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	<title>Die Gruppe MD &#187; IWW</title>
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	<description>Linke politische Textsammlung</description>
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		<title>Geschichte der Freien Arbeiter-Union Deutschlands &#8211; FAUD</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 11:57:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Es war in den Nachwehen der Revolution von 1918, als sich eine heute weitgehend unbekannte Massenbewegung in Deutschland entwickelte. Eine Bewegung, die sich aus einfachen Arbeitern rekrutierte, die ihre Hoffnungen auf Freiheit und Emanzipation, mit denen sie in diese Revolution zogen, an deren Ende vor den Gewehrläufen der Freikorps wiederfanden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-242"></span>Es war in den Nachwehen der Revolution von 1918, als sich eine heute weitgehend unbekannte Massenbewegung in Deutschland entwickelte. Eine Bewegung, die sich aus einfachen Arbeitern rekrutierte, die ihre Hoffnungen auf Freiheit und Emanzipation, mit denen sie in diese Revolution zogen, an deren Ende vor den Gewehrläufen der Freikorps wiederfanden.</p>
<p>In Abgrenzung zur SPD wie zur KPD wandten sich diese enttäuschten Arbeiter einem eigenständigen Strang der Arbeiterbewegung zu, dessen Wurzeln in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen: Dem Anarchosyndikalismus.</p>
<p>Dieser Ansatz, &#8211; an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in der französischen CGT, der spanischen CNT und der amerikanischen IWW entwickelt &#8211; stand für eine autonome, selbstorganisierte Gewerkschaftsbewegung, die den Satz, daß die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiter selbst sein müsse, beim Wort nahm.</p>
<p>Sie organisierten sich von unten nach oben, lehnten politische Eliten und große Funktionärsapparate ab und setzten auf die direkte Aktion als Methode. Ihre Hoffnung war es, durch einen sozialen Generalstreik den Kapitalismus und den Staat abzuschaffen und die Gesellschaft auf Basis einer gewerkschaftlichen Selbstverwaltung neu zu organisieren.</p>
<p>In Deutschland gründete sich 1919 die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). In ihrem Zenit 1921 waren 150 000 Arbeiter in ihr organisiert. Sie verstand sich sowohl als ökonomische Kampforganisation wie als radikale Kulturbewegung.</p>
<p>Besonders in der großbetrieblichen Arbeiterschaft des Rheinlands konnte die FAUD eine bedeutende Rolle spielen. Ein Indiz dafür, daß die deutschen Anarchosyndikalisten zumindest punktuell eine Bedeutung innehatten, mag auch die Tatsache sein, daß die Rote Ruhr Armee nach heutigen Schätzungen zu 45 % aus Mitgliedern der FAUD bestand.</p>
<p>Allerdings konnte die FAUD sich als kleine sozial-revolutionäre Gewerkschaft nicht behaupten. Bedingt durch externe Faktoren, aber auch durch interne Konflikte sank ihre Mitgliedschaft auf wenige Tausend bis zum Ende der Weimarer Republik. Nur noch in wenigen Berufsgruppen konnte sie zumindest regional noch als Gewerkschaft Einfluß ausüben, wie etwa bei den Fliesenlegern und Klavierbauern.</p>
<p>War die FAUD auch im Laufe der zwanziger Jahre auf einen Kern bewußter Aktivisten, die die Idee eines freiheitlichen Sozialismus mit ihrer gesamten Persönlichkeit verkörperten , zusammengeschrumpft, so entwickelte sie dennoch rege gegenkulturelle Aktivitäten. In ihrem Umfeld wurden Siedlungsexperimente, Genossenschaftsprojekte, Frauenbünde, freie Kindergruppen und freie Schulen initiiert, in der ihr nahestehenden ,Gilde freiheitlicher Bücherfreunde&#8221; wurden Schriften u.a. über die Freie Liebe, Sexualaufklärung, revolutionäre Dichtung und den Antimilitarismus publiziert. Zudem konnten die Anarchosyndikalisten einen nicht unerheblichen Einfluß auf organisationsübergreifende Verbände der Arbeiterbewegung wie etwa der Freidenkerbewegung ausüben.</p>
<p>Dem herannahenden Faschismus begegnete die FAUD mit der Hoffnung auf eine entschiedene Einheit der Arbeiterschaft von unten. Den Anarchosyndikalisten war bewußt, daß Hitler nicht mit dem Stimmzettel aufzuhalten war. Vergeblich riefen sie zum Generalstreik gegen die Machtergreifung der Nationalsozialisten auf.</p>
<p>Am 9. März 1933 wurden schließlich die Räume der Geschäftskommission der FAUD in der Warschauer Straße 62, Berlin-Friedrichshain, von der Gestapo gestürmt.</p>
<p>Einige Hundert Mitglieder der FAUD gingen in den Widerstand und versuchten die Organisation illegal am Leben zu erhalten.</p>
<p>Im Jahr 1937 gelang es allerdings der Gestapo mehrere hundert Mitglieder der illegalen FAUD festzunehmen. Viele kamen ins KZ. In einem Lagebericht der Gestapo heißt es: &#8220;Bei den Festgenommenen handelt es sich samt und sonders um überzeugte Anhänger der anarcho-syndikalistischen Bewegung, die in ihren Ideen derart verrannt sind, daß sie kaum noch zu brauchbaren Mitgliedern der deutschen Volksgemeinschaft erzogen werden können.&#8221;</p>
<p>Einige waren bereits vorher ins Ausland emigriert, unterstützten den Widerstand von dort aus oder schlossen sich den antifaschistischen Milizen in Spanien an, um dort gegen Franco zu kämpfen.</p>
<p>Ging der Widerstand gegen Hitler vereinzelt noch weiter, so war dies doch das vorläufige Ende der anarchosyndikalistischen Bewegung in Deutschland. Versuche nach dem Krieg die Bewegung in einer Föderation Freiheitlicher Sozialisten wiederzubeleben, scheiterten nach wenigen Jahren. Die Überlebenden gingen getrennte Wege. Einige schlossen sich der SPD und den neuen Gewerkschaften an, andere sahen in der DDR ein neues Deutschland oder blieben im Ausland.</p>
<p>Erst 1977 wurde in der BRD eine Nachfolgeorganisation, die Freie ArbeiterInnen Union?, gegründet und erst in den letzten Jahren ist ein leichter Aufärtstrend der FAU zu beobachten &#8211; sowohl qualitativ wie quantitativ.</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.anarchismus.de/" target="_blank">http://www.anarchismus.de/</a></em></p>
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		<title>Direkte Aktion &#8211; Zum Verständnis eines Konzeptes</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/direkte-aktion-zum-verstandnis-eines-konzeptes</link>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 10:16:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Widerstand / Bewaffneter Kampf]]></category>
		<category><![CDATA[Direkte Aktion]]></category>
		<category><![CDATA[IWW]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Direkte Aktion, zu ihrem endgültigen und logischen Ende gedacht, ist die libertäre soziale Revolution: die Übernahme, Neuorganisation, Transformation und Zerstörung (dort, wo sie nicht den menschlichen Zielen dienen) der Produktionsmittel (die die materiellen Werkzeuge der Freiheit sind) durch die Arbeiterklasse und die Entwaffnung der Kräfte, die die alte Ordnung beschützten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-120"></span><em>Von: Harald Beyer-Arnesen (Anarcho-Syndicalist Review, Sommer 2000) (Nach den schweren Auseinandersetzungen anlässlich der Tagung der Welthandelsorganisation (WTO) im Dezember 1999 in Seattle war in vielen, auch bürgerlichen Zeitungen in den USA die Rede von einer &#8220;Wiederkehr der direkten Aktion&#8221;. Aus einem anarchosyndikalistischen Verständnis heraus hatte das, was in den Straßen von Seattle geschah, allerdings reichlich wenig mit direkter Aktion zu tun. Oder bestenfalls mit einem völlig falsch verstandenen Begriff davon, was diese Kampfform eigentlich ausmacht. Harald Beyer-Arnesen geht im nachfolgenden Beitrag der Frage nach, was das Konzept der direkten Aktion eigentlich bedeutet und entwickelt daraus seine Kritik am inflationären und verzerrenden Gebrauch dieser zentralen anarchistischen und sozialrevolutionären Methode.)</em></p>
<p>Während einer Kampagne zur Gewinnung von Lohnarbeitern für die Industrial Workers of the World (IWW) im Dezember 1905 erklärte Eugene V. Debs: &#8220;Die Kapitalisten besitzen die Werkzeuge, die sie nicht nutzen und die Arbeiter benutzen Werkzeuge, die sie nicht besitzen.&#8221; Man könnte hinzufügen: Direkte Aktion heißt manchmal, die Werkzeuge, die wir nicht besitzen, zu zerstören und manchmal, sie für eigene, selbstgesteckte Bedürfnisse und Ziele zu benutzen. In letzter Instanz kann das nur bedeuten, so zu handeln, als ob alle Werkzeuge uns gehören würden.</p>
<p>Die Direkte Aktion, zu ihrem endgültigen und logischen Ende gedacht, ist die libertäre soziale Revolution: die Übernahme, Neuorganisation, Transformation und Zerstörung (dort, wo sie nicht den menschlichen Zielen dienen) der Produktionsmittel (die die materiellen Werkzeuge der Freiheit sind) durch die Arbeiterklasse und die Entwaffnung der Kräfte, die die alte Ordnung beschützten. Wenn wir von einer wahrhaft sozialen Revolution sprechen, kann diese nichts anderes bedeuten, als die kollektive, direkte Aktion der Arbeiterklasse, die in diesem Prozess sich selbst als Klasse aufhebt, und damit auch den Staat und die Klassengesellschaft, und uns alle auf diese Weise zu BewohnerInnen einer von uns selbst geschaffenen Welt macht.</p>
<p>Es gibt viele, die in diesen Tagen von direkter Aktion sprechen, doch die Zahl derer, die versucht ihre Bedeutung zu ergründen und sich die Frage stellt, um welch eine Art von Werkzeug es sich bei ihr handelt, ist geringer. Diese Frage hat nichts mit Wortklauberei zu tun, es geht bei ihr um etwas Grundsätzliches. Sie berührt den Kern des gesamten anarchistischen, sozialrevolutionären Projekts, in dem die &#8220;Emanzipation der arbeitenden Klassen von den arbeitenden Klassen selbst durchgesetzt werden muss&#8221; und in dem die Mittel von den Zielen bestimmt und in ihnen enthalten sein müssen. Aus dieser Sicht heraus können wir direkte Aktion als eine Aktionsform definieren, die von niemandem als uns selbst durchgeführt wird und in der die Mittel immer auch die Ziele sind. Oder in der zumindest &#8211; wie z.B. in einem Lohnstreik ohne Vermittlung irgendeiner Gewerkschaftsbürokratie &#8211; die Mittel (die Verminderung des Profites durch unsere Nicht-Arbeit und dadurch auch die Reduzierung der Macht des Bosses) in einem direkten Zusammenhang zu unseren selbstdefinierten Zielen stehen (die Erhöhung unserer Löhne und damit die Ausdehnung unserer eigenen Macht). Eine erfolgreich durchgeführte direkte Aktion hat stets eine Neugestaltung der bestehenden Lebensbedingungen durch den gemeinsamen Kampf der direkt Betroffenen zur Folge.</p>
<p>Niemand muss mit dieser Definition bis in Letzte übereinstimmen, aber ich finde sie logisch. Die direkte Aktion ist darüber hinaus ein sehr mächtiges Instrument im Prozess der Entwicklung einer Praxis, in der die zukünftige Gesellschaft in den Schalen der alten heranwächst. Unter allen Umständen aber muss für uns als Anarchisten und Sozialrevolutionäre die direkte Aktion ein Bestandteil unseres Projektes menschlicher Emanzipation sein. Direkte Aktion ist allerdings nicht wie schwanger sein, also etwas das man entweder ist oder nicht. Elemente von direkter Aktion können manchmal auch in solchen Aktionen enthalten sein, die nicht alle Bedingungen erfüllen. Ein Teil unserer Aufgabe besteht im Versuch, diese Elemente so dominant wie möglich zu machen, wann immer das geht. Dafür benötigen wir eine brauchbare Definition, etwas, das wir anstreben können und an dem wir unsere Aktionen messen können, um auf diese Weise auch ein größeres Bewusstsein von den Quellen unserer Stärken und Beschränkungen zu entwickeln.</p>
<p>Wir werden nicht immer die Stärke haben, um unsere Ziele durch direkte Aktion erreichen zu können. Mehr als jede andere Aktionsform verlangt die direkte Aktion nach einer kollektiven, organisierten Kraft. Das wird sich am deutlichsten in der direkten Wiederaneignung der Instrumente der Produktion und der Freiheit durch die Arbeiterklasse zeigen. Wir können gemeinsam alles erreichen. Diese Gemeinsamkeit aber herzustellen, das ist die schwierige Aufgabe und wie bei einem unbenutzten Muskel wird die Kraft kollektiver Aktionen durch Passivität geschwächt. Auf der lokalen Ebene, wo immer noch die meisten unserer Aktionen stattfinden, wird, ebenso auf internationaler Ebene durch die koordinierten Aktionen innerhalb eines kleinen Sektors der Arbeiterklasse, unsere Möglichkeit zur Durchführung direkter Aktionen dadurch beschränkt sein, dass sie noch kein verallgemeinertes Mittel ist. Wir werden sie manchmal anwenden können, aber nicht immer &#8211; wenn wir nicht durch die Mächte, gegen die wir aufgestanden sind, zerschmettert werden wollen. Wenn du rausgeschmissen wirst, kann ein Sitzstreik deinen Job retten. Wenn du aber der einzige bist, der sich hinsetzt, kann es u.U. eine gute Idee sein, zu einem Anwalt oder irgendeinem Gewerkschaftsbürokraten zu gehen. An diesem Punkt stellt sich übrigens die Frage, wie das Konzept der direkten Aktion mit einem anderen alten Wort im Vokabular der Kämpfe der Arbeiterklasse zusammenhängt, nämlich praktischer Solidarität. Solidarität bedeutet nicht Mildtätigkeit und kann nicht auf Selbstlosigkeit reduziert werden. Sie ist vielmehr etwas, das aus einem Verständnis von gemeinsamen Interessen entspringt. Dem alten IWW-Slogan &#8220;ein Angriff gegen Eine ist ein Angriff gegen Alle&#8221; liegt mehr als nur eine moralische Ökonomie zugrunde. Der Satz beschreibt auch eine Tatsache des sozialen Lebens.</p>
<p>Direkte Aktion wurde als Aktion ohne Vermittler definiert. Diese Definition benötigt Erklärung. Aus einer anarchistischen Sichtweise heraus hat direkte Aktion nicht nur etwas mit Solidarität zu tun, sondern auch mit etwas, was die Voraussetzung für Solidarität und das ihr zugrundeliegende Prinzip von direkter Demokratie ist: Nichthierarchische menschliche Kommunikation. Eine solche Kommunikation bildet die Grundlage für das, was direkte Aktion immer ist: individuelle und kollektive Stärkung der eigenen Kraft. Da die direkte Aktion immer ihr Ziel beinhaltet, finden sich in diesem selbstdefinierten Ziel auch immer die Mittel. Je deutlicher die Ziele in den Mitteln sichtbar werden, desto direkter ist die Aktion.</p>
<p><strong>Protestieren gegen die modernen Päpste und Zaren</strong></p>
<p>Wenn du kein Wasser hast, kann es sein, dass du einen Brunnen graben musst und dieses Brunnengraben ist eine direkte Aktion. Es kann sein, dass du dazu die Hilfe von anderen brauchst, denen es vermutlich genauso geht, was aus der Sache eine kollektive Aktion macht. Aber innerhalb einer Klassengesellschaft liegen die Dinge meistens nicht ganz so einfach. Es kann sein, dass das Land einem auswärts lebenden Landbesitzer gehört und vermutlich wird ein Zwangsapparat zur Durchsetzung von dessen Besitzrechten existieren. Einfach hinzugehen und einen Brunnen zu graben wäre demnach illegal. Allerdings ist Illegalität nicht zwangsläufiger Bestandteil einer direkten Aktion. Kollektive Selbstschulung zum Beispiel ist eine Form von direkter Aktion, die oft &#8211; wenn nicht sogar immer &#8211; absolut legal ist.</p>
<p>Wir könnten uns vorstellen, dass wir, statt einen Brunnen ohne Genehmigung zu graben, einen Sitzstreik außerhalb des Wohnsitzes des Landbesitzers, des Königspalastes oder des Parlaments organisieren. Vielleicht hätten wir die Presse eingeladen und angekündigt, dass wir sitzen bleiben, bis der abwesende Landbesitzer, eine gesetzgebende Körperschaft oder sonst jemand mit Autorität uns das Recht zugesteht, den Brunnen zu bauen &#8211; oder bis wir weggetragen oder sonst wie vertrieben werden.</p>
<p>Das wäre sicherlich ziviler Ungehorsam, ein Rechtsbruch, aber wäre es auch eine direkte Aktion? Kaum. Wir hätten versucht, Druck auf eine Autorität auszuüben, damit sie eine Entscheidung fällt oder eine andere zurücknimmt. Damit hätten wir uns ihrer Macht oder ihrer Autorität unterworfen, eine solche Entscheidung fällen zu dürfen. Anstelle unser Ziel nur von unseren eigenen Bemühungen und Werkzeugen (die in diesem Fall Spaten und Schaufeln gewesen wären) abhängig zu machen, hätten wir die Regeln einer anderen Autorität zwischen unsere Ziele und Mittel gestellt. Damit verwandeln wir unsere Mittel, ebenso wie unsere eigene Kreativität, in Instrumente unserer eigenen Ausbeutung. Wir sind diejenigen, die diese Werkzeuge anwenden, aber nicht für unsere eigenen Pläne, Notwendigkeiten und Wünsche. Selten verwenden wir sie als Mittel von direkter Aktion. Die lohnarbeitende Köchin kocht in der Zeit, in der sie sich an eine fremde Macht verkauft hat, nicht für die Armen als Teil eines kollektiven Projekts. Stattdessen gibt sie in ihrer unentlohnten Zeit einen Stimmzettel ab, unterzeichnet eine Petition, nimmt an einer Demonstration teil, schmeißt eine Fensterscheibe ein oder bläst ein Gebäude in die Luft. Nichts davon erzeugt etwas unmittelbar verzehrbares.</p>
<p>Einige versuchen, jede außerparlamentarische Aktion als direkte Aktion zu definieren, z.B. jede Demonstration auf der Straße. Aber eine Stellungnahme dazu abzugeben, dass wir irgend etwas wollen oder nicht wollen, wird keinen Berg bewegen. Wenn das alleinige Aussprechen der Worte &#8220;Stoppt die Bomben&#8221; dazu führen würde, Bomben mitten in der Luft anzuhalten, wäre die Welt ein besserer Ort. (Es ist übrigens auch nicht eben wahrscheinlicher, dass zersplitternde Fensterscheiben einen solchen Effekt hätten.)</p>
<p>Der Umstand, dass symbolische Aktionen und Aktionen, die ihre Effizienz aus genau der Macht, gegen die wir kämpfen, beziehen, mehr und mehr als direkte Aktionen bezeichnet werden, spiegelt unsere gegenwärtige organisatorische Impotenz, unsere soziale Zersplitterung und einen allgemeinen Mangel an Vertrauen in unsere kollektive Kraft als entlohnte und nichtentlohnte ArbeiterInnen wieder. In bestimmten Situationen können symbolische Aktionen machtvoll sein. Aber sie sollten als das betrachtet werden, was sie bestenfalls sind: Kommunikationsmittel. Ihr vielleicht darüber hinaus gehender Grad an Effizienz liegt im Wesentlichen an der Angst der Besitzer der Welt, dass ihr vielleicht direktere Aktionsformen folgen könnten. In der augenblicklichen Situation von Unorganisiertheit oder organisierter Passivität sind symbolische Aktionen oft alles, was wir haben. Aber das darf uns nicht dazu verleiten zu glauben, das sie alles sind, das wir haben können.</p>
<p>Oft, wie jüngst beim Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle, können wir erleben, dass Proteste, die in aufsehenerregender und manchmal gewalttätiger und zerstörerischer Weise durchgeführt werden, um die Aufmerksamkeit der Massenmedien auf sich zu ziehen, als direkte Aktion bezeichnet werden. Obwohl das oft geleugnet wird, liegt die ganze Logik solcher Aktionen darin, auf die Mächtigen vermittels einer vermeintlichen &#8220;öffentlichen Meinung&#8221; Druck auszuüben. Und in den Zeiten des World-Wide-Web kann sogar eine Demonstration von einigen Dutzend Leuten als ein weltweit bedeutendes Ereignis erscheinen, solange nur die Gerüchte darum breit genug verbreitet werden. Und das, obwohl du nur einige Blocks davon entfernt wohnen kannst, ohne von dem Ganzen überhaupt irgendetwas mitbekommen zu haben. Es wäre also vielleicht besser, anstelle von direkter Aktion den Begriff virtuelle oder medienvermittelte Aktion zu verwenden. Ironischerweise tendieren übrigens sowohl große Proteste, wie die in Seattle, als auch kleinere dazu, von einer Kritik an den Massenmedien gefolgt zu werden, bei der man diesen vorwirft, die Fakten verdreht zu haben, indem sie nur über die aufsehenerregendsten Aspekte berichtet haben.</p>
<p>Natürlich kann man &#8211; und dies nicht ganz zu Unrecht &#8211; sagen, dass die Zerstörung von Eigentum in Seattle einen symbolischen Wert hatte, den sie aus dem speziellen Zusammenhang, innerhalb dessen sie funktionierte, bezogen hat. Ich argumentiere nicht gegen diese Aktionen, obwohl dieser Wert schnell dadurch entwertet würde, wenn das gleiche Vorgehen immer wieder wiederholt würde. Nichtsdestoweniger hatten diese Aktionen &#8211; wenn man vom symbolischen Wert absieht &#8211; keine direkte Beziehung zu dem, was sie erreichen wollten. Die Blockade des Treffens oder die Zerstörung von Eigentum waren keine Mittel, um eine unmittelbare Änderung der Handelsbedingungen, der Ausbeutung und der Unterdrückung zu bewirken. Sie haben niemanden satt gemacht, haben die Verschmutzung unserer Umwelt nicht verringert oder in sonst einer Weise das Leben der ArbeiterInnen bereichert.</p>
<p>Ausbeutung und Unterdrückung funktionieren immer auf eine konkrete Art und Weise. Die Realitäten dessen aber, wogegen man protestiert und die konkreten Punkte möglicher Änderungen sind den Protestierenden entglitten. Angesichts der Machtlosigkeit, unmittelbare Änderungen durchzusetzen, wurde an den Papst und den Zaren appelliert (so würden es einige weniger freundlich ausdrücken), ihre Kommandogewalt dazu zu benutzen, solche Änderungen vorzunehmen. Anstelle hinzugehen und den Brunnen zu graben, um das Wasser zu finden, wurde von den Hohen und Mächtigen verlangt, uns dazu aufzufordern dieses zu tun. Und anstelle die herrschende Ordnung davon abzuhalten, das Wasser zu verschmutzen, hat man von ihnen gefordert, Gesetze zu erlassen, die das verbieten oder sie aufgefordert keine zu erlassen, die Verschmutzung erlauben. Man appellierte an die Macht ihrer Gesetze und bat um bessere, man bat um einen Papst ohne Gott und einen Zar ohne Land, um einen Kapitalismus, in dem Geld keine Macht beinhaltet. Viele werden das für ein Missverständnis halten: &#8220;Wir haben eine Auflösung der WTO gefordert&#8221;, werden sie sagen. Aber das, selbst wenn es realistisch gewesen wäre &#8211; was es nicht wahr &#8211; hätte bestenfalls einen noch nicht ausdefinierten Satz von internationalen Gesetzen und Machtbeziehungen ersetzt durch die vorhandenen oder in Planung befindlichen. Es war eine völlig abstrakte Forderung.</p>
<p>Wenn es ausschließlich darum gegangen wäre, die Zusammenkunft der Delegierten der Welthandelsorganisation zeitweilig zu verhindern, dann hätten die Protestierenden Mittel eingesetzt (ihre Körper), die in Übereinstimmung mit ihren Zielen gestanden hätten. Aber war das wirklich das Ziel? Hoffentlich und wahrscheinlicher, haben sie das eher als Mittel betrachtet. In der Zeit vor dem Telegrafen und vor dem Telefon, von moderneren Kommunikationsformen ganz zu schweigen, hätten solche Mittel vielleicht einen unmittelbareren Effekt gehabt und eine wesentlich direktere Verbindung zu den Zielen. Aber heute haben solche Treffen der Hohen und Mächtigen im Wesentlichen eine symbolische Bedeutung. Die Entscheidungsfindung und Koordinierung findet anderswo statt und nicht an einem bestimmbaren Ort zu einer bestimmbaren Zeit. Ich gehe davon aus, dass die Protestierenden vorhatten, bestimmten zerstörerischen Praktiken im Zusammenhang mit der WTO ein Ende zu bereiten, ebenso wie andere, noch zerstörerische aufzuhalten und nicht nur zur reinen Behinderung des Zusammenkommens einiger Leute an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Wenn Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung nur in den Köpfen und in den Stellungnahmen der Mächtigen existieren würden, bräuchten wir dem nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die hohen Damen und Herren wären dann auch nicht besonders mächtig.</p>
<p>Wenn aus jeder Gemeinde, die von der Politik der WTO (oder genauer vom globalen Kapitalismus) betroffen ist, eine Person unter den Protestierenden von Seattle gewesen wäre, wären sie am falschen Ort gewesen, um Veränderungen durch direkte Aktionen zu erreichen. Der konkrete und tägliche Ausdruck der WTO-Politik findet in den Gemeinden statt, die sie verlassen hätten. Dort wäre der Platz für eine direkte Konfrontation mit dieser Politik gewesen. Auf der anderen Seite hätte eine solche globale Versammlung als eine Gelegenheit dazu dienen können, Aktionen überall auf der Welt zu koordinieren und weniger dazu, sich Gedanken darum zu machen, was hinter den Mauern des Kongressgebäudes vor sich geht, in dem die WTO-Delegierten versammelt sind. So wie die Dinge liegen, waren allerdings nicht Menschen aus allen Gemeinden dieses Planeten in Seattle versammelt. Mehr noch, diejenigen, die dort zusammengekommen sind, waren exakt aus dem Grund dort (so sehr sie vielleicht auch an die Option der direkten Aktion gedacht haben mögen), dass sie (oder besser wir) unfähig sind, die Organisation auf die Beine zu stellen, die nötig wäre, um zuhause durch direkte Aktionen die WTO anzugreifen.</p>
<p><strong>Eine Neubewertung von &#8220;Propaganda durch die Tat&#8221;&#8230;</strong></p>
<p>Ein kritischer Dialog über die Suche nach Aktionsformen, die das Netzwerk von WTO, Internationalem Währungsfond (IWF) und Weltbank ganz oder &#8211; im Moment realistischer &#8211; teilweise aushebeln könnten, ist kaum jemals angestrebt worden, trotz &#8211; oder vielleicht sogar wegen &#8211; aller Behauptungen, man bediene sich Praktiken der direkten Aktion.</p>
<p>In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass die Hafenarbeiter der Westküste einen politischen Streik gegen die WTO durchgeführt haben. So positiv das auch als Zeichen der kommenden Zeiten sein mag, ging es doch nicht über eine symbolische Aktion hinaus. Die Hafenarbeiter (Docker und Schauerleute) und die Transportarbeiter im Allgemeinen, sind diejenigen Lohnarbeiter mit der offensichtlich größten Fähigkeit, direkt und materiell in die Strukturen des Welthandels einzugreifen. Deswegen auch all die Versuche der letzten Jahre, ihre Kraft zu zerstören. Aber diese Arbeiter würden unter keinen Umständen in der Lage sein, eine solche Macht über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, wenn ihre &#8220;Propaganda durch die Tat&#8221; nicht direkte Aktionen durch die entlohnten und unentlohnten Arbeiter weltweit &#8211; oder zumindest maßgeblicher Teile von ihnen &#8211; zur Folge hätten.</p>
<p>Der Begriff &#8220;Propaganda durch die Tat&#8221; erzeugt starke Assoziationen von Bomben, individuellen Verzweiflungstaten oder sozialer Ohnmacht. Aber er muss sich nicht auf so etwas beziehen. Wenn wir mit weltweiten Aufgaben konfrontiert sind, könnte man lokale direkte Aktionen mit dem Ziel, kleinere Veränderungen im Hier und Jetzt zu erzielen, oder internationale, die von einem kleinen Sektor der Arbeiterklasse durchgeführt werden, für nicht mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein halten. Wenn sie aber erfolgreich sind, verbreiten direkte Aktionen eine Nachricht, die über ihre unmittelbaren Ziele hinausgeht und die die eigentliche Saat einer libertären sozialen Revolution mit sich trägt. Akte von unmittelbarer kollektiver Stärkung der eigenen Kraft neigen dazu, beispielhaft zu wirken. Sie zeigen Wege auf, die abseits von bürokratischen Vermittlern und parlamentarischer Vertretung gegangen werden können. Direkte Aktion ist immer &#8220;Propaganda durch die Tat&#8221;.</p>
<p><strong>&#8230; und Solidarität</strong></p>
<p>Das alles bringt uns zurück zur Frage der Solidarität und nach deren Verhältnis zur direkten Aktion. Diese wurde ja als Aktion definiert, die von niemandem anderen durchgeführt werden kann. Wer sind die direkt Betroffenen und an welchem Punkt hört eine Aktion auf, eine direkte zu sein, weil sie nicht von den direkt Betroffenen durchgeführt wird? Was uns hier interessiert sind natürlich die politischen Auswirkungen der Antwort auf diese Frage. Die Befürworter der Ideologie der repräsentativen Demokratie, Sozialdemokraten und Leninisten, nehmen alle für sich in Anspruch, stellvertretend für &#8220;die Leute&#8221;, im Interesse &#8220;der Leute&#8221; zu handeln. AnarchistInnen haben nicht nur immer abgelehnt, dass die Repräsentanten dieser Ideologien so etwas tun, sondern selbst die dahinter liegende Einstellung, dass sie so etwas auch nur tun könnten. Oder noch weitergehend, selbst wenn sie es könnten, würden wir für uns in Anspruch nehmen, dass dies nicht in unserem Interesse wäre. Denn der Umstand, dass wir über uns selbst bestimmen, ist nicht mehr und nicht weniger, als die Grundlage für unsere Existenz als menschliche Wesen. Das bedeutet im Übrigen nicht, sich dem Einfluss und der Kritik anderer zu entziehen, denn ohne sie wären wir nichts.</p>
<p>Auf der anderen Seite halten wir unsere Prinzipien der gegenseitigen Hilfe und der Solidarität hoch, dass ein Angriff gegen eine ein Angriff gegen uns alle ist und deshalb auch die Sache aller. Wir können über die absurdesten Interpretationen von Nichtvertretung hinweggehen, wie z.B. &#8220;Wenn wir eine Person ertrinken sehen, ist das nicht unsere Sorge&#8221;. Ob die Rettung oder Nicht-Rettung eines Ertrinkenden als direkte Aktion definiert werden sollte, ist keine Frage von Interesse. Hier geht es nicht um philosophische Rätsel, sondern um die Grundlagen der menschlichen Emanzipation.</p>
<p>An dieser Stelle führt die Antwort auf unsere Frage zu einer weiteren. Wer hat die Definitionsmacht? Ich definiere die geringen Löhne und schlechten Arbeitsbedingungen in der Firma X, egal wo diese sich auf der Welt befindet, als meine Besorgnis. Nicht nur aus moralischen Erwägungen, sondern &#8211; in Anlehnung an Bakunin &#8211; weil in den Händen der Besitzer der Welt, die Ausbeutung und Unterdrückung der anderen zu einem Instrument meiner eigenen Unterordnung wird. Wenn man diese Erwägungen zu ihrem logischen Ende denkt, bringt uns das ganz schnell zurück zur Stellvertretung und zu aufgeklärtem Despotismus. Die Definitionsmacht muss bei den Arbeitern der Firma X liegen. Allerdings könnte ich an ihrer direkten Aktion teilhaben, wenn ich auf ihre Initiative oder durch gemeinsam initiierte Aktion zum Beispiel ihren Streik durch eine Blockade direkt unterstütze, weil wir unsere gemeinsamen Interessen erkannt haben.</p>
<p>Es gäbe noch eine ganze Menge, das zu diesem Punkt gesagt werden könnte. Wesentlicher ist aber seine besondere Bedeutung zu verstehen, damit eine vorgeblich direkte Aktion uns nicht auf einen Weg bringt, der uns zu Elitedenken führt und damit weg vom anarchistischen Projekt der individuellen und sozialen Emanzipation.</p>
<p>Wieder einmal sind wir zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Regel &#8220;je größer die Aufgabe, desto kollektiver die Aktion&#8221; die libertäre Definition von direkter Aktion erfüllt. Wir sollten nie den Blick darauf verlieren, dass das Konzept der direkten Aktion von Menschen herrührt, die etwas aus ihrer eigenen Situation heraus tun. Dies ist der Grund, warum es eine so zentrale Stellung innerhalb der Tradition des Anarchismus und des revolutionärem Syndikalismus einnimmt. Die direkte Aktion ist ein Ausdruck der eigenen Macht über unser Leben, unser &#8220;Empowerment&#8221;. Direkte Aktionen sind einfach schon deshalb vorrangig &#8211; wenn nicht sogar ausschließlich &#8211; verknüpft mit Formen kollektiver Aktion, weil wir als ArbeiterInnen nur zusammen die Stärke haben, direkt und oft unmittelbar, unsere Lebensbedingungen zu verändern. Je weniger Beteiligte, desto symbolischer werden unsere Aktionen, könnte eine weitere Regel lauten. Sie neigen dann dazu, nicht Mittel zur sofortigen Umgestaltung von Teilen unserer Realität durch unsere eigenen Bemühungen zu sein, sondern in erster Linie der Ruf nach der Macht von anderen.</p>
<p>Während viele dem Trugschluss erliegen, dass wir durch direkte Aktionen der Notwendigkeit zur Organisierung entfliehen könnten, ist genau das Gegenteil der Fall. Direkte Aktionen verlangen generell ein höheres Maß an Koordination. Der Grad unserer eigenen Desorganisation ist der Grad, in dem unser Leben durch andere organisiert wird. Wir sind es, die die Welt schaffen, aber wir machen das als Kollektiv (momentan unter dem Kommando und der Vermittlung der Besitzer der Welt). Deshalb sind es auch wir, die zusammen direkte, grundlegende Änderungen ohne die Vermittlung von außerhalb stehenden Kräfte durchführen können und, in letzter Instanz, die Welt und die Macht über unsere eigenen Schicksale (zurück-)erobern können.</p>
<p>Direkte Aktion kann als eine Art von Sprache gesehen werden. Eine Sprache der praktischen Artikulation. Als solche verfügt sie auch über eine symbolische Kraft, die weit über jede rein symbolische Aktion hinausgeht, besonders deshalb, weil die Nachricht in den Mitteln enthalten und nicht von ihnen getrennt ist. Viel von den Gründen unserer derzeitigen Unfähigkeit, uns in direkten Aktionen auszudrücken, liegt in der immer mehr zunehmenden Arbeitsteilung innerhalb des modernen Kapitalismus. Nicht so sehr in der Teilung selbst, als in dem Mangel, diese in unseren Köpfen und durch Organisierung und Aktion zu überbrücken.</p>
<p>Wir müssen wieder unsere Mittel mit unseren Zielen verbinden. Zurückkehren zu den Lohnstreiks, die bedeuteten und das oftmals immer noch tun, die Bosse durch Streiks dort zu treffen, wo es ihnen am meisten wehtut, bei ihren Bankkonten, indem wir ihnen unsere Arbeitskraft verweigern. Warum aber haben die Arbeiter der sich in &#8220;öffentlichem Besitz&#8221; befindlichen Straßenbahnen von Melbourne vor zehn Jahren gestreikt, indem sie &#8211; die Werkzeuge, die ihnen nicht gehören &#8211; zum Nulltarif fahren ließen, während die Bosse zurückgeschlagen haben, indem sie die Bahnen gewaltsam stillgelegt haben? Der Grund ist offensichtlich. Wie es so oft beim öffentlichen Dienst der Fall ist: die Arbeitsverweigerung der Straßenbahnfahrer hätte die Stadtverwaltung keinen Cent gekostet. Es hätte ihr sogar die Ausgaben für die Löhne der Arbeiter erspart. Kostenloser öffentlicher Nahverkehr hingegen kostete sie etwas.</p>
<p>Was aber noch wichtiger ist: dies war ein Ausdruck von Arbeitern, die die Werkzeuge, welche ihnen nicht gehören, verwandelt haben sowohl in Mittel für ihre eigenen Ziele, als auch für die Arbeiterklasse-Community in ihrer Gesamtheit. Was wäre geschehen, wenn alle entlohnten und nichtentlohnten Arbeiter von Melbourne sich nichthierarchisch organisiert hätten, um das Selbe zu tun, und sei es nur für einen Tag oder eine Woche? Das wäre ein wirklich machtvolles Symbol unserer Stärke durch direkte Aktion gewesen. Die Realität ist immer noch konkret. Das sollten wir nicht vergessen. Auch im Kampf gegen die Politik der Welthandelsorganisation, des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sollten wir nach Möglichkeiten suchen, auf lokaler und globaler Ebene die Werkzeuge, die uns nicht gehören, für unsere, durch uns selbst definierten Bedürfnisse zu benutzen.</p>
<p><strong>Nachtrag zum Thema &#8220;Was ist eigentlich Direkte Aktion?&#8221;</strong></p>
<p><em>Quelle: Interhelpo # 6, März 01, Zeitung des Bildungssyndikats Münster (FAU, <a href="http://http://www.fau.org/" target="_blank">www.fau.org</a>)</em></p>
<p>Unsere letzte Interhelpo enthielt einen Text aus der Anarchosyndicalist Review, der versuchte, den Begriff der Direkten Aktion zu definieren. Aus zahlreichen Gesprächen haben wir mitbekommen, dass dieser Text durchaus in Münster diskutiert wurde. Nun wollen auch wir noch einmal kurz unsere Meinung zu dem Thema darstellen.</p>
<p>In Zeiten der &#8220;Globalisierung&#8221; wächst auch der Widerstand gegen dieselbe. Große Demonstrationen wie die in Seattle, London, Prag oder Davos, aber auch der Widerstand gegen die EXPO 2000 waren Beispiele für spektakuläre Aktionen, die das Schlagwort der &#8220;GlobalisierungsgegnerInnen&#8221; in die Öffentlichkeit brachten und bringen. Spektakulär waren diese Aktionen insofern, als das sie die Aufmerksamkeit der Medien hervorriefen.</p>
<p>Nicht dass wir falsch verstanden werden: Wir finden diese Aktionen gut, nehmen auch selber an solchen Teil. Als FAU-Ortsgruppe bzw. Bildungssyndikat Münster waren schließlich auch wir z.B. in Köln 1999 dabei oder letztes Jahr am 1. Mai in Paris. Dennoch möchten wir betonen, dass es sich hierbei um Medienaktionen, symbolische Aktionen oder spontane (daher vielleicht die Verwechslung mit dem Wörtchen &#8220;direkt&#8221;?) handelt, und keineswegs um Direkte Aktionen.</p>
<p>Das ist mehr als Wortklauberei, wie mensch annehmen könnte, oder der Wunsch, als AnarchosyndikalistInnen ein Monopol auf die Definition von &#8220;Direkter Aktion&#8221; haben zu wollen, denn dahinter stecken die Ideen, die wir als AnarchistInnen haben und umsetzen wollen. Wie gesagt, das ist nicht allein selig machende Religion, aber &#8211; abgesehen davon, dass riesige Demonstrationen Spaß und Mut machen &#8211; vielleicht erfolgversprechender.</p>
<p>Zu unserer Idee der Direkten Aktion gehört, dass sie vor allem erst Mal direkt an dem Ort stattfinden soll, wo uns etwas betrifft. D.h. zum Beispiel an der Uni, auf lokaler Ebene oder in einem bestimmten Betrieb. Dazu gehört eine regionale Vernetzung. Unseres Erachtens ist es ein Fehler der sogenannten &#8220;GlobalisierunsgegnerInnen&#8221; (ein Konstrukt der Presse, denn oftmals stecken ja höchst unterschiedliche Gründe hinter diesem Widerstand), sich global zu vernetzen, ohne eine regionale Basis zu schaffen. Das führt dann dazu, dass einige wenige im globalen Widerstand informiert und aktiv sind und auf eine schweigende Zustimmung rechnen. Regionale Vernetzung der verschiedensten Gruppen, wie sie z.B. die antirassistischen Treffen in Münster darstellen, und sei es nur für den Informationsaustausch, der unseres Erachtens eine wichtige Voraussetzung darstellt für die Durchführung Direkter Aktionen, halten wir für vorrangig.</p>
<p>Ein Irrtum ist es zu glauben, Direkte Aktionen könnten einfach aus dem Boden gestampft werden und spontan geschehen. Der Autor Beyer-Arnesen betont, dass eine Direkte Aktion immer einen konkreten Wandel in der unmittelbaren Umgebung zur Folge haben. Das setzt Planung und Organisation voraus.</p>
<p>Direkte Aktionen klingen zwar toll, in der Realität sind sie aber oft einfach nicht durchführbar, da die Grundvoraussetzungen nicht gegeben sind. Trotzdem haben wir einige Beispiele in Münster gefunden, die wir für gelungene Direkte Aktionen halten, dabei eben jener oben genannten Definition folgend.</p>
<p>Die Wertgutscheinaktion der GGUA zum Beispiel ist &#8211; mit gewissen Einschränkungen &#8211; eine Direkte Aktion. Die Erfolge, wenn sie auch nicht eigentliches Ziel der Kampagne sind, sind sichtbar: Die AsylbewerberInnen halten schlicht und einfach wieder Bargeld in der Hand. Das eigentliche Ziel, die Abschaffung des Gutscheinsystems, ist so einfach nicht direkt durchführbar. Es sind zwar weitere Aktionen wie Demos oder Flugblattaktionen denkbar, diese verlangen aber von Autoritäten, etwas zu ändern (was die Sache nicht schlechter macht&#8230;).</p>
<p>Eine weitere Direkte Aktion war die Besetzung der Uppenbergschule. Das gewünschte Autonome Zentrum war nach der Besetzung einfach erst mal vorhanden und wurde genutzt. Die Verhandlungen mit der Stadt waren dann natürlich keine Direkte Aktion mehr, aber wohl kaum zu umgehen. Dennoch macht das wohl verständlich, warum viele auf diese Verhandlungen keinen Bock hatten.</p>
<p>Die Renovierung der Baracke war ebenfalls eine Direkte Aktion, die tatsächlich aus dem Verständnis entstanden ist, dass die Autoritäten nicht helfen. Weil die Uni-Verwaltung nicht in die Pötte kam, mussten sich die BarackennutzerInnen selber helfen.</p>
<p>Als langfristige Direkte Aktionen möchten wir zum einen die Konzerte von das Schwarze Gespenst Infotainment als auch die Studiengruppen bezeichnen: Das Schwarze Gespenst Infotainment erklärte mal in einer Selbstdarstellung, sie hätten keinen Bock auf große Konzerte, die auch noch arschteuer sind und wollten außerdem lokale Bands auf die Bühne stellen. Direkt zur Tat geschritten und gelungen. Studiengruppen haben den Anspruch, sich ohne die Uni-Hierarchien selbst etwas beizubringen: Eine vollkommen legale Direkte Aktion&#8230;</p>
<p>Das Bildungssyndikat Münster hat sich nach dem Studistreik 1997 gegründet. Dieser war alles andere als eine Direkte Aktion, denn er beschränkte sich großteils darauf, von den PolitikerInnen irgendwelche Verbesserungen zu fordern. Einzelne Aktionen innerhalb des Streiks jedoch könnten als Direkte Aktionen durchgehen: Die Besetzung des Soziologie-Instituts etwa, wenn es denn tatsächlich darum gehen sollte, sich dort einen Freiraum zu erobern. Und natürlich die sogenannten Alternativseminare, solange sie selbst durchgeführt wurden und nicht irgendein Prof. darum gebeten wurde, eines zu halten. Es ließen sich sicherlich noch viel mehr Beispiele finden, aber wir wollen dabei bleiben und betonen, dass dies die Art von &#8220;Politik&#8221; ist, die wir uns wünschen. Dabei wollen wir jedoch Probleme nicht verhehlen: Wie oben schon gesagt, oft ist es heutzutage und hierzulande unmöglich, Ziele mit einer Direkten Aktion zu erreichen. Wie z.B. geht mensch direkt aktionistisch gegen globale Institutionen wie Weltbank, WTO und IWF vor? Allenfalls wäre es (theoretisch) möglich, regionale Auswirkungen der Politik dieser Institutionen zu verhindern. Aber wird dann der Zusammenhang noch deutlich?</p>
<p>Selbst hier gibt es jedoch Beispiele für gelungene Direkte Aktionen: Die &#8220;Hacker&#8221;, die die Daten des WEF (World Economic Forum) knackten, um gegen das Konstrukt des marktwirtschaftlich verwertbaren &#8220;geistigen Eigentums&#8221; zu protestieren und die Infos des WEF einer Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, betonten in einem anonym gegebenen Interview: &#8220;Die Veröffentlichung der Daten erfüllt alle Kriterien guter Sabotage: Das gut geölte Laufen der Maschine wird gestört, Autoritäten verlieren Einfluss und werden unterminiert.&#8221; (Nebenbei müssen wir leider bemerken, dass ein Schweizer Genosse als angeblicher Hacker mittlerweile in Genf im Knast sitzt. Die Beschuldigung lautet auf &#8220;Datendiebstahl mit Bereicherungsabsicht&#8221;.)</p>
<p>Desweiteren wollen wir natürlich auch nicht verschweigen, dass das Bildungssyndikat Münster, solange es existiert, noch keine einzige Direkte Aktion hinbekommen hat, mal abgesehen von Selbstbildung, wie z.B. durch die Esperanto-Studiengruppe. Das mag einmal daran liegen, dass erst einmal entsprechende Aktionsfelder gefunden werden müssten (Ich hab z.B. keine Ahnung, wie ich direkt aktionistisch den Semesterbeitrag verringern sollte, außer ich würde ihn nicht bezahlen. Aber eine Zwangsexmatrikulation wär&#8217;s mir natürlich nicht wert.), zum anderen gilt auch, je kleiner die Gruppe, desto schwieriger eine Direkte Aktion. Das ändert aber nichts daran, dass wir diese Idee vertreten. Und wir arbeiten dran&#8230;</p>
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		<title>Anarchie</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 13:50:09 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-33"></span><em>Anarchistische Föderation Französischer Sprache (FAF). Herausgegeben von der I-AFD – IFA (Initiative für eine anarchistische Föderation in Deutschland &#8211; Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen)</em></p>
<p><strong>Vorwort der HerausgeberInnen</strong></p>
<p><em>Liebe Leserinnen und Leser,</em></p>
<p>Mit der Broschürenreihe Libertäre Texte, in der wir Materialien zu Theorie(n) und Praxis, Entwicklung und gegenwärtigen Formen anarchistischer Bewegungen in aller Welt veröffentlichen wollen, möchten wir nicht nur Szene-InsiderInnen und aktive Libertäre ansprechen.</p>
<p>Sie richtet sich vor allem an die wachsende Zahl staatsverdrossener und parteimüder Mitmenschen, die sich auf der Suche nach gangbaren, gesellschaftlichen Alternativen auch einmal vorurteilsfrei über den Anarchismus, seine Vorstellungen, Ziele und Ausdrucksformen informieren wollen.</p>
<p>Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich das erste Bändchen dieser Reihe der grundsätzlichen Frage widmet, was Anarchismus denn nun eigentlich ist. Der vorliegende Text, der im letzten Jahr von der Commission Propagande der Anarchistischen Föderation Frankreichs (FAF/IFA) unter dem Titel Qu est-ce que l´anarchisme? publiziert wurde, hat nicht den Anspruch, darauf eine allumfassende, quasi akademische Antwort zu geben, aber er vermittelt, leicht verständlich geschrieben, einen guten Zugang zur anarchistischen Ideenwelt und den Versuchen, sie zur Realität werden zu lassen. Er räumt auf mit dem Mythos von den gewalttätigen, bombenwerfenden AnarchistInnen, die nichts anderes im Sinn haben, als durch blindwütigen Terror ein Höchstmaß an Chaos in der Gesellschaft zu erzeugen.</p>
<p>Wir bedanken uns herzlich bei den GenossInnen der Bielefelder Ortsgruppe der Freien ArbeiterInnen Union (FAU/IAA), die uns die deutsche Übersetzung des Originaltextes der FAF zur Verfügung gestellt haben und damit das Erscheinen dieses Bandes ermöglichten.</p>
<p>Im Mai 1993 Gruppe Krefeld/Moers der Initiative für eine Anarchistische Föderation in Deutschland (I-AFD) / Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen (IFA)</p>
<p><strong>Anarchismus</strong></p>
<p>Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.</p>
<p>Gewöhnlich bezieht man sich auf Stirner, Proudhon und Bakunin, als die drei Haupttheoretiker dieser Denkströmung. Das ist aber nur zum Teil richtig, denn was Stirner betrifft, so blieb sein Denken bis zum Ende des 19. Jahrhunderts außerhalb Deutschlands praktisch unbekannt und hatte mit dem Entstehen der libertären Bewegung im eigentlichen Sinne überhaupt nichts zu tun. Was Proudhon angeht, der zu Recht als Vater des Anarchismus betrachtet werden kann, so hat sein Denken lange Zeiten des Vergessens durchgemacht und ist gelegentlich grob entstellt worden. Und wenn der Einfluss von Bakunin auf die libertäre Bewegung auch direkt und entscheidend gewesen ist, so hat diese doch erst nach seinem Tod ihren eigentlichen Aufschwung genommen und ihre charakteristischen Merkmale entwickelt. Überdies sind die anarchistischen Ideen im wesentlichen durch das Werk seiner Schüler, wie Kropotkin und Malatesta, bekannt geworden, die nicht davor zurückgeschreckt sind, das Erbe Bakunins in wichtigen Punkten zu verändern, zu präzisieren und zu erweitern, wobei sie sich ausdrücklich auf den libertären Kommunismus beriefen.</p>
<p>Dennoch hat das anarchistische Denken ein einheitliches Gepräge mit festen Grundzügen, und es wäre ein schwerer Irrtum, in ihm nur einfach einen individuellen Protest zu sehen &#8211; wie es seine Gegner oft getan haben &#8211; oder den Ausdruck eines folgenlosen Geistes der Revolte.</p>
<p>Auf philosophischer und geistiger Ebene kann der Anarchismus als die extremste Äußerung der Verweltlichung des abendländischen Denkens betrachtet werden, indem er bis zur Ablehnung jeglicher Form einer dem Menschen äußerlichen oder höheren Autorität fortschreitet, egal ob sie vorgibt, göttlichen oder menschlichen Ursprungs zu sein; sowie zur Ablehnung aller Prinzipien, die zu allen Zeiten unter verschiedenen Formen und Gestalten von den jeweils Mächtigen benutzt wurden, um ihre Ausbeutung und ihre Herrschaft über den Rest der Bevölkerung zu rechtfertigen.</p>
<p>Auf politischer und sozialer Ebene stellt sich der Anarchismus als Fortsetzung des Werkes der französischen Revolution dar, insofern er neben der politischen Gleichheit die Verwirklichung einer tatsächlichen ökonomischen und sozialen Gleichheit einfordert; eine faktische Gleichheit, die erst aus dem Kampf gegen den Kapitalismus und für die Abschaffung des Lohnsystems entstehen kann.</p>
<p>Historisch ist die anarchistische Bewegung &#8211; ebenso wie andere sozialistische Strömungen auch &#8211; aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, als Ausdruck des Protestes der Arbeiter gegen die moderne Ausbeutung. In dieser Hinsicht kann er als radikale Reaktion auf die Lage der Arbeiter im 19. Jahrhundert begriffen werden, die gekennzeichnet war durch die Verallgemeinerung der Lohnarbeit und die Teilung der Gesellschaft in Klassen.</p>
<p>Vom Moment ihrer Entstehung an traten die anarchistischen Ideen in Widerspruch sowohl zu den reformistischen Auffassungen des Sozialismus (die es für möglich hielten, die Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaft nach und nach zu verändern), als auch zu den marxistischen Auffassungen, insbesondere was den Einsatz der Diktatur als revolutionäres Mittel betrifft.</p>
<p><strong>Die Besonderheit der anarchistischen Lehre</strong></p>
<p>Die Anarchisten streben eine Gesellschaft freier und gleicher Menschen an. Die Freiheit und die Gleichheit sind die beiden Schlüsselbegriffe, um die sich alle libertären Entwürfe drehen.</p>
<ul>
<li> Als Sozialisten sind sie für den Gemeinbesitz an Produktions- und Distributionsmitteln.</li>
<li>Als Libertäre glauben sie, dass der Einzelne nur frei sein kann in einer Gesellschaft wirklich freier Menschen, und dass die Freiheit eines jeden von der Freiheit der anderen nicht eingeschränkt, sondern bestätigt wird. Die Freiheit, wie auch die Gleichheit, so wie die Libertären sie begreifen, hat indes nichts Abstraktes, sondern zielt ab auf eine konkrete, d.h. soziale Freiheit und Gleichheit, die sich auf die gleiche und wechselseitige Anerkennung der Freiheit aller gründet.</li>
</ul>
<p>„Ich bin überzeugter Anhänger der ökonomischen und sozialen Gleichheit“, konnte Bakunin schreiben, „weil ich weiß, dass außerhalb dieser Gleichheit Freiheit, Gerechtigkeit, menschliche Würde, Moral und Wohlergehen des Einzelnen ebenso wie der Wohlstand der Nationen nichts als Lügen sein werden; doch als Anhänger auch der Freiheit, dieser Grundvoraussetzung der Menschlichkeit, glaube ich, dass die Gleichheit sich durch die freiwillige Organisation der Arbeit und des Kollektiveigentums der frei zusammengeschlossenen und föderierten Produzentenassoziationen in den Kommunen herstellen muss, nicht unter der Oberhoheit und Vormundschaft des Staates.“ Um einen solchen gesellschaftlichen Zustand zu verwirklichen, der einzige, der tatsächlich jede Form der Ausbeutung und des Privilegs abschaffen kann, meinen die Anarchisten, dass es unvermeidlich ist, nicht nur jede Form ökonomischer Ausbeutung zu bekämpfen, sondern auch jede Form politischer Herrschaft staatlicher oder regierungsförmiger Art. Für die Anarchisten schafft jede Regierung, jede Staatsmacht, ungeachtet ihrer Zusammensetzung, ihres Ursprungs und ihrer Legitimität die materielle Voraussetzung für die Herrschaft und die Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch den anderen. Wie Proudhon gezeigt hat, ist der Staat nur ein Parasit der Gesellschaft, den die freie Organisation der Produzenten und Konsumenten überflüssig machen muss und kann. In diesem bestimmten Punkt sind die anarchistischen Auffassungen ebenso weit von den liberalen Auffassungen entfernt &#8211; die aus dem Staat einen notwendigen Schiedsrichter zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Friedens machen &#8211; wie von den marxistisch-leninistischen Auffassungen &#8211; die glauben, die politische und diktatorische Macht eines Arbeiterstaates einsetzen zu können, um die Klassenantagonismen abzuschaffen. Seit 1917 ist, zunächst in Russland, dann auch in anderen Ländern besonders des Ostens das Scheitern der Versuche, den Sozialismus durch den Einsatz der Diktatur zu verwirklichen, offensichtlich und beweist zur Genüge die Richtigkeit der libertären Kritiken in dieser Sache.</p>
<p>Der Einsatz der Diktatur, und sei es im Namen des Proletariats, hat nicht etwa zum Absterben des Staates geführt, sondern überall eine riesige Bürokratie geschaffen, die das soziale Leben und die freie Initiative des Einzelnen erstickt. Und doch war es eben diese Bürokratie, bis heute die Hauptquelle der Ungleichheiten und Privilegien in diesen Ländern, die das kapitalistische Privateigentum hat abschaffen wollen. Wie schon Bakunin in seiner Polemik mit Marx unterstrichen hatte: Freiheit ohne Gleichheit ist eine krankhafte Fiktion (&#8230;). Gleichheit ohne Freiheit; das ist Staatsdespotismus. Und der despotische Staat könnte keinen einzigen Tag lang bestehen, ohne wenigstens eine ausbeuterische und privilegierte Klasse zu haben: die Bürokratie. Der regierungsförmigen, zentralisierenden Organisationsweise des gesellschaftlichen Lebens stellen die Libertären eine föderalistische Organisationsweise gegenüber, die es ermöglicht, den Staat und seinen Verwaltungsapparat zu ersetzen durch die kollektive Übernahme aller Funktionen des sozialen Lebens, die jetzt noch durch über der Gesellschaft thronende staatliche Körperschaften monopolisiert und verwaltet werden, durch die Betroffenen selbst.</p>
<p>Der Föderalismus als Organisationsweise bildet den zentralen Bezugspunkt des Anarchismus, die Grundlage und die Methode, auf welche der libertäre Sozialismus aufbaut. Stellen wir indes klar, dass der so verstandene Föderalismus nur sehr wenig gemein hat mit den bekannten Formen des politischen Föderalismus, wie er derzeit von einer Reihe von Staaten praktiziert wird. Es handelt sich nämlich im Sinne der Libertären nicht bloß um eine Regierungstechnik, sondern um ein eigenständiges gesellschaftliches Organisationsprinzip, das alle Lebensaspekte einer menschlichen Gemeinschaft umfasst. Entweder der Föderalismus ist vollständig, oder er ist überhaupt nicht.</p>
<p>Das anarchistische Denken ist also recht weit davon entfernt, Notwendigkeit und Bedeutung der Organisation abzustreiten, es setzt sich vielmehr eine andere Art sich zu organisieren zum Ziel, die sowohl die Autonomie seiner Bestandteile sicherstellt, als auch kollektiven Erfordernissen Rechnung trägt. An der Basis beruht der Föderalismus auf der Autonomie der Betriebe und der Industrien wie auch der Kommunen. Die einen wie die anderen schließen sich zusammen, um sich gegenseitig zu schützen und um die individuellen und kollektiven Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenso wie die Selbstverwaltung im Unternehmen die Ersetzung des Lohnsystems durch die Verwirklichung der assoziierten Arbeit ermöglicht, so gestattet die föderative Organisation der Produzenten, der Kommunen, der Regionen die Abschaffung des Staates. Sie stellt sich dar als unerlässlicher Beitrag zur Durchführung des Sozialismus und als beste Garantie für die individuelle Freiheit.</p>
<p>Die Grundlage einer solchen Organisation ist der gleiche und wechselseitige, freiwillige, nicht theoretische, sondern faktische Vertrag, der je nach dem Willen der Vertragspartner (Assoziationen von Produzenten und Konsumenten usw.) abgeändert werden kann und allen Bestandteilen der Gesellschaft das Recht auf Initiative zuerkennt.</p>
<p>So definiert, ermöglicht der föderative Vertrag sowohl, die Rechte und Pflichten des Einzelnen zu bestimmen, als auch die Prinzipien eines wirklichen sozialen Rechts anzugeben, das imstande ist, die möglichen Konflikte zu regeln, die zwischen Individuen, Gruppen oder Gemeinschaften, ja sogar zwischen Regionen auftauchen können, ohne indes die Autonomie seiner Bestandteile in Frage zu stellen, was der föderalistischen Organisation ermöglicht, sowohl dem demokratischen Zentralismus entgegenzutreten als auch dem Laisser-faire (Geschehenlassen) des liberalen Individualismus.</p>
<p>Gewiss, eine solche Organisation kann nicht für sich in Anspruch nehmen, alle Konflikte zu beseitigen, und wir denken, dass es wichtig ist zu unterstreichen, dass Konflikte sich auf jeder Ebene der föderalistischen Gesellschaft einstellen können. Der Föderalismus darf nicht als ein religiöser Glaube mehr angesehen werden oder als Versprechen auf eine vollkommene Gesellschaft, sondern als eine offene, dynamische Auffassung von der Gesellschaft, die einen Rahmen bietet, der sich mit der Zeit verändern kann. Es ist nicht ein Traum mehr, sondern eine Weise, die gesellschaftlichen Fragen so gut wie möglich zu lösen, d.h. unter Beachtung der größten Freiheit eines jeden, ohne auf Instanzen eines regierungsförmigen Interessenausgleichs zurückzugreifen, die sichere Quellen neuer Privilegien wären.</p>
<p><strong>Die anarchistische Aktion</strong></p>
<p>Die Modalitäten der anarchistischen Aktion sind &#8211; wie könnte es anders sein &#8211; ein Spiegelbild der Leitgedanken, die wir gerade skizziert haben. Mehr noch, für die Anarchisten besteht eine untrennbare Verbindung zwischen dem angestrebten Ziel und den Mitteln, die eingesetzt werden, um es zu erreichen. Im Gegensatz zu den mehr oder weniger jesuitischen Rechtfertigungen jeder politischen Partei, meinen wir, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt, und dass jene immer, sofern das irgend möglich ist, im Einklang mit dem angestrebten Endziel stehen müssen.</p>
<p>Es kann also auf keinen Fall der Zweck der anarchistischen Aktion sein, auf die Eroberung der Macht oder die Verwaltung des Bestehenden auszugehen. Im Jahr 1872 wurde auf dem Kongress von Saint-Imier in der Schweiz offiziell der antiautoritäre Flügel der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) ins Leben gerufen, in Opposition zu den marxistischen Thesen. Man bekräftigte dort, dass die erste der Pflichten des Proletariats nicht in der Eroberung der politischen Macht bestünde, sondern in ihrer Zerstörung. Allgemeiner gesprochen, können wir sagen, dass die Libertären soziale Lösungen den politischen Lösungen entgegenstellen. Sie sind deswegen nicht unpolitisch, sondern antipolitisch. Im übrigen haben die Libertären, historisch gesehen, die Arbeiter immer vor der Illusion gewarnt, das Wahlrecht oder den Parlamentarismus als Waffe benutzen zu können, um ihre Lebensbedingungen innerhalb der bürgerlichen Demokratien grundlegend zu verändern. Der politisch-parlamentarischen Aktion, die auf die Eroberung der Machtausübung abzielt, ziehen sie die direkte Aktion der Massen vor, d.h. die Übernahme ihrer Angelegenheiten durch die Betroffenen selbst, ohne Delegation der Macht an irgendjemanden.</p>
<p>Die Arbeiter brauchen keine Vermittler, um an ihrer Stelle ihre Forderungen auszudrücken oder einen Kampf zu führen, sondern sie können und müssen es direkt selbst machen. Die Libertären denken, dass die Praxis der direkten Aktion, und des Streiks im besonderen, auch das bestmögliche und das wirksamste Kampfmittel in den Händen der Arbeiter ist, um ihre Interessen, einschließlich der unmittelbaren, zu verteidigen. Die Libertären haben sich immer jedem Versuch der Unterwerfung der revolutionären Bewegung oder der Arbeiterbewegung entgegengesetzt, und sie befürworten die Selbstorganisation, die kollektive und autonome Aktion der Arbeiter.</p>
<p>Die Anarchisten trachten nun nicht ihrerseits danach, eine Avantgarde- oder Führungsrolle zu spielen, denn sie gehen davon aus, dass es niemanden gibt, der sich besser um seine Angelegenheiten kümmern kann, als man selbst. Aber damit es dahin kommt, müssen sich die Arbeiter dessen bewusst werden, was Proudhon ihre politische Fähigkeit genannt hat. Die Arbeiter stellen die wesentliche Kraft einer Gesellschaft dar, nur von ihnen kann eine grundlegende Veränderung letzterer ausgehen. Die anarchistische Aktion hat immer in erster Linie die Verteidigung der Ausgebeuteten angestrebt, und sie unterstützt jede Forderung, die auf größeren Wohlstand und sozialen Fortschritt abzielt.</p>
<p>Zahlreiche Libertäre haben in den Gewerkschaften nicht nur Organisationen zur Verteidigung der Interessen der Lohnabhängigen gesehen, sondern auch eine Kraft der sozialen Veränderung, unter der Voraussetzung, dass sie es verstanden, von ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen. In dieser Hinsicht kann der libertäre Föderalismus, dessen Prinzipien wir vorhin umrissen haben, nicht realisiert werden ohne die aktive Mitwirkung der Arbeitergewerkschaften, denn einerseits sind diese geeignet, die Produktion zu organisieren und andererseits haben sie den Vorteil, die Arbeiter in ihrer Eigenschaft als Produzenten zu vereinigen.</p>
<p>Aus libertärer Sicht muss eine Gewerkschaftsorganisation in ihrer Tätigkeit wie in ihren Prinzipien:</p>
<ul>
<li> versuchen, ihre Autonomie gegenüber jeder politischen Organisation, die sie kontrollieren möchte, wie auch gegenüber dem Staat zu bewahren;</li>
<li>den Föderalismus und eine wirkliche direkte Demokratie zu praktizieren, die einzigen sicheren Garantien gegen jede Form der Bürokratisierung;</li>
<li>sich zum Ziel setzen, sowohl die Befriedigung unmittelbarer, materieller Forderungen zu erreichen, als auch die Arbeiter darauf vorzubereiten, in der Zukunft die</li>
<li>Verwaltung der Produktion zu übernehmen.</li>
</ul>
<p>Dieser letzte Punkt ist sehr wichtig, denn die Gewerkschaft und die gewerkschaftliche Aktion sind kein Selbstzweck und können nicht als solcher angesehen werden. Ihre Autonomie darf nicht Neutralität in bezug auf die Macht oder die Parteien bedeuten, wodurch sie einen Großteil ihrer Möglichkeiten zur Veränderung und zum Bruch mit dem Bestehenden einbüßen würde. Die Gewerkschaft muss sich deshalb, will sie nicht in Trade-Unionismus verfallen, ein soziales Umgestaltungsprogramm und eine entsprechende Praxis zu eigen machen.</p>
<p>Die gewerkschaftliche Aktion ist jedoch nicht das einzige Kampfmittel, über das die Arbeiter verfügen, die sich je nach den Umständen die Organisations- und Widerstandsformen schaffen können und müssen, die ihnen am angemessensten erscheinen.</p>
<p><strong>Der Anarchismus gestern und heute</strong></p>
<p>Der Einfluss, den die libertäre Bewegung auf die Arbeiterbewegung ausgeübt hat, ist beträchtlich gewesen, auch wenn er selten als solcher anerkannt wird. Ob einem das gefällt oder nicht, die Anarchisten repräsentieren sehr wohl eine authentische Strömung der internationalen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, und ihre Äußerungen finden sich in allen revolutionären Bewegungen wieder, im 19. wie auch im 20. Jahrhundert, angefangen bei der Pariser Kommune von 1871 oder in den Revolutionen von Russland und Spanien in den Jahren 1917 und 1936.</p>
<p>Der Einfluss der anarchistischen Ideen hat sich vor allem innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen deutlich bemerkbar gemacht, wie in der CGT in Frankreich, der USI in Italien, der CNT in Spanien, aber auch der FORA in Argentinien, der IWW in den Vereinigten Staaten, der FAUD in Deutschland oder der SAC in Schweden. Wie man sieht, die Liste ist lang. Jede dieser Organisationen vorzustellen, würde darauf hinauslaufen, für jedes dieser Länder einen Abriss der Geschichte ihrer Arbeiterbewegung an sich zu geben. Beschränken wir uns auf den Hinweis, dass 1922 der Gründungskongress einer (zweiten) Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), auf dem die anarcho-syndikalistischen Organisationen vertreten waren, die sich geweigert hatten, sich der bolschewistischen Internationale anzuschließen, mehrere Millionen Mitglieder zählte.</p>
<p>Gleichwohl hat der Anarchismus im Verlauf der 20er und 30er Jahre eine Krisenzeit durchlaufen. Wenn auch die russische Revolution in Europa und in der Welt eine neue revolutionäre Phase eröffnete, so wurde sie doch vielerorts begleitet von der Entfesselung der bürgerlich-kapitalistischen Reaktion in ihrer faschistischen Form. Insbesondere die libertäre Bewegung sah sich einem doppelten Angriff ausgesetzt. In Russland zunächst durch die bolschewistische, dann stalinistische Repression ausgeschaltet, musste sie in anderen Ländern mit den Methoden der Stalinisten fertig werden, die innerhalb der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung nicht vor der physischen Beseitigung ihrer Gegner zurückschreckten. Der Mythos der bolschewistischen Revolution und die Haltung der verschiedenen kommunistischen Parteien des Westens haben zu einer wachsenden Verdrängung des anarchistischen Einflusses in der Arbeiterklasse geführt. Und dort, wo die libertären Organisationen stark geblieben waren, wurden sie von der faschistischen Reaktion zerstört. In Italien, in Deutschland, in Argentinien, in Bulgarien, dort, wo der Faschismus siegte, wurde die anarchistische Bewegung zerschlagen und ihre aktivsten Kämpfer getötet oder gezwungen, ins Exil zu gehen.</p>
<p>Allgemein gesprochen, wurden die Anarchisten in dieser Zeit, zusammen mit einigen unabhängigen Sozialisten und Kommunisten, auch auf internationaler Ebene immer mehr isoliert, angesichts jenes Kampfes um die Weltherrschaft, den sich Stalin auf der einen Seite und die faschistischen Staaten sowie die bürgerlichen Demokratien auf der anderen Seite lieferten. Die Alternative Faschismus oder Demokratie zurückweisend, vor die man das Handeln des Weltproletariats zu stellen versuchte, schlugen sich die Libertären so gut es ging, um einen neuen Krieg zu verhindern.</p>
<p>Die spanische Revolution vom Juli 1936 stellte die letzte Gelegenheit dar, die sich den Arbeitern bot, um auf Faschismus und Krieg durch die Revolution zu antworten. Die Ereignisse von Spanien sind durch die bestimmende Rolle, die die anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Organisationen spielten, der historisch bedeutsamste Ausdruck der libertären Ideen und verdienen es, näher betrachtet zu werden. Am 18. Juli 1936 wurde ein Staatsstreich der spanischen Armee, unterstützt von der Rechten, den Faschisten der Falange und der Kirche, in mehr als der Hälfte des Landes durch einen Aufstand der Arbeiterbevölkerung niedergeschlagen. Die entscheidenden Kräfte im antifaschistischen Lager waren die anarchosyndikalistische Dachorganisation, die Nationale Konföderation der Arbeit (CNT), die im Mai 1936, auf ihrem Kongress in Saragossa, in ihren Reihen 982 Syndikate und 550.595 Mitglieder zählte, die Iberische Anarchistische Föderation (FAI.) und die Iberische Föderation der Libertären Jugend (FIJL.).</p>
<p>Der Kampf gegen das putschende Militär verwandelte sich schon in den ersten Stunden des Sieges in eine soziale Revolution; von Mitte Juli bis Ende August wurden das städtische Verkehrswesen und die Eisenbahnen, die Stahlwerke und Textilfabriken, die Wasser-, Gas- und Stromversorgung sowie Teile des Groß- und Kleinhandels kollektiviert. Ungefähr zwanzigtausend Industrie- und Handelsunternehmen wurden auf diese Weise enteignet und von den Arbeitern und ihren Gewerkschaften direkt verwaltet. Ein Wirtschaftsrat wurde gebildet, um die Aktivitäten der verschiedenen Produktionszweige zu koordinieren. In der Landwirtschaft wurde die Kollektivierung am vollständigsten durchgeführt: Abschaffung des Geldes, Änderung der Gemeindegrenzen, Organisation der gegenseitigem Hilfe zwischen reichen und armen Gemeinschaften, Auszahlung gleicher Löhne, Einrichtung von Familienlöhnen, Vergemeinschaftung der Arbeitswerkzeuge und der Ernteerträge. Es handelt sich um die weitreichendste soziale Revolution in der Geschichte, schrieb Gaston Leval.</p>
<p>Vom 3. bis 8. Mai 1937 begann ein zweiter unversöhnlicher Kampf, diesmal innerhalb des republikanischen Lagers, als die stalinistischen Kommunisten versuchten, die Kontrolle über die öffentlichen Gebäude von Barcelona zu übernehmen. Man weiß heute aus sicherer Quelle, nämlich aus den späteren Zeugenaussagen politischer und militärischer Führer der Kommunistischen Partei Spaniens (J. Hernandez, El Campesino), dass Stalin den Sieg des Faschismus einer wirklichen sozialen Revolution unter führender Beteiligung der Anarchisten vorzog. Von den westlichen Demokratien unter dem verlogenen Vorwand der Nicht-Einmischung im Stich gelassen, während Nazi-Deutschland und das Italien Mussolinis die Nationalisten massiv aufrüsteten, von den Stalinisten verraten, gelang es dem spanischen Volk und seinen Klassenorganisationen bis zum März 1939 der Koalition von europäischer Reaktion und Faschismus mit der Waffe in der Hand standzuhalten. Durch die Gewalt besiegt, bleibt die spanische Revolution ein Vorbild durch den außerordentlichen Erfolg ihrer sozialen und ökonomischen Hervorbringungen.</p>
<p>Seit 1945 haben die Aufteilung der Welt in zwei unterschiedliche imperialistische Blöcke, der kalte Krieg und die atomare Bedrohung den Handlungsspielraum für die Libertären und alle jene, die sich weigern, sich mit diesen Zustand abzufinden, kleiner gemacht. Darüber hinaus hat die Vereinnahmung des Arbeiterkampfes entweder durch die Gewerkschaftsbürokratien oder die politischen Führer der Linken einen Großteil der Aussichten auf soziale Veränderung in den kapitalistischen Industrieländern blockiert.</p>
<p>Seit 1968 haben jedoch infolge des Ausbruchs der Studenten- und Jugendrevolte die libertären Ideen wieder an Stärke zurückgewonnen, wie auch in den sozialen Bewegungen, mit der allgemeinen Verbreitung von Konzepten wie dem der Selbstverwaltung. Dem ist noch die immer heftigere Reaktion von weiten Teilen der Bevölkerung auf die zunehmende Bürokratisierung und Verstaatlichung der Gesellschaften des Ostblocks, aber auch der kapitalistischen Länder hinzuzufügen.</p>
<p>Vor allem aber scheinen nach dem Scheitern der diversen Reform- und Revolutionsprojekte, die nacheinander von den sozialdemokratischen Parteien wie auch von den verschiedenen, sich auf den Marxismus, den Leninismus, Trotzkismus, Maoismus usw. berufenden Tendenzen, angezettelt wurden, die anarchistischen Ideen diejenigen zu sein, die der Abnutzung durch die Zeit am besten widerstehen. Halten wir fest, dass zahlreiche von den Anarchisten begonnene Kämpfe, sei es gegen den Militarismus, den Sexismus, den Fremdenhass oder die Religionen, der Reihe nach zum Gegenstand breiter Mobilisierungen geworden sind, die manchmal zum Erfolg geführt haben. Der freie Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung sind gute Beispiele dafür, aber auch die Anerkennung der Rechte von Kindern und das relative Bemühen um persönliche Entfaltung, das sowohl die Eltern als auch die Schule als Institution hinsichtlich der Kinder an den Tag legen. Erwähnen wir allgemeiner die größere Friedfertigkeit im sozialen Umgang wie im individuellen Verhalten, der noch das hinzuzufügen ist, was man gemeinhin die sozialen Errungenschaften nennt, diese kleinen Stückchen Freiheit, für die Generationen von Menschen gekämpft haben.</p>
<p>Diese wenigen, kleinen Siege über die säkulare Apartheid (die der Wohlgeborenen über die Armen, der Männer über die Frauen, der prügelnden Väter über die Kinder, der Chefs aller Arten über die Untergebenen, der Doktrinen und Religionen jeglicher Herkunft über das freie Denken) erinnern jeden Tag an den umfassenden Kampf der Menschheit gegen die Ungleichheit und für die Überwindung der Autorität. Der unerbittliche Konflikt zwischen den Menschen, den zu viele Professoren als das menschliche Wesen ausgeben wollen, findet seinen Ursprung im Autoritätsprinzip, und der Anarchismus bleibt in diesem Punkt die einzig tragfähige Idee, um dessen Mechanismus entgegenzuwirken. Die positiven Entwicklungen und die relativen Fortschritte, die wir oben erwähnt haben, sind nicht endgültig, und sie betreffen vor allem nur sehr wenige Leute, verglichen mit den fünf Milliarden Menschen, die auf diesem Planeten leben.</p>
<p><strong>Die Welt von heute – Qual und Bilanz</strong></p>
<p>Natürlich kann die heutige Welt nicht vollständig und ernsthaft im Rahmen dieser Broschüre beschrieben werden, und gewiss haben die Anarchisten in dieser Hinsicht noch ein großes Maß an Analyse und Konfrontation der Ideen zu leisten, um einerseits ihre Thesen zu popularisieren und vor allem, um mit einem ausreichenden Verständnis für die vorhandenen Erscheinungen auf die Realität einzuwirken und sie zu verändern. Jedoch können wir nicht völlig darauf verzichten, wenigstens kurz auf die sich abzeichnenden Bruchlinien hinzuweisen und auf die Probleme, die sich heute dem Anarchismus und der gesamten Menschheit stellte.</p>
<p><strong>Beschleunigung und Einheit der Welt</strong></p>
<p>Die Welt der 80er Jahre ist schnelllebig, die Analysen müssen häufig im Laufe weniger Jahre korrigiert oder gänzlich neu geschrieben werden. So verhält es sich mit den sozialen Errungenschaften der Arbeiter in allen Ländern, wie auch mit ihrer ökonomischen und politischen Lage, dem Stand der Energiequellen, der Technologie, des Wissens auf allen Gebieten; aber ebenso verhält es sich auch mit den internationalen Fragen, wo man gerade eine völlige Neuordnung der großen strategischen, militärischen und ökonomischen Konstellationen beobachten kann. Vermerken wir außerdem die wachsende gegenseitige Abhängigkeit aller Länder, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht, wie auch in puncto Energieversorgung und Ökologie, so dass kein einziges Land, einschließlich der Großmächte, behaupten kann, autark zu sein.</p>
<p><strong>Einheit der Welt mit dem Geschmack nach Elend und in den Farben eines Supermarkts</strong></p>
<p>Diese leicht feststellbare Tendenz in Richtung Einheit der Welt lässt sich durch einige mehr oder weniger neue Phänomene illustrieren. Ein besonders verheerendes und konfliktträchtiges ist der westliche Kulturimperialismus, der dort zur Anpassung, hier zu Verarmung und Gleichförmigkeit führt. Was gestern der befreiende Hauch der Entkolonialisierung gewesen ist, hat unglücklicherweise nur einem neuen Typ von Abhängigkeit den Weg bereitet. Die dritte Welt entstand und stürzte sich kopfüber in das Wettrennen um eine Entwicklung nach westlichem Vorbild, dessen alleinige Nutznießer die lokalen Führungsschichten und ihre Verbündeten in den großen Industriemetropolen und den multinationalen Konzernen sind. Das könnte man die erste Phase der Standardisierung und Gleichschaltung der modernen Welt nennen. Diese Bewegung wird begleitet und ist Ergebnis von jener Anschauung, die die Welt einem riesigen Supermarkt gleichsetzt: das kulturelle Erkennungszeichen des Westens, sein bewährtester Botschafter ist der Marktwert, mehr noch, die Ware. Die Welt wird nach und nach zu einem endlosen Markt, auf dem eine unerbittliche Konkurrenz tobt, unter der Aufsicht der Großen dieser Welt, die auf die Einhaltung bestimmter Regeln achten, um den Fortbestand des Systems zu garantieren. Die jüngsten Umwälzungen im Osten werden diesen Prozess der weltweiten Durchsetzung der Marktökonomie vollenden. Was von Beginn an die liberale mit der marxistischen Ideologie verband, ist auch das, was sie heute in einer Orgie entfesselter Marktwirtschaft zusammenführt: Ihr gemeinsamer Glaube an einen historischen und ökonomischen Determinismus wird letztendlich diesen Vereinheitlichungsprozess zum Abschluss bringen.</p>
<p><strong>Eine zerstörte Welt. Das Scheitern des Kapitalismus</strong></p>
<p>Der moralische und gesundheitliche Zustand der Weltbevölkerung grenzt schon an ein Wunder in dieser Welt des Fortschritts. Jahr für Jahr sterben Millionen Menschen an Hunger und Epidemien, während auf der südlichen Erdhalbkugel mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in absoluter Armut leben. Selbst die reichen Nationen sind überfüllt von Armen und Arbeitslosen &#8211; eine wahre Glanzleistung nach jahrhundertelanger Ausplünderung ganzer Kontinente und Völkerschaften. In der kapitalistischen Akkumulation war Teilen nie vorgesehen, ihr einziges Ziel bestand im individuellen Profit auf Kosten des kollektiven Wohlstands. Das wird glänzend veranschaulicht durch die jährliche Vernichtung von Millionen Tonnen Nahrungsmittel und Fertigwaren, während gleichzeitig Not und Elend die Welt verwesten. Die kapitalistische Welt zwingt ihr Verbrechen dem ganzen Planeten auf, wo man zusehen kann, wie die Grenzen des Gebrauchswertes immer mehr durch den Tauschwert verdrängt und ersetzt werden, die Bedürfnisse im gleichen Maße der Lächerlichkeit preisgegeben werden wie das Beutemachen vonstatten geht, und sich phantastische Reichtümer bei einigen wenigen Privilegierten anhäufen.</p>
<p><strong>Planet in Gefahr</strong></p>
<p>Der verschwenderische, produktivistische Irrsinn des Kapitalismus ist nicht nur moralisch verwerflich, er hat auch der ganzen Welt enthüllt, dass er in höchstem Maße schädlich ist, schon aufgrund seiner Eskapaden, die zu Lasten der Erde als Ökosystem gehen, in dem die Lebewesen mit ihrer Umwelt durch ein zerbrechliches und labiles Gleichgewicht verbunden sind. Der Planet ist geplündert, klimatische und ökologische Katastrophen stehen uns bevor; Landschaften, Flüsse, das Erdreich sind stellenweise schon ruiniert. Die Verschmutzungen, die es natürlich nicht erst seit kurzem gibt, erreichen manchmal schon den kritischen Punkt und bedrohen das Leben selbst. Die schrankenlose Ausbeutung der Böden und der nicht erneuerbaren Energiequellen stellt mitten im größten Bevölkerungswachstum die Frage nach der Zukunft. Das bereits ausgebeutete Afrika wird der neue Kontinent zur Endlagerung von Abfällen und Giftmüll, übrigens ohne die geringste Gegenleistung für die örtliche Bevölkerung. Die dramatischen Probleme der Versteppung, der Landflucht, das Wachstum der Städte und der industriellen Konzentration fügen der ökologischen Gefahr noch die gestresster, erstickter, in medizinischer Behandlung befindlicher oder unter Beruhigungsmitteln stehender Menschenmassen hinzu.</p>
<p><strong>Die Wissenschaft die befreit&#8230; und die unterjocht</strong></p>
<p>Der gegenwärtige Zustand des Planeten, die Lebensbedingungen seiner Bewohner, die Arroganz und die Brutalität der Gesellschaften, die sich auf die Wissenschaft berufen, führen heute zu widersprüchlichen Ansichten über die befreiende Kraft der Wissenschaft selbst sowie über die Idee des Fortschritts und der Entwicklung. Dass man den Völkern vor mehr als hundert Jahren einen neuen Stein der Weisen, der Befreiung und der Wissenschaft ankündigte, dessen Ausgeburten wir gerade vor unseren Augen zusammenbrechen sehen, hat nicht wenig dazu beigetragen, Unruhe in den Köpfen auszulösen und jenes sagenhafte Werkzeug in Misskredit zu bringen, dass sich der menschliche Geist geschaffen hatte. Aus einem Werkzeug hat man ein System machen wollen, aus dem Scheitern des Systems hat man auf die Untauglichkeit, wenn nicht gar Schädlichkeit des Werkzeugs geschlossen. Ein Haufen Menschen und Gesellschaften kennen von den Wissenschaften nur das Gesetz des Gewehrs und des Völkermordes. So wohnen wir dem Erwachen reaktionärer und obskurantistischer Ideologien bei, der vorsätzlichen Flucht in metaphysische Träume, dem Wiederauftauchen von Sekten und okkulten Gesellschaften. Ein Phänomen, das durch die Ausdehnung der Probleme über den ganzen Planeten gewiss noch verstärkt wird, wobei das Individuum, ob es entscheidet oder nicht, immer machtloser ist. Eine Situation, in der die Menge an Wissen auf jedem Gebiet noch nie so groß gewesen ist, zugleich aber die Zerstückelung, der Verlust an Geschick und Meisterschaft sowie die Entfernung des Arbeiters von seinem Werkzeug und dem Produkt seiner Arbeit noch nie einen so hohen Grad erreicht hat. Der Rückgriff auf die künstlichen Paradiese der Innerlichkeit wird unter diesen Bedingungen zu einer alltäglichen Erscheinung und lässt befürchten, dass der wissenschaftliche, emanzipatorische Geist völlig in den Hintergrund tritt.</p>
<p><strong>Ängste, Medien und Verrat der Intellektuellen</strong></p>
<p>Die weltweite Hochrüstung hat ebenfalls dazu beigetragen, die Ängste zu schüren; mehr als eine Bedrohung ist sie eine dauernde Gefahr, Tag für Tag ist sie am Werk, eine Verschwendung von Leben und Energien, ein Exzess an Dummheit. Diese Ängste, die man im (religiösen) Dogmatismus, im Nationalismus, im Fremdenhass wiederfindet, sorgen dafür, dass sich die Menschen sehr rasch gegeneinander zusammenrotten. Sie sind ein Vorzeichen der scheußlichsten Erniedrigungen. Hat der Mensch erst einmal das Vertrauen verloren, versetzen ihn die wiederholten Ankündigungen ökologischer und atomarer Weltuntergänge schließlich in einen abergläubischen Fatalismus.</p>
<p>Die Medien und alle modernen Kommunikationsmittel, einschließlich der Verkehrsmittel, von denen man mit Recht erwarten könnte, dass sie die Menschen einander näherbringen und ihnen helfen, sich besser zu verstehen, haben allenfalls die Grenzen des Planeten zusammengerückt, um jene Rede, die das Regime auf sich selbst hält, noch weiter zu verbreiten. Das mediale Überangebot und die Massenkommunikation schaffen Isolierung und Kommunikationslosigkeit, wie die Kultur des Anderswo und der Auftrieb des Exotischen aus Bezirken des nachbarschaftlichen Zusammenlebens Orte der schieren Nichtexistenz machen. Kurzum, die Medien, von denen man erwarten sollte, dass sie Orte der Erziehung und der Information sind, präsentieren sich im Gegenteil als das trübselige Schaufenster einer Kultur der Verblödung, in der sich die Intellektuellen und Wissenschaftler noch einmal zu ihrem Verrat bekennen. Diese Speerspitzen des Fortschritts, eifrige Diener der Macht, legen dabei eine solch sträfliche Bereitwilligkeit an den Tag, dass ihr an Unredlichkeit nur noch die Unterschlagung und Verfälschung von Informationen gleichkommt, die sie stillschweigend praktizieren.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Am Ende dieses Jahrhunderts Anarchist zu sein, heißt, darauf hinzuarbeiten, den Möglichkeiten einer wirklichen sozialen Befreiung neue Glaubwürdigkeit zu verschaffen; heißt zu brechen mit der Praxis des Rückzugs und des bloßen Anspruchs ohne das Ziel, eine Veränderung der Gesellschaft herbeizuführen. Die Anarchisten müssen die Praktiken der direkten Aktion aus dem Erbe des revolutionären Syndikalismus? wiederbeleben. Sie müssen den Mythos der Demokratie entlarven, der nur für wenige Völker gilt und keinerlei soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit beinhaltet. Dadurch werden Pessimismus und Fatalismus zurückweichen. Man muss den Menschen wieder Vertrauen zu sich selbst geben. Die Anarchisten haben Vorschläge zu machen, es werden keinen bezugsfertigen Modelle sein, aber sie müssen Lust auf eine andere Welt machen und so die Voraussetzungen für einen aktiven revolutionären Willen schaffen. In den letzten Jahren war eine internationale Wiederbelebung des Anarchismus zu verzeichnen, besonders anlässlich des Zusammenbruchs der Diktaturen in Osteuropa, aber auch in den Vereinigten Staaten und in Südamerika. Der Neuaufbau einer starken internationalen anarchistischen Bewegung muss das Produkt intensiver Arbeit sein und ist die Bedingung für die Entwicklung und die Erfolgsaussichten einer internationalen sozialen Revolution. Diese aufzubauende revolutionäre Bewegung wird weder in ihrer Propaganda noch in ihrer Kampfpraxis umhin können, einen ernsthaften Prozess des Nachdenkens über alle in dieser Broschüre aufgeworfenen Fragen anzustrengen. Insbesondere muss der übertriebene Glaube von einst an die Vorteile der Industrialisierung und des wissenschaftlichen Fortschritts schleunigst überdacht werden, um heute eine revolutionäre Strategie auszuarbeiten, die den Zustand des Planeten und die Bedürfnisse der Menschen, die auf ihm leben, berücksichtigt. Der Produktivismus hat Schiffbruch erlitten, und das bloße Festhalten an der Arbeit und den sozialen Errungenschaften ist eine Bankrotterklärung der Gewerkschaftsbewegung. Das in einigen westlichen Ländern zu beobachtende Phänomen der Arbeiterkoordinationen, die die gewerkschaftlichen Spaltungen überwinden, hat bis zum heutigen Tage keine befriedigende Antwort auf den Mangel an Perspektiven in der Arbeiterbewegung gebracht. Nirgendwo wird die Frage nach dem eigentlichen Ziel des gewerkschaftlichen Kampfes gestellt: die Übernahme der Wirtschaft und der Verwaltung der Städte durch die Arbeiter selbst.</p>
<p><strong>Die Zukunft der Menschheit liegt außerhalb des Nationalstaates</strong></p>
<p>Die internationale Arbeiterbewegung hat heute mit den Bedingungen zu kämpfen, die durch die weltweite Ausbreitung der Ökonomie geschaffen worden sind. Während die Internationale des Kapitals eine altbekannte Tatsache ist, auf die bisher nur schwache Antworten gefunden wurden, stellt hingegen die quasi grenzenlose Ausdehnung der Kapitalflüsse ein jüngeres Phänomen dar, das den Aufbau internationaler Strukturen zur unmittelbaren Notwendigkeit für die Arbeiterbewegung macht. Die Konkurrenz verschiedener nationaler Arbeiterklassen gegeneinander, die bereits stattfindet und mit Sicherheit noch zunehmen wird, verurteilt jeden Versuch des Widerstands auf korporativer oder nationalstaatlicher Ebene zum Scheitern. Von der Schnelligkeit und der Schärfe, mit der die Arbeiterbewegung auf diese Herausforderung antworten wird, hängt die Zukunft des Friedens ab und mit ihr die der Menschheit. Die einzigen wirklichen Trümpfe in dieser Angelegenheit sind die Erfahrungen der Arbeiterbewegung selbst, ihr soziales Gedächtnis und das immer und überall feststellbare Bemühen der Menschen, ihre Freiheit zu erobern. Die einzige Hoffnung besteht letztlich darin, dass sich die Einsicht durchsetzt, dass diese Freiheit unteilbar ist und sich nicht mit der Knechtschaft auch nur eines einziges Menschen verträgt.</p>
<p><strong>Den Entmutigten&#8230; den Verächtern</strong></p>
<p>Das Werk, das vor uns liegt, ist gigantisch, und wenn es dazu reizt, den Mut zu verlieren, so können wir nur sagen, dass es unsere Väter nicht hat zurückschrecken lassen, und aus diesem Grunde schätzen wir sie und bemühen uns, ihre Ideale nicht zu verraten. Zu viele Menschen scheinen zu glauben, dass die revolutionäre Agitation eher dazu geeignet ist, neue Unordnungen zu schaffen, als welche zu beseitigen. Die herrschende Ideologie lässt keine Gelegenheit aus, sie davon zu überzeugen, und die Tatsache, dass die Revolutionen der Vergangenheit immer wieder gescheitert sind, scheint sie ausnahmslos in dieser These zu bestätigen. All jenen, die darauf setzen, dass alles so weitergehen kann, dass nichts passieren wird, während doch ständig alles vor ihrer Nase passiert, soll gesagt sein, dass das labile Gleichgewicht und die ungerechte Ordnung, an die sie sich klammern, das unauslöschliche Zeichen der Barbarei trägt. Was sie sich nicht eingestehen wollen, ist die Angst, die sie verfolgt und sie dazu treibt, lieber ihre Ideen an ihrer erbärmlichen Existenz auszurichten, als das Risiko einzugehen, im Einklang mit den eigenen Idealen zu leben. Ihr Respekt vor der Idee ist genauso groß wie der vor ihren Chefs&#8230; immer bereit, sie gegen andere einzutauschen!</p>
<p>Im Vergleich zu den vergangenen und aktuellen Sackgassen der Arbeiterbewegung, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden, können die libertären Ideen einen originellen Denkansatz und neuartige Lösungen vorweisen, denn sie enthalten ein großes, noch ungenutztes geistiges Potential, um mit der staatlich-kapitalistischen Logik, die überall in der Welt vorherrscht, zu brechen. Sie zeigen auf jeden Fall denen, die für eine bessere Zukunft des Menschen kämpfen, einen gangbaren Weg.</p>
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