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	<title>Die Gruppe MD &#187; POUM</title>
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		<title>In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8230;(Teil 2)</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 11:28:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit seiner Unterdrückung von Demokratie, tatsächlicher Mitbestimmung und Mitentscheidung der werktätigen Klassen hat Stalinismus stets dem großen Kapital die Arbeit erleichtert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-305"></span><strong>Weichenstellungen zur Vernichtung der POUM</strong></p>
<p>Das Kräfteverhältnis im nichtfaschistischen Teil Spaniens hatte sich inzwischen erheblich gewandelt. Der unmittelbare Einfluß bürgerlicher Parteien, die seit September 1936 nicht mehr den Ministerpräsidenten stellten, war zurückgegangen. Ihre wichtigsten Anliegen allerdings &#8211; Wahrung und erneuter Ausbau kapitalistischer Verhältnisse &#8211; wurden weiter berücksichtigt. Formell dominierten die Sozialisten. In der Zentralregierung waren sie vor allem durch Largo Caballero und dessen Widerpart, den weiter rechtsstehenden Marine-und später Kriegsminister Indalecio Prieto, vertreten. Ihre Führer stützten sich außer auf die PSOE auf die 1,5 Millionen Mitglieder starke Allgemeine Union der Arbeiter (UGT), die in Spaniens Wirtschaft und Politik, partiell auch in der Armee wichtige Posten innehatte. Das Ansehen der Sozialisten litt unter den Rangeleien zwischen ihrem linken und rechten Flügel, vor allem aber durch das mit Regierungsgeschäften verbundene Abdriften nach rechts. Zudem war es der konkurrierenden PCE gelungen, der PSOE durch Zusammenschluß der sozialististischen und kommunistischen Jugend zu einer gemeinsamen Organisation den Jugendverband und durch Schaffung der Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens (PSUC) Teile ihres katalanischen Klientels zu entziehen. Die Kommunistische Partei war Hauptgewinnerin im neuen Spanien. Zur Zeit des Volksfrontabkommens 30 000 Mitglieder stark, wuchs ihr Bestand bis Dezember 1936 um mehr als 250 000, bis Juni 1937 auf eine Million. Ein Grund für diese Erfolge war das Ansehen, das die Partei durch die Verteidigung Madrids gewann. Der Nimbus der meist aus ausländischen Genossen bestehenden Internationalen Brigaden, nach wie vor auch der der Sowjetunion wirkte sich ebenfalls zugunsten der PCE aus. Vor allem war jedoch die Kursänderung hin zur Wahrung von Interessen der Kleinbürger und wohlhabenden Bauern wichtig. Vertreter dieser Kreise sowie Verwaltungs-und Militärangestellte strömten derart zahlreich in die Partei, daß sich deren Basis völlig veränderte und sie ihre konterrevolutionäre Politik mit größerem Nachdruck betreiben konnte. Parallel dazu wurde bei der PSUC eine aus Händlern, Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten bestehende Föderation, die GEPSI, zum stärksten Rückhalt. Nicht nur durch ihre beiden Minister in der Zentralregierung, sondern auch durch die Besetzung zahlreicher Schlüsselpositionen in Verwaltung, Wirtschaft, den Geheimdiensten und der Zensurbehörde übte die PCE großen Einfluß aus. Unter den 750 000 Kombattanten der Republik nahmen die 120 000 Kommunisten z. T. hervorragende Posten ein, besonders im Offizierskorps.</p>
<p>Hauptverlierer im republikanischen Spanien waren Anarchisten und POUM, das aber aus unterschiedlichen Gründen. Den Erstgenannten bekam der Sündenfall ihrer Führer nicht &#8211; deren Beitritt zu Regierungen und eine großenteils zu Lasten ihrer Anhänger gehende Politik. Die seit 1910 bestehende Nationale Konföderation der Arbeit (CNT) war zwei Millionen Mitglieder stark und dominierte mit der ihr nahestehenden Iberischen Anarchistischen Föderation (FAI) Katalonien. Sie entwickelte sich jedoch immer mehr zum gelähmten Koloß. Charakteristisch für den Kurs vieler Anarchistenführer war Nachgiebigkeit den bürgerlichen, rechtssozialistischen und stalinistischen Bündnispartnern gegenüber. Das kulminierte während der Barrikadenkämpfe 1937, woraufhin Kämpfer der CNT und FAI wütend ihre Mitgliedsbücher zerrissen. Nach dem Bürgerkrieg sank der anarchistische Einfluß in den Keller. Anders als die Anarchisten verhielt sich die im September 1935 entstandene Arbeiterpartei der Vereinigten Marxisten (POUM). Von stalinistischer Seite wurde sie nicht nur befehdet, sondern einem Vernichtungsfeldzug ausgesetzt.</p>
<p>Die POUM rekrutierte sich aus von der PCE ausgeschlossenen „rechten“ Kommunisten um Joaquín Maurín und von derselben Partei verstoßenen Linken um Andres (Andreu) Nin. Mauríns Anhänger waren zeitweilig im Arbeiter- und Bauernblock (BOC), die Anhänger Nins in der Kommunistischen Linken (IC) vereinigt. Nin war in Moskau ein angesehener Funktionär der Komintern und stellvertretender Vorsitzender der Roten Gewerkschaftsinternationale (Profintern) gewesen. Sein Anschluß an die linke Opposition brachte ihm jedoch Stalins Feindschaft ein. Mehrjährig Leo Trotzki nahestehend, trennte er sich von diesem, als Trotzki das Zusammengehen mit dem BOC verwarf und stattdessen für den Beitritt zur PSOE plädierte, um sie zu revolutionieren. In stalinistischer Sicht galten Nin und die POUM weiter als „trotzkistisch“, d. h. das Allerschlimmste. Zur Zeit des Franco-Putsches hatte die POUM 10 000 Mitglieder. Bis Dezember 1936 brachte sie es auf 70 000, um dann auf 40 000 zurückzugehen. In Katalonien übertraf sie an Anhängern die PSUC. Sie war maßgeblich bei den Milizen vertreten, gewann mehrfach Gefechte und nahm sowohl an der Gewinnung Aragons, als auch an dessen Verteidigung unter schwersten Bedingungen teil. Stalin und dessen Anhänger haßten die Partei, hatte sie doch von Anfang an die Moskauer Prozesse verurteilt und sich für das Asylrecht Trotzkis engagiert. Der sowjetische Generalkonsul in Barcelona, Wladimir Antonow-Owsejenko, attackierte die POUM als faschistisch, worauf sie öffentlich gegen die Verleumdung protestierte.(27)</p>
<p>Am gefährlichsten erschien Stalin Andres Nin. Wie vordem Marx und Rosa Luxemburg, setzte dieser Diktatur des Proletariats mit Arbeiterdemokratie gleich, in der keine Organisation das Recht habe, ihrerseits zu diktieren.(28) Die damalige Sowjetunion beurteilte Nin dahingehend, daß dort „für die Arbeiter weniger Freiheit bestehe, sich zu äußern, als selbst in Hitlerdeutschland“.(29) Er hoffte auf einen Sieg in Spanien, der „auch über eine Auswirkung auf Frankreich das innere Regime in der SU ändern könne“.(30)</p>
<p>Spätestens seit Ankunft des bisherigen Chefs der sowjetischen Konterspionage, Alexander Orlow, im September 1936 in Spanien und dem Aufbau dortiger Filialen bereitete sich der Geheimdienst des NKWD auf einen Feldzug hinter den Fronten vor. „Wir dürfen nicht erlauben“, instruierte der Leiter der Auslandsabteilung, Abraham Sluzki, seinen Untergebenen Orlow, „daß Spanien zum internationalen Lager aller antisowjetischen Elemente wird, die dort aus der ganzen Welt zusammenkommen&#8230; Wir dürfen nie vergessen, daß Anarchisten und Trotzkisten Konterrevolutionäre sind und man sie bis zum Letzten vernichten muß.“(31) Mit fieberhafter Eile wurde der Aufbau des Geheimdienstapparates vorangetrieben. Neben sowjetischen Agenten gehörten ihm spanische und internationale Parteikommunisten an. Mit staatlichen, Partei- und Geheimdienststellen Spaniens war er so verwoben, daß seine Effektivität besonders hoch war und man ihn zugleich schwer von außen ausmachen konnte. Der spanische Servicio de Investigación Militar (SIM), welcher bald 6000 Mitarbeiter zählte und sich keineswegs auf Militärobjekte beschränkte, und sein katalanisches Gegenstück Servicio Secrete Inteligente (SSI) gehörten weitgehend dazu. Zuständig für Verfolgung, Verhaftung und Ermordung mitteleuropäischer, besonders deutscher Kommunisten und Sozialisten war eine SSI-Abteilung, die nach ihrem beim Auslandsbüro der PSUC beschäftigten Leiter &#8216;Servicio Alfredo Herz&#8217; genannt wurde. Führungskräfte in dem vielgestaltigen und vielgesichtigen NKWD- Apparat waren neben Orlow dessen Statthalter für Katalonien Ernö Gerö (&#8216;Pedro&#8217;), der zugleich den Vorsitzenden der PSUC &#8220;beriet&#8221; und später kurzzeitig der politische Chef im volksdemokratischen Ungarn wurde, ferner der die PCE-Führung instruierende Argentinier Codovilla und der Italiener Vittorio Vidali (&#8216;Carlos Contreras&#8217;).</p>
<p>Der Apparat mischte sich bald in alle Bereiche des spanischen politischen Lebens und in das der Internationalen Brigaden ein. Er hatte eigene Haftlager, Folterkeller und Gefängnisse, die im Volksmund &#8220;Tscheka&#8221; genannt wurden, und ging meist ohne Wissen der spanischen Regierung vor. Über längere Zeit handelte er jedoch mit dem stillschweigenden Einverständnis mancher Minister und Beamter, hatten diese doch denselben &#8220;inneren Feind&#8221;.(32)</p>
<p>Im Januar 1937 begann der Apparat, vor allem in Barcelona, ausländische Antifaschisten zu jagen. Im Laufe der Zeit fielen ihm gleich zahlreichen anderen folgende Personen zum Opfer: der Sozialdemokrat und Volksfront-Unterstützer Mark Rein, Sohn des Vorsitzenden vom russisch-jüdischen &#8216;Bund&#8217;, Raphael Abramowitsch; Peter Blachstein vom &#8216;Neuen Weg&#8217;, einer Abspaltung der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP); die ehemaligen Trotzkisten Erwin Wolf, ein tschechischer Staatsbürger, und Kurt Landau, Österreicher; die deutschen Anarchisten Gustav Doster und Rudolf Michaelis; José Robles, ein Literaturprofessor aus Baltimore (USA); die KPDO-Mitglieder Waldemar Bolze, Karl Bräuning, Kuno Brandel und Hans Sittig sowie der frühere deutsche Interbrigadist Bernhard Rosner. Einige von ihnen wurden ermordet oder verschwanden, andere kamen mit Gefängnishaft davon. Zur Jahreswende 1936/37 besuchte ein Spitzenfunktionär der KPD, Walter Ulbricht, insgeheim Spanien &#8211; offenbar, um die Verfolgung von &#8220;Trotzkisten&#8221; und anderen &#8220;unzuverlässigen Elementen&#8221; deutscher Zunge bei den Interbrigaden vorzubereiten.(33)</p>
<p>Anfang April erschien Abraham Sluzki, damals höchster Chef des NKWD in Westeuropa, in Valencia. Mit Gerö prüfte er die Vorbereitungen zur &#8220;Maikrise&#8221; in der katalanischen Hauptstadt und begann, vorfabrizierte &#8220;Beweise&#8221; über die angebliche konterrevolutionäre und Spionagetätigkeit der POUM zu sammeln. Sluzki ließ den spanischen kommunistischen Minister Jesús Hernández zu sich in die sowjetische Botschaft bestellen, um ihn zur Mithilfe bei der geplanten Großaktion gegen den &#8220;Trotzkismus&#8221; zu veranlassen. Er erklärte, daß &#8220;Stalin persönlich sich für diese Affäre interessiert&#8221;.(34)</p>
<p>Die Schläge des NKWD im spanischen Hinterland richteten sich gegen Antifaschisten unterschiedlicher Richtungen. Vor allem aber sollte die POUM getroffen werden. Sie war dem Allerhöchsten selbst entgegengetreten und hatte seinen Zorn erregt. Zudem schien es relativ leicht zu sein, sie zu isolieren, war sie doch ihrer revolutionären Haltung wegen auch bei anderen Volksfrontpartnern unbeliebt. In Kenntnis der bereits eröffneten Verfolgungsjagd beriet die POUM-Exekutive am 3.5.1937 abends in Barcelona mit den anarchistischen Führern der Region über die Lage, die durch den Anschlag Salas&#8217; auf das Telefonamt und die spontane Gegenwehr der Arbeiter in entstanden war. Sie verwies auf folgende Alternative: &#8220;Entweder wir stellen uns an die Spitze der Bewegung, um den inneren Feind zu vernichten, oder die Bewegung scheitert und wir sind vernichtet.&#8221;(35)</p>
<p>Die Anarchisten setzten auf Verständigung mit den Angreifern. Nach den Kampftagen bewahrheitete sich die zweite Seite der Alternative: Die Bewegung schlug fehl, und die Revolutionäre wurden vernichtet. Reaktion, Terror und ein verunglückter &#8220;Moskauer Prozeß&#8221; Stalin-Anhänger, Bürgerliche und Rechtssozialisten verfolgten damals vier Ziele: Auflösung der in Katalonien noch vorhandenen Arbeitermilizen und volle Durchsetzung der Autorität der Volksarmee; Beendigung der Arbeiterkontrolle, besonders in strategisch wichtigen Zweigen; ein Roll back der Kollektivierung in Katalonien und Aragon; radikale Abrechnung mit POUM-&#8221;Trotzkisten&#8221; und anderen Befürwortern der Revolution. Für die Abrechnung machten sich in erster Linie PCE und PSUC stark.</p>
<p>Ein Hindernis für die Erreichung der gesteckten Ziele hatte schon die Caballero-Regierung weggeräumt. Gleichzeitig mit der Entsendung von 5000 Sturmgardisten nach Barcelona hob sie am 5.5.1937 die katalanische Autonomie in den Kernbereichen Verteidigung und Öffentliche Ordnung auf. Hierdurch war Gewähr gegeben, daß die Zentralgewalt bei ihrem weiteren Vorgehen nicht durch Regionalinstanzen behindert würde. Das zweite, größere Hindernis war Spaniens Ministerpräsident selbst, der sich inzwischen aus politischem Selbsterhaltungstrieb gegen Moskau gewandt hatte.(36)</p>
<p>Von Sowjetbotschafter Marcel Rosenberg mit dem Vorschlag bedrängt, PSOE und PCE zu verschmelzen, sagte Largo Caballero entschieden Nein. Er erzwang die Ablösung Rosenbergs und räsonnierte öffentlich &#8211; besonders mit Blick auf Moskaus Zuträger aus dem eigenen Kabinett, Außenminister Alvarez del Vayo &#8211; über &#8220;Schlangen des Verrats, der Illoyalität und der Spionage&#8221; zu seinen Füßen. Freunden erklärte er, sich in der Rolle eines Kapitäns zu fühlen, der SOS gefunkt hat und nun entdecken muß, daß seine Retter Piraten sind, die das ganze Schiff als Beute abschleppen wollen. Caballero begann die Armee von Parteikommunisten zu säubern und setzte in Madrid wieder eine zivile Verwaltung anstelle der PCE-beherrschten Verteidigungsjunta ein. Außerdem planten sein Generalstabschef und er einen militärischen Befreiungsschlag in Estremadura, um das faschistisch beherrschte Gebiet in zwei Hälften zu teilen und den Norden vom Nachschub aus Spanisch-Marokko abzuschneiden. Eben diese &#8211; damals aussichtsreiche &#8211; Offensive suchte Moskau zu verhindern, indem es die notwendigen Flugzeuge und Panzer verweigerte. Der bürgerliche, PCE-nahe General Miaja versetzte dem Unternehmen den Todesstoß, indem er erklärte, keine Truppen aus seinem Bereich dafür abstellen zu wollen. Am 5.3.1937 trafen hohe Kominternfunktionäre und Alexander Orlow, die PCE-Exekutive, der Kommandeur der Interbrigaden André Marty und ein sowjetischer Botschaftsrat in Valencia zusammen. Während der Konferenz wurde Largo Caballero für unfähig erklärt, Krieg zu führen.</p>
<p>Gegen den Einspruch von PCE- Generalsekretär Diaz und seines Genossen Hernández beschloß die Tagung, die dazu keineswegs befugt war, den Sturz des Ministerpräsidenten.(37) Dessen Entmachtung begann während einer Kabinettssitzung am 15.5., also nach den Barrikadenkämpfen. Die PCE forderte Caballero auf, einer Auflösung der POUM, der Konfiskation ihrer Radiostation, ihrer Druckereien und Gebäude, der Einkerkerung ihrer Exekutive und aller lokalen Komitees zuzustimmen, die die Erhebung in Barcelona unterstützt hatten. Caballero indes verweigerte die Unterdrückung von Arbeiterorganisationen und stellte klar, die Barrikaden seien weder gegen die Regierung gerichtet noch konterrevolutionär gewesen.(38) Doch traten nur die beiden anarchistischen Minister ihm zur Seite. Sozialisten und Bürgerliche folgten der PCE. Am 17. 5. erreichten sie im Verein mit ihr Largo Caballeros Rücktritt, am 18. 5. die Bildung eines neuen Kabinetts unter dem Rechtssozialisten Juan Negrín, das die PCE voreilig &#8216;El Gobernio de la Victoria&#8217;, die &#8216;Regierung des Sieges&#8217;, nannte. Weder Anarchisten und linke Sozialisten, noch Gewerkschafter waren darin vertreten.</p>
<p>Bevor gesondert auf die Verfolgung der POUM eingegangen wird, sollen hier politisch-gesellschaftliche Folgen des von Komintern und PCE initiierten Regierungswechsels verdeutlicht werden. Sie widersprechen der These Teppichs, wonach die revolutionären Errungenschaften in Spanien &#8220;über die gesamte Kriegszeit geschützt und bewahrt&#8221; wurden.(39) Im ganzen Land bewirkte die Regierung 1937 eine Auflösung der antifaschistischen Sicherheitsräte, während gleichzeitig der Generalsekretär der Polizei, Gabriel Moron (PCE), allen Mannschaften verbot, faschistisch gesinnte Polizisten anzuzeigen. Die Regierung setzte eine Säuberung der Streitkräfte, aber auch der Volkstribunale von unliebsamen Linken und die Einrichtung von Sondergerichten gegen sogenannte Volksverhetzung durch. Diese waren nach sowjetischem Muster zu geheimen Sitzungen und zur Nutzung von Geständnissen als Beweismittel ermächtigt; sie durften ohne Wissen der Regierung Todesurteile fällen. Alle Radiostationen der Gewerkschaften und Parteien wurden durch polizeiliche Sonderkommandos geschlossen, die Zensur wesentlich verschärft und Kritik an der Sowjetunion verboten. Beim Wiedereröffnen der Cortes kehrten rechte politische Emigranten ins Parlament zurück. Gleichzeitig mit diesen Vorgängen wurde die Exekutive der UGT-Gewerkschaft aufgelöst, in der Anhänger Caballeros dominiert hatten, wurde er selbst auch als Gewerkschaftsführer entmachtet, unter Hausarrest gestellt und aus der UGT ausgeschlossen.</p>
<p>Speziell in Katalonien geschah Folgendes: die Auflösung der Arbeitermilizen und Arbeiterpatrouillen; eine Deklarierung des Kollektivierungsdekrets von 1936 als unverbindlich, hierauf folgend die Benachteiligung kollektivierter Industrie- und Handelsunternehmen, Maßnahmen gegen noch vorhandene Arbeiterkontrolle und erste Unternehmensrückgaben in der Nahrungsmittelindustrie; auf dem Land umfassende Strafexpeditionen der Asalto-Garden (Sturmgarden), oft zusammen mit Kaziquen, Grundherren und wohlhabenden Bauern, um die Agrarkollektive zu demontieren. &#8220;Die Methode der Unterdrückung&#8221;, schrieb am 1. 8. 1937 die illegal erscheinende &#8216;Libertad&#8217;, &#8220;ist immer dieselbe. Lastwagen voll Asalto-Garden fallen in das Dorf wie Eroberer ein. Unheimliche Registrierungsmaßnahmen in den Lokalen der CNT. Annullierung der Munizipalräte, in denen die CNT vertreten ist. Hausdurchsuchungen mit Plünderungen und Verhaftungen. Beschlagnahmung der Nahrungsmittel der Kollektive. Rückgabe des Landes an die alten Besitzer.&#8221;(40)</p>
<p>Bislang existierte noch der Rat von Aragon, unter dem die dortigen Agarkollektive drei Viertel des Landes bewirtschafteten. Über seine Liquidierung im August 1937 liegt neben anderen Berichten der des Liquidators General Enrique Lister (PCE) selbst vor. Er beschreibt zunächst, wie Kriegsminister Indalecio Prieto (PSOE) ihm den Auftrag zur Auflösung des Rates gab und dabei zugleich versuchte, ihn hereinzulegen. Einerseits ermächtigte er Lister, nach Gutdünken zu verfahren, anderererseits verlangte er die Behandlung der unpopulären Order als Staatsgeheimnis. Lister schildert, wie er den Minister überlistete, und wie dann beim Anrücken seiner Division der anarchistische Rat von Aragon auseinanderstob. Danach erzählt er phantastische Geschichten über die vorangegangene &#8220;Terrorherrschaft&#8221;. Die über Kollektivierung wirken teilweise so, als handle es sich um Episoden aus dem Stalin-Reich. Lister spricht von Spitzelei und Massenmord an Bauern, auch über versteckte Waffen und 298 im Vereinslokal der anarchistischen Jugend eingemauerte Schinken. Beweise für die Richtigkeit seiner Behauptungen, die er offenbar den Hetzartikeln damaliger parteikommunistischer Organe entnahm, tritt er nicht an. Zur Glaubhaftmachung bemüht er indes das Faktum, daß die Anarchisten nicht gegen solche Berichte protestiert haben.(41) Wie hätten sie das bei der damaligen rigorosen Zensur tun können? Mit keinem Wort geht Lister darauf ein, was er und die anderen Helden seiner Division eigentlich getan haben. Es war, wie andere Quellen uns verraten,(42) die Auflösung von Kollektivwirtschaften und gewählten Dorfräten, die Verhaftung ihrer Mitglieder, der des CNT-Regionalrats und dergleichen mehr. Kollektivierungsgegner begrüßten Listers Soldaten als Befreier. Doch berichtet einer der Stabsoffiziere: Die Leute merkten bald, &#8220;daß sie nur eine anarchistische Diktatur gegen eine kommunistische eingetauscht hatten&#8221;.(43) Noch zu republikanischen Zeiten ging ein Großteil kollektiv bewirtschafteten Bodens an die früheren Inhaber zurück. Die Erträge haben danach abgenommen.</p>
<p>Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg von Listers Aktionen gegen die &#8220;nationale Schande&#8221;(44) in Aragon war die vorangegangene Zerschlagung der anarchistischen und POUM-Milizen, die der Bevölkerung mithin nicht zu Hilfe kommen konnten. Besonders gegen die Soldaten der POUM gingen Regierungstruppen, vielfach unter PCE- oder PSUC-Befehl, mit großer Härte vor. Angehörige älterer Jahrgänge wurden meist ins Hinterland geschickt, viele dort verhaftet. Jüngere Kämpfer beorderte man in gefährlichste Positionen an der Front, wo sie durch faschistisches Feuer dezimiert wurden. &#8220;Das Gros der POUM-Milizen wurde nach seiner Rückkehr von längeren Gefechten in einem Hinterhalt von kommunistisch kommandierten Truppen umstellt und entwaffnet.&#8221;(45) Keineswegs außer acht zu lassen ist, daß das in einer Atmosphäre verlogenster Hetze der spanischen und internationalen parteikommunistischen Presse, zuweilen auch von fellow travellers, gegen Anarchisten und POUM ablief. In ehrabschneidender Weise wurden die Soldaten der Lenin-Division, ihre meist in Haft befindlichen Offiziere, ihre Partei und deren Führer zu politischen Verbrechern und Faschismushelfern abgestempelt. Vom Denunziationsaufruf im Zentralorgan der PSUC bis zu Folter und Mord übten die Sieger ein Terrorregime aus, wie das republikanische Spanien es bis dahin nicht erlebt hatte. PSUC-Führer Miguel Valdés gab am 11.5.1937 die Parole aus: &#8220;Man muß Nin und sein Freundes-Grüppchen ausrotten.&#8221;(46)</p>
<p>Die kommunistische Presse verbreitete eine Flut von Lügen über angebliche Sabotagetätigkeit und Verbrechen der POUM, deren Verbindungen zur &#8220;Trotzkismus&#8221; und europäischen Faschismus. Mit gleicher Begründung wurde am 28.5. das Parteiorgan &#8216;La Batalla&#8217; verboten.(47) Anschließend an die letzte Tagung der POUM-Exekutive verhaftete parteikommunistisch geführte Sonderpolizei auf Orlows Befehl am 16. und 17.6.1937 sämtliche Exekutivmitglieder. Sie wurden mit Ausnahme Nins im Hotel Falcón festgesetzt, dem zum NKWD-Gefängnis umfunktionierten bisherigen Sitz der POUM-Zentrale. Ihrer Führung beraubt, ist die Partei am 17.6. illegalisiert, sind gleichzeitig ihre Milizen zerschlagen worden. Die Staatsanwaltschaft kündigte am 29.7. ein Gerichtsverfahren gegen zehn Mitglieder des Exekutivkomitees an.</p>
<p>Bevor auf den Prozeß eingegangen wird, muß hier das Schicksal Andres Nins berichtet werden.(48) Ebenfalls am 16.6.1937 verhaftet, wurde er nicht ins Hotel Falcón gebracht, sondern insgeheim in eine &#8220;Tscheka&#8221; zu Alcalá de Henáres. Wiederholt gefoltert und verhört, gab er keine für das NKWD verwendbare Erklärung ab, sondern attackierte die PCE wegen Verschwörung. Derart durchkreuzte Nin den Plan, ihn vor einem spanischen Gericht als obersten politischen Bösewicht im Lande zu &#8220;entlarven&#8221;. Zur selben Zeit häuften sich in der Öffentlichkeit Fragen nach seinem Verbleib, ordneten Spaniens Justiz- und das Innenministerium die Suche nach ihm an. Sicherlich nach Rückfrage in Moskau beschloß Orlow, Nin umbringen zu lassen. Ende Juni 1937 wurde dieser aus dem Geheimgefängnis geholt. &#8216;Carlos Contreras&#8217;, später Leiter des Sturms auf Trotzkis Haus in Coyoacán bei Mexiko City sowie nach 1945 unter seinem wirklichen Namen Vittorio Vidali kommunistischer Senator, erschoß Nin im Park des Königsschlosses Pardo.(49) Selbstverständlich sollte dieser Ausgang des Falles verschwiegen werden. Dazu ließ das NKWD Polizisten verschwinden, die mit dem Fall befaßt gewesen waren, und ersann das Märchen von Nins Flucht zu Franco nach Salamanca oder Hitler nach Berlin.(50) Als Beweise hierfür sollten Fahrkarten sowie eine angeblich in der Zelle aufgefundene Tasche mit deutschem Geld und Gestapo-Dokumenten dienen, die Tage davor aus amtlichen Archiven entwendet worden waren. Vor Ort schenkte kaum jemand dieser Lüge Glauben. Die CNT erklärte am 19.7., Nin sei ermordet worden. Spaniens Regierung hatte die Schmutzarbeit des NKWD und seiner Helfer bislang als nützlich zur Verhinderung revolutionärer Verhältnisse erachtet, sie geduldet und gedeckt, was Negrín übrigens weiterhin tat.</p>
<p>Doch regte sich in ihren Reihen Widerspruch. Mehrere Minister wollten die Schmach eines eigenmächtig und verbrecherisch vorgehenden fremden Geheimdienstes im Lande, der sie überging und belog, nicht länger hinnehmen. Der Rechtssozialist Julián Zugazagoitia hätte gern gewußt, &#8220;ob ich als Innenminister von gewissen sowjetischen Technikern abhänge. Die Dankbarkeit, die wir der Sowjetunion schulden, darf uns nicht dazu verleiten, unsere persönliche und nationale Würde preiszugeben&#8221;. Kriegsminister Prieto merkte an: &#8220;Die Sowjetrussen schicken uns Waffen, daher glauben sie, es sei alles erlaubt. Ganz anders wäre es, wenn die Waffen aus Frankreich oder England kämen.&#8221;(51) Die Westmächte sahen aber die Verfolgung von Revolutionären nicht ungern und ließen sich dadurch keineswegs von ihrer Embargopolitik abbringen. Spaniens Minister setzten die Ablösung eines Mitverantwortlichen für Nins Entführung, den des Generaldirektors der Sicherheit Oberst Ortega (PCE), durch. Sie erreichten auch, daß POUM-Häftlinge in normale staatliche Gefängnisse überführt wurden. Doch blieb die Macht von Stalins NKWD im Lande erhalten. Anarchistischen Angaben vom Juli 1937 zufolge waren allein in Barcelona 800 CNT-Mitglieder in Haft und 60 verschwunden. Ähnlich sah es bei den linken Sozialisten aus.(52) Von den Mitgliedern der weit kleineren POUM waren laut SAP seit Ende des Barrikadenkampfes nahezu 1000 eingekerkert worden, darunter fast alle Internationalen aus ihrer Umgebung.(53) Nach der legalen POUM-Zentrale wurde im April 1938 die illegale aufgespürt und festgesetzt. Die &#8216;Freunde Durrutis&#8217; waren inzwischen durch rechte Anarchistenführer preisgegeben und von der Regierung verboten worden. &#8220;Wie unter Hitler&#8221; resp. &#8220;Fast wie unter Stalin&#8221;, kommentierte der Zeitgenosse Felix Morrow die entstandene Situation.(54)</p>
<p>Die beiden Spanien waren einander 1937 ähnlich geworden. Zufrieden war hierüber der britische Konservative Winston Churchill, ein Erzfeind der sozialen Revolution. Er schrieb: &#8220;Im Laufe dieses Jahres hat sich im Charakter der spanischen republikanischen Regierung eine sichtbare Fortentwicklung zu einem geordneten Regierungssystem und gleichzeitig zu geordneter Kriegführung vollzogen. Die Anarchisten&#8221; &#8211; konservativen Engländern waren diese Leute besonders verhaßt &#8211; &#8220;sind mit Feuer und Stahl unterdrückt worden.&#8221;(55) Sozialistische Positionen vertrat demgegenüber der junge Willy Brandt, der nach einem Spanienbesuch der SAP-Führung berichtete: &#8220;Um die von ihnen erstrebte Monopolisierung der Führung zu erlangen, scheuen die Kommunisten keine Mittel. Doch in einer Situation, in der alles auf die Sammlung der Kräfte gegen Franco ankommt, müssen die Methoden der KP, der Verleumdung ihrer proletarischen Widersacher, der Hetze und des blinden Terrors gegen sie, der Absorbierung und Vernichtung aller anderen die Kampfmoral untergraben und lebensgefährlich für den antifaschistischen Krieg werden. Diese Methoden drohen die ganze internationale Arbeiterbewegung erneut zu vergiften und zurückzuwerfen, sie drohen die Ansätze einer einheitlichen Entwicklung in einen Scherbenhaufen zu verwandeln.&#8221;(56)</p>
<p>Die nach Caballeros Sturz gebildete &#8216;Regierung des Sieges&#8217; erlitt 1937/38 mehrfach schwerste Niederlagen. Strebte ihre Vorgängerin noch die Zweiteilung des faschistisch besetzten Spanien durch eine Offensive an, die Moskau und Miaja verhinderten, so führte zur Zeit Negríns ein Vorstoß faschistischer Truppen quer durch Aragon im April 1938 dazu, die Republik zweizuteilen. Die Regierung hoffte nun, endlich die Gunst Englands und Frankreichs zu gewinnen und möglichst noch den Abzug von Francos Verbündeten aus Spanien zu bewirken, indem sie ein Beispiel gab. Daher verabschiedete sie im September/Oktober 1938 ihre besten Helfer, die Interbrigaden, von der Front und z.T. auch aus dem Land. Sie tat dadurch ein übriges, die eigene Niederlage mit herbeizuführen. Die Westmächte honorierten ihre Vorleistung nicht, Deutsche und Italiener blieben in Spanien. Zudem schlossen damals England und Frankreich mit Hitler das Münchner Abkommen. Es bedeutete nicht nur Preisgabe der Tschechoslowakei, sondern beschwor auch eine für die Sowjetunion gefährliche Situation herauf, die nämlich, daß demokratisch und faschistisch regierte Staaten gemeinsam gegen sie vorgehen könnten. Stalin reagierte mit der sukzessiven Annäherung an Deutschland. Er drosselte die Waffenlieferungen nach Spanien.</p>
<p>Auf der Pyrenäenhalbinsel reichte allerdings sein Engagement noch immer aus, einen Prozeß nach Moskauer Muster gegen die POUM zu initieren. Die dazu notwendigen &#8220;Beweise&#8221; wurden vom NKWD gefertigt. Zu den Glanzstücken zählte ein von kommunistisch organisierten Polizisten in Gerona aufgefundener Koffer voller Dokumente, die eine Kollaboration der POUM mit den Faschisten belegen sollten. Einige Dokumente trugen, um den Entdeckern die Arbeit zu erleichtern, das Siegel der Militärkommission der POUM. Noch gediegener war ein Schreiben, worauf mit unsichtbarer Tinte ein &#8220;A. N&#8221; als verläßlicher Agent für einen von der Fünften Kolonne der Faschisten beabsichtigten Aufstand benannt wurde. Polizeioberst Ortega, damals noch im Amt, erklärte dem Justizminister Manuel de Irujo, A. N. sei &#8220;natürlich Nin&#8221;, worauf der Minister erwiderte, es wäre &#8220;wohl das erste Mal in der Geschichte der Spionage, daß ein gefährlicher Spion ein höchst kompromittierendes Dokument mit seinen Initialen versehe&#8221;.(57)</p>
<p>Das Gericht im POUM-Prozeß tagte vom 11. bis 22.10.1938 in Barcelona.(58) Ankläger war Staatsanwalt José Gomis, ein NKWD-Agent, der bereits in vielen Fällen Todesstrafen erwirkt hatte. Das Tribunal stand unter erheblichem Druck Moskaus sowie von PCE und PSUC, die Front-und Betriebskampagnen mit Forderungen zu &#8220;konsequenter Abrechnung&#8221; mit den &#8220;Trotzkisten&#8221; organisierten. Minis-terpräsident Negrín verlangte unter Hinweis auf Soldatentelegramme die Köpfe der Angeklagten. Zudem standen der Anklage Belastungszeugen mit wenig Skrupeln zur Verfügung, wobei es einigen allerdings an geistigen Fähigkeiten und elementaren Kenntnissen mangelte. Zweck des Verfahrens war in stalinistischer Sicht die Aburteilung der Angeklagten wegen Urheberschaft für den Ausbruch der Barrikadenkämpfe 1937, Spionage für Franco und Hitler sowie Zusammenarbeit mit ihnen. Die von der POUM vertretene politische Richtung sollte hierdurch dauerhaft diskreditiert werden. Das Verfahren würde trotz mancher Mangelerscheinungen auf der Anklägerseite seinen Zweck erfüllt haben, hätte es nicht internationale Solidarität mit den Angeklagten gegeben und der Prozeß nicht im republikanischen Spanien stattgefunden.</p>
<p>Trotz aller reaktionären Rückschläge war das immer noch ein halbwegs freies Land mit Menschen, die Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden wußten. Vornehmlich französische Intellektuelle, darunter André Gide und Francois Mauriac, legten gegen das Verfahren Protest ein. Gleichzeitig scheiterte im Vorfeld des Prozesses der Versuch, durch Verknüpfung mit einem gegen Faschisten gerichteten Spionageverfahren ein Amalgam aus diesen und den POUM-Führern herzustellen. Justizminister Gonzáles Pena widersetzte sich dem Appell des spanischen Regierungschefs, die Angeklagten hinrichten zu lassen. Er wies den Präsidenten des Obersten Gerichtshofes an, &#8220;alle Petitionen dieser Art in den Papierkorb zu werfen&#8221;.(59) In der Verhandlung bezogen die Vertreter der POUM-Exekutive, unter ihnen Julián Gorkin und Juan Andrade, Offensivpositionen. Sie widerlegten Lügen über angebliche Spionagetätigkeit ihrerseits und dergleichen mehr, verteidigten die eigene Handlungsweise während des Bürgerkriegs und der Barikadenkämpfe, beschuldigten das NKWD und Stalin der Provokation und des Mordes an Nin. Die Belastungszeugen erlitten eine Abfuhr. Eindrucksvoll wirkten hingegen die Entlastungszeugen &#8211; Francisco Largo Caballero, die ehemaligen Ministerin Federica Montseny, Manuel de Irujo und Julián Zugazagoitia sowie der frühere Botschafter in Paris, Luis Araquistain. Letztgenannter verwies auf den schlechten Eindruck, den das Verfahren im Ausland hervorgerufen hatte. Montseny betonte, die Angeklagten seien nicht für die blutigen Maitage verantwortlich. Caballero konstatierte, mehrfach zur Festsetzung der POUM-Führer und zum Verbot ihrer Partei angehalten worden zu sein, doch habe er &#8220;nicht fünfzig Jahre gekämpft, damit es möglich sei, Menschen durch Regierungsbeschluß und ohne Beweise zu verhaften&#8221;.(60)</p>
<p>Das Urteil krönte den Prozeß, obwohl es im Hinblick auf die Strafen ungerecht war. Nachdem die Staatsanwaltschaft 30 Jahre für jeden Angeklagten gefordert hatte, erkannte das Tribunal auf 15 Jahre, z.T. darunter bzw. Freispruch. Die Strafen waren, was jeder wußte, allein durch außenpolitische Rücksichten bedingt. Das Gericht begründete diese Strafen auf schwejksche Weise. Es warf den Angeklagten vor, daß sie &#8220;ihre Partei überall durchsetzen&#8221; wollten und &#8220;fälschlich in der Zeitung La Batalla behauptet (hätten), die Regierung der Republik empfange von Moskau Befehle und verfolge alle, die sich diesen Befehlen nicht beugten&#8221;.(61) Im übrigen verabreichte das Gericht der Anklagevertretung und ihren Hintermännern schallende Ohrfeigen. Es konstatierte, daß die &#8220;Beweise&#8221; keine Aussagekraft hätten, die POUM legal funktioniert und sich durch Leistungen im politischen und militärischen Kampf bewährt habe, daß sie &#8220;ein starkes und altes antifaschistisches Ansehen&#8221; genieße, nicht Urheber des Zusammenstoßes am 3.5.1937 in Barcelona war und keine direkten oder indirekten Verbindungen, weder zu Franco noch zu polizeilichen und militärischen Stellen eines fremden Staates (Deutschlands), gehabt habe. Die von der Staatsanwaltschaft geltend gemachte Notverordnung mit rückwirkender Kraft betreffe ausschließlich Spionage und habe daher hier keine Geltung.(62)</p>
<p>Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, sich vorzustellen, daß irgendein Schauprozeß in Stalins Bereich oder dem seiner Vasallen und Nachfolger so verlaufen wäre. Jene, die in der aktuellen Diskussion einen &#8216;Moskauer Prozeß&#8217; im republikanischen Spanien verneinen, haben Recht. Daß es aber keinen derartigen Prozeß gab, lag nicht an den Stalinisten und ihren Helfern, an Komintern oder NKWD, sondern an jenen, die deren Vorhaben durchkreuzten. Palmiro Togliatti (&#8216;Ercoli&#8217;), damals wichtigster Kominternvertreter in Spanien, wertete das Urteil als &#8220;skandalöses Resultat&#8221;. Die Baseler &#8216;Rundschau&#8217; der Komintern beschränkte sich darauf, die Strafen mitzuteilen und dazu die vom Gericht abgewiesene Anklageschrift nachzudrucken, so als wären die Führer der POUM deswegen verurteilt worden. Die &#8216;Deutsche Volkszeitung&#8217; der KPD unterschlug den Ausgang des Prozesses.(63) Verfechter prostalinistischer Standpunkte folgen diesen Beispielen &#8220;parteilichen&#8221; Herangehens an eine unliebsame Angelegenheit bis heute. Meist verschweigen sie den Prozeß oder kennen ihn dank des Schweigens ihrer Vorläufer nicht. Wider besseres Wissen oder unwissentlich geben sie die damals von Stalinanhängern ersonnenen Propagandalügen so wieder, als handle es sich um die lautere Wahrheit. Das Prozeßprotokoll ist aufgefunden und 1989 erstmals veröffentlicht worden, leider nur in Spanisch.</p>
<p>Eine Woche nach Ende des Gerichtsverfahrens gegen die POUM brachen Francos Truppen in den Brückenkopf am Südufer des Ebro ein, der beim letzten offensiven Vorstoß der Republik im Sommer 1938 errichtet worden war. Am 15. 11. zwangen sie die Volksarmee, den Brückenkopf zu räumen. Nur 15 000 von zuvor fast 100 000 Kämpfern kehrten unversehrt aus dem &#8216;spanischen Verdun&#8217; zurück. Hohe Verluste hatten auch ihre Gegner erlitten, doch verfügten diese über wesentlich mehr Waffen, Flugzeuge, Geschütze und Soldaten. Am 23.12. begannen sie die Katalonien-Offensive. Zwar hielt die anarchistische 26. Division dem Anprall stand, die 56., parteikommunistisch geführte wich jedoch im Januar 1939 zurück. Neue sowjetische Waffen kamen trotz kurzzeitiger französischer Grenzöffnung meist nicht mehr an. General Miaja, Kommandeur des Mittelabschnitts um Madrid, verweigerte wiederum eine Entlastungsoffensive. Ergebnis war die wilde Flucht republikanischer Truppen. Nur wenige, meist kommunistisch geführte Einheiten leisteten noch Widerstand. Barcelona wurde am 21.1. kampflos preisgegeben, Katalonien bis zum 10. 2. 1939 gänzlich von Faschisten besetzt. Auf republikanischer Seite hatte allgemeine Demoralisierung den Feind begünstigt. Barcelonas letzter republikanischer Polizeichef urteilte, die Menschen wollten nicht mehr kämpfen, &#8220;weil diese Republik nicht mehr unsere Republik ist&#8221;.(64)</p>
<p>Einziger Lichtpunkt in der Finsternis war, daß kommunistische und sozialistische Gefangene der Republik, so die POUM-Häftlinge, freikamen und den Mordgesellen faschistischer wie stalinistischer Couleur entrinnen konnten. Um den Madrider Abschnitt einzunehmen, brauchte Franco keine militärische Offensive mehr. Hier meuterte auf republikanischer Seite der bisher als links geltende Berufsoffizier Oberst Casado. Mit rechten Flügelmännern aus PSOE und CNT bildete er eine Junta, die die großenteils schon im Ausland befindliche Regierung für abgesetzt erklärte. Der Junta gehörten keine Volksfrontpartner mit kommunistischem Parteibuch an, wohl aber der lange Zeit ihnen nahestehende General José Miaja. Mit Franco sollte nun verhandelt werden. Doch setzte der die bedingungslose Kapitulation der anderen Seite durch. Am 28.3.1939 zog er als Triumphator in Madrid ein. Am 1.9. löste sein Schutzpatron Hitler den zweiten Weltkrieg aus. Schlecht stand es nicht nur in Spanien.</p>
<p>Ein Lied Ernst Buschs zum Ruhme der Interbrigaden beginnt mit den Worten &#8220;In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8221;. Busch bezieht sich auf den Spätherbst 1936, als faschistische Truppen Madrid bedrängten und nicht zuletzt &#8211; keineswegs aber wie in seinem Lied ganz allein &#8211; Angehörige der Internationalen Brigaden die spanische Hauptstadt retteten. Hier ist mit der Sache, um die es schlecht stand, zugleich weniger und mehr gemeint. Nur am Rande geht es um den Kampf an den Fronten, in dem Hunderttausende Kombattanten, mit Millionen spanischer Arbeiter und Bauern hinter sich, für die Freiheit stritten. Der Kampf ist in Dutzenden von Büchern und zahllosen Artikeln geschildert worden. Sofern die Vorgänge korrekt wiedergegeben sind, beziehe ich mich darauf. Mein Artikel gilt vornehmlich dem Kampf hinter den Fronten, zwischen bürgerlichen, rechtssozialistischen und stalinistischen Revolutionsgegnern sowie den kommunistischen, linkssozialistischen und anarchistischen Verfechtern sozialer Revolution. Dieser Kampf war genauso wichtig wie der an der Front. Er wird aber von stalinistischer Seite traditionell verschwiegen oder verfälscht dargestellt.</p>
<p>Wie zeitnah das Andenken an den Kampf ist, erhellt aus dem Eifer der heutigen Auseinandersetzungen darüber. Sofern in Deutschland und anderswo wieder eine sozialistische Bewegung entstehen soll, wird sie sich für historische Wahrheit statt reaktionäre Apologetik entscheiden müssen. Der Beitrag meint insofern mehr als Spanien, als die dortigen Ereignisse auch für eine Vielzahl ähnlicher Tragödien und Konflikte in anderen Ländern, einen weltweiten Kampf auf Leben und Tod charakteristisch sind. Nicht allein südlich der Pyrenäen &#8220;stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8221;. Die internationale stalinistische Taktik wurde bereits 1926/27 in China, später in der Zeit des über Deutschland hereinbrechenden Faschismus und der Volksfrontperiode, aber auch nach dem zweiten Weltkrieg angewandt. Typisch für sie ist ein Zickzackkurs zwischen opportunistischer Anpassung an die Wünsche bürgerlicher und rechtssozialdemokratischer Bundesgenossen einerseits, ultralinkem Abenteurertum andererseits.(65) So gegensätzlich der immer wieder durch &#8220;jähe Wendungen&#8221; gekennzeichnete Kurs gewesen ist, er diente stets den Herrschaftsinteressen der sowjetischen Politbürokratie im eigenen Land und UdSSR-Großmachtinteressen draußen, nicht der internationalen Arbeiterbewegung &#8211; ihr schadete er.</p>
<p>Dieser Kurs war, wie nochmals festgestellt sei, notwendig konterrevolutionär. Erstens hätten Revolutionen anderswo auf die Sowjetunion und deren spätere Satelliten zurückwirken, also die politbürokratische Diktatur gefährden können, zweitens konnten sie die Beziehungen zu potentiellen oder aktuellen kapitalistischen Bündnispartnern beeinträchtigen. Was beim Steuern dieses Kurses herauskam, ist am Beispiel Spaniens demonstriert worden. Es war woanders das Gleiche. Doch muß im Falle Spanien berücksichtigt werden, daß sich dort der republikanische Landesteil mit dem Faschismus im Krieg befand und die äußerste Reaktion auf traditionell militärischem Gebiet, hinsichtlich Zahl und z.T. auch Technik der Waffen der Republik überlegen war.</p>
<p>Diese Überlegenheit konnte nur durch revolutionäre Mittel ausgeglichen werden. Indem die Volksfrontkoalition aus Liberalen, Rechtssozialisten und Parteikommunisten, verstärkt durch Komintern und NKWD, die von den Massen im zweiten Halbjahr 1936 erwirkten Ansätze zur demokratischen Revolution wieder zerstörte, sorgte sie dafür, daß Enthusiasmus und Beharrlichkeit der Massen im Krieg dahinschwanden. Damit war der Sieg Francos und seiner Protektoren vorprogrammiert, da gleichzeitig auch die sogenannten Demokratien im Westen der spanischen Republik Schaden zufügten. Von den Details abgesehen, ähneln die Vorgänge in Spanien denen bei Entstehung und Untergang des &#8216;Realsozialismus&#8217; in Europa.</p>
<p>Mit seiner Unterdrückung von Demokratie, tatsächlicher Mitbestimmung und Mitentscheidung der werktätigen Klassen hat Stalinismus stets dem großen Kapital die Arbeit erleichtert.</p>
<p><strong><em>Anmerkungen</em></strong></p>
<p>1. Neues Deutschland, 23./24.11.1996; vorher auch die Äusserungen des ehemaligen Interbrigadisten Fred Müller im ND vom 21.11.1996.<br />
2. Aufzeichnungen des Autors während der Tagung.<br />
3. Heinz Priess, Spaniens Himmel und keine Sterne. Ein deutsches Geschichtsbuch. Erinnerungen an ein Leben und ein Jahrhundert, Berlin 1996, S. 134.<br />
4. Poltergeist im Politbüro. Siegfried Prokop im Gespräch mit Alfred Neumann, Frankfurt (Oder) 1996, S. 21.<br />
5. Fritz Teppich (Hg.), Spaniens Himmel. Volksfront und Internationale Brigaden gegen den Faschismus 1936-1939, Berlin 1986, Reprint 1996, S. 85.<br />
6. George Orwell, Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, Zürich 1975, S. 156 ff.<br />
7. Juli n Gorkin, Stalins langer Arm. Die Vernichtung der freiheitlichen Linken im spanischen Bürgerkrieg, Köln 1980, S. 77; Patrick von zur Mühlen, Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939, Berlin-Bonn 1985, S. 7; Felix Morrow, Revolution und Konterrevolution in Spanien einschliesslich: Der Bürgerkrieg in Spanien. Deutsche Erstausgabe, Essen 1976,S. 158.<br />
8. Gorkin, a. a. O., S. 78; Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der gruppe arbeiterstimme, Nürnberg 1987, S. 57.<br />
9. Morrow, a. a. O., S. 157 f. und 159 f.<br />
10. Fritz Teppich, Beispiel Spanien &#8211; Arbeitermacht oder Volksfront? Referat vom 30. 6. 1996, S. 21 f.<br />
11. Zur französischen Volksfront neuerdings Heinz Köller, Für Demokratie &#8211; Brot &#8211; Frieden. Die Volksfront in Frankreich 1935 bis 1938, Bonn 1996.<br />
12. Teppich, Spaniens Himmel, S. 46.<br />
13. Morrow, a. a. O., S. 50 f.<br />
14. Morrow, S. 84.<br />
15. Leo Trotzki, Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1936-39, 2. Auflage, Frankfurt/Main 1986.<br />
17. Teppich, Spaniens Himmel, S. 45. Angaben der Wahlergebnisse, die in verschiedenen Publikationen differieren, nach: Ebenda, S. 48.<br />
18. Siegfried Kogelfranz/Eckart Plate, Sterben für die Freiheit. Die Tragödie des Spanischen Bürgerkrieges, München 1989, S. 243 f.; Gorkin, a. a. O., S. 93 f. und S. 269. Die UdSSR versandte zwischen Mitte Oktober 1937 und Dezember 1938 dafür 806 Flugzeuge, 362 Panzer, 120 Panzerautos, 1555 Kanonen, etwa 500 000 Gewehre, 340 Granatwerfer, 110 000 Bomben, 3,5 Mill.Granaten, fast 1 Mrd. Patronen und Handgranaten, ferner Flakscheinwerfer, Lastautos, Radiosender und Torpedoschnellboote in die spanische Republik. (Teppich, Spaniens Himmel, S. 78; Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 245)<br />
19. Zit. nach Trotzki, Revolution und Bürgerkrieg, Band 1, S. 14, sowie Band 2, S. 334.<br />
20. Zit. nach Trotzki, Ebenda, Band 1, S. 34 f.<br />
21. Gorkin, a. a. O., S. 19. Mit derselben Drohung ist die Annahme eines POUM-Appells an die Regionalregierung torpediert worden, Leo Trotzki Asyl zu gewähren. (Morrow, a. a. O., S. 104)<br />
22. Ludwig Renn, Im Spanischen Krieg, Berlin und Weimar 1971.<br />
23. So u. a. Ebenda, S. 300; Morrow, a. a. O., S. 190.<br />
24. Orwell, a. a. O., besonders S. 15, 25, 32 und 45 ff.; Waldemar Bolze, Drei Monate an der Huescafront (April bis Juni 1937) in: Der spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 61.<br />
25. Orwell, a. a. O., S. 38.<br />
26. Bolze, a. a. O., S. 62.<br />
27. Bericht eines aus Spanien zurückgekehrten KPO-Genossen (Anfang 1939) in: Der spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der gruppe arbeiterstimme 1987, S. 49.<br />
28. Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 37.<br />
29. Reiner Tosstorff, Andreu Nin und Joaqu¡n Maur¡n. Vom revolutionären Syndikalisten zum antistalinistischen Kommunisten, in: Theodor Bergmann/Mario Kessler, Ketzer im Kommunismus. Alternativen zum Stalinismus, Mainz 1993, S. 197.<br />
30. Wie Fussnote 27, S. 38.<br />
31. Ebenda, S. 37.<br />
32. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 382.<br />
33. Ausführlich Patrick von zur Mühlen, a. a. O., S. 164 ff.; ferner u. a. Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 378.<br />
34. Mühlen, S. 178 f.; Kogelfranz/Plate, S. 283.<br />
35. Gorkin, a. a. O., S. 115 f.<br />
36. Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 57.<br />
37. Hierzu und zum Folgenden Gorkin, a. a. O., S. 105 ff., Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 361 f.<br />
38. Kogelfranz/Plate, S. 360 ff.<br />
39. Morrow, a. a. O., S. 166.<br />
40. Fritz Teppich, Beispiel Spanien, S. 14.<br />
41. Morrow, a. a. O., S. 194.<br />
42. Enrique Lister, Unser Krieg, Berlin 1972, S. 205 ff.<br />
43. Morrow, a. a. O., S. 200 f.; Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 386 f.<br />
44. Zit. nach Kogelfranz/Plate, S. 386.<br />
45. Lister, a. a. O., S. 206.<br />
46. Patrick von zur Mühlen, a. a. D., S. 75.<br />
47. Gorkin, a. a. O., S. 121.<br />
48. Kogelfranz/Plate, S. 376.<br />
49. Hierzu insbesonders Operation Nikolai. Neue Einsichten über Stalins Rolle im Spanischen Bürgerkrieg, eine mit auf Komintern- und KGB-Akten beruhende Sendung, die zuerst im katalanischen Fernsehen, am 24. 7. 1996 aber auch in deutscher Sprache von ARTE ausgestrahlt wurde.<br />
50. Gorkin, a. a. O., S. 30 und 176.<br />
51. El Mundo Obrero, das Zentralorgan der PCE, titelte am 5. 7. 1937 mit ,Die Flucht des Banditen Nin&#8221;. Das Datum wird bei Gorkin, a. a. O., mit &#8220;5. 6.&#8221; falsch angegeben.<br />
52. Gorkin, S. 170 bzw. 172.<br />
53. Morrow, a. a. O., S. 188.<br />
54. Morrow, S. 18&#8243;9; Patrick von zur Mühlen, a. a. O., S. 82.<br />
55. Morrow, a. a. O., S. 186.<br />
56. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., . 389.<br />
57. Zit. nach Teppich, Spaniens Himmel, a. a. O., S. 25.<br />
58. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 376 f.<br />
59. Zum Folgenden Gorkin, a. a. O., S. 240 ff.<br />
60. Ebenda, S. 249.<br />
61. Ebenda, S. 257.<br />
62. Ebenda, S. 259.<br />
63. Reiner Tosstorff, Spanischer Bürgerkrieg, Stalinismus und POUM, in: Utopie kreativ, Nr. 69/70, Juli/August 1996, S. 90.<br />
64. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 439.<br />
65. Im Fall China erzwang die von Stalin, damals auch Bucharin dirigierte Komintern die Ein- und Unterordnung der KPCh unter die Guomindang und Nibelungentreue der Kommunisten dieser Partei und General Tschiang Kaischek gegenüber, und das trotz zahlreicher Vorwarnungen vor ihm so lange, bis er im April 1937 die Arbeiterbewegung Shanghais vernichtete. Danach passte sich die KPCh der sogenannten linken Guomindang um Wang Jingwei, später Japans Quisling in China, an, bis auch diese mit ihr brach. Schliesslich zettelten Emissäre der Komintern im Dezember 1927 einen Aufstand in aussichtsloser Situation in Kanton an, dessen Folge umittelbar eine verheerende Niederlage, perspektivisch die Lähmung des proletarischen Flügels der KP Chinas war.</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.rebellion.ch/" target="_blank">http://www.rebellion.ch/</a></em></p>
<p>zurück <a href="http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlecht" target="_self">Teil 1</a><em><br />
</em></p>
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		<title>In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8230;(Teil 1)</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 11:21:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[60 Jahre post factum sind Vorgänge des Spanischen Bürgerkrieges, besonders die Kämpfe zwischen Faschismusgegnern unterschiedlicher Richtungen Anfang Mai 1937 in Barcelona, auf der Linken hart umstritten. Bei Vorgeplänkeln seit 1992 im 'Neuen Deutschland' und während gesellschaftswissenschaftlicher Tagungen standen einander einerseits Kurt Hager und der ehemalige Offizier der spanischen Republikanischen Volksarmee Fritz Teppich, andererseits unter anderen der Anarchist Arthur Lehning, der sozialdemokratisch orientierte Historiker Wolfgang Wippermann, der Geschichtswissenschaftler und Mitherausgeber von Trotzki-Schriften Reiner Tosstorff und ich gegenüber.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-300"></span><strong>60 Jahre nach dem Barrikadenkampf in Barcelona</strong></p>
<p><em>von Manfred Behrend, 1997</em></p>
<p>60 Jahre post factum sind Vorgänge des Spanischen Bürgerkrieges, besonders die Kämpfe zwischen Faschismusgegnern unterschiedlicher Richtungen Anfang Mai 1937 in Barcelona, auf der Linken hart umstritten. Bei Vorgeplänkeln seit 1992 im &#8216;Neuen Deutschland&#8217; und während gesellschaftswissenschaftlicher Tagungen standen einander einerseits Kurt Hager und der ehemalige Offizier der spanischen Republikanischen Volksarmee Fritz Teppich, andererseits unter anderen der Anarchist Arthur Lehning, der sozialdemokratisch orientierte Historiker Wolfgang Wippermann, der Geschichtswissenschaftler und Mitherausgeber von Trotzki-Schriften Reiner Tosstorff und ich gegenüber. Der Streit eskalierte aus Anlaß einer Spanienkonferenz, die Bundesvorstand und Landesvorstand Berlin der PDS zum 24. November 1996 ins Karl-Liebknecht-Haus einberiefen.</p>
<p>Die AG Republikanische Spanienkämpfer in der IV VDN blieb der Konferenz demonstrativ fern, weil sie erstens nicht in die Vorbereitungen einbezogen war, weil zweitens zu Veranstaltungsbeginn der Film &#8216;Land and Freedom&#8217; von Ken Loach gezeigt wurde, in dem die Problematik von 1937 die Hauptrolle spielt und den sie als &#8216;kraß tatsachenverfälschend&#8217; abqualifizierte, und weil ihr drittens vor allem Tosstorffs Referat über &#8216;Anarchisten und POUM? versus moskautreue Antifaschisten&#8217; nicht behagte. Zudem behauptete sie, den Inszenatoren gehe es &#8216;gar nicht um den Spanienkrieg, vielmehr darum, die PDS im Hinblick auf deren Bundeskongreß Anfang 1997 auf bestimmte Gleise zu schieben&#8217;.(1)</p>
<p>Da das der inneren Logik nach &#8216;auf revolutionäre Gleise schieben&#8217; bedeutet hätte, vertiefte sie die These klugerweise nicht. Die Spanienkonferenz selbst war z.T. durch heftige Debatten zwischen Anhängern stalinistischer Geschichtsauffassungen und denen einer an Tatsachen orientierten Sicht gekennzeichnet. Sprachlich nicht astrein, aber lautstark wetterte einer der Erstgenannten: &#8216;Der Trotzkismus wird vor den Wagen der PDS gespannt &#8211; und die merkt&#8217;s nicht mal!&#8217;(2)</p>
<p><strong>Wahrheit und Legenden über die Maitage 1937</strong></p>
<p>Die stalinistische Version ist ebenso alt wie die Vorgänge in Barcelona selbst. Das verleiht ihr den Schein einer feststehenden Tatsache, die zu beweisen nicht mehr nötig wäre. Die Legende wurde noch während der Kämpfe, teilweise sogar schon vorher ersonnen und vornehmlich von der Kominternpresse, aber auch durch fellow travellers in die Welt posaunt. Inzwischen findet sie sich in Publikationen zahlreicher Autoren, die häufig zwar in Spanien, nicht aber am Ort der Geschehnisse gewesen sind. Hierzu gehören auf deutscher Seite neben Teppich und Hager Karl Mewis, die Interbrigadisten Heinz Hoffmann, Ludwig Renn und leider auch Heinz Priess. Letzterer hätte den sonst in seinem Erinnerungswerk unternommenen Versuch, damals Geglaubtes kritisch zu überprüfen, konsequent weiterführen müssen.(3) Als Paradiesvogel mangelnder Wahrheitsliebe brillierte Alfred Neumann, wie Hager vormals Politbüromitglied der SED. Er verkündete: &#8220;Trotzkis Leute haben 1937 in Spanien von den Dächern auf die Maidemonstration geschossen.&#8221;(4) Das aber konnten sie nicht. Wegen generellen Verbots gab es am 1. 5. 1937 keine Demonstration.</p>
<p>Die gängige Lesart stalinistischer Barcelona-Legenden bietet Teppich dar. In seinem Buch &#8216;Spaniens Himmel&#8217; schreibt er: &#8220;Während an den Fronten vor Madrid und Euzkadi im Frühjahr 1937 schwere Kämpfe tobten und die Aragon-Front im großen und ganzen abwartend verharrte&#8230;, wurde von Barcelona aus ein unverzeihlicher Anschlag auf das republikanische Hinterland ausgelöst&#8230; Die Putschbefürworter hatten vorsorglich ihre Parteigebäude befestigt und große Mengen Waffen der Front entzogen&#8230; Am 3. Mai eröffneten sie in Barcelona das Feuer. Durch die Stadt rast das Gerücht, den Faschisten solle von einer 5. Kolonne die Front geöffnet werden&#8221;. Der konservative britische Historiker Hugh Thomas berichtet in seinem Buch &#8216;Der spanische Bürgerkrieg&#8217; auf S. 331: &#8220;Der deutsche Botschafter Faupel berichtete aus Salamanca nach Berlin, Franco habe ihm am 7. Mai gesagt, daß in Barcelona dreizehn nationalspanische Agenten tätig seien.&#8221;&#8230; Am 4. Mai griffen die POUM sowie ihre Anhänger in (den anarchistischen Organisationen) FAI? und CNT Regierungs-, Partei- und Polizeigebäude der Republik an. Die Versorgung der Front war unterbrochen, die Rüstungsproduktion stand still. Die Soldaten an den Fronten waren empört. Von Valencia riefen die anarchistischen Minister Garcia Oliver? und Federica Montseny? über Radio zur Einstellung der Attacken auf. Dagegen forderte das POUM-Organ &#8216;La Batalla&#8217;: Revolution! Die Aufständischen versuchten, anarchistische Milizgruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen. Die Regierung entsandte Kriegsschiffe und Polizei. Am 8. Mai gibt die CNT-Führung die Parole aus: &#8216;Weg mit den Barrikaden!&#8217; Der Anschlag auf die um ihre Existenz kämpfende Republik hat Hunderte von Todesopfern und Tausende von Verletzten gefordert. Der moralische Schaden wird nie überwunden.&#8221;(5)</p>
<p>Zu Teppichs phantasievoller Schilderung nur dies: Die Kämpfe in Barcelona wurden nicht von Anarchisten und POUMisten ausgelöst, sondern durch ein Kommando der Sturmgarde, einer speziellen Polizeitruppe, unter Führung des zur KP-nahen katalanischen PSUC gehörenden Kommissars für Öffentliche Ordnung, Eusebio Rodriguez Salas. Ohne Vorwarnung versuchte es am Nachmittag des 3. 5.1937, die Telefonzentrale der Stadt zu besetzen, die sich seit Niederschlagung der Faschistenrebellion ein Jahr zuvor unter Arbeiterkontrolle befand und von CNT-Milizionären bewacht wurde. Das Kommando stieß auf Widerstand und mußte nach einem Schußwechsel abziehen.</p>
<p>Barcelonas zumeist anarchistisch organisierte Arbeiter waren seit Wochen von der Provinzial- und Regionalregierung sowie der PSUC provoziert worden. Den Angriff auf die Telefónica faßten sie &#8211; wie sich zeigen sollte zu Recht &#8211; als Auftakt zur Liquidierung aller revolutionären Errungenschaften des Jahres 1936 in Katalonien auf. Sie strömten in die Innenstadt, errichteten Barrikaden und setzten sich zur Wehr. Wenn also von Putsch und &#8216;Anschlag auf das Hinterland&#8217; die Rede ist: Es standen weder POUM noch Anarchisten dahinter. Deren Parteigebäude waren vorher keineswegs besonders befestigt worden. Sie starrten auch nicht von Waffen. Vielmehr gab es, wie der Augenzeuge und Mitkämpfer George Orwell berichtet, von Letzteren nur wenige.(6)</p>
<p>Das wiederum war nicht verwunderlich. Die einzige Front, von der sich für Barcelona etwas hätte beschaffen lassen, war die in Aragon. Die aber litt chronisch an unzulänglichen und veralteten, bisweilen für die Kämpfer selbst lebensgefährlichen Waffen. Neue Waffen für das republikanische Spanien kamen vor allem aus der Sowjetunion. Sie wurden zwar an parteikommunistische Einheiten, die Volksarmee und die Polizei vergeben, nicht aber an CNT und POUM. Die zuerst von Salas&#8217; Sturmgardisten Attackierten und ihre Genossen verteidigten sich, griffen aber in der Regel nicht an. Dennoch hatten sie zeitweise das Übergewicht. Dies lag sowohl an ihrer Zahl als daran, daß Teile der Zivilgarde kampflos die Waffen streckten. Volksarmee und Interbrigadisten blieben neutral. Auf der Gegenseite standen nur Sturmgardisten, Leute von der PSUC und dem bürgerlichen Estat Catala. Hätten Anarchisten und POUM den Angriff gewagt, wären sie Herren der Stadt geworden. Die Versorgung der Front und die Rüstungsproduktion wurden nicht eingestellt, ebenso wenig übrigens der Telefonverkehr in und via Barcelona. &#8216;La Batalla&#8217; forderte zwar im allgemeinen, keineswegs aber im besonderen &#8216;die Revolution&#8217;. Die Parole, die Regierungen in Barcelona und Valencia zu stürzen, gab die Zeitung nicht aus. Auch versuchten &#8216;die Aufständischen&#8217; keine &#8216;Miliztruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen&#8217;. Als rund 500 Soldaten aus POUM und CNT von sich aus ihren Kameraden in Barcelona zu Hilfe kommen wollten, wurden sie durch Vertreter ihrer eigenen Parteien und der Regionalregierung hiervon abgebracht.(7)</p>
<p>Spaniens Zentralregierung in Valencia hingegen schreckte nicht davor zurück, 5000 glänzend bewaffnete Sturmgardisten von der Jarama-Front abzuziehen und nach Barcelona zu schicken.(8) Auf dem Weg dorthin räumte die Truppe verschiedentlich mit politischen Gegnern auf. Gleichzeitig taten sich im Schutze der Nacht in Barcelona selbst &#8216;Republikverteidiger&#8217; durch Morde, so an dem legendären italienischen Anarchisten Camillo Berneris? und dem Sekretär der spanischen Libertären Jugend, Alfredo Martinez?, hervor.(9) Das Unterfangen, den angeblichen Hinterlandputsch in Barcelona mit Franco und dessen Agenten in Verbindung zu bringen, ist angesichts der entschieden antifaschistischen Haltung von Anarchisten und POUM verwegen und abgeschmackt. Teppich versucht sich bei anderer Gelegenheit davon zu distanzieren, schafft das aber nur zum Teil.(10) Zu gut paßt die Legende in das allgemeine Lügengewebe der Komintern und und des sowjetischen Geheimdienstes von den POUM-&#8221;Trotzkisten&#8221; als Helfern der Faschisten, das zeitgleich mit den Moskauer Schauprozessen fabriziert wurde und nach wie vor Bestandteil prostalinistischer Spanien-Argumentation ist. Weiter unten wird von ihm ausführlicher die Rede sein.</p>
<p>Die Parole, alle bewaffneten Aktionen einzustellen und die Barrikaden zu räumen, gab die Führung der Anarchisten nicht am 8., sondern schon am 4. und 5.5.1937 aus. Sie stellte sich damit gegen die eigene Basis, die tagelang weiter auf den Barrikaden blieb. Nicht ohne Erfolg war die anarchistische Führung zugleich bemüht, der von draußen anrückenden Sturmgarde keine Hindernisse in den Weg zu legen. Als diese am Nachmittag des 7.5. in Barcelona eintraf, hatten die Arbeiter resigniert und ihre Barrikaden eingerissen. Die Telefónica war von den Anarchisten geräumt, kurz danach entgegen den Waffenstillstandsvereinbarungen beider Seiten von der Polizei besetzt worden.</p>
<p>Der kurze Zeit möglich gewesene Sieg der Revolutionäre gedieh zur vollendeten Niederlage. So mühselig die Auseinandersetzung mit der stalinistischen Barcelona-Legende ist, so notwendig ist sie noch immer. Nicht um eingefleischte Dogmatiker zu überzeugen &#8211; die bleiben allen Fakten und Enthüllungen zum Trotz bei den alten Statements und verzichten auf jedwedes Abwägen und Nachdenken. Doch ist es wichtig, Sozialisten und potentielle Sozialisten für einen Kampf zu wappnen, der vornehmlich in Überzeugungsarbeit bestehen wird. Er erfordert Geschichts-kenntnisse, auch solche über stalinistische Kniffe und Winkelzüge zum Schaden antifaschistischen Kampfes und der Revolution.</p>
<p><strong>Spanien und die Volksfront</strong></p>
<p>Die Maitage 1937 in Barcelona waren keine bloße Episode. Seit Beginn der zweiten spanischen Republik 1931 wurde der Staat von bürgerlich geführten Kabinetten regiert, Vertretungen einer Klasse, die wie in anderen Ländern historisch zu spät gekommen war und um so ängstlicher auf die nachdrängenden Klassen reagierte, stets bereit, sich mit der feudalen Reaktion zu verbünden. Den liberalen oder konservativen Regierungen gemeinsam war, daß sie Kernprobleme der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung vor sich herschoben oder nur zum geringsten Teil anpackten. Insbesondere handelte es sich dabei um das horrende reaktionäre Übergewicht der katholischen Kirche, der Grundherren und der Armee; um die Landarmut von Millionen Tagelöhnern und Bauern, die periodisch zu Hungersnöten führte; um die Rückständigkeit von Industrie und Verkehrswesen; um Spaniens Nationalitätenfragen und seine Kolonialherrschaft im Norden Marokkos.</p>
<p>Zwischen den Regierungsparteien und großen Teilen des Volkes herrschten Spannungen, die sich immer wieder in Aufruhr und Streiks, 1934 im Aufstand der Bergarbeiter Asturiens entluden, der durch General Francisco Franco brutal unterdrückt wurde. Am Ende erschien Spanien immer weniger regierbar. Vom rechten Rand drohte der Faschismus, der anders als in Italien und Deutschland hier nur per Militärputsch die Macht erlangen konnte. Links bahnte sich Mitte der 30er Jahre eine Volksfrontlösung an. Die Volksfront, aus Faschismusgegnern unterschiedlicher Klassen, Schichten und Parteien zusammengesetzt, hatte sich zuerst im Nachbarlande Frankreich herausgebildet; ihre Organisierung nahmen dort die Führer der Bürgerlich-Radikalen, Sozialisten und Kommunisten in die Hand.(11) Nach hartem Gerangel hinter den Kulissen erklärte 1935 die Kommunistische Internationale beim VII. und letzten Weltkongreß in Moskau die Volksfront zum erstrebenswerten Ziel. Sie kam damit dem Wunsch der sowjetischen Führung und Stalins nach, Bedingungen für ein Zusammengehen der UdSSR mit parlamentarisch regierten kapitalistischen Ländern, besonders England und Frankreich, gegen die von faschistisch regierten drohende Kriegsgefahr schaffen zu helfen.</p>
<p>Vorwiegend indirekt und keineswegs konsequent kritisierte die Komintern während des Kurswechsels ihre ultralinke Politik in der vorangegangenen Phase seit 1928, die in Deutschland Hitlers Machtantritt begünstigt hatte, also die Mißachtung der bürgerlichen Demokratie und ihre Gleichsetzung mit Diktatur, den Kampf vornehmlich gegen die zu &#8220;Sozialfaschisten&#8221; erklärten Sozialdemokraten und die systematische Unterschätzung des tatsächlichen Faschismus. Die Kominternsektionen, darunter die kleine spanische PCE, übernahmen nach der alten die neue Linie und verlautbarten gegebenenfalls, so wieder die spanische Partei, ihre Bereitschaft zur Volksfront. Interessant ist nun der Charakter des Programms, das die PCE im Zusammenhang damit im Sommer 1935 vorschlug.</p>
<p>Es enthielt nicht nur Forderungen wie Ablösung der damaligen konservativen Regierung und Neuwahlen, Amnestie der politischen Gefangenen, Wiederherstelllung demokratischer Verhältnisse, Steuersenkungen für Arbeiter, Bauern und Angehörige der städtischen Mittelschichten, Einführung von Arbeitslosenunterstützung, Säuberung der Armee von Gegnern der Republik und Verbot faschistischer Organisationen. Vielmehr waren neben solchen nach Selbstbestimmungsrechten für Katalonien, Euzkadi (Baskenland) und Galicien sowie Entlassung Spanisch-Marokkos aus der Kolonialherrschaft auch die revolutionär-demokratischen Postulate: Enteignung des Großgrundbesitzes und kostenlose Übergabe des Bodens an Landarbeiter und Bauern darin enthalten.(12)</p>
<p>An der Stimmung weiter Bevölkerungskreise gemessen waren sie real. Sie wurden in ähnlicher Form auch von der starken Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) erhoben. Gleich dieser gab aber die PCE, als am 15.1.1936 ein Volksfrontabkommen mit den drei liberalen Parteien geschlossen wurde, ihre wichtigsten Forderungen, revolutionäre wie reformerische, preis. Das Kommuniqué hierüber weist aus, daß die Liberalen-Linksrepublikanische Partei, Republikanische Union und Kataloniens Esquerra &#8211; als bestimmende Kraft auftraten. &#8216;Die Republikaner&#8217;, hieß es beispielsweise, &#8220;akzeptieren nicht das Prinzip der Nationalisierung des Bodens und seine kostenlose Verteilung an die Bauern.&#8221; Stattdessen sei die Sicherheit des Grundbesitzes zu garantieren, solle (analog zu 1931) nur staatlicher Kauf von Boden und dessen Verpachtung an Landarme gestattet sein. Selbstverständlich waren die liberalen Republikaner für wirtschaftliche Expansion. Sie verwarfen aber &#8220;die Maßnahmen zur Nationalisierung der Banken, ie von den Arbeiterparteien vorgeschlagen werden&#8221;, desgleichen &#8220;die Beihilfe zur Arbeitslosigkeit (Arbeitslosenunterstützung)&#8221; und &#8220;die von der sozialistischen Delegation eingebrachte Arbeiterkontrolle&#8221;. Auch duldeten sie weder programmatisch festgelegte Maßnahmen zur Demokratisierung der Armee, noch solche zur Dekolonialisierung Spanisch-Marokkos. Die zugunsten der Nationalitäten in Spanien getroffenen Maßnahmen beschränkten sich auf Wiederherstellung der katalanischen Halbautonomie und einer stärker zentralistischen Regelung für Euzkadi.(13) Alles in allem bedeutete das den programmatischen Verzicht auf eine demokratische Revolution. Auch an manchen ursprünglich liberalen Prinzipien gemessen waren die Vereinbarungen ein Rückschlag. Es gab noch einen weiteren wichtigen Punkt, bei welchem Kommunisten und Sozialisten klein beigaben. Sie fanden sich im Hinblick auf die bevorstehenden Cortes-Wahlen mit einer gemeinsamen Kandidatenliste ab, die den Liberalen wesentlich mehr Mandate als den Arbeiterparteien zusicherte.</p>
<p>Nach dem Wahlerfolg vom 16.2.1936 zogen Erstgenannte mit 162 Abgeordneten, die Sozialisten nur mit 99 und die Parteikommunisten lediglich mit 17 ins Zentralparlament ein. Die Anarchisten waren aus grundsätzlicher Abneigung gegen den Staat nicht angetreten, hatten aber vielfach für die Volksfront gestimmt. Die POUM war mangels Masse nicht in den Cortes vertreten. Insgesamt standen einander in diesem Parlament 278 Angehörige der Volksfront, 55 der Mittelparteien, von denen die zehn baskischen Nationalisten später zur Volksfront stießen, und 134 Angehörige des Rechtsblocks gegenüber. Das Regierungsruder lag in liberaler Hand.</p>
<p>Bis zum faschistischen Putsch vom 17. und 18.7.1936 in Spanisch-Marokko resp. Spanien war die Entwicklung auch dadurch charakterisiert, daß das Volk die politischen Gefangenen befreite, die Arbeiter mittels Streiks ihre Lage zu verbessern suchten, Bauern und Tagelöhner durch spontane Landnahme die Agrarreform vorantreiben wollten und 160 Kirchen in Flammen aufgingen. Die Regierung hatte die Gefangenenbefreiung nicht verhindern können, sperrte aber, um Eigentum und Privilegien der Herrschenden zu schützen, zahlreiche Linke und Anarchisten in Gefängnisse. Die Organisationstätigkeit der Linksparteien wurde vielerorts verboten. Gegen Landbesetzer richteten sich Polizeiattacken, die wiederholt zu einem Blutbad führten. Analog zum chilenischen Allende-Kabinett wertete die spanische Regierung die Militärs zu &#8220;treue(n) Diener(n) der verfassungsmäßigen Macht und Bürgen des Gehorsams gegenüber dem Volkswillen&#8221; auf.(14) Sie bestritt jedwede Putschabsicht der Armee und tilgte durch den Zensor alle dem entgegengesetzten Hinweise aus der Presse. Bis zwei Tage nach Beginn des Putsches weigerte sie sich entschieden, Arbeiter zu bewaffnen, damit sie die Republik retten könnten, und suchte sich stattdessen mit den Putschisten zu arrangieren. Spaniens Sozialisten halfen die Arbeiterbewaffnung durchsetzen. Daß sie vordem trotz deutlichen Linksrucks in den eigenen Reihen alles an Regierungspolitik geduldet oder mit exekutiert hatten, hing mit der generellen Rolle der Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert zusammen, Stütze bürgerlich-parlamentarischer Herrschaft zu sein. Doch machte diesmal auch die PCE diese Politik mit. Sie war als Kominternsektion gehalten, revolutionäre Ausbrüche im eigenen Land verhindern zu helfen bzw. ihnen entgegenzuwirken, damit Frankreich und Großbritannien nicht von einem Bündnis mit der UdSSR abgeschreckt wurden.</p>
<p>Bekanntermaßen ist damals dies Bündnis dennoch nicht zustande gekommen. Die Westmächte reagierten auf den spanischen Bürgerkrieg mit einer Franco, Hitler und Mussolini fördernden, der Demokratie in Spanien schadenden Politik sogenannter Nichteinmischung. Daher stellt sich die Frage, ob eine revolutionäre Entwicklung in Spanien nicht trotz damit verbundener Risiken für das Land und Europa besser gewesen wäre. Jedenfalls hätte es den Elan des Volkes im Kampf gegen die Putschgenerale und deren Helfer enorm erhöht, wenn dieses Volk Spaniens Geschicke bestimmt, wenn es Staat und Wirtschaft übergenommen hätte. Bei Fortfall des Kolonialstatus in Spanisch-Marokko wäre andererseits die Masse der Mauren schwerlich Franco dienstbar gewesen. Die einzig denkbare Reaktion von Marx, Engels, Lenin, Luxemburg und Trotzki? auf eine Entwicklung nach Art der spanischen &#8211; das klare Ja zum Revolutionsversuch -, läßt sich ihren Werken entnehmen, Texten zur Revolution von 1848, zur Pariser Commune, zu den russischen Revolutionen seit 1905 und zur deutschen von 1918. Trotzki hat zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges noch gelebt und sich ausführlich geäußert.(15) Den Ausgang einer Revolution in Spanien hätte kein Marxist voraussagen können, ebenso wenig wie den jeder anderen Revolution. Doch hätte das Ergebnis unmöglich schlechter ausfallen können als das, das mit der tatsächlich verfolgten konterrevolutionären Politik erreicht wurde.</p>
<p>Um glaubhaft zu machen, daß die Revolution in Spanien unmöglich resp. ein gefährliches Abenteuer gewesen wäre, hat Fritz Teppich auf die Cortes-Wahlen vom Februar 1936 verwiesen, die ein Stimmenverhältnis von rund 4,8 Millionen für die Volksfront, 3,99 Millionen für die &#8216;Nationale Front&#8217; der Rechtsparteien und 0,45 Millionen für die kleinbürgerlichen Parteien der Mitte ergaben. Ebenso verwies er auf die Tatsache, daß innerhalb der Volksfront Liberale und Basken in der Mehrheit waren. Eine &#8220;pseudorevolutionäre Machtergreifung&#8221;, so sein Schluß, &#8220;hätte rasch in den Abgrund geführt&#8221;.(16) Zu diesem Argument muß gesagt werden: Von Ausnahmefällen wie dem Rosa Luxemburgs abgesehen, haben sich bekannte kommunistische Führer im 20. Jahrhundert kaum einmal durch ungünstige Mehrheitsverhältnisse von Machtergreifung und Machterhaltung abschrecken lassen. Manche fälschten lieber die Wahlergebnisse, um Volkszustimmung zu ihrem Tun und Lassen vorzutäuschen. Diese Denk- und Verfahrensweise war nicht nur unmoralisch, sondern auch dumm. Doch muß der Historiker stets von dem ausgehen, das passierte, nicht dem, das hätte geschehen sollen.</p>
<p>Das Ansehen der bürgerlichen Regenten Spaniens schwand nach der Februarwahl und besonders dem faschistischen Putsch, der mit als Folge ihrer Politik ausgelöst wurde, rasch dahin. Das Gros der Bourgeois und Adligen flüchtete ins Ausland oder in das von Franco besetzte Gebiet. Im republikanischen Spanien verblieb nur ein Teil ihrer politischen Vertreter, der sich nicht mehr direkt auf die von ihm repräsentierten Klassen stützen konnte und daher in höherem Maße angreifbar war. Als die Massen nach dem Franco-Putsch im Sommer 1936 Spanien, vor allem aber Katalonien und Aragon revolutionär umzugestalten begannen, scherten sie sich um Weisungen der Zentral- oder Regionalregierung den Teufel, konnten andererseits die Regierungen sie nicht an ihrem Tun hindern. Wäre damals neu gewählt worden, hätten offenbar die Linken gesiegt.</p>
<p><strong>Revolutionäre Ansätze und Kampf zu ihrer Liquidation</strong></p>
<p>Trotz faktischer Unterstützung durch mehrere liberale Volksfront-Regenten scheiterte im Juli 1937 der Versuch faschistischer Putschgenerale, Spanien in wenigen Tagen zu erobern. Zwar konnten sie sich im Nord- und Südwesten, angelehnt an ihren Verbündeten Portugal, festsetzen und von dort mit italienisch-deutscher Hilfe ab September ins Landesinnere vordringen. Doch gelang es am 19.7. nahezu unbewaffneten Arbeitern, die Putschisten in Madrid, Barcelona, Valencia, Malaga und anderen Städten zu schlagen. Kurz danach gewannen anarchistische Milizen Aragon, eine ganze Provinz. Gleich der POUM half eine Eliteeinheit ihrer Truppen unter Durruti im November, die Hauptstadt gegen Faschisten zu verteidigen. Die Hauptarbeit leisteten hier allerdings kommunistisch geführte Einheiten und Interbrigadisten.</p>
<p>Die im Kampf errungenen Erfolge stärkten das Selbstbewußtsein vieler Arbeiter und Bauern Spaniens. Sie schlossen sich nicht nur in von ihren Parteien und Gewerkschaften geschaffenen Milizen zusammen, sondern bildeten auch Arbeiterpatrouillen anstelle der städtischen Polizei und Wachen zur Verteidigung der Dörfer. Gleichzeitig griffen sie ins Wirtschaftsleben und in die Produktion ein. Nachdem die Inhaber geflohen waren, übernahmen Arbeiter viele Fabriken. Andere unterstellten sie ihrer Kontrolle. Eine Reihe von Betrieben, so Hispano-Suiza, fertigte fortan dringend benötigte Rüstungsgüter. Von der anarchistische CNT-, z. T. auch von der sozialistischen UGT-Gewerkschaft und diesen zugehörigen Milizionären angeregt, schlossen sich besonders in Katalonien und Aragon Bauern und Landarbeiter in Agrarkollektiven zusammen. Das geschah großenteils freiwillig, in Einzelfällen auch unter Druck. Generell erwies sich kollektive Arbeit produktiver als die individuelle, weshalb damals die Versorgung der Städte und der Front sichergestellt werden konnte. Einige besonders gut geleitete Kollektivwirtschaften reüssierten derart, daß sie Krankenhäuser, Schulen und Heime einrichten konnten. Werktätige kontrollierten das Verkehrswesen, die Lebensmittelversorgung, zahlreiche Restaurants, die Theater und Kinos.</p>
<p>Mit den Ansätzen zur demokratischen Revolution einher ging die Veränderung der Lebensweise. Das äußerte sich u. a. darin, daß monatelang keine modisch gekleideten MüssiggängerInnen in den Straßen und Parks flanierten, Trinkgelder nicht gezahlt und angenommen wurden und der für Spanien typische Machotyp &#8211; z. T. auch an der Front &#8211; durch selbstsichere junge Frauen mit Gewehren über der Schulter in die Ecke gedrängt wurde. Nichts zu lachen hatten die verhaßten Kirchen. Genau wie mancher Adlige und Bourgeois bebten begüterte Dorf-Kaziquen ob des neuen, gottlosen Treibens vor Wut. Auf betrieblicher und örtlicher Ebene bestimmten in großen Teilen Spaniens Fabrikkomitees, Milizeinheiten und Bauernräte. Die Zentralregierung hatte große Schwierigkeiten, sich durchzusetzen.</p>
<p>In Katalonien, das wie Aragon am wenigsten unter Volksfronteinfluß stand &#8211; vielmehr gaben Anarchisten und POUM den Ton an &#8211; hatte die Generalitat genannte Regionalregierung unter Luis Companys erst recht nichts zu sagen. Hier vertrat seit 21.7.1936 das von Arbeiterparteien und Gewerkschaften organisierte Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen seinen Part an der Doppelherrschaft, damit zeitweilig wirkliche Macht. Die Arbeiterkomitees wurden indes auch hier nicht zentral zusammengefaßt, die liberale Regionalregierung im Amt belassen. Außer Angehörigen der bisher herrschenden Klassen, deren Schwestern und Brüdern im kapitalistischen Ausland waren Teile der sozialistischen Partei und die Stalinistenführer über die Vorgänge in Spanien verdrossen. Letztere sahen in der Revolution, die sich anbahnte, eine Gefahr für die UdSSR. Revolutionäre Vorgänge konnten Großbritannien und Frankreich, die als Bündnispartner gewonnen werden sollten, irritieren, eine erfolgreiche Revolution in einem Land, das dem Rußland von 1917 in vielem ähnlich sah, Auswirkungen auf die Haltung der durch Stalins Politbürokratie geknechteten Arbeiter und Bauern in der Sowjetunion haben. Hier mußte gegengehalten werden.</p>
<p>Dabei kam den Stalinisten zweierlei zupaß: Erstens die Tatsache, daß &#8211; wie gesagt &#8211; im Kampf gegen revolutionäre Ansätze Interessengleichheit mit Spaniens herrschenden Klassen, dem Gros der Sozialdemokraten, zudem noch mit diversen anarchistischen Führern bestand. Strikt dagegen waren nur ein Teil des anarchistischen Lagers, besonders der Jugendverband und die &#8216;Freunde Durrutis&#8217;, Gruppen linker Sozialisten, die POUM und eine winzige trotzkistische Gruppierung. Wer gegen die &#8220;Unruhestifter&#8221; vorging, war der Mehrheit genehm und wurde dafür honoriert. Zweitens wirkte sich zugunsten der Stalinisten aus, daß sie beinahe das Monopol für Waffenlieferungen an die Spanische Republik hatten, denn sonst half nur noch Mexiko. In den ersten Bürgerkriegsmonaten hatte auch die UdSSR sich am Lieferembargo beteiligt, das die Westmächte im Zeichen ihrer Nichteinmischungspolitik gegen Spanien verhängten. Da aber Deutschland, Italien und Portugal weiter Franco versorgten, kündigte Moskau im Oktober 1936 die Teilnahme am Embargo. Waffenlieferungen an das republikanische Spanien boten verschiedene Vorteile. Einmal den, daß die Sowjetunion sich mit dem über 500 Tonnen schweren spanischen Goldschatz, den viertgrößten der Welt, bezahlt machen konnte und zudem noch einen Schuldschein über 110 Mill. Dollar kassierte.(17) Gleichzeitig waren die sowjetischen Waffen ein probates Mittel, Spaniens Politik zu beeinflussen.</p>
<p>Die Verteilung dieser Waffen lag in parteikommunistischer Hand. Sie erfolgte nur an Moskau genehme Truppen. Anarchisten und POUM gingen leer aus. Wegen fehlender oder hoffnungslos veralteter Waffen konnten sie nach 1936 in ihrem Frontbereich nicht mehr offensiv werden, wurden dafür aber in der kommunistischen Presse und der der Interbrigaden mangelnder Kampfbereitschaft und Solidarität geziehen. Zugleich sind die Waffenlieferungen wiederholt als Mittel genutzt worden, spanische Entscheidungen zu verhindern, die der Sowjetunion nicht zusagten, und ihr genehme zu erzwingen. UdSSR und PCE taten frühzeitig kund, daß sie gegen eine revolutionäre Entwicklung in Spanien waren. Nachdem Anfang September 1936 unter dem Gewerkschaftsführer Largo Caballero (PSOE) eine Regierung mit sozialistischer und kommunistischer Beteiligung gebildet worden war &#8211; später kamen noch zwei anarchistische Minister hinzu -, schrieben Stalin, Molotow und Woroschilow am 21. 12. einen vertraulichen Brief an den spanischen Ministerpräsidenten. Sie empfahlen ihm, die Klein- und Mittelbourgeoisie für sich einzunehmen, „indem er sie gegen Konfiszierungen schützt“. Caballero solle gleichzeitig die Eigentumsrechte und legitimen Interessen jener Ausländer respektieren, die (wie Engländer und Franzosen) die Franco-Rebellen nicht unmittelbar unterstützten. Den spanischen Liberalen möge er die Beibehaltung ihres Vertrauensmannes Manuel Azana als Staatspräsident, allgemein die Aufrechterhaltung des parlamentarischen Systems versprechen.(18) Zuvor bereits versicherte der spätere Erziehungsminister Jesús Hernández, Herausgeber des PCE-Organs „El Mundo Obrero“, in der Ausgabe vom 6. 8. 1936: „Es ist völlig falsch, daß die gegenwärtige Arbeiterbewegung&#8230; zum Ziel hat, eine proletarische Diktatur zu errichten. Man kann nicht sagen, wir hätten für unsere Beteiligung am Krieg ein gesellschaftliches Motiv. Wir Kommunisten&#8230; sind ausschließlich von dem Wunsch beseelt, die demokratische Republik zu verteidigen.“ PCE-Generalsekretär José Diaz erklärte am 5.3.1937 vor dem Zentralkomitee: „Zu Beginn mögen die verschiedenen übereilten Versuche zur ‘Sozialisierung’ und ‘Kollektivierung’, die sich aus einem unklaren Verständnis des gegenwärtigen Kampfes ergaben, durch die Tatsache gerechtfertigt gewesen sein, daß die Großgrundbesitzer und Fabrikbesitzer ihre Güter und Betriebe im Stich gelassen hatten, und daß es unter allen Umständen notwendig war, die Produktion aufrechtzuerhalten. Jetzt können sie im Gegenteil durch nichts gerechtfertigt werden. Da gegenwärtig eine Volksfrontregierung besteht, in der alle gegen den Faschismus kämpfenden Kräfte vertreten sind, ist so etwas nicht nur nicht erwünscht, sondern absolut unstatthaft“(19)</p>
<p>Um den konterrevolutionären Kurs zu rechtfertigen, wurden Krieg und Revolution als Antinomien einander gegenübergestellt. Gebetsmühlenartig wird von stalinistischer Seite bis heute dargetan, erst habe der Krieg gewonnen werden müssen, bevor über soziale Inhalte gesprochen werden konnte. Mir scheinen damals jene im Recht gewesen zu sein, die dialektisch statt antinomisch dachten &#8211; so linke spanische Sozialisten, die am 22. 8. 1936 in der „Claridad“ konstatierten: „Der Krieg und die Revolution sind ein und dasselbe. Sie schließen sich nicht nur nicht aus oder behindern sich gegenseitig, sondern ergänzen und unterstützen sich. Der Krieg braucht zu seinem Triumph die Revolution im Hinterland, die den Sieg auf den Schlachtfeldern sicherer und begeisterter machen wird.“</p>
<p>Der Eintritt von CNT und POUM in die katalanische Generalitat im September, der Anarchisten in die Zentralregierung im November 1936 schwächte die revolutionären Kräfte, da einige ihrer Vertreter nun „in der Verantwortung“ waren. In Katalonien wurden per Dekret die lokalen revolutionären Komitees, dann auch die potentielle Arbeiterregierung &#8211; das Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen &#8211; aufgelöst. Die Befugnisse gingen an die Munizipalverwaltungen resp. die Minister für Verteidigung und Öffentliche Ordnung. Ein weiteres Dekret schränkte die Handlungsfreiheit kollektivierter Industriebetriebe ein und lieferte sie dem Druck der Banken aus. Am 12.12.1936 wurde im Schatten der sowjetischen Drohung, sonst keine Waffen für Spanien zu entladen, die bei weiteren Schritten nach rechts hinderliche POUM aus der Generalitat ausgebootet.(20) Danach lieferte Letztere die Lebensmittelversorgung an die PSUC aus, was durch deren Begünstigung bürgerlicher Geschäftemacher Preisanstieg nach sich zog. Gleichzeitig versuchte die Regionalregierung die Arbeiter zu entwaffnen und Arbeiterpatrouillen aufzulösen, wodurch sie Zusammenstöße zwischen diesen und der Polizei provozierte. Analog zur Generalitat, jedoch mit größerem Nachdruck schränkte die Regierung Caballero revolutionäre Errungenschaften ein. Das Recht der Bauern auf Boden sollte fortan nur für Ländereien gelten, die bekannten Faschisten gehörten. Die Rechte der Fabrikkomitees in Valencia und Madrid wurden eingeengt. Zudem ermächtigte sich die Regierung zu Betriebsinterventionen.</p>
<p>Ein wichtiger Differenzpunkt zwischen Anhängern der Zentralgewalt inklusive PCE und PSUC einerseits, Anarchisten und POUM andererseits war die von Erstgenannten betriebene Entmündigung der Milizen und deren Eingliederung in eine straff von oben dirigierte Volksarmee. Diese war mit Eigenschaften bürgerlicher Truppen ausgestattet. So gab es wieder Rangabzeichen, Drill, unterschiedlich hohen Sold statt gleicher Bezüge, nahezu uneingeschränkte Befehlsgewalt der Offiziere und Privilegien zu deren Gunsten. Zugleich wurde die Macht der Politkommissare eingeschränkt, ihre Zahl verringert. Begründet wurde all das u. a. damit, daß vor allem anarchistische Milizen viel zu undiszipliniert seien, um richtig Krieg führen zu können. Dies Argument der Disziplinlosigkeit, auf das besonders Ludwig Renn an vielen Stellen seines Spanien-Buches zu sprechen kommt,(21) hat im Einzelfall etwas für sich. Doch will bedacht sein, daß sich manch anarchistische Einheit ausgezeichnet geschlagen hat, es andererseits Desertionen, Feigheit vor dem Feind und Verrätereien auch bei der Volksarmee, ja selbst bei Interbrigadisten gab. Stalinanhänger operieren zugleich mit der mangelnden Offensivtätigkeit an der Aragon-Front. Sie verschweigen den Grund hierfür, das gegen diese Front der Anarchisten und POUMisten wirkende Waffenembargo, und kolportieren stets erneut die damals ersonnenen Geschichtslügen, wonach die Anarchisten nicht kämpfen konnten und die POUM es vorzog, mit Faschisten zwischen den Fronten Fußball zu spielen oder Kaffee zu trinken.(22)</p>
<p>Darüber, wie es an der Aragon- und Huesca-Front wirklich aussah, haben zwei Augenzeugen, George Orwell und Waldemar Bolze (KPDO), berichtet.(23) Erschütternd ihre Schilderungen über den beängstigenden Mangel an Pistolen, Gewehren, Maschinengewehren und Handgranaten, an Patronen, die nicht nach jedem fünften Schuß steckenbleiben, sowie an Brennholz und Kleidung. Orwell merkt gleichzeitig an, Journalisten, die das Milizsystem verhöhnten, hätten selten darüber nachgedacht, &#8220;daß die Milizen die Front halten mußten, während die Volksarmee in der Etappe ausgebildet wurde&#8221;.(24) Wiederholt ist von stalinistischer Seite behauptet worden, Anarchisten und POUM seien durchweg gegen eine zentralisierte Armee und damit gegen eine vernünftige Kriegführung gewesen. Das trifft nicht einmal für alle anarchistischen Führer zu, erst recht nicht für die POUM. Von Zeitungsartikeln gleichen Inhalts abgesehen, legte deren Militärkonferenz vom Januar 1937 in Lérida fest: Ein Erfolg der gegenwärtigen Kriegführung hängt von der umgehenden Schaffung eines einheitlichen zentralen Oberkommandos ab. Die selbständigen Parteimilizen müssen einer revolutionären Armee Platz machen. Im Zusammenhang damit sind Soldatenräte das demokratische Organ der Masse.(25) Different ist zwischen Bürgerlichen, Stalinisten und Revolutionären nicht der zentrale Charakter der angestrebten Armee, wohl aber ihr revolutionärer Charakter, dazu die Frage, ob diese Armee autoritär geführt werden oder es bei aller Anerkennung der Notwendigkeit von Disziplin Mitspracherechte der Soldaten geben soll. Durch solche Mitsprache kann z. B. sinnloses Hinsterben auf aussichtslosem Posten, das es beim Militär häufig vorkommt, vermieden werden. Zugleich würde Begeisterung für die eigene revolutionäre Sache eine dringend notwendige zusätzliche Waffe gegen den technisch und ausbildungsmäßig überlegenen Feind sein.</p>
<p>Die Konflikte zwischen Revolutionären und Ordnungshütern in der spanischen Republik spitzten sich um die Jahreswende 1936/37 zu. Nachdem die kleine POUM-Gruppe in Madrid samt ihrer Presse verboten und der bekannteste Führer der POUM, Andres Nin, aus der katalanischen Regierung entfernt war, meldete am 17.12.1936 die Moskauer &#8216;Prawda&#8217;: &#8220;Was Katalonien betrifft, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarcho- Syndikalisten begonnen; sie wird mit derselben Energie gehandhabt werden, mit der sie in der UdSSR betrieben wurde.&#8221; Damit spielte das Blatt auf jene berüchtigten Schauprozesse an, die im selben Jahr in Moskau begonnen hatten. Sie dienten dazu, Lenins engste Kampfgefährten zu liquidieren, waren aber gleichzeitig nur die Spitze eines ungeheuren und ungeheuerlichen Eisbergs.</p>
<p>Im März 1937 wurden in dem katalanischen Ort Sabadell alle in einer Flugzeugfabrik beschäftigten Ausländer verhaftet, darunter drei der KPDO zugehörige Deutsche. Anschließend übernahmen sowjetische Spezialisten die Leitung der Fabrik. Dadurch war gesichert, daß die Produktion, die gerade anlaufen sollte, in die &#8220;richtigen Hände&#8221; kam, also nicht der bislang ohne Luftunterstützung gebliebenen Aragon-Front dienen könnte, solange sie von Anarchisten und POUMisten gehalten wurde. Die Verhafteten wurden nach Valencia gebracht und dort von GPU-Agenten verhört &#8211; weniger über Fragen des Flugzeugbaus als darüber, welche Verbindungen zwischen KPDO und POUM bestünden. Gleichzeitig wurden die KPDOler als &#8220;Trotzkisten&#8221; tituliert und als &#8220;Gestapo-Agenten&#8221; verleumdet. &#8216;Ende März&#8217;, so die Schlußfolgerung eines der Betroffenen, &#8220;waren also bereits Prozesse in Vorbereitung, die die getreue Kopie ihrer Moskauer Vorbilder waren, um die POUM in Spanien und die KP(O) in Deutschland vor den Arbeitermassen zu diskreditieren&#8221;.(26)</p>
<p>Während Stalins NKWD sich schon damals in Madrid und Murcia Übergriffe leistete, entsandte der rechtssozialistische Finanzminister der spanischen Zentralregierung, Juan Negrín, bewaffnete Zollbeamte an die französische Grenze, damit sie den Anarchisten die Grenzkontrolle abnähmen. Sie provozierten bewaffnete Zusammenstöße mit mehreren Toten. Es folgten an verschiedenen Orten politische Morde und Strafexpeditionen der Polizei. Die Stimmung war so brisant, daß zum 1. Mai alle Versammlungen und Demonstrationen in Spanien untersagt wurden. Zwei Tage später löste der zur PSUC gehörende Kommissar für öffentliche Ordnung, Salas, die Barrikadenkämpfe in der katalanischen Hauptstadt aus.</p>
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		<title>Achim von Borries &#8211; Die unbekannte Revolution</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 20:24:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Unbekanntheit der Spanischen Revolution außerhalb von Spanien kommt nicht von ungefähr. Denn die spanische Sozialrevolution von 1936 war alles andere als eine kommunistische Revolution; und sie wird daher gerade von den Kommunisten bis heute entweder totgeschwiegen oder als »Verirrung«, ja als Verrat an der gemeinsamen Sache des Antifaschismus denunziert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-282"></span><strong>1936-1996 &#8211; Das Experiment des spanischen Anarcho-Syndikalismus &#8211; 60 Jahre Spanische Revolution</strong></p>
<p>Die Unbekanntheit der Spanischen Revolution außerhalb von Spanien kommt nicht von ungefähr. Denn die spanische Sozialrevolution von 1936 war alles andere als eine kommunistische Revolution; und sie wird daher gerade von den Kommunisten bis heute entweder totgeschwiegen oder als »Verirrung«, ja als Verrat an der gemeinsamen Sache des Antifaschismus denunziert. Das entspricht der Haltung der Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg selbst.</p>
<p><strong>Die Republik hatte versagt</strong></p>
<p>Als Mitte Juli 1936 der Aufstand der Offiziere gegen die Republik ausbrach, da scheiterte der erste Ansturm der Reaktion nicht an der Gegenwehr der republikanischen Armee, sondern an der spontanen Kampfbereitschaft der Arbeiter und Bauern. Diesen aber lag nichts ferner, als für eine &#8220;Republik&#8221; zu kämpfen, von der sie fünf Jahre lang tief enttäuscht worden waren. Das parlamentarisch-demokratische System hatte es nicht vermocht, von 1931 bis 1936 die fundamentalen sozialen Probleme des Landes zu lösen oder die Vorherrschaft der progressiven Parteien zu sichern. Arbeiter und Bauern verteidigten im Juli 1936 nicht den gesellschaftlich-politischen Status quo, sondern schufen ein sozialrevolutionäres fait accompli; sie reagierten nicht defensiv, sondern sozialrevolutionär-offensiv auf den Angriff der Rechten.</p>
<p>Historische Basis und treibende Kraft der spanischen Sozialrevolution von 1936 waren der spanische Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus, und sie war die einzige der großen Revolutionen dieses Jahrhunderts, in der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten die entscheidende Rolle spielten.</p>
<p>In fast allen anderen europäischen Ländern nur eine Randerscheinung im Gesamtspektrum der Linken, hatten Anarchisten und Anarcho-Syndikalismus in Spanien seit langem den Charakter einer Massenbewegung. Nachdem kurz vor 1870 die Ideen Bakunins in Spanien Wurzel gefaßt hatten, kam es zwischen 1880 und 1910 zu einer enormen Ausbreitung des Anarchismus. Die 1911 gegründete anarcho-syndikalistische Gewerkschaft CNT &#8211; Confederacion Nacional del Trabajo &#8211; zählte 1918 bereits etwa 700.000 Mitglieder. Nach Hugh Thomas hatte der Anarchismus in Spanien in den Dreißiger &#8211; Jahren eineinhalb Millionen Anhänger. Zentren des Anarchismus und Syndikalismus waren das relativ stark industrialisierte Katalonien, Aragonien und das agrar-feudalistische Andalusien. Ihr Anhang rekrutierte sich meist aus Industriearbeitern des Nordostens, den Landarbeitern, Kleinbauern und Handwerkern des Südens.</p>
<p>Während die spanischen Sozialisten, deren Hochburgen vor allem Kastilien und Asturien waren, eine Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung auf politisch-parlamentarischem Wege anstrebten, standen die Anarchisten dem politischen System mit militanter Feindschaft gegenüber und sahen in seiner Zerschlagung zugunsten kommunaler und betrieblicher Selbstverwaltung den einzigen Weg zu einem freiheitlichen Sozialismus. Die soziale Umwälzung unmittelbar nach Beginn des Bürgerkrieges war denn auch eine ausgesprochen dezentralistische Revolution, von der Spontaneität der Massen getragen. Franz Borkenau, dessen kritischer Augenzeugenbericht »The Spanish Cockpit« zu den aufschlußreichsten Darstellungen dieses Geschehens gehört, notierte Anfang August 1936 nach seiner Ankunft in Barcelona in seinem Tagebuch: »Es war überwältigend! Es war, als wenn wir auf einem Kontinent gelandet wären, verschieden von allem, was ich vorher gesehen hatte.«</p>
<p><strong>Die Sozialisierung der Betriebe</strong></p>
<p>Borkenau fand das Ausmaß der Enteignungen &#8220;fast unglaublich&#8221; und war überrascht, wie schnell sich das Leben in der katalanischen Metropole wieder normalisiert hatte. Ähnliches berichtete der Sozialdemokrat und Publizist Rolf Reventlow, der im Oktober 1936 nach Barcelona kam: »Am eindrucksvollsten war natürlich einmal das äußere Bild: rote und schwarz-rote Fahnen, die schwarz-roten Fahnen der Anarcho-Syndikalisten, die roten der Sozialisten, Gewerkschaftler, und dann die der katalanischen Farben der autonomistischen Parteien, die sich ja ebenfalls gegen den Putsch der Generale stellten. Von den Schuhputzern angefangen, bis zur Straßenbahn, bis zur Straßenreinigung, sämtliche Geschäfte, vor allem die großen Kaufhäuser &#8211; überall konnte man lesen, welche Organisation diese Betriebe übernommen hatte und fortführte. [...] Wichtig ist dabei, daß mit dem plötzlichen Aufhören der politischen Verwaltung des Staatsgefüges nach dem Putsche und der Gegenaktion der Arbeiterschaft in Barcelona alles eigentlich nicht automatisch, aber spontan sich wieder in Bewegung setzte. Es gab gar keine Zäsur. Die Arbeiterorganisationen übernahmen sowohl den Handel, wie die Produktion der Fabriken, deren Besitzer ja meist geflohen oder als Faschisten bekannt waren, und dann wurden diese Betriebe einfach übernommen.«</p>
<p>Der englische Schriftsteller George Orwell hat in »Homage to Catalonia« geschildert, wie sich ihm noch Ende 1936 das revolutionäre Barcelona darstellte: »Zum erstenmal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saß&#8230; Kellner und Ladenaufseher schauten jedem aufrecht ins Gesicht und behandelten ihn als ebenbürtig. Unterwürfige, ja auch förmliche Redewendungen waren vorübergehend verschwunden&#8230; Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie&#8230; Rädchen in der kapitalistischen Maschinerie.«</p>
<p>Borkenau schätzt, daß 70% der Fabriken in Barcelona und etwa 50% derjenigen in Valencia von den Komitees der beiden Gewerkschaftsorganisationen, der anarcho-syndikalistischen CNT und der in Barcelona sehr viel schwächeren UGT übernommen wurden. Löhne, Arbeitsbedingungen und Produktion unterstanden fortan der Kontrolle ihrer gewählten Vertreter. Unternehmergewinne, Tantiemen und Dividenden wurden im allgemeinen abgeschafft. Der deutsche Anarcho-Syndikalist Augustin Souchy, der den Spanischen Bürgerkrieg als Leiter der »Abteilung für Internationale Information« der CNT in Barcelona miterlebt hat, erzählt: »Als die Kämpfe beendet waren, haben sich gleich in Barcelona beispielsweise bei den Straßenbahnen oder Autobussen oder Untergrundbahnen &#8211; das waren drei getrennte privatkapitalistische Gesellschaften und die Besitzer waren vorher schon ins Ausland geflohen &#8211; &#8230; Die Arbeiter und die Straßenbahner hatten eine Versammlung im Büro der Gesellschaften und beschlossen: Jetzt wollen wir das übernehmen. Techniker waren natürlich auch dabei. Und so haben sie also diese drei Verkehrsgesellschaften &#8211; Straßenbahnen, Autobusse und Untergrundbahn &#8211; zu einer einzigen umgewandelt und das dann für sich so organisiert, daß es sogar besser funktionierte als vorher, denn man rationalisierte es.&#8221;</p>
<p><strong>Anarchistische Rationalisierung</strong></p>
<p>Nicht selten kam es zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einer Rationalisierung der Produktion. Unrentable Kleinbetriebe wurden aufgelöst bzw. zu gröberen Betriebseinheiten zusammengefaßt. Besonders erwähnt werden muß der Aufbau einer &#8211; angesichts der Kriegsumstände dringend erforderlichen &#8211; katalanischen Rüstungsindustrie durch die Arbeiter selbst.</p>
<p>Auch skeptisch-kritische Augenzeugen der Vorgänge in Katalonien haben die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit des Kollektivsystems im allgemeinen positiv beurteilt, ohne freilich langfristige Prognosen zu wagen. Schwierigkeiten ergaben sich auf dem Rohstoff &#8211; und Kreditsektor, und sie waren primär politisch bedingt. Die Kollektivbetriebe waren auf Kreditgewährung seitens der Banken angewiesen, die in Barcelona von der sozialistischen Minderheitengewerkschaft, der UGT, kontrolliert wurde. Überdies verweigerte die republikanische Zentralregierung im allgemeinen Kredite an Kollektivbetriebe. Auf diese Weise konnten die Gegner des Kollektivsystems dessen volle wirtschaftliche Entfaltung blockieren.</p>
<p><strong>Das Kollektivierungsdekret</strong></p>
<p>Die Kollektivierung vollzog sich ohne zentrale Leitung und folgte keinem einheitlichen Schema. Was sie kennzeichnete, war die Eigeninitiative der Arbeiter. Nicht um Verstaatlichung oder Kommunalisierung handelte es sich, sondern um betriebliche Selbstverwaltung. Augustin Souchy, der bereits 1937 einen detaillierten Report über die Kollektivierung veröffentlichte, betont: »Sinowjew (sagte) mir 1920 in Petrograd: ,Nein Genosse Souchy, das geht ja nicht, daß die Arbeiter die Puntilow-Werke übernehmen, das muß der Staat machen, sonst würden wir einen Kleinkapitalismus haben, statt einen Großkapitalismus von einigen.&#8217; Also ich wußte, daß der Sozialismus hier (im revolut. Span.; d. Red.) von den Arbeitern aufgebaut wurde, und ich sah darin das Wichtigste.«</p>
<p>Die Kollektivierung hatte auf revolutionärem Wege vollendete Tatsachen geschaffen. Am 24. Oktober 1936 fanden sie ihre gesetzlichen Bestätigungen. Das Kollektivierungsdekret der »Generalität«, der katalanischen Regionalregierung &#8211; der im Vormonat auch die CNT beigetreten war -, bestimmte, daß alle Unternehmen mit mehr als Hundert Beschäftigten zu kollektivieren wären. Betriebe mit fünfzig bis hundert Beschäftigten sollten auf Antrag von drei Viertel der Belegschaft kollektiviert werden. Die Leitung der Betriebe ging über auf fünf- oder sechsköpfige Komitees, die durch die Generalversammlung der Arbeiter bestimmt wurden. Sie hatten ein Mandat für zwei Jahre und bestimmten den Direktor. Dem Führungskomitee gehörte außerdem ein Vertreter der Regierung an.</p>
<p><strong>Anarchistischer Einfluß geht verloren</strong></p>
<p>Das Kollektivierungsdekret war, nach Daniel Guerin, »ein Kompromiß zwischen dem Verlangen nach Selbstverwaltung und der Tendenz zur staatlichen Oberaufsicht, gleichzeitig eine Übereinkunft zwischen Kapitalismus und Sozialismus.«</p>
<p>Damit spiegelte es die politische Konstellation in Katalonien im Oktober 1936 wider, die sich von der der Juli-Tage bereits unterschied. Unmittelbar nach dem 19. Juli hatten Initiative und Macht fast ausschließlich bei den Arbeiterkomitees gelegen, den eigentlichen Organen der sozialen Revolution. Die anarcho-syndikalistische CNT verzichtete jedoch darauf, ihre Alleinherrschaft zu proklamieren und durchzusetzen. Als sich die CNT Anfang September 1936 entschloß, in die »Generalität« einzutreten, wurde das »Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen&#8221; aufgelöst. Damit verschwand wenige Wochen nach der Sozialrevolution der, nach Borkenau, »most advanced outpost of a Soviet system in Spain«, also, der eigentliche Vorposten des Rätesystems in Spanien.</p>
<p><strong>Umwälzungen auf dem Land</strong></p>
<p>Die Kollektivierung der Industrie in Katalonien war nur die eine Seite der sozialen Umwälzung im Sommer 1936. Nicht minder revolutionär waren die Vorgänge auf dem Lande, vor allem in Ost-Andalusien, Aragonien und der Levante. Die Republik von 1931 hatte vor allem auf dem Agrarsektor versagt. Zahlreiche lokale Revolten, die Besetzung von Latifundien durch Landarbeiter und die Bildung einzelner Kollektive schon vor Ausbruch des Bürgerkrieges signalisierten die fundamentale Bedeutung der Agrarfrage in einem Lande, dessen zwei Millionen Industriearbeitern etwa 4,5 Millionen Landarbeiter gegenüberstanden.</p>
<p>Im Juli 1936 ergriffen Landarbeiter und Kleinbauern die Initiative und übernahmen die Ländereien der meist schon geflohenen Großgrundbesitzer oder schlossen ihre Kleinbetriebe zu örtlichen Kollektiven zusammen. Auch hier handelte es sich nicht um einen von oben gelenkten und zentral geleiteten oder auch nur koordinierten Vorgang. Treibende Kraft und organisatorische Basis waren durchwegs die lokalen Syndikate der Landarbeiter und Bauern. Auf örtlicher Ebene kam es weithin zu einer Kooperation von Anarchisten und Sozialisten, während die Kommunisten eine eindeutig antikollektivistische Politik verfolgten. Dazu Rolf Reventlow: »Tatsache ist, daß nur auf dem Landwirtschaftlichen Betrieb sowohl die sozialdemokratisch orientierte UGT wie die anarcho-syndikalistische CNT auf die Gestaltung des Großbetriebes und auf kollektive Betriebsführung ausgerichtet waren. Das war nicht Kollektivierung wie die in Sowjetrußland, die verordnet, angeordnet und durch militärische Gewalt herbeigeführt wurde, sondern eine ganz spontane Bewegung aus diesen beiden Organisationen heraus, die zwar Raum blieb für Familienbetriebe; das waren aber, wie der spanische Landarbeiterverband in der Sitzung seines Nationalkomitees vom 23. Dezember 1936 schon feststellte, eine ganz kleine Minderheit. Es gab natürlich anderswo Bauern oder Pächter, die das Land in Besitz genommen hatten und nicht bereit waren, den Kollektiven bzw. den Genossenschaften beizutreten. Sie wurden von den Kommunisten in ihrer lebhaften Propaganda sozusagen ,eingekauft&#8217;, d.h., sie wurden aufgenommen in die Organisation; sie waren bis dahin unorganisiert. Und die kommunistische Politik unter dem kommunistischen Landwirtschaftsminister Uribe ging eigentlich auf die Aufteilung des Landes an einzelne Landwirte hinaus. Sie legten den Genossenschaften die gröbsten Schwierigkeiten in den Weg.«</p>
<p>In Aragon entstanden 450 lokale Kollektive recht unterschiedlicher Größenordnung mit insgesamt 433.000 Mitgliedern. Für die Levante wird diese Zahl von etwa 350 Kollektiven genannt. Im Zentrum und im republikanischen Teil von Andalusien gab es weitere 250 Kollektive und in Katalonien etwa 250. Gaston Leval schätzt, daß 1937 rund 3 Millionen Menschen in landwirtschaftlichen Kollektiven lebten.</p>
<p>Angesichts der unzulänglichen Nutzung des privaten Großgrundbesitzes und der Unrentabilität des landwirtschaftlichen Kleinbetriebes in den meisten Teilen Spaniens war die Kollektivierung ökonomisch sinnvoll und offensichtlich auch erfolgreich. Die Produktionsmethoden wurden durch eine stärkere Mechanisierung auf kollektiver Basis modernisiert. Sie befreite die Landbevölkerung von der jahrhundertelangen drückenden Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Kirche und der lokalen Repräsentanten der Staatsmacht. Die Kollektive schufen eigene Alters- und Krankenversicherungen, sie stellten ihren Mitgliedern eine kostenlose medizinisch-ärztliche Versorgung zur Verfügung; sie sorgten für den Bau von Bildungseinrichtungen. Ein ungelöstes Problem freilich blieb Wohlstandsgefälle zwischen den verschiedenen örtlichen Kollektiven.</p>
<p>Zu einer juristischen Fixierung der neuen Eigentumsverhältnisse auf dem Lande kam es nicht mit Ausnahme von Katalonien. Weder wurden die entstandenen Kollektive gesetzlich gesichert, noch erhielten die nicht kollektivwilligen Bauern eine Garantie ihres Eigentums &#8211; ein Umstand, der auf beiden Seiten zu erheblicher psychologischer Unsicherheit führte. Nutznießer dieser Situation waren insbesondere die Kommunisten, die sich den bäuerlichen Eigentümern als Schutzmacht empfahlen.</p>
<p><strong>Kommunisten gewinnen an Einfluß</strong></p>
<p>Nicht selten war es bei der Kollektivierung zumindest zu einem starken psychologischen Druck, mitunter auch zur Anwendung von physischer Gewalt gegen Widerstrebende gekommen. Zudem kostete die Rücksichtslosigkeit, mit der etwa die berühmte Kolonne Durruti vorging, die Anarchisten insgesamt viele Sympathien.</p>
<p>Auch davon profitierten vor allem die Kommunisten seit Spätherbst 1936. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges waren die spanischen Kommunisten politisch von geringer Bedeutung gewesen; bei den Parlamentswahlen von Februar 1936 brachten sie es auf ganze 16 Mandate. Die Zahl der Parteimitglieder betrug etwa 30-40.000. Im Frühjahr 1937 gab die Partei ihre Zahl mit etwa 250.000 an, davon nur 35,2% Industriearbeiter, 25% landwirtschaftliche Arbeiter, 30,7% bäuerliche Eigentümer oder Pächter, 6,2% Angehörige des städtischen Bürgertums und 2,9% Intellektuelle und Beamte.</p>
<p>Für diese erstaunliche Entwicklung gab es mehrere Gründe. Zum einen wirkte sich die Waffenhilfe, die die Sowjetunion der Republik seit September 1936 zukommen lieb, psychologisch zugunsten der Kommunisten aus. Sodann zeigten diese im militärisch-administrativen Bereich beachtliche organisatorische Fähigkeiten, die gerade in den Krisenmonaten des Herbstes 1936 der Republik zugute kamen. Denn es hatte sich gezeigt, daß das republikanische Lager einer militärischen Reorganisation bedurfte, um erfolgreich wider stehen zu können.</p>
<p><strong>Kriegsführung</strong></p>
<p>Ebenso notwendig war eine einheitliche Kriegsführung. Die verschiedenen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Linken hatten eigene Milizen aufgestellt. Das Milizsystem bedeutete eine sozialrevolutionäre Errungenschaft. George Orwell, der der Miliz der links-sozialistischen-revolutionären POUM angehörte, war vor allem vom Geist der Einheit tief beeindruckt: »Der wesentliche Punkt dieses Systems war die soziale Gleichheit zwischen Offizieren und Soldaten. Jeder, vom General bis zum einfachen Soldaten, erhielt den gleichen Sold, die gleiche Verpflegung, trug die gleiche Kleidung und verkehrte mit den anderen auf der Grundlage völliger Gleichheit&#8230; Es gab Offiziere und Unteroffiziere, aber keine militärischen Ränge im normalen Sinn, keine Titel, keine Dienstabzeichen, kein Hackenzusammenschlagen und kein Grüben. Sie hatten versucht, in den Milizen eine Art einstweiliges Arbeitsmodell der klassenlosen Gesellschaft zu schaffen. Natürlich gab es dort keine vollständige Gleichheit, aber es war die größte Annäherung daran, die ich je gesehen oder in Kriegszeiten für möglich gehalten hätte.«</p>
<p><strong>Die Milizen verlieren ihre Autonomie</strong></p>
<p>Ein gewisser Mangel an Disziplin und das Operieren der Milizen auf eigene Faust erwiesen sich als Schwächen des Systems. So wurden die Milizen im September/Oktober 1936 nicht aufgelöst, aber in die neugeschaffene »Volksarmee« eingegliedert. Das war vom rein militärischen Standpunkt aus, kurzfristig zweifellos zweckmäßig, politisch aber nicht unbedenklich.</p>
<p>Die militärische Reorganisation war nur ein Teil jener Integration des republikanischen Lagers, die ihren sinnfälligsten Ausdruck am 4. November 1936 mit dem Eintritt der Anarchisten und Syndikalisten in die Volksfrontregierung Caballero fand. Der Entschluß der anarcho-syndikalistischen Führungsspitze, der Regierung Caballero beizutreten, kam auf dem Hintergrund der radikalen, antipolitischen Tradition des spanischen Anarchismus einer historischen Entscheidung gleich. Die Anarchisten übernahmen vier Ministerien, darunter das Justizministerium.</p>
<p>Diese anarchistischen Minister kamen sehr bald in eine fatale Situation. Faktisch hatten sie mit ihren Eintritt in das Kabinett die Parole »Erst der Krieg &#8211; dann erst die Revolution« akzeptiert; sie übernahmen nun die Mitverantwortung für eine Politik der »Normalisierung« im republikanischen Lager, deren restaurativer Charakter unverkennbar war. Diego Abad de Santillan, der führende Wirtschaftstheoretiker des spanischen Anarchismus, der im Herbst katalanischer Wirtschaftsminister geworden war, bekannte 1940 selbstkritisch: »Wir wußten, daß es nicht möglich war, den Sieg zu erringen, wenn man nicht vorher im Krieg gesiegt hatte. Wir haben die Revolution geopfert, ohne zu begreifen, das diese Opfer auch den Verzicht auf die eigentlichen Ziele des Krieges mit sich brachte.«</p>
<p><strong>Anarchisten in der Regierung &#8211; Kommunisten fordern »starken Staat«</strong></p>
<p>Die Kommunisten taten alles, die Entwicklung zum &#8220;starken Staat&#8221; zu fördern. Borkenau sagt: »Im Namen der ,antifaschistischen Einheit&#8217; kämpften die Kommunisten für einen bürokratisch-militärischen Zentralismus um jeden Pries. Ihre eindeutig anti-revolutionäre Politik resultierte primär aus ihrer engen Bindung zur Sowjetunion. Diese engagierte sich in Spanien zwar, in gewissen Grenzen, für die Republik, aber gegen die Revolution! [...] Nach wie vor blieb es der Sowjetunion vorbehalten, den antifaschistischen Kampf aktiv zu unterstützen. Die Republik mußte diese Hilfe teuer bezahlen. Denn mit den russischen Waffen kamen auch russischen Berater nach Spanien und es kamen, nicht zuletzt, die Abgesandten der GPV (Geheimdienst). Ihre Aktivität galt vor allem der Verfolgung und Beisetzung der antistalinistischen Linken.«</p>
<p>Das republikanische Spanien, insbesondere Katalonien, wurde zum Nebenkriegsschauplatz des stalinistischen Vernichtungsfeldzug gegen die nicht-bolschewistische, revolutionäre Linke. Die &#8220;Prawda&#8221; erklärt am 17. 12. 1936 : »Was Katalonien angeht, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarchisten begonnen. Und sie wird mit derselben Energie durchgeführt, wie in der UDSSR.«</p>
<p><strong>Der Kampf um die Telefonzentrale in Barcelona</strong></p>
<p>Anfang Mai 1937 erreichte die Auseinandersetzung zwischen den Kommunisten und den Linken in Barcelona ihren blutigen Höhepunkt. Am 3. Mai drang der Ordnungsbeauftragte der Generalität, Rodrigues Salaz, ein Mitglied der von den Kommunisten kontrollierten »Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens«, mit einer Gruppe Bewaffneter Zivilisten in das seit 1936 von der CNT besetzte Gebäude der Telefonzentrale von Barcelona ein. Die Nachricht verbreitete sich durch die Stadt und mobilisierte die Arbeiter. In ganz Barcelona wurde zum Streik aufgerufen, und binnen Kurzem wurden Barrikaden errichtet. Die Arbeiterschaft war sich der Gefahr bewußt, die den Errungenschaften des Juli 1936 drohte. Der fortschreitenden Drosselung der Revolution mußte Paroli geboten werden. Drei Tage lang stand die katalanische Hauptstadt im Zeichen blutiger Kämpfe zwischen Arbeitern und »Ordnungskräften«.</p>
<p>Schließlich eilten aus Valencia zwei anarchistische Minister nach Barcelona und beschworen die Arbeiter, die Waffen niederzulegen, während die POUM &#8211; Führung sie aufforderte, auf den Barrikaden zu bleiben. Am 7. Mai verzichteten die Arbeiter auf die Fortsetzung des Kampfes. Am selben Tag marschierten 6000 Sturmgardisten, die Elitetruppe der Republik, in Barcelona ein. Die Auseinandersetzungen hatten etwa 500 Tote und 1000 Verwundete gekostet.</p>
<p>Die Kommunisten nahmen die Mai-Ergebnisse zum Vorwand, die sofortige Illegalisierung und Auflösung der revolutionär-marxistische POUM zu fordern. Mitte Mai trat die Regierung zurück. Der neue Ministerpräsident Juan Negrin, in dessen Kabinett die Anarchisten nicht mehr vertreten waren, zeigte sich den Kommunisten gegenüber gefügiger. Die offene Verfolgung der POUM begann. Ihr Vorsitzender Andres Nin wurde entführt und ermordet. Eine Verhaftungswelle traf Mitglieder und Sympathisanten der POUM, die Mitte Juni für illegal erklärt wurde.</p>
<p><strong>Die Republik löst die Kollektive auf</strong></p>
<p>Was sich schon im Herbst 1936 angebahnt hatte, wurde Mitte 1937 zur unwiderruflichen Grundtendenz innerhalb des republikanischen Lagers: Die sozialrevolutionäre Linke befand sich endgültig in der Defensive. Das Kollektivsystem war einem permanenten Schrumpfungsprozeß unterworfen.</p>
<p>Die 11. Armeedivision unter dem Kommunisten Enrique Lister &#8211; später Vorsitzender des Moskautreuen Flügels der spanischen KP- ging gegen die lokalen Komitees vor und löste zahlreiche landwirtschaftliche Kollektive mit Gewalt auf. In Katalonien wurde die Anwendung des Kollektivierungsdekrets als »mit dem Geist der Verfassung nicht vereinbar« außer Kraft gesetzt. Die Regierung unternahm große Anstrengungen, die Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen, was den Londoner »Economist&#8221; am 26. Februar 1938 zu der Feststellung veranlaßte: »Der Eingriff des Staates in die Industrie wirkt der Kollektivierung und der Arbeiterkontrolle entgegen und läßt das Prinzip des Privateigentums wieder zur Geltung kommen.«</p>
<p><strong>Schon vor Ende des Bürgerkrieges ist die Revolution verloren</strong></p>
<p>So war die soziale Revolution verloren, lange ehe der Bürgerkrieg verloren ging. Die Weichenstellung zu Ungunsten der Revolution zwischen Spätherbst 1936 und Frühsommer 1938 läßt sich nicht bündiger formulieren als mit den Worten des italienischen Anarchisten Bertoni, verfaßt an der Huesca-Front: »Der spanische Krieg, dem aller neue Glaube, alle Ideen der gesellschaftlichen Umwandlung, alle revolutionäre Größe genommen worden ist, bleibt ein Ringen auf Leben und Tod, ist aber kein Krieg mehr, der eine neue Ordnung und eine neue Menschheit verheißt. «</p>
<p><em>Der Artikel basiert auf einem Rundfunkmanuskript A. v. Borries&#8217; (»Die unbekannte Revolution &#8211; Das Experiment des spanischen Anarcho-Syndikalismus«); gesendet als Produktion des NDR/WDR am 25. März 1972.</em></p>
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		<title>„Mujeres Libres“</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:00:37 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wie überall in Europa, so auch in Spanien, untermauerten scheinwissenschaftliche Argumentationen die angebliche Minderwertigkeit der Frauen gegenüber dem Mann. Einziger Unterschied zu den säkularisierten Staaten war die Tatsache, dass in Spanien die Doktrin des Katholizismus vorherrschte. Dort war die Minderwertigkeit vom göttlichen Willen abgeleitet. In den patriarchal strukturierten Gesellschaften dominierte die Geschlechterdifferenz, was bedeutete, dem Mann wurde rationale Sachlichkeit zugeordnet, während der Frau unterstellt wurde rein emotional gesteuert zu sein.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-269"></span><strong>Die anarchistische Frauenorganisation „Mujeres Libres“ zur Zeit der sozialen Revolution in Spanien 1936-1939</strong></p>
<p>Da es hier nicht um den Spanischen Bürgerkrieg gehen soll, aber um eine Frauengruppe, die sich kurz vor Beginn des Bürgerkriegs gründete, kurz einige Daten und Fakten zu diesem Krieg:</p>
<p>Der Historiker Walther L. Bernecker benennt vier entscheidende Gründe für den Bürgerkrieg, die fundamentale Konflikte darstellen:</p>
<ol>
<li> die Agrarfrage; schlecht bezahlte TagelöhnerInnen im Vergleich zu Großgrundbesitzern; das Fehlen einer Mittelschicht auf dem Lande im Vergleich zur Stadt , nur Katalonien und das Baskenland hatten eine starke Mittelschicht auf dem Land; der Landbesitz hatte eine große Bedeutung für das Ansehen des Bauern, für seine Rente und das Erbrecht, und der Großgrundbesitzer hatte Verfügungsgewalt über den nationalen Reichtum;</li>
<li>Konflikte zwischen Stadt und Land die aber eher politischen Charakter hatten durch die Sonderrechte von Katalonien und dem Baskenland. Diese beiden Regionen waren die Reichsten , aber ihre Sonderrechte wurden ihnen spätestens im 19.ten Jahrhundert wieder aberkannt. Die Macht hatte nun das Zentrum.</li>
<li>der Einfluss des Militärs, das Heer stand nicht nur für konservative Werte, vielmehr haben sie bei jedem Putsch ihre Hand im Spiel;</li>
<li>letztlich das enge Verhältnis zwischen Staat und Kirche, das dazu führte, dass die ArbeiterInnen in den Funktionsträgern der Parteien und der Regierung insgesamt mit der Macht der Kirche und ihren Werten identifizierten. Der Katholizismus war Staatsideologie.</li>
</ol>
<p>Bei den Wahlen im April 1931 siegten die pro-republikanischen Parteien. Am 14. April 1931 wurde die Republik ausgerufen. In der republikanischen Verfassung werden zwar den Frauen einige Rechte zugestanden wie z. B. Artikel 36 bedeutete das Wahlrecht für Frauen. Artikel 43 gestand die gleichen Rechte für Frauen in der Ehe wie für die Männer zu. Artikel 25 sichert den Frauen Gleichberechtigung in rechtlichen Fragen zu und im Artikel 40 wird festgelegt, dass alle Spanier ungeachtet ihres Geschlechts für alle Berufe und Posten zugelassen sind. All das war von Anbeginn umstritten, selbst von Frauen. Drei weibliche Parlamentsabgeordnete waren gegen das Wahlrecht von Frauen, weil sie fürchteten diese stimmten sowieso nur wie ihre konservativen Männer vorgaben. Prompt wurden auch die Frauen für den Wahlsieg der Rechten 1933 verantwortlich gemacht. In den fünf Jahren der zweiten Republik gab es ständig kleine Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Schon 1933 erheben sich mehrere Dörfer und rufen den libertären Kommunismus aus. Berühmt wurde „CASAS VIEJES“. In diesem Dorf wurde die Polizei besiegt und ein inhaftierter Anarchistenführer aus dem Gefängnis befreit. Allerdings eroberte die Guarda Civil das Dorf zurück und erschoss 11 AnarchistInnen und 13 andere DorfbewohnerInnen. Es kommt zu Massendemonstrationen, die die Gewerkschaft CNT organisiert. Am 16. Februar 1936 gewinnt die Volksfront die Wahlen. Die Volkfront ist ein Bündnis von linken und republikansichen Parteien.</p>
<p>Am 17. Juli 1936 putscht das Militär und bringt die Francisten unter Francisco Franco an die Macht. Danach beginnt der Spanische Bürgerkrieg.</p>
<p>Die Situation der Frau in der Spanischen Gesellschaft war durch die Verbindung von Staat und Kirche gekennzeichnet von den drei K.: Kinder – Küche – Kirche.</p>
<p>Die Unterdrückung durch den Mann reduziert die Frau auf das Haus und durch die Erziehung der Kinder, bevormundet durch die Kirche, war die Frau getrennt von dem politischen gesellschaftlichen Geschehen. Die einzige Möglichkeit für soziale Kontakte bestand beim täglichen Gang in die Kirchen zur Messe (Anderseits waren es aber auch Klöster, die den Frauen Arbeit gaben.).</p>
<p>Wie überall in Europa, so auch in Spanien, untermauerten scheinwissenschaftliche Argumentationen die angebliche Minderwertigkeit der Frauen gegenüber dem Mann. Einziger Unterschied zu den säkularisierten Staaten war die Tatsache, dass in Spanien die Doktrin des Katholizismus vorherrschte. Dort war die Minderwertigkeit vom göttlichen Willen abgeleitet. In den patriarchal strukturierten Gesellschaften dominierte die Geschlechterdifferenz, was bedeutete, dem Mann wurde rationale Sachlichkeit zugeordnet, während der Frau unterstellt wurde rein emotional gesteuert zu sein. Im Laufe des Bürgerkriegs veränderte sich diese Sichtweise aber nur punktuell. Dies zeigte sich am deutlichsten im späteren Verbot für Frauen, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen. Das Verbot wurde allerdings zum Teil auch damit begründet, dass die Frauen im Hinterland gebraucht würden, um die Arbeitsplätze der Männer auszufüllen, die jetzt im Krieg waren. Die Produktion musste aufrechterhalten werden und die Landwirtschaft musste funktionieren.</p>
<p>Lucía Sánchez Saornil – sie hatte von 1895 bis 1970 gelebt –war Telefonistin und hat auch als solche gearbeitet. Mercedes Comaposada Guillén hat von 1900 bis 1994 gelebt und wird in den verschiedenen Büchern als Akademikerin benannt (in welcher Weise auch immer). Ámparo Poch y Gascón hat von 1902 bis 1968 gelebt. Sie war Ärztin.</p>
<p>Diese drei Frauen haben die Gruppe „Mujeres Libres“ gegründet im April 1936, nachdem sie schon Jahre vorher eine Zeitschrift herausgaben. Der Name der Gruppe war auch gleichzeitig der Name ihrer Zeitschrift, die bis 1939 herausgegeben wurde.</p>
<p>Eine andere Frauengruppe hatte sich schon 1934 gegründet: die *Grupo Cultural Femenino * (CNT).</p>
<p>Als Mujeres Libres von der Frauengruppe 1936 erfuhr, nahm im September 1936 Mercedes Comaposada in Barcelona an einem Regionaltreffen der CNT teil. Beim Austausch der Informationen und Programme wurden schnell die Unterschiede deutlich. „Mujeres Libres“, die ihren Sitz in Madrid hatte, wollte nicht nur eigene Mitgliederinnen agitieren und zur Befreiung ihrer Unterdrückung und Ausbeutung befähigen, vielmehr wollten sie unpolitische Frauen für ihre Arbeit begeistern. Während die Frauen der CNT sich hauptsächlich nur um ihre eigenen Frauen bemühen.</p>
<p>Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise überwogen die Gemeinsamkeiten, so dass es einen Zusammenschluss der beiden Gruppen unter dem Namen „Mujeres Libres“ gab.</p>
<p>Die Organisation der Gruppe glich denen der anderen anarchistischen Gruppierungen, die sich nach dem Prinzip der Basisdemokratie organisiert hatten. So wurde die ehemalige CNT eine Untergruppe von „Mujeres Libres“ Madrid in Barcelona.</p>
<p>Auf der unteren Ebene gab es lokale Gruppen, die Frauen in die Provinzkomitees entsandten (Originalname „Comité Provincial“). Diese wiederum ernannten und entsandten Frauen in die Regionalkomitees, von dort wurden dann Frauen in die Nationalkomitees geschickt.</p>
<p>Auf dem Kongress im September 1937 in Valencia wird die dezentrale Organisierung in der Satzung festgehalten, so dass die Autonomie der einzelnen Gruppen gesichert war. Es gab somit keine Befehlshierarchie von oben nach unten bei der Gruppe „Mujeres Libres“.</p>
<p>(Der Artikel Nr. 4 aus der Satzung ist in dem Buch von Vera Beanchi “Feministinnen in der Revolution – die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg“ aus dem Unrast Verlag enthalten.)</p>
<p>Die Mitgliederanzahl wird unterschiedlich angegeben, aber nach Aussagen von Mercedes Comaposada waren es im Jahre 1938 bereits 30.000 und am Ende des Bürgerkriegs 60 000.</p>
<p>Die meisten Gruppen gab es im Zentrum von Madrid und in Katalonien – Barcelona, gefolgt von Aragonien, Valencia und Andalusien. Mary Nash, die ein Buch zu Mujeres Libres geschrieben hat, hat im Anhang ihres Buches eine genaue Aufzählung der damaligen Gruppen auggeführt. Wobei sie sogar die außerhalb Spaniens gegründeten Gruppen aufführt.</p>
<p>Am 27. März 1937 erscheint eine Broschüre der Frauenorganisation „Mujeres Libres“ mit dem Titel: „Tierra y Libertad“, in der die Ziele der Gruppe definiert werden.</p>
<p>I. Emanzipation der Frau von ihrer dreifachen Versklavung, der sie im allgemeinen unterworfen war und bleibt: der Sklaverei durch Unwissenheit, der Sklaverei als Frau und der Sklaverei als Produzentin.</p>
<p>II. Aus unserer Organisation eine bewusste und verantwortliche feministische Kraft zu machen, die eine Avantgarde innerhalb der revolutionären Bewegung bildet.</p>
<p>III. Die Unwissenheit bekämpfen, indem wir die Genossinnen kulturell und sozial schulen. Dabei können Mittel eingesetzt werden wie Grundkurse, Konferenzen, Gespräche, kommentierte Lektüre, Filmaufführungen usw.</p>
<p>IV. Einen gegenseitigen Austausch mit den Gewerkschaften, Ateneos und der libertären Jugend einrichten, um zu einer Zusammenarbeit zu gelangen, die unsere revolutionäre Bewegung stärkt. Z. B. eine Gewerkschaft schickt eine Genossin zu der Gruppe, bei der sie eine Grundschulung und soziales Bewusstsein im Umgang mit anderen Genossinnen erhält, die schon länger dabei und erfahrener sind. Einmal so vorbereitet kann diese Genossin in einem Ateneo oder in die libertäre Jugend eintreten und ist dabei in der Lage, eine wirkungsvolle Arbeit leisten.</p>
<p>V. Zu einem echten Zusammentreffen zwischen Genossen und Genossinnen zu gelangen: zusammen leben, zusammen arbeiten und sich nicht ausschließen. Energie für die gemeinsame Aufgabe investieren.</p>
<p>VI. Einen starken Beitrag der Frauen für die konstruktive revolutionäre Aufgabe vorbereiten, indem diese Bewegung Krankenschwestern, Lehrerinnen, Ärztinnen, Künstlerinnen, Kindergärtnerinnen, Chemikerinnen, intelligente Arbeiterinnen zugeführt werden. Das ist wirkungsvoller als nur guter Wille, gepaart mit Unwissenheit.</p>
<p>Diese formulierten Ziele sind noch heute durchaus revolutionär zu nennen, zumal die Gruppe schon Ziele formuliert, die erst in der späten 70iger Jahren unter neuen Namen von Anarcha-Feministinnen propagiert werden. “Tripple Opression“ bedeutet die dreifach Bekämpfung: gegen Rassismus – Sexismus – Kapitalismus.</p>
<p>Die Aktivitäten der Frauengruppe „Mujeres Libres“:</p>
<ul>
<li> Zentren für Frauen errichtet wie Haus der Arbeiterinnen, Mutterschaftshaus &#8230;</li>
<li>Kampagnen gegen Analphabetentum geleitet und eingeführt.</li>
<li>Kurse für Grundbildung und allgemeine Kultur abgehalten.</li>
<li>Wöchentliche Konferenzen und Gespräche über allgemeine Probleme ihrer kulturellen und sozialen Welt organisiert.</li>
<li>Einen kulturellen Träger produziert: die Zeitung „Mujeres Libres“, die mit insgesamt 13 Nummern in der Zeit von 1936 bis 1939 erschienen ist.</li>
<li>Schulen gegründet und gefördert, die der technischen, intellektuellen und sozialen Ausbildung der Frauen dienten. Hier wurden Kurse angeboten wie für bewusste Mutterschaft, für Kleinmechanik, Technik, Landwirtschaft, Geflügelzucht und auch Physikkurse.</li>
<li>Sexuelle Aufklärungskampagnen organisiert und selber durchgeführt.</li>
<li>Kampagnen zur Arbeitsbeschaffung um Frauen ökonomisch unabhängig werden zu lassen.</li>
<li>Kampagnen zur Errichtung von kostenlosen Kinderkrippen in den Fabriken und ArbeiterInnenvierteln angeregt. Es gelang den „Mujeres Libres“ endlich Kinderkrippen und Kinderhorte zu errichten.</li>
<li>Volksspeiseräume für die Arbeiter beider Geschlechter gefordert, um die Arbeiterinnen von ihren Aufgaben zu Hause zu entlasten.</li>
<li>Gewerkschaftliche Hilfen aller Art organisiert.</li>
<li>Landschulen für Flüchtlingskinder gegründet.</li>
<li>Kampagnen zur Heranbildung von LehrerInnen durchgeführt, um einer neuen Konzeption der Erziehung und Bildung in Schulen zum Erfolg zu verhelfen. Die neuen Konzepte sollten bedürfnisorientiert, realistischer und nicht manipulativ sein, damit Kinder freier lernen konnten.</li>
<li>Neue Konzeption zum Abbau der Prostitution erstellt. Zu ihrem Konzept gehörten „Befreiungszentren der Prostitution“.</li>
</ul>
<p>Es gab allerdings bei den Mujeres Libres durchaus auch Frauen, die bewaffnet an der Front kämpften. Andere wiederum versorgten als Krankenschwestern die verwundeten Frauen und Männer an festgelegten Orten. Wieder andere waren als mobile Einsatzkommandos unterwegs (Sanitätswesen, Transport und Verkehr.)</p>
<p>Ich habe aus den vielen Beispielen der Aktivitäten von „Mujeres Libres“ einiges herausgesucht, von denen ich denke, dass sie der Gruppe gerecht werden.</p>
<p><strong>Zu Beginn möchte ich die Zeitung gleichen Namens vorstellen.</strong></p>
<p>Die Zeitschrift „Mujeres Libres“ galt den Frauen als Agitationsorgan für ihre Ziele und ihr aktuelles Programm, aber auch zur Verbreitung von Informationen über ihre Aktivitäten und Berichten aus der anarchistischen Bewegung generell.</p>
<p>Über die Veröffentlichung theoretisch intellektueller Artikel sollte nicht nur geschult werden, vielmehr wollten „Mujeres Libres“ Frauen für die anarchistische Bewegung gewinnen.</p>
<p>Wegen des Bürgerkriegs konnte das Ziel, monatlich zu erscheinen, nicht eingehalten werden.</p>
<p>Die ersten Ausgaben der Zeitschrift erschienen noch vor dem Beginn des Bürgerkriegs im Mai, Juni und Juli 1936. Danach wurden die Zeitschriften nicht mehr nach unserer Zeitrechnung nummeriert ( Zeitrechnung nach Christi Geburt), sondern als Zählung galt der Beginn der Revolution.</p>
<p>Auch in dem Fall, wie in vielen anderen, geht Vera Beanchi akribisch vor und benennt die einzelnen Ausgaben zahlenmäßig. Wie sie im Anhang alle Gruppen aufführt, die es je gegeben hat.</p>
<p>Neben ihrer eigenen Zeitschrift veröffentlichten „Mujeres Libres“ ebenfalls Texte, Gedichtsbände und Abhandlungen zu bestimmten Themen nicht nur eigener Mitgliederinnen, auch Emma Goldmann, die in Amerika lebte, kommt zu Wort. Die Veröffentlichungen bezogen sich aber nicht nur auf bekannte Namen aus der Gruppe. Es kamen sehr wohl auch unbekannte Frauen zu Wort, die über ihre Erfahrungen von der Front oder den Arbeitsplätzen berichteten. Auch Berichte aus dem häuslichen Bereich fanden in der Zeitschrift Platz.</p>
<p>Eine weitere Zeitung war in Planung, die den Namen „Kämpferinnen“ erhalten sollte. Das Projekt scheiterte an den fehlenden Geldern.</p>
<p>In Barcelona unterhielt die Gruppe „Mujeres Libres“ einen eigenen Kiosk , an dem nicht nur die eigenen Broschüren, Bücher und Zeitung vertrieb en wurde. Medienprinten aller Art wurden dort verkauft. Eine große Auswahl sozialkritischer Bücher, Sozialtheorien, Literatur – wir würden heute sagen „Belletristik“ sowie Bücher und Essay´s eigener Mitgliederinnen wie z. B. von Mercedes Comaposada und Lucia Sánchez lagen zum Verkauf aus.</p>
<p>Die Artikel in der Zeitschrift waren mitunter lediglich mit dem Vornamen der Frauen gekennzeichnet, aber überwiegend waren die Artikel mit vollem Namen in der Zeitung.</p>
<p>Besonders hervorhebenswert finde ich die Ausgabe „Mujeres Libres“ Nr. 2, in der die Gruppe ihr Geschichtsbild und -verständnis beschreibt, indem sie von den 4 (vier) Revolutionen schreiben:</p>
<ul>
<li> Die erste sei die von Luther (kirchliche Reformation),</li>
<li>die zweite die der Menschenrechte (französiche Revolution),</li>
<li>die dritte die kommunistische Utopie (die russische Oktoberrevolution),</li>
<li>die vierte sei ihre eigene Revolution.</li>
</ul>
<p>In der gleichen Ausgabe befindet sich eine harte Kritik an der bürgerlichen Demokratie und einer Frauengruppe, die innerhalb bestehender Strukturen die Gleichberechtigung der Frau forderte. Es ginge aber nicht um das Bitten liberaler Gesetzgebung, sondern mit allen Geboten zu brechen, um zur Revolution zu kommen.</p>
<p>Die Ausgabe Nr. 3 war ebenso spannend und interessant. Sie enthielt eine Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral (Frauen müssen monogam leben, Männern ist der Seitensprung durchaus erlaubt.). Dahinter steht der Besitzsicherungsanspruch, um ganz sicher zu sein, dass das in der Ehe geborene Kind auch von dem Ehemann stammt. Gesichert sein sollte damit, dass das Erbe das richtige Kind erreicht.</p>
<p>Mujeres Libres verweist in dem Zusammenhang auf den Ausschluss von vielen Frauen aus dem industriellen Produktionsbereich, um in häuslicher Umgebung die Reproduktionsarbeit leisten zu können. Außerfamiliäre Kontakte waren damit unterbunden. Attach:miliciene_front.jpgIm gleichen Artikel propagiert Mujeres Libres die freie Liebe und fordern die Frauen auf, nicht wegen eines Kindes eine Beziehung oder Ehe aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig distanzieren sie sich von der Auffassung anarchistischer Männer, die in freier Liebe lediglich vermehrte Sexualkontakte verstanden und verstehen (Das Gleiche wiederholte sich in der Zeit der 68er Bewegung, in der ein Spruch gut verdeutlicht, was unter freier Liebe verstanden wurde: „Wer zweimal mit der Selben pennt, gehört schon zum Establishment!“).</p>
<p>Sexuelle Freiheit ist lediglich ein Teil der freien Liebe. Es geht bei der freien Liebe um das Erlernen der *guten Liebe*. Im Originaltext heißt es *Buen Amor*.</p>
<p>An einer anderen Stelle des Buches erwähnt Vera Bianchi eine andere Kommunistin mit Namen Soledad Real, die über die patriarchalen Strukturen ihres Mannes berichtet. Zitat Seite 77: „Ein weiteres Mal, als er auf Fronturlaub kam, war für den gleichen Abend eine Parteiversammlung angesetzt, und ich erklärte ihm, ich muß dahin gehen, aber in etwa zwei Stunden bin ich zurück. Er antworte darauf: an erster Stelle komme ich, und in erster Linie hast du dich um mich zu kümmern.“ Als sie doch gehen will, wird sie von ihrem Mann geschlagen.</p>
<p>Für uns heute kaum nachvollziehbar hat Mujeres Libres sich für ein Hygieneprogramm stark gemacht, wie die anarchistische Bewegung insgesamt. Mujeres Libres forderte den Einbau von Badezimmern mit fließendem Wasser und propagierten den Gebrauch von Seife. Im damaligen Spanien keineswegs selbstverständlich, da die TagelöhnerInnen auf dem Land, sowie die wenigen IndustriearbeiterInnen unter katastrophalen Hygienebedingungen lebten. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch.</p>
<p>Ein anderes Anliegen war Mujeres Libres die sinnvolle Freizeitgestaltung. Deshalb propagierten sie in der Zeitschrift sportliche Betätigung als Entspannung, Freude und Erholung.</p>
<p>Wettkämpfe im Sinne von Siegen im Konkurrenzkampf lehnten sie ab.</p>
<p>In der neuen Art Sport zu treiben sahen sie auch ein Mittel zur Stärkung des Selbstbewusstseins.</p>
<p>Um den Bereich Zeitschriften abzuschließen noch eine Bemerkung: In jeder Ausgabe waren Gedichte vorhanden, wobei sicherlich das berühmteste damals neben der Hymne das über den anarchistischen Kämpfer Buenaventura Durutti war.</p>
<p>In dem Abschnitt über Gründe einer Frauenorganisation führt Vera Bianchi aus, dass keineswegs bei allen anarchistischen Frauen der Gedanke der eigenen Organisation auf Zustimmung stieß. Vor allem ältere von Männern anerkannte Anarchistinnen und GewerkschafterInnen waren gegen eine eigenständige Frauenbewegung. Ihr stärkstes Argument war stets, dass das zu Spaltungen von der anarchistischen Bewegung führen würde, und die Frauenfrage sich mit der Abschaffung des Kapitalismus und dem Sieg der Revolution sich erledigen würde. Diese Frauen sahen einen Automatismus von Revolution und Freiheit, dass heißt für sie würde mit dem Sieg der Revolution die Frauenfrage von selbst sich lösen. Auch Anarchisten waren dieser Meinung.</p>
<p>Was allerdings viele anarchistischen Männer in der Praxis darunter verstanden, hat eine der Mitbegründerinnen von Mujeres Libres in der Zeitung „Solidaridad Obera“ veröffentlicht. Sie schreibt über die Arroganz der anarchistischen Männer gegenüber Frauen anhand eigener Erlebnisse. So hat sie Kurse für anarchistische Arbeiter zur Fortbildung gegeben, die sie abbrechen musste, weil die Männer nicht von einer Frau gelehrt werden wollten. Ein anderer Anarchist, als er gefragt wurde, warum seine Frau zu der Konferenz nicht mitgekommen sei, gab einmal zur Antwort: “Meine Genossin hat genug damit zu tun, auf mich und meine Kinder aufzupassen.“. Und eine Rechtsanwältin wollte ein Anarchist doch lieber beim Geschirr spülen sehen statt im Gerichtsaal als Anwältin. Andererseits konnten aber Frauen in anarchistischen Organisationen durch Teilnahme ihr Selbstwertgefühl stärken.</p>
<p>Mit der Gründung der Frauengruppe Mujeres Libres sollte nicht die Geschlechtertrennung zementiert werden, wichtig war ihnen, für einige Zeit einen Freiraum für Frauen zu schaffen, in dem sie sich ungestört von männlicher Arroganz und Dominanz entfalten konnten, um eine eigene starke kritische Persönlichkeit zu entwickeln. Mujeres Libres waren davon überzeugt, dass die Befreiung der Frauen nur sein kann, wenn diese ihre Emanzipation selber in die Hand nehmen.</p>
<p>Zur Unterstützung einer kollektiven Zusammengehörigkeit hat sich die Gruppe eine eigene Fahne gegeben und eine Hymne.</p>
<p>Wie ernst es Mujeres Libres mit der Befreiung der Frauen von Unterdrückung und Ausbeutung war, belegt sich unter anderem nicht nur durch ihre Schulungen zur Weiterbildung in Berufen und Kampf gegen Analphabetentum, sondern auch welcher alltäglichen Themen und Problemen sie sich widmeten. Ein Anliegen von Mujeres Libres war es, den Frauen zu verdeutlichen, dass es nicht zu ihrer ureignen Natur gehört, sich um Schönheit, Schminken, Kochrezepte, Frisurtipps Mode, Klatsch und Tratsch und ähnlichem zu bemühen, wie ihnen in bürgerlichen Zeitschriften suggeriert wird.</p>
<p>Mujeres Libres brach mit dieser Tradition der Klischees und vermittelte ein anderes Frauenbild und einen anderen Begriff von Schönheit. Zitat aus Buch: „Nicht die geschminkte Frau ist schön, sondern die, deren Äußeres zu ihrem Inneren passt. Im Gesicht einer schönen Frau lasse sich der Ausdruck von Güte, Intelligenz und Sensibilität finden – statt Schminke.“</p>
<p>Ähnlich ist ihre Kritik an der Mode, die nur dazu diene, Frauen Zeit zu rauben für wichtigereDinge. Das Streben nach ständig neuer Garderobe kostet zu dem viel Geld, das die Arbeiterinnen für sinnvollere Dinge einsetzen könnten. Außerdem ist die Mode hässlich und wenig nützlich zur Arbeit.</p>
<p>Scharfe Kritik üben Mujeres Libres an anderen Frauengruppen und ihren Publikationen, in denen das alte Frauenbild stabilisiert würde. Die von ihnen kritisierten Klischees tauchen in den Gruppen auf.</p>
<p>Ähnlich scharf ist die Kritik der Mujeres Libres an der moralischen und ethischen Verurteilung der Prostituierten durch die Gesellschaft, was sich in einem 1931 verabschiedeten Gesetz niederschlägt. Prostitution wird verboten, aber bei bekannt werden, kommen nur die Frauen vor Gericht und werden verurteilt. Freier bleiben unbehelligt.</p>
<p>Soziale Hintergründe wie die Armut der Frauen, die sie auf die Straße trieben, blieben unberücksichtigt.</p>
<p>Damit war Prostitution nicht nur ein Thema für die Gruppe, das in ihrer Zeitschrift aufgegriffen wird, vielmehr eröffnen Mujeres Libres Frauenhäuser, in denen Prostituierte geschult werden, um in andere Berufe zu kommen. Außerdem gibt es dort ärztliche Untersuchungen und Prostituierte können dort auch wohnen. Darüber hinaus gibt es auch ökonomische Unterstützung, vor allem aber moralische und ethische Unterstützung. Genau wie heute galten in der damaligen spanischen Gesellschaft – und nicht nur in ihr – Prostituierte als schlechte Menschen . Die Diffamierung ging bis hin zur Beschimpfung als Verbrecherin.</p>
<p>Für Mujeres Libres waren Prostituierte Marginalisierte. Und es waren nicht wenige Frauen aus dem Kreis, die an der Front kämpften. Vielen Anarchisten war das ein Dorn im Auge und sie versuchten nicht selten selbst im Schützengraben sie als Prostituierte statt als Kämpferin zu behandeln.</p>
<p>Anderseits wurden die bewaffnet kämpfenden Frauen – Milicinas – von allen männlichen Kämpfern im Laufe des Bürgerkriegs als Prostituierte bezeichnet und verunglimpft. Auch von Anarchisten. Dabei wurden zu Beginn der Kämpfe mit Plakatpropaganda die Frauen in blauen Overals in heroischen Posen dargestellt, um Frauen für den bewaffneten Kampf anzuwerben. Als das Bild der Miliciana nicht mehr als positives Symbol fungieren konnte, fielen die meisten Frauen in die alte Frauenrolle der Mutterschaft zurück. Diesmal aber nicht als die alles Richtende im individuellen Haus, sondern als die Mutter der Nation.</p>
<p>Als solche war sie in den Lazaretten als Pflegerin willkommen. Somit waren die spanischen Frauen wieder versöhnt mit den Milicianas und eine Identifikation war mit ihnen möglich.</p>
<p>„Quer durch alle Ideologien herrschte und herrscht zum Teil noch immer die Ansicht, Frau und Kampf schließe sich aus.“ Zitiert nach Ingrid Strobl: Frauen im bewaffneten Widerstand.</p>
<p>Das ist sicherlich auch der Hintergrund für den Erlass vom November 1936 durch Caballero, der es Frauen untersagt, mit der Waffe an der Front zu kämpfen.</p>
<p>Diesem Dekret leistet Mujeres Libres keinen Widerstand. Der Teil der Mujeres Libres, die bis dahin als Kämpferinnen an der Front waren, gehen nun als Krankenschwestern in feste und fahrende Lazarette, als Arbeiterin in die Industrie, um den Mann zu ersetzen, und sind wieder auf dem Land tätig.</p>
<p>Wichtig vielleicht noch zu erwähnen, dass die Gruppe Mujeres Libres im Vergleich zu anderen Frauengruppen, wie z. B. den Mujeres Antifascictas niemals Frauen angeworben haben und sie als Mitläuferinnen behandelten. Das ist ein Vorwurf an Frauengruppen aus der kommunistischen Partei, besonders den Stalinistinnen. Ihnen machten Mures Libres den Vorwurf Frauen für parteipolitische Zwecke zu manipulieren und benutzen. Aber auch die anarchistische Bewegung soll Frauen nicht hinreichend informiert haben über das, was sie zu erwarten haben beim Kampf gegen Faschismus.</p>
<p>Der Hauptunterschied zu den anderen Gruppen bestand darin, dass Mujeres Libres den Kampf um ökonomische und gesellschaftliche Befreiung nicht trennte von dem gleichzeitigen Kampf um die Befreiung der Frau.</p>
<p>Der Weitergang der Revolution nicht zu trennen war vom Kampf gegen den Faschismus.</p>
<p>Während Mujeres Libres eine unabhängige Gruppe war, was sie stets in ihrer Zeitung genau so wie auf Veranstaltungen betonen, waren die von kommunistischen Parteien abhängigen Frauengruppen auch gleichzeitig moskautreu. Sowjetische Frauen werden verherrlicht und als Vorbilder dargestellt, obwohl sie zum größten Teil zu den Säuberungen in Russland schwiegen, die zeitgleich stattfanden. Geschwiegen wurde auch zu den Verhaftungen von AnarchistInnen durch die KommunistInnen in Spanien.</p>
<p>Im Oktober 1938 erscheint die letzte Nummer von „Mujeres Libres“ und am 1. April 1939 ist Francos Sieg über die Volksfront besiegelt. Vera Bianchi schreibt, dass sie nichts genaues über das Schicksal der vielen Mitgliederinnen von Mujeres Libres weiß. Sie gibt nur ein Bild und beschreibt die Atmosphäre nach der Eroberung Spaniens durch die Faschisten. Danach sind die Gefängnisse hoffnungslos überbelegt. Es kommt zu Folter, Vergewaltigungen und anderen Brutalitäten. Besonders auch durch weibliches Personal. Dem stand die Solidarität der gefangenen Frauen gegenüber, die sich Essen teilten und gegenseitig auf ihre Gesundheit achteten.</p>
<p>Bekannt ist nur, dass Lucía Sánchez Saornil, eine der Mujeres Gründerinnen, noch vor dem Sieg der Francisten im Januar 1939 ins Exil nach Paris ging. Beim Einmarsch der Deutschen 1940 flieht sie in die Nähe von Toulouse und arbeitet mit Quäkern zusammen. Aus Angst vor Verhaftung und Konzentrationslager geht sie 1942 nach Spanien zurück. Als sie in Madrid eines Tages auf der Strasse erkannt wird, flieht sie nach Valencia zur Familie ihrer Lebensgefährtin.</p>
<p>Auch Mercedes Comaposada floh 1939 mit ihrem Lebensgefährten Baltasar Lobo nach Paris. Aufgrund der Führsprache von Pablo Picasso wurden sie in Paris geduldet. Sie arbeitet als Picassos Sekretärin und später als Managerin von Baltasar Lobo, der sich auf die Herstellung von Skulpturen spezialisiert hatte. Mercedes Comaposada stirbt 1994.</p>
<p>Ab 1964 gibt es eine Exilzeitung mit Namen „Mujeres Libres en Exilio“, die in Süd-Frankreich nahe der Spanischen Grenze hergestellt wird. Suceso Portalis und Sara Guillén hatten sie mit anderen ehemaligen, jetzt im Exil lebenden „Mujeres Libres“ gegründet. Auch neue bis dahin Nichtmitgliederinnen kamen dazu. Ihre Themen glichen denen von früher wie z. B. über „bewusste Mutterschaft“, Kindererziehung – neue Pädagogik, die davon ausging, dass selbstbewusste Menschen von Anbeginn ihres Lebens sich entwickeln – Empfängnisverhütung, historische/politische Literatur, sowie alte und neue Gedichte.</p>
<p>Nach dem Ende der Franco-Diktatur gründete sich „Mujeres Libres“ ab 1976 erneut in einigen spanischen Städten wie Barcelona, Madrid, Sevilla, Valencia und Zaragoza. Ab 1977 erscheint auch wieder ihre Zeitschrift gleichen Namens. Vera Bianchi schreibt, dass sie danach nichts mehr über Mujeres Libres finden kann, und somit nicht weiß, ob die Gruppe noch weiterhin bestand hatte.</p>
<p><strong>andere Frauengruppen</strong></p>
<p>Schon 1933 gründete sich die Frauengruppe „Agrupación Mujeres Antifacistas“ AMA, -anitfaschistische Frauengruppe &#8211; unter der Schirmherrschaft der Kommunistischen Partei. Ursprünglich hieß die Gruppe „Mujeres contra la Guerra y el Fascismo“ – Frauen gegen Krieg und Faschismus. Diese Gruppe war die einflussreichste Frauengruppe und war Mitglied der 3. Internationale. Frauen aus der Partei und der AMA schlossen sich zusammen unter dem Namen “Mujeres Antifascistas.“ Eine Zeitung mit dem Namen „Monatszeitschrift des Nationalkomitees der antifaschistischen Frauen“ wurde ab 1937 produziert.</p>
<p>Im September 1936 gründen die marxistische Poum eine eigene Frauenorganisation, „Secretariado Femenino del Poum“, die aber von der Partei kontrolliert wird. Die Befreiung der Frau wird nicht thematisiert und spielt in der praktischen Arbeit keine Rolle, da sie als Nebenwiderspruch behandelt wird. Im Widerspruch dazu steht allerdings, dass in ihren Veröffentlichungen Stellung bezogen wird zur Geburtenkontrolle, Abtreibung und Sexualität. Im Mai 1937 löst sich diese Frauengruppe wieder auf.</p>
<p>Poum = Patido Socialista Obrero de Unificación Marxista = Arbeiterpartei der Marxistsichen Vereinigung, linkskommunistisch orientiert. Entstand im September 1935 aus dem Zusammenschluss des BOC und der Kommunistischen Linken. Wichtigste linksradikale Partei während des Bürgerkriegs; erlitt blutige Verfolgungen von Seiten der Stalinisten und war beteiligt am Maiaufstand von 1937 in Barcelona.</p>
<p>BOC = Bloc Obrer i Camperol &#8211; Arbeiter- und Bauernblock, entstand 1930 in Barcelona aus dem Zusammenschluss mehrerer kommunistischer Oppositionsgruppen Kataloniens. Schloss sich im September 1935 mit der dem Trotzkismus nahe stehenden „Kommunistischen Linken“ Andrés Nins zur Arbeiterpartei der Marxistischen Vereinigung (POUM) zusammen.</p>
<p>Eine weitere Frauenorganisation war die „Union der Frauen Kataloniens“ (UDC). Diese war ebenfalls der Kommunistischen Partei Spaniens untergeordnet. Die ANDJ „Nationale Allianz der jungen Frauen“ war eine Frauengruppe, die von der Jugendorganisation JSU gegründet war. JSU = Juventudes Sozialistas Unificades = Vereinigte Sozialistische Jugendorganisation.</p>
<p><em><strong>Alle Abkürzungserklärungen aus der Biographie von Abel Paz: „DURUTTI“, Nautilus Verlag. 1994.</strong></em></p>
<p><em>Dieser Beitrag ist während einem Seminar vom 4. bis 6. April 2005 in Potsdam/Berlin gehalten worden. </em></p>
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