderweise war es die innerspanische CNT, die sich für eine breite Zusammenarbeit mit allen antifranquistischen Kräften einsetzte, während die Toulouser Exilführung sich hinter der Bezeichnung Comisión Intercontinental del Movimiento Libertario Español verschanzte, zusehends den Kontakt zur sozialen Realität Spaniens verlor und sich erneut maximalistischen Positionen zuwandte.</p>
<p>In den 50er Jahren erhielt die CNT im Landesinneren kaum mehr Unterstützung von außen. Ihre Strukturen wurden nahezu vollends zerschlagen. Der von libertärer Seite sporadisch fortgesetzte Kleinkrieg fand um 1960, nachdem die letzten Symbolfiguren des bewaffneten Widerstandes (u. a. die Brüder Sabater) hingerichtet worden waren, ein Ende. In den Jahren zuvor hatten sich immer mehr Anarchisten &#8211; enttäuscht von den internen Streitigkeiten, von der Erfolglosigkeit ihrer Anstrengungen, zermürbt von jahrelanger Untergrundtätigkeit und Gefängnishaft &#8211; vom bewaffneten Kampf gegen den Franquismus zurückgezogen.</p>
<p>Obwohl auch in den folgenden Jahren zahlreiche anarchosyndikalistische Gruppen und Organisationen verschiedenster Tendenz bestehen blieben, verfügte die CNT 1975 bei Francos Tod über keinerlei landesweite Organisation, Die eigentliche Neugründung der Gewerkschaft erfolgte im Februar 1976 (noch illegal) durch die Zusammenfassung von drei bis dahin nebeneinander bestehenden Strömungen; den „historischen Anarchisten&#8221;, der „christlichen Tendenz&#8221; und dem „sozialistisch- marxistischen Flügel&#8221;. Diese neue CNT unterschied sich von Anfang an in mehreren Punkten von der traditionellen CNT der Bürgerkriegszeit: Sie war in ihrer ideologischen Zusammensetzung durch die Aufnahme christlicher und marxistischer Elemente bedeutend heterogener. Sie war nicht mehr eine reine Arbeitergewerkschaft, sondern umfasste zu einem nicht unerheblichen Teil auch Studenten, Intellektuelle, Kleinbürger, Bohemiens; und schließlich fehlte in ihr fast völlig die „mittlere“ Generation. Ihre Mitglieder gehörten entweder der „alten Garde“ an oder sie waren zwischen 18 und 25 Jahre alt.</p>
<p>Seit September 1976 lag die organisatorische Zentrale der CNT wieder in Spanien. Da jedoch die CNT-Exilorganisation in Toulouse weiterbestand und neben der „rein“ anarchistischen FAI nach wie vor auf die Strategie der innerspanischen CNT Einfluss zu nehmen suchte, bildete sich ein immer stärker werdender anarchosyndikalistischer Flügel, der jegliche ideologische Majorisierung der CNT durch die Exilorganisation und die FAI entschieden ablehnte. In jenen Jahren bildeten sich zwei Grundpositionen heraus, die nach dem V. Kongress der Gewerkschaft vom Dezember 1979 (Congreso de la Casa de Campo) deutlich hervortraten. Der Kongress führte zur Spaltung der Gewerkschaft in eine „historische“ und eine „erneuerte“ CNT, die sich auf dem VI. Kongress 1983 in Barcelona noch vertiefte. Die „historische&#8221; CNT warf der „erneuerten“ vor, sie sei reformistisch, spalterisch, marxistisch und vertikalistisch; umgekehrt wurde der „historischen CNT“ vorgeworfen, sie sei autoritär-dogmatisch, entferne sich von der Arbeiterbasis und hänge immer noch anachronistischen Vorstellungen der 30er Jahre an. Die Minderheit (CNT Confederal) beteiligte sich 1986 erstmals an Betriebsratswahlen, errang jedoch nur ganz wenige Sitze. Da beide Gruppen Anspruch auf das von der CNT vom Franco-Regime beschlagnahmte Erbe (patri monio sindical) und auf das im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrte Gewerkschaftsarchiv erhoben, kam es zu einer Auseinandersetzung um die Rechtmäßigkeit der Benutzung des Namens CNT, die gerichtlich zugunsten der ersten Gruppe entschieden wurde. Im April 1989 nahm der „erneuerte“ Sektor der CNT den Namen Confederación General del Trabajo (Allgemeiner Arbeiterbund) an; Generalsekretär ist José March. Die CGT verzichtete auf die 248 Millionen Peseten, die der CNT von Gerichten als Entschädigung für die franquistischen Beschlagnahmungen zugesprochen worden waren.</p>
<p>Die „historische“ CNT-AIT verfügt nach eigenen Angaben über 50.000 zahlende Mitglieder und 200 Büros in Spanien; hinzu kommen 2.500 Mitglieder im Ausland. Die anfallenden Arbeiten werden von den Mitgliedern selbst erledigt, es gibt keine angestellten Funktionäre. Die Auflagenhöhe (6.000 &#8211; 8.000) der beiden Organe „Solidaridad Obrera“ (Barcelona, vierzehntägig) und „CNT“ (Madrid, monatlich) zeigt die geringe Bedeutung des heutigen Anarchosyndikalismus in Spanien an. Die CNT bildet heute weder eine dritte parteiunabhängige Gewerkschaft neben UGT und Arbeiterkommissionen noch ist es ihr gelungen, zentralisierender Faktor der alternativen Bewegungen (Ökoszene, Feminismus. Selbstverwaltungsgruppen) und der „Gegenkultur“ zu werden.</p>
<p><strong>Organisation</strong></p>
<p>Die CNT erfuhr innerhalb weniger Jahre nach ihrer Gründung einen enormen Aufschwung. Auf dem Comedia-Kongress von 1919 hatte sie bereits über 715.000 Mitglieder; regionale Schwerpunkte waren Katalonien, Andalusien und Valencia. Im Juni 1931 zählte sie schon wieder knappe 540.000 Mitglieder. In der zweiten Republik erfuhr der Dachverband massiven Zulauf. Im Februar 1936 zählte die CNT ca. 1 Million Mitglieder, im Bürgerkrieg, dürfte sie an die 2 Millionen gehabt haben. Die CNT war ein lockerer Dachverband. Die Konföderation setzte &#8211; sich aus regionalen Gewerkschaftsverbänden zusammen. Sie betonte das Prinzip der Dezentralisierung, die den regionalen Organisationen das fast uneingeschränkte Recht auf Autonomie gewährte. Die Grundeinheit der CNT war die Lokalgewerkschaft, die nach den einzelnen Berufsbranchen in Sektionen aufgeteilt war. Parallel zu dem föderativ-horizontalen Aufbau bestand seit 1937 ein zweites Organisationsprinzip: das der Nationalen Industrieföderationen, das allerdings bis zum Ende des Bürgerkrieges keine entscheidende Rolle mehr spielte.</p>
<p>Im Übergang zur Demokratie erlebte die CNT einen ungeahnten Aufschwung. Im Mai 1978 gab sie die Zahl ihrer Mitglieder mit über 300.000 an, von denen der überwiegende Teil in den klassischen anarchosyndikalistischen Hochburgen Katalonien, Valencia und Andalusien angesiedelt war. In jenen Jahren war die Fluktuation zwischen den Gewerkschaften besonders stark; Mitglieder der sozialistischen UGT und der kommunistischen Arbeiterkommissionen, die die „politische“ .d.h. die auf Parteien orientierte Haltung ihrer Gewerkschaften ablehnten, liefen zur CNT über, die andererseits jedoch gleichzeitig viele Austritte registrierte. Nach der Spaltung der CNT dürfte die Gewerkschaft heute kaum mehr als 70.000 Mitglieder zählen. Der fast gleichzeitig mit dem Wiederaufschwung der CNT erfolgende Niedergang der anarchosyndikalistischen Bewegung hängt sicherlich mit der organisatorischen Schwäche der CNT zusammen, die nach der Zerschlagung ihrer Strukturen durch das Franco-Regime nicht auf bedeutsame Finanzhilfe von Schwestergewerkschaften in der Phase des Neuaufbaus (wie der UGT) zurückgreifen konnte. Führende ehemalige CNT-Mitglieder haben außerdem selbstkritisch darauf hingewiesen, dass das quantitative Anwachsen der CNT 1976/77 zu einem gleichzeitigen Bürokratisierungsprozess der CNT führte, der wiederum Hintergrund für Krise und Niedergang der Gewerkschaft war, dass somit der Anarchosyndikalismus zum Opfer seines zahlenmäßigen Wachstums wurde, das die Selbstnegierung der eigenen Organisationsprinzipien und interne Widersprüche zur Folge hatte, die sich in Ausschlüssen und Verdammungen artikulierten. Die durch den Massenzuwachs an Mitgliedern und das organisatorische Wachstum bedingte Konzentration von Informationen und „Herrschaftswissen“ in den oberen Komitees bewirkte eine Außerkraftsetzung klassischer anarchistischer Organisationsprinzipien: Übergeordnete Komitees koordinierten nicht nur sondern entschieden, der Willensbildungsprozess von unten nach oben funktionierte nicht mehr; das Rotationsprinzip wurde aufgehoben, allmählich entstand eine Arbeiteraristokratie und ein Funktionärskörper, die sich als „Freigestellte“ der realen Arbeitswelt entfremdeten &#8211; ein Bürokratisierungsprozess. den gerade der Anarchosyndikalisimus immer wieder in seiner Geschichte angeprangert hatte.</p>
<p><strong>Programm und Politik</strong></p>
<p>Der spanische Anarchismus hatte von Anfang an sozial und regional zwei Schwerpunkte: den latifundistischen Süden des Landes, in dem der andalusische Agrar- und Handwerkeranarchismus Wurzel schlug, und der relativ industrialisierte Nordosten der Halbinsel, wo sich der katalanische Anarchosyndikalismus durchsetzte. Die andalusischen Tagelöhner wurden schon früh auf einen antiparlamentarischen und antipolitischen Weg gedrängt. Ausgeschlossen von jeglicher politischen Partizipation. gesellschaftlich zu der untersten Schicht gehörig, ihr Dasein am Rande des Existenzminimums fristend, erhofften sie die ihnen vorenthaltenen Rechte nicht von graduellen Verbesserungen, die auf politisch-parlamentarischem Weg erreicht werden sollten, sondern eher von einer plötzlichen sozialen Revolution, in deren Gefolge die lange vermisste Gerechtigkeit Einzug halten würde. Diese Revolution gehörte zentral zum Programm des Anarchismus, der von Anfang an revolutionär-antistaatliche und antikapitalistische Ziele verfocht. Die für die CNT wesentlichen Postulate waren der Föderalismus, der gewerkschaftliche Kampf und die im Generalstreik kulminierende „direkte Aktion“. Neben reformistisch-ökonomischen verfolgte ein Generalstreik immer auch politisch-revolutionäre Ziele: Durch ihn sollten der Staat beseitigt und die Gesellschaft Syndikalistisch organisiert werden. Keimzellen dieser neuen herrschaftsfreien Gesellschaft sollten das selbstverwaltete Munizipium und die Gewerkschaft selbst sein.</p>
<p>Insofern war die CNT sowohl eine Gewerkschaft mit vorerst reformistischer Zielsetzung als auch eine revolutionäre Organisation mit letztlich systemtranszendierender Programmatik. Die Philosophie des täglichen Lebenskampfes, der direkten Aktion (Streik, Boykott, Sabotage), trat neben die Auffassung vom Endkampf und bewaffneten Aufstand. Anarchosyndikalistisches Endziel blieb die „Reorganisation des gesamten gesellschaftlichen Lebens auf der Basis des freien Kommunismus durch die direkte revolutionäre Aktion der Unterdrückten“.</p>
<p>Im Bürgerkrieg war die CNT nicht in der Lage. eine Strategie zu erarbeiten, wie der Krieg geführt und zugleich die proletarisch-soziale Revolution vorangetrieben werden konnte. In ihrer programmatischen Unsicherheit ließen sich die schwankend-unentschlossenen Anarchisten von den straff organisierten und ideologisch starren Kommunisten unter dem Schlagwort der nationalen Verteidigung und des national-revolutionären Krieges gegen den internationalen Faschismus einen politischen Burgfrieden aufnötigen, den sie mangels praktikabler Alternativen akzeptieren mussten. Sie wandten sich schon sehr früh gegen eine vollständige Realisierung ihres „Konzepts des Freiheitlichen Kommunismus“ und ließen an die Stelle der auf dem Zaragoza-Kongress (1936) manifestierten „revolutionären Ungeduld“ eine kooperationsfreudige Haltung treten, die zwar von der realistischen Einsicht in die Notwendigkeit des militärischen Sieges diktiert war und in der „Politisierung“ der Anarchisten ihren Niederschlag fand, infolge der geringen theoretischen Vorbereitung von CNT und FAI auf die nachrevolutionäre Gesellschaft und ihre Organisationsformen jedoch nicht nur zur faktischen Aufgabe des libertären Endziels eines herrschaftsfreien Kommunismus, sondern darüber hinaus zur wirtschaftlichen Marginalisierung und politischen Ausschaltung des organisierten Anarchismus führte.</p>
<p>Die heftigen inner anarchistischen Auseinandersetzungen um die Regierungsbeteiligung waren Ausdruck der Fraktions- und Flügelbildungen innerhalb von CNT und FAI. Das Auseinanderklaffen zwischen Theorie und Praxis, das schließlich zum politischen Scheitern der Anarchisten im Bürgerkrieg führte, hatte bereits zu Beginn des Jahrhunderts zu revisionistischen Tendenzen und ideologisch-organisatorischer Aufsplitterung geführt. Neben dem „klassischen“ Anarchosyndikalismus trat rechts eine reformistisch-politische Tendenz, die in begrenztem Umfang eine Reformpolitik unter den gegebenen kapitalistischen Verhältnissen befürwortete (z.B. Salvador Seguí, in abgewandelter Form auch Angel Pestaña), und links eine „anarchobolschewistische“ Richtung, die die Schaffung einer revolutionären Macht mit straffer Disziplin und den erforderlichen Apparaten (Exekutivkomitee etc.) befürwortete (z. B. Juan García Oliver). Diese Gruppierungen erfuhren während des Bürgerkrieges noch eine weitere Ausdifferenzierung und ließen damit die Heterogenität der anarchistischen Organisation, ihren Mangel an Einheitlichkeit und Schlagkraft und somit letztlich einen der Hauptgründe für ihren Untergang erkennen.</p>
<p>Die internen Divergenzen blieben auch nach 1939 bestehen und wurden 1975 derart verstärkt, dass es erneut zur Spaltung der Gewerkschaft kam; diese Spaltung war einer der Hauptgründe, die zum Niedergang und zur Existenzkrise der CNT führten. Die große Verweigerungsstrategie der „orthodoxen“ CNT nach 1975 erwies sich als unfähig, breitere Massen anzulocken &#8211; vor allem die Verweigerung gegenüber den grundlegenden Entscheidungen der Demokratisierung: Teilnahme an politischen und Betriebsrats wählen, Sozialpakte. konstitutioneller Konsens über die Parlamentarische Monarchie. Angesichts ihrer internen und externen Krisen verblasste auch das historische Ansehen der CNT, Vorkämpferin für Arbeiter- und Bauernforderungen zu sein. Das Gefangensein der CNT in ihrer Anti-Wahlhaltung der 30er Jahre (in denen unter historisch anderen Bedingungen diese Anti-Strategie durchaus Erfolge erzielen konnte), ohne effiziente Alternativen für den Übergang von einer Diktatur zur repräsentativen Demokratie zu bieten, wirkte auf die Masse der Bevölkerung nicht als überzeugendes Programm. Keine Radikallösungen waren gefragt, sondern Reformen, an denen der Spanier durch Stimmenabgabe partizipieren wollte.</p>
<p><strong>Charakterisierung</strong></p>
<p>Alle libertären Autoren, die sich selbstkritisch mit ihrer Bewegung und deren Rolle in den sozialen Auseinandersetzungen im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt haben, weisen auf die mangelnde Übereinstimmung der verschiedenen Flügel des Anarchismus in wesentlichen programmatischen Fragen hin. Inneranarchistische Auseinandersetzungen und fehlender Konsens in wichtigen Fragen lassen sich bis in die Anfänge der Bewegung zurückverfolgen. Die unterschiedlichen Strategien wiederum sind auf den Entstehungszusammenhang der Bewegung zurückzuführen. Der spanische Anarchismus wurde zwar mit seiner Betonung der Individualität und Autonomie des Arbeiters sehr schnell die geistige Heimat verschiedener sozialer Gruppen; es gelang ihm jedoch nicht, die als Folge ungleichmäßiger Entwicklung zwischen Industriezentren und Agrarregionen auftretenden verschiedenartigen Interessen des Industrie- und des Landproletariats in einer gemeinsamen Strategie überzeugend zu bündeln. Die Differenziertheit innerhalb der anarchistischen Bewegung war deren Stärke und zugleich ihre Schwäche. Besonders deutlich wurde dies an der Entwicklung der CNT im Bürgerkrieg. Die Flügelbildungen und Spaltungstendenzen haben auch der CNT nach 1975 mehr geschadet als geholfen. Ob der rapide Niedergang der CNT nach 1977 allerdings primär auf (Fehl-) Entscheidungen einzelner Personen zurückzuführen ist oder ob in einem hochindustrialisierten Staat kein Raum mehr für eine anarchistische Massenorganisation ist, wird die Entwicklung der kommenden Jahre erweisen.</p>
<p><em>Autor: Walther L. Bernecker</em></p>
<p><strong>Literatur und Quellen</strong></p>
<ul>
<li> Walther L. Bernecker: Anarchismus und Bürgerkrieg. Zur Geschichte der sozialen Revolution in Spanien 1936-1939, Hamburg 1978</li>
<li>Ders./J. Hallerbach: Anarchismus als Alternative, Berlin 1986</li>
<li>J. Gómez Casas: EI relanzamiento de la CNT 1973- 1979. Con un epílogo hasta la primavera de 1984, Paris 1984</li>
<li>Die libertäre Bewegung in Spanien. Mit Beiträgen von A. Souchy u.a.; Bremen ohne Jahrgang</li>
<li>C. M. Lorenzo: Los anarquistas españoles y el poder 1868 -1969, Paris 1969.</li>
</ul>
<p><em>Quelle: <a href="http://dadaweb.de/wiki/Confederaci%C3%B3n_Nacional_del_Trabajo_%28CNT%29" target="_blank">DadA-Web</a></em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Sind Anarchismus und Kommunismus wirklich dasselbe?</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/sind-anarchismus-und-kommunismus-wirklich-dasselbe</link>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 11:31:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Ausgehend von den nun folgenden Ansichten Rockers ist es keineswegs egal, ob sich jemand als Anarchisten oder Kommunisten bezeichnet. Anarchismus und Kommunismus sind grundverschieden – zumindest nach den Worten Rudolf Rockers...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-140"></span>Diese Frage zu beantworten verlangt einen historischen Blick auf die Ideengeschichtliche Entstehung und die weitere Entwicklung in ihren praktischen Auswirkungen, den Rudolf Rocker als einer der führenden Theoretiker des Anarcho-Syndikalismus in seinem Hauptwerk „Nationalismus und Kultur&#8221; gründlich schweifen lässt. Dabei wird auch deutlich, dass Faschismus und Kommunismus sehr viel mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als sie voneinander unterscheiden – dass sie „auf dem selben Holze gewachsen sind&#8221;. Was den Anarchismus schließlich von diesen Zwillingsbrüdern unterscheidet, macht Rocker ebenso deutlich.</p>
<p>Ausgehend von den nun folgenden Ansichten Rockers ist es keineswegs egal, ob sich jemand als Anarchisten oder Kommunisten bezeichnet. Anarchismus und Kommunismus sind grundverschieden – zumindest nach den Worten Rudolf Rockers&#8230;</p>
<p>Nochmals möchte ich damit die kritische Lektüre von „Nationalismus und Kultur&#8221; herzlichst empfehlen, zumal ich hier nur einen winzig kleinen Ausschnitt präsentieren kann.</p>
<p><strong>Hegel, Vater des Marxismus</strong></p>
<p>Die Hegelsche Dialektik kritisiert Rocker dahingehend, dass sie in „keinerlei Beziehung zu den wirklichen Erscheinungen des Lebens&#8221; stehen würde und der „Vorstellung eines organischen Werdens&#8221; widerspräche, darauf spekuliere, „dass eine Art sich in ihr Gegenteil verwandeln könnte&#8221; und Völkern „bestimmte Eigenschaften und Charakterzüge&#8221; andichte. Damit habe er „den kollektiven Werturteilen einer verstiegenen Völkerpsychologie erst den Weg geebnet und jenen Ungeist heraufbeschworen, der das Denken lähmt und aus seinen natürlichen Bahnen drängt&#8221;.</p>
<p>Hegel wurde laut Rocker damit „zum Schöpfer jener blinden Schicksalstheorie&#8221;, welche von ‘historischen Notwendigkeiten’ und der ‘Zwangsläufigkeit des historischen Geschehens’ spräche, dem Grundbestandteil der marxistischen Lehre. Rocker appelliert dagegen an die Veränderbarkeit der Umstände ausgehend vom menschlichen Willen: „Und doch zeigt uns das Leben jede Stunde, dass all diese ‘historischen Notwendigkeiten’ nur so lange Bestand haben, wie die Menschen sich damit abfinden und ihnen keinen Widerstand entgegensetzen. In der Geschichte gibt es überhaupt keine Zwangsläufigkeiten, sondern nur Zustände, die man duldet und die in Nichts versinken, sobald die Menschen ihre Ursachen durchschauen und sich dagegen auflehnen.&#8221;</p>
<p>Hegel redete stattdessen dem Staate das Wort und hat dabei die „Staatsgesinnung zu einem religiösen Prinzip erhoben&#8221;, da auch er erkannte, dass jede Autorität in der Religion wurzelt. Staat und Religion sollten daher verschmolzen werden. Wie schon für Fichte, so fungierte auch für Hegel, dem „Staatsphilosoph(en) der preußischen Regierung und „Hohepriester der Autorität&#8221;, der preußische Staat mit „Kasernendrill und Bürokratenstumpfsinn&#8221; als Vorbild. Hegel hatte viele Bewunderer in jedem politischen Lager, wobei das autoritäre Prinzip konservative und Marxisten („Junghegelianer&#8221;) vereint. Sich mit den Dingen abzufinden, weil man glaubt, sie nicht ändern zu können, nennt Rocker „Fatalismus&#8221;. Dieser ist die Vorbedingung für jede Reaktion als „Stillstand nach einem Prinzip&#8221;. In diesem Sinne bezeichnet Rocker Hegel als „Reaktionär vom Scheitel bis zur Sohle&#8221;.</p>
<p><strong>Über die Unzulänglichkeit der marxistischen Geschichtsauffassung</strong></p>
<p>Gleich im ersten Kapitel in „Nationalismus und Kultur&#8221; („Unzulänglichkeit aller Geschichtsauffassungen&#8221;) widmet Rocker sich der Betrachtung des historischen Materialismus als Erklärungsmuster aller historischen Begebenheiten. Allein und zwangsläufig aus den wirtschaftlichen Verhältnissen könnte „alles politische und soziale Geschehen&#8221; nicht erklärt werden. Bei der Entwicklung menschlicher Gesellschaftsformen müsse vielmehr ebenso der „Wille zur Macht&#8221; berücksichtigt werden. Es handele sich immer um die Wechselwirkungen verschiedener Ursachen. Ein weiterer Fehler dieser marxistischen Geschichtsauffassung liege in der Gleichsetzung der Ursachen gesellschaftlicher Gegebenheiten mit dem mechanischen Geschehen in der Natur, da es sich bei ersterem „stets um eine Kausalität menschlicher Zielsetzungen&#8221;, bei letzterem aber „um eine Kausalität physischer Notwendigkeiten&#8221; handele. Zwecksetzungen sind Sache des Glaubens und finden daher in Religionsvorstellungen, ethischen Begriffen, Sitten, Gewohnheiten, Überlieferungen, Rechtsanschauungen, politischen Gestaltungen, Eigentumsverhältnissen, Produktionsformen, u.a. Ihren Niederschlag. Jede Zwecksetzung ist eine Sache der Wahrscheinlichkeit, woraus sich keine Wissenschaft machen lässt, wie aus dem physischen Geschehen in der Natur. Menschliche Motive und Zielsetzungen seien keiner Berechnung zugänglich. Daher verleite die Gleichsetzung von Natur und Gesellschaft zu Trugschlüssen.</p>
<p>Jede Geschichtsauffassung sei nur eine Sache des Glaubens, welche auf Wahrscheinlichkeiten fuße, da Geschichte „nichts anderes als das große Gebiet menschlicher Zielsetzungen&#8221; sei. Der Mensch sei „nur den Gesetzen seines physischen Seins bedingungslos unterworfen&#8221;. Die Gestaltung seines gesellschaftlichen Lebens dagegen ist ausschließlich das Ergebnis seines Wollens und Handelns.</p>
<p>Indirekt wirft er den Marxisten vor, durch ihren Glauben an die Zwangsläufigkeit allen Geschehens, der Vergangenheit die Zukunft zu opfern und damit die Verhältnisse lediglich zu deuten, sie aber nicht zu verändern. Ihnen stellt er die Annahme gegenüber, „dass alles gesellschaftliche Sein nur einen bedingten Daseinswert besitzt und durch Menschenhand und Menschengeist geändert werden kann&#8221;.</p>
<p>Zur Untermauerung seiner Thesen führt er im Folgenden aus der Weltgeschichte Beispiele für den Willen zur Macht als Triebfeder menschlichen Handelns heran, welches ökonomisch motiviertem Handeln voransteht oder gar entgegenläuft, wie z.B. die Kriegszüge Alexanders d. Großen, die Geschichte der Kreuzzüge, den Dreißigjährigen Krieg und den 1. Weltkrieg. Die Soldaten zogen in den allermeisten Fällen weniger aus wirtschaftlichen Erwägungen in die Kriege, sondern aus verschiedenen Glaubensansätzen heraus, darunter im 1. Weltkrieg viele Sozialdemokraten, in deren historisch-materialistischen Geschichtsauffassungen metaphysischen Beweggründe keinen Platz fanden. Umso anfälliger waren sie dann für die Parolen für &#8220;Kaiser und Vaterland&#8221;. Der Glaube an ihre politischen Führer in den sozialistischen Gewerkschaften und Parteien ließ ihre Anhängerschaft zu einer willenlosen und dirigierbaren Masse werden.</p>
<p>So boten dogmatisch-materialistische Geschichtsauffassungen, (welche die Menschen nicht als handelnde Individuen begriffen, sondern lediglich als Masse) auch den Nährboden für das Versagen marxistisch-sozialistischer Parteien und Gewerkschaften vor dem aufkommenden Faschismus in Europa, beispielsweise in Deutschland, Italien oder Spanien, wo Sozialistenführer oder solche Parteien keinen Widerstand leisteten, kollaborierten oder gänzlich zu Faschisten konvertierten und mit ihnen ein großer Teil ihrer Anhängerschaft. Die Maßnahme, lediglich die Produktionsmittel von der Privatwirtschaft in die Hände des Staates zu übertragen, führe lediglich zu einer Diktatur durch den Staat mittels einer mächtigen Bürokratie, ändere jedoch grundsätzlich nicht die Situation der ArbeiterInnenschaft „als Betriebsstoff der Wirtschaft&#8221;.</p>
<p>Ein Staatskapitalismus, wie in der UDSSR wäre ebenso das „Ende aller wahrhaft geistigen Kultur&#8221; und stellte nur eine „staatskapitalistische Versklavung der Völker&#8221; dar. Ein Sozialismus in „Allianz mit dem politischen Absolutismus&#8221; würde „zu größten Versklavung aller Zeiten führen&#8221;. Und prophetisch für die Herausbildung des Ostblocks nach 1945 erklärte Rocker am Schluss des Kapitels: „Es ist diese Gefahr, die uns heute am meisten bedroht und von deren Erfolg oder Misserfolg die nächste Zukunft der Menschheit abhängen wird.&#8221;</p>
<p><strong>Die internationale ArbeiterInnenbewegung zwischen Anarchismus und Kommunismus</strong></p>
<p>In der internationalen sozialistischen Bewegung hat es nach Rocker zwei Hauptströmungen gegeben: Eine orientierte sich an den Ideen Proudhons, Bakunins und speiste sich aus dem Liberalismus. Sie versuchte, „ihre sozialistischen Bestrebungen auf eine wirklich freiheitliche Grundlage zu stellen&#8221; und brauche „ebenso wenig Gesetze wie Gesetzgeber&#8221;, wie Proudhon es ausdrückte. Ihr Ziel war die „Abschaffung der Wirtschaftsmonopole mit der Ausschaltung alles Regierungswesens aus dem Leben der Gesellschaft&#8221; für ein „Gemeinwesen von freien und gleichen Menschen&#8221;, in welchem „nur das freie Übereinkommen das einzige moralische Band aller gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander sein&#8221; kann. Jeglicher Zentralismus wurde abgelehnt. Und an die Stelle des Staates wurde die Autonomie der Gemeinden gesetzt, welche nach Proudhon auf Grund freier Verträge föderalistisch miteinander verbunden sein sollen.</p>
<p>Die andere (zu einem großen und bestimmenden Teil im deutschen Reich) fand ihre geistigen Wegbereiter in Hegel und Rousseau und trat für Demokratie und einen in ihrer politischen Macht befindlichen modernen Nationalstaat mit Gesetzgebung und Militär ganz im Sinne jakobinischer Herrschaft ein.</p>
<p>Marx hat nach Rocker nie etwas anderes getan, als die Welt und die Geschichte zu interpretieren. Unterstützung fand dieser autoritäre Sozialismus auch in den Gedanken Ferdinand Lassalles, ebenfalls einem „Verehrer der Staatsidee&#8221;. Die deutsche Arbeiterbewegung vertraute ihren Führern in hohem Maße und gliederte sich somit bereitwillig in das bürgerliche System, bestehend aus Parlamentarismus, Staat und Parteien ein. Dies „lockte eine Menge bürgerlicher Elemente und karrierelüsterner Intellektueller ins Lager der sozialistischen Parteien&#8221;. So konnte es nach Rocker schließlich „nicht ausbleiben, dass die modernen Arbeiterparteien sich allmählich in das nationale Staatsgefüge als notwendiger Bestandteil eingliederten und sehr viel dazu beitrugen, dem Staate das innere Gleichgewicht wiederzugeben, das er bereits eingebüßt hatte&#8221;.</p>
<p>Der marxistischen Lehre, das für den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ein Übergang vonnöten sei, die Diktatur des Proletariats, erteilt Rocker eine klare Absage mit dem Hinweis, das die Geschichte solche Übergänge gar nicht kenne. Das dabei nur die Freiheit auf der Strecke bleibt, zeigt Rocker anhand des Lenin-Zitates: ‘Freiheit (ist) ein bürgerliches Vorurteil’. Der demokratische Sozialismus habe im Gegensatz zum freien Sozialismus den bereits schwindenden Glauben an den Staat wieder neu gefestigt habe sich somit folgerichtig zum Staatskapitalismus entwickelt, wie es die Erfahrungen in Russland deutlich gezeigt haben. Der freiheitliche Sozialismus müsse dagegen den „Willen zur Macht&#8221; aus der Gesellschaft ausschalten. Freiheit für einzelne gäbe es nicht ohne Gerechtigkeit für alle. Die Anarchie ist schließlich, wie Rocker ausführlich darstellt, „die Synthese von Liberalismus und Sozialismus&#8221;.</p>
<p>An diesen Gegensätzen entzündeten sich auch die Konflikte innerhalb der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) um die Personen Karl Marx und Michael Bakunin. Zunächst „entwickelte sich im Schoße der Internationale der Gedanke einer allseitigen Verwaltung der gesellschaftlichen Produktion und des allgemeinen Verbrauchs durch die Produzenten selbst und zwar in der Form freier, auf der Basis des Föderalismus verbundener Wirtschaftsgruppen, denen in derselben Zeit auch die politische Verwaltung der Gemeinden obliegen sollte.&#8221; Auf diese Weise sollte „die Kaste der&#8230; Partei- und Berufspolitiker durch Sachverständige ohne Vorrechte&#8221; ersetzt werden und „die Machtpolitik des Staates durch eine friedliche Wirtschaftsordnung&#8221; verdrängt werden, welche „in der Gleichheit der Belange und in der gegenseitigen Solidarität in Freiheit verbundener Menschen ihre Grundlage&#8221; finden sollte. Doch unter Führung von Karl Marx kollidierten diese freiheitlichen Vorstellungen schon sehr bald mit dessen Vorstellungen von Staat und Zentralismus.</p>
<p>An Marxens Machtpolitik auch innerhalb der IAA zerbrach diese dann 1872. Die Marxistische Strömung gewann auch aufgrund des von Deutschland gegen Frankreich gewonnen Krieges von 1870/ 71 an Einfluss in Europa &#8211; Rocker spricht gar von einem „Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung&#8221;. Zunehmend verdrängen Arbeiterparteien die freien Arbeitergruppen. Marxens einstiges Zitat von den Philosophen, welche die Welt nur verschieden interpretiert haben, wogegen es aber darauf ankäme, dieselbe zu verändern, wurde somit von seiner eigenen Ideenströmung ins Gegenteil verkehrt.</p>
<p>Die Unterscheidung zwischen autoritärem und freiheitlichem Sozialismus ist für Rocker ein Widerspruch in sich, wenn er betont: „Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein!&#8221;</p>
<p><strong>Gipfel der Staatlichkeit: Diktaturen</strong></p>
<p>Faschismus und Kommunismus sind laut Rocker „nicht als Gegensätze zweier verschiedener Auffassungen vom Wesen der Gesellschaft zu bewerten, sie sind lediglich zwei verschiedene Formen derselben Bestrebungen, die nach demselben Ziele hinwirken (&#8230;) Jeder Diktator kann nicht eher Ruhe finden, bis er sich von allen unbequemen Mitbewerbern befreit hat. Dieselbe innere Logik, die Robespierre dazu zwang, seine Freunde von gestern dem Henker auszuliefern, dieselbe Logik, die Hitler dazu bewegte, in der Blutnacht des 30. Juni 1934 seine intimsten Kameraden aus dem Wege zu räumen, dieselbe Logik brachte heute Stalin dazu, sich der sogenannten Trotzkisten zu entledigen, weil er Furcht hatte, dass sie seiner Macht gefährlich werden könnten. Für jeden Diktator ist der tote Gegner der beste Gegner.&#8221; Das gilt auch für den Massenmörder Trotzki.</p>
<p>Fatal sei daher die Annahme, „dass die Welt letzten Endes nur zwischen Kommunismus und Faschismus zu wählen habe, da jeder andere Ausweg ungangbar sei. Eine solche Auffassung der Dinge beweist nur, das man sich über das eigentliche Wesen des Faschismus und des Kommunismus überhaupt nicht klar geworden ist und noch nicht begriffen hat, dass beide auf dem selben Holze gewachsen sind.&#8221; Und Rocker führt weiter aus: „Dass die ursprünglichen Motive der bolschewistischen Diktatur in Russland von denen der faschistischen Diktaturen in Italien und Deutschland verschieden waren, sei unbestritten. Aber einmal ins Leben getreten, führte die Diktatur in Russland so wie in den faschistischen Staaten zu denselben unmittelbaren Ergebnissen, die in einer progressiv immer deutlicher zu Tage tretenden Ähnlichkeit beider Systeme ihren Ausdruck finden.</p>
<p>Tatsache ist, dass die ganze innere Entwicklung des Bolschewismus in Russland und die gesellschaftliche Gestaltung in den faschistischen Ländern heute eine Stufe erreicht haben, die, soweit die inneren Richtlinien in Betracht kommen, überhaupt keinen Gegensatz mehr zwischen beiden Systemen erkennen lassen. Es handelt sich heute bloß noch um Unterschiede sekundärer Natur, die sich auch zwischen dem Faschismus in Deutschland und Italien feststellen lassen und die in den besonderen Verhältnissen der Länder ihre Erklärung finden.(&#8230;) Sogar die ursprüngliche internationale Tendenz der bolschewistischen Bewegung, die einst als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen dem russischen Staatskommunismus und den extrem nationalistischen Bestrebungen des Faschismus betrachtet werden konnte, ist unter Stalins Regime restlos verschwunden, um einer streng nationalistischen Erziehung der russischen Jugend den platz zu räumen (&#8230;)</p>
<p>Die Verstaatlichung des gesamten Kreditwesens in Italien, die stufenweise Unterordnung des ganzen Außenhandels unter die Kontrolle des Staates, die von Mussolini bereits angesagte Verstaatlichung der Schwerindustrie und vieles andere zeigen immer deutlicher die Tendenz einer staatskapitalistischen Entwicklung (&#8230;) Das Faschismus und Kommunismus überhaupt als Gegensätze aufgefasst werden konnten, findet seine Erklärung hauptsächlich in der jämmerlichen Haltung der sogenannten demokratischen Staaten, die in ihrem Abwehrkampfe gegen die Flut des Faschismus sich mehr und mehr dessen Methoden aneignen und dadurch unvermeidlich immer tiefer in das Fahrwasser faschistischer Tendenzen geraten.</p>
<p>Es wiederholen sich hier dieselben Vorgänge, die Hitler in Deutschland zum Siege verholfen haben. In ihrem Bestreben, dem ‚größeren Übel’ durch das kleinere Einhalt zu gebieten, haben die republikanischen Parteien in Deutschland die konstitutionellen Rechte und Freiheiten immer mehr eingedämmt, bis von dem sogenannten Verfassungsstaate zuletzt kaum noch etwas übrig blieb. Tatsache ist, dass die Regierung Brüning zuletzt bloß noch mit Dekreten unter Ausschaltung der gesetzgebenden Körperschaften regierte. Dadurch verwischten sich die Gegensätze zwischen Demokratie und Faschismus immer mehr, bis endlich Hitler der lachende Erbe der deutschen Republik geworden ist.&#8221;</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.fau-bremen.de.vu" target="_blank">http://www.fau-bremen.de.vu</a></em></p>
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		<title>Anarchie</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 13:50:09 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-33"></span><em>Anarchistische Föderation Französischer Sprache (FAF). Herausgegeben von der I-AFD – IFA (Initiative für eine anarchistische Föderation in Deutschland &#8211; Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen)</em></p>
<p><strong>Vorwort der HerausgeberInnen</strong></p>
<p><em>Liebe Leserinnen und Leser,</em></p>
<p>Mit der Broschürenreihe Libertäre Texte, in der wir Materialien zu Theorie(n) und Praxis, Entwicklung und gegenwärtigen Formen anarchistischer Bewegungen in aller Welt veröffentlichen wollen, möchten wir nicht nur Szene-InsiderInnen und aktive Libertäre ansprechen.</p>
<p>Sie richtet sich vor allem an die wachsende Zahl staatsverdrossener und parteimüder Mitmenschen, die sich auf der Suche nach gangbaren, gesellschaftlichen Alternativen auch einmal vorurteilsfrei über den Anarchismus, seine Vorstellungen, Ziele und Ausdrucksformen informieren wollen.</p>
<p>Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich das erste Bändchen dieser Reihe der grundsätzlichen Frage widmet, was Anarchismus denn nun eigentlich ist. Der vorliegende Text, der im letzten Jahr von der Commission Propagande der Anarchistischen Föderation Frankreichs (FAF/IFA) unter dem Titel Qu est-ce que l´anarchisme? publiziert wurde, hat nicht den Anspruch, darauf eine allumfassende, quasi akademische Antwort zu geben, aber er vermittelt, leicht verständlich geschrieben, einen guten Zugang zur anarchistischen Ideenwelt und den Versuchen, sie zur Realität werden zu lassen. Er räumt auf mit dem Mythos von den gewalttätigen, bombenwerfenden AnarchistInnen, die nichts anderes im Sinn haben, als durch blindwütigen Terror ein Höchstmaß an Chaos in der Gesellschaft zu erzeugen.</p>
<p>Wir bedanken uns herzlich bei den GenossInnen der Bielefelder Ortsgruppe der Freien ArbeiterInnen Union (FAU/IAA), die uns die deutsche Übersetzung des Originaltextes der FAF zur Verfügung gestellt haben und damit das Erscheinen dieses Bandes ermöglichten.</p>
<p>Im Mai 1993 Gruppe Krefeld/Moers der Initiative für eine Anarchistische Föderation in Deutschland (I-AFD) / Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen (IFA)</p>
<p><strong>Anarchismus</strong></p>
<p>Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.</p>
<p>Gewöhnlich bezieht man sich auf Stirner, Proudhon und Bakunin, als die drei Haupttheoretiker dieser Denkströmung. Das ist aber nur zum Teil richtig, denn was Stirner betrifft, so blieb sein Denken bis zum Ende des 19. Jahrhunderts außerhalb Deutschlands praktisch unbekannt und hatte mit dem Entstehen der libertären Bewegung im eigentlichen Sinne überhaupt nichts zu tun. Was Proudhon angeht, der zu Recht als Vater des Anarchismus betrachtet werden kann, so hat sein Denken lange Zeiten des Vergessens durchgemacht und ist gelegentlich grob entstellt worden. Und wenn der Einfluss von Bakunin auf die libertäre Bewegung auch direkt und entscheidend gewesen ist, so hat diese doch erst nach seinem Tod ihren eigentlichen Aufschwung genommen und ihre charakteristischen Merkmale entwickelt. Überdies sind die anarchistischen Ideen im wesentlichen durch das Werk seiner Schüler, wie Kropotkin und Malatesta, bekannt geworden, die nicht davor zurückgeschreckt sind, das Erbe Bakunins in wichtigen Punkten zu verändern, zu präzisieren und zu erweitern, wobei sie sich ausdrücklich auf den libertären Kommunismus beriefen.</p>
<p>Dennoch hat das anarchistische Denken ein einheitliches Gepräge mit festen Grundzügen, und es wäre ein schwerer Irrtum, in ihm nur einfach einen individuellen Protest zu sehen &#8211; wie es seine Gegner oft getan haben &#8211; oder den Ausdruck eines folgenlosen Geistes der Revolte.</p>
<p>Auf philosophischer und geistiger Ebene kann der Anarchismus als die extremste Äußerung der Verweltlichung des abendländischen Denkens betrachtet werden, indem er bis zur Ablehnung jeglicher Form einer dem Menschen äußerlichen oder höheren Autorität fortschreitet, egal ob sie vorgibt, göttlichen oder menschlichen Ursprungs zu sein; sowie zur Ablehnung aller Prinzipien, die zu allen Zeiten unter verschiedenen Formen und Gestalten von den jeweils Mächtigen benutzt wurden, um ihre Ausbeutung und ihre Herrschaft über den Rest der Bevölkerung zu rechtfertigen.</p>
<p>Auf politischer und sozialer Ebene stellt sich der Anarchismus als Fortsetzung des Werkes der französischen Revolution dar, insofern er neben der politischen Gleichheit die Verwirklichung einer tatsächlichen ökonomischen und sozialen Gleichheit einfordert; eine faktische Gleichheit, die erst aus dem Kampf gegen den Kapitalismus und für die Abschaffung des Lohnsystems entstehen kann.</p>
<p>Historisch ist die anarchistische Bewegung &#8211; ebenso wie andere sozialistische Strömungen auch &#8211; aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, als Ausdruck des Protestes der Arbeiter gegen die moderne Ausbeutung. In dieser Hinsicht kann er als radikale Reaktion auf die Lage der Arbeiter im 19. Jahrhundert begriffen werden, die gekennzeichnet war durch die Verallgemeinerung der Lohnarbeit und die Teilung der Gesellschaft in Klassen.</p>
<p>Vom Moment ihrer Entstehung an traten die anarchistischen Ideen in Widerspruch sowohl zu den reformistischen Auffassungen des Sozialismus (die es für möglich hielten, die Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaft nach und nach zu verändern), als auch zu den marxistischen Auffassungen, insbesondere was den Einsatz der Diktatur als revolutionäres Mittel betrifft.</p>
<p><strong>Die Besonderheit der anarchistischen Lehre</strong></p>
<p>Die Anarchisten streben eine Gesellschaft freier und gleicher Menschen an. Die Freiheit und die Gleichheit sind die beiden Schlüsselbegriffe, um die sich alle libertären Entwürfe drehen.</p>
<ul>
<li> Als Sozialisten sind sie für den Gemeinbesitz an Produktions- und Distributionsmitteln.</li>
<li>Als Libertäre glauben sie, dass der Einzelne nur frei sein kann in einer Gesellschaft wirklich freier Menschen, und dass die Freiheit eines jeden von der Freiheit der anderen nicht eingeschränkt, sondern bestätigt wird. Die Freiheit, wie auch die Gleichheit, so wie die Libertären sie begreifen, hat indes nichts Abstraktes, sondern zielt ab auf eine konkrete, d.h. soziale Freiheit und Gleichheit, die sich auf die gleiche und wechselseitige Anerkennung der Freiheit aller gründet.</li>
</ul>
<p>„Ich bin überzeugter Anhänger der ökonomischen und sozialen Gleichheit“, konnte Bakunin schreiben, „weil ich weiß, dass außerhalb dieser Gleichheit Freiheit, Gerechtigkeit, menschliche Würde, Moral und Wohlergehen des Einzelnen ebenso wie der Wohlstand der Nationen nichts als Lügen sein werden; doch als Anhänger auch der Freiheit, dieser Grundvoraussetzung der Menschlichkeit, glaube ich, dass die Gleichheit sich durch die freiwillige Organisation der Arbeit und des Kollektiveigentums der frei zusammengeschlossenen und föderierten Produzentenassoziationen in den Kommunen herstellen muss, nicht unter der Oberhoheit und Vormundschaft des Staates.“ Um einen solchen gesellschaftlichen Zustand zu verwirklichen, der einzige, der tatsächlich jede Form der Ausbeutung und des Privilegs abschaffen kann, meinen die Anarchisten, dass es unvermeidlich ist, nicht nur jede Form ökonomischer Ausbeutung zu bekämpfen, sondern auch jede Form politischer Herrschaft staatlicher oder regierungsförmiger Art. Für die Anarchisten schafft jede Regierung, jede Staatsmacht, ungeachtet ihrer Zusammensetzung, ihres Ursprungs und ihrer Legitimität die materielle Voraussetzung für die Herrschaft und die Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch den anderen. Wie Proudhon gezeigt hat, ist der Staat nur ein Parasit der Gesellschaft, den die freie Organisation der Produzenten und Konsumenten überflüssig machen muss und kann. In diesem bestimmten Punkt sind die anarchistischen Auffassungen ebenso weit von den liberalen Auffassungen entfernt &#8211; die aus dem Staat einen notwendigen Schiedsrichter zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Friedens machen &#8211; wie von den marxistisch-leninistischen Auffassungen &#8211; die glauben, die politische und diktatorische Macht eines Arbeiterstaates einsetzen zu können, um die Klassenantagonismen abzuschaffen. Seit 1917 ist, zunächst in Russland, dann auch in anderen Ländern besonders des Ostens das Scheitern der Versuche, den Sozialismus durch den Einsatz der Diktatur zu verwirklichen, offensichtlich und beweist zur Genüge die Richtigkeit der libertären Kritiken in dieser Sache.</p>
<p>Der Einsatz der Diktatur, und sei es im Namen des Proletariats, hat nicht etwa zum Absterben des Staates geführt, sondern überall eine riesige Bürokratie geschaffen, die das soziale Leben und die freie Initiative des Einzelnen erstickt. Und doch war es eben diese Bürokratie, bis heute die Hauptquelle der Ungleichheiten und Privilegien in diesen Ländern, die das kapitalistische Privateigentum hat abschaffen wollen. Wie schon Bakunin in seiner Polemik mit Marx unterstrichen hatte: Freiheit ohne Gleichheit ist eine krankhafte Fiktion (&#8230;). Gleichheit ohne Freiheit; das ist Staatsdespotismus. Und der despotische Staat könnte keinen einzigen Tag lang bestehen, ohne wenigstens eine ausbeuterische und privilegierte Klasse zu haben: die Bürokratie. Der regierungsförmigen, zentralisierenden Organisationsweise des gesellschaftlichen Lebens stellen die Libertären eine föderalistische Organisationsweise gegenüber, die es ermöglicht, den Staat und seinen Verwaltungsapparat zu ersetzen durch die kollektive Übernahme aller Funktionen des sozialen Lebens, die jetzt noch durch über der Gesellschaft thronende staatliche Körperschaften monopolisiert und verwaltet werden, durch die Betroffenen selbst.</p>
<p>Der Föderalismus als Organisationsweise bildet den zentralen Bezugspunkt des Anarchismus, die Grundlage und die Methode, auf welche der libertäre Sozialismus aufbaut. Stellen wir indes klar, dass der so verstandene Föderalismus nur sehr wenig gemein hat mit den bekannten Formen des politischen Föderalismus, wie er derzeit von einer Reihe von Staaten praktiziert wird. Es handelt sich nämlich im Sinne der Libertären nicht bloß um eine Regierungstechnik, sondern um ein eigenständiges gesellschaftliches Organisationsprinzip, das alle Lebensaspekte einer menschlichen Gemeinschaft umfasst. Entweder der Föderalismus ist vollständig, oder er ist überhaupt nicht.</p>
<p>Das anarchistische Denken ist also recht weit davon entfernt, Notwendigkeit und Bedeutung der Organisation abzustreiten, es setzt sich vielmehr eine andere Art sich zu organisieren zum Ziel, die sowohl die Autonomie seiner Bestandteile sicherstellt, als auch kollektiven Erfordernissen Rechnung trägt. An der Basis beruht der Föderalismus auf der Autonomie der Betriebe und der Industrien wie auch der Kommunen. Die einen wie die anderen schließen sich zusammen, um sich gegenseitig zu schützen und um die individuellen und kollektiven Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenso wie die Selbstverwaltung im Unternehmen die Ersetzung des Lohnsystems durch die Verwirklichung der assoziierten Arbeit ermöglicht, so gestattet die föderative Organisation der Produzenten, der Kommunen, der Regionen die Abschaffung des Staates. Sie stellt sich dar als unerlässlicher Beitrag zur Durchführung des Sozialismus und als beste Garantie für die individuelle Freiheit.</p>
<p>Die Grundlage einer solchen Organisation ist der gleiche und wechselseitige, freiwillige, nicht theoretische, sondern faktische Vertrag, der je nach dem Willen der Vertragspartner (Assoziationen von Produzenten und Konsumenten usw.) abgeändert werden kann und allen Bestandteilen der Gesellschaft das Recht auf Initiative zuerkennt.</p>
<p>So definiert, ermöglicht der föderative Vertrag sowohl, die Rechte und Pflichten des Einzelnen zu bestimmen, als auch die Prinzipien eines wirklichen sozialen Rechts anzugeben, das imstande ist, die möglichen Konflikte zu regeln, die zwischen Individuen, Gruppen oder Gemeinschaften, ja sogar zwischen Regionen auftauchen können, ohne indes die Autonomie seiner Bestandteile in Frage zu stellen, was der föderalistischen Organisation ermöglicht, sowohl dem demokratischen Zentralismus entgegenzutreten als auch dem Laisser-faire (Geschehenlassen) des liberalen Individualismus.</p>
<p>Gewiss, eine solche Organisation kann nicht für sich in Anspruch nehmen, alle Konflikte zu beseitigen, und wir denken, dass es wichtig ist zu unterstreichen, dass Konflikte sich auf jeder Ebene der föderalistischen Gesellschaft einstellen können. Der Föderalismus darf nicht als ein religiöser Glaube mehr angesehen werden oder als Versprechen auf eine vollkommene Gesellschaft, sondern als eine offene, dynamische Auffassung von der Gesellschaft, die einen Rahmen bietet, der sich mit der Zeit verändern kann. Es ist nicht ein Traum mehr, sondern eine Weise, die gesellschaftlichen Fragen so gut wie möglich zu lösen, d.h. unter Beachtung der größten Freiheit eines jeden, ohne auf Instanzen eines regierungsförmigen Interessenausgleichs zurückzugreifen, die sichere Quellen neuer Privilegien wären.</p>
<p><strong>Die anarchistische Aktion</strong></p>
<p>Die Modalitäten der anarchistischen Aktion sind &#8211; wie könnte es anders sein &#8211; ein Spiegelbild der Leitgedanken, die wir gerade skizziert haben. Mehr noch, für die Anarchisten besteht eine untrennbare Verbindung zwischen dem angestrebten Ziel und den Mitteln, die eingesetzt werden, um es zu erreichen. Im Gegensatz zu den mehr oder weniger jesuitischen Rechtfertigungen jeder politischen Partei, meinen wir, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt, und dass jene immer, sofern das irgend möglich ist, im Einklang mit dem angestrebten Endziel stehen müssen.</p>
<p>Es kann also auf keinen Fall der Zweck der anarchistischen Aktion sein, auf die Eroberung der Macht oder die Verwaltung des Bestehenden auszugehen. Im Jahr 1872 wurde auf dem Kongress von Saint-Imier in der Schweiz offiziell der antiautoritäre Flügel der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) ins Leben gerufen, in Opposition zu den marxistischen Thesen. Man bekräftigte dort, dass die erste der Pflichten des Proletariats nicht in der Eroberung der politischen Macht bestünde, sondern in ihrer Zerstörung. Allgemeiner gesprochen, können wir sagen, dass die Libertären soziale Lösungen den politischen Lösungen entgegenstellen. Sie sind deswegen nicht unpolitisch, sondern antipolitisch. Im übrigen haben die Libertären, historisch gesehen, die Arbeiter immer vor der Illusion gewarnt, das Wahlrecht oder den Parlamentarismus als Waffe benutzen zu können, um ihre Lebensbedingungen innerhalb der bürgerlichen Demokratien grundlegend zu verändern. Der politisch-parlamentarischen Aktion, die auf die Eroberung der Machtausübung abzielt, ziehen sie die direkte Aktion der Massen vor, d.h. die Übernahme ihrer Angelegenheiten durch die Betroffenen selbst, ohne Delegation der Macht an irgendjemanden.</p>
<p>Die Arbeiter brauchen keine Vermittler, um an ihrer Stelle ihre Forderungen auszudrücken oder einen Kampf zu führen, sondern sie können und müssen es direkt selbst machen. Die Libertären denken, dass die Praxis der direkten Aktion, und des Streiks im besonderen, auch das bestmögliche und das wirksamste Kampfmittel in den Händen der Arbeiter ist, um ihre Interessen, einschließlich der unmittelbaren, zu verteidigen. Die Libertären haben sich immer jedem Versuch der Unterwerfung der revolutionären Bewegung oder der Arbeiterbewegung entgegengesetzt, und sie befürworten die Selbstorganisation, die kollektive und autonome Aktion der Arbeiter.</p>
<p>Die Anarchisten trachten nun nicht ihrerseits danach, eine Avantgarde- oder Führungsrolle zu spielen, denn sie gehen davon aus, dass es niemanden gibt, der sich besser um seine Angelegenheiten kümmern kann, als man selbst. Aber damit es dahin kommt, müssen sich die Arbeiter dessen bewusst werden, was Proudhon ihre politische Fähigkeit genannt hat. Die Arbeiter stellen die wesentliche Kraft einer Gesellschaft dar, nur von ihnen kann eine grundlegende Veränderung letzterer ausgehen. Die anarchistische Aktion hat immer in erster Linie die Verteidigung der Ausgebeuteten angestrebt, und sie unterstützt jede Forderung, die auf größeren Wohlstand und sozialen Fortschritt abzielt.</p>
<p>Zahlreiche Libertäre haben in den Gewerkschaften nicht nur Organisationen zur Verteidigung der Interessen der Lohnabhängigen gesehen, sondern auch eine Kraft der sozialen Veränderung, unter der Voraussetzung, dass sie es verstanden, von ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen. In dieser Hinsicht kann der libertäre Föderalismus, dessen Prinzipien wir vorhin umrissen haben, nicht realisiert werden ohne die aktive Mitwirkung der Arbeitergewerkschaften, denn einerseits sind diese geeignet, die Produktion zu organisieren und andererseits haben sie den Vorteil, die Arbeiter in ihrer Eigenschaft als Produzenten zu vereinigen.</p>
<p>Aus libertärer Sicht muss eine Gewerkschaftsorganisation in ihrer Tätigkeit wie in ihren Prinzipien:</p>
<ul>
<li> versuchen, ihre Autonomie gegenüber jeder politischen Organisation, die sie kontrollieren möchte, wie auch gegenüber dem Staat zu bewahren;</li>
<li>den Föderalismus und eine wirkliche direkte Demokratie zu praktizieren, die einzigen sicheren Garantien gegen jede Form der Bürokratisierung;</li>
<li>sich zum Ziel setzen, sowohl die Befriedigung unmittelbarer, materieller Forderungen zu erreichen, als auch die Arbeiter darauf vorzubereiten, in der Zukunft die</li>
<li>Verwaltung der Produktion zu übernehmen.</li>
</ul>
<p>Dieser letzte Punkt ist sehr wichtig, denn die Gewerkschaft und die gewerkschaftliche Aktion sind kein Selbstzweck und können nicht als solcher angesehen werden. Ihre Autonomie darf nicht Neutralität in bezug auf die Macht oder die Parteien bedeuten, wodurch sie einen Großteil ihrer Möglichkeiten zur Veränderung und zum Bruch mit dem Bestehenden einbüßen würde. Die Gewerkschaft muss sich deshalb, will sie nicht in Trade-Unionismus verfallen, ein soziales Umgestaltungsprogramm und eine entsprechende Praxis zu eigen machen.</p>
<p>Die gewerkschaftliche Aktion ist jedoch nicht das einzige Kampfmittel, über das die Arbeiter verfügen, die sich je nach den Umständen die Organisations- und Widerstandsformen schaffen können und müssen, die ihnen am angemessensten erscheinen.</p>
<p><strong>Der Anarchismus gestern und heute</strong></p>
<p>Der Einfluss, den die libertäre Bewegung auf die Arbeiterbewegung ausgeübt hat, ist beträchtlich gewesen, auch wenn er selten als solcher anerkannt wird. Ob einem das gefällt oder nicht, die Anarchisten repräsentieren sehr wohl eine authentische Strömung der internationalen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, und ihre Äußerungen finden sich in allen revolutionären Bewegungen wieder, im 19. wie auch im 20. Jahrhundert, angefangen bei der Pariser Kommune von 1871 oder in den Revolutionen von Russland und Spanien in den Jahren 1917 und 1936.</p>
<p>Der Einfluss der anarchistischen Ideen hat sich vor allem innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen deutlich bemerkbar gemacht, wie in der CGT in Frankreich, der USI in Italien, der CNT in Spanien, aber auch der FORA in Argentinien, der IWW in den Vereinigten Staaten, der FAUD in Deutschland oder der SAC in Schweden. Wie man sieht, die Liste ist lang. Jede dieser Organisationen vorzustellen, würde darauf hinauslaufen, für jedes dieser Länder einen Abriss der Geschichte ihrer Arbeiterbewegung an sich zu geben. Beschränken wir uns auf den Hinweis, dass 1922 der Gründungskongress einer (zweiten) Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), auf dem die anarcho-syndikalistischen Organisationen vertreten waren, die sich geweigert hatten, sich der bolschewistischen Internationale anzuschließen, mehrere Millionen Mitglieder zählte.</p>
<p>Gleichwohl hat der Anarchismus im Verlauf der 20er und 30er Jahre eine Krisenzeit durchlaufen. Wenn auch die russische Revolution in Europa und in der Welt eine neue revolutionäre Phase eröffnete, so wurde sie doch vielerorts begleitet von der Entfesselung der bürgerlich-kapitalistischen Reaktion in ihrer faschistischen Form. Insbesondere die libertäre Bewegung sah sich einem doppelten Angriff ausgesetzt. In Russland zunächst durch die bolschewistische, dann stalinistische Repression ausgeschaltet, musste sie in anderen Ländern mit den Methoden der Stalinisten fertig werden, die innerhalb der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung nicht vor der physischen Beseitigung ihrer Gegner zurückschreckten. Der Mythos der bolschewistischen Revolution und die Haltung der verschiedenen kommunistischen Parteien des Westens haben zu einer wachsenden Verdrängung des anarchistischen Einflusses in der Arbeiterklasse geführt. Und dort, wo die libertären Organisationen stark geblieben waren, wurden sie von der faschistischen Reaktion zerstört. In Italien, in Deutschland, in Argentinien, in Bulgarien, dort, wo der Faschismus siegte, wurde die anarchistische Bewegung zerschlagen und ihre aktivsten Kämpfer getötet oder gezwungen, ins Exil zu gehen.</p>
<p>Allgemein gesprochen, wurden die Anarchisten in dieser Zeit, zusammen mit einigen unabhängigen Sozialisten und Kommunisten, auch auf internationaler Ebene immer mehr isoliert, angesichts jenes Kampfes um die Weltherrschaft, den sich Stalin auf der einen Seite und die faschistischen Staaten sowie die bürgerlichen Demokratien auf der anderen Seite lieferten. Die Alternative Faschismus oder Demokratie zurückweisend, vor die man das Handeln des Weltproletariats zu stellen versuchte, schlugen sich die Libertären so gut es ging, um einen neuen Krieg zu verhindern.</p>
<p>Die spanische Revolution vom Juli 1936 stellte die letzte Gelegenheit dar, die sich den Arbeitern bot, um auf Faschismus und Krieg durch die Revolution zu antworten. Die Ereignisse von Spanien sind durch die bestimmende Rolle, die die anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Organisationen spielten, der historisch bedeutsamste Ausdruck der libertären Ideen und verdienen es, näher betrachtet zu werden. Am 18. Juli 1936 wurde ein Staatsstreich der spanischen Armee, unterstützt von der Rechten, den Faschisten der Falange und der Kirche, in mehr als der Hälfte des Landes durch einen Aufstand der Arbeiterbevölkerung niedergeschlagen. Die entscheidenden Kräfte im antifaschistischen Lager waren die anarchosyndikalistische Dachorganisation, die Nationale Konföderation der Arbeit (CNT), die im Mai 1936, auf ihrem Kongress in Saragossa, in ihren Reihen 982 Syndikate und 550.595 Mitglieder zählte, die Iberische Anarchistische Föderation (FAI.) und die Iberische Föderation der Libertären Jugend (FIJL.).</p>
<p>Der Kampf gegen das putschende Militär verwandelte sich schon in den ersten Stunden des Sieges in eine soziale Revolution; von Mitte Juli bis Ende August wurden das städtische Verkehrswesen und die Eisenbahnen, die Stahlwerke und Textilfabriken, die Wasser-, Gas- und Stromversorgung sowie Teile des Groß- und Kleinhandels kollektiviert. Ungefähr zwanzigtausend Industrie- und Handelsunternehmen wurden auf diese Weise enteignet und von den Arbeitern und ihren Gewerkschaften direkt verwaltet. Ein Wirtschaftsrat wurde gebildet, um die Aktivitäten der verschiedenen Produktionszweige zu koordinieren. In der Landwirtschaft wurde die Kollektivierung am vollständigsten durchgeführt: Abschaffung des Geldes, Änderung der Gemeindegrenzen, Organisation der gegenseitigem Hilfe zwischen reichen und armen Gemeinschaften, Auszahlung gleicher Löhne, Einrichtung von Familienlöhnen, Vergemeinschaftung der Arbeitswerkzeuge und der Ernteerträge. Es handelt sich um die weitreichendste soziale Revolution in der Geschichte, schrieb Gaston Leval.</p>
<p>Vom 3. bis 8. Mai 1937 begann ein zweiter unversöhnlicher Kampf, diesmal innerhalb des republikanischen Lagers, als die stalinistischen Kommunisten versuchten, die Kontrolle über die öffentlichen Gebäude von Barcelona zu übernehmen. Man weiß heute aus sicherer Quelle, nämlich aus den späteren Zeugenaussagen politischer und militärischer Führer der Kommunistischen Partei Spaniens (J. Hernandez, El Campesino), dass Stalin den Sieg des Faschismus einer wirklichen sozialen Revolution unter führender Beteiligung der Anarchisten vorzog. Von den westlichen Demokratien unter dem verlogenen Vorwand der Nicht-Einmischung im Stich gelassen, während Nazi-Deutschland und das Italien Mussolinis die Nationalisten massiv aufrüsteten, von den Stalinisten verraten, gelang es dem spanischen Volk und seinen Klassenorganisationen bis zum März 1939 der Koalition von europäischer Reaktion und Faschismus mit der Waffe in der Hand standzuhalten. Durch die Gewalt besiegt, bleibt die spanische Revolution ein Vorbild durch den außerordentlichen Erfolg ihrer sozialen und ökonomischen Hervorbringungen.</p>
<p>Seit 1945 haben die Aufteilung der Welt in zwei unterschiedliche imperialistische Blöcke, der kalte Krieg und die atomare Bedrohung den Handlungsspielraum für die Libertären und alle jene, die sich weigern, sich mit diesen Zustand abzufinden, kleiner gemacht. Darüber hinaus hat die Vereinnahmung des Arbeiterkampfes entweder durch die Gewerkschaftsbürokratien oder die politischen Führer der Linken einen Großteil der Aussichten auf soziale Veränderung in den kapitalistischen Industrieländern blockiert.</p>
<p>Seit 1968 haben jedoch infolge des Ausbruchs der Studenten- und Jugendrevolte die libertären Ideen wieder an Stärke zurückgewonnen, wie auch in den sozialen Bewegungen, mit der allgemeinen Verbreitung von Konzepten wie dem der Selbstverwaltung. Dem ist noch die immer heftigere Reaktion von weiten Teilen der Bevölkerung auf die zunehmende Bürokratisierung und Verstaatlichung der Gesellschaften des Ostblocks, aber auch der kapitalistischen Länder hinzuzufügen.</p>
<p>Vor allem aber scheinen nach dem Scheitern der diversen Reform- und Revolutionsprojekte, die nacheinander von den sozialdemokratischen Parteien wie auch von den verschiedenen, sich auf den Marxismus, den Leninismus, Trotzkismus, Maoismus usw. berufenden Tendenzen, angezettelt wurden, die anarchistischen Ideen diejenigen zu sein, die der Abnutzung durch die Zeit am besten widerstehen. Halten wir fest, dass zahlreiche von den Anarchisten begonnene Kämpfe, sei es gegen den Militarismus, den Sexismus, den Fremdenhass oder die Religionen, der Reihe nach zum Gegenstand breiter Mobilisierungen geworden sind, die manchmal zum Erfolg geführt haben. Der freie Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung sind gute Beispiele dafür, aber auch die Anerkennung der Rechte von Kindern und das relative Bemühen um persönliche Entfaltung, das sowohl die Eltern als auch die Schule als Institution hinsichtlich der Kinder an den Tag legen. Erwähnen wir allgemeiner die größere Friedfertigkeit im sozialen Umgang wie im individuellen Verhalten, der noch das hinzuzufügen ist, was man gemeinhin die sozialen Errungenschaften nennt, diese kleinen Stückchen Freiheit, für die Generationen von Menschen gekämpft haben.</p>
<p>Diese wenigen, kleinen Siege über die säkulare Apartheid (die der Wohlgeborenen über die Armen, der Männer über die Frauen, der prügelnden Väter über die Kinder, der Chefs aller Arten über die Untergebenen, der Doktrinen und Religionen jeglicher Herkunft über das freie Denken) erinnern jeden Tag an den umfassenden Kampf der Menschheit gegen die Ungleichheit und für die Überwindung der Autorität. Der unerbittliche Konflikt zwischen den Menschen, den zu viele Professoren als das menschliche Wesen ausgeben wollen, findet seinen Ursprung im Autoritätsprinzip, und der Anarchismus bleibt in diesem Punkt die einzig tragfähige Idee, um dessen Mechanismus entgegenzuwirken. Die positiven Entwicklungen und die relativen Fortschritte, die wir oben erwähnt haben, sind nicht endgültig, und sie betreffen vor allem nur sehr wenige Leute, verglichen mit den fünf Milliarden Menschen, die auf diesem Planeten leben.</p>
<p><strong>Die Welt von heute – Qual und Bilanz</strong></p>
<p>Natürlich kann die heutige Welt nicht vollständig und ernsthaft im Rahmen dieser Broschüre beschrieben werden, und gewiss haben die Anarchisten in dieser Hinsicht noch ein großes Maß an Analyse und Konfrontation der Ideen zu leisten, um einerseits ihre Thesen zu popularisieren und vor allem, um mit einem ausreichenden Verständnis für die vorhandenen Erscheinungen auf die Realität einzuwirken und sie zu verändern. Jedoch können wir nicht völlig darauf verzichten, wenigstens kurz auf die sich abzeichnenden Bruchlinien hinzuweisen und auf die Probleme, die sich heute dem Anarchismus und der gesamten Menschheit stellte.</p>
<p><strong>Beschleunigung und Einheit der Welt</strong></p>
<p>Die Welt der 80er Jahre ist schnelllebig, die Analysen müssen häufig im Laufe weniger Jahre korrigiert oder gänzlich neu geschrieben werden. So verhält es sich mit den sozialen Errungenschaften der Arbeiter in allen Ländern, wie auch mit ihrer ökonomischen und politischen Lage, dem Stand der Energiequellen, der Technologie, des Wissens auf allen Gebieten; aber ebenso verhält es sich auch mit den internationalen Fragen, wo man gerade eine völlige Neuordnung der großen strategischen, militärischen und ökonomischen Konstellationen beobachten kann. Vermerken wir außerdem die wachsende gegenseitige Abhängigkeit aller Länder, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht, wie auch in puncto Energieversorgung und Ökologie, so dass kein einziges Land, einschließlich der Großmächte, behaupten kann, autark zu sein.</p>
<p><strong>Einheit der Welt mit dem Geschmack nach Elend und in den Farben eines Supermarkts</strong></p>
<p>Diese leicht feststellbare Tendenz in Richtung Einheit der Welt lässt sich durch einige mehr oder weniger neue Phänomene illustrieren. Ein besonders verheerendes und konfliktträchtiges ist der westliche Kulturimperialismus, der dort zur Anpassung, hier zu Verarmung und Gleichförmigkeit führt. Was gestern der befreiende Hauch der Entkolonialisierung gewesen ist, hat unglücklicherweise nur einem neuen Typ von Abhängigkeit den Weg bereitet. Die dritte Welt entstand und stürzte sich kopfüber in das Wettrennen um eine Entwicklung nach westlichem Vorbild, dessen alleinige Nutznießer die lokalen Führungsschichten und ihre Verbündeten in den großen Industriemetropolen und den multinationalen Konzernen sind. Das könnte man die erste Phase der Standardisierung und Gleichschaltung der modernen Welt nennen. Diese Bewegung wird begleitet und ist Ergebnis von jener Anschauung, die die Welt einem riesigen Supermarkt gleichsetzt: das kulturelle Erkennungszeichen des Westens, sein bewährtester Botschafter ist der Marktwert, mehr noch, die Ware. Die Welt wird nach und nach zu einem endlosen Markt, auf dem eine unerbittliche Konkurrenz tobt, unter der Aufsicht der Großen dieser Welt, die auf die Einhaltung bestimmter Regeln achten, um den Fortbestand des Systems zu garantieren. Die jüngsten Umwälzungen im Osten werden diesen Prozess der weltweiten Durchsetzung der Marktökonomie vollenden. Was von Beginn an die liberale mit der marxistischen Ideologie verband, ist auch das, was sie heute in einer Orgie entfesselter Marktwirtschaft zusammenführt: Ihr gemeinsamer Glaube an einen historischen und ökonomischen Determinismus wird letztendlich diesen Vereinheitlichungsprozess zum Abschluss bringen.</p>
<p><strong>Eine zerstörte Welt. Das Scheitern des Kapitalismus</strong></p>
<p>Der moralische und gesundheitliche Zustand der Weltbevölkerung grenzt schon an ein Wunder in dieser Welt des Fortschritts. Jahr für Jahr sterben Millionen Menschen an Hunger und Epidemien, während auf der südlichen Erdhalbkugel mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in absoluter Armut leben. Selbst die reichen Nationen sind überfüllt von Armen und Arbeitslosen &#8211; eine wahre Glanzleistung nach jahrhundertelanger Ausplünderung ganzer Kontinente und Völkerschaften. In der kapitalistischen Akkumulation war Teilen nie vorgesehen, ihr einziges Ziel bestand im individuellen Profit auf Kosten des kollektiven Wohlstands. Das wird glänzend veranschaulicht durch die jährliche Vernichtung von Millionen Tonnen Nahrungsmittel und Fertigwaren, während gleichzeitig Not und Elend die Welt verwesten. Die kapitalistische Welt zwingt ihr Verbrechen dem ganzen Planeten auf, wo man zusehen kann, wie die Grenzen des Gebrauchswertes immer mehr durch den Tauschwert verdrängt und ersetzt werden, die Bedürfnisse im gleichen Maße der Lächerlichkeit preisgegeben werden wie das Beutemachen vonstatten geht, und sich phantastische Reichtümer bei einigen wenigen Privilegierten anhäufen.</p>
<p><strong>Planet in Gefahr</strong></p>
<p>Der verschwenderische, produktivistische Irrsinn des Kapitalismus ist nicht nur moralisch verwerflich, er hat auch der ganzen Welt enthüllt, dass er in höchstem Maße schädlich ist, schon aufgrund seiner Eskapaden, die zu Lasten der Erde als Ökosystem gehen, in dem die Lebewesen mit ihrer Umwelt durch ein zerbrechliches und labiles Gleichgewicht verbunden sind. Der Planet ist geplündert, klimatische und ökologische Katastrophen stehen uns bevor; Landschaften, Flüsse, das Erdreich sind stellenweise schon ruiniert. Die Verschmutzungen, die es natürlich nicht erst seit kurzem gibt, erreichen manchmal schon den kritischen Punkt und bedrohen das Leben selbst. Die schrankenlose Ausbeutung der Böden und der nicht erneuerbaren Energiequellen stellt mitten im größten Bevölkerungswachstum die Frage nach der Zukunft. Das bereits ausgebeutete Afrika wird der neue Kontinent zur Endlagerung von Abfällen und Giftmüll, übrigens ohne die geringste Gegenleistung für die örtliche Bevölkerung. Die dramatischen Probleme der Versteppung, der Landflucht, das Wachstum der Städte und der industriellen Konzentration fügen der ökologischen Gefahr noch die gestresster, erstickter, in medizinischer Behandlung befindlicher oder unter Beruhigungsmitteln stehender Menschenmassen hinzu.</p>
<p><strong>Die Wissenschaft die befreit&#8230; und die unterjocht</strong></p>
<p>Der gegenwärtige Zustand des Planeten, die Lebensbedingungen seiner Bewohner, die Arroganz und die Brutalität der Gesellschaften, die sich auf die Wissenschaft berufen, führen heute zu widersprüchlichen Ansichten über die befreiende Kraft der Wissenschaft selbst sowie über die Idee des Fortschritts und der Entwicklung. Dass man den Völkern vor mehr als hundert Jahren einen neuen Stein der Weisen, der Befreiung und der Wissenschaft ankündigte, dessen Ausgeburten wir gerade vor unseren Augen zusammenbrechen sehen, hat nicht wenig dazu beigetragen, Unruhe in den Köpfen auszulösen und jenes sagenhafte Werkzeug in Misskredit zu bringen, dass sich der menschliche Geist geschaffen hatte. Aus einem Werkzeug hat man ein System machen wollen, aus dem Scheitern des Systems hat man auf die Untauglichkeit, wenn nicht gar Schädlichkeit des Werkzeugs geschlossen. Ein Haufen Menschen und Gesellschaften kennen von den Wissenschaften nur das Gesetz des Gewehrs und des Völkermordes. So wohnen wir dem Erwachen reaktionärer und obskurantistischer Ideologien bei, der vorsätzlichen Flucht in metaphysische Träume, dem Wiederauftauchen von Sekten und okkulten Gesellschaften. Ein Phänomen, das durch die Ausdehnung der Probleme über den ganzen Planeten gewiss noch verstärkt wird, wobei das Individuum, ob es entscheidet oder nicht, immer machtloser ist. Eine Situation, in der die Menge an Wissen auf jedem Gebiet noch nie so groß gewesen ist, zugleich aber die Zerstückelung, der Verlust an Geschick und Meisterschaft sowie die Entfernung des Arbeiters von seinem Werkzeug und dem Produkt seiner Arbeit noch nie einen so hohen Grad erreicht hat. Der Rückgriff auf die künstlichen Paradiese der Innerlichkeit wird unter diesen Bedingungen zu einer alltäglichen Erscheinung und lässt befürchten, dass der wissenschaftliche, emanzipatorische Geist völlig in den Hintergrund tritt.</p>
<p><strong>Ängste, Medien und Verrat der Intellektuellen</strong></p>
<p>Die weltweite Hochrüstung hat ebenfalls dazu beigetragen, die Ängste zu schüren; mehr als eine Bedrohung ist sie eine dauernde Gefahr, Tag für Tag ist sie am Werk, eine Verschwendung von Leben und Energien, ein Exzess an Dummheit. Diese Ängste, die man im (religiösen) Dogmatismus, im Nationalismus, im Fremdenhass wiederfindet, sorgen dafür, dass sich die Menschen sehr rasch gegeneinander zusammenrotten. Sie sind ein Vorzeichen der scheußlichsten Erniedrigungen. Hat der Mensch erst einmal das Vertrauen verloren, versetzen ihn die wiederholten Ankündigungen ökologischer und atomarer Weltuntergänge schließlich in einen abergläubischen Fatalismus.</p>
<p>Die Medien und alle modernen Kommunikationsmittel, einschließlich der Verkehrsmittel, von denen man mit Recht erwarten könnte, dass sie die Menschen einander näherbringen und ihnen helfen, sich besser zu verstehen, haben allenfalls die Grenzen des Planeten zusammengerückt, um jene Rede, die das Regime auf sich selbst hält, noch weiter zu verbreiten. Das mediale Überangebot und die Massenkommunikation schaffen Isolierung und Kommunikationslosigkeit, wie die Kultur des Anderswo und der Auftrieb des Exotischen aus Bezirken des nachbarschaftlichen Zusammenlebens Orte der schieren Nichtexistenz machen. Kurzum, die Medien, von denen man erwarten sollte, dass sie Orte der Erziehung und der Information sind, präsentieren sich im Gegenteil als das trübselige Schaufenster einer Kultur der Verblödung, in der sich die Intellektuellen und Wissenschaftler noch einmal zu ihrem Verrat bekennen. Diese Speerspitzen des Fortschritts, eifrige Diener der Macht, legen dabei eine solch sträfliche Bereitwilligkeit an den Tag, dass ihr an Unredlichkeit nur noch die Unterschlagung und Verfälschung von Informationen gleichkommt, die sie stillschweigend praktizieren.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Am Ende dieses Jahrhunderts Anarchist zu sein, heißt, darauf hinzuarbeiten, den Möglichkeiten einer wirklichen sozialen Befreiung neue Glaubwürdigkeit zu verschaffen; heißt zu brechen mit der Praxis des Rückzugs und des bloßen Anspruchs ohne das Ziel, eine Veränderung der Gesellschaft herbeizuführen. Die Anarchisten müssen die Praktiken der direkten Aktion aus dem Erbe des revolutionären Syndikalismus? wiederbeleben. Sie müssen den Mythos der Demokratie entlarven, der nur für wenige Völker gilt und keinerlei soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit beinhaltet. Dadurch werden Pessimismus und Fatalismus zurückweichen. Man muss den Menschen wieder Vertrauen zu sich selbst geben. Die Anarchisten haben Vorschläge zu machen, es werden keinen bezugsfertigen Modelle sein, aber sie müssen Lust auf eine andere Welt machen und so die Voraussetzungen für einen aktiven revolutionären Willen schaffen. In den letzten Jahren war eine internationale Wiederbelebung des Anarchismus zu verzeichnen, besonders anlässlich des Zusammenbruchs der Diktaturen in Osteuropa, aber auch in den Vereinigten Staaten und in Südamerika. Der Neuaufbau einer starken internationalen anarchistischen Bewegung muss das Produkt intensiver Arbeit sein und ist die Bedingung für die Entwicklung und die Erfolgsaussichten einer internationalen sozialen Revolution. Diese aufzubauende revolutionäre Bewegung wird weder in ihrer Propaganda noch in ihrer Kampfpraxis umhin können, einen ernsthaften Prozess des Nachdenkens über alle in dieser Broschüre aufgeworfenen Fragen anzustrengen. Insbesondere muss der übertriebene Glaube von einst an die Vorteile der Industrialisierung und des wissenschaftlichen Fortschritts schleunigst überdacht werden, um heute eine revolutionäre Strategie auszuarbeiten, die den Zustand des Planeten und die Bedürfnisse der Menschen, die auf ihm leben, berücksichtigt. Der Produktivismus hat Schiffbruch erlitten, und das bloße Festhalten an der Arbeit und den sozialen Errungenschaften ist eine Bankrotterklärung der Gewerkschaftsbewegung. Das in einigen westlichen Ländern zu beobachtende Phänomen der Arbeiterkoordinationen, die die gewerkschaftlichen Spaltungen überwinden, hat bis zum heutigen Tage keine befriedigende Antwort auf den Mangel an Perspektiven in der Arbeiterbewegung gebracht. Nirgendwo wird die Frage nach dem eigentlichen Ziel des gewerkschaftlichen Kampfes gestellt: die Übernahme der Wirtschaft und der Verwaltung der Städte durch die Arbeiter selbst.</p>
<p><strong>Die Zukunft der Menschheit liegt außerhalb des Nationalstaates</strong></p>
<p>Die internationale Arbeiterbewegung hat heute mit den Bedingungen zu kämpfen, die durch die weltweite Ausbreitung der Ökonomie geschaffen worden sind. Während die Internationale des Kapitals eine altbekannte Tatsache ist, auf die bisher nur schwache Antworten gefunden wurden, stellt hingegen die quasi grenzenlose Ausdehnung der Kapitalflüsse ein jüngeres Phänomen dar, das den Aufbau internationaler Strukturen zur unmittelbaren Notwendigkeit für die Arbeiterbewegung macht. Die Konkurrenz verschiedener nationaler Arbeiterklassen gegeneinander, die bereits stattfindet und mit Sicherheit noch zunehmen wird, verurteilt jeden Versuch des Widerstands auf korporativer oder nationalstaatlicher Ebene zum Scheitern. Von der Schnelligkeit und der Schärfe, mit der die Arbeiterbewegung auf diese Herausforderung antworten wird, hängt die Zukunft des Friedens ab und mit ihr die der Menschheit. Die einzigen wirklichen Trümpfe in dieser Angelegenheit sind die Erfahrungen der Arbeiterbewegung selbst, ihr soziales Gedächtnis und das immer und überall feststellbare Bemühen der Menschen, ihre Freiheit zu erobern. Die einzige Hoffnung besteht letztlich darin, dass sich die Einsicht durchsetzt, dass diese Freiheit unteilbar ist und sich nicht mit der Knechtschaft auch nur eines einziges Menschen verträgt.</p>
<p><strong>Den Entmutigten&#8230; den Verächtern</strong></p>
<p>Das Werk, das vor uns liegt, ist gigantisch, und wenn es dazu reizt, den Mut zu verlieren, so können wir nur sagen, dass es unsere Väter nicht hat zurückschrecken lassen, und aus diesem Grunde schätzen wir sie und bemühen uns, ihre Ideale nicht zu verraten. Zu viele Menschen scheinen zu glauben, dass die revolutionäre Agitation eher dazu geeignet ist, neue Unordnungen zu schaffen, als welche zu beseitigen. Die herrschende Ideologie lässt keine Gelegenheit aus, sie davon zu überzeugen, und die Tatsache, dass die Revolutionen der Vergangenheit immer wieder gescheitert sind, scheint sie ausnahmslos in dieser These zu bestätigen. All jenen, die darauf setzen, dass alles so weitergehen kann, dass nichts passieren wird, während doch ständig alles vor ihrer Nase passiert, soll gesagt sein, dass das labile Gleichgewicht und die ungerechte Ordnung, an die sie sich klammern, das unauslöschliche Zeichen der Barbarei trägt. Was sie sich nicht eingestehen wollen, ist die Angst, die sie verfolgt und sie dazu treibt, lieber ihre Ideen an ihrer erbärmlichen Existenz auszurichten, als das Risiko einzugehen, im Einklang mit den eigenen Idealen zu leben. Ihr Respekt vor der Idee ist genauso groß wie der vor ihren Chefs&#8230; immer bereit, sie gegen andere einzutauschen!</p>
<p>Im Vergleich zu den vergangenen und aktuellen Sackgassen der Arbeiterbewegung, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden, können die libertären Ideen einen originellen Denkansatz und neuartige Lösungen vorweisen, denn sie enthalten ein großes, noch ungenutztes geistiges Potential, um mit der staatlich-kapitalistischen Logik, die überall in der Welt vorherrscht, zu brechen. Sie zeigen auf jeden Fall denen, die für eine bessere Zukunft des Menschen kämpfen, einen gangbaren Weg.</p>
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		<title>Anarcho-Syndikalismus</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 09:47:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[IAA]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Anarcho-Syndikalismus als gewerkschaftliche Organisationsform wurde vom Ende des 19. Jahrhunderts an bedeutsam im Kampf der Menschen für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, gegen Kriege, Ausbeutung und Unterdrückung. Seine Wurzeln reichen noch weiter zurück.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-16"></span>Der Anarchosyndikalismus ist eine Verbindung von Anarchismus und revolutionärem Syndikalismus.</p>
<p>Im Allgemeinen erkennt der Anarchismus gewerkschaftliche Verbindungen und der Syndikalismus anarchistische Kollektive an.</p>
<p>In Deutschland existieren zur Zeit zahlreiche Syndikate und Ortsvereine, die sich Anarchosyndikalistisch nennen. Die meisten von ihnen haben sich zusammengeschlossen als Freie ArbeiterInnen Union (FAU?).</p>
<p>Die Fahne der AnarchosyndikalistInnen ist rot und schwarz. Die rot-schwarze Fahne ist ein wichtiges Symbol der internationalen libertären Arbeiterbewegungen. Die Farben symbolisieren die Basisprinzipien und -ziele: Rot für materielle und soziale Gleichheit und das Schwarz der Anarchistenfahne für Freiheit und Solidarität.</p>
<p><strong>Was ist eigentlich Anarcho-Syndikalismus?</strong></p>
<p>Der Anarcho-Syndikalismus als gewerkschaftliche Organisationsform wurde vom Ende des 19. Jahrhunderts an bedeutsam im Kampf der Menschen für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, gegen Kriege, Ausbeutung und Unterdrückung. Seine Wurzeln reichen noch weiter zurück. Mithilfe des Anarchismus (anarchia = frei von Herrschaft) eine umfassende gesellschaftliche und ökonomische Analyse zu erbringen, bewirkte die Umsetzung von Erfahrungen und Erkenntnissen in konkretes politisches und soziales Handeln, auch im Rahmen gewerkschaftlicher Organisierung. In einer Hochphase anarchistischer und sozialrevolutionärer Gewerkschaften ( = Syndikate) in den 20er Jahren, kam es 1922 zur Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), die bis heute weiter besteht (<a href="http://www.iwa-ait.org" target="_blank">www.iwa-ait.org</a>).</p>
<p>Die freie Gesellschaft kann nur von Allen, d.h. der Basis selber, aufgebaut werden. AnarchosyndikalistInnen verwerfen den zentralen Staat als Koordinator des Gemeinwesens, und jedes Mittel einer Verstaatlichung. Diese führt, wie die Vergangenheit leidvoll bewiesen hat, nur zur schlimmsten Ausbeutung- zum Staatskapitalismus und Funktionärstum. Die Zusammenlegung der Verfügungsgewalt über politische und wirtschaftliche Macht in wenige Hände führt unweigerlich in die Diktatur &#8211; nicht aber zum Sozialismus. AnarchosyndikalistInnen haben die Pervertierungen des Sozialismus, wie er z.B. in der Sowjetunion, China, Albanien und vielerorts betrieben wurde und bis heute wird, früh erkannt und kritisiert.</p>
<p>Frühzeitig wurden die menschenfeindlichen, zerstörerischen Auswirkungen des westlichen Kapitalismus mit seinen katastrophalen sozialen, ökonomischen und ökologischen Folgen erkannt und vor ihnen gewarnt, bzw. dagegen gekämpft. Der Staat wird vom Kapital benutzt, um die Ressourcen und Menschen auszubeuten.</p>
<p>Die staatliche Exekutive mit Kriegen, Militär, Geheimdiensten usw. ist zu verabscheuen und absolut ungeeignet, das Ziel einer gewaltfreien Gesellschaft zu erreichen. Auch das freieste Wahlrecht kann die klaffenden gesellschaftlichen Gegensätze nicht mildern. Jede Regierung, die ein ständiges Mandat hat, ohne Detailklärung über die Interessen Aller zu bestimmen, hat soziale Ungerechtigkeit, Korruption, Lüge und Schlimmeres zur Folge. Wahlen sollen der Stellvertreterpolitik der Parlamente den Schein von legalem Recht geben. Viele AnarchosyndikalistInnen beteiligen sich nicht an Wahlen oder wählen ungültig, um ihren Protest dagegen auszudrücken. Sie wollen eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die auf Solidarität, Vernunft und Aufklärung basiert. Diese wird durch gegenseitiges Verantwortungsbewusstsein und Respekt freier Menschen und Gemeinschaften getragen. Armut und Klassenungleichheit werden beendet, es gibt keine privilegierten Eliten und Funktionäre mehr. Land, Gebäude, Medien, Verkehrs-Infrastruktur- und Produktionsmittel werden kollektiviert.</p>
<p>In der anarchosyndikalistischen Gesellschaft koordinieren sich die einzelnen Gruppen, Betriebe und Produktionszweige als selbstständige und autonome Glieder des allgemeinen Wirtschaftens. Sie vernetzt die Gesamtproduktion und Versorgung im Sinne Aller, aufgrund gegenseitiger und freier Vereinbarung.</p>
<p>Vollversammlungen und deren Delegierte sind die Mittel zur Entscheidungsfindung und Beschlussfassung. Statt Diktatur oder Stellvertreterpolitik durch Parlamente tritt die direkte Demokratie. Die Produktion wird an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet, und eine gerechte, gleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums sowie von Bildung, Kultur, Gesundheitswesen usw. findet statt. Der Erhalt der ökologischen Lebensgrundlagen Aller und die Menschenrechte werden respektiert.</p>
<p>Anarchosyndikalismus bedeutet nicht nur Gewerkschaftskampf und eine gewaltfreie Gesellschaftsordnung. Damit entstehen eine andere Ethik und Philosophie, Kultur, positive Utopien als Vorraussetzung zur Veränderung, und eine entsprechende Praxis. Es gilt, Organisierung von unten gemeinsam mit möglichst vielen Menschen weiterzuentwickeln, und dabei die gemachten Erfahrungen einzubeziehen. Die Verteidigung der Weiterentwicklung benötigt auch Abwehrkämpfe, z.B. gegen Entgarantierung von sozialen Errungenschaften, gegen Unterdrückung von Minderheiten, gegen Patriarchat, Rassismus und Faschismus. Sie bedeutet aber auch Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik, z.B. an versteckten Machtmechanismen von Individuen und Gruppen, und/ oder Strukturen.</p>
<p>AnarchosyndikalistInnen organisieren sich heute in allen sie direkt betreffenden Lebensbereichen, also auch im Stadtteil, in verschiedensten sozialen und gesellschaftlichen Initiativen von Menschen, die das Leben frei, selbst bestimmt und solidarisch gestalten wollen. Sie werden zunehmend wichtiger in einer Welt, die eine neue, bessere Ordnung dringend benötigt.</p>
<p><em>Originaltext: <a href="http://anarchosyndikalismus.org/asn01.htm" target="_blank">http://anarchosyndikalismus.org/asn01.htm</a> Übernommen von: <a href="http://deu.anarchopedia.org/" target="_blank">http://deu.anarchopedia.org/</a></em></p>
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