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	<title>Die Gruppe MD &#187; Ökonomie</title>
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	<description>Linke politische Textsammlung</description>
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		<title>Deklaration des 2. Weltmigrationsforum in Madrid</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Jun 2009 09:43:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Flucht & Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus und Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Asyl]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Frauen und Männer, die die sozialen Bewegungen und die Organisationen der Zivilgesellschaften bilden, haben sich in Rivas Vaciamadrid (Spanien) vom 22. bis 24. Juni 2006 versammelt und repräsentieren 1193 Organisationen aus 84 Ländern des ganzen Planeten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-475"></span></p>
<p><em>Übersetzung der Erklärung von Rivas, die auf dem II Weltsozialforum der Migrationen, vom 22.-24. Juni 2006 in Madrid, verabschiedet wurde.</em></p>
<p><strong>Erklärung von Rivas</strong></p>
<p>Die Versammlung der sozialen Bewegungen während des II Migrations &#8211; Weltsozialforums &#8220;Für eine universelle StaatsbürgerInnenschaft und die Menschenrechte. Eine andere Welt ist möglich.&#8221;</p>
<p>Die Frauen und Männer, die die sozialen Bewegungen und die Organisationen der Zivilgesellschaften bilden, haben sich in Rivas Vaciamadrid (Spanien) vom 22. bis 24. Juni 2006 versammelt und repräsentieren 1193 Organisationen aus 84 Ländern des ganzen Planeten.</p>
<p><strong>Wir sind der Meinung:</strong></p>
<p>Es ist möglich, notwendig und dringend, eine andere Welt zu schaffen. Wir MigrantInnen sind Subjekte und AkteurInnen von Transformationen der Gesellschaften in die wir gekommen sind und aus denen wir kommen &#8211; und mensch sollte diese Rolle und die Chance die dies darstellt zum Wachstum derselben anerkennen und fördern.</p>
<p>Migration ist ein Prozess der in diesem Moment seinen Platz im Rahmen der Globalisierung hat und nicht außerhalb dessen analysiert werden kann. Mensch darf das Thema nicht ausschließlich als Grenzen oder &#8220;Türen nach Innen&#8221; angehen, sondern es handelt sich um einen ökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Prozess, der direkt verbunden ist mit den Folgen, die das auferlegte neoliberale kapitalistische Modell weltweit generiert.</p>
<p>Die Migrationspolitiken können nicht außerhalb der Menschenrechte stehen; diese sind das gemeinsame Erbe der Menschheit und mensch muss ihre gegenseitige Abhängigkeit, Vollständigkeit und Universalität sicherstellen.</p>
<p>Die universelle StaatsbürgerInnenschaft ist eine Notwendigkeit für die Prozesse des Zusammenlebens. Alle Personen, die neu in ein Land kommen, müssen alle Rechte haben, einschließlich des Walrechtes, die einer/m BürgerIn zustehen und dürfen nicht an die Nationalität gebunden sein.</p>
<p>Wir MigrantInnen sind soziale Subjekte, deren Ermächtigung und Ausdruck fundamental ist als AgentInnen der politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Transformation.</p>
<p><strong>Wir prangern an:</strong></p>
<p>Die ökonomischen, sozialen und kulturellen Politiken, welche die Basis der aktuellen Globalisierung sind, eine humane und nachhaltige Entwicklung von eigenen Interessen und Notwendigkeiten aller Gesellschaften verhindern. Das Handeln der multinationalen Unternehmen, die Außenschulden, der Verlust der Nahrungsmittelsicherheit, der ungerechte Handel, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und bewaffnete Konflikte sind die Ursache dafür, dass sich viele Personen gezwungen sehen, wegzugehen und zu emigrieren, sowohl nach Norden als auch innnerhalb der Länder des Südens.</p>
<p>Praktiken am Rande der Menschenrechte wie die Verlagerung der Grenzen sind nicht zulässig, ebensowenig die Freihandelszonen und die Internierungszentren, die geschlossen gehören. Wir lassen es nicht zu, dass die Einwanderung mit Sicherheit in Verbindung gebracht, als Wechselgeld benutzt und zwischen den Regierungen oder für Wahlkämpfe missbraucht wird.</p>
<p>Es existiert eine reduktionistische Sicht der MigrantInnen als Arbeitskräfte. Wir MigrantInnen sind Personen und keine Ware und deshalb sollten wir alle Rechte garantiert bekommen, die erlauben uns zu entwickeln und BürgerInnen sein zu können &#8211; BürgerInnen der Gesellschaft in die wir gekommen sind: Arbeitsrechte, soziale, kulturelle, wirtschaftliche, zivile und politische Rechte.</p>
<p>Es gibt andere Arten der Verfolgung, die Millionen von Menschen zwingen aus ihren Herkunftsgesellschaften wegzugehen wie die Auswirkung der wirtschaftlichen Megaprojekte, die Naturkatastrophen, die Verfolgung wegen des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Hautfarbe, Religion und die Verletzung von ökonomischen und sozialen Rechten, die nicht in den internationalen Schutzbestimmungen aufgenommen sind.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Wir prangern alle Arten von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und Antisemitismus an.</strong></p>
<p>Es gibt tausende Personen, die bei der Einwanderung tagtäglich und unter absoluter Straflosigkeit sterben, gefoltert und verstümmelt werden oder verschwinden. Wir zeigen die Aufrüstung der Grenzen, die Mauern, die Patroullien, die Mafias und den Menschenhandel für die sexuelle Ausbeutung an, die diese Verbrechen verursachen. Ebenso prangern wir den Menschenhandel und die Sklavenarbeit an.</p>
<p><strong>Wir schlagen vor, fordern und verpflichten uns:</strong></p>
<p>Wir fordern, dass die globale Entwicklung in öffentlicher Verantwortung von den Staaten und multilateralen Organisationen mit der Beteiligung der BürgerInnen übernommen werden muss.</p>
<p>Wir fordern, dass die Menschenrechte in allen Gesellschaften garantiert und in jeder Etappe des Migrationsprozesses über Verwaltungshandelungen gegenüber Personen hinausgehen müssen: im Ursprungsland, auf der Durchreise, am Zielort und bei der Rückkehr.</p>
<p>Wir fordern, dass die MigrantInnen nicht kriminalisiert werden, weil sie keine Papiere besitzen, dass die AusländerInnengesetze abschafft werden, die im Widerspruch zu internationalen Menschenrechten stehen und dass das Recht auf Bewegungsfreiheit garantiert wird.</p>
<p>Wir fordern die Unterzeichnung und Umsetzung der internationalen WanderarbeiterInnen Konvention, das Abkommen 143 der Internationalen Arbeits Organisation über die migrantischen ArbeiterInnen und das Abkommen 49 gegen Menschenhandel. Wir verpflichten uns zu überwachen, dass alle öffentlichen Gewalten aller Staaten Maßnahmen ergreifen, die zur Ratifizierung dieser Bestimmungen führen. Wir fordern besonders die Gewerkschaften zu einem Engagement für diese Sache auf.</p>
<p>Das Recht mit ihrer Familie zu leben ist grundlegend für MigrantInnen. Wir fordern, dass dieses garantiert wird.</p>
<p>Wir fordern den Schutz für Personen, die Opfer von anderen Formen der Verfolgung sind, als in der Genfer Konvention vorgesehen, und dass die GFK um diese Formen der Verfolgung erweitert wird. Wir fordern, dass den Verfolgten das Recht auf Asyl in einem sicheren Land garantiert wird und ein Rückkehrrecht der Flüchtlinge mit Garantien.</p>
<p>Wir fordern, dass unsere führende Rolle als Migrantinnen anerkannt wird, indem die Opfersicht, die mensch von uns hat, überwunden wird.</p>
<p>Wir verpflichten uns als Weltsozialforum der Migrationen in alle Räume internationaler, nationaler und lokaler Treffen mit unseren Aussagen, Forderungen und Vorschlägen zu gelangen.</p>
<p><strong>Deswegen:</strong></p>
<ol>
<li>Wir verabschieden die ERKLÄRUNG VON RIVAS, unsere Arbeitsgrundlage, die uns eine gemeinsame Arbeit im internationalen, nationalen und lokalem Rahmen erlaubt.</li>
<li>Wir verpflichten uns, das III Weltsozialforum der Migrationen durchzuführen und den hier beschlossenen Aktionen Kontinuität zu geben. Außerdem verpflichten wir uns, die Themenachse Migration beim nächsten Weltsozialforum 2007 in Nairobi zu organisieren.</li>
<li>Wir werden eine weltweite Mobilisierung einmal im Jahr durchführen als Element der Bekanntmachung, der Vorschläge und der Sichtbarmachung des Weltsozialforums der Migrationen.</li>
<li>Wir werden fortfahren mit dem Netz des Forums als Arbeitsraum, Gedächtnis und zum Austausch.</li>
<li>Wir eröffnen einen gemeinsamen Redaktionsraum eines Dokuments für die weltweiten Rechte der MigrantInnen, welche auf dem nächsten Forum diskutiert werden sollen.</li>
<li>Wir bilden ein permanentes, internationales Komitee des Weltsozialforums der Migrationen, indem es RepräsentantInnen aller Kontinente geben wird, welche die Umsetzung der Arbeitsaufträge sicherstellen sollen und die regionale und lokale Entsprechungen haben kann.</li>
</ol>
<p>Und wir machen das, weil wir der Meinung sind, dass E<strong>INE ANDERE WELT MÖGLICH, NOTWENDIG UND DRINGEND IST.</strong></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://no-racism.net/article/1746/" target="_blank">http://no-racism.net/article/1746/</a></em></p>
<div style="clear:both"></div>]]></content:encoded>
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		<title>Wie kann eine anarchistische Wirtschaft aussehen?</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 18:05:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Ideen & Möglichkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchokapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Freiwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Syndikalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[AnarchistInnen lehnen sowohl den gegenwärtigen Kapitalismus, als auch den Staatskommunismus ab, da in diesen Systemen stets Menschen unterdrückt werden. Zu allen Zeiten wurden deshalb Alternativen entwickelt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-170"></span>AnarchistInnen lehnen sowohl den gegenwärtigen Kapitalismus, als auch den Staatskommunismus ab, da in diesen Systemen stets Menschen unterdrückt werden. Zu allen Zeiten wurden deshalb Alternativen entwickelt. Grundsatz aller anarchistischen Wirtschaftsformen sind: SELBSTBESTIMMUNG und HERRSCHAFTSFREIHEIT.</p>
<p><strong>Was gibt es also konkret für Alternativen?</strong></p>
<p>Der <strong>FREIHEITLICHE SOZIALISMUS</strong> strebt eine Wirtschaft an, in der Waren ohne Geld produziert und verteilt werden. Kollektive sollen die Verteilung der Arbeit gemeinschaftlich regeln. „Jeder nach seinen Fähigkeiten &#8211; jedem nach seinen Bedürfnissen.“ ist einer seiner Grundsätze.</p>
<p>Eine ganz praktische Umsetzung ist der <strong>ANARCHOSYNDIKALISMUS</strong>. ArbeiterInnen organisieren sich in „Syndikaten“ (Basisgewerkschaften), die die Betriebe übernehmen sollen, um Arbeit gemeinschaftlich und selbstorganisiert zu verrichten. [mehr zum Syndikalismus: --&gt; <a href="http://www.fau.org" target="_blank">http://www.fau.org</a> ]</p>
<p>Verschiedenste Richtungen des libertären Sozialismus gab und gibt es, die auf verschiedene Weise die Ideale praktisch umsetzen: Kommunebewegung, Einkaufsgemeinschaften&#8230; [siehe auch: --&gt; <a href="http://www.contraste.org/" target="_blank">http://www.contraste.org</a> ] [zu einzelnen Projekten später mehr im Projektebereich von anarchismus.net]</p>
<p>Die <strong>FREIWIRTSCHAFT</strong> strebt eine nichtkapitalistische Marktwirtschaft an. In ihr wird Boden gemeinschaftlich verwaltet. Ein umlaufgesichertes Geld verhindert Wirtschaftskrisen und Gewinne aus Kapitaleigentum. [mehr zur Freiwirtschaft: --&gt; <a href="http://www.geldreform.net" target="_blank">http://www.geldreform.net</a> ]</p>
<p>Daneben gab und gibt es verschiedene kleinere Bewegungen, wie den sogenannten Primitivismus. Er strebt eine ‚Rückkehr zur Natur’ in eine bäuerliche Selbstversorgung an.</p>
<p>Der <strong>ANARCHOKAPITALISMUS</strong> soll hierbei nicht verschwiegen werden, obwohl er bei vielen AnarchistInnenn auf Widerspruch stößt. VertreterInnen dieser Richtung meinen, daß die negativen Seiten des Kapitalismus vor allem vom Staat verursacht werden &#8211; deshalb mit seiner Abschaffung auch diese verschwinden würden. [--&gt; <a href="http://www.eifrei.de" target="_blank">http://www.eifrei.de</a> ]</p>
<p>Eine anarchistische Wirtschaft wird aus einem Nebeneinander verschiedenster Wirtschaftsformen bestehen.</p>
<p><strong>JedeR kann die Wirtschaftsform, in der er/sie leben will, frei wählen.</strong></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.anarchismus.net/FAQ/anaWirtschaft/anawirtschaft.html " target="_blank">http://www.anarchismus.net/FAQ/anaWirtschaft/anawirtschaft.html </a></em></p>
<div style="clear:both"></div>]]></content:encoded>
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		<title>Die 5 Stunden Woche</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 17:21:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Ideen & Möglichkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, allen Menschen Arbeit zu geben! Die durch die Arbeitslosigkeit drohende Verarmung wird voll und ganz auf die Erwerbslosen abgeschoben. Manager und Funktionäre aus Wirtschaft und Politik überziehen die Arbeitslosen mit einer beispiellosen Verleumdungskampagne. Die Arbeitslosen allein treffe die Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit. Sie seien faul und sollen sich endlich Arbeit suchen!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-167"></span><strong>Gründe für eine radikale Arbeitszeitverkürzung</strong></p>
<p>Die Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, allen Menschen Arbeit zu geben! Die durch die Arbeitslosigkeit drohende Verarmung wird voll und ganz auf die Erwerbslosen abgeschoben. Manager und Funktionäre aus Wirtschaft und Politik überziehen die Arbeitslosen mit einer beispiellosen Verleumdungskampagne. Die Arbeitslosen allein treffe die Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit. Sie seien faul und sollen sich endlich Arbeit suchen! Mit Kürzungen der Arbeitslosen- und Sozialleistungen sollen sie wieder zur Arbeit getrieben werden. In Wahrheit verschleiern die Manager und Funktionäre hiermit nur ihre tatsächliche Rolle! Die wahre Ursache der sich anbahnenden wirtschaftlichen Katastrophe ist: Die <strong>Überproduktion!</strong></p>
<p>Trotz de facto 10% Arbeitslosigkeit + 5% Dunkelziffer in Mitteleuropa ist es das größte Problem der Wirtschaft mit den Bergen an Überproduktion fertig zu werden! Jeder weiß von den Butter-, Käse-, Fleisch- und Obstbergen oder den Weinseen, die jährlich vernichtet werden. Die Bauern erhalten inzwischen sogar so etwas wie einen Grundlohn für die Nichtbestellung ihrer Felder, wobei die Stillegung der Agrarflächen mit einem riesigen Aufwand über Satellit überwacht wird. Wir sagen: <strong>Schluß mit diesen Unsinn!</strong></p>
<p>Wir fordern das Ende der Vernichtung der Überproduktion und die kostenlose Freigabe derselben an die Bevölkerung, denn die Produktion dieser Waren wurde überwiegend über unsere Steuergelder bezahlt! Sie gehören uns allen! Zukünftig soll die Produktion auf die Bedürfnisse der Menschen hin erfolgen. Unter Einbeziehung des 15%-igen Arbeitslosenpotentials sollen alle Menschen, die arbeitsfähig und arbeitswillig sind, wieder mitarbeiten dürfen. Von der entstehenden Überproduktion sollen sich alle kostenfrei bedienen. Sollte sich aus der zu erwartenden Überproduktion ergeben, daß Geld als Tauschmittel unnötig und überflüssig wird, so fordern wir auch dessen Abschaffung!</p>
<p>Wohlstand und Bildung könnten zum Menschenrecht erklärt werden und die Menschen könnten bei einer am Bedarf orientierten Produktion darüber nachdenken, wieviel der einstigen Lohnarbeit tatsächlich sinnvoll war und wie die Arbeitszeit radikal verkürzt werden kann!</p>
<p>Wie können wir den güterwirtschaftlichen Gegenwert der Lohnarbeit exemplarisch am Beispiel der BRD bestimmen? Ausgehend von den Zahlen im Statistischen Jahrbuch 1988 berechnen wir die Menge der notwendigen Arbeit, die wir für den heutigen Luxus und Lebensstandard aufbringen müssen. Zur notwendigen Arbeit zählen wir die Sozialleistungen, Produktion- und Verteilungsarbeiten.</p>
<p>Zum Sozialwesen gehören u.a. die Bereiche:</p>
<ul>
<li> Gesundheits- und Veterinärwesen,</li>
<li>Reinigung usw.</li>
</ul>
<p>Zur Produktion gehören:</p>
<ul>
<li> Land- und Forstwirtschaft,</li>
<li>Tierhaltung und Fischerei;</li>
<li>Energie- und Wasserversorgung sowie Bergbau (Arbeiter);</li>
<li>Verarbeitendes Gewerbe (Arbeiter);</li>
<li>Baugewerbe;</li>
<li>Angestellte aus Energie- und Wasserversorgung sowie dem Verarbeitenden Gewerbe. Das sind Meister, Techniker, Ingenieure sowie die Angestellten, die zur Arbeitsorganisation notwendig sind.</li>
</ul>
<p>Zur Verteilung gehören:</p>
<ul>
<li> Verkehr und Nachrichtenübermittlung</li>
</ul>
<p><strong>Mit den Erwerbstätigenzahlen aus dem Statistischen Jahrbuch zu den aufgezählten Wirtschaftsbereichen kommen wir auf etwa 18 Stunden pro Woche.</strong></p>
<p>Diese 18 Stunden klingen zwar schon recht gut, aber mehr als ein Anfang sind sie nicht, denn auch die Lebensdauer unserer Gebrauchsgüter ließe sich mit Leichtigkeit um ein Vielfaches erhöhen. Es liegt nahe, daß dies gerade die Menschen einer Herrschaftsfreien Gesellschaft tun werden, weil sie ihre Güter für ihren eigenen Bedarf herstellen. Denn kein Mensch besitzt ein Interesse, für den Schrottplatz zu produzieren. &#8212; In der heutigen Konsumgesellschaft hingegen werden zur Aufrechterhaltung des Waren-Geld-Kreislaufes selbst die Gebrauchsgüter auf die Ebene der Verbrauchsgüter abgestuft. Ihre Lebensdauer wird erheblich verringert, indem entweder bewußt Sollbruchstellen eingebaut oder Fertigungstechniken nicht verwandt werden, die ihre Lebensdauer erheblich verlängern würden.</p>
<p>Beispiele sind folgende:</p>
<ol>
<li> Glühbirnen. Ihre Lebensdauer kann auf ein Menschenalter ausgedehnt werden.</li>
<li>Glas. Es wird schlagfest durch langsames Abkühlen.</li>
<li>Autos. Eine Fahrzeugkarosserie aus rostfreiem Blech hält mindestens 200 Jahre!</li>
</ol>
<p>Aus der Langlebigkeit der Gebrauchsgüter folgt, weniger Güter müssen hergestellt werden! Das bedeutet:</p>
<p>==&gt; Weniger Fabriken ==&gt; Weniger Rohstoffverbrauch ==&gt; Weniger Arbeit</p>
<p>Weiter könnte durch die gezielte Verwendung von Mischtechniken z.B. die Lebensdauer von Explosionsmotoren auf etwa 150 Jahre ausgedehnt werden. Verwenden wir nun Wasserstoff als Energieträger, so können wir auch die umweltfreundlichen Wasserstoffmotoren in unseren Autos oder in unseren Kraftwerken zur Gewinnung der Elektrischen Energie einsetzten. Wasserstoff kann in den Wüsten der Erde in Wind-, Aufwind- und Sonnenkraftwerken gewonnen werden. Wasserstoff als Energieträger steht uns also in unbegrenzten Mengen zur Verfügung, womit wir auch das heutige Energieproblem gelöst haben.</p>
<p><strong>Das heißt, daß wir nicht nur weniger arbeiten, sondern auch auf dem besten Wege sind, unsere Umweltprobleme zu lösen! Und zwar mit einer etwa 12 Stunden umfassenden Arbeitswoche bei erheblich besseren Arbeitsbedingungen für jeden von uns, wenn wir die Produktion auf die Langlebigkeit unserer Gebrauchsgüter ausrichten.</strong></p>
<p>Nun zum nächsten Berechnungsschritt. Gehen wir davon aus, daß sich die Mitglieder einer Herrschaftsfreien Gesellschaft von den von ihnen gemeinsam hergestellten Gütern nach ihren materiellen Bedürfnissen befriedigen &#8211; und davon, daß die durchschnittliche Arbeitsmenge um 3/4 sinken wird, dann entfällt praktisch die Rush-Hour. Denn jeder wird da arbeiten, wo er wohnt und nicht mehr längere Fahrwege für eine besser bezahlte Arbeit in Kauf nehmen. Das heißt, die langen Fahrwege zur Arbeit werden entfallen.&#8212;</p>
<p>Aber nicht nur die langen Arbeitswege, sondern auch die heutige Urlaubsindustrie wird entfallen. Denn wenn die Arbeitsmenge auf 1/4 des heutigen Wertes sinkt, werden die Menschen in Ruhe das Land bereisen und dort verweilen und mitarbeiten, wo es ihnen gefällt! Das heißt, wenn sie das wollen.</p>
<p>Insgesamt bedeutet der Wegfall der Rush-Hour und der Urlaubsindustrie:</p>
<p>==&gt; Weniger Transportmittel, ==&gt; weniger Fabriken, ==&gt; weniger Straßen und somit ==&gt; weniger Arbeit,</p>
<p><strong>wobei unter diesen Gesellschaftsbedingungen nach unseren Berechnungen nur noch 10 Stunden pro Woche gearbeitet wird!</strong></p>
<p>Auf die ungeheueren Rohstoffeinsparungen, den Umweltschutz und die Steigerung der Lebensqualität brauchen wir an dieser Stelle wohl nicht in besonderem Maße hinweisen!</p>
<p>Die Folgen unserer bisherigen Überlegungen für die Energiewirtschaft liegen klar auf der Hand. Langlebige Güter, Einsparungen bei den Transportmitteln, weniger Straßen, weniger Fabriken sowie Energieeinsparungen in den Haushalten und bei anderen Kleinverbrauchern bedeuten weniger Energieverbrauch und somit weniger Arbeit in der Energiewirtschaft!</p>
<p><strong>Insgesamt bedeutet dies mit den Zahlen aus dem Statistischen Jahrbuch, daß ca. 9 Stunden pro Woche gearbeitet wird!</strong></p>
<p>Berücksichtigen wir nun, daß in der alten BRD von 61,5 Mio. Menschen nur 30 Mio. zum Erwerbstätigenpotential gehören. Die meisten Nichterwerbstätigen (Behinderte und Rentner) würden liebend gern wieder 10 Stunden pro Woche arbeiten, um ihrem Leben wieder einen Inhalt und ein Ziel zu geben. Mit ihnen werden 41,8 Mio. Menschen erwerbstätig sein. Das sind 2/3 der Bevölkerung der alten BRD, <strong>wobei nun jeder der 41,8 Mio. Erwerbstätigen nur noch 7 Stunden pro Woche arbeiten darf!</strong></p>
<p>Beziehen wir nun die Möglichkeit der Vollautomatisierung, das heißt vollautomatische Fließbandstraßen, Schiffe und Fahrzeuge mit einem über Satellit gesteuerten Verkehrsleitsystem etc., mit ein, <strong>so stehen jedem von uns nur noch etwa 5 Stunden Arbeit pro Woche zu.</strong></p>
<p>Eine derartig niedrige Wochenarbeitszeit wird eine tiefgreifende Gesellschaftsumwälzung hervorrufen, in der unser Verhältnis zur Arbeit und zum Menschen einer grundlegenden Veränderung unterworfen ist. Spätestens mit 5 Stunden Arbeit pro Woche verliert die Arbeit ihre Zwanghaftigkeit. Unsere angeborene Ruhe- und Rastlosigkeit wird uns antreiben, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die Spaß machen. An diesem Punkt angelangt, ist zu erwarten, daß die Arbeit in einer Herrschaftsfreien Gesellschaft allein aus dem Bedürfnis des Menschen nach einer sinnvollen Tätigkeit erledigt und sie deshalb nicht mehr als Arbeit empfunden wird. Hiermit haben wir die Null-Stunden-Woche erreicht. Quelle: Dante, Darwin: 5-Stunden sind genug, Sammelband aus 1&amp;3, Manneck Mainhatten Verlag, ISBN 3-9803508-1-9.</p>
<p><strong>Warum arbeiten wir 40 anstatt 5 Stunden pro Woche?</strong></p>
<p>Der Preis jeder Ware wird durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt und menschliche Arbeit ist heute nichts weiter als eine Ware. Arbeitskräfte sind weltweit im Überfluß vorhanden, weshalb überall ein Preisverfall für Arbeit zu beobachten ist. Lebensmittel und industrielle Güter werden hingegen durch die Vernichtung der Überproduktion oder durch Massenarbeitslosigkeit (Verhinderung der Mitarbeit in der Produktion) künstlich verknappt. Hiermit werden die Preise für Lebensmittel und industrielle Güter hoch gehalten. So kommt es, das wir bei sinkenden Löhnen zur Bestreitung unserer steigenden Lebeshaltungskosten immer länger arbeiten. Deshalb werden bei steigender Arbeitslosigkeit immer weniger immer mehr arbeiten müssen. D.h., hier wird unser Fleiß zu unserem Schaden, denn je länger wir arbeiten des to weniger erhalten wir hierfür.</p>
<p><strong>Wer hat ein Interesse an langen Arbeitszeiten?</strong></p>
<p>Für die Unternehmen ist die human resource (menschliche Arbeitskraft) lediglich eine Ware, die als Produktionsfaktor wie ein beliebiger Rohstoff behandelt wird. Diesen Rohstoff gilt es durch ein Überangebot möglichst billig zu halten. Hiermit sind lange Arbeitszeiten lediglich eine Folge der billig gehaltenen Lohnarbeit, wobei beide Faktoren das Überangebot an Arbeitskräften und damit die Arbeitslosigkeit weiter verschärfen. Daß die Politik sich jetzt zur Überwindung der Arbeitslosigkeit an die Unternehmen wendet, ist in dieser Hinsicht nur noch blanker Zynismus!</p>
<p>Maßnahmen wie die Agenda 2010 in der BRD sind aus dieser Sicht nur noch ein scheinheiliger Verrat der Politiker an der arbeitenden Bevölkerung. Ihr Ziel ist es, per Gesetz das Einkommen der Arbeitnehmer im Sinne der Unternehmen auf 65% des jetzigen Wertes zu drücken. Zukünftig soll jeder nach 6 Monaten Arbeitslosigkeit einen Job auf dem Niveau von 65% seines letzten Monatsgehaltes annehmen, sonst sollen seine Bezüge gestrichen werden. In diesem Zusammenhang sollen die Kürzungen der Arbeitslosen- und Sozialleistungen einen gnadenlosen Kampf um die verbliebenen Arbeitsplätze durch Lohndumping entfesseln. Bezweckt wird ein beispielloser Preisverfall für menschliche Arbeitskraft. Denn durch die Kürzungen sind die Menschen zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes gezwungen, um die wenigen verbliebenen Arbeitsplätze mit Dumping-Löhnen zu konkurrieren. Und im Juli 2004 standen den 4.359.000 Erwerbslosen in der BRD gerade mal 296.600 offene Stellen gegenüber.</p>
<p><strong>Was können wir tun, um uns zu wehren?</strong></p>
<p>Einzeln haben wir keine Möglichkeit, uns hiergegen zu wehren. Sich an die offiziellen Parteien zu wenden, deren ranghöchsten Mitglieder immer in die Aufsichtsräte oder Vorstände der multinationalen Unternehmen mit eingebunden werden, macht wenig Sinn, denn diese Parteien haben uns bereits verkauft. Nicht ohne Grund verschanzen sich die Funktionäre aus Politik und Wirtschaft hinter ihren finanzpolitischen Argumenten, die nur auf eines Zielen, daß wir für immer weniger Geld immer länger arbeiten müssen. Das Erste, was wir lernen sollten, ist, daß wir nicht mehr länger auf die finanzpolitischen Argumentationen aus der Geld- und Finanzwirtschaft hinein fallen dürfen. Hiermit sollen wir zum Narren gehalten werden. Über die Mechanismen der Warenwirtschaft wird versucht, unser Denken auf die Regeln der Geld- und Finanzwirtschaft einzuengen. Wir sollen so manipuliert werden, daß es uns unmöglich wird, dieses Regelsystem in unserem Denken zu verlassen. Wir sollen uns Lösungen außerhalb Geld- und Finanzwirtschaft nicht mehr vorstellen können. Doch die Berechnung zur 5-Stunden-Woche zeigt, daß es eine Lösung außerhalb der heutigen Wirtschaftsdogmen des Kapitalismus gibt. Sie zeigt, was heute schon unter güterwirtschaftlichen Gesichtspunkten machbar ist und daß das Recht auf Wohlstand keine Utopie mehr sein muß. Vor allem aber zeigt sie, daß es uns ohne Bonzen- und Funktionärsschicht erheblich besser gehen wird. Und nichts fürchtet diese Schicht mehr, als genau diese Erkenntnis in der Bevölkerung, weshalb sie andere Denkweisen, die außerhalb ihrer Wirtschaftsdogmen liegen, auch mit aller Kraft zu unterdrücken versucht.</p>
<p>Deshalb rufen wir Euch auf, uns mit Leserbriefen und Artikeln in der öffentlichen Presse oder durch die Organisation von Vorträgen, Buchlesungen und Podiumsdiskussionen an Euren Wohnorten, Universitäten oder in Euren Schulen zu unterstützen. Oder kopiert einfach nur dieses Flugblatt und verteilt es in Euren Freundes- und Bekanntenkreis. Des weiteren schlagen wir vor, Euch außerhalb der regulären Parteien in basisdemokratische Bildungsvereine zu organisieren und diese nach unserem Muster zu gründen. Wir stehen Euch in all diesen Punkten zur Unterstützung bereit.</p>
<p>Mit unserem Bildungsverein richten wir uns an die Jugend, vor allen die jungen Menschen, die von der Schulbank oder von der Lehrstelle in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Diese Generation ist bereits ökonomisch entwurzelt, ehe sie ins Leben tritt. Außerdem wenden wir uns an die Arbeitslosen (ca. 15% der Bevölkerung) und die Erwerbstätigen, die trotz harter Arbeit von ihrem Geld kaum noch ihre Familien ernähren und in diesem Gesellschaftssystem kaum noch eine Perspektive für sich erkennen können (ca.10% der Bevölkerung). Diese wollen wir ansprechen, indem wir ihnen die Ursachen für ihre Bedrängnis erklären, so daß sie sich machtvoll hiergegen organisieren können.</p>
<p><em><strong>Ihr erreicht uns unter:</strong></em><br />
<a href="http://www.5-Stunden-Woche.de" target="_blank">http://www.5-Stunden-Woche.de</a><br />
<em>Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. </em></p>
<div style="clear:both"></div>]]></content:encoded>
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		<title>Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 3)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/was-ist-eigentlich-anarchismus-teil-3</link>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 07:50:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Räte]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von den bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Hundertmal an verschiedenen Stellen der Erde sind sie immer aufgetaucht. Erfinder dieser Organe ist das revolutionäre Volk.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-83"></span><strong>Räte und Selbstverwaltung</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Verteilt die Macht, damit sie keinen mächtig macht.&#8221;</em></p>
<p class="vspace">Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von den bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Hundertmal an verschiedenen Stellen der Erde sind sie immer aufgetaucht. Erfinder dieser Organe ist das revolutionäre Volk. Immer waren die Räte die spontane Antwort der unterdrückten Massen gegen ihre Unterdrücker; stets kam in ihnen ein völlig entgegengesetztes Konzept gesellschaftlicher Organisation zum Ausdruck als das herrschende. Wir finden sie in der französischen Revolution von 1789, in der Pariser Commune von 1871, in der russischen Revolution von 1905 und in der Oktoberrevolution sind sie ein fester Bestandteil des revolutionären Prozesses. 1921 finden wir sie in Kronstadt und 1936 entwickeln sie sich zum Träger der Revolution &#8211; auch 1956 im Ungarn, 1969 in Italien und 1971 in Polen tauchen sie wieder als Organe der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker auf. Es gibt unzählige Beispiele mehr.</p>
<p class="vspace">Die Räte sind sowohl geographische als auch sachliche Organisationsformen. Sie können sich überschneiden, d.h. es gibt z.B. den Rat eines Dorfes, einer Stadt oder eines Landstrichs, je nach Größe und Einwohnerzahl. In diesem Gebiet organisieren sich Räte nach sachlichen Zusammenhängen, so z. B. am Arbeitsplatz, in der Fabrik, im Transportwesen, in den Krankenhäusern, Universitäten und Schulen, auf den Bauernhöfen, ja sogar in den Familien, Stadtteilen und Bezirken. Es kann auch andere sachliche Zusammenhänge geben, wie den Rat der Frauen, den der Alten, der Körper&#8221;behinderten&#8221;, der VerbraucherInnen usw. Jeder Rat ist im Grunde nichts weiter als die Versammlung aller Menschen, die unter einen bestimmen Bereich fallen und an ihm teilnehmen möchten. Die Teilnahme und Mitarbeit ist freiwillig, demzufolge auch die Unterwerfung unter die Beschlüsse des Rates, sowie der Genuss der durch ihn erzielten Ergebnisse. Die Räte versammeln sich in bestimmten Abständen und vor allem immer dann, wenn wichtige Probleme zur Lösung anstehen. Damit sie arbeitsfähig bleiben, sollten die Räte klein gehalten werden. (Es wäre z. B. unsinnig, einen Rat von Wien oder Europa zu bilden.)</p>
<p class="vspace">Jeder Rat ist grundsätzlich autonom (unabhängig). Zur Bewältigung bestimmter Probleme oder zur Bildung von Räten, die sich überregional organisieren müssen (z.B. Transportwesen, Post usw.) wählt der Rat sogenannte Delegierte. Grundsätzlich hat jedes Mitglied eines Rates das aktive und passive Wahlrecht, d.h. er/sie kann wählen und gewählt werden. Die Delegierten bilden dann wieder einen Rat, der sich nach denselben Prinzipien organisiert wie eben beschrieben. Hierbei ist immer gewährleistet, dass die, die das meiste Vertrauen in der Bevölkerung genießen, und sich mit dem Problem, um das es gerade geht, gewählt werden. Im Gegensatz zum bürgerlichen Parlament kennt jedeR die Delegierten, die er/sie mir den Aufgaben betraut gut. Dies ist eine klare Organisation von Unten nach Oben. Die Aufstellung von Delegierten ist im Grunde eine rein technische Angelegenheit, denn 7 Millionen Österreicher können sich schlecht versammeln und noch weniger sich über irgendwelche Probleme unterhalten. Damit dies auch eine rein technische Angelegenheit bleibt und der/die Delegierte seine/ihre Position nicht missbraucht, wird er/sie immer nur für kurze Zeit gewählt: meist nur für die Zeit die nötig ist, diese oder jene Sache zu bewältigen. Die Delegierten werden aber auch deshalb von Zeit zu Zeit ausgewechselt, damit möglichst viele Menschen fähig werden, Dinge zu beurteilen und Probleme zu lösen.</p>
<p class="vspace">Wenn einE DelegierteR gewählt ist, bekommt er/sie von seinem/ihrem Rat einen Auftrag. Man sagt ihm genau, was er/sie zu tun und was er/sie zu lassen hat. Dies ist die eigentliche Aufgabe des Rates, in ihm werden die anstehenden Probleme diskutiert; jedeR kann sich äußern, jedeR kann argumentieren und mensch versucht die für alle einleuchtendste Lösung zu finden. Wird eine Lösung vorgeschlagen, so können alle sicher sein, dass sie von einer ganzen Reihe von Leuten, die auf diesem Gebiet Erfahrung haben, gewissenhaft durchdiskutiert wird. Die Einzelheiten sind dann mehr oder weniger dem/der Delegierten überlassen. DieseR ist aber wieder den ursprünglichen Räten laufend Rechenschaft schuldig.</p>
<p class="vspace">Weicht die Arbeit der Delegierten von den Beschlüssen des Rates ab, ohne dass es dafür vernünftige Gründe gibt, werden diese sofort abgesetzt und neue Delegierte, die das Vertrauen besser rechtfertigen, gewählt. Dieses Prinzip nennt man „imperatives Mandat“. So entscheidet also in jedem Fall der unterste Rat und nicht der Delegiertenrat, was gemacht wird. Wie wir sehen, löst dieses System alle Mängel, die wir im Kapitel über die bürgerliche Demokratie und über den autoritären Sozialismus an allen gegenwärtigen Systemen festgestellt haben. Das Rätesystem, mehr als einmal erprobt, garantiert eine echte lebendige Volksdemokratie in allen Lebensbereichen. Es sorgt dafür, dass jedeR die gesellschaftliche Organisation gänzlich durchschauen, in sehr vielen Dingen mitreden kann und, dass sich keine Führungsschichten bilden können. Die gesellschaftliche Organisation, Produktion und Verteilung wird also rationell (ohne Umwege) und den Bedürfnissen des Volkes entsprechend organisiert. Eine bedeutende Bewegung der Selbstverwaltung (= System der Gesamtheit aller Räte) finden wir vor allem in Frankreich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts: die Genossenschaften.</p>
<p class="vspace">Diese Zusammenschlüsse von ArbeiterInnen, die sich ohne Chefs und Ingenieure, nur auf ihre eigene Kraft und ihre eigenes Wissen gestützt, daran machten, ihre Fabriken zu leiten, ihren Warentausch zu organisieren und ihren Verkauf zu regeln, haben zwar eine schnelle Ausbreitung gefunden, doch lag ihrem Konzept eine grundlegender Fehler zugrunde. Proudhon, einer der Väter des Genossenschaftsgedankens, hatte versucht, sein revolutionäres Modell innerhalb einer noch funktionierenden kapitalistischen Ordnung zu verwirklichen. Mensch glaubte damals noch, dass mensch so das bestehende System überwinden könnte. Das war natürlich falsch, insofern, als es dem Staat ein Leichtes war, die Genossenschaften in den finanziellen Ruin zu treiben oder zu zerschlagen.</p>
<p class="vspace">Wie allen Versuchen, den Kapitalismus auf friedlichem Wege abzuschaffen, erging es auch der Genossenschaftsbewegung: sie wurde schließlich „entschärft&#8221; und dient heute unter anderen Vorzeichen zur Erhaltung und Kräftigung des Staatssystems (Vgl. auch heute das Kibbuz-System in Israel). ArbeiterInnenselbstverwaltung finden wir in fast allen revolutionären Ereignissen, die spontan und von keiner Partei geführt, stattfanden. Auch heute können wir in einigen Ländern Erhebungen mit der Tendenz der Selbstverwaltung der Produzenten beobachten. (Vgl. z.B. die Anfangszeit der portugiesischen Revolution). Diese Diskussion innerhalb der anarchistischen und rätekommunistischen Bewegung ist unerhört wichtig, denn sie kann möglicherweise im anarchistischen Sinne sein.</p>
<p class="vspace">Natürlich dürfen wir die Selbstverwaltung nicht mit der Mitbestimmung verwechseln. Diese, von reformistischen (31) Gewerkschaften geforderte Verwaltungsform bedeutet keinesfalls Demokratie, sondern nur ein kleines Zugeständnis an die ArbeiterInnen, die an der tatsächlichen Unterdrückung nichts ändert und in Wirklichkeit nur die ArbeiterInnenschaft beruhigen soll.</p>
<p class="vspace"><strong>Parteien</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Parteien sind zum Schlafen da &#8211; und zum schrecklichen Erwachen!&#8221;</em> (Zeitung „883&#8243;)</p>
<p class="vspace">Die Frage, ob mensch sich in Parteien organisieren oder in bestehende Parteien eintreten sollte, hat sich den AnarchistInnen schon sehr früh gestellt. Noch während der ersten Internationalen begann sich abzuzeichnen, dass sowohl die revolutionären MarxistInnen um Marx als auch die deutsche Sozialdemokratie um Lassalle (32) in Form von Parteien organisieren würden.</p>
<p class="vspace">Diese „ArbeiterInnenparteien&#8221; waren zunächst kleine Gruppierungen in den verschiedenen Städten und Industriezentren eines Landes. Sie betrieben Propaganda unter der ArbeiterInnenschaft und traten für einen Kampf ein, der die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen verbessern sollte. Die Abschaffung der Kinderarbeit, die Verkürzung der Arbeitszeit, freies Streikrecht und ähnliches stand auf ihrem Programm. Ihre Stärke wuchs rasch und mit dieser Stärke bildete sich fast automatisch ein großer Stamm an berufsmäßigen Parteiangestellten: Bürokraten, SchriftstellerInnen, RednerInnen usw. Diese Leute, die sogenannten FunktionärInnen, entstanden selbst meistens nicht der Arbeiterschaft. Der ganze Parteiapparat unterstand einer Zentrale, die die politische Richtung der Partei ausarbeitete und die Befehle an die einzelnen Ortsgruppen ausgab. Diese hatten meistens nichts weiter zu tun, als diese Befehle auszuführen, neue Mitglieder zu werben, und im übrigen pünktlich ihre Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Die Parteien gaben ihre eigenen Zeitungen heraus, unterhielten ihre Parteischulen und versuchten schon bald, in den verschiedenen Regierungen an Gewicht zu gewinnen und sich an der parlamentarischen Arbeit zu beteiligen.</p>
<p class="vspace">Waren diese Parteien zu Beginn ihrer Entwicklung reine Zweckverbände der ArbeiterInnenbewegung, so war schon bald ihr wichtigstes Ziel die Wahlbeteiligung und die Erringung möglichst vieler Stimmen im Wahlkampf. Um im Parlament viele Sitze zu bekommen und stark zu werden, musste mensch viel paktieren, und so wich mensch sehr schnell ganz beträchtlich von den revolutionären Vorsätzen ab. Es wird nicht verwundern, dass die AnarchistInnen diese Organisationsform ablehnten. Sie kritisierten an ihr vier wichtige Punkte:</p>
<ul>
<li>Die Richtung der Partei war nicht die soziale Revolution, also der Umsturz der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse, sondern die Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb dieser Gesellschaft. Dies, so argumentierten die AnarchistInnen, sei ein mühevoller unnötiger Umweg, der nur vom eigentlichen Ziel ablenke. Tatsächlich hat sich zum Beispiel die deutsche sozialdemokratische Partei gute 30 Jahre für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts herumgeschlagen, von dessen Verwirklichung sie sich offenbar die Revolution oder noch größere Wunder versprachen. Als es dann durchgesetzt war, brachte es nicht die geringste Änderung an der Situation der Arbeiter.</li>
<li>Die Organisation der Partei war zentral, autoritär und vom Staat leicht zerschlagbar. Man hätte nur das Zentralbüro verhaften müssen, und die Partei stände ohne Kopf da. Deshalb ist die Partei weder in ihren Aktionen beweglich, noch kann sie sich von tatsächlichen Bedürfnissen an ihrer Basis leiten lassen, da die autoritäre Struktur von unten nach oben nur sehr schwer zu durchdringen ist. (Für den/die einfachen ArbeiterIn war es nämlich fast unmöglich, Einfluss auf die Politik „seiner&#8221; Partei zu nehmen.)</li>
<li>Die zentrale Organisation bringt weiterhin die Gefahr mit sich, dass sich eine riesige Schicht von bezahlten FunktionärInnen bildet, die der Arbeiterbewegung nicht nur auf der Tasche liegt, sondern sie auch noch beherrschen möchte. Mit der Zeit bildet sich eine völlig neue kleine Klasse &#8211; eine Kaste &#8211; die mehr an ihre eigenen Vorteile und ihre Karriere als an den Kampf der ArbeiterInnen denkt.</li>
<li>Daraus ergibt sich, dass die Partei im Falle einer Revolution notwendigerweise hinter den revolutionären Massen zurückbleiben muss. Wie ein zu klein gewordenes Hemd wird sie der Revolution nicht dienen, sondern sie lediglich einengen. Sie wird die Revolution nicht vorbereiten, sie nicht beginnen, sie nicht führen &#8211; sie wird ihr hinderlich sein und meistens nur daran denken, ihre Funktion, d.h. ihren Anspruch auf eine Führung, aufrechtzuerhalten. Im Übrigen haben wir bereits gesehen, dass das Wahlsystem ein simpler Betrug ist. Ein gefährlicher Selbstbetrug ist es aber, zu glauben, durch die Teilnahme an diesem Betrug das System abschaffen zu können.</li>
</ul>
<p class="vspace"><strong>War diese Kritik berechtigt?</strong></p>
<p class="vspace">Was die Sozialdemokratie betrifft, so können wir ein ungeheures Anwachsen des bürokratischen Apparates feststellen. In ihren Reihen waren um die Jahrhundertwende Millionen von ArbeiterInnen organisiert. 1912 war sie schon die stärkste Fraktion im deutschen Reichstag. Und was tat sie? Hat sie die soziale Revolution begonnen? Sie saß seelenruhig auf ihren Parlamentsbänken, hielt geschliffene Reden mit den bürgerlichen Politikern und trat noch immer für Lohnerhöhungen, bessere Wohnungen und dergleichen ein. Als Kaiser Franz-Josef den 1. Weltkrieg anzettelte, stimmten die Sozialdemokraten zu und sorgten dafür, dass die ArbeiterInnenschaft in den Krieg zog.</p>
<p class="vspace">Als sie nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie mehr aus Versehen und ohne es eigentlich gewollt zu haben, an die Macht kam, hatte sie ihre revolutionären Ziele längst aus dem Gedächtnis verloren. So wehrte sie sich mit allen Mitteln gegen die Einführung einer allgemeinen Räterepublik und verteidigte zäh die bürgerliche Ordnung. Gegen dieselben ArbeiterInnen, deren Interessen sie einst vertreten sollte, setzte die Partei Polizei und Militär ein. (33) Bis vor kurzem war die selbe SPÖ an der Macht. Wenn mensch es nicht überall lesen würde, mensch könnte es gar nicht merken: von Sozialismus keine Spur! Also: eines der ekelhaftesten Beispiele einer degenerierten ArbeiterInnenpartei. Auch für die andere Warnung der AnarchistInnen hat es eine bittere geschichtliche Bestätigung gegeben: die Partei der Bolschewiki. (34)</p>
<p class="vspace">Diese Partei, eine Abspaltung der russischen Sozialdemokratie, hatte zwar den Reformismus ihrer Mutterpartei kritisiert, aber die Organisationsform der Partei beibehalten. Sie erhob sich selber zur „Avantgarde des Proletariats&#8221; und war straff und autoritär organisiert. Ihr Ziel war es, unter ihrer Führung einen Aufstand zu beginnen, die Macht im Staat zu übernehmen und einen Sozialismus nach Marx&#8217;schem Muster einführen. (35) Von dem revolutionären Bewusstsein der ArbeiterInnen hielt die Partei nicht allzu viel. Ihr Führer, Wladimir Iljitsch Lenin, schreibt in seinem Buch „Was tun?&#8221;, dass der/die ArbeiterIn lediglich „trade-unionistisches&#8221; Bewusstsein (36) entwickeln könne, und dass für den politischen Kampf eine Avantgarde vorhanden sein müsse. Damit meinte er selbstverständlich seine eigene Partei.</p>
<p class="vspace">Als die Revolution im Februar 1917 in Russland begann, war diese Partei davon sehr überrascht. Sie hatte die ganze Bewegung verschlafen. Zunächst zog sie mit und kämpfte unter den gleichen Parolen „alle Macht den Räten&#8221; an der Seite der AnarchistInnen und Sozialrevolutionäre mir dem Volk für die Revolution. Das war nur ein taktischer Zug, die Bolschewiki warteten nur solange, bis sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten und wieder stark genug geworden waren. Dann zerschlugen sie erst einmal mittels ihres starken Apparates die anarchistischen und sozialrevolutionären Organisationen und machten dann Schritt für Schritt die Revolution wieder rückgängig. Die Räte wurden entmachtet, Polizei und Armee wieder aufgebaut, die Bürokratie hielt überall großen Einzug und eine neue Kaste reicher Funktionäre nistete sich in der Regierung ein. Die letzten Erhebungen gegen die Parteidiktatur wurden blutig niedergeschlagen (37), und nach knapp 20 Jahren unterlag ganz Russland der Diktatur eines einzelnen Mannes: Josef Stalins, der seinen Weg zur Macht mir den Leichen zehntausender seiner Parteigenossen gepflastert hatte. Von Sozialismus keine Spur, von Freiheit erst recht nicht. Auch heute noch lehnen die AnarchistInnen eine Parteiarbeit ab. Sie lenkt vom eigentlichen Ziel ab und ist nicht in der Lage, im Fall einer Revolution mir den revolutionären Massen Schritt zu halten. Sie ist ein Hemmschuh der Revolution. Dem Parteimodell setzen die AnarchistInnen eine Organisation revolutionärer ArbeiterInnen entgegen, die vom täglichen Kampf in den Betrieben kommt. Diese „Betriebskomitees&#8221; organisieren sich nach dem Räteprinzip und kämpfen für revolutionäre Ziele. Politische Tagesforderungen setzen sie spontan mit dem Mittel der direkten Aktion durch.</p>
<p class="vspace"><strong>Probleme der Avantgarde</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Revolutionäre haben die Verpflichtung, anderen zu helfen, ebenfalls Revolutionäre zu werden, aber nicht die Verpflichtung, Revolution zu &#8216;machen&#8217;. Und solche Aktivität ist nur möglich, wenn der Revolutionär oder die Revolutionärin zuerst bei sich selbst mit der Veränderung anfangen.&#8221;</em> (Murray Bookchin)</p>
<p class="vspace">Ein System von Betriebskomitees und Räten, ja selbst eine starke anarchosyndikalistische Bewegung reicht aber nicht aus, um eine Revolution effektiv vorzubereiten und durchzuführen: Es müssen Leute vorhanden sein, die sich in bestimmten Gebieten auskennen, die sich auf die Vorbereitung der Revolution konzentrieren, die Unternehmungen planen und durchführen können, ohne dabei auf ihre Arbeit oder ähnliche Verpflichtungen Rücksicht nehmen zu müssen. Vor allem in den Aufständen vor (und z.T. auch während) der spanischen Revolution sah mensch, dass dezentrale Räte in der vorrevolutionären Phase nicht die nötige Schlagkraft besaßen. Diese bittere Erfahrung haben die spanischen AnarchosyndikalistInnen machen müssen. Sie begannen wiederholt bewaffnete Aufstände gegen die Regierung, die nach anfänglichem Erfolg wegen der schlechten überregionalen Organisation blutig zerschlagen wurden (hier soll kein Zentralismus propagiert werden, aber es hat sich gezeigt, dass es notwendig ist, dass die revolutionären Aktivitäten der Räte aufeinander abgestimmt werden müssen, damit die Räte nicht zersplittert agieren und ihre Kräfte verzetteln). Je nachdem, wie stark der Terror des Staates ist, arbeitet die Avantgarde einer Revolution mehr oder weniger stark konspirativ (geheim). Konspiration bedeutet für die Anarchisten allerdings nicht, als selbsternannte Chefs der proletarischen Massen, diese zu putschistischen Abenteuern anzustiften. Bakunin nannte die konspirativen Organisationen, die er selbst mitbegründete, die „GeburtshelferInnen&#8221; der Revolution. Natürlich ist die Avantgarde nicht mit der Masse der RevolutionärInnen zu verwechseln, der revolutionären Armee, die aus dem Volke selbst kommt. „Die Armee muss immer das Volk sein&#8221;, nie kann und darf es diese Aufgabe an eine intellektuelle Minderheit abgeben. Diese Individuen müssen im revolutionären Kollektiv „aufgelöst&#8221; sein, dürfen also keine Autoritäten bilden. In „Staatlichkeit und Anarchie&#8221; beschreibt Bakunin eingehender die Rolle solcher Kader: „Diesen Schichten (gemeint sind: den ProletarierInnen) schließen sich aus der bürgerlichen Welt nur einige Individuen an, die der Klassen, der sie entstammen, den Rücken gekehrt und sich völlig den Interessen des Volkes angenommen haben, weil sie die gegenwärtige Ordnung, sei es nun die politische, soziale oder ökonomische, von ganzem Herzen hassen.&#8221; Bakunin spricht hier vornehmlich von Kadern aus der bürgerlichen Klasse; natürlich kommen auch sehr viele aus den Reihen des Proletariats, besonders während sehr revolutionärer Epochen; oft sind es aber tatsächlich hauptsächlich Personen aus dem Bürgertum, die ihren Klassen den Rücken kehren und zur Avantgarde werden. (Dies war vor allem zu Bakunins Zeiten der Fall, als die ArbeiterInnen und Bauernschaft täglich zwischen 12 und 16 Stunden arbeiteten. Wenn sie dann nach Hause kamen, hatten sie meist andere Sorgen, als Bücher zu lesen oder sich sonstwie geistig zu betätigen. Auch fehlte ihnen oft die finanzielle Möglichkeit, sich längere Zeit revolutionär zu betätigen. Woran es heute liegt, dass z.B. in Österreich meist Intellektuelle eine Avantgarde darstellen, ist ein vollkommen anderer Grund. Zum Teil liegt dies in der faschistischen Vergangenheit Österreichs begründet, die bewirkt, dass die Menschen durch die Massenmedien in einem total unpolitischen Zustand gehalten werden; Bürgerinitiativen werden verteufelt und die Illustrierten, die in Millionen Auflagen verkauft werden, bauschen unwichtige und unpolitische Kleinigkeiten immens auf). Aber zurück zur intellektuellen Avantgarde: „Diese Individuen sind nicht zahlreich, aber dafür wertvoll, natürlich unter der Bedingung, dass sie durch ihren Hass auf das Herrschaftsstreben der Bourgeoisie in sich selbst auch die letzten Überreste von persönlichem Ehrgeiz gelöscht haben &#8211; in diesem Falle, so wiederhole ich, sind sie wirklich wertvoll. Das Volk schenkt ihnen Leben, elementare Kraft und ein Aktionsfeld; als Gegenleistung bringen sie ihre positiven Kenntnisse mit, Methoden der Abstraktion und der Analyse, sowie die Kunst, sich zu organisieren, Allianzen zu bilden, die ihrerseits diese aufgeklärte, kämpferischen Kraft bilden, ohne die der Sieg unerreichbar bleibt.(…) Damit sie (die Kader) aber handeln, müssen sie vorhanden sein und dazu muss man sie vorbereiten und im Voraus organisieren, denn Sie wird nicht ganz von selbst entstehen &#8211; weder durch Diskussion, noch durch Auseinandersetzungen und prinzipielle Debatten, noch durch Volksversammlungen.&#8221; (Bakunin, gesammelte Werke Bd. 3, Seite 97)</p>
<p class="vspace"><strong>Und was ist nun die Funktion der Avantgarde in der Revolution?</strong></p>
<p class="vspace">Auch hierüber hat sich Bakunin schon sehr früh geäußert: „Sie lässt der revolutionären Bewegung der Massen ihre volle Entwicklung und ihren sozialen Aufbau von unten nach oben durch freiwillige Föderationen und die unbedingte Freiheit, aber sie wacht stets darüber, dass hierbei nie Autoritäten, Regierungen und Staaten wieder gebildet werden können und bekämpft jeden Ehrgeiz, seiner kollektiv oder individuell, durch den natürlichen, nie offiziellen Einfluss aller Mitglieder unserer Allianz &#8230;&#8221; (Spanische Brieffragmente, gesammelte Werke Band 3, Seite 103) Die Bewegung in der freien Ukraine oder die spanische Revolution hat beispielsweise in Nestor Machno oder Buenaventura Durruti (38) typische Kader dieser Prägung hervorgebracht. Nach den bitteren Erfahrungen der russischen Revolution ist diese anarchistische Konzeption der Avantgarde erneut aufgegriffen worden und hat ihre moderne Fassung erhalten. Rosa Luxemburg, Otto Rühle, Anton Pannekoek, Herman Gorter und Karl Korsch waren die bedeutendsten TheoretikerInnen dieser neuen Richtung. Ihre große Leistung war es, den traditionellen Anarchismus von lästigem Ballast und Dogmen, die sich bitter gerächt hatten, zu befreien und ihn gleichzeitig durch neue, lebendige Elemente aus dem Marxismus und durch Erfahrungen aus der russischen Revolution zu bereichern. Gorter sprach von Avantgarde, von Parteien, deren Verhältnis zu den Massen nicht in einem hierarchischen Führungsanspruch bestehen sollte, die also keine Organisation für das Proletariat sein sollte, die nicht die eigene Stärkung, sondern die der Klasse betreiben sollte. Hat das Volk erst einmal triumphiert und sich nach freiheitlichen Prinzipien organisiert, haben diese Avantgarden keine Funktion mehr, sie verschwinden. Diese Art der Avantgarde wirkt also wie in der Chemie ein Katalysator: d.h. sie macht die Revolution nicht selbst, sondern gibt in günstigen Gelegenheiten nur den Anstoß dafür. Hat die Revolution gesiegt, ist er überflüssig geworden.</p>
<p class="vspace"><strong>Philosophische Grundlagen des Anarchismus</strong></p>
<p class="vspace"><em>„ &#8230;Wenn der Mensch den Naturgesetzen gehorcht, so ist er doch keineswegs Sklave, da er nur Gesetzen gehorcht, die seiner eigenen Natur innewohnen, unter deren Voraussetzung er existiert und die sein ganzes Wesen ausmachen: Wenn er ihnen gehorcht, gehorcht er sich selbst. Und dennoch gibt es im Schosse dieser selben Natur eine Sklaverei, von der der Mensch sich freimachen muss, will er auf sein Menschentum nicht verzichten: Es ist die natürlich Welt, welche ihn umgibt und die man gewöhnlich die äußere Natur nennt. Es ist die Gesamtheit der Dinge, der Erscheinungen und der lebenden Wesen, die ihn beständig von allen Seiten umringen und entwickeln &#8211; allerdings könnte er ohne sie und außerhalb von ihnen keinen einzigen Augenblick leben &#8211; trotzdem scheinen sie sich gegen ihn verschworen zu haben, so dass er jeden Augenblick seines Lebens gezwungen ist, sein Dasein gegen sie zu behaupten. Der Mensch kann diese äußere Welt nicht entbehren, weil er nur in ihr leben und auf ihre Kosten sich nähren kann &#8211; und gleichzeitig muss er sich gegen sie schützen, weil diese Welt ihn immer vernichten zu wollen scheint.&#8221;</em></p>
<p class="vspace">Der moderne Anarchismus ist wie der Marxismus ein Kind der ArbeiterInnenbewegung, des kapitalistischen Systems, und ebenso wie der Marxismus baut der Anarchismus philosophisch auf dem Materialismus auf. Was ist Materialismus? Das Gegenteil von Idealismus, wird man sagen, und als IdealistInnen bezeichnet mensch für gewöhnlich Menschen, die sich mit ganzem Herzen und unter vielen Opfern für eine Sache einsetzen. Sind also MaterialistInnen Leute, die nur an ihren Vorteil denken, Geld scheffeln &#8211; EgoistInnen ?</p>
<p class="vspace">Wir müssen hier streng zwei ganz verschiedene Definitionen voneinander trennen, die nichts miteinander zu tun haben: Den volkstümlichen Begriff von Idealismus und Materialismus, den wir soeben beschrieben haben, und philosophischen Begriff. Den meisten ist dieser Unterschied nicht bekannt und sie werfen beide Erklärungen unentwegt durcheinander. Deshalb wollen wir hier ganz kurz (und sehr vereinfacht) auf diese Unterschiede eingehen. Der philosophische Begriff Idealismus &#8211; Materialismus dreht sich um die Frage: was bestimmt was &#8211; bestimmt das Sein (d. h. die Verhältnisse, in denen ein Mensch lebt) das Bewusstsein, oder ist es umgekehrt? Anders ausgedrückt: sind das Leben, der Mensch, seine Gedanken, aus einer langen geschichtlichen Entwicklung entstanden, oder sind sie Produkt einer allmächtigen „Idee&#8221;, einer höheren Kraft, die a priori (also unabhängig vom menschlichen Individuum) existiert? (39).</p>
<p class="vspace">Überträgt mensch beide Systeme auf das menschliche Zusammenleben, so stellt sich die Frage etwas anders: sind unsere Ideen, unsere Handlungen und Aktionen von einer „Idee&#8221;, von einem idealen Ziel, dass Gott oder wer auch immer gestellt hat, geleitet, entwickelt es sich zwangsläufig zu einem Idealzustand hin (wie z.B. „das Paradies&#8221;, „vollkommener Mensch&#8221;, „das Gute, Schöne&#8221;, „die Harmonie&#8221; o.ä.), oder aber ist es die Vorstellung der Menschen und damit die Geschichte abhängig von der Umwelt, von den ökonomischen Verhältnissen einer Bestimmten Epoche, von der Entwicklung der Technik und der Wissenschaft, vom Stand der sozialen Kämpfe?</p>
<p class="vspace">Für den anarchistischen Denker Bakunin ist der Mensch (zwar nicht ausschließlich), aber überwiegend von den materiellen Umständen abhängig. Hat ein Kind z.B. arme Eltern, wächst es in einer aggressiven und brutalen Umwelt auf, lernt und sieht es schon frühzeitig, dass es, um zu überleben, Gewalt anwenden, stehlen, sich wehren muss, so wird es sich vollkommen anders entwickeln, als wenn es in einem wohlbehüteten, reichen Elternhaus aufwüchse, keinen Mangel an lebenswichtigen Gütern kannte, und z.B. als frommer Christ erzogen werde. So schreibt z.B. Bakunin zur Auseinandersetzung Idealismus &#8211; Materialismus: „Wer hat Recht, die Idealisten oder die Materialisten? Wenn die Frage erst einmal so gestellt ist, wird ein Zaudern unmöglich: Ohne jeden Zweifel haben die Idealisten unrecht und nur die Materialisten recht. Jawohl, das Ideal ist, so wie Proudhon sagt, nur eine Blume, deren Wurzeln die materiellen Existenzbedingungen bilden. Jawohl, die ganze geistige, moralische, politische und soziale Geschichte der Menschheit ist eine Reflex ihrer wirtschaftlichen Geschichte.&#8221;</p>
<p class="vspace">Trotzdem hat der materialistische Standpunkt auch seine Tücken, weil in ihm nämlich die Gefahr einer verhängnisvollen Diffamierung liegt: Viele Leute meinen, wenn doch die Geschichte nach Gesetzmäßigkeiten ablaufe, wenn die Ideen der Menschen von ihrer Umwelt abhängen, so könne mensch ja sowieso nichts tun, denn alles werde ja „von alleine&#8221;. Diese Meinung war seit Ende des vorigen Jahrhunderts in der Sozialdemokratie sehr verbreitet: „Wir brauchen ja keine Revolution mehr zu &#8216;machen&#8217;, sondern nur auf sie zu warten, denn nach den historischen materialistischen Gesetzmäßigkeiten kommt sie ja ganz von alleine.&#8221; Diese revisionistische Haltung (40) hat mit der materialistischen Anschauung von Marx nichts mehr gemein. Im Gegenteil nähert sie sich wieder stark dem Idealismus, in dem sie nämlich den „geschichtlichen Prozess&#8221; ähnliche Funktionen wie dem lieben Gott zukommen lässt: Von ihm erwartet mensch sich das Heil bzw. die Revolution.</p>
<p class="vspace">Dieser Anschauung liegt der Fehler zugrunde, dass die Wechselbeziehung zwischen dem menschlichen Willen, der ohne Zweifel von seiner Umwelt geformt wird, und der Umwelt selbst vernachlässigt wird; beide beeinflussen einander gegenseitig (= dialektische Beziehung): Mein Wille setzt sich in die Tat um, und diese Tat beeinflusst, wenn auch in kleinem Masse, meine Umwelt, denn diese Umwelt ist ja (vom zwischenmenschlichen Standpunkt her gesehen) nichts weiters als die Summe aller Taten aller Menschen.</p>
<p class="vspace">Der Materialismus verneint also den Willen nicht, sondern erklärt ihn. Die PhilosophInnen bis zum Beginn der Neuzeit sahen den Menschen immer von einer über ihm stehenden Macht bestimmt &#8211; sei es einer der Ideen, der allgemeinen Vernunft oder Gottes. Menschliche Theorie war immer Spiegelfeld göttlicher Theorie, d.h. geistiger Anschauung, deren Übermacht alles bestehende vorherbestimmte. Erst etwa Ende des 18. Jahrhunderts entdeckten sie die Macht des Bewusstseins und die gestaltende Tätigkeit des menschlichen Subjekts. Auf dem Höhepunkt dieser philosophischen Entwicklung kam es zu einer nie dagewesenen Verkündung der Freiheit des menschlichen Geistes, „wobei Freiheit nicht nur als sittliches Moment begriffen (wurde), sondern als souveränes (41) entwerfen können von Welt und Seienden, die zum bloßen Material der Tätigkeit des autonomen Subjekts herabsehen kann.&#8221;</p>
<p class="vspace">Das politisch-sozialökonomische Engagement darf deshalb nicht so sehr in der Reflexion und Meditation, als vielmehr in der Revolte (sowohl der geistigen wie der tätigen) zum Ausdruck kommen. „Weg mit allen religiösen und philosophischen Theorien! Sie sind nur eine Lüge die Wahrheit ist keine Theorie, sondern die Tat, des Lebens selbst.&#8221; (Bakunin) „Welt und Mensch werden fortan nicht mehr nur interpretiert, sondern qualitativ verändert&#8221;, wie Bakunin und Marx übereinstimmend fordern. Die antimetaphysische Philosophie der Tat Bakunins stellt sich als oberste Aufgabe die vollständige Humanisierung der wirklichen Lage aller wirklichen Individuen, die auf der Erde geboren werden, leben und sterben.</p>
<p class="vspace"><strong>Notizen:</strong></p>
<p class="vspace"><small>(1) Ausbeutung nennt man, vereinfacht gesagt, die Tatsache, dass der Fabrikbesitzer für einen Gegenstand, für den er z.B. 4.- € für Material und Unkosten bezahlt und für dessen Herstellung er dem Arbeiter 8.- € gibt, 25.- € auf dem Markt dafür einnimmt. Er hat daher die Arbeitskraft des Arbeiters um 13.- € ausgebeutet. Entfremdung nennen wir die Arbeitsbedingungen in der modernen Industrieproduktion und die durch sie auftretenden Reaktionen beim Menschen: z.B. eintönige Fliessbandarbeit, unangenehme Arbeit; sowie die Tatsache, dass die Arbeiter nie einen Gegenstand selbst vollständig herstellen können, d.h. sie im Grund nicht wissen, was und wofür sie eigentlich produzieren.</small></p>
<p class="vspace"><small>(2) „Freie Vereinbarung&#8221; und „Gegenseitige Hilfe&#8221; sind Begriffe, die Peter Kropotkin geprägt hat und auf die wir im Kapitel „Kropotkin&#8221; noch näher eingehen werden. Zentraler Punkt bei diesen Begriffen ist die freie Willensentscheidung des Menschen und die Solidarität der Menschen untereinander.</small></p>
<p class="vspace"><small>(3) Repressives Chaos bedeutet, dass das System den Menschen unterdrückt (Repression) und nicht fähig ist, eine menschliche Ordnung herzustellen. Vielmehr bringt dieses System regelmäßige Hungersnöte, Kriege und Wirtschaftskrisen mit sich, sowie eine Verschwendung und ungerechte Verteilung der Güter Das bezeichnen wir als Chaos, Unordnung.</small></p>
<p class="vspace"><small>(4) Um einen Eindruck von der breiten anarchistischen oder anarchistisch beeinflussten Literatur zu bekommen, möchten wir darauf hinweisen, dass z.B. Autoren wie George Orwell, B. Traven, Martin Buber, Jules Verne oder Leo Tolstoi entweder Anarchisten waren oder aber stark zum Anarchismus tendierten. In der Kunst (auch Literatur) finden wir u.a. im Dadaismus starke anarchistische Einflüsse.</small></p>
<p class="vspace"><small>(5) Daniel Guérin: Anarchismus, Begriff und Praxis; Edition Suhrkamp Nr. 240, Frankfurt 1967</small></p>
<p class="vspace"><small>(6) Gemeint ist der Thron des Zaren, des Herrschers aller Russen</small></p>
<p class="vspace"><small>(7) Produktionsmittel sind die zur Herstellung von Waren verwendeten Rohstoffe. Geräte. Maschinen und Gebäude.</small></p>
<p class="vspace"><small>(8) Kolonialismus ist das Bestreben eines Landes andere Länder zumeist in Afrika. Asien und Südamerika unter dem Vorwand der Zivilisierung zu erobern und auszubeuten. Früher nannte man dies Länder Kolonien; heute im Neokolonialismus nennt man sie Handelspartner. Imperialismus ist die Absicht eines Landes, andere Länder zu unterwerfen und von sich wirtschaftlich und politisch abhängig zu machen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(9) Wir sind der Ansicht, dass die Moral, die uns täglich in sexuellen Dingen begegnet weder natürlich, noch zufällig ist. Die Kleinfamilie ist ein kleines Abbild des Staates und dessen Keimzelle und wird daher von ihm geschützt. Wir meinen, dass die freie sexuelle Entfaltung Voraussetzung für freie Menschen ist.</small></p>
<p class="vspace"><small>(10) Errico Malatesta,1853-1952, italienischer Anarchist. In Italien organisierte er mehrere Bauernaufstände, traf mir Kropotkin in der Schweiz zusammen, lebte lange Jahre in London im Exil. Malatesta verkörpert den Typ des Anarchisten, der für einen konsequenten Klassenkampf und eine verbindliche Organisation des Anarchismus eintritt.</small></p>
<p class="vspace"><small>(11) Institutionen sind Einrichtungen mit bestimmten Funktionen in der Gesellschaft, also z. B. die Polizei, Ämter, die Regierung, die Kirche, Parteien usw.</small></p>
<p class="vspace"><small>(12) Monarchie: Regierung eines Königs. Kaiser oder Fürsten, von niemandem gewählt Republik: Staatsform, in der eine gewählte Regierung den Staat führt. Kommt von „res publica&#8221; (lat.) die öffentlichen Interessen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(13) Legal: Gesetzmäßig, im Rahmen der bestehenden Gesetze, also im Interesse der Herrschenden. Daloz, der Verfasser der „Französischen Gesetzessammlung&#8221;, schreibe „Wenn Unverstand im Schosse der Gesellschaft herrscht, Unordnung in den Geistern, werden die Gesetze zahlreich, die Menschen erwarten alles von der Gesetzgebung und jedes Gesetz wird eine neue Ursache der Unzufriedenheit; sie ist fortwährend bestrebt, von der Gesetzgebung das zu verlangen, was nur von ihnen selbst, ihrer eigenen Bildung, ihrer eigen Moralität entspringen kann.&#8221;</small></p>
<p class="vspace"><small>(14) Radikal bedeutet „von der Wurzel her&#8221; (lateinisch: radix = Wurzel). Eine radikale Lösung ist daher eine Lösung, die ein Problem gründlich und nicht oberflächlich löst, indem sie z.B. die Ursachen eines Missstandes beseitigt und nicht nur die Erscheinungsformen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(15) Polemisch= eine Form der Auseinandersetzung, bei der durch Übertreibung, Gleichnisse und Witz eine gegenteilige Meinung bekämpft wird.</small></p>
<p class="vspace"><small>(16) Guérin: „Anarchismus und Marxismus&#8221;, Verlag Freie Gesellschaft, Frankfurt</small></p>
<p class="vspace"><small>(17) Avantgarde = Elite; Wegbereiter der Revolution; vergl. entsprechendes Kapitel 5. INTRIGEN = hinterhältige Fallen und Winkelzüge in einer Auseinandersetzung</small></p>
<p class="vspace"><small>(19) Als Kleinbürgertum bezeichnen wir diejenige Schicht, die zwischen dem Bürgertum und dem Proletariat steht, also gehobene Angestellte, KleinhändlerInnen und Beamte.</small></p>
<p class="vspace"><small>(20) Agitation = politische Information, Bewusstmachung und Aktivierung von bisher unpolitischen Menschen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(21) Vgl. „Mensch und Sozialismus in Kuba&#8221; von Ernesto „Che&#8221; Guevara, Trikont-Verlag, München; „Die verdammten dieser Erde&#8221; von Frantz Fanon, rororo aktuell Nr. 1209 und „Meine Katalonien&#8221; von George Orwell, Diogenes-Verlag 1976.</small></p>
<p class="vspace"><small>(22) Nikolai Bucharin, russischer Kommunist, Mitglied der Bolschewiki, war einer der führenden Theoretiker und gleichzeitig Agitator Lenins. In den zwanziger Jahren gehörte Bucharin zur Opposition gegen Stalin und trat innerhalb der „Arbeiteropposition&#8221; für eine Demokratisierung und für mehr Rechte des Proletariats in Russland ein. Von einem Sondergericht zum Tode zu verurteilt und erschossen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(23) vgl. hierzu Rattner, „Aggression und menschliche Natur&#8221;, Fischer-Taschenbuch Nr.6173; Anro Plack, „Die Gesellschaft und das Böse&#8221;, List, München 1968; Artur Janov, „Der Urschrei&#8221;, Fischer 1972; ,&#8221;Anarchistische Blätter Zürich&#8221; 7173, Gruppe James Guillaume , Zürich und „Kultur zwischendurch&#8221; 47 und 59, Revolutionsbräuhof (RBH), Wien</small></p>
<p class="vspace"><small>(24) Ethnologie = die Lehre von den Völkern, Völkerkunde-</small></p>
<p class="vspace"><small>(25) Relative Verelendung bedeutet, dass der Lebensstandard der ArbeiterInnen steigt, aber viel langsamer als der der Kapitalisten; während sich der Gewinn eines Kapitalisten z.B. in zehn Jahren verzehnfacht, ist der Lohn eines/einer ArbeiterIn nur um die Hälfte gestiegen; er ist also im Vergleich zum Kapitalisten ärmer statt reicher geworden. Diese relative Verelendung darf man nicht mit der Absoluten Verelendung verwechseln. Diese bedeutet, dass einE ArbeiterIn weniger Lohn bekommt als früher.</small></p>
<p class="vspace"><small>(26) Mehrwert ist die Differenz zwischen dem Verkaufspreis und dem Produktionspreis einer Ware. Kostet z.B. eine Ware 20.- € Material und 10.- € Lohn und wird sie für 70.- € verkauft, so beträgt der Mehrwert 40.- €. Der Mehrwert ist also die Geldform der Ausbeutung, den der Kapitalist einsteckt, ohne dafür zu arbeiten.</small></p>
<p class="vspace"><small>(27) Als Monopol bezeichnet mensch den alleinigen Anspruch auf etwas; so ist z. B. die Steuer, ebenso wie die Justiz das Monopol des Staates und die Presse schon beinahe das Monopol des Herrn Dichand.</small></p>
<p class="vspace"><small>(28) Vgl. Charles Bettelheim „Über das Fortbestehen des Warenverhältnisses in den &#8216;sozialistischen&#8217; Ländern&#8221;. Merve Verlag. Berlin. Internat. Marxist. Diskussion Nr.1.</small></p>
<p class="vspace"><small>(29) Der abstrakte menschliche Forschungsdrang darf erst dann so große Summen verschlingen, wenn Not und Elend auf der Welt aufgehört haben zu existieren.</small></p>
<p class="vspace"><small>(30) Vgl. Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch&#8221;. Sammlung Luchterhand.</small></p>
<p class="vspace"><small>(31) Unter Reformistisch bezeichnet man die politische Strömung, die versucht, innerhalb der Grenzen des Systems (und ohne die Gesellschaft von Grund auf zu ändern) ein menschliches Systems aufzubauen. Reformistisch ist also das Gegenteil von radikal; sie will das System durch kleine Veränderung umwandeln.</small></p>
<p class="vspace"><small>(32) Ferdinand Lassalle, gründete 1863 den „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein&#8221;, aus dem später die SPD hervorging. Er war zwar von Marx beeinflusst und arbeitete mit ihm zusammen, aber sein Sozialismus hatte starke nationale Anflüge (So strebte er z.B. auch im Gegensatz zu Marx ein sozial und demokratisch ausgerichtetes Königtum an). Ihm sind die Grundlagen für die starken deutschen Gewerkschaften zu verdanken.</small></p>
<p class="vspace"><small>(33) Vgl. auch: „Geschichte. Weimarer Republik subversiv&#8221;. Verlag Roter Stern. Frankfurt 1973.</small></p>
<p class="vspace"><small>(34) Die russische Sozialdemokratie spaltete sich auf ihrem Londoner Parteitag 1903 in eine Mehrheitsfraktion, die Bolschewiki und eine Minderheitenfraktion, die Menschewiki. Die erstere war die Partei Lenins, letztere war sozialdemokratisch eingestellt.</small></p>
<p class="vspace"><small>(35) Eine solche Haltung, in der eine kleine, meist intellektuelle Minderheit einen Aufstand anzettelt, nennt mensch putschistisch (womit nicht gesagt ist, dass die Revolution 1917 ein Putsch war!).</small></p>
<p class="vspace"><small>(36) Trade-Union ist das englische Wort für Gewerkschaft. Lenin meint damit, dass der Arbeiter lediglich am Achtstundentag und Lohnerhöhung interessiert ist und nicht an weitergreifenden gesellschaftsverändernden Zielen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(37) Gemeint sind die Ukraine und Kronstadt</small></p>
<p class="vspace"><small>(38) Buenaventura Durruti, legendärer anarchistischer &#8220;Stadtguerilla&#8221; und späterer Heerführer gegen die Franco-Truppen. Eine Biographie Durrutis mit vielen eindrucksvollen Beschreibungen über die Schwierigkeiten des spanischen Bürgerkriegs ist im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, erschienen: Hans Magnus Enzensberger &#8220;Der kurze Sommer der Anarchie&#8221; zu dem Kaderproblem vergleiche auch P. Arschinoff: &#8220;Die Machno Bewegung&#8221;, Kramer Verlag, Berlin und &#8220;Nacht über Spanien &#8211; Anarchosyndikalisten in Revolution und Bürgerkrieg 1936-1939&#8243;. Verlag Freie Gesellschaft. Frankfurt 1975</small></p>
<p class="vspace"><small>(39) In dieser Fragestellung kommt die Gegensätzlichkeit zwischen Wissenschaft und Metaphysik zum Vorschein.</small></p>
<p class="vspace"><small>(40) Revisionistisch: revidieren = überprüfen, ändern; gemeint ist Marx&#8217; Revolutionstheorie. Als Hauptvertreter des Revisionismus in der Sozialdemokratie Ende des vorigen Jahrhunderts gilt vor allem Eduard Bernstein. Hauptmerkmal ist die Hinwendung zu Reformen und die Leugnung der Notwendigkeit der Revolution. Kautsky erhob zwar noch den Anspruch, auf der Grundlage des Klassenkampfes zu stehen, deckte jedoch in der Realität die Handlungsweise seiner Partei, die sich mehr und mehr reformistisch verhielt Bernstein dagegen forderte ihn auf, konsequent zu sein, den Klassenkampf (den er für überholt hielt), abzulehnen und sich für Wahlen, Parlamentarismus und Sozialreformen einzusetzen. Für ihn bedeutete &#8220;Das Endziel nichts, die Bewegung alles&#8230;&#8221;</small></p>
<p class="vspace"><small>(41) Selbständiges, unabhängiges Handeln</small></p>
<p class="vspace"><em>Originaltext: <a title="http://www.rebellion.ch" rel="nofollow" href="http://www.rebellion.ch/" target="_blank">www.rebellion.ch</a> (Änderung: neue Rechtschreibung)</em></p>
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		<title>Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 07:48:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenn der Entwurf der neuen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten von Menschen gemacht wird, die noch der alten Gesellschaft angehören, wird dieses Modell immer dem Keim des Alten in sich tragen, der mit der Zeit wieder hervorbrechen und das Neue überwuchern kann. Demnach ist es für eineN RevolutionärIn, der diesen Zusammenhang kennt, geradezu ein Verbrechen, einen genauen „Fahrplan" für die Revolution und die neue Gesellschaft auszuarbeiten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-79"></span><strong>Die freie Gesellschaft</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Wer die Freiheit anders besitzt als das zu Erstrebende, der besitzt sie tot- und geistlos, denn der Freiheitsbegriff hat ja gerade die Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampfe stehenbleibt, und sagt: jetzt hab&#8217; ich sie! &#8211; so zeigt er eben dadurch, dass er sie verloren hat.&#8221; (Proudhon)</em></p>
<p class="vspace">Die Grundprinzipien der freien Gesellschaft, die die AnarchistInnen anstreben, haben wir schon grob umrissen. Wir werden weiter unten auch noch sehen, wie die AnarchistInnen die einzelnen Probleme verwirklichen wollen. Auch können wir beurteilen, wie sich diese Vorstellungen in der Praxis bewährten oder versagten. Eine freie Gesellschaft kann nur aus freien Menschen entstehen. Die Menschen heute aber sind nicht frei. Sie sind nicht frei erzogen, können nicht frei denken, sind, mit einem Wort, fast gänzlich von den Wertvorstellungen dieser Gesellschaft durchtränkt. Das äußert sich entweder in ihrem Bewusstsein oder in ihrem Unterbewusstsein. Hiervon können wir AnarchistInnen uns selbstverständlich nicht ausnehmen.</p>
<p class="vspace">Welche Schlüsse müssen wir nun daraus ziehen? Wenn der Entwurf der neuen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten von Menschen gemacht wird, die noch der alten Gesellschaft angehören, wird dieses Modell immer dem Keim des Alten in sich tragen, der mit der Zeit wieder hervorbrechen und das Neue überwuchern kann. Demnach ist es für eineN RevolutionärIn, der diesen Zusammenhang kennt, geradezu ein Verbrechen, einen genauen „Fahrplan&#8221; für die Revolution und die neue Gesellschaft auszuarbeiten.</p>
<p class="vspace">Dennoch wird es den AnarchistInnen fast überall als Schwäche ausgelegt, dass sie keine Patentrezept bereithalten. In seiner Schrift „Worte an die Jugend&#8221; beschreibt Bakunin diesen Konflikt folgendermaßen: „Wir kennen auch solche, die aufrichtige Pläne zu einem besseren Leben aussinnen. Sie wissen gut, dass man für keine Änderung, die der Regierung nicht gefällt, ihre Zustimmung erlangen kann. Sie wissen, dass die Vorteile der Regierung denen des Volkes absolut entgegengesetzt sind. Sie begreifen, sie wissen, dass man mit Gewalt alles nehmen müsse &#8230; Dennoch ersinnen sie solche Pläne, der Teufel weiß für wen und wozu. Da sie ihr Material aus den bestehenden widerwärtigen Verhältnissen schöpfen, so ist das Resultat stets dasselbe ekelhaftes Zeug.&#8221; Wenn also etwas vollständig Neues entstehen soll, so kann es nur dann Wirklichkeit werden, wenn wir das Alte vollständig überwunden haben. Bakunin nennt diesen Zustand „Amorphismus&#8221; (Formlosigkeit).</p>
<p class="vspace">Das heißt z.B. dass wir die hergebrachten Formen des Denkens überwinden müssen, dass wir alte Lebensweisen durch neue ersetzen, dass wir Staat, Kapital, Kirche, Bürokratie, Armee und Polizei vollständig abschaffen müssen, bevor wir uns an die Erschaffung neuer Lebensformen heranmachen, und das bedeutet auf gar keinen Fall, wie unsere Widersacher behaupten, dass Fabriken, Häuser, ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, und alle „Nicht-AnarchistInnen&#8221; umgebracht werden müssen!</p>
<p class="vspace">Wie aber können wir so tiefgreifende Veränderungen bewirken? Eine Revolution wird natürlich nicht von alleine kommen. Zu ihrer Durchsetzung gehört eine mächtige Bewegung der unterdrückten Schichten gegen ihre Unterdrücker. Diese Bewegung muss durch Aufklärung, Agitation (20) und erfolgreiches revolutionäres Handeln verbreitet werden. Da die Herrschenden noch nie freiwillig auf ihre Vorrechte verzichtet haben, wird es zu Kämpfen kommen &#8211; ob blutig oder nicht, sei dahingestellt.</p>
<p class="vspace">Durch viele Beispiele, sowohl aus persönlichen Erfahrungen wie aber auch durch geschichtliche Beispiele von Befreiungskämpfen ganzer Völker wissen wir, dass im revolutionären Kampf, unter ganz bestimmten Bedingungen, in denen Solidarität, Organisation und gegenseitige Hilfe notwendig sind, der neue Mensch und die Urformen der neuen Gesellschaft geboren werden. Um nur ein Beispiel zu nennen, sind die „Räte&#8221; nicht von gelehrten TheoretikerInnen erfunden, oder in Büchern entdeckt worden, sondern haben sich stets aufs Neue in den Klassenkämpfen entwickelt. Dieser Kampf ist der Moment, in dem der einzelne Mensch zum ersten mal das Gefühl der gemeinsamen Stärke spürt, und dass anerzogene Verhaltenswerten wie Konkurrenzdenken, Profitsucht, Geltungsbedürfnis, Besitzstreben, Egoismus, usw. Teil seiner Unterdrückung waren und vor der konkreten Möglichkeit einer freien Gesellschaft unsinnig werden. Wir können zwar theoretisch erklären, aber wohl kaum nachempfinden, welche kollektive Solidarität z.B. 1871 in Paris, 1917 in Petersburg, 1921 in Kronstadt, 1936 in Barcelona, 1956 in Algerien oder 1960 in Kuba herrschten (21).</p>
<p class="vspace">Die Frage, die sich hier stellt, ist: „Ist denn der Mensch von seiner Natur her überhaupt fähig, als freier Mensch in einer freien Gesellschaft zu leben? Hat nicht vielmehr sie Tatsache, dass es trotz vieler Ansätze heute noch immer keine ‚anarchistische&#8217; Gesellschaft gibt, das Gegenteil bewiesen?&#8221;</p>
<p class="vspace">Beginnen wir mit der letzten Frage. Sie ist, wenn man sich die Hintergründe des Untergangs anarchistischer Gesellschaften vor Augen hält, einigermaßen zynisch. Die freiheitlichsten Experimente sind allesamt unter dem Kugelhagel und der blutigsten Unterdrückung ihrer Feinde vernichtet worden &#8211; entweder von den kapitalistischen oder von den „kommunistischen&#8221; Truppen. Dies alles hat mit der menschlichen Natur und ihrer Fähigkeit, frei zu sein, herzlich wenig zu tun. Vor allem beweist es in gar keiner Beziehung, dass der Mensch in Gesellschaften wie im nicht frei sein könne! Ganz im Gegenteil werden wir sehen, dass revolutionären Spanien oder in der freien Ukraine trotz ihrer denkbar ungünstigen Bedingungen bereits wichtige erfolgreiche Schritte in Richtung einer freien Gesellschaft getan wurden.</p>
<p class="vspace">Was die erste Frage angeht, so wissen wir, dass uns einige WissenschaftlerInnen und VerhaltensforscherInnen vorrechnen, dass Besitz, Unterdrückung, Aggression, ja sogar kapitalistische Produktionsweisen „angeborene Triebe&#8221; seien. Nikolai Bucharin (22) schreibt in seinem Buch „Theorie des historischen Materialismus&#8221;: „Für die bürgerlichen Gelehrten ist das Huhn, das ein Korn pickt, Imperialist, denn es ‚annektiert&#8217; das Korn (&#8230;) so müssen die bürgerlichen Wissenschaftler in ihrer Not immer wieder auf das imperialistische Huhn oder den kapitalistischen Affen zurückgreifen. Dieses Beispiel illustriert zur Genüge das jämmerliche Niveau, auf dem sich unsere ‚Wissenschaft&#8217; bewegt.&#8221;</p>
<p class="vspace">In der Tat: fragen wir uns doch einmal, wem denn diese Art von Wissenschaft, die sich „objektiv&#8221; nennt, dient? Es hat nie eine andere offizielle Wissenschaft gegeben, als gerade die, die dem System, das sie bezahlt, auch nützt. Haben nicht im Mittelalter, in einer vom kirchlichen Aberglauben geprägten Welt, die „objektiven&#8221; Wissenschaftler feierlichst behauptet, die Erde sei eine Scheibe, um die sich die Sonne drehe, und je der, der etwas anderes behaupte, sei mit dem Teufel im Bunde? Mussten nicht in der Sowjetunion Biologen, die eine andere Vererbungslehre, als die dem System genehme, vertraten, nach Sibirien in die Verbannung geschickt? Bezieht nicht die Psychologie all ihr empirisches Grundlagenmaterial aus der Masse der Menschen, die in diesem System bereits erzogen, „erkrankt&#8221;, mit einem Wort: verdorben worden sind? An diesen Menschen haben Gelehrte „Gesetzmäßigkeiten&#8221; beobachtet, sie beschrieben und sie mir nichts dir nichts das Vorgefundene zum unumstößlichen Naturgesetz erhoben, das Kranke und Deformierte also zum Natürlichen erklärt. Weiters ist bekannt, dass sich die wissenschaftlichen Schulen untereinander sehr über ihre Ergebnisse streiten &#8211; so z. B. über die Herkunft der Aggression (23).</p>
<p class="vspace">Seltsamerweise wird auch immer diejenige Schule, die den Machtverhältnissen am meisten widerspricht, (so z.B. die psychologische Schule Wilhelm Reichs oder die Sexpol-Bewegung in den 20er Jahren) heftig beschimpft, verfolgt und zum Teil sogar kriminalisiert. Verwundert es da noch, dass linke WissenschaftlerInnen, wie Peter Kropotkin z.B., der lange Jahre als Naturwissenschafter und Geograph bekannter als als anarchistischer Theoretiker war, zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als die offizielle Wissenschaft? Kropotkin, der mit die ersten Forschungsstudien über das Verhalten sibirischer Tiere durchführte, stellt in seinem Werk „Gegenseitige Hilfe&#8221; beispielsweise fest, dass das Prinzip der gegenseitigen Hilfe im Tierreich mindestens ebenso stark verbreitet ist, wie das Konkurrenzprinzip, wenn es dieses nicht gar überdeckt. Ganz und gar klar wird die wissenschaftliche Parteilichkeit, wenn wir uns betrachten, wo allgemein anerkannte Wissenschafter, wie, um nur einen herauszugreifen, Konrad Lorenz, der zum Liebling aller Autoritären geworden ist, politisch stehen &#8211; nämlich rechts.</p>
<p class="vspace">Diejenige Sache aber, die die gelehrten Herren Anhänger des Kapitalismus schier zur Verzweiflung bringt, sind jene bösen Naturvölker, die doch tatsächlich anders leben, als es die Wissenschaft für möglich erklärt. Uns sind nämlich sehr wohl Völker mit zum Teil recht hoher Kultur bekannt, die weder die Ehe noch das Geld, weder Besitzdenken noch Aggression, weder Kriege noch Herrschaft kennen. Jeder, der sich mit Ethnologie (24) beschäftigt hat, wird das bestätigen können. Das soll jedoch nicht heißen, dass die AnarchistInnen die Rückkehr in den Urwald fordern. Ganz im Gegenteil, wir werden noch sehen, dass die anarchistischen Theorien, ganz bewusst die technischen Möglichkeiten unserer Gesellschaft in ihr Modell einbeziehen. Hier wollten wir jedoch nur eines zeigen: Hüten wir uns davor, der Wissenschaft blind zu vertrauen! Hüten wir uns davor, das Vorgefundene für das Natürliche und einzig Mögliche zu halten!</p>
<p class="vspace">Gewöhnen wir uns vielmehr daran, unsere Phantasie zu schulen und uns das, was man uns von klein auf als Unmöglich dargestellt hat, vorzustellen und zu verwirklichen. Dann werden wir merken: Auch der Anarchismus ist nicht utopisch. Genau das war mit jener Wandparole gemeint, die im Mai 1968 überall auftauchte: „Sei realistisch &#8211; fordere das Unmögliche!&#8221; Sehen wir uns also in den folgenden Kapiteln an, wie sich AnarchistInnen das „Unmögliche&#8221; vorstellen.</p>
<p class="vspace"><strong>Ökonomisches System</strong></p>
<p class="vspace">Es versteht sich von selbst, dass das ökonomische (wirtschaftliche) System einer neuen Gesellschaft anders aussehen muss, als das kapitalistische, welches wir jetzt haben. In dieser Hinsicht ist die Analyse und die Kritik des kapitalistischen Produktionssystems der Anarchisten fast gleichwertig mit dem der Kommunisten. Tatsächlich hat Marx&#8217; gute und tief gehende Analyse der Wirtschaft die anarchistische Theorie entscheidend beeinflusst, und auch heute noch gelten die wichtigsten der Marx&#8217;schen Prinzipien.</p>
<p class="vspace">So wissen wir, dass das Kapital sich in den Händen weniger Kapitalisten mehr und mehr akkumuliert (anhäuft) und so zur Bildung von Monopolen führt, die zentral die ganze Wirtschaft kontrollieren. Die Folge davon ist eine relative Verelendung (25) der ArbeiterInnen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem beruht auf dem Prinzip der Ausbeutung und des Mehrwerts (26) und bringt nach dem Schema „Lohn-Preis-Profit&#8221; immer mehr Ungerechtigkeit und soziales Elend mit sich. Des weiteren kann der Kapitalismus aus logischen Gründen (die wir hier nicht alle entwickeln können) das regelmäßige Auftreten von großen Wirtschaftskrisen nicht verhindern. Diesen Krisen fallen gewöhnlich Tausende von ArbeiterInnen, nie aber die Reichen zum Opfer. Auch in Österreich hat es bekanntlich eine Reihe solcher Krisen gegeben und es wird sie auch wieder geben.</p>
<p class="vspace">Weiters wird der/die ArbeiterIn aus Gründen der Kostenersparnis gezwungen, langweilige, ermüdende oder gefährliche Arbeit zu leisten, zu der er/sie keine Beziehung hat und die er/sie für andere macht. Das nennen wir Entfremdung. Zwar geht es dem/der ArbeiterIn heute nicht mehr so schlecht wie früher, aber wir dürfen nicht vergessen, dass der gesamte Wohlstand der westlichen Welt auf der hemmungslosen Ausbeutung der Völker Asiens, Afrikas und Südamerikas beruht. Um es krass zu sagen: Wir können unsere Dose Ananas nur deshalb so billig kaufen, weil irgendwo in Sri Lanka Menschen verhungern. In den bisher geschilderten Punkten sind sich MarxistInnen und AnarchistInnen einig. Wie aber steht es mit den Gegenvorschlägen?</p>
<p class="vspace">Schon Marx und Bakunin haben sich hierüber gestritten. Marx strebte eine zentrale Organisation der Produktion an. Ein Stab von Ingenieuren sollte für den ganzen Staat, der das Bank- und Produktionsmonopol (27) hat, bestimmen, was produziert wird und was nicht. Marx sprach vom geordneten und disziplinierten „Arbeiterarmeen&#8221;.</p>
<p class="vspace">Die AnarchistInnen traten dagegen für ein völlig anderes Wirtschaftssystem ein. Es sollte vor allem zwei Bedingungen erfüllen &#8211; menschlich sein und effektiv produzieren. Vor allem das erstere sahen sie im marxistischen Konzept gefährdet. Sie fürchteten sogar, dass aus dem allmächtigen Wirtschaftsstaat eine neue, schlimmere Regierungsform hervorbrechen würde. Wenn mensch sich das Staat- und Wirtschaftssystem der UdSSR angesehen hat, muss mensch zugeben, dass diese Befürchtung nicht ganz abwegig war. (28)</p>
<p class="vspace">Genau wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, so sollte auch die Wirtschaft und die Industrie von „unten nach oben&#8221; organisiert werden, d. h. auf der Grundlage von freien und gleichberechtigten Produktionsgemeinschaften, die sich nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der ArbeiterInnen und VerbraucherInnen zu wirtschaftlichen Föderationen (Bünden) zusammenschließen sollten. Dasselbe sollte für die landwirtschaftlichen Genossenschaften gelten.</p>
<p class="vspace">Die Wirtschaft sollte also nicht durch Grenzen und zentrale Planung gehemmt, sondern sich von der Basis her, d. h. an den tatsächlichen Bedürfnissen der ProduzentInnen (ArbeiterInnen) und KonsumentInnen (VerbraucherInnen) orientieren. Nun wird es jedem/jeder einleuchten, dass mensch die wirtschaftliche Ordnung nicht dem Zufa11 überlassen kann. Das ist mit diesem Konzept auch keineswegs gemeint. Vielmehr sollten sich Industrie und Produktionszweige zu Räten zusammenschließen, die aus ihrer praktischen Erfahrung Probleme, wie z.B. Transport, Rohstoffgewinnung, Lagerung und Verteilung der Güter, beraten, beschließen und durchführen. Es leuchtet ebenfalls ein, dass bei einer solchen Organisation, in der HandarbeiterInnen und KopfarbeiterInnen aus ihrer täglichen und fachlichen Erfahrung heraus viel reibungslosere und richtigere Entscheidungen treffen, als irgendwelche studierten TheoretikerInnen an irgendwelchen grünen Tischen, in irgendwelchen staatlichen Zentralen.</p>
<p class="vspace">Ein solches Prinzip nennen wir Räteprinzip oder Selbstverwaltung. Leider würde es zu weit führen, an dieser Stelle das ökonomische Konzept des Anarchismus in seinen Einzelheiten darzulegen. Mit der kapitalistischen Produktionsweise müsste auch sein charakteristischstes Merkmal fortfallen &#8211; das Geld. Viele Menschen meinen, das Geld sei eine sehr praktische Einrichtung, die nur dazu diene, dass man nicht immer mit Kühen oder Ziegen zum Tauschen umher laufen müsse. Das ist leider ein Irrtum, denn Geld ist bedeutend mehr als nur eine Warenersatz. Geld kann sich (ohne, dass seinE BesitzerIn auch nur einen Finger krumm macht) vermehren. Mann kann es unbegrenzt aufheben und horten, es ist ein abstrakter Wert, der sich akkumulieren (anhäufen), der gezielt zur Provozierung oder Vermeidung von Krisen, Kriegen, politischen Machenschaften eingesetzt werden kann &#8211; also weit mehr, als alle Ziegen und Kühe der Welt vermögen. Mit einem Wort: Geld kann sich verselbstständigen. Geld ist das Symbol gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und der Arroganz der herrschenden Klasse. Was aber geschieht, wenn das Geld abgeschafft ist? Müssen wir dann nicht doch wieder mit Kuh und Ziege tauschen gehen? Die Lösung ist ganz einfach.</p>
<p class="vspace">Wir gehen davon aus, dass die Produktionsweise in der neuen Gesellschaft eine Bedürfnisproduktion ist. Das bedeutet, dass unter größtmöglicher Ausnutzung aller technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten und unter der größtmöglichen Verminderung entfremdeter menschlicher Arbeit, genau das produziert wird, was alle Menschen der Erde zum Leben, zum Vergnügen und zur Bequemlichkeit brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist beim heutigen Stand der Technik ohne weiters möglich. In unserem heutigen System ist dies jedoch ganz anders. Der größte Teil der Menschheit bekommt nicht einmal genug zu essen, während der kleinere Teil im Überfluss lebt. Für ihn wird Luxus produziert (viele unserer Bedürfnisse werden nämlich erst künstlich geweckt, damit die Industrie das neue Bedürfnis dann wieder „befriedigen&#8221; kann. Nur drei Beispiele: elektrische Zahnbürsten, computergesteuerte goldene Tischfeuerzeuge, Luxusautos). In die Waren selbst werden Verschleißteile eingebaut, damit sie nach einer bestimmten Zeit kaputtgehen. So müssen sie häufiger gekauft werden und die Industrie kann viel mehr produzieren, was wiederum den Profit der Kapitalisten ins Unermessliche klettern lässt.</p>
<p class="vspace">Die Mode zwingt uns, auf noch absonderlichere Weise, neue Kleider zu kaufen, die wir noch gar nicht brauchen. Um diesen idiotischen Zustand aufrechtzuerhalten, gibt mensch unter anderem ungeheure Summen für eine Armee aus, die noch dazu den ungeahnten Vorteil hat, sich und viele andere Werte von Zeit zu Zeit zu vernichten. Den Rest des Geldes gibt mensch dann noch für solche Dinge wie den Flug zum Mond aus, für den höchstens ein rein wissenschaftliches Bedürfnis besteht (29). Angesichts des riesigen Elends in der Welt sollte uns diese irrsinnige Verschwendung an Produktionskräften zu denken geben. Sie kann nur den Zweck haben, das widersprüchliche und wackelige System der kapitalistischen Produktionsweise am Leben zu erhalten.</p>
<p class="vspace">All das aber fiele bei einer Bedürfnisproduktion weg. Es gibt Berechnungen amerikanischer Universitäten, die besagen, dass bei einer konsequent durchgeführten Bedürfnisproduktion, also, wenn Mode, Militär, Verschleißteile, Werbung usw. wegfielen, die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt würden, und das bei einer täglichen Arbeitszeit von vier bis fünf Stunden. Dies klingt unglaublich, wird uns aber verständlich, wenn wir uns klarmachen, dass allein für die „Verteidigung&#8221; direkt oder indirekt weit über die Hälfte allen Geldes der Erde ausgegeben wird.</p>
<p class="vspace">Wir können also davon ausgehen, dass in der Bedürfnisproduktion so viel produziert wird, dass genug für alle da sein wird. Nun zurück zu unserer Frage: weshalb sollte mensch da noch tauschen? Hier ein Beispiel: einE BäckerIn produziert Brötchen und einE ElektrotechnikerIn Radios. Der/die TechnikerIn wird sich morgen beim Bäcker sein/ihr Brötchen holen, soviel er braucht, ohne diesem dafür Geld oder gar ein Radio geben zu müssen. Dafür wird sich aber der/die BäckerIn, wenn sein/ihr altes Radio nicht mehr zu reparieren ist, ein neues Radio nehmen, und zwar wieder ohne dafür mit Geld oder gar mit einem Lastwagen voll Brötchen zu bezahlen.</p>
<p class="vspace">Dieses Beispiel ist bewusst stark vereinfacht, tatsächlich wird die Güterverteilung, sofern es nicht Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs sind, zur Aufgabe der Produktionsräte gehören. So wird eine möglichst gerechte Verteilung der Waren gewährleistet, denn die Bedürfnisproduktion wird sich nicht von heute auf morgen und ohne Schwierigkeiten verwirklichen lassen. Auf jeden Fall aber wird der gesellschaftliche Wohlstand allen und allen in gleichem Maß zugute kommen. Zugegeben, uns dies vorzustellen, ist schwer. Vor allem deshalb, weil es uns „natürlich&#8221; erscheint, für etwas, was wir bekommen, auch etwas zu geben. Dies wird sich jedoch, bei genauer Betrachtung, auch im neuen System nicht ändern. Der Unterschied liegt nur darin, dass wir nicht im selben Augenblick „bezahlen&#8221;, sondern indirekt durch die Arbeit, die jedeR leistet. Was geschieht aber mit Leuten, die nicht arbeiten wollen? Hierzu ist wieder ein kleiner Exkurs nötig.</p>
<p class="vspace">Arbeit im kapitalistischen System bedeutet für fast alle Menschen Gefahr, Stumpfsinn, Plackerei. Weiter oben haben wir das bereits als Entfremdung bezeichnet. Ebenfalls haben wir darauf hingewiesen, dass die Bedürfnisproduktion hauptsächlich menschlich sein soll. Das bedeutet, dass alle Arbeitsvorgänge weniger nach ihrer Erzeugungskraft als nach ihrer Menschenfreundlichkeit beurteilt werden. Freundlichere Arbeitsplätze, kürzere Arbeitszeit, eigene Einteilung der Zeit und der Aufgabe, Bewältigung der stumpfsinnigen Aufgaben durch Maschinen, all das sind nur einige Beispiele, die die Arbeit in einem völlig anderem Licht erscheinen lassen. Der/die ArbeiterIn weiß was er/sie macht, weshalb er etwas macht, und für wen er etwas macht. Dabei hat er/sie das gute Gefühl, nicht eine Schicht von Schmarotzern (= Kapitalisten) miternähren zu müssen. Arbeit wird mehr und mehr zum Spiel, zu schöpferischer Leistung. (30)</p>
<p class="vspace">So werden sich die meisten Menschen an der allgemeinen Arbeit beteiligen. Jemanden aber zur Arbeit zu zwingen, würde gegen die freiheitlichen Prinzipien des Anarchismus verstoßen! Auf der anderen Seite kann aber auch keine freie Kommune gegen ihren Willen gezwungen werden, Menschen, die nicht arbeiten wollen, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen und mit zu versorgen. So wird dies letztlich immer im Ermessen der Kommunen bleiben und folglich von ihrem Wohlstand abhängen. So bliebe noch die Frage: was ist, wenn sich manche Menschen mehr nehmen, als ihnen zusteht?</p>
<p class="vspace">Wir müssen uns hier unbedingt freimachen von der Vorstellung, dass die freie Gesellschaft ein liberaler Hampelmann sei, der aufgrund seines menschenfreundlichen Bewusstseins sich alles gefallen ließe. Selbstverständlich werden die neuen Gemeinschaftsformen ihre Interessen gegenüber Menschen, die andere Auffassungen vertreten, zu verteidigen wissen. JedeR wird in der Lage sein, den/die andereN zu kontrollieren und darauf zu achten, dass er nicht mehr bekommt, als er/sie braucht. Grundlegendes Prinzip bei allen diesen Überlegungen ist es aber, dass, ganz im Gegensatz zum heutigen System, niemand gezwungen wird, sich dieser oder jener Kommune anzuschließen. Jedem und jeder steht frei, sich mit anderen in neuer Form zu organisieren. Mit der Zeit aber müssen auch die Dümmsten merken, dass das Horten von Waren in einer geldlosen Gesellschaft Irrsinn ist. Verkaufen kann man nichts mehr, da man sowieso alles „umsonst&#8221; bekommt und mensch kann nicht mehr Essen, als der Magen verträgt, ebensowenig wie in zwei Häusern zugleich wohnen, zwei Autos zugleich fahren, oder in zwei Fernseher zugleich sehen. Auch der Warenbesitz als Symbol einer Klassenzugehörigkeit als Beweis für Wohlstand und Luxus hat mit der Abschaffung der Klassengesellschaft seinen Sinn verloren.</p>
<p class="vspace">In den beiden „erfolgreichsten&#8221; anarchistischen Gesellschaften, die je existierten, in der Ukraine und in Spanien, ist es tatsächlich gelungen, diese Vorstellungen schon in den wichtigsten Ansätzen zu verwirklichen. Zwar standen beide Bewegungen unter dem ungünstigen Stern eines harten Krieges, der viele Anstrengungen einfach wieder über den Haufen warf; man konnte in einer solchen Situation natürlich nicht von einer Bedürfnisproduktion reden. Dennoch ist es gelungen, die Arbeitswelt erheblich zu humanisieren. Alle Betriebe wurden von den ArbeiterInnen selbst übernommen und verwaltet („kollektiviert&#8221;). Die Verwaltung wurde erheblich reduziert und ebenso wie alle Dienstleistungen, Transportfragen und die Kriegsführung nicht mehr vom Kapital und der Regierung, sondern einzig von den demokratischen Räten der ArbeiterInnen, Bauern/Bäuerinnen und MilizionärInnen (SoldatInnen) besorgt. Und, was niemand (freilich außer den AnarchistInnen) für möglich gehalten hatte, geschah: die Produktion stieg, statt zu fallen, die Löhne konnten, durch die enormen Einsparungen am bürokratischen Wasserkopf, gehoben werden, ja in einigen Fällen konnte sogar die Arbeitszeit gesenkt werden (trotz Kriegsführung!). Weder in der Ukraine 1918 bis 1922, noch in Spanien 1936 bis 1939 hat es Hungertote gegeben, wie es sie im zentralistischen Wirtschaftssystem Sowjetrusslands schon zu Millionen zu beklagen waren. Beide Modelle haben es vermocht, während es Krieg gab, ihre Industrie zu vergrößern und auch auf kulturellem Gebiet das Fundament für eine neue Gesellschaftsordnung zu legen. War die Ukraine mehr ein Agrarland mit wenig Industrie, so haben wir in Spanien mit seinen Industriezentren, so vor allem in Barcelona und Valencia, ein typisches Beispiel dafür, dass das anarchistische Prinzip der Selbstverwaltung und der Bedürfnisproduktion auch in modernen Industrien möglich ist.</p>
<p class="vspace">Auch in jüngster Zeit hat es wieder zahlreiche Beispiele von (freilich kürzeren) Perioden der ArbeiterInnenselbstverwaltung gegeben. Fassen wir die Thesen der ökonomischen Organisation der AnarchistInnen kurz zusammen: ArbeiterInnenselbstverwaltung, Bedürfnisproduktion, Abschaffung des Geldes, Humanisierung der Arbeitswelt, Ausnutzung der technischen Mittel und wirtschaftliche Koordination nach dem Räteprinzip. Ganz bewusst haben wir uns bei diesem Kapitel etwas länger aufgehalten, denn ohne eine freie Organisation der Wirtschaft wird keine freie Gesellschaft möglich sein. Ebenso, wie ohne eine freie Gesellschaft keine freie Wirtschaft möglich sein kann: beide sind unlösbar miteinander verbunden.</p>
<p class="vspace"><strong>Die Organisation</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Tatsache ist, dass es zwar tausende Studenten der Staatswissenschaften gibt, aber kaum jemand, der sich je mit einer Gesellschaft ohne Staat beschäftigt hat&#8221;</em> (Colin Ward)</p>
<p class="vspace">Es wird allgemein angenommen, Anarchie sei der klassische Begriff der Desorganisation. Nichts stimmt weniger. Wie wir schon am Anfang erwähnt haben, bedeutet für die anarchistischen TheoretikerInnen Anarchie keineswegs Unordnung, sondern sie ist Ausdruck höchster, weil natürlichster Ordnung. Sie entspricht den natürlichen sozialen Bedürfnissen aller Menschen am Besten und stellt voraussichtlich die einzige Organisationsform dar, die den enormen Anforderungen der gesamten Menschheit jetzt und in Zukunft gewachsen ist.</p>
<p class="vspace">Erst durch die Befreiung von der staatlich gelenkten und gewollten Unordnung wird der Anarchismus zur Ordnung. Diese Ansicht wird nicht von allen Anarchisten geteilt. Viele wehren sich strikt gegen jede Art der Organisation. Ihnen wirft Errico Malatesta vor: „Unter dem Einfluss ihrer autoritären Erziehung glauben sie, dass die Autorität die Seele der sozialen Organisation sei und um jene zu bekämpfen haben sie diese abgelehnt. (&#8230;) Der Grundirrtum der Anarchisten, die Gegner a l 1 e r Organisationen sind, ist die Annahme, Organisation sei ohne Autorität nicht möglich.&#8221;</p>
<p class="vspace"><strong>Wie sieht nun diese Organisation aus?</strong></p>
<p class="vspace">Hierzu müssen wir zwei Etappen unterscheiden: Die Vor-(Prä-)revolutionäre und die Nach-(Post-)revolutionäre. In der ersten geht es darum, die meist schwachen freiheitlichen Kräfte möglichst effektiv und nutzbringend einzusetzen, revolutionäre Propaganda zu betreiben, überall Zellen und Gruppen zu bilden und sich gleichzeitig gegen die wachsende Unterdrückung des Staates zu wehren. Dabei dürfen aber keine zentral-diktatorischen Strukturen auftreten, die auf der einen Seite das Instrument der Befreiung in ein Instrument der Unterdrückung verwandeln würden und in demselben Masse aus der Volksbewegung eine Parteibewegung machen würden.</p>
<p class="vspace">Auch hier gilt also das Prinzip der Anwesenheit des Zieles in den Mitteln. (Das Ziel, Freiheit, muss auch Grundlage der Organisation sein.) Selbstverständlich kann eine revolutionäre Organisation, eine politische Zelle nicht in dem Masse frei sein, wie die Organisation der freien Gesellschaft. Vor allem dann, wenn die Organisation von der Polizei verfolgt wird.</p>
<p class="vspace">Zur Zeit Bakunins war der Anarchismus vor allem in Geheimbünden organisiert. Diese waren untereinander durch ein System von Kurieren und geheimen Konferenzen verbunden und konnten so ihre Tätigkeiten abstimmen. Hierbei stellte die Verbindung zur Masse des unterdrückten Volkes ein besonderes Problem dar.</p>
<p class="vspace">Zu Beginn diese Jahrhunderts bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs war die Organisationsform die des Anarchosyndikalismus. Diese Organisation hat es vermocht, beide Probleme zu lösen: Die Organisation der breiten Massen in ihrem Kampf um die Freiheit zusammen mit dem oft illegalen Kampf der aktiven RevolutionärInnen zu vereinigen. Diese anarchistischen Gewerkschaften, in ihren Zielen revolutionär, in ihrer Struktur von unten nach oben organisiert und in ihrer Organisation dezentral aufgebaut, haben es vermocht, Millionen von Menschen zu organisieren und einen erfolgreichen Kampf um ihre Interessen zu führen. Von bedeutender Wichtigkeit hierbei ist, dass die gewerkschaftliche Organisation mühelos den Schritt von einer prä- zu einer postrevolutionären Organisation tun kann. In ihrer Struktur finden sich die ersten Grundlagen für den Aufbau der freien Gesellschaft. In Spanien war die anarchosyndikalistische CNT (Confederation National del Trabajo = Nationale Föderation der Arbeit) die Grundlage auf die sich die Anarchisten nach der Revolution stützen konnten. Die Gewerkschaft kannte sich in den Betrieben gut aus und zählte (nach A. Souchys Angaben) zum Zeitpunkt der Revolution 1.600.000 Mitglieder, die zum größten Teil Industriearbeiter waren. So konnten sie die Industrieproduktion regeln. Die CNT hat einen jahrzehntelangen Kleinkrieg gegen den spanischen Staat geführt und zählte auf erfahrenen Kämpfer. So konnte sie gegen den Faschisten Franco schnell die sogenannten Milizen aufstellen.</p>
<p class="vspace">Um die CNT hatten sich Ärzte, Ingenieure, Verwaltungsfachleute gesammelt &#8211; so konnten die öffentlichen Dienste, Planung und Verwaltung ebenfalls über die Gewerkschaften gelöst werden. Freilich in einem ganz anderem Sinne als vorher: die unnütze Bürokratie verschwand gänzlich, Ärzte, Ingenieure, und Facharbeiter waren, wie alle anderen Menschen, den normalen Arbeitern gleichgestellt, und, was sicher das wichtigste war, der ganze Apparat war für jeden durchschaubar und kontrollierbar; eine echte Organisation des werktätigen Volkes. So hat die innere Struktur der prärevolutionären Organisation es verhindert, dass die postrevolutionäre Organisation, in diesem Fall die CNT, zu einem neuen, autoritärem „Staat&#8221; wurde. Wir haben nur zwei Beispiele betrachtet, an denen man jedoch klar erkennen kann: Eine Organisation ist notwendig, wenn man tatsächlich für eine revolutionäre Veränderung eintritt, wenn man die Revolution mit den Massen des Volkes will und nicht als Karnevalsrevoluzzer auftritt.</p>
<p class="vspace">Die Grundlage der postrevolutionären Gesellschaft ist die Organisation der freien Kommunen (auch Bünde genannt). Dies Kommunen sind jede für sich und alle wieder unter einander nach dem Räteprinzip organisiert. Was es mit diesen, als Schlagwort allgemein bekannten Begriff auf sich hat, wollen wir im nächsten Kapitel untersuchen.</p>
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		<title>Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 07:20:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA["Wir sind nicht für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen!" Wie jeder Mensch weiß, ist einE AnarchistIn ein gewalttätiger Mensch, ein Mörder. Auch ist allgemein bekannt, dass AnarchistInnen Terroristen sind, denen das menschliche Leben nichts, das Chaos aber alles bedeutet. Oder???]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-69"></span><big>Einführung in die Grundgedanken des Anarchismus</big></p>
<p class="vspace"><strong>Einiges zur Verwirrung</strong></p>
<p class="vspace">&#8220;Wir sind nicht für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen!&#8221; Wie jeder Mensch weiß, ist einE AnarchistIn ein gewalttätiger Mensch, ein Mörder. Auch ist allgemein bekannt, dass AnarchistInnen Terroristen sind, denen das menschliche Leben nichts, das Chaos aber alles bedeutet. Oder???</p>
<p class="vspace">Aber selbstverständlich. Das weiß doch jedes Kind. Am 19. 12. 69 definierte der &#8220;Secolo d&#8217;Italia&#8221; AnarchistInnen folgendermaßen: „Eine wilde, obszöne Bestie, bis ins Mark von der kommunistischen Syphilis zersetzt!&#8221; Der berühmte Arzt und Kriminologe Sare Lombroso weiß es gar noch besser: Für ihn sind alle AnarchistInnen Idioten oder angeborene Verbrecher, die noch dazu allgemein humpeln, behindert sind und asymmetrische Gesichtszüge haben. &#8220;Sind AnarchistInnen überhaupt Menschen?</p>
<p class="vspace">Nichts spricht dafür, denn auch in dem Teil der Erde, der sich kommunistisch genannt hat, hat mensch über die sagenumwitterten AnarchistInnen nichts Gutes zu berichten gewusst. „Kleinbürgerliche ChaotInnen&#8221;, &#8220;Voluntaristische Helfershelfer der Konterrevolution&#8221;, „Linkschaoten&#8221; sind die üblichen Vokabeln, mit denen mensch uns dort belegt hat. Also auch hier nichts Gutes.</p>
<p class="vspace"><strong>Viel Feind, viel Ehr&#8217;!</strong></p>
<p class="vspace">Wenn mensch AnarchistInnen in Ost und West nicht leiden kann, dann muss das einen Grund haben. Was also ist einE AnarchistIn wirklich? Versuchen wir es mit einer Kurzdefinition: EinE AnarchistIn glaubt an eine freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen ohne Herrschaft. Er/sie tritt für die Beseitigung jeder Herrschaft ein und bekämpft deshalb Staat, Kirche, Polizei, Kapital, Herrschaftsideologie. Er/sie tritt immer und überall für die Interessen der unterdrückten Masse ein, gleichzeitig arbeitet er/sie an theoretischen Modellen und den praktischen Beispielen für eine zukünftige Gesellschaft: Eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Autorität, ohne Ausbeutung und Entfremdung (1) aufgebaut auf neuen Prinzipien wie Solidarität statt Egoismus, gegenseitiger Hilfe statt Konkurrenz und freier Vereinbarung statt Befehlsprinzip (2).</p>
<p class="vspace">„Das klingt ja alles sehr gut&#8221;, wirst Du sagen, &#8220;aber das ist ein schöner Wunschtraum und nicht zu verwirklichen&#8221;. Du wirst lachen: AnarchistInnen behaupten doch tatsächlich, dass eine solche Gesellschaft möglich ist, und erklären Dir auch, warum sie möglich sein kann. Und nun wirst Du staunen: Es hat tatsächlich schon ein halbes Dutzend anarchistischer Gemeinwesen gegeben. Wusstest du, dass die Ukraine fast vier Jahre lang anarchistisch war? Wusstest du, dass es vor allem AnarchistInnen waren, die im spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus gekämpft haben? Millionen von spanischen ArbeiterInnen haben praktisch gezeigt, dass der Anarchismus möglich ist!</p>
<p class="vspace">Die AnarchistInnen sind SozialistInnen und sie sind gegen Herrschaft. Also wenden sie sich genauso scharf gegen Herrschaft im „Kommunismus&#8221; wie im „Kapitalismus&#8221;. Folgerichtig ziehen sie sich den unversöhnlichen Hass der Herrschenden in Ost und West auf den Hals. Und ebenso folgerichtig ist auch der Anarchismus die einzige Alternative, einen freien und menschlichen Sozialismus zu verwirklichen. Genau deshalb ist auch der Anarchismus nach dem Krieg wieder auferstanden, obwohl Trotzki, der Marschall der Roten Armee, dem Anarchismus schon 1920 befohlen hatte: „Geht wohin ihr gehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte!&#8221;</p>
<p class="vspace">Aber durch die immer perfekter werdende Unterdrückungsmaschine der Systeme, durch eine Gesellschaftsordnung, in der der einzelne Mensch nichts mehr bedeutet, in der die Technik dem Menschen nicht mehr dient, sondern ihn umzubringen droht, und in der das kapitalistische Wirtschaftssystem derart versagt, dass täglich 30&#8217;000 Menschen verhungern müssen (Quelle UNESCO 1984) kurz: in dem „repressiven Chaos&#8221; (3) aller heutigen Herrschaftssysteme, hat der Anarchismus eine ungeahnte Aktualität erhalten.</p>
<p class="vspace"><strong>Der Begriff der „Anarchie“ und seine Herkunft</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft!&#8221;</em></p>
<p class="vspace">Das Wort Anarchie ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Es kommt von dem griechischen Wort „an-archia&#8221; und bedeutet „Keine Herrschaft&#8221;, meint also die Abwesenheit jeglicher Autorität. Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil, dass der Mensch ohne Autorität und Regierung nicht leben kann; ganz so, als ob ein Zirkuspferd ohne seinen Dompteur zugrunde gehen müsse. Deshalb ist das Wort Anarchie in der Umgangssprache auch als Synonym für Chaos, Unordnung, Verwilderung und Zerstörung eingegangen. Hinzu kommt die offensichtliche Absicht, den Anarchismus als politische Bewegung zu verleumden und zu bekämpfen. Aus diesem Grunde haben Politiker und Literaten, Kommunisten und Adelige, Pfarrer und Hausdamen jahrhundertelang diesen Begriff von Anarchismus verbreitet. Für sie verbindet sich das Wort Anarchismus mit einem kalten Schauer und dem Gedanken an den Weltuntergang. Wie sie, so kann sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht vorstellen, dass auch ohne Staat und Herrschaft eine Ordnung &#8211; eben eine freie Ordnung &#8211; bestehen kann.</p>
<p class="vspace">Selbst in allgemeinen Nachschlagewerken, wie auch z.B. im Duden, wird Anarchie einfach mit „Gesetzlosigkeit&#8221; übersetzt. Dies impliziert für den „Normalverbraucher&#8221; ebenfalls, dass bei Verwirklichung des Anarchismus die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt werde, und insofern verfälscht diese Definition unterschwellig den Begriff. Im eigentlichen Wortsinn ist der Begriff der „Gesetzlosigkeit&#8221; natürlich richtig: Da Gesetze vom Staat verabschiedet werden und dieser durch Polizei und Gericht dafür sorgt, dass sie eingehalten werden, werden bei Abschaffung der Staatssysteme, auch die Gesetze nicht mehr existieren. Das heißt aber nicht, dass es keine Regeln bzw. Vereinbarungen im menschlichen Zusammenleben mehr gibt.</p>
<p class="vspace">Pierre Joseph Proudhon war einer der Väter des modernen Anarchismus. Er hat das Wort für die antiautoritäre ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen. Unter Anarchie verstand er absolut das Gegenteil von Chaos. Für ihn war die anarchische Gesellschaft der höchste Ausdruck der Ordnung, eine Ordnung, die nicht durch Herrschaft und autoritäre Strukturen gestört sei. Erst in einer anarchistischen Gesellschaft könne die natürliche Ordnung der menschlichen Beziehungen, die „soziale Harmonie&#8221;, wieder hergestellt sein. Wir werden noch sehen, dass Proudhon dabei alles andere als ein verträumter Utopist war.</p>
<p class="vspace">So hält Proudhon auch den Staat &#8211; als höchsten Ausdruck der Herrschaft von Menschen über Menschen &#8211; für den eigentlichen Unruhestifter; eine Ansicht, die nicht so abwegig erscheint, wenn man sich all das ansieht, was an Kriegen, Unterdrückung und Wirtschaftskrisen von den Staaten und ihren Organen geführt oder angestiftet wurde und noch wird.</p>
<p class="vspace">Der Name Anarchismus hat &#8211; wegen seiner Doppeldeutigkeit &#8211; unter den AnarchistInnen starke Diskussionen hervorgerufen. Viele von ihnen nannten sich später „Föderalisten&#8221; (Anhänger eines nicht zentralen Gemeinwesens, das auf gleichberechtigten Kommunen basiert), „Mutualisten&#8221; (Gesellschaftsordnung auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Solidarität) oder „Kollektivisten&#8221; (Ordnung auf der Basis der Gemeinschaftlichkeit). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich mehr und mehr das Wort „libertär&#8221; (freiheitlich, nicht zu verwechseln mit liberal!) durch.</p>
<p class="vspace"><strong>Wer ist Anarchist, wer ist Anarchistin?</strong></p>
<p class="vspace">Wie wir gesehen haben, umreißt das Wort Anarchismus eine freiheitliche Theorie und Geisteshaltung. Im Laufe der Zeit haben sich eine Unzahl politischer und unpolitischer Strömungen unter diesem Namen gesammelt. So ist der Anarchismus, im Gegensatz zum Marxismus, kein einheitliches Gebilde. Der Marxismus ist eine in sich abgeschlossene philosophisch durchdachte Theorie; von wenigen Menschen in relativ kurzer Zeit entwickelt, ziemlich eindeutig formuliert und definiert. Anders der Anarchismus.</p>
<p class="vspace">Seine revolutionäre politische Richtung ist das Produkt einer ganzen Reihe bedeutender TheoretikerInnen, die meistens auch aktive RevolutionärInnen waren. Seine Theorie entstand in vielen Fällen aus der Praxis der Freiheitskämpfe heraus, und wird und wurde laufend neu überdacht, kritisiert und verbessert. Eine solche Haltung nennt mensch undogmatisch (Dogma = unveränderlicher Glaubenssatz), und sie ist für den Anarchismus typisch.</p>
<p class="vspace">So kann mensch auch für den Anarchismus keine FührerInnen oder CheftheoretikerInnen anführen; mensch muss eine ganze Reihe von Namen nennen und kann eigentlich nirgendwo eine Grenze ziehen: Die Namen der bekannten AnarchistInnen verlaufen irgendwo in der Masse der aktiven KämpferInnen.</p>
<p class="vspace">(Insofern darf mensch es nicht missverstehen, wenn wir in einigen Kapiteln bestimmte Personen, ihre Biographie und ihre Ideen beschrieben haben. Leute wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon usw. bis hin zu Landauer sollen, zur Erleichterung der geschichtlichen Beschreibung, stellvertretend für eine bestimmte Bewegung erwähnt werden. Dass eine ständige geistige Rückkoppelung zwischen den einzelnen TheoretikerInnen und der Bewegung besteht, lässt sich unschwer nachweisen. Da der Anarchismus aus einer Unzahl von politischen Strömungen besteht, ist es klar, dass wir im Folgenden nur eine Auswahl beschreiben können dass diese [und auch der Umfang, der den einzelnen Kapiteln gewidmet wird] von eigenen Anschauungen und Vorstellungen geprägt ist, muss dabei selbstverständlich zugegeben werden.)</p>
<p class="vspace">Parallel zu der politisch revolutionären Linie, die die wichtigste des Anarchismus ist und von der wir vorzugsweise sprechen wollen, gibt es noch eine Reihe anderer Strömungen, die den Namen Anarchismus für sich beanspruchen. Dazu zählen gewisse Formen des Individualanarchismus, einige naturverehrende Sekten von Rohkostler, pazifistische Gesellschaftsreformer oder unpolitische Terrorbanden, ebenso wie versonnene Künstlerseelen und verspätete Romantiker, meistens aus der Schicht des Kleinbürgertums. Ihr Denken und Handeln steht oft im Gegensatz zur politischen Richtung des Anarchismus und wird von dieser kritisiert. Andere dieser Zweige jedoch haben dem Anarchismus neue Impulse geben können und seine Theorie fruchtbar ergänzt, so die anarchistische Kunst, die freie Erziehungstheorie, die Hippie- und Undergroundbewegung, um nur einige zu nennen (4).</p>
<p class="vspace">Es hat sich eingebürgert, dass Staat und Polizei unliebsame Gruppen einfach als AnarchistInnen bezeichnen. Ein Beispiel dafür ist die Rote Armee Fraktion (RAF), auch Baader-Meinhof-Gruppe genannt. Obwohl die RAF sich selbst vom Anarchismus distanzierte und sich als marxistisch-leninistisch bezeichnete, was der Polizei selbstverständlich bekannt war, wurden sie automatisch als „anarchistische Gewaltverbrecher&#8221; bezeichnet. Der Grund liegt auf der Hand: erstens kann mensch mit dem Begriff Anarchismus eine unliebsame Gruppe in der Öffentlichkeit nachhaltig diffamieren, zumal der Kommunismus durch die Entspannungspolitik damals gerade kurzfristig salonfähig geworden ist. Und zweitens sieht mensch, dass auch in Deutschland der Anarchismus wieder an Wichtigkeit gewinnt. So kann mensch schnell und sicher die Bevölkerung gegen ihn aufhetzen. Wenn wir auch die Aktionen der RAF nicht von vornherein verdammt haben, so ist doch ihre Praxis vom anarchistischen Standpunkt aus anzugreifen. Die RAF entfernte sich im Laufe der Jahre immer mehr von der gesamten linken Bewegung und betrachtet sich als eine Avantgarde, als eine Elite, die danach strebt, dem Volk die „Befreiung&#8221; nach staatssozialistischem Muster aufzuzwingen. Sie entwickelte in ihren Pamphleten und Aktionen eine diktatorische, stalinistische Sprache. Wenn sie sagen: „Das Schwein wurde im Namen des Volkes erschossen&#8221;, so fragen wir uns: In wessen Volkes Namen?</p>
<p class="vspace">Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch eine ganze Anzahl politischer Gruppen, die sich zwar nicht anarchistisch nennen, in Wirklichkeit aber anarchistisch handeln und libertäre Ziele haben. Oft lehnen sie den Namen Anarchismus ab, weil sie falsch über dessen Inhalt informiert sind, oder weil sie fürchten, zu sehr angefeindet zu werden.</p>
<p class="vspace">Da es tatsächlich auch nicht um ein Glaubensbekenntnis, sondern um konsequentes politisches Handeln geht, haben die AnarchistInnen in ihrer Praxis und ihren Bündnissen nie nach dem Namen ihrer GenossInnen gefragt. So gibt es z.B. viele rätekommunistische Gruppen, die im Grunde „anarchistischer&#8221; handeln, als so manche Gruppe, die sich anarchistisch nennt. Auch wir wollen unsere Betrachtung einzig und allein danach richten, was die einzelnen Gruppen tun oder taten, und nicht, wofür sie sich ausgeben.</p>
<p class="vspace"><strong>Was wollen die AnarchistInnen?</strong></p>
<p class="vspace">Daniel Guérin schreibt in seinem Buch „Anarchismus&#8221; (5): „Anarchismus ist in Wirklichkeit und vor allem gleichbedeutend mit Sozialismus. Der Anarchist ist in erster Linie Sozialist; seine Ziele sind die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Im Zentrum seiner politischen Aktivität steht der sozialistische Freiheitsgedanke, die Abschaffung des Staates. &#8221; Um dieses Ziel zu erreichen, führen die AnarchistInnen einen Kampf gegen den Staat und alle seine Organe. Dieser Kampf wird mit verschiedenen Mitteln geführt: durch Massenorganisationen (vgl. Anarchosyndikalismus), Aufklärung und Propaganda, direkte Aktionen, durch die Kreation einer Gegenkultur, Provokationen und oftmals auch durch unmittelbare Anwendung von Gewalt.</p>
<p class="vspace">Dabei erweist sich der anarchistische Kampf aber keineswegs als blinde Bilderstürmerei gegen diese oder jene Regierung oder den Staat schlechthin. Vielmehr haben die anarchistischen TheoretikerInnen schon sehr früh erkannt, dass der Staat kein Phantom, kein anonymes Gebilde ist, sondern der Ausdruck ganz bestimmter, vor allem wirtschaftlich bedingter Machtverhältnisse.</p>
<p class="vspace">Gerade deswegen haben auch die AnarchistInnen immer wieder versucht, einen Kampf gegen Kapital und Staat zu führen und sich geweigert, „politische&#8221; Ziele, wie die Durchsetzung von Reformen durch schrittweise Eroberung der Macht im Staat, zu verfolgen. Denn die AnarchistInnen haben sehr wohl erkannt, dass Macht korrumpiert: „Nehmt den radikalsten Revolutionär und setzt ihn auf den Thron aller Russen oder verleiht ihm eine diktatorische Macht und ehe ein Jahr vergeht, wird er schlimmer als der Zar geworden sein (6) &#8220;, schrieb Bakunin.</p>
<p class="vspace">Im Laufe der Zeit haben die AnarchistInnen eine Reihe von Forderungen und programmatischen Punkten aufgestellt, die sich u.a. aus dem Kampf für die Verwirklichung ihrer Ideen ergaben. Hier schlagwortartig einige der wichtigsten, die wir dann in den folgenden Kapiteln näher zu erklären versuchen werden: &#8211; Gleiche Freiheit für jeden Menschen in der Gesellschaft. Kein Mensch soll Macht ausüben; alle Beschlüsse werden kollektiv gefasst und ausgeübt. Dies bedingt:</p>
<ul>
<li>Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, Bekämpfung des Kapitals und seiner internationalen Monopole. Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln (7), Aufbau einer föderierten, hochtechnisierten Produktionsweise nach Gesichtspunkten, die die Bedürfnisse der ArbeiterInnen über die der profitorientierten Produktion stellen (vgl. Kapitel „Ökonomisches System&#8221;), Überwindung der Schichten und Klassen. Hierbei muss die unterdrückte Klasse dann Gewalt gegen die herrschende Klasse anwenden, wenn diese nicht freiwillig abtritt (da diese ihre Privilegien verteidigen will, und damit den Aufbau einer freien Gesellschaft aktiv bekämpft)</li>
<li>Abschaffung des Staates, seiner Grenzen und seines Apparates, Ersetzung durch neue Strukturen, auf der Basis gleichberechtigter Kommunen und Räte, die sich dezentral (föderal) organisieren.</li>
<li>Bekämpfung des Rassismus und Kolonialismus in all seinen klassischen und neuen Erscheinungsformen (z. B. Imperialismus, Neoimperialismus, Europäische Union etc.)(8)</li>
<li>Abschaffung der Kirchen und Religionen als Vermittler der Rechtmäßigkeit von Herrschaft durch berufsmäßige Verdummer. Bekämpfung und Ersetzung des religiösen Glaubens durch rationale Erziehung, d.h. durch das Prinzip der Vernunft, sowie einer menschenfreundlichen Wissenschaftlichkeit. Errichtung von freien Schulen (Konzepte von Tolstoi/Ferrer)</li>
<li>Abschaffung der Armee und der Polizei als Machtfaktor und Symbol des Staates und des Kapitals. Für die Phase des Kampfes sind sie durch revolutionäre Volksarmeen und -patrouillen ohne hierarchische Struktur zu ersetzen.</li>
<li>Abschaffung des Strafprinzips. Kriminelle werden als Produkte einer schlechten Gesellschaft angesehen. Sie sind als Kranke zu behandeln und müssen genesen, nicht bestraft werden.</li>
<li>Abschaffung des Privateigentums an Menschen, demzufolge Ersetzung der Ehe und der bürgerlichen Kleinfamilie durch freiwillige Zusammenschlüsse in Großfamilien, Kommunen, nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft. Propagierung der „freien&#8221; Liebe, Bekämpfung der unterdrückenden bestehenden Sexualmoral (9).</li>
<li>Aufbau einer völlig neuen Kultur mit einer eigenen Kunst, Musik, Lebensweise etc.</li>
<li>Prinzip der Kritik und Selbstkritik und der permanenten Revolution in der neuen Gesellschaft. Ablehnung aller Dogmen, ständige Überprüfung des Aufbaus an den Bedürfnissen der neuen Gesellschaft.</li>
<li>Bekämpfung jeder neuen Form von Herrschaft, Bürokratismus und Militarismus in der neuen Gesellschaft</li>
</ul>
<p class="vspace">Dieses Programm, unvollständig und recht ungeordnet, fasst die wesentlichsten Punkte anarchistischer Zielsetzung zusammen. Auf den ersten Blick mögen manche Thesen als Gleichmacherei erscheinen, in Wirklichkeit ist ihre Verwirklichung aber erst die Voraussetzung dafür, dass sich alle Menschen frei nach ihren Bedürfnissen entfalten können, schöpferisch werden und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. In den Kreisen der Reichen hat sich nämlich eingebürgert, ihre eigenen Vorteile, die sie sich mit ihrem Geld erkaufen, als die Freiheiten des Volkes hinzustellen. Tatsächlich aber können die Reichen nur in dem Masse frei sein, wie sie die Mehrheit des Volkes ausrauben. Zusammenfassend können wir sagen: Die AnarchistInnen haben nur ein Ziel: die freie Gesellschaft. Alles andere sind Mittel zu ihrer Erreichung, die sich je nach Situation ändern können und müssen.</p>
<p class="vspace"><strong>Kritik am Staat</strong></p>
<ul>
<li>&#8220;Der Staat ist eine Abstraktion, die das Leben des Volkes verschlingt ein unermesslicher Friedhof, auf dem alle Lebenskräfte eines Landes sich großzügig und andächtig hinschlachten haben lassen.&#8221; (Michail Bakunin)</li>
<li>„Die Regierung des Menschen über den Menschen ist Sklaverei.&#8221;</li>
<li>„Wer immer die Hand auf mich legt, um über mich Zu herrschen, ist ein Usurpator, und ein Tyrann, und ich erkläre ihn zu meinem Feinde.&#8221;</li>
</ul>
<p class="vspace"><em>„Regiert sein, das heißt unter polizeilicher Überwachung stehen, inspiziert, spioniert, dirigiert, mit Gesetzen überschüttet, reglementiert, eingepfercht, belehrt, bepredigt, kontrolliert, eingeschätzt, abgeschätzt, zensiert, kommandiert zu werden durch Leute, die weder das Recht, noch das Wissen, noch die Kraft dazu haben . Regiert sein heißt, bei jeder Handlung, bei jedem Geschäft, bei jeder Bewegung notiert, registriert, erfasst, taxiert, bestempelt, vermessen, bewertet, versteuert, patentiert, lizensiert, autorisiert, befürwortet, ermahnt, behindert, reformiert, ausgerichtet, bestraft zu werden. Es heißt, unter dem Vorwand der öffentlichen Nützlichkeit und im Namen des Allgemeininteresses ausgenutzt, verwaltet, geprellt, ausgebeutet, monopolisiert, hintergangen, ausgepresst, getäuscht, bestohlen zu werden; schließlich, bei dem geringsten Widerstand, beim ersten Wort der Klage unterdrückt, bestraft, heruntergemacht, beleidigt, verfolgt, misshandelt, zu Boden geschlagen, entwaffnet, geknebelt, eingesperrt, füsiliert, beschossen, verurteilt, verdammt, deportiert, geopfert, verkauft, verraten und obendrein verhöhnt, gehänselt, beschimpft und entehrt zu werden. Das ist die Regierung, das ist ihre Gerechtigkeit, das ist ihre Moral.&#8221;</em> (Proudhon)</p>
<p class="vspace">Die Kritik am Staat und an seinen Organen ist typisch für den Anarchismus. Ursprünglich entstand er aus einem persönlichen Gefühl der Auflehnung gegen den Unterdrücker. Da dieser Unterdrücker jedoch nur ausführendes Organ der Machtverhältnisse und der wirtschaftlichen Struktur ist, muss der Kampf gegen beide geführt werden. Die Abschaffung der staatlichen Organisation ist immer eines der wichtigsten Ziele der Anarchisten geblieben. Die Richtigkeit dieser Forderung hat sich am gerade am Beispiel der russischen Oktoberrevolution gezeigt, wo der Staat mit dem ihm eigenen Bürokratismus die Revolution überlebt und am Ende „aufgefressen&#8221; hat.</p>
<p class="vspace"><strong>Was ist der Staat?</strong></p>
<p class="vspace">Jeder Staat ist totalitär. Kein Staat hat einen anderen Zweck als den/die EinzelneN zu beschränken und zu Untertanen zu machen. Verfechter des Staates bemühen sich redlich, uns vorzumachen, er sei eine einige Volksgemeinschaft. In Wirklichkeit vertuschen sie mit dieser Phrase die riesigen sozialen Unterschiede in jedem Staat und rechtfertigen die Privilegien einer kleinen Minderheit- Der Staat unterdrückt jede freie Tätigkeit durch seine ausführenden Organe oder &#8220;Ordnungskräfte&#8221;. Das ist beileibe nicht nur die Polizei. Die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen bemühen sich ebenso angestrengt, den Menschen dumm zu halten, wie die Kirche, die Schule und die Institution „Familie&#8221;. (Freilich oft, ohne es selbst zu wissen.)</p>
<p class="vspace"><em>„Der Staat erlaubt uns allen, unsere Gedanken an den Mann zu bringen, allein nur so lange, als unsere Gedanken seine Gedanken sind, sonst stopft er uns das Maul.&#8221;</em> (Max Stirner)</p>
<p class="vspace">Schon früh haben AnarchistInnen die psychischen Funktionen der Autoritätsgläubigkeit erkannt. Der Staat erzieht zum Gehorsam, zur Disziplin und zur Unterwerfung. Er lehrt uns „Tugenden&#8221; wie Konkurrenz und Leistungsprinzip und er entwöhnt uns im gleichen Masse selbst zu denken, Ideen zu entwickeln, spontan Initiativen zu ergreifen und uns unseren Mitmenschen gegenüber solidarisch zu verhalten. Errico Malatesta (10) beschreibt die „Angst vor der Freiheit&#8221;, die die meisten autoritären Menschen empfinden und nimmt damit eine wichtige Erkenntnis der Psychoanalyse vorweg.</p>
<p class="vspace">Konsequent haben die AnarchistInnen dort, wo sie mit der Verwirklichung von freien Gesellschaften begannen, die Vernichtung des Staates vorangetrieben. So wurden in Spanien und der Ukraine die staatlichen Akten und Grundbücher vernichtet, die Gefängnisse eingerissen und die Herrscher abgesetzt und die Organisation des gesellschaftlichen Lebens den Räten des Volkes übertragen. Wir werden noch sehen, dass solche Maßnahmen nicht automatisch zum Chaos führen müssen, sondern im Gegenteil die Grundlage für eine freie, harmonische Gesellschaft legen können.</p>
<p class="vspace">Der Kampf gegen den Staat hat sich in diesem Jahrhundert vor allem im Kampf gegen den Bürokratismus gezeigt, vor allem im „kommunistischem&#8221; Russland hat es unzählige Auflehnungen gegen den allmächtigen Staat und seine unmenschliche und konterrevolutionäre Bürokratie gegeben, die ihrem Charakter nach anarchistisch waren. In den Kapiteln über die einzelnen Theorieansätze werden wir auf die Staatskritik noch ausführlicher eingehen.</p>
<p class="vspace"><strong>Kritik an der bürgerlichen Demokratie</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Ich bin nicht frei, ich kann nur wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.“</em> Ton Steine Scherben</p>
<p class="vspace">Viel schärfer als der autoritäre Kommunist erkennt und entlarvt der/die AnarchistIn die strukturellen Mängel der bürgerlichen „Demokratie&#8221;. Der Parlamentarismus hat mit Demokratie, also Volksherrschaft nichts zu tun. Es gibt auch hier einen Herrscher; der König oder Diktator ist durch einen „Präsidenten&#8221; oder „Kanzler&#8221; ersetzt. Der einzige Unterschied ist, dass dieser alle paar Jahre ausgewechselt wird. Können wir sie wählen? Stellen wir die KandidatInnen auf? Haben wir Einfluss auf sein/ihr Handeln, wenn er erst einmal gewählt ist? Haben wir die Möglichkeit, direkt für unsere Interessen einzutreten? Nein! Wir können zwischen den Parteien wählen, wie eine Hausfrau zwischen Ariel und Omo, wenn sie in Wirklichkeit frisches Brot einkaufen will. Das Verhältnis der Menschen zur Politik ist zu einem Warenverhältnis verkrüppelt worden.</p>
<p class="vspace">Der Parlamentarismus macht aus der Herrschaft lediglich eine Institution (11), die dem Unterdrückungssystem einen „demokratischen&#8221; Anstrich gibt &#8211; in Wahrheit hat keinE einziger Bürgerin einen tatsächlichen Einfluss auf das politische Geschehen. Die einzige Gnade, die ihm/ihr das System gewährt, ist, alle vier oder fünf Jahre brav ein Kreuzchen unter eine Liste von (schon vorher ausgewählten) Menschen zu machen, die sich in ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Freiheit und zum Gesellschaftssystem nicht unterscheiden. Diese Leute werden uns einfach küchenfertig vorgesetzt, ob sie uns passen oder nicht. Beurteilen müssen wir sie meistens nach ihrem Aussehen, denn, ihren Worten und Wahlversprechen Glauben zu schenken, hieße, die bittere Erfahrung vieler Jahrzehnte einfach totzuschweigen. Wenn diese Leute erste einmal gewählt sind, können sie machen, was sie wollen: sie können ihre Stimme an den Meistbietenden verkaufen, lassen sich ihre Meinung von Konzernen bezahlen und scheren sich einen Dreck um den Willen ihrer WählerInnen.</p>
<p class="vspace">Natürlich darf es diesen Herrn nie in den Sinn kommen, das Prinzip der Regierung zugunsten einer Selbstverwaltung in Frage zu stellen &#8211; das wäre gegen ihre eigenen Interessen. So setzen sie alles daran, diese Herrschaft zu rechtfertigen und aller anderen Modelle &#8211; so auch den Anarchismus &#8211; als radikal, utopisch oder terroristisch zu verleumden.</p>
<p class="vspace">Die AnarchistInnen sind aus diesem Grund &#8211; im Gegensatz zu den Sozialdemokraten oder Kommunisten nie für die bürgerliche Republik eingetreten. Sie haben den Übergang vom Monarchismus (12) zur Republik nicht unbedingt für einen Fortschritt gehalten und sind für einen sofortigen und totalen Umsturz jeglicher Herrschaft eingetreten. Alle anarchistischen TheoretikerInnen haben einheitlich die reaktionäre Entwicklung der bürgerlichen Republiken vorausgesagt und alle SozialistInnen gewarnt, sich mit der bürgerlichen Demokratie einzulassen.</p>
<p class="vspace">Ein eindrucksvolles Beispiel bürgerlicher Versumpfung bietet die Sozialdemokratie: Auch in Österreich befriedete und kanalisierte sie l9l8/l9 die revolutionäre Grundstimmung unter den ArbeiterInnen. Sie trat in die Regierung ein, predigte Legalismus (13) und ließ, nachdem sie zwei Wochen an der Macht war, auf demonstrierende ArbeiterInnen schießen und sie durch Alarmformationen der Polizei brutal ermorden. Heute sind die SPÖ oder auch die Grünen für das Kapital kein schlechterer Handlanger als ÖVP und FPÖ.</p>
<p class="vspace"><strong>Kritik am autoritären Sozialismus – Das Verhältnis zwischen Anarchismus und Marxismus</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist, und weil ich mir nichts menschenwürdiges ohne Freiheit vorstellen kann. Ich bin deshalb nicht Kommunist, weil der Kommunismus alle Macht der Gesellschaft im Staat konzentriert und aufgehen lässt, weil er notwendig zur Zentralisation des Eigentums in den Händen des Staates führen muss, während ich die radikale Abschaffung des Staates wünsche, die radikale Ausrottung des Autoritätsprinzips und der Vormundschaft des Staates, die unter dem Vorwand die Menschen sittlich zu erziehen und zu zivilisieren, sie bis heute versklavt, unterdrückt, ausgebeutet und verdorben hat Ich wünsche die Organisierung des sozialen Eigentums von Unten nach Oben auf dem Weg über die freie Assoziation und nicht von Oben nach Unten mit Hilfe irgendeiner Autorität, wer immer sie sei.&#8221;</em> (Michail Bakunin)</p>
<p class="vspace">Mensch hat den Marxismus und den Anarchismus oft als zwei feindliche Brüder bezeichnet. Doch auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede in der Theorie zu geben. Tatsächlich kann mensch sagen, sie haben gemeinsame Wurzeln, die gleichen philosophischen Grundlagen und im Grunde auch das gleiche Ziel: Eine freie, sozialistische Gesellschaft.</p>
<p class="vspace">Trotzdem verwundert es nicht, dass es zwischen AnarchistInnen und Kommunisten zu Gegensätzen kommen musste. Die Vorstellungen, die die „Autoritären&#8221; sowohl von dem Weg zur Revolution als auch von den Stadien (aufeinanderfolgenden Formen) der neuen Gesellschaft hatten, waren sehr viel anders als die der AnarchistInnen. So plädierten die Marxisten, die das autoritäre Lager anführten, für die Gründung starker, zentraler Parteien, für den Eintritt in Gewerkschaften, für die Beteiligung an Wahlen und für einen politischen Kampf, der die Bedingungen der ArbeiterInnenklasse schrittweise verbessern sollte. Die AnarchistInnen hielten diesem Programm entgegen: Organisation auf der Basis geheimer, freier und dezentral organisierter Bünde, die sich lediglich zur Absprache ihrer Aktionen zusammenschließen sollten. Mensch erkannte, dass in einer autoritären Organisation bereits der Keim für eine neue autoritäre Gesellschaft enthalten war. Statt der Beteiligung an der Politik forderten sie eine radikale (14) und konsequente Aktion gegen das Grundübel und die endgültige und sofortige Beseitigung des ungerechten Gesellschaftssystems.</p>
<p class="vspace">Wie wir gesehen haben, gibt es also beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Strömungen, und zwar vor allem in der Frage des Weges, auf dem das gemeinsame Ziel erreicht werden soll. Dies sind aber offensichtlich so wichtige Unterschiede, dass man den Konflikt zwischen AnarchistInnen und Marxisten nicht einfach als Haarspalterei abtun kann. Hierbei müssen wir allerdings vorsichtig sein und von Fall zu Fall genau untersuchen, ob das, was wir kritisieren, denn eigentlich Marxismus ist. Bekanntlich gibt es mehrere „Schulen&#8221; des Marxismus, die alle von sich behaupten, die einzig wahren, rechtmäßigen Nachfolger des großen Lehrers zu sein.</p>
<p class="vspace">Von der reformistischen Sozialdemokratie haben wir bereits gesehen, dass bei ihr von Marx nicht mehr viel übriggeblieben ist. Aber auch im Leninismus, der heute als „echter&#8221; Marx-Nachfolger allgemein anerkannt ist, müssen wir feststellen, dass hier Marx ganz erheblich verfälscht wurde. Schnell erkannten die Antiautoritären, dass der Kommunismus eine Gefahr in sich birgt: er nimmt aufgrund seiner geistigen Überlegenheit die Führung der Revolution für sich in Anspruch und ist genau in diesem Moment bereits wieder eine neue Regierung. Bakunin warf Marx polemisch (15) vor, der „Chefingenieur der Weltrevolution&#8221; sein zu wollen. Eine solche Führung würde am Ende nur das Volk in seinen revolutionären Initiativen hemmen, ihm ein neues Joch auferlegen. Statt den Staat zu zerschlagen, planten die Marxisten, ihn erst zu übernehmen, ihn stark zu machen, und ihn für die Zwecke des Sozialismus „dienstbar zu machen&#8221;, da ihm die wirtschaftlichen Grundlagen entzogen worden seien, würde er später von ganz alleine absterben. Diese Ansicht mag vielleicht theoretisch richtig sein, praktisch ist sie aber durch viele Beispiele widerlegt worden („Ostblock&#8221;).</p>
<p class="vspace">Diese Unterschiede führten zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der 1. Internationalen und schließlich zu deren Spaltung. Durch Lenin wurden dann deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge verstärkt, die zuweilen jedoch keineswegs immer in den Schriften von Marx und Engels auftauchten. Er erweiterte diese auch um einen Ultra-Zentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei und vor allem um die Praxis der BerufsrevolutionärInnen als Führer der Massen. „Von diesen Punkten ist in den Schriften von Marx und Engels nicht viel zu finden, wo sie höchstens im Kern und unterschwellig vorhanden sind.&#8221; (16)</p>
<p class="vspace">Aus diesem Avantgardebewusstsein (17) der Leninisten und Marxisten erklärt sich auch, dass in den Schriften von Marx und Engels der begriff der „Spontaneität&#8221; niemals auftaucht. Sicherlich kann sich eine revolutionäre Partei neben ihren hervorragenden Aktivitäten ein gewisses Maß an Selbsttätigkeit der Massen erlauben, aber die Spontaneität der Massen würde ihren Anspruch auf die Rolle gefährlich in Frage stellen. Es scheint, als seien die AnarchistInnen Propheten gewesen. Schon Bakunin schrieb 1860: „Vorzugeben, dass eine Gruppe von Individuen, seien es die Intelligentesten und die mit den besten Absichten, in der Lage ist, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und der Wirtschaftsorganisation des aller Länder zu werden, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, dass man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die eine Diktatur &#8230; würde genug sein, die zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen &#8230; Man kann das Etikett wechseln, das unser trägt, seine Form &#8211; aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder müsse man diesen Staat zerstören, oder sich mit der fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: die rote Bürokratie.&#8221;</p>
<p class="vspace">Genau das ist in Russland eingetreten. Lenin, der den Marxismus im autoritären Sinne weiterentwickelt hat, gelang es innerhalb von drei Jahren, die russische Volksrevolution unter die Diktatur seiner straff organisierten, kleinen Partei zu bringen. Als das Volk begriff, was geschehen war, war es schon zu spät: jede Erhebung gegen die neue Diktatur wurde blutig unterdrückt. AnarchistInnen und Anarchogruppen haben oftmals ihre Kräfte mehr zur Bekämpfung des Marxismus verwandt, als zum Kampf gegen den gemeinsamen Klassenfeind. Oft hat es dieser anarchistischen Marxismuskritik erheblich an Substanz gemangelt. Man kann darüber denken, wie man will &#8211; zur Klärung der Standpunkte hat dies alles herzlich wenig beigetragen und zur Entwicklung des revolutionären Kampfes schon gar nichts.</p>
<p class="vspace">Es ist auch nicht unsere Absicht, die spießigen Intrigen und die persönlichen Hahnenkämpfe eines Marx&#8217; oder eines Bakunins auseinander zu pflücken. Für uns ist allein wichtig, was wir auf unserem Weg zur Freiheit voneinander lernen können. Wir haben schon gesehen, dass der Anarchismus am Marxismus folgende wichtige Punkte kritisiert:</p>
<ul>
<li>Autoritäre Organisation, mit der Gefahr der Verselbstständigung (Partei usw.)</li>
<li>Falsche Taktik bei der Erreichung der freien Gesellschaft. Der Staat sollte nicht übernommen, sondern zerschlagen werden.</li>
<li>Gefahr einer mechanistischen Geschichtsauffassung nach dem (im Grunde richtigen) historischen Materialismus. Demzufolge Vernachlässigung der Rolle des revolutionären Subjekts.</li>
<li>Überbetonung der ökonomischen Revolution infolge dieser mechanistischen Auffassung. Nicht nur die Wirtschaftsordnung muss aktiv verändert werden, sondern auch der Überbau, wie Verwaltung, Polizei, Militär, Kirche, Justiz, Erziehung usw.</li>
</ul>
<p class="vspace">Darüber hinaus wirft der Marxismus, vor allem der Marxismus-Leninismus, dem Anarchismus im wesentlichen vor, kleinbürgerlich zu sein, nicht die richtige Organisation zu haben, und im Endeffekt nur Chaos zu produzieren. Was die beiden letzteren Vorwürfe angeht, so haben wir sie schon weiter oben abgeklärt und widerlegt.</p>
<p class="vspace">Das Argument des Kleinbürgertums (19) ist nicht sehr gehaltvoll. Vor allem muss man erst einmal definieren, was darunter zu verstehen ist. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens könnte gemeint sein, dass die anarchistische Ideologie dem Kleinbürgertum nutzt. Diese These wäre, nach allem, was wir gesagt haben, so idiotisch, dass wir nicht darauf einzugehen brauchen. Also sind die Anhänger des Anarchismus Kleinbürger? Proudhon, dem dieser Vorwurf gerade am häufigsten gemacht wird, war simpler Schriftsetzer. Das Gros der an AnarchistInnen (sowohl TheoretikerInnen als auch PraktikerInnen) hat sich zeitlebens ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdient. Freilich waren Kropotkin und Bakunin adeliger Herkunft, aber beide waren genau das, was Bakunin selber als diejenigen beschreibt, die „der Klasse, der sie entstammen, völlig den Rücken gekehrt und sich völlig der Interessen des Volkes angenommen haben.&#8221;</p>
<p class="vspace">Der autoritäre Sozialismus ist heute nicht mehr so aktuell und gefährlich wie der Kapitalismus. Gerade aus diesem Grund lohnt es sich, erneut anarchistische KlassikerInnen zu lesen. Rudi Dutschke schreibt 1967: „In einer Zeit der sich verstärkenden und sich verselbstständigenden Staatsbürokratie scheint uns die bei Bakunin im Mittelpunkt stehende Frage der Abschaffung des Staates, der unmittelbaren Beseitigung desselben, der erneuten Aufarbeitung durchaus wert.&#8221;</p>
<p class="vspace">Schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also fast 100 Jahre vor Stalin, hat Proudhon treffend die Politik der Kommunisten zusammengefasst: „So hat der Kommunismus, wie ein Heer, das dem Feinde seine Kanonen weggenommen hat, nichts anderes getan als gegen das Heer der Besitzenden dessen eigene Artillerie gekehrt. Von jeher hat der Sklave den Herrn nachgeäfft.&#8221;</p>
<p class="vspace">Das Verhängnisvolle daran war: die Nachäfferei hat sich im Endeffekt nicht so sehr gegen die Besitzenden gewandt (denn die sind wieder auferstanden), sondern gegen die Besitzlosen. Die Revolution, die für sie sein sollte, hat ihr tägliches Leben nicht verändert. Sie leben weiterhin in Unfreiheit und arbeiten für die Interessen anderer.</p>
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		<title>Ansätze für eine anarchistische libertär-sozialistische Gesellschaft</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 16:56:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieser Artikel versteht sich nicht als Ansatz eines dogmatischen Programms für eine libertär-sozialistische Gesellschaft. Er ist vielmehr als Sammlung von Gedanken eines einzelnen, sich als Anarchist verstehenden Individuums zu begreifen und soll lediglich als Diskussionsgrundlage, im Hinblick auf die Möglichkeit des Entstehens von alternativen gesellschaftlichen Strukturen, dienen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-39"></span>Die kapitalistische Klassengesellschaft hat sich in ihrer Entwicklung, insbesondere nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, enormen strukturellen Veränderungen unterzogen. Die eindeutig zu definierenden sozialen Klassen aus der Zeit des Manchester-Kapitalismus sind so nicht mehr erkennbar, da sich die soziale Schichtung, der in diesen gesellschaftlichen Strukturen lebenden Menschen, zunehmend komplexer gestaltet hat. Auch die noch vor dem zweiten Weltkrieg existente nationalstaatlich orientierte kapitalistische Wirtschaft hat sich zunehmend „verinternationalisiert“. Trotzdem befinden wir uns seit dem Zusammenbruch des staatskapitalistisch-stalinistischen Ostblocks in einer global-ökonomischen Entwicklung, die mehr als ernst zu nehmen ist, da sie der Monopolisierung, von der Karl Marx in der zweiten Hälfte des 19.Jh. in seinem Werk „Das Kapital“ schrieb, entspricht. Die in allen westlichen Staaten mit ihr einhergehende Beschneidung der sogenannten sozialen Netze zeigt uns, wie wichtig es gerade jetzt ist, alternative gesellschaftliche Modelle, die eine größtmögliche soziale Gerechtigkeit als ihre Basis erklären, zu diskutieren.</p>
<p>Da der Grundgedanke des Sozialismus nichts anderes als diese größtmögliche soziale Gerechtigkeit in sich trägt, ist er nach wie vor von größter Relevanz. Auch AnarchistInnen begreifen sich als SozialistInnen, da ihr Ziel in der Entstehung einer herrschaftsfreien, antiautoritären Gesellschaft zu suchen ist. Im Folgenden sollen einige wichtige Ansätze besprochen werden, die Möglichkeiten des Weges aufzeigen bzw. die strukturellen Gegebenheiten einer existenten anarchistischen Gesellschaft beleuchten sollen.</p>
<p><strong>Gedanken zum Prozess der gesellschaftlichen Umwandlung</strong></p>
<p>Da, wie bereits in der Einleitung erwähnt wurde, die heutigen strukturellen Gegebenheiten der kapitalistischen Gesellschaft von größter Komplexität gekennzeichnet sind, ist eine gesellschaftliche Umwandlung im Sinne von herkömmlicher militanter, revolutionärer Praxis auszuschließen. Deshalb muss der Wandlungsprozess in bzw. aus der gegebenen gesellschaftlichen Realität heraus also durch politische, gegenkulturelle Aspekte, erfolgen. AnarchistInnen lehnen jedoch Parteipolitik aus den Gründen ab, da sie nicht dem Grundsatz der Herrschaftslosigkeit entspricht und sich im Laufe der Geschichte fast immer als Instrument des Demonstrierens von Macht erwiesen hat. Somit stellt sich also die Frage, wie eine breite politische Gegenkultur errichtet werden kann, ohne dabei parteipolitisch zu agieren. Einen diesbezüglich sehr positiven Ansatz stellte die außerparlamentarische Opposition (APO) der 68-er dar. Sie versuchte eine breite links-politische Gegenkraft zu entwickeln, ohne sich dabei parteipolitischer Charakteristiken zu bedienen.</p>
<p>Die zu ihrer Zeit nicht zu leugnenden politischen Erfolge sprechen unter anderem für einen dahingehenden politischen Ansatz. Doch was unterscheidet einen linken außerparlamentarischen, nichtparteilichen Ansatz von Strukturen innerhalb einer Partei? Da Parteien sich in ihrem gewollt demokratischen Verständnis hierarchisch von oben nach unten organisieren, schaffen sie Herrschaftsstrukturen, die grundlegend für Klassengesellschaften sind, egal wie gewollt sozialistisch sie seien möchten. Aus diesem Verständnis heraus, wollen AnarchistInnen gegenpolitische Ansätze in Form von außerparlamentarischen bzw. außerparteilichen politischen und kulturellen Interessenverbänden schaffen, welche sich zwar demokratisch, jedoch von unten nach oben, im Sinne der konsenspolitischen Entscheidungsfindung organisieren und sich mit andern Gruppen und Verbänden vernetzt zusammenschließen.</p>
<p>Die Ziele dieses Ansatzes sind, Interesse für gegenkulturelle und gegenpolitische Aspekte zu wecken, um Menschen aus dem vorherrschenden gesellschaftspolitischen Desinteresse herauszulösen. Von entscheidender Wichtigkeit ist dabei, dass dieser Prozess auf allen gesellschaftlich relevanten Ebenen wie bspw. der Kultur, der Wirtschaft, der Politik und der Bildung stattfindet. Das Fernziel muss selbstverständlich darin bestehen, durch das Erweitern alternativer Handlungsspielräume, den Machthabenden die für sie notwendige Basis zu entziehen. Nur so können die gegebenen Machtverhältnisse allmählich revidiert und zunehmend egalisiert werden.</p>
<p>Dieser gesellschaftsverändernde Prozess kann jedoch nur bis zu einer bestimmte Schwelle gewaltfrei praktiziert werden, da jene gesellschaftlichen Kräfte, die am Erhalt der bisherigen Machtverhältnisse interessiert sind, mit massiven repressiven Mitteln versuchen werden, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Spätestens dann wird revolutionäre militante Praxis unvermeidbar sein, um den Weg zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft fortführen zu können.</p>
<p><strong>Das dezentralisierte, anarchistische Fundament einer anarchistischen Gesellschaft</strong></p>
<p>Da Rassismus und Sexismus im erweiterten Sinne das Fundament für alle herrschaftlichen Strukturen bilden, ist es notwendig, diesen durch bewusst emanzipative Denkmuster entgegenzuwirken. Somit bilden höchste humanistische, aber auch im anders verstandenen Sinne moralische Werte, die Basis einer funktionierenden anarchistischen Gesellschaft. Das Neuentstehen von gesellschaftlichen Machtverhältnissen kann nur durch alternative Organisationsstrukturen verhindert werden, deren Bestreben es ist, Entscheidungsgewalt gleich zu verteilen. Zu diesem Zweck organisiert sich eine anarchistische Gesellschaft dezentralisiert in weitestgehend autonomen Kommunen.</p>
<p>Die entsprechenden, für die jeweilige Kommune relevanten Themen, werden in basisdemokratisch gewählten Räten besprochen, die in relativ kurzen und regelmäßigen Abständen neu gewählt werden. Hierbei muss vermieden werden, dass, wer einmal in einen Rat gewählt worden ist, nach Ablauf seiner „Amtsperiode“, die jeweilige Position ein zweites mal besetzen darf.</p>
<p>In diesem Sinne ist es erforderlich, gesellschaftspolitische Strukturen zu schaffen, die für möglichst jeden in der Kommune Lebenden durchschaubar und nachvollziehbar sind. Die bewusst komplex gestalteten politischen Zusammenhänge der kapitalistischen Gesellschaft werden also durch entkomplizierte Ansätze ersetzt, um jeden Einzelnen zu integrieren bzw. seine Mitbestimmung garantieren zu können. Eine klassische 2/3-Demokratie ist abzulehnen, da sie von vorn herein eine 1/3- Minderheit reproduziert, die wiederum zur Bildung neuer Machtverhältnisse führen würde. Das wichtigste Instrument der herrschaftsfreien Entscheidungsfindung stellt deshalb der Konsens dar.</p>
<p>Nicht zu leugnen ist, dass eine Entscheidungsfindung im Sinne des Konsens einen zeitlich sehr aufwendigen Prozess darstellt. AnarchistInnen gehen jedoch davon aus, dass Menschen in herrschaftsfreien Zusammenhängen eher zu beiderseitigen Kompromissen neigen als in einer Gesellschaft, in der im Sinne der allgegenwärtigen Konkurrenz der Kompromiss einen verlorenen Kampf gegenüber dem Anderen bedeutet. Darüber hinaus ist nur im Rahmen einer Konsensentscheidung garantiert, dass die Belange jedes Einzelnen Berücksichtigung erfahren. Bei einigen möglichst schnell herbeizuführenden Entscheidungen wird es sich jedoch nicht vermeiden lassen, auf herkömmlichen Wege demokratisch abzustimmen. Hierbei sollte allerdings eine demokratische Mehrheit von weit über 80% gefunden werden, um den Anteil derjenigen, die dieser Entscheidung ablehnend gegenüberstehen, so gering wie möglich zu halten.</p>
<p>Jede einzelne Kommune innerhalb der anarchistischen Gesellschaft organisiert sich auf diese Weise weitestgehend unabhängig. Im Rahmen dieses dezentralisierten, gesellschaftlichen Gefüges ist es möglich, intensiver auf die jeweiligen kommunalen Problem zu reagieren, da der Handlungsspielraum von den unmittelbar betroffenen ausgefüllt bzw. genutzt wird.</p>
<p><strong>Gedanken zu einer herrschaftsfreien Ökonomie</strong></p>
<p>Da sich die kapitalistische Klassengesellschaft über die Ungleichverteilung von wirtschaftlicher Macht definieren lässt, die sich in zunehmenden Maße monopolisiert bzw. zentralisiert, ist der Anarchismus bestrebt, jene gleichmäßig zu verteilen. Ein herrschaftsfreies System basiert deshalb auf der größt möglichen ökonomischen Eigenverantwortlichkeit der jeweiligen Kommunen. Dies bedeutet, dass eine regionale Wirtschaft nach den kommunalen Gegebenheiten errichtet werden muss, die sich nach den vorhandenen Ressourcen, Produktionsstätten und Fachkräften orientiert. Die in der Kommune vorhandenen Produktionsmittel sind als Gemeineigentum zu betrachten, da ihr Privatbesitz nicht garantieren könnte, dass deren Nutzung im Sinne der Gemeinheit erfolgt.</p>
<p>Eine diesbezügliche herrschaftsfreie Produktionsweise erfordert einen sehr hohen Grad an vernetzter Koordination, da eine einzelne Kommune als produzierende Einheit nicht selbständig ihren eigenen Bedarf auf allen Ebenen decken kann.</p>
<p>Insofern besteht zwischen den Kommunen ein natürlicher Zwang der direkten Solidarität. Diese zielt auf das Bewusstsein ab, die anderen Kommunen für den Erhalt der Eigenen zu benötigen bzw. sich mit ihnen auf einer gleichwertigen Ebene zu ergänzen. Insofern wäre eine Basis für das Produzieren von Waren auf der Grundlage des Bedarfs gegeben, die weitestgehend verhindert könnte, dass es im Hinblick auf die Erzeugung künstlicher Bedürfnisse zu unökologischer Überproduktion kommt. Dies würde bedeuten, dass nicht das Angebot die Nachfrage, was zur Erzeugung künstlicher Bedürfnisse im Sinne des kapitalistischen Verstehens von Produzieren benutzt wird, sondern die Nachfrage das Angebot bestimmt. Verständlicher ausgedrückt heißt das, erst dann bestimmte Waren zu produzieren, wenn diese tatsächlich benötigt werden. Nur auf dieser Grundlage kann ein zukunftsfähiges wirtschaftliches System basieren, das den Belangen der ökologischen Verträglichkeit und vor allem der sozialen Gleichheit gerecht werden kann.</p>
<p>Dieser Artikel versteht sich nicht als Ansatz eines dogmatischen Programms für eine libertär-sozialistische Gesellschaft. Er ist vielmehr als Sammlung von Gedanken eines einzelnen, sich als Anarchist verstehenden Individuums zu begreifen und soll lediglich als Diskussionsgrundlage, im Hinblick auf die Möglichkeit des Entstehens von alternativen gesellschaftlichen Strukturen, dienen.</p>
<p><em>Erschienen in Talk´ Rolls´ Stachel # 7, 05.06.00</em></p>
<p><em>Dieser Beitrag entstammt dem Stachel, der einzigen Studentenzeitung von Görlitz, nahe der deutsch-polnischen Grenze. Die Nummer 7 vom Stachel hatte wegen finanzieller Schwierigkeiten eine limitierte Auflage von nur 100 Stück, dürfte also für fast alle nicht mehr verfügbar sein. Die anderen Ausgaben des Stachel befassen sich leider nicht mit anarchistischen Themen.</em></p>
<p><em>Originaltext: <a href="http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a23.html " target="_blank">http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a23.html </a></em></p>
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		<title>Anarchie</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 13:50:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-33"></span><em>Anarchistische Föderation Französischer Sprache (FAF). Herausgegeben von der I-AFD – IFA (Initiative für eine anarchistische Föderation in Deutschland &#8211; Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen)</em></p>
<p><strong>Vorwort der HerausgeberInnen</strong></p>
<p><em>Liebe Leserinnen und Leser,</em></p>
<p>Mit der Broschürenreihe Libertäre Texte, in der wir Materialien zu Theorie(n) und Praxis, Entwicklung und gegenwärtigen Formen anarchistischer Bewegungen in aller Welt veröffentlichen wollen, möchten wir nicht nur Szene-InsiderInnen und aktive Libertäre ansprechen.</p>
<p>Sie richtet sich vor allem an die wachsende Zahl staatsverdrossener und parteimüder Mitmenschen, die sich auf der Suche nach gangbaren, gesellschaftlichen Alternativen auch einmal vorurteilsfrei über den Anarchismus, seine Vorstellungen, Ziele und Ausdrucksformen informieren wollen.</p>
<p>Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich das erste Bändchen dieser Reihe der grundsätzlichen Frage widmet, was Anarchismus denn nun eigentlich ist. Der vorliegende Text, der im letzten Jahr von der Commission Propagande der Anarchistischen Föderation Frankreichs (FAF/IFA) unter dem Titel Qu est-ce que l´anarchisme? publiziert wurde, hat nicht den Anspruch, darauf eine allumfassende, quasi akademische Antwort zu geben, aber er vermittelt, leicht verständlich geschrieben, einen guten Zugang zur anarchistischen Ideenwelt und den Versuchen, sie zur Realität werden zu lassen. Er räumt auf mit dem Mythos von den gewalttätigen, bombenwerfenden AnarchistInnen, die nichts anderes im Sinn haben, als durch blindwütigen Terror ein Höchstmaß an Chaos in der Gesellschaft zu erzeugen.</p>
<p>Wir bedanken uns herzlich bei den GenossInnen der Bielefelder Ortsgruppe der Freien ArbeiterInnen Union (FAU/IAA), die uns die deutsche Übersetzung des Originaltextes der FAF zur Verfügung gestellt haben und damit das Erscheinen dieses Bandes ermöglichten.</p>
<p>Im Mai 1993 Gruppe Krefeld/Moers der Initiative für eine Anarchistische Föderation in Deutschland (I-AFD) / Angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen (IFA)</p>
<p><strong>Anarchismus</strong></p>
<p>Auf wenigen Seiten einen auch nur summarischen Abriss des anarchistischen Denkens und der Formen libertärer Praxis zu geben, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Das rührt einerseits daher, dass man im Fall des Anarchismus nicht alle seine Äußerungen auf das Wirken eines einzigen Theoretikers zurückführen kann, und dass jene andererseits weit davon entfernt sind, Ausdruck einer erstarrten Ideologie zu sein. Im übrigen sind diese Äußerungen immer recht verschiedenartig gewesen und überschneiden sich nicht unbedingt.</p>
<p>Gewöhnlich bezieht man sich auf Stirner, Proudhon und Bakunin, als die drei Haupttheoretiker dieser Denkströmung. Das ist aber nur zum Teil richtig, denn was Stirner betrifft, so blieb sein Denken bis zum Ende des 19. Jahrhunderts außerhalb Deutschlands praktisch unbekannt und hatte mit dem Entstehen der libertären Bewegung im eigentlichen Sinne überhaupt nichts zu tun. Was Proudhon angeht, der zu Recht als Vater des Anarchismus betrachtet werden kann, so hat sein Denken lange Zeiten des Vergessens durchgemacht und ist gelegentlich grob entstellt worden. Und wenn der Einfluss von Bakunin auf die libertäre Bewegung auch direkt und entscheidend gewesen ist, so hat diese doch erst nach seinem Tod ihren eigentlichen Aufschwung genommen und ihre charakteristischen Merkmale entwickelt. Überdies sind die anarchistischen Ideen im wesentlichen durch das Werk seiner Schüler, wie Kropotkin und Malatesta, bekannt geworden, die nicht davor zurückgeschreckt sind, das Erbe Bakunins in wichtigen Punkten zu verändern, zu präzisieren und zu erweitern, wobei sie sich ausdrücklich auf den libertären Kommunismus beriefen.</p>
<p>Dennoch hat das anarchistische Denken ein einheitliches Gepräge mit festen Grundzügen, und es wäre ein schwerer Irrtum, in ihm nur einfach einen individuellen Protest zu sehen &#8211; wie es seine Gegner oft getan haben &#8211; oder den Ausdruck eines folgenlosen Geistes der Revolte.</p>
<p>Auf philosophischer und geistiger Ebene kann der Anarchismus als die extremste Äußerung der Verweltlichung des abendländischen Denkens betrachtet werden, indem er bis zur Ablehnung jeglicher Form einer dem Menschen äußerlichen oder höheren Autorität fortschreitet, egal ob sie vorgibt, göttlichen oder menschlichen Ursprungs zu sein; sowie zur Ablehnung aller Prinzipien, die zu allen Zeiten unter verschiedenen Formen und Gestalten von den jeweils Mächtigen benutzt wurden, um ihre Ausbeutung und ihre Herrschaft über den Rest der Bevölkerung zu rechtfertigen.</p>
<p>Auf politischer und sozialer Ebene stellt sich der Anarchismus als Fortsetzung des Werkes der französischen Revolution dar, insofern er neben der politischen Gleichheit die Verwirklichung einer tatsächlichen ökonomischen und sozialen Gleichheit einfordert; eine faktische Gleichheit, die erst aus dem Kampf gegen den Kapitalismus und für die Abschaffung des Lohnsystems entstehen kann.</p>
<p>Historisch ist die anarchistische Bewegung &#8211; ebenso wie andere sozialistische Strömungen auch &#8211; aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, als Ausdruck des Protestes der Arbeiter gegen die moderne Ausbeutung. In dieser Hinsicht kann er als radikale Reaktion auf die Lage der Arbeiter im 19. Jahrhundert begriffen werden, die gekennzeichnet war durch die Verallgemeinerung der Lohnarbeit und die Teilung der Gesellschaft in Klassen.</p>
<p>Vom Moment ihrer Entstehung an traten die anarchistischen Ideen in Widerspruch sowohl zu den reformistischen Auffassungen des Sozialismus (die es für möglich hielten, die Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaft nach und nach zu verändern), als auch zu den marxistischen Auffassungen, insbesondere was den Einsatz der Diktatur als revolutionäres Mittel betrifft.</p>
<p><strong>Die Besonderheit der anarchistischen Lehre</strong></p>
<p>Die Anarchisten streben eine Gesellschaft freier und gleicher Menschen an. Die Freiheit und die Gleichheit sind die beiden Schlüsselbegriffe, um die sich alle libertären Entwürfe drehen.</p>
<ul>
<li> Als Sozialisten sind sie für den Gemeinbesitz an Produktions- und Distributionsmitteln.</li>
<li>Als Libertäre glauben sie, dass der Einzelne nur frei sein kann in einer Gesellschaft wirklich freier Menschen, und dass die Freiheit eines jeden von der Freiheit der anderen nicht eingeschränkt, sondern bestätigt wird. Die Freiheit, wie auch die Gleichheit, so wie die Libertären sie begreifen, hat indes nichts Abstraktes, sondern zielt ab auf eine konkrete, d.h. soziale Freiheit und Gleichheit, die sich auf die gleiche und wechselseitige Anerkennung der Freiheit aller gründet.</li>
</ul>
<p>„Ich bin überzeugter Anhänger der ökonomischen und sozialen Gleichheit“, konnte Bakunin schreiben, „weil ich weiß, dass außerhalb dieser Gleichheit Freiheit, Gerechtigkeit, menschliche Würde, Moral und Wohlergehen des Einzelnen ebenso wie der Wohlstand der Nationen nichts als Lügen sein werden; doch als Anhänger auch der Freiheit, dieser Grundvoraussetzung der Menschlichkeit, glaube ich, dass die Gleichheit sich durch die freiwillige Organisation der Arbeit und des Kollektiveigentums der frei zusammengeschlossenen und föderierten Produzentenassoziationen in den Kommunen herstellen muss, nicht unter der Oberhoheit und Vormundschaft des Staates.“ Um einen solchen gesellschaftlichen Zustand zu verwirklichen, der einzige, der tatsächlich jede Form der Ausbeutung und des Privilegs abschaffen kann, meinen die Anarchisten, dass es unvermeidlich ist, nicht nur jede Form ökonomischer Ausbeutung zu bekämpfen, sondern auch jede Form politischer Herrschaft staatlicher oder regierungsförmiger Art. Für die Anarchisten schafft jede Regierung, jede Staatsmacht, ungeachtet ihrer Zusammensetzung, ihres Ursprungs und ihrer Legitimität die materielle Voraussetzung für die Herrschaft und die Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch den anderen. Wie Proudhon gezeigt hat, ist der Staat nur ein Parasit der Gesellschaft, den die freie Organisation der Produzenten und Konsumenten überflüssig machen muss und kann. In diesem bestimmten Punkt sind die anarchistischen Auffassungen ebenso weit von den liberalen Auffassungen entfernt &#8211; die aus dem Staat einen notwendigen Schiedsrichter zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Friedens machen &#8211; wie von den marxistisch-leninistischen Auffassungen &#8211; die glauben, die politische und diktatorische Macht eines Arbeiterstaates einsetzen zu können, um die Klassenantagonismen abzuschaffen. Seit 1917 ist, zunächst in Russland, dann auch in anderen Ländern besonders des Ostens das Scheitern der Versuche, den Sozialismus durch den Einsatz der Diktatur zu verwirklichen, offensichtlich und beweist zur Genüge die Richtigkeit der libertären Kritiken in dieser Sache.</p>
<p>Der Einsatz der Diktatur, und sei es im Namen des Proletariats, hat nicht etwa zum Absterben des Staates geführt, sondern überall eine riesige Bürokratie geschaffen, die das soziale Leben und die freie Initiative des Einzelnen erstickt. Und doch war es eben diese Bürokratie, bis heute die Hauptquelle der Ungleichheiten und Privilegien in diesen Ländern, die das kapitalistische Privateigentum hat abschaffen wollen. Wie schon Bakunin in seiner Polemik mit Marx unterstrichen hatte: Freiheit ohne Gleichheit ist eine krankhafte Fiktion (&#8230;). Gleichheit ohne Freiheit; das ist Staatsdespotismus. Und der despotische Staat könnte keinen einzigen Tag lang bestehen, ohne wenigstens eine ausbeuterische und privilegierte Klasse zu haben: die Bürokratie. Der regierungsförmigen, zentralisierenden Organisationsweise des gesellschaftlichen Lebens stellen die Libertären eine föderalistische Organisationsweise gegenüber, die es ermöglicht, den Staat und seinen Verwaltungsapparat zu ersetzen durch die kollektive Übernahme aller Funktionen des sozialen Lebens, die jetzt noch durch über der Gesellschaft thronende staatliche Körperschaften monopolisiert und verwaltet werden, durch die Betroffenen selbst.</p>
<p>Der Föderalismus als Organisationsweise bildet den zentralen Bezugspunkt des Anarchismus, die Grundlage und die Methode, auf welche der libertäre Sozialismus aufbaut. Stellen wir indes klar, dass der so verstandene Föderalismus nur sehr wenig gemein hat mit den bekannten Formen des politischen Föderalismus, wie er derzeit von einer Reihe von Staaten praktiziert wird. Es handelt sich nämlich im Sinne der Libertären nicht bloß um eine Regierungstechnik, sondern um ein eigenständiges gesellschaftliches Organisationsprinzip, das alle Lebensaspekte einer menschlichen Gemeinschaft umfasst. Entweder der Föderalismus ist vollständig, oder er ist überhaupt nicht.</p>
<p>Das anarchistische Denken ist also recht weit davon entfernt, Notwendigkeit und Bedeutung der Organisation abzustreiten, es setzt sich vielmehr eine andere Art sich zu organisieren zum Ziel, die sowohl die Autonomie seiner Bestandteile sicherstellt, als auch kollektiven Erfordernissen Rechnung trägt. An der Basis beruht der Föderalismus auf der Autonomie der Betriebe und der Industrien wie auch der Kommunen. Die einen wie die anderen schließen sich zusammen, um sich gegenseitig zu schützen und um die individuellen und kollektiven Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenso wie die Selbstverwaltung im Unternehmen die Ersetzung des Lohnsystems durch die Verwirklichung der assoziierten Arbeit ermöglicht, so gestattet die föderative Organisation der Produzenten, der Kommunen, der Regionen die Abschaffung des Staates. Sie stellt sich dar als unerlässlicher Beitrag zur Durchführung des Sozialismus und als beste Garantie für die individuelle Freiheit.</p>
<p>Die Grundlage einer solchen Organisation ist der gleiche und wechselseitige, freiwillige, nicht theoretische, sondern faktische Vertrag, der je nach dem Willen der Vertragspartner (Assoziationen von Produzenten und Konsumenten usw.) abgeändert werden kann und allen Bestandteilen der Gesellschaft das Recht auf Initiative zuerkennt.</p>
<p>So definiert, ermöglicht der föderative Vertrag sowohl, die Rechte und Pflichten des Einzelnen zu bestimmen, als auch die Prinzipien eines wirklichen sozialen Rechts anzugeben, das imstande ist, die möglichen Konflikte zu regeln, die zwischen Individuen, Gruppen oder Gemeinschaften, ja sogar zwischen Regionen auftauchen können, ohne indes die Autonomie seiner Bestandteile in Frage zu stellen, was der föderalistischen Organisation ermöglicht, sowohl dem demokratischen Zentralismus entgegenzutreten als auch dem Laisser-faire (Geschehenlassen) des liberalen Individualismus.</p>
<p>Gewiss, eine solche Organisation kann nicht für sich in Anspruch nehmen, alle Konflikte zu beseitigen, und wir denken, dass es wichtig ist zu unterstreichen, dass Konflikte sich auf jeder Ebene der föderalistischen Gesellschaft einstellen können. Der Föderalismus darf nicht als ein religiöser Glaube mehr angesehen werden oder als Versprechen auf eine vollkommene Gesellschaft, sondern als eine offene, dynamische Auffassung von der Gesellschaft, die einen Rahmen bietet, der sich mit der Zeit verändern kann. Es ist nicht ein Traum mehr, sondern eine Weise, die gesellschaftlichen Fragen so gut wie möglich zu lösen, d.h. unter Beachtung der größten Freiheit eines jeden, ohne auf Instanzen eines regierungsförmigen Interessenausgleichs zurückzugreifen, die sichere Quellen neuer Privilegien wären.</p>
<p><strong>Die anarchistische Aktion</strong></p>
<p>Die Modalitäten der anarchistischen Aktion sind &#8211; wie könnte es anders sein &#8211; ein Spiegelbild der Leitgedanken, die wir gerade skizziert haben. Mehr noch, für die Anarchisten besteht eine untrennbare Verbindung zwischen dem angestrebten Ziel und den Mitteln, die eingesetzt werden, um es zu erreichen. Im Gegensatz zu den mehr oder weniger jesuitischen Rechtfertigungen jeder politischen Partei, meinen wir, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt, und dass jene immer, sofern das irgend möglich ist, im Einklang mit dem angestrebten Endziel stehen müssen.</p>
<p>Es kann also auf keinen Fall der Zweck der anarchistischen Aktion sein, auf die Eroberung der Macht oder die Verwaltung des Bestehenden auszugehen. Im Jahr 1872 wurde auf dem Kongress von Saint-Imier in der Schweiz offiziell der antiautoritäre Flügel der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) ins Leben gerufen, in Opposition zu den marxistischen Thesen. Man bekräftigte dort, dass die erste der Pflichten des Proletariats nicht in der Eroberung der politischen Macht bestünde, sondern in ihrer Zerstörung. Allgemeiner gesprochen, können wir sagen, dass die Libertären soziale Lösungen den politischen Lösungen entgegenstellen. Sie sind deswegen nicht unpolitisch, sondern antipolitisch. Im übrigen haben die Libertären, historisch gesehen, die Arbeiter immer vor der Illusion gewarnt, das Wahlrecht oder den Parlamentarismus als Waffe benutzen zu können, um ihre Lebensbedingungen innerhalb der bürgerlichen Demokratien grundlegend zu verändern. Der politisch-parlamentarischen Aktion, die auf die Eroberung der Machtausübung abzielt, ziehen sie die direkte Aktion der Massen vor, d.h. die Übernahme ihrer Angelegenheiten durch die Betroffenen selbst, ohne Delegation der Macht an irgendjemanden.</p>
<p>Die Arbeiter brauchen keine Vermittler, um an ihrer Stelle ihre Forderungen auszudrücken oder einen Kampf zu führen, sondern sie können und müssen es direkt selbst machen. Die Libertären denken, dass die Praxis der direkten Aktion, und des Streiks im besonderen, auch das bestmögliche und das wirksamste Kampfmittel in den Händen der Arbeiter ist, um ihre Interessen, einschließlich der unmittelbaren, zu verteidigen. Die Libertären haben sich immer jedem Versuch der Unterwerfung der revolutionären Bewegung oder der Arbeiterbewegung entgegengesetzt, und sie befürworten die Selbstorganisation, die kollektive und autonome Aktion der Arbeiter.</p>
<p>Die Anarchisten trachten nun nicht ihrerseits danach, eine Avantgarde- oder Führungsrolle zu spielen, denn sie gehen davon aus, dass es niemanden gibt, der sich besser um seine Angelegenheiten kümmern kann, als man selbst. Aber damit es dahin kommt, müssen sich die Arbeiter dessen bewusst werden, was Proudhon ihre politische Fähigkeit genannt hat. Die Arbeiter stellen die wesentliche Kraft einer Gesellschaft dar, nur von ihnen kann eine grundlegende Veränderung letzterer ausgehen. Die anarchistische Aktion hat immer in erster Linie die Verteidigung der Ausgebeuteten angestrebt, und sie unterstützt jede Forderung, die auf größeren Wohlstand und sozialen Fortschritt abzielt.</p>
<p>Zahlreiche Libertäre haben in den Gewerkschaften nicht nur Organisationen zur Verteidigung der Interessen der Lohnabhängigen gesehen, sondern auch eine Kraft der sozialen Veränderung, unter der Voraussetzung, dass sie es verstanden, von ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen. In dieser Hinsicht kann der libertäre Föderalismus, dessen Prinzipien wir vorhin umrissen haben, nicht realisiert werden ohne die aktive Mitwirkung der Arbeitergewerkschaften, denn einerseits sind diese geeignet, die Produktion zu organisieren und andererseits haben sie den Vorteil, die Arbeiter in ihrer Eigenschaft als Produzenten zu vereinigen.</p>
<p>Aus libertärer Sicht muss eine Gewerkschaftsorganisation in ihrer Tätigkeit wie in ihren Prinzipien:</p>
<ul>
<li> versuchen, ihre Autonomie gegenüber jeder politischen Organisation, die sie kontrollieren möchte, wie auch gegenüber dem Staat zu bewahren;</li>
<li>den Föderalismus und eine wirkliche direkte Demokratie zu praktizieren, die einzigen sicheren Garantien gegen jede Form der Bürokratisierung;</li>
<li>sich zum Ziel setzen, sowohl die Befriedigung unmittelbarer, materieller Forderungen zu erreichen, als auch die Arbeiter darauf vorzubereiten, in der Zukunft die</li>
<li>Verwaltung der Produktion zu übernehmen.</li>
</ul>
<p>Dieser letzte Punkt ist sehr wichtig, denn die Gewerkschaft und die gewerkschaftliche Aktion sind kein Selbstzweck und können nicht als solcher angesehen werden. Ihre Autonomie darf nicht Neutralität in bezug auf die Macht oder die Parteien bedeuten, wodurch sie einen Großteil ihrer Möglichkeiten zur Veränderung und zum Bruch mit dem Bestehenden einbüßen würde. Die Gewerkschaft muss sich deshalb, will sie nicht in Trade-Unionismus verfallen, ein soziales Umgestaltungsprogramm und eine entsprechende Praxis zu eigen machen.</p>
<p>Die gewerkschaftliche Aktion ist jedoch nicht das einzige Kampfmittel, über das die Arbeiter verfügen, die sich je nach den Umständen die Organisations- und Widerstandsformen schaffen können und müssen, die ihnen am angemessensten erscheinen.</p>
<p><strong>Der Anarchismus gestern und heute</strong></p>
<p>Der Einfluss, den die libertäre Bewegung auf die Arbeiterbewegung ausgeübt hat, ist beträchtlich gewesen, auch wenn er selten als solcher anerkannt wird. Ob einem das gefällt oder nicht, die Anarchisten repräsentieren sehr wohl eine authentische Strömung der internationalen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, und ihre Äußerungen finden sich in allen revolutionären Bewegungen wieder, im 19. wie auch im 20. Jahrhundert, angefangen bei der Pariser Kommune von 1871 oder in den Revolutionen von Russland und Spanien in den Jahren 1917 und 1936.</p>
<p>Der Einfluss der anarchistischen Ideen hat sich vor allem innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen deutlich bemerkbar gemacht, wie in der CGT in Frankreich, der USI in Italien, der CNT in Spanien, aber auch der FORA in Argentinien, der IWW in den Vereinigten Staaten, der FAUD in Deutschland oder der SAC in Schweden. Wie man sieht, die Liste ist lang. Jede dieser Organisationen vorzustellen, würde darauf hinauslaufen, für jedes dieser Länder einen Abriss der Geschichte ihrer Arbeiterbewegung an sich zu geben. Beschränken wir uns auf den Hinweis, dass 1922 der Gründungskongress einer (zweiten) Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), auf dem die anarcho-syndikalistischen Organisationen vertreten waren, die sich geweigert hatten, sich der bolschewistischen Internationale anzuschließen, mehrere Millionen Mitglieder zählte.</p>
<p>Gleichwohl hat der Anarchismus im Verlauf der 20er und 30er Jahre eine Krisenzeit durchlaufen. Wenn auch die russische Revolution in Europa und in der Welt eine neue revolutionäre Phase eröffnete, so wurde sie doch vielerorts begleitet von der Entfesselung der bürgerlich-kapitalistischen Reaktion in ihrer faschistischen Form. Insbesondere die libertäre Bewegung sah sich einem doppelten Angriff ausgesetzt. In Russland zunächst durch die bolschewistische, dann stalinistische Repression ausgeschaltet, musste sie in anderen Ländern mit den Methoden der Stalinisten fertig werden, die innerhalb der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung nicht vor der physischen Beseitigung ihrer Gegner zurückschreckten. Der Mythos der bolschewistischen Revolution und die Haltung der verschiedenen kommunistischen Parteien des Westens haben zu einer wachsenden Verdrängung des anarchistischen Einflusses in der Arbeiterklasse geführt. Und dort, wo die libertären Organisationen stark geblieben waren, wurden sie von der faschistischen Reaktion zerstört. In Italien, in Deutschland, in Argentinien, in Bulgarien, dort, wo der Faschismus siegte, wurde die anarchistische Bewegung zerschlagen und ihre aktivsten Kämpfer getötet oder gezwungen, ins Exil zu gehen.</p>
<p>Allgemein gesprochen, wurden die Anarchisten in dieser Zeit, zusammen mit einigen unabhängigen Sozialisten und Kommunisten, auch auf internationaler Ebene immer mehr isoliert, angesichts jenes Kampfes um die Weltherrschaft, den sich Stalin auf der einen Seite und die faschistischen Staaten sowie die bürgerlichen Demokratien auf der anderen Seite lieferten. Die Alternative Faschismus oder Demokratie zurückweisend, vor die man das Handeln des Weltproletariats zu stellen versuchte, schlugen sich die Libertären so gut es ging, um einen neuen Krieg zu verhindern.</p>
<p>Die spanische Revolution vom Juli 1936 stellte die letzte Gelegenheit dar, die sich den Arbeitern bot, um auf Faschismus und Krieg durch die Revolution zu antworten. Die Ereignisse von Spanien sind durch die bestimmende Rolle, die die anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Organisationen spielten, der historisch bedeutsamste Ausdruck der libertären Ideen und verdienen es, näher betrachtet zu werden. Am 18. Juli 1936 wurde ein Staatsstreich der spanischen Armee, unterstützt von der Rechten, den Faschisten der Falange und der Kirche, in mehr als der Hälfte des Landes durch einen Aufstand der Arbeiterbevölkerung niedergeschlagen. Die entscheidenden Kräfte im antifaschistischen Lager waren die anarchosyndikalistische Dachorganisation, die Nationale Konföderation der Arbeit (CNT), die im Mai 1936, auf ihrem Kongress in Saragossa, in ihren Reihen 982 Syndikate und 550.595 Mitglieder zählte, die Iberische Anarchistische Föderation (FAI.) und die Iberische Föderation der Libertären Jugend (FIJL.).</p>
<p>Der Kampf gegen das putschende Militär verwandelte sich schon in den ersten Stunden des Sieges in eine soziale Revolution; von Mitte Juli bis Ende August wurden das städtische Verkehrswesen und die Eisenbahnen, die Stahlwerke und Textilfabriken, die Wasser-, Gas- und Stromversorgung sowie Teile des Groß- und Kleinhandels kollektiviert. Ungefähr zwanzigtausend Industrie- und Handelsunternehmen wurden auf diese Weise enteignet und von den Arbeitern und ihren Gewerkschaften direkt verwaltet. Ein Wirtschaftsrat wurde gebildet, um die Aktivitäten der verschiedenen Produktionszweige zu koordinieren. In der Landwirtschaft wurde die Kollektivierung am vollständigsten durchgeführt: Abschaffung des Geldes, Änderung der Gemeindegrenzen, Organisation der gegenseitigem Hilfe zwischen reichen und armen Gemeinschaften, Auszahlung gleicher Löhne, Einrichtung von Familienlöhnen, Vergemeinschaftung der Arbeitswerkzeuge und der Ernteerträge. Es handelt sich um die weitreichendste soziale Revolution in der Geschichte, schrieb Gaston Leval.</p>
<p>Vom 3. bis 8. Mai 1937 begann ein zweiter unversöhnlicher Kampf, diesmal innerhalb des republikanischen Lagers, als die stalinistischen Kommunisten versuchten, die Kontrolle über die öffentlichen Gebäude von Barcelona zu übernehmen. Man weiß heute aus sicherer Quelle, nämlich aus den späteren Zeugenaussagen politischer und militärischer Führer der Kommunistischen Partei Spaniens (J. Hernandez, El Campesino), dass Stalin den Sieg des Faschismus einer wirklichen sozialen Revolution unter führender Beteiligung der Anarchisten vorzog. Von den westlichen Demokratien unter dem verlogenen Vorwand der Nicht-Einmischung im Stich gelassen, während Nazi-Deutschland und das Italien Mussolinis die Nationalisten massiv aufrüsteten, von den Stalinisten verraten, gelang es dem spanischen Volk und seinen Klassenorganisationen bis zum März 1939 der Koalition von europäischer Reaktion und Faschismus mit der Waffe in der Hand standzuhalten. Durch die Gewalt besiegt, bleibt die spanische Revolution ein Vorbild durch den außerordentlichen Erfolg ihrer sozialen und ökonomischen Hervorbringungen.</p>
<p>Seit 1945 haben die Aufteilung der Welt in zwei unterschiedliche imperialistische Blöcke, der kalte Krieg und die atomare Bedrohung den Handlungsspielraum für die Libertären und alle jene, die sich weigern, sich mit diesen Zustand abzufinden, kleiner gemacht. Darüber hinaus hat die Vereinnahmung des Arbeiterkampfes entweder durch die Gewerkschaftsbürokratien oder die politischen Führer der Linken einen Großteil der Aussichten auf soziale Veränderung in den kapitalistischen Industrieländern blockiert.</p>
<p>Seit 1968 haben jedoch infolge des Ausbruchs der Studenten- und Jugendrevolte die libertären Ideen wieder an Stärke zurückgewonnen, wie auch in den sozialen Bewegungen, mit der allgemeinen Verbreitung von Konzepten wie dem der Selbstverwaltung. Dem ist noch die immer heftigere Reaktion von weiten Teilen der Bevölkerung auf die zunehmende Bürokratisierung und Verstaatlichung der Gesellschaften des Ostblocks, aber auch der kapitalistischen Länder hinzuzufügen.</p>
<p>Vor allem aber scheinen nach dem Scheitern der diversen Reform- und Revolutionsprojekte, die nacheinander von den sozialdemokratischen Parteien wie auch von den verschiedenen, sich auf den Marxismus, den Leninismus, Trotzkismus, Maoismus usw. berufenden Tendenzen, angezettelt wurden, die anarchistischen Ideen diejenigen zu sein, die der Abnutzung durch die Zeit am besten widerstehen. Halten wir fest, dass zahlreiche von den Anarchisten begonnene Kämpfe, sei es gegen den Militarismus, den Sexismus, den Fremdenhass oder die Religionen, der Reihe nach zum Gegenstand breiter Mobilisierungen geworden sind, die manchmal zum Erfolg geführt haben. Der freie Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung sind gute Beispiele dafür, aber auch die Anerkennung der Rechte von Kindern und das relative Bemühen um persönliche Entfaltung, das sowohl die Eltern als auch die Schule als Institution hinsichtlich der Kinder an den Tag legen. Erwähnen wir allgemeiner die größere Friedfertigkeit im sozialen Umgang wie im individuellen Verhalten, der noch das hinzuzufügen ist, was man gemeinhin die sozialen Errungenschaften nennt, diese kleinen Stückchen Freiheit, für die Generationen von Menschen gekämpft haben.</p>
<p>Diese wenigen, kleinen Siege über die säkulare Apartheid (die der Wohlgeborenen über die Armen, der Männer über die Frauen, der prügelnden Väter über die Kinder, der Chefs aller Arten über die Untergebenen, der Doktrinen und Religionen jeglicher Herkunft über das freie Denken) erinnern jeden Tag an den umfassenden Kampf der Menschheit gegen die Ungleichheit und für die Überwindung der Autorität. Der unerbittliche Konflikt zwischen den Menschen, den zu viele Professoren als das menschliche Wesen ausgeben wollen, findet seinen Ursprung im Autoritätsprinzip, und der Anarchismus bleibt in diesem Punkt die einzig tragfähige Idee, um dessen Mechanismus entgegenzuwirken. Die positiven Entwicklungen und die relativen Fortschritte, die wir oben erwähnt haben, sind nicht endgültig, und sie betreffen vor allem nur sehr wenige Leute, verglichen mit den fünf Milliarden Menschen, die auf diesem Planeten leben.</p>
<p><strong>Die Welt von heute – Qual und Bilanz</strong></p>
<p>Natürlich kann die heutige Welt nicht vollständig und ernsthaft im Rahmen dieser Broschüre beschrieben werden, und gewiss haben die Anarchisten in dieser Hinsicht noch ein großes Maß an Analyse und Konfrontation der Ideen zu leisten, um einerseits ihre Thesen zu popularisieren und vor allem, um mit einem ausreichenden Verständnis für die vorhandenen Erscheinungen auf die Realität einzuwirken und sie zu verändern. Jedoch können wir nicht völlig darauf verzichten, wenigstens kurz auf die sich abzeichnenden Bruchlinien hinzuweisen und auf die Probleme, die sich heute dem Anarchismus und der gesamten Menschheit stellte.</p>
<p><strong>Beschleunigung und Einheit der Welt</strong></p>
<p>Die Welt der 80er Jahre ist schnelllebig, die Analysen müssen häufig im Laufe weniger Jahre korrigiert oder gänzlich neu geschrieben werden. So verhält es sich mit den sozialen Errungenschaften der Arbeiter in allen Ländern, wie auch mit ihrer ökonomischen und politischen Lage, dem Stand der Energiequellen, der Technologie, des Wissens auf allen Gebieten; aber ebenso verhält es sich auch mit den internationalen Fragen, wo man gerade eine völlige Neuordnung der großen strategischen, militärischen und ökonomischen Konstellationen beobachten kann. Vermerken wir außerdem die wachsende gegenseitige Abhängigkeit aller Länder, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht, wie auch in puncto Energieversorgung und Ökologie, so dass kein einziges Land, einschließlich der Großmächte, behaupten kann, autark zu sein.</p>
<p><strong>Einheit der Welt mit dem Geschmack nach Elend und in den Farben eines Supermarkts</strong></p>
<p>Diese leicht feststellbare Tendenz in Richtung Einheit der Welt lässt sich durch einige mehr oder weniger neue Phänomene illustrieren. Ein besonders verheerendes und konfliktträchtiges ist der westliche Kulturimperialismus, der dort zur Anpassung, hier zu Verarmung und Gleichförmigkeit führt. Was gestern der befreiende Hauch der Entkolonialisierung gewesen ist, hat unglücklicherweise nur einem neuen Typ von Abhängigkeit den Weg bereitet. Die dritte Welt entstand und stürzte sich kopfüber in das Wettrennen um eine Entwicklung nach westlichem Vorbild, dessen alleinige Nutznießer die lokalen Führungsschichten und ihre Verbündeten in den großen Industriemetropolen und den multinationalen Konzernen sind. Das könnte man die erste Phase der Standardisierung und Gleichschaltung der modernen Welt nennen. Diese Bewegung wird begleitet und ist Ergebnis von jener Anschauung, die die Welt einem riesigen Supermarkt gleichsetzt: das kulturelle Erkennungszeichen des Westens, sein bewährtester Botschafter ist der Marktwert, mehr noch, die Ware. Die Welt wird nach und nach zu einem endlosen Markt, auf dem eine unerbittliche Konkurrenz tobt, unter der Aufsicht der Großen dieser Welt, die auf die Einhaltung bestimmter Regeln achten, um den Fortbestand des Systems zu garantieren. Die jüngsten Umwälzungen im Osten werden diesen Prozess der weltweiten Durchsetzung der Marktökonomie vollenden. Was von Beginn an die liberale mit der marxistischen Ideologie verband, ist auch das, was sie heute in einer Orgie entfesselter Marktwirtschaft zusammenführt: Ihr gemeinsamer Glaube an einen historischen und ökonomischen Determinismus wird letztendlich diesen Vereinheitlichungsprozess zum Abschluss bringen.</p>
<p><strong>Eine zerstörte Welt. Das Scheitern des Kapitalismus</strong></p>
<p>Der moralische und gesundheitliche Zustand der Weltbevölkerung grenzt schon an ein Wunder in dieser Welt des Fortschritts. Jahr für Jahr sterben Millionen Menschen an Hunger und Epidemien, während auf der südlichen Erdhalbkugel mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in absoluter Armut leben. Selbst die reichen Nationen sind überfüllt von Armen und Arbeitslosen &#8211; eine wahre Glanzleistung nach jahrhundertelanger Ausplünderung ganzer Kontinente und Völkerschaften. In der kapitalistischen Akkumulation war Teilen nie vorgesehen, ihr einziges Ziel bestand im individuellen Profit auf Kosten des kollektiven Wohlstands. Das wird glänzend veranschaulicht durch die jährliche Vernichtung von Millionen Tonnen Nahrungsmittel und Fertigwaren, während gleichzeitig Not und Elend die Welt verwesten. Die kapitalistische Welt zwingt ihr Verbrechen dem ganzen Planeten auf, wo man zusehen kann, wie die Grenzen des Gebrauchswertes immer mehr durch den Tauschwert verdrängt und ersetzt werden, die Bedürfnisse im gleichen Maße der Lächerlichkeit preisgegeben werden wie das Beutemachen vonstatten geht, und sich phantastische Reichtümer bei einigen wenigen Privilegierten anhäufen.</p>
<p><strong>Planet in Gefahr</strong></p>
<p>Der verschwenderische, produktivistische Irrsinn des Kapitalismus ist nicht nur moralisch verwerflich, er hat auch der ganzen Welt enthüllt, dass er in höchstem Maße schädlich ist, schon aufgrund seiner Eskapaden, die zu Lasten der Erde als Ökosystem gehen, in dem die Lebewesen mit ihrer Umwelt durch ein zerbrechliches und labiles Gleichgewicht verbunden sind. Der Planet ist geplündert, klimatische und ökologische Katastrophen stehen uns bevor; Landschaften, Flüsse, das Erdreich sind stellenweise schon ruiniert. Die Verschmutzungen, die es natürlich nicht erst seit kurzem gibt, erreichen manchmal schon den kritischen Punkt und bedrohen das Leben selbst. Die schrankenlose Ausbeutung der Böden und der nicht erneuerbaren Energiequellen stellt mitten im größten Bevölkerungswachstum die Frage nach der Zukunft. Das bereits ausgebeutete Afrika wird der neue Kontinent zur Endlagerung von Abfällen und Giftmüll, übrigens ohne die geringste Gegenleistung für die örtliche Bevölkerung. Die dramatischen Probleme der Versteppung, der Landflucht, das Wachstum der Städte und der industriellen Konzentration fügen der ökologischen Gefahr noch die gestresster, erstickter, in medizinischer Behandlung befindlicher oder unter Beruhigungsmitteln stehender Menschenmassen hinzu.</p>
<p><strong>Die Wissenschaft die befreit&#8230; und die unterjocht</strong></p>
<p>Der gegenwärtige Zustand des Planeten, die Lebensbedingungen seiner Bewohner, die Arroganz und die Brutalität der Gesellschaften, die sich auf die Wissenschaft berufen, führen heute zu widersprüchlichen Ansichten über die befreiende Kraft der Wissenschaft selbst sowie über die Idee des Fortschritts und der Entwicklung. Dass man den Völkern vor mehr als hundert Jahren einen neuen Stein der Weisen, der Befreiung und der Wissenschaft ankündigte, dessen Ausgeburten wir gerade vor unseren Augen zusammenbrechen sehen, hat nicht wenig dazu beigetragen, Unruhe in den Köpfen auszulösen und jenes sagenhafte Werkzeug in Misskredit zu bringen, dass sich der menschliche Geist geschaffen hatte. Aus einem Werkzeug hat man ein System machen wollen, aus dem Scheitern des Systems hat man auf die Untauglichkeit, wenn nicht gar Schädlichkeit des Werkzeugs geschlossen. Ein Haufen Menschen und Gesellschaften kennen von den Wissenschaften nur das Gesetz des Gewehrs und des Völkermordes. So wohnen wir dem Erwachen reaktionärer und obskurantistischer Ideologien bei, der vorsätzlichen Flucht in metaphysische Träume, dem Wiederauftauchen von Sekten und okkulten Gesellschaften. Ein Phänomen, das durch die Ausdehnung der Probleme über den ganzen Planeten gewiss noch verstärkt wird, wobei das Individuum, ob es entscheidet oder nicht, immer machtloser ist. Eine Situation, in der die Menge an Wissen auf jedem Gebiet noch nie so groß gewesen ist, zugleich aber die Zerstückelung, der Verlust an Geschick und Meisterschaft sowie die Entfernung des Arbeiters von seinem Werkzeug und dem Produkt seiner Arbeit noch nie einen so hohen Grad erreicht hat. Der Rückgriff auf die künstlichen Paradiese der Innerlichkeit wird unter diesen Bedingungen zu einer alltäglichen Erscheinung und lässt befürchten, dass der wissenschaftliche, emanzipatorische Geist völlig in den Hintergrund tritt.</p>
<p><strong>Ängste, Medien und Verrat der Intellektuellen</strong></p>
<p>Die weltweite Hochrüstung hat ebenfalls dazu beigetragen, die Ängste zu schüren; mehr als eine Bedrohung ist sie eine dauernde Gefahr, Tag für Tag ist sie am Werk, eine Verschwendung von Leben und Energien, ein Exzess an Dummheit. Diese Ängste, die man im (religiösen) Dogmatismus, im Nationalismus, im Fremdenhass wiederfindet, sorgen dafür, dass sich die Menschen sehr rasch gegeneinander zusammenrotten. Sie sind ein Vorzeichen der scheußlichsten Erniedrigungen. Hat der Mensch erst einmal das Vertrauen verloren, versetzen ihn die wiederholten Ankündigungen ökologischer und atomarer Weltuntergänge schließlich in einen abergläubischen Fatalismus.</p>
<p>Die Medien und alle modernen Kommunikationsmittel, einschließlich der Verkehrsmittel, von denen man mit Recht erwarten könnte, dass sie die Menschen einander näherbringen und ihnen helfen, sich besser zu verstehen, haben allenfalls die Grenzen des Planeten zusammengerückt, um jene Rede, die das Regime auf sich selbst hält, noch weiter zu verbreiten. Das mediale Überangebot und die Massenkommunikation schaffen Isolierung und Kommunikationslosigkeit, wie die Kultur des Anderswo und der Auftrieb des Exotischen aus Bezirken des nachbarschaftlichen Zusammenlebens Orte der schieren Nichtexistenz machen. Kurzum, die Medien, von denen man erwarten sollte, dass sie Orte der Erziehung und der Information sind, präsentieren sich im Gegenteil als das trübselige Schaufenster einer Kultur der Verblödung, in der sich die Intellektuellen und Wissenschaftler noch einmal zu ihrem Verrat bekennen. Diese Speerspitzen des Fortschritts, eifrige Diener der Macht, legen dabei eine solch sträfliche Bereitwilligkeit an den Tag, dass ihr an Unredlichkeit nur noch die Unterschlagung und Verfälschung von Informationen gleichkommt, die sie stillschweigend praktizieren.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Am Ende dieses Jahrhunderts Anarchist zu sein, heißt, darauf hinzuarbeiten, den Möglichkeiten einer wirklichen sozialen Befreiung neue Glaubwürdigkeit zu verschaffen; heißt zu brechen mit der Praxis des Rückzugs und des bloßen Anspruchs ohne das Ziel, eine Veränderung der Gesellschaft herbeizuführen. Die Anarchisten müssen die Praktiken der direkten Aktion aus dem Erbe des revolutionären Syndikalismus? wiederbeleben. Sie müssen den Mythos der Demokratie entlarven, der nur für wenige Völker gilt und keinerlei soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit beinhaltet. Dadurch werden Pessimismus und Fatalismus zurückweichen. Man muss den Menschen wieder Vertrauen zu sich selbst geben. Die Anarchisten haben Vorschläge zu machen, es werden keinen bezugsfertigen Modelle sein, aber sie müssen Lust auf eine andere Welt machen und so die Voraussetzungen für einen aktiven revolutionären Willen schaffen. In den letzten Jahren war eine internationale Wiederbelebung des Anarchismus zu verzeichnen, besonders anlässlich des Zusammenbruchs der Diktaturen in Osteuropa, aber auch in den Vereinigten Staaten und in Südamerika. Der Neuaufbau einer starken internationalen anarchistischen Bewegung muss das Produkt intensiver Arbeit sein und ist die Bedingung für die Entwicklung und die Erfolgsaussichten einer internationalen sozialen Revolution. Diese aufzubauende revolutionäre Bewegung wird weder in ihrer Propaganda noch in ihrer Kampfpraxis umhin können, einen ernsthaften Prozess des Nachdenkens über alle in dieser Broschüre aufgeworfenen Fragen anzustrengen. Insbesondere muss der übertriebene Glaube von einst an die Vorteile der Industrialisierung und des wissenschaftlichen Fortschritts schleunigst überdacht werden, um heute eine revolutionäre Strategie auszuarbeiten, die den Zustand des Planeten und die Bedürfnisse der Menschen, die auf ihm leben, berücksichtigt. Der Produktivismus hat Schiffbruch erlitten, und das bloße Festhalten an der Arbeit und den sozialen Errungenschaften ist eine Bankrotterklärung der Gewerkschaftsbewegung. Das in einigen westlichen Ländern zu beobachtende Phänomen der Arbeiterkoordinationen, die die gewerkschaftlichen Spaltungen überwinden, hat bis zum heutigen Tage keine befriedigende Antwort auf den Mangel an Perspektiven in der Arbeiterbewegung gebracht. Nirgendwo wird die Frage nach dem eigentlichen Ziel des gewerkschaftlichen Kampfes gestellt: die Übernahme der Wirtschaft und der Verwaltung der Städte durch die Arbeiter selbst.</p>
<p><strong>Die Zukunft der Menschheit liegt außerhalb des Nationalstaates</strong></p>
<p>Die internationale Arbeiterbewegung hat heute mit den Bedingungen zu kämpfen, die durch die weltweite Ausbreitung der Ökonomie geschaffen worden sind. Während die Internationale des Kapitals eine altbekannte Tatsache ist, auf die bisher nur schwache Antworten gefunden wurden, stellt hingegen die quasi grenzenlose Ausdehnung der Kapitalflüsse ein jüngeres Phänomen dar, das den Aufbau internationaler Strukturen zur unmittelbaren Notwendigkeit für die Arbeiterbewegung macht. Die Konkurrenz verschiedener nationaler Arbeiterklassen gegeneinander, die bereits stattfindet und mit Sicherheit noch zunehmen wird, verurteilt jeden Versuch des Widerstands auf korporativer oder nationalstaatlicher Ebene zum Scheitern. Von der Schnelligkeit und der Schärfe, mit der die Arbeiterbewegung auf diese Herausforderung antworten wird, hängt die Zukunft des Friedens ab und mit ihr die der Menschheit. Die einzigen wirklichen Trümpfe in dieser Angelegenheit sind die Erfahrungen der Arbeiterbewegung selbst, ihr soziales Gedächtnis und das immer und überall feststellbare Bemühen der Menschen, ihre Freiheit zu erobern. Die einzige Hoffnung besteht letztlich darin, dass sich die Einsicht durchsetzt, dass diese Freiheit unteilbar ist und sich nicht mit der Knechtschaft auch nur eines einziges Menschen verträgt.</p>
<p><strong>Den Entmutigten&#8230; den Verächtern</strong></p>
<p>Das Werk, das vor uns liegt, ist gigantisch, und wenn es dazu reizt, den Mut zu verlieren, so können wir nur sagen, dass es unsere Väter nicht hat zurückschrecken lassen, und aus diesem Grunde schätzen wir sie und bemühen uns, ihre Ideale nicht zu verraten. Zu viele Menschen scheinen zu glauben, dass die revolutionäre Agitation eher dazu geeignet ist, neue Unordnungen zu schaffen, als welche zu beseitigen. Die herrschende Ideologie lässt keine Gelegenheit aus, sie davon zu überzeugen, und die Tatsache, dass die Revolutionen der Vergangenheit immer wieder gescheitert sind, scheint sie ausnahmslos in dieser These zu bestätigen. All jenen, die darauf setzen, dass alles so weitergehen kann, dass nichts passieren wird, während doch ständig alles vor ihrer Nase passiert, soll gesagt sein, dass das labile Gleichgewicht und die ungerechte Ordnung, an die sie sich klammern, das unauslöschliche Zeichen der Barbarei trägt. Was sie sich nicht eingestehen wollen, ist die Angst, die sie verfolgt und sie dazu treibt, lieber ihre Ideen an ihrer erbärmlichen Existenz auszurichten, als das Risiko einzugehen, im Einklang mit den eigenen Idealen zu leben. Ihr Respekt vor der Idee ist genauso groß wie der vor ihren Chefs&#8230; immer bereit, sie gegen andere einzutauschen!</p>
<p>Im Vergleich zu den vergangenen und aktuellen Sackgassen der Arbeiterbewegung, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden, können die libertären Ideen einen originellen Denkansatz und neuartige Lösungen vorweisen, denn sie enthalten ein großes, noch ungenutztes geistiges Potential, um mit der staatlich-kapitalistischen Logik, die überall in der Welt vorherrscht, zu brechen. Sie zeigen auf jeden Fall denen, die für eine bessere Zukunft des Menschen kämpfen, einen gangbaren Weg.</p>
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		<title>Anarchismus und Kommunismus</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 13:29:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Räte]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieser von http://www.anarchismus.de geklaute und überarbeitete Beitrag soll keine anti-kommunistische Hetze sein, sondern (parteiisch) über grundlegende Unterschiede zwischen anarchistischen und kommunistischen Konzepten informieren. Der Artikel ist dabei keineswegs vollständig, es empfiehlt sich weitere Lektüre (z.B. die Broschüre: Guerin - Anarchismus und Marxismus &#038; Chomsky - Anmerkungen zum Anarchismus)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-31"></span><em>Dieser von <a href="http://www.anarchismus.de" target="_blank">http://www.anarchismus.de</a> geklaute und überarbeitete Beitrag soll keine anti-kommunistische Hetze sein, sondern (parteiisch) über grundlegende Unterschiede zwischen anarchistischen und kommunistischen Konzepten informieren. Der Artikel ist dabei keineswegs vollständig, es empfiehlt sich weitere Lektüre (z.B. die Broschüre: Guerin &#8211; Anarchismus und Marxismus &amp; Chomsky &#8211; Anmerkungen zum Anarchismus)</em></p>
<p><strong>Vorwort über den Kommunismus</strong></p>
<p>Fangen wir mal bei ein einem Zitat von einem Anarchisten über den Kommunismus an: „Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist und weil ich mir nichts Menschenwürdiges ohne Freiheit vorstellen kann. Ich bin deshalb nicht Kommunist, weil der Kommunismus alle Macht der Gesellschaft im Staat konzentriert und aufgehen läßt, weil er notwendig zur Zentralisation des Eigentums in den Händen des Staates führen muss, während ich die radikale Abschaffung des Staates wünsche, die radikale Ausrottung des Autoritätsprinzips und der Vormundschaft des Staates, die unter dem Vorwand, die Menschen sittlich zu erziehen und zu zivilisieren, sie bis heute versklavt hat. Ich wünsche die Organisierung der Gesellschaft und des kollektiven und sozialen Eigentums von unten nach oben auf dem Weg über die freie Assoziation und nicht von oben nach unten mit Hilfe irgendeiner Autorität, wer immer sie sei.“ Michail Bakunin</p>
<p>&#8220;So hat der Kommunismus, wie ein Heer, das dem Feinde seine Kanonen weggenommen hat, nichts anderes getan, als gegen das Heer der Besitzenden dessen eigene Artillerie gekehrt. Von jeher hat der Sklave den Herrn nachgeäfft.&#8221; Proudhon</p>
<p>Im übrigen möchte ich sagen, dass Anarchisten und Kommunisten in vielen Fällen zuerst gemeinsam gegen die Unterdrücker gekämpft haben. (Siehe Spanien, Russland usw.). Nach dem Sieg der Revolution übernahmen die Kommunisten jedoch einfach den Staat und errichteten sogar noch stärkere &#8220;Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen&#8221; gegen politische Gegner. So wurde nun jeder Widerstand gegen das System von den Kommunisten blutig unterdrückt. In Spanien kam es am Ende dazu, dass Kommunisten die Anarchisten einfach abschlachteten. Ich komme drauf noch später zurück.</p>
<p>Man hat den Marxismus und den Anarchismus oft als zwei feindliche Brüder bezeichnet. Doch auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede in der Theorie zu geben. Über die Analyse des Kapitalismus sind sich Anarchisten und Kommunisten größtenteils einig, jedoch nicht in der Frage des Weges, wie der Kapitalismus beseitigt werden soll. Da war es nicht verwunderlich dass es zu Gegensätzen kommen musste.</p>
<p>So plädierten die Marxisten, die das autoritäre Lager anführten, für die Grundlage starker, zentraler Parteien , für den Eintritt in Gewerkschaften, für die Beteiligung an Wahlen und für einen politischen Kampf, der die Bedingungen der Arbeiterklasse schrittweise verbessern sollte. Die Anarchisten hielten diesem Programm entgegen: Organisation auf der Basis freier und dezentral organisierter Bünde, die sich lediglich zur Absprache ihrer Aktionen zusammenschließen sollten.</p>
<p>Man erkannte , dass in einer autoritären Organisation (wie es die Kommunisten mit ihrer Partei machten) bereits der Keim für eine neue autoritäre Gesellschaft erhalten war. Wir müssen jedoch von Fall zu Fall genau untersuchen, ob das, was wir kritisieren, denn eigentlich Marxismus ist. Bekanntlich gibt es mehrere &#8220;Schulen&#8221; des Marxismus, die alle von sich behaupten, die einzig wahren, rechtmäßigen Nachfolger des Lehrers zu sein. Von der reformistischen Sozialdemokratie haben wir gesehen, dass bei ihr von Marx nicht mehr viel übrig geblieben ist. Aber auch im Leninismus , der heute als &#8220;echter&#8221; Marxnachfolger allgemein anerkannt ist, müssen wir feststellen, das hier Marx ganz erheblich verfälscht wurde.</p>
<p>Schnell erkannten die Antiautoritären, dass der Kommunismus? eine Gefahr in sich birgt. Er nimmt aufgrund seiner beanspruchten „geistigen Überlegenheit“ die Führung der Revolution („Avantgarde“) für sich in Anspruch und trägt so den Keim diktatorischer Systeme in sich. Statt den Staat zu zerschlagen, plan(t)en die Marxisten nur ihn zu übernehmen und zu stärken – samt seiner Herrschaftsapparate. Der Staat würde dann – so die Theorie – mit der Zeit absterben. Doch genau das Gegenteil trat bislang in allen „kommunistischen“ Staaten ein. Ob in Russland, China, Vietnam, Kambodscha, der DDR oder in Kuba – der Staat blieb und die Kommunisten errichteten autoritäre Diktaturen. Durch Lenin wurden deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge der marxistischen Theorie verstärkt. Er erweiterte diese auch um einen Ultra-Zentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei und vor allem um die Praxis der Berufsrevolutionäre als Führer der Massen (eben die „Avantgarde“).</p>
<p>Es scheint, als seien die Anarchisten Propheten gewesen. Schon Bakunin schrieb: &#8220;Vorzugeben, daß eine Gruppe von Individuen, seien es die Intelligentesten und die mit den besten Absichten, in der Lage ist, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und Wirtschaftsorganisation des Proletariats aller Länder zu werden, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, dass man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die Einrichtung einer universellen Diktatur würde genug sein, die Revolution zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen. Man kann das Etikett wechseln, das unser Staat trägt, seine Form &#8211; aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder müssen man diesen Staat zerstören oder sich mit der schändlichsten und fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: der roten Bürokratie!&#8221; Genau dieser überbürokratisierte Staat entstand in Russland nach der Oktoberrevolution…</p>
<p>Lenin, der den Marxismus im autoritären Sinne weiterentwickelt hat, gelang es innerhalb von drei Jahren, die russische Volksrevolution unter die Diktatur seiner straff organisierten, kleinen Partei zu bringen. Als das Volk begriff, was geschehen war, war es schon zu spät: Jede Erhebung gegen die bolschewistische Diktatur wurde blutig unterdrückt (siehe Kronstadt 1921 , die Ukraine etc.), die neu geschaffene Geheimpolizei terrorisierte mit brutalen Methoden das Land. Trotzdem muß kritisch angemerkt werden, dass Anarchisten und Anarchogruppen ihre Kräfte manchmal mehr der Bekämpfung des Marxismus geopfert haben, als dem Kampf gegen den gemeinsamen Klassenfeind.</p>
<p><strong>Wirtschaftssystem der Anarchisten/Kommunisten</strong></p>
<p>Schon Marx und Bakunin haben darüber gestritten. Marx strebte eine zentrale Organisation der Produktion an. Ein Stab von Ingenieuren sollte den ganzen Staat, der das Bank- und Produktionsmonopol hat, bestimmen und entscheiden, was produziert wird und was nicht (Also nach dem &#8220;von oben nach unten&#8221; Prinzip / Autoritätsprinzip). Aus eben dieser Bürokratie entstand in Russland eine neue privilegierte Klasse.</p>
<p>Die Anarchisten traten dagegen für ein völlig anderes Wirtschaftssystem ein: es sollte vor allem zwei Bedingungen erfüllen: menschlich sein und effektiv produzieren. Vor allem das erste sahen sie im marxistischen Konzept gefährdet. Sie fürchteten sogar, dass aus dem allmächtigen Wirtschaftsstaat eine neue, schlimmere Regierungsform hervorbrechen würde. Wenn man sich das Staats- und Wirtschaftssystem der (inzwischen zusammengebrochenen) Sowjetunion ansieht, muss man zugeben, dass die Befürchtungen nicht abwegig war.</p>
<p>Genau wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, so sollte auch die Wirtschaft und die Industrie von &#8220;unten nach oben&#8221; organisiert werden (und nicht wie im Kommunismus &#8220;von oben nach unten&#8221;), d.h. auf der Grundlage von freien und gleichberechtigten Produktionsgemeinschaften, die sich nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Arbeiter und Verbraucher zu wirtschaftlichen Föderationen (Bünden) zusammenschließen. Dasselbe sollte für die landwirtschaftlichen Genossenschaften gelten. Die Wirtschaft sollte also nicht durch zentrale Planung gehemmt werden, sondern sich von der Basis her, d.h. an den tatsächlichen Bedürfnissen der Produzenten (Arbeiter) und Konsumenten (Verbraucher) orientieren.</p>
<p>Es leuchtet ein, dass man die wirtschaftliche Ordnung nicht dem Zufall eines freien Marktes überlassen kann. Das ist damit auch keineswegs gemeint! Vielmehr sollten sich dafür Räte zusammenschließen und sich über Erfahrungen, Probleme und anderes austauschen und Beschlüsse treffen. Es leuchtet ebenfalls ein, dass eine solche Organisation nicht nur aus studierten Theoretikern besteht, die irgendwo an Tischen von staatlichen Zentralen sitzen, sondern dass diese Organisation aus den Arbeitern selbst besteht, nach dem Prinzip der Selbstverwaltung.</p>
<p>In den beiden erfolgreichsten anarchistischen Gesellschaften, die je existierten, in der Ukraine und Spanien, ist es tatsächlich gelungen, diese Vorstellungen in den ersten Ansätzen zu verwirklichen. Es ist gelungen die Arbeitswelt erheblich zu humanisieren. Betriebe wurden von den ArbeiterInnen selbst übernommen und verwaltet (kollektiviert). Transport- und Verteilungsfragen wurden nicht vom Kapital oder der Regierung beschlossen, sondern einzig durch demokratischen Räte der Arbeiter und Bauern. Und was niemand für möglich hielt geschah: Die Produktion stieg, anstatt zu fallen, die Löhne konnten teilweise gehoben und sogar die Arbeitszeit gesenkt werden.</p>
<p>Weder in der Ukraine 1918 bis 1922 noch in Spanien 1936 bis 1939 hat es trotz der Bürgerkriegssituationen Hungertote gegeben (vgl. die Millionen von Toten im planwirtschaftlichen Sowjetrussland der 20er-Jahre). War die Ukraine mehr ein Agrarland mit wenig Industrie, so haben wir in Spanien mit seinen Industriezentren (Barcelona und Valencia) ein typisches Beispiel dafür, dass das anarchistische Prinzip der Selbstverwaltung und der Bedürfnisproduktion auch in modernen Industrieländern möglich ist.</p>
<p>Fassen wir die Thesen der wirtschaftlichen Organisation der Anarchisten kurz zusammen:</p>
<ul>
<li> Arbeiterverwaltung</li>
<li>Bedürfnisproduktion</li>
<li>Humanisierung der Arbeitswelt</li>
<li>Ausnutzung der technischen Mittel und wirtschaftlichen Koordination nach dem Räteprinzip</li>
</ul>
<p><strong>Räte und Selbstverwaltung</strong></p>
<p>Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von allen bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Die Räte sind sowohl geografische als auch sachliche Organisationszusammenhänge. Sie können sich überschneiden, d.h., es gibt z.B. den Rat des Dorfes, einer Stadt oder eines Landstrichs, je nach Größe und Einwohnerzahl. In diesem Gebiet wiederum organisieren sich Räte nach sachlichen Zusammenhängen, so z.B. am Arbeitsplatz: in der Fabrik, im Transportwesen, in den Universitäten und Schulen, in den Krankenhäusern etc. Es kann auch andere sachliche Zusammenhänge geben, wie den Rat der Frauen, den der Alten, den der Körperbehinderten usw.</p>
<p>Jeder Rat ist also im Grunde die Versammlung aller Menschen, die unter den entsprechenden Bereich fallen und daran teilnehmen möchte. Natürlich ist die Teilnahme freiwillig. Ebenso ist jeder Rat grundsätzlich „autonom“ (unabhängig). Zur Bewältigung bestimmter überregionalen Probleme (wie z.B. Transportwesen, Post, Politik allgemein) wählt der Rat sogenannte Delegierte. Die Delegierten bilden einen weiteren Rat. Hierbei ist gewährleistet, dass die, die das meiste Vertrauen in der Bevölkerung genießen und sich mit dem Problem um das es gerade geht, am besten auskennen, gewählt werden. Dies ist eine klare Organisation von unten nach oben. Sieben Millionen ÖsterreicherInnen können sich schlecht irgendwo versammeln und noch schlechter miteinander beraten. Die Delegierten können jedoch nach ihrer Wahl nicht machen, was sie wollen: Sie unterliegen immer den Interessen der Basis, die sie gewählt hat! EinE Delegierte(r) der/die nicht für die Interessen des eigenes Rates Eintritt wird von der Basis ersetzt.</p>
<p><strong>Der Kommunismus und die Parteien</strong></p>
<p>Die Partei der Bolschewiki: Diese Partei ist eine Abspaltung der russischen Sozialdemokratie. Sie erhob sich selber zur &#8220;Avantgarde des Proletariats&#8221; und war straff und autoritär organisiert. Ihr Ziel war es, unter ihrer Führung einen Aufstand zu beginnen, die Macht im Staat zu übernehmen und „den Sozialismus“ einzuführen. Vom revolutionären Bewußtsein des Arbeiters hielt die Partei nicht allzu viel. Als die Revolution 1917 in Russland begann, zog sie mit und kämpfte unter der Parole &#8220;Alle Macht den Räten&#8221; an der Seite der Anarchisten und Sozialrevolutionäre mit dem Volk für die Revolution. Das war nur ein taktischer Zug &#8211; als die Bolschewiki die Macht übernahmen, zerschlugen sie zuerst einmal die anarchistischen und sozialrevolutionären Organisationen und machten Schritt für Schritt die Revolution rückgängig. Die Räte wurden entmachtet, Polizei und Armee wieder aufgebaut und gegen das eigene Volk eingesetzt. Die Bürokratie hielt überall Einzug und Erhebungen gegen die neue Parteidiktatur wurden blutig niedergeschlagen. Nach knapp 20 Jahren unterlag Russland der brutalen Diktatur eines einzigen Mannes &#8211; Josef Stalin. Von Sozialismus keine Spur, von Freiheit erst recht nicht.</p>
<p>Es geht nicht darum, die politische Macht zu erobern, sondern sie zu zerschlagen! Sowohl die bolschewistischen Avantgardekonzepte, als auch die parlamentarisch-reformistischen Sozialdemokratien sind gescheitert. Nicht die Übernahme des Staates ist der Weg zur Überwindung von Ausbeutung und Herrschaft, sondern seine vollständige Ersetzung durch neue Organisationsformen von unten!</p>
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		<title>Anarchistische Utopien heute</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 12:58:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Alles steht in Frage. Kein Stein soll auf dem anderem bleiben. Nichts wird so hingenommen, wie es ist. Wir akzeptieren die Welt ganz einfach nicht so; nicht ihre Zwänge, nicht die Hierarchien, nicht das Oben und Unten, nicht die Frauenunterdrückung, nicht das ganze System von Ausbeutung und Unterdrückung. Und wir meinen, dass es sich gerade heute lohnt, über gesellschaftliche Utopien nachzudenken. Über ein ganz anderes Leben. Ja, wir meinen, dass sich das lohnt:]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-28"></span>Der folgende Text entstammt der Ausgabe 91a der anarchistischen Zeitung &#8220;Kultur zwischendurch&#8221;. Herausgegeben wird sie vom Revolutionsbräuhof Wien.</p>
<p><strong>Einleitung</strong></p>
<p>Alles steht in Frage. Kein Stein soll auf dem anderem bleiben. Nichts wird so hingenommen, wie es ist. Wir akzeptieren die Welt ganz einfach nicht so; nicht ihre Zwänge, nicht die Hierarchien, nicht das Oben und Unten, nicht die Frauenunterdrückung, nicht das ganze System von Ausbeutung und Unterdrückung. Und wir meinen, dass es sich gerade heute lohnt, über gesellschaftliche Utopien nachzudenken. Über ein ganz anderes Leben. Ja, wir meinen, dass sich das lohnt: Angesichts von politischem Rechtsruck und allgegenwärtigem Rassismus. Verschärfter Lohndrückerei und Arbeitshetze. Innerer Mobilisierung gegen einen imaginären Feind und verschärfter Aufrüstung von Polizei und Militär. Angesichts dessen, dass behauptet wird, mit dem Niedergang des realen Sozialismus? sei das „Ende der Geschichte“ gekommen. Nein, wir sagen: Die Geschichte hat gerade erst begonnen. Eine herrschaftslose, anarchistische Gesellschaft ist möglich und machbar. Gegen die Welt von heute…</p>
<p><strong>…die Utopie von morgen</strong></p>
<p>Die Ökonomie: Kein Arbeitszwang, kein Privateigentum an Produktionsmittel. Industrielle Überflussproduktion. Jedem nach seinen Bedürfnissen, nicht nach Leistung &#8211; und zwar von Anfang an, ohne „Übergangsphase“. Kein Geld, auch keine Tauschwirtschaft, statt dessen Planung der Produktion. „Planung“ bedeutet hier &#8211; damit keine Missverständnisse aufkommen &#8211; freiwillige Absprache, bedeutet Bedarfserhebung, bedeutet zu schauen, wer ist bereit, wo wann, wieviel zu arbeiten, ohne Zwang, ohne irgendwelche Nötigung. „Gearbeitet“ wird ohne Hierarchien, ohne Chef und Vorarbeiter. Strukturen und Koordination braucht es trotzdem? Natürlich: Aber müssen sie unbedingt mit einer Machtposition verbunden sein? Braucht es Macht nicht dazu, etwas durchzusetzen, was jemand freiwillig nicht machen würde? Ja, richtig gehört: Zentrales Moment einer anarchistischen Gesellschaft ist Regelung aller Angelegenheiten ohne Befehlsgewalt für irgend jemanden. Das soll nicht gehen? Entscheidungsfindung in einer so komplizierten Gesellschaft wie der unseren geht ohne Hierarchie gar nicht? In einem „Kommunikationszeitalter“, in dem wir ja angeblich leben, wo alle möglichen Mitteln der Informationsverbreitung wohlfeil zu haben sind? Wo noch niemals zuvor Meinungsaustausch und gesellschaftliche Debatte so einfach gewesen wären? Sehr viele Menschen können sich auf nichts einigen? Warum denn nicht? Man muss sich auch nicht immer auf eine bestimmte Sache einigen, man kann auch mehreres nebeneinander zulassen. So dass trotzdem alle zu ihrem kommen. Zentrale Voraussetzung dafür allerdings ist: Überproduktion an Gütern. Denn die menschliche Geschichte ist eine, die von Armut und Mangel handelt. Und von Herrschaft als einzigem Mittel, selber, als Einzelner, dieser Armut zu entkommen. Und sie gerade dadurch immer fester zu zementieren.</p>
<p><strong>Exkurs: Die Welt von morgen ist nicht heute fertig</strong></p>
<p>Wir verhehlen auch nicht &#8211; und das soll an dieser Stelle relativ deutlich gesagt werden &#8211; dass wir keine fertigen Rezepte haben. Dass auch nichts so sein muss, wie wir ausgerechnet uns das einbilden. Was wir tun, ist Vorschläge zu machen, Probleme einmal anzudenken. Wir wollen auch nicht Utopia am Reißbrett entwerfen. Eine anarchistische Gesellschaft wird so sein, wie die Menschen sie letztendlich wollen. Sie soll durchaus möglichst vielfältig verschiedene Lebensweisen gleichberechtigt nebeneinander zulassen. Sehr viele Schwierigkeiten und Fragestellungen werden auch erst während ihrer Errichtung auftauchen und sind heute gar nicht seriös beantwortbar. Wieder anderes ist viel zu gewichtig, um heute endgültig entschieden zu werden. (Auch halten wir uns dafür ganz einfach nicht für befugt &#8211; was uns wahrscheinlich von dem meisten Gruppen kommunistischer Provenienz deutlich unterscheidet.) Was aber niemanden &#8211; und auch uns nicht &#8211; der Aufgabe enthebt, sich den Kopf zu zerbrechen und sich eine Meinung zu bilden. Offenheit und Nachdenklichkeit ist nämlich kein Freibrief für Ignoranz und Beliebigkeit. Von wegen „Heute kann man dazu nichts sagen“ und „Wir können nicht wissen, wie eine befreite Gesellschaft aussehen wird“. Wie man selber will, dass sie aussieht, sollte man schon wissen, bevor man sich auf so ein Abenteuer einlässt.</p>
<p><strong>Noch einmal: von der Ökonomie in der Anarchie</strong></p>
<p>Eine Überproduktion geht nicht? Es wird immer zuwenig für alle geben? Die Fakten: Es werden heute genug Lebensmittel für die gesamte Weltbevölkerung produziert und ein Drittel der Menschen hungert weltweit. Ein Verteilungsproblem. Die, die nicht bezahlen können, kein Geld haben, verhungern. In Europa und den USA türmen sich Butterberge und Milchseen, werden Lebensmittel in großem Maßstab ganz einfach vernichtet. Man scheut sich ja, das Wort in dem Zusammenhang in den Mund zu nehmen: Vernünftig betrachtet, ist Überfluss an Lebensmitteln &#8211; und zwar weltweit &#8211; eine Frage der richtigen Planung. Also weg davon, das Überleben vom Geld abhängig zu machen, sondern hin mit Nahrung, dort wo sie gebraucht wird. Andere Güter? Immer noch fließen weltweit ungefähr ein Drittel der Ressourcen und Arbeitsstunden in die Rüstung. Es gibt zuwenig? Weil es von anderem zuviel gibt! „Statt Panzer Traktoren erzeugen?“ Wer soll das bezahlen? Wer bezahlt die Panzer? Es ist vielleicht insgesamt Zeit, vom „Bezahlen“ ein bisschen wegzukommen. Es ist vielleicht eine Frage des politischen Willens, was erzeugt wird. Und vielleicht ist das Geld eben auch nur ein Mittel hier politische Entscheidungen zu bemänteln.</p>
<p>Und weiter: „Wenn jeder alles kriegen soll, was er will, das geht sich niemals aus.“ Ach, ja? Mehr als fünf Fernseher gehen in die größte Wohnung nicht hinein, mehr als drei Mäntel kann der gierigste Mensch nicht übereinander anziehen. Was wir sagen wollen, ist dies: Verbrauch stößt irgendwann an eine natürliche Obergrenze. Vor allem: Der Fetischcharakter der Ware, wie es Marxisten wohl nennen würden, kommt daher, dass es immer zuwenig gegeben hat. Das Streben nach Reichtum kommt von der Armut als zwanghafter, einziger Alternative. Dazwischen gibt es nichts. In einer herrschaftslosen Gesellschaft werden materielle Güter nach einer gewissen Zeit den bescheidenen Platz im Leben der Menschen haben, der ihnen zukommt. Als etwas das es geben muss und gibt. „Wenn jeder nur freiwillig arbeiten zu braucht, arbeitet keiner?“ Mag schon sein, dass so wie heute gearbeitet wird, keiner arbeiten will. Dann gehören vielleicht die Arbeitsbedingungen gründlich geändert. Selbstbestimmt und ohne Chef. Dann sind es möglicherweise schon mehr Leute, die etwas machen wollen. Nur: Wieviel Arbeitsleistung ist überhaupt nötig? Wieviel von dem was heute produziert wird, schlicht und ergreifend überflüssig? Wieviel an Arbeitsleistung, die heute erbracht wird, nur in einer Leistungsgesellschaft, in einer Marktwirtschaft, überhaupt notwendig? Banken, Versicherungen, der Gros der Beamtenschaft, Polizei und Justiz, die Werbebranche, was erbringen die an tatsächlicher Leistung? Deren Ware ist die Verwaltung der Klassengesellschaft. Wieviel Schuhe, Möbeln, Brote erzeugen sie? Was sie „herstellen“, sind die Herrschaftsbedingungen, unter denen heute Schuhe, Möbeln, Brote erzeugt werden. In einer anderen Gesellschaft ist solche Arbeit schlicht überflüssig.</p>
<p>Oder weiter: Wieviele Angestellte in einem Kaufhaus sitzen an der Kasse und kassieren, überwachen die Kollegen und Kunden, damit auch nichts gestohlen wird &#8211; und wieviele sind tatsächlich zum Einschlichten der Ware und Aufschneiden der Wurst nötig? Nur eine Gesellschaft, die mit Geld ihre Armut verwaltet, bietet so viel Beschäftigung. Und wie dann die Bananen nach Europa kommen? Ganz einfach: Rein ins Schiff und ab damit. Entsprechendes wird sich wohl vereinbaren lassen. Warum wir uns mit Wirtschaft, Arbeit, Verteilung so ausführlich befassen? Nicht, weil sie wichtiger als anderes sind. Sondern weil hier die Lösungen relativ einfach sind. Einfach, selbstverständlich nicht im Sinne konkreter Umsetzbarkeit (hier wird es jede Menge praktischer Probleme und Fährnisse geben), sondern als Theoriegebäude. Anderes ist viel schwieriger zu analysieren: Unterdrückung in all ihren Spielarten und Facetten, beispielsweise Frauenunterdrückung. Aber auch hier kann man ein bisschen was sagen: Die Antworten müssen von den Betroffenen kommen. Die Aufgabe einer herrschaftslosen Gesellschaft ist es, allen aus verschiedenen Formen von Unterdrückung entstandenen Wünschen, Hoffnungen und Utopien, Raum nebeneinander zu geben. Eine herrschaftslose Gesellschaft wird &#8211; und das sei auch in aller Deutlichkeit gesagt &#8211; mit einem Paradies auf Erden nicht viel zu tun haben: Sie kann erkennbare, fassbare, greifbare Widersprüche auflösen, sie kann Unterdrückung, egal welcher Art, die viele Menschen erfahren und ausformulieren, beseitigen. Und nur das. Sie ist keine Lizenz und schon gar keine Garantie zum Glücklichsein. Das ist nicht alles? Das mag sein. Es ist aber das, was möglich und machbar scheint.</p>
<p><strong>Gewalt, Polizei und Justiz</strong></p>
<p>Kein Gefängnis, keine Polizei, keine Justiz. Dann wird das Chaos herrschen, Mörder und Brandstifter sengend und brennend durch die Strasse ziehen? Nur: Was ist ein „Verbrechen“? Das, was die Herrschenden dazu bestimmen. Drei Viertel aller Delikte sind heute Eigentumsdelikte. Schaff die Armut ab und es wird keinen Diebstahl mehr geben. Und woher kommen Gewaltdelikte? Haben sie nicht vielleicht viel damit zu tun, dass die Ordnung in dieser Gesellschaft der Inbegriff von Gewalttätigkeit ist? Sind sie nicht vielleicht die Kehrseite von Stress, Hetze, Lieblosigkeit und Schinderei? Von allgegenwärtigem Unterordnen und Gehorchen? Der Kreislauf von Zwang und Angst muss durchbrochen werden.</p>
<p><strong>Kein Staat: Die ganze Gesellschaft muss es sein</strong></p>
<p>Den Staat mit all seinem Arsenal an Zwangsmitteln, Gesetzen und Geboten gibt es nicht mehr. An seine Stelle tritt die Gesellschaft selber, die Menschen. Gemeint ist die Regelung sämtlicher Angelegenheiten durch die jeweils Betroffenen nach dem Konsensprinzip. Das heißt, es müssen schlussendlich alle mit den getroffenen Entscheidungen einverstanden sein. Und „Betroffene“ sind jeweils alle, die sich selber dafür halten. Kein Repräsentativ- oder Räteprinzip, keine Mehrheitsentscheidungen, sondern schauen, dass alle zu ihrem letztendlich kommen. Das ist möglich, weil es in einer herrschaftslosen Gesellschaft keine unversöhnlichen Gegensätze gibt.</p>
<p><strong>Nötige Abgrenzungen</strong></p>
<p>Eine Anarchie ist kein Kommunismus?, hat mit den gewesenen realsozialistischen Regimen nichts am Hut. Aus mehrerlei Gründen:</p>
<ul>
<li> Weder kennt sie die Übergangsphase des Sozialismus, die grundlegenden Prinzipien einer klassen- und herrschaftslosen Gesellschaft werden sofort verwirklicht, was nicht heißen soll, dass es nicht wahrscheinlich jede Menge Übergangsschwierigkeiten gibt.</li>
<li>Es gibt keine herrschende Partei (auch und gerade nicht die Anarchisten).</li>
<li>Vor allem aber müssen die politischen Freiheiten absolut gewahrt bleiben: Also Meinungs-, Agitations- und Propagandafreiheit für wirklich jeden, auch und gerade für die Gegner dieser neuen Gesellschaft.</li>
</ul>
<p>Und so eine Gesellschaft ist möglich? Ja! Sie ist möglich. Sobald genügend Leute dafür sind. Eine klassen- und herrschaftslose Gesellschaft auch wollen.</p>
<p><em><strong>A</strong><strong>us:</strong> Trend &#8211; Onlinezeitung für die alltägliche Wut Nr. 6/1998</em></p>
<p><em>Originaltext: <a href="http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a20.html " target="_blank">http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a20.html </a></em></p>
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