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	<title>Die Gruppe MD &#187; Rassismus</title>
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		<title>Zur Geschichte des Antisemitismus</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 09:00:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-425"></span><strong>Vom religiösen Antijudaismus bis zur Endlösung Zur Geschichte des Antisemitismus</strong></p>
<p>Antisemitismus bzw. Antijudaismus ist ein spezifisches rassistisches Phänomen, das die Menschheit seit mehr als zweitausend Jahren begleitet. Der Begriff des Antisemitismus entstand im 19. Jahrhundert (1879 von Wilhelm Marr geprägt) und bezeichnet den Hass (Feindschaft?) einzelner Menschen oder ganzer Völker gegen die Juden. Das Phänomen ist existent seitdem die Juden außerhalb Palästinas, d.h. in der Diaspora leben. Nach Aufständen der Juden im Jahr 70 n.Chr. gegen die römischen Besatzungstruppen wurde Jerusalem zerstört, die jüdische Bevölkerung getötet oder vertrieben und der jüdische Staat zerschlagen. Die geflohenen Juden assimilierten sich in den folgenden Jahrhunderte in ihren Zufluchtsländern. Allerdings hielten die meisten an der Religion ihrer Vorfahren und ihrem Volkstum fest. Auf diese Weise entstand in vielen Staaten der Welt eine religiöse und ethnische Minderheit bis in die heutige Zeit.</p>
<p>Der analytische Blick auf die Geschichte zeigt: Der Antisemitismus begann nicht erst mit dem Nationalsozialismus. Verfolgungen von Juden gab es in großem Ausmaß bereits im Mittelalter. Im Jahr 1096 z.B. wurden in ganz Europa Tausende von Juden getötet und vielerorts ganze jüdische Gemeinden ausgerottet. Diese Pogrome entstanden z.T. aus der christlich-religiösen Überzeugung, die Juden seien die Feinde der Christen. Die Opfer wurden so zu Sündenböcken gestempelt und für damals rational nicht erklärbare Naturkatastrophen, Hungersnöte und Seuchen verantwortlich gemacht. Infolge weiterer Stereotypisierungen wurden Juden als Mörder kleiner Kinder, als Hostienschänder und Brunnenvergifter verleumdet und verfolgt. Als 1348 eine Pest Europa verheerte, stellte man dies als Strafe Gottes dafür dar, dass die Christenheit die Juden noch nicht aus ihrer Mitte entfernt habe. Fortan kasernierte man Juden in gesonderten Stadtteilen, den Ghettos und zwang sie, sich durch besondere Kleidung als Juden zu erkennen zu geben. Das fanatisierte Klima der Kreuzzüge (11.-13. Jahrhundert) trug wesentlich zu dem von der katholischen Kirche bis in die 1960er Jahre offiziell aufrechterhaltenen Vorwurf gegenüber den Juden als „Christusmörder“ bei.</p>
<p>Oft hatte der Antisemitismus wirtschaftliche Ursachen. Beispielsweise warf man Juden vor, sich auf Kosten von Nichtjuden zu bereichern. Da es Christen im Mittelalter aus religiösen Gründen versagt war Zinsen zu nehmen, blieben die Geldgeschäfte oft den Juden vorbehalten. Dies führte dazu, dass viele Christen bei Juden verschuldet waren. Die meisten anderen Berufe waren ihnen verschlossen. Aus der Landwirtschaft wurden sie verdrängt, und ein Handwerk konnten sie nicht ausüben, weil sie als Nichtchristen kein Mitglied einer Zunft werden durften. So blieb ihnen nur das Geldgeschäft und der Kleinhandel.</p>
<p>In den ersten Reformationsjahren begegnete man in den protestantischen Gebieten den Juden zunächst mit Toleranz. Auch Martin Luther äußerte sich positiv über sie und zeigte ein besonderes Interesse an der hebräischen Sprache. Er hegte die missionarische Hoffnung, die Juden für den christlichen Glauben gewinnen zu können &#8211; ein Trugschluss, der einen radikalen Meinungswandel bewirkte. Die Juden erschienen Luther nun als ein Volk, das willentlich Gottes Liebe verschmähte. Noch wenige Jahre vor seinem Tod verfasste er eine Schrift mit dem Titel &#8220;Von den Juden und ihren Lügen&#8221;. Darin verstieg er sich zu der Forderung, die Synagogen abzubrennen, die Wohnungen der Juden zu zerstören, den Rabbinern das Lehren zu verbieten und den Juden auf jede erdenkliche Weise das Leben schwer zu machen: eine verhängnisvolle antijudaistische Agitationsschrift, denn seitdem haben sich protestantische Judenfeinde immer wieder auf Luther berufen.</p>
<p>Nachdem es im 18. Jahrhundert vorübergehend eine Zeit der Toleranz gegenüber Juden gegeben hatte und sie auf allen gesellschaftlichen Gebieten eine gewisse Gleichberechtigung erfuhren, entstand im 19. Jahrhundert vor allem in Deutschland eine neue Welle der Judenfeindschaft. Sie war weniger religiös als vielmehr nationalistisch-rassistisch geprägt. Juden wurden nun als &#8220;national unzuverlässig&#8221;, als &#8220;heimatlose Gesellen&#8221;, als &#8220;völkisch minderwertig&#8221; bezeichnet. Man forderte die &#8220;Reinigung&#8221; des deutschen Volkes von allem Jüdischen. In einer Nation dürfe nur eine Seele sein. Auch die Kirchen waren nicht frei von dieser Judenfeindschaft. Es wurde behauptet, Juden seien im Gegensatz zu den wahren Deutschen ohne jegliche tiefere Religiosität und liefen nur den &#8220;Götzen des Goldes&#8221; nach. Auf diesem nationalistisch geprägten Antisemitismus konnten die Nazis später aufbauen, als sie die Vernichtung der Juden planten und durchführten.</p>
<p><strong>Antisemitismus im Dritten Reich</strong></p>
<p>Der Höhepunkt antisemitisch bedingter Verfolgungen wurde in den Jahren 1933-1945 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten erreicht. Hitler und die NSDAP propagierten den rassistischen Antisemitismus. Das nationalsozialistische Weltbild ist geprägt durch Vorstellung des angeblich ständigen Kampfes zwischen der &#8220;hochwertigen&#8221; Rasse, den Ariern, und der &#8220;minderwertigen&#8221; Rasse, den Juden weg. Durch Vermischung mit den Juden werde die germanische Rasse verdorben und sei auf lange Sicht zum Untergang verurteilt. &#8220;Die Juden sind unser Unglück&#8221; lautete eine von den Nazis verbreitete Parole. Ziel der nationalsozialistischen Politik war es deshalb, die &#8220;Reinheit des deutschen Blutes&#8221; zu bewahren bzw. wiederherzustellen. Bei der deutschen Bevölkerung, in der viele Menschen antisemitisch und nationalistisch dachten und fühlten, fanden die Nazis damit breite Zustimmung. Die Feindschaft gegen das Judentum gehörte von Anfang an zum Parteiprogramm der Nationalsozialisten.</p>
<p>Nach der Machtergreifung im Jahre 1933 wurden sofort antijüdische Maßnahmen durch die Nazis eingeleitet, weg ständig verschärft und ausgeweitet.</p>
<p>1933: Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland durch die SA. Die Aktionen richteten sich auch gegen jüdische Rechtsanwälte und Ärzte sowie gegen den Besuch von Schulen und Universitäten durch Juden. Jüdische Beamte wurden aus den Ämtern entfernt, Künstler und Schriftsteller und Schriftleiter bei den Zeitungen erhielten praktisch Berufsverbot.</p>
<p>1935: Die &#8220;Nürnberger Gesetze&#8221; werden beschlossen und in Kraft gesetzt. Darin heißt es:</p>
<ul>
<li> §1: Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig, auch wenn sie zur Umgehung dieses Gesetzes im Ausland geschlossen sind.</li>
<li>§2: Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes ist verboten.</li>
<li>§3: Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren in ihrem Haushalt nicht beschäftigen.</li>
</ul>
<p>1937: Beginn der &#8220;Arisierung&#8221; der Wirtschaft. Die jüdischen Besitzer von Unternehmen und Geschäften werden gezwungen, ihren Besitz meist weit unter Wert an Deutsche zu verkaufen. Viele deutsche Geschäftsleute bereichern sich an jüdischem Eigentum.</p>
<p>1938: Einweisung aller so genannten vorbestraften Juden in Konzentrationslager. Die jüdischen Ärzte verlieren ihre Approbation. Sie dürfen nur noch als &#8220;Krankenbehandler&#8221; für Juden tätig sein. Juden müssen ihrem offiziellen Namen die Vornamen &#8220;Israel&#8221; oder Sara&#8221; hinzufügen. &#8220;Reichskristallnacht&#8221; am 9./10. 11.: Zerstörung von Synagogen, Geschäften und Wohnhäusern der Juden. Verhaftung von über 26000 männlichen Juden und Einweisung in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Mindestens 91 Juden werden getötet.</p>
<p><strong>Juden dürfen keine Kinos, Theater und Konzerte mehr besuchen.</strong></p>
<p>1939: Hitler kündigt vor dem Reichstag im Falle eines Krieges die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa an. Deutscher Angriff auf Polen am 1.9., Beginn des Zweiten Weltkriegs. Beginn der Judenverfolgungen und -vernichtungen in allen von deutschen Truppen eroberten Gebieten: in Polen, Rumänien, in Estland, Lettland und Litauen und in der Sowjetunion.</p>
<p>1941: Einführung des Judensterns. Juden über sechs Jahren ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne den gelben Judenstern zu zeigen. Juden dürfen ihren Wohnbezirk ohne Genehmigung der Polizei nicht verlassen.</p>
<p>1942: Verbot der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Juden. Weitere Einschränkungen im Laufe des Krieges: Es war Juden verboten, Fernsprecher zu benutzen, Zeitungen zu beziehen, sich auf Bahnhöfen und in Gaststätten aufzuhalten. Radios, andere elektrische und optische Geräte mussten abgeliefert werden. Juden erhielten keine Fleischkarten, keine Kleiderkarten, keine Milchkarten, keine Raucherkarten, kein Weißbrot, kein Obst, keine Obstkonserven, keine Süßwaren.</p>
<p>10/43: Auswanderungsverbot</p>
<p><strong>Antisemitismus und Holocaust/Shoah</strong></p>
<p>Nach der Machtergreifung im Jahr 1933 begannen die Nationalsozialisten, die jüdische deutsche Bevölkerung durch gesetzliche Verordnungen und Willkürmaßnahmen zu verfolgen und zu terrorisieren. Auf der so genannten &#8220;Wannseekonferenz&#8221; am 20.1.1942 beschlossen die Nazis die Deportation und Ausrottung des gesamten europäischen Judentums. Hitler machte damit wahr, was er schon lange als seine Absicht angekündigt hatte und was eigentlich jeder in Deutschland voraussehen konnte, sofern er es sehen wollte. Adolf Eichmann wurde mit der Organisation der &#8220;Endlösung&#8221; beauftragt.</p>
<p>1942-45: Beginn der Massenvernichtungen in Auschwitz und anderen großen Vernichtungslagern wie Maidanek, Sobibor, Treblinka. In diese (von den Konzentrationslagern zu unterscheidenden) Lager wurden die Menschen jüdischer Herkunft aus dem ganzen Machtbereich des &#8220;Dritten Reiches&#8221; nach und nach deportiert, sofern sie nicht schon den Erschießungskommandos der SS-Einsatzgruppen in den eroberten russischen Gebieten zum Opfer gefallen waren. Die absolut genaue Zahl der Opfer lässt sich nicht mehr feststellen. Doch wurden insgesamt wohl in den Jahren 1942 bis 1945 ca. sechs Millionen Juden aus ganz Europa getötet, wie in den NS-Prozessen der Nachkriegszeit festgestellt wurde.</p>
<p>Dazu die Aussage des KZ-Kommandanten Rudolf Höß: &#8220;&#8230; Ich befehligte Auschwitz bis zum 1. 12.1943 und schätze, daß mindestens 2,5 Millionen Opfer durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden; mindestens eine weitere halbe Million starben durch Hunger und Krankheit, was eine Gesamtzahl von ungefähr 3 Millionen Toten ausmacht. Unter den hingerichteten und verbrannten Personen befanden sich ungefähr 20.000 russische Kriegsgefangene. Der Rest umfaßte ungefähr 100.000 deutsche Juden und eine große Anzahl von Einwohnern aus Holland, Frankreich, Belgien, Ungarn, Griechenland und anderen Ländern.&#8221; Zwei Drittel der in Europa lebenden Juden fielen dem Holocaust zum Opfer. An den Folgen dieser Vernichtungsaktion leiden nicht nur die Überlebenden der Vernichtungslager, die die eintätowierte Lager-Nummer zeitlebens mit sich herumtragen. Sehr viele der heute lebenden Juden, deren Familien aus Europa stammen, haben nahe Angehörige unter den Opfern.</p>
<p><strong>Schuldfrage/ Erklärungsansätze</strong></p>
<p>Der Holocaust war in Deutschland auch deshalb möglich, weil die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung Hitlers &#8220;strengem Vorgehen&#8221; gegen die Juden zunächst positiv gegenüber stand und es billigte. Die Kirchen blieben stumm, ja sie übernahmen z.T. die Nazi-Rassegesetze und belegten Pfarrer jüdischer Herkunft mit Berufsverbot. Diese Sympathie gegenüber dem judenfeindlichen Gedankengut der Nazis bedeutet nicht, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit auch die entsetzliche Vernichtungsaktion gebilligt hätten. Als man das Ausmaß und die Umstände des Holocaust nach und nach erkannte, war es für Protestaktionen längst zu spät. Sich für das Schicksal der Juden zu interessieren oder ihnen gar zu helfen, war lebensgefährlich. Nur einzelne wie z.B. Oskar Schindler oder Raoul Wallenberg fanden dazu den Mut und die Möglichkeit, unter Einsatz ihres Lebens.</p>
<p>Als nach Kriegsende die Wahrheit über den Holocaust immer deutlicher wurde, berief man sich weitgehend auf angebliche Unwissenheit, um die Mitverantwortung von sich wegzuschieben. Bis heute finden in der deutschen Bevölkerung auch diejenigen noch Gehör, die behaupten, so schlimm könne alles doch nicht gewesen sein und dass es eine Lüge sei zu behaupten, 6 Millionen Juden umgekommen seien (so genannte Auschwitz-Lüge).</p>
<p>Die Evangelische Kirche hat am 30. 10.1945 die &#8220;Stuttgarter Schulderklärung&#8221; veröffentlicht, in der sie sich zu ihrer Mitverantwortung an den Vorgängen im &#8220;Dritten Reich&#8221; bekennt. In diesem Schuldbekenntnis heißt es: „&#8230; Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. &#8230; Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.&#8221; An diesem Bekenntnis wird jedoch kritisiert, dass es nicht konkret die Mitschuld an den Nazi-Verbrechen nennt und mit keinem Wort auf den Holocaust eingeht. Von vielen Christen in der Evangelischen Kirche wurde auch dieses vage formulierte Schuldbekenntnis als zu weit gehend abgelehnt.</p>
<p><strong>Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg</strong></p>
<p>In den westlichen Demokratien hat das abschreckende Beispiel der nationalsozialistischen Politik der Judenvernichtung dazu geführt, dass der Antisemitismus in der Nachkriegszeit abnahm. Dennoch zeigten Umfragen in den achtziger und neunziger Jahren in Deutschland und Österreich, dass 10 bis 15 Prozent der jeweiligen Bevölkerung als überzeugte Antisemiten einzustufen sind, ein weiteres Drittel antijüdischen Ressentiments anhängt. In den neunziger Jahren sind in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern und den USA erneut reaktionäre und rassistische Parteien und Gruppen entstanden, die antisemitische Ideologien vertreten und häufig in enger Verbindung zu neofaschistischen Gruppierungen stehen. Nach dem Fall der Mauer nahm die Zahl antisemitischer Übergriffe in Deutschland erneut zu.</p>
<p>re, ff, 12.1.04</p>
<p><em><strong>Literatur</strong></em></p>
<p>* Arendt, Hannah: Israel, Palästina und der Antisemitismus. Aufsätze. Berlin 1991<br />
* Benz, Wolfgang: Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus, München 2001<br />
* Benz, Wolfgang / Hermann Graml /Hermann Weiß: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997.<br />
* Benz, Wigbert / Bernd Bredemeyer / Klaus Fieberg: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Beiträge, Materialien Dokumente. CD-Rom, Braunschweig 2004.<br />
* Blaschke, Olaf: Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich. Göttingen 1997<br />
* Brakelmann, Günter / Martin Rosowski: Antisemitismus. Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie. Göttingen 1989<br />
* Domrös, Arne / Thomas Bartoldus / Julian Voloj: Judentum und Antijudaismus. Berlin 2003<br />
* Gutman, Israel / Eberhard Jäckel / Peter Longerich (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. München 1998<br />
* Graml, Hermann: Reichskristallnacht. München 1998<br />
* Hecht, Cornelia : Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik &#8211; J. H. W. Bonn 2003<br />
* Hentges, Gudrun / Reinhard Kühnl (Hrsg.): Antisemitismus. Geschichte &#8211; Interessenstruktur &#8211; Aktualität. Heilbronn 1995<br />
* Hoensch, Jörg / Stanislav Biman / L&#8217;ubomir Liptak: Judenemazipation, Antisemitismus, Verfolgung. Essen 1999<br />
* Kreis, Rudolf: Antisemitimus und Kirche. Hamburg 1999<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus I. Von der Antike bis zu den Kreuzzügen. Frankfurt/M 1979<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus III. Religiöse und soziale Toleranz unter dem Islam. Anhang: Die Juden im Kirchenstaat.Frankfurt/M 1979<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus IV. Die Marranen im Schatten der Inquisition. Anhang: Die Morisken und ihre Vertreibung. Frankfurt/M 1979<br />
* Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus VII. Zwischen Assimilation und &#8216;jüdischer Weltverschwörung&#8217;. Frankfurt/M 1979<br />
* Simmel, Ernst: Antisemitismus. ( Fischer Wissenschaft). Frankfurt/M 2001<br />
* Stern, Frank: Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg. Gerlingen 1991<br />
* Sammons, Jeffrey L.: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus &#8211; eine Fälschung. Göttingen 1998<br />
* Von Braun, Christina / Ludger Heid (Hrsg.): Der ewige Judenhaß, Berlin/Wien 2000</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.shoa.de/" target="_blank">http://www.shoa.de/</a></em></p>
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		<title>Biologie und Rassenlehre</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 07:37:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rassenlehre]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Auseinandersetzung um die biologische Klassifikation von Menschen in »Rassen« erweckt nur oberflächlich den Eindruck, als handele es sich lediglich um einen Streit um Wörter. Wer meint, es ginge darum, einen durch den Rassismus diskreditierten und missbrauchten Terminus zu vermeiden, hat nicht erfasst, dass es um die Tragfähigkeit und die Wirkungen eines wissenschaftlichen Konzeptes geht. Tatsächlich ist im wissenschaftlichen Bereich mit dem Begriff »Rasse« ein Konzept gemeint, also ein gedankliches Konstrukt, mit dem die Vielfalt der Menschen erfasst werden soll.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-412"></span></p>
<h3>Warum und mit welcher Wirkung klassifizieren Wissenschaftler Menschen?[1]</h3>
<p><em>Von Prof. Dr. Ulrich Kattmann, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg</em></p>
<p class="vspace">Die Auseinandersetzung um die biologische Klassifikation von Menschen in »Rassen« erweckt nur oberflächlich den Eindruck, als handele es sich lediglich um einen Streit um Wörter. Wer meint, es ginge darum, einen durch den Rassismus diskreditierten und missbrauchten Terminus zu vermeiden, hat nicht erfasst, dass es um die Tragfähigkeit und die Wirkungen eines wissenschaftlichen Konzeptes geht. Tatsächlich ist im wissenschaftlichen Bereich mit dem Begriff »Rasse« ein Konzept gemeint, also ein gedankliches Konstrukt, mit dem die Vielfalt der Menschen erfasst werden soll. Dieser Begriff bestimmt &#8211; wenn man ihn anwendet -, wie die Vielfalt der Menschen gedeutet wird. Ein Streit darüber, ob menschliche Rassen existieren oder nicht, ist müßig. Die Frage muss vielmehr lauten, ob die mit dem Wort «Rasse» verbundenen biologischen Kategorien geeignet sind, die augenfällige Vielfalt der Menschen angemessen zu erfassen. Nach Ansicht der Mehrheit naturwissenschaftlich arbeitender Anthropologen ist dieses Konzept ungeeignet, die Variabilität der Art Homo sapiens zutreffend zu erfassen. Dagegen wähnen sich die Befürworter des Konzeptes in der Tradition zoologischer Klassifikation von Formengruppen unterhalb des Artniveaus, wie sie in der Biologie üblich sei (s. Kasten).</p>
<p class="vspace">In diesem Beitrag wird versucht nachzuweisen, dass die Rassenklassifikationen der Anthropologen von den Anfängen bis heute nicht naturwissenschaftlich fundiert sind, sondern Alltagsvorstellungen und sozialpsychologischen Bedürfnissen entspringen, die die Wissenschaftler mit anderen Menschen ihrer jeweiligen Gesellschaften teilen.</p>
<p class="vspace"><strong>Die Vielfalt der Menschen und die Einfalt der Rassentypen</strong></p>
<p class="vspace">In der Stellungnahme des UNESCO-Workshops (1996) wird betont, dass die molekularbiologischen Erkenntnisse über genetische Vielfalt der Menschen traditionelle Rassenkonzepte ausschließen (s. Kasten). Dafür gibt es folgende Gründe:</p>
<p class="vspace">- Mindestens 3/4 der menschlichen Gene variieren nicht, sie sind also bei allen Menschen gleich. Die Variabilität bezieht sich also auf die Allelverteilung des höchstens 25 % ausmachenden Teils variabler Gene</p>
<p class="vspace">- alle molekularbiologischen Unterschiede betreffen lediglich statistische Verteilungen (Allelhäufigkeiten);</p>
<p class="vspace">- trotz erheblich erscheinender morphologischer Unterschiede sind die genetischen Distanzen zwischen den geographischen Populationen des Menschen gering. Sichtbare Unterschiede zwischen Menschen täuschen uns über genetische Differenzen. Einige wenige Merkmale überbewerten wir &#8211; nur aus dem Grunde, weil sie besonders auffallen. Der »Typus« ist ein schlechter Wegweiser zu genetischen Distanzen: Zwischen (morphologisch fast nicht zu unterscheidenden) west- und zentralafrikanischen Unterarten des Schimpansen (Pan troglodytes) sind sie zum Beispiel etwa 10 mal so groß wie zwischen menschlichen Populationen (z. B. Afrikaner und Europäer).</p>
<p class="vspace">- Der größte Anteil der genetischen Unterschiede zwischen Menschen befindet sich nicht zwischen, sondern innerhalb der geographischen Populationen. Mindestens 90 % der genetischen Unterschiede befinden sich innerhalb lokaler oder eng benachbarter Populationen, die Unterschiede zwischen den geographischen Gruppen umfassen höchstens 10 % der genetischen Verschiedenheit. Zur genetischen Vielfalt der Menschen trägt die geographische Variation also nur einen sehr kleinen Teil bei.</p>
<p class="vspace">- Die Häufigkeit der Allele variiert überwiegend kontinuierlich. Zwischen den geographischen Populationen gibt es keine größeren Diskontinuitäten und keine durchgehenden scharfen Grenzen.</p>
<p class="vspace">Angesichts dieser Ergebnisse muss der Versuch scheitern, die Menschen in mehr oder weniger voneinander unterschiedene Gruppen zu trennen. Auch statistisch signifikante Unterschiede in Merkmals- oder Allelverteilungen sind deshalb nicht hinreichend, um Populationen als »Rassen« zu klassifizieren. Selbst die traditionelle Gliederung in drei geographische Großrassen (Europide, Negride, Mongolide) ist durch diese Befunde obsolet geworden (vgl. Cavalli-Sforza 1992; Cavalli-Sforza/ Cavalli-Sforza 1994; Cavalli-Sforza/ Menozzi/ Piazza 1994; Kattmann 1995; 2002).</p>
<table border="1" width="90%" align="center">
<tbody>
<tr>
<td valign="top"><strong>Anthropologen zum Rassenkonzept</strong><br />
»Rassen« des Menschen werden traditionell als genetisch einheitlich, aber untereinander verschieden angesehen. &#8230; Neue auf den Methoden der molekularen Genetik und mathematischen Modellen der Populationsgenetik beruhende Fortschritte zeigen jedoch, dass diese Definition völlig unangemessen ist. Die neuen wissenschaftlichen Befunde stützen nicht die frühere Auffassung, dass menschliche Populationen in getrennte »Rassen« wie »Afrikaner«, »Eurasier« &#8230; oder irgendeine größere Anzahl von Untergruppen klassifiziert werden könnten. &#8230;</p>
<p class="vspace">Mit diesem Dokument wird nachdrücklich erklärt, dass es keinen wissenschaftlich zuverlässigen Weg gibt, die menschliche Vielfalt mit den starren Begriffen »rassischer« Kategorien oder dem traditionellen »Rassen«-Konzept zu charakterisieren. Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, den Begriff »Rasse« weiterhin zu verwenden.</p>
<p class="vspace">UNESCO-Workshop: »Stellungnahme zur Rassenfrage« (1996)</p>
<p class="vspace">For centuries scholars have sought to comprehend patterns in nature by classifying living things. The only living species in the human family, Homo sapiens , has become a highly diversified global array of populations. The geographic pattern of genetic variation within this array is complex, and presents no major discontinuity. Humanity cannot be classified into discrete geographic categories with absolute boundaries. Furthermore, the complexities of human history make it difficult to determine the position of certain groups in classifications. Multiplying subcategories cannot correct the inadequacies of theses classifications.</p>
<p class="vspace">American Association of Physical Anthropologists: »Statement on Biological Aspects of Race« (1996)</p>
<p class="vspace">Was es aber unbestreitbar gibt, ist eine phylogenetisch bedingte geographische Differenzierung, in der sich verschiedene &#8211; wenn auch durch Übergänge miteinander verbundene &#8211; genetisch determinierte Schwerpunkte erkennen lassen. Zumindest diese Schwerpunkte, aber auch die verschiedenen Abstufungen zwischen ihnen werden &#8211; dem Gebrauch des Begriffs in der gesamten Biologie folgend &#8211; als Rassen bezeichnet.</p>
<p class="vspace">R. Knußmann: »Vergleichende Biologie des Menschen« (1996)</p>
<p class="vspace">To biologists, race is a taxonomic category below species. This concept is necessary to understand evolution &#8230; The fact is that some groups, for example living in a particular area, share common biological characters that distinguish them from others. Consequently, man as a biological species may be divided into different groups called »races« depending on the significance of intergroup differences.</p>
<p class="vspace">V. P. Chopra: »The use of polymorphic genes to study human racial differences« (1992)</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p class="vspace">Diese Ergebnisse stehen nicht allein. Populationsgenetische Konzepte, zu denen sich fast alle Anthropologen nach 1945 bekannten, hätten den typologischen Rassenbegriff bereits ersetzen können. Wenn Populationen und nicht Individuen als Rassen bezeichnet werden, dann können die Rassen nicht weiterhin durch Merkmale charakterisiert werden, sondern lediglich durch die Häufigkeitsverteilung von Merkmalen (vgl. Kattmann 1973). Das Konstrukt populationstypischer Merkmale eröffnete jedoch die Möglichkeit, weiterhin Rassetypen formulieren zu können. Dazu wurde das Konstrukt der populationstypischen Merkmalskomplexe herangezogen (vgl. Vogel 1974). Für Populationen sind häufige Allele und Merkmale ohne typologische Wertung eigentlich genauso charakteristisch wie seltene. Das Rekurrieren auf die häufigen (»populationstypischen«) Merkmale kennzeichnet den Rückfall in schon überwunden geglaubte Typologie. Während die kontinuierliche Verteilung mophologischer Merkmale einige Anthropologen schlussfolgern ließ, dass es keine Rasse gebe, sondern nur graduelle Abwandlungen von Merkmalen (Merkmalsgradienten, Klin, vgl. Livingston 1962), benutzen andere dieselben Daten, um überkommene Rasseneinteilungen zu rechtfertigen (vgl. z. B. Schwidetzky 1979, 47 ff.).</p>
<p class="vspace">Bereits seit über 20 Jahren liegen molekularbiologische Ergebnisse vor, die den oben referierten ähneln und von den Autoren entsprechend als unvereinbar mit dem Rassenkonzept angesehen wurden (vgl. z. B. Lewontin 1972). Innerhalb der Rassenkunde werden indessen auch die neuesten Ergebnisse nur als Bestätigung der jeweiligen Rasseneinteilung gedeutet und abweichende Befunde als unbedeutende Unstimmigkeiten gewertet: Die Unterschiede zwischen den Großrassen seien statistisch signifikant und das generelle Muster der genetischen Distanzen zwischen Populationen sei grob dasselbe wie bei den morphologischen Merkmalen (Chopra 1992, 52; vgl. Knußmann 1996, 430).</p>
<p class="vspace">Die Vielfalt der Menschen wird der Einfalt der Typen geopfert: Jede Rassenklassifikation simplifiziert die Vielfalt in unzulässiger Weise, indem sie ihre Betrachtung auf eine mehr oder weniger große Anzahl von Gruppen reduziert und dabei (kleine) Gruppenunterschiede höher bewertet als (größere) zwischen den Individuen ein und derselben Gruppe. Das Klassifizieren wird so &#8211; ohne Rücksicht auf die tatsächlich beobachtete Variation &#8211; zum Selbstzweck. Der damit verbundene Klassifikationszwang ist deutlich, wenn nicht nur die postulierten »Schwerpunkte«, sondern auch die »Abstufungen zwischen ihnen« als Rassen klassifiziert werden sollen (Knußmann 1996, 406, s. Kasten). Das Menschenrassen-Konzept verlangt also danach, die Menschen auch dann in einander ausschließende Gruppen zu trennen, wenn es zwischen diesen Gruppen alle möglichen Übergänge gibt. Es nimmt nicht Wunder, dass auf diese Weise kein einziges System der Menschenrassen aufgestellt worden ist, das innerhalb der Wissenschaftlergemeinschaft auch nur annähernd allgemeine Anerkennung gefunden hätte. In den Rassensystematiken werden vielmehr zwischen drei und dreihundert Menschenrassen mit ganz unterschiedlicher Einteilung und Zuordnung unterschieden. Eine Grundlinie im Verständnis des Begriffs »Rasse« lässt sich im gesamten Verlauf der Geschichte der Anthropologie nicht erkennen (vgl. Grimm 1990). Anthropologen mögen diese Uneinigkeit damit rechtfertigen, dass es ein einheitliches anerkanntes System natürlicherweise nicht gebe, da die Grenzen im Bereich unterhalb der Art eben nicht scharf zu ziehen seien. Damit wird aber nur eingestanden, dass die Einteilung in Menschenrassen nicht intersubjektiv überprüfbar ist und somit keine naturwissenschaftliche Grundlage hat (vgl. Kattmann 2002).</p>
<p class="vspace">Warum halten einige Anthropologen so unbeirrt und unverändert am Konzept der Menschenrassen fest? Die Vermutung liegt nahe, dass der Grund hierfür nicht allein innerwissenschaftlich in biologisch-naturwissenschaftlichen Grundsätzen zu suchen ist.</p>
<p class="vspace"><strong>Psychologie der Rassenklassifikation</strong></p>
<p class="vspace">Hinweise auf bestimmende Motive der Rassenklassifikation geben Forschungen zu Alltagsvorstellungen sowie kognitions- und sozialpsychologische Untersuchungen. Die daraus ableitbaren Schlussfolgerungen werden durch Befunde in der Ethnobiologie und Wissenschaftsgeschichte erhärtet.</p>
<p class="vspace"><em>Naive Theorien und Gruppenabgrenzung</em></p>
<p class="vspace">Schon drei- bis siebenjährige Kinder haben Annahmen über die Zusammengehörigkeit von Menschen, die von quasi biologischen Vorstellungen mitbestimmt sind. Man nennt solche Vorstellungen, mit denen Menschen die Erscheinungswelt für sie sinnvoll deuten, naive oder implizite Theorien. Bereits dreijährige Kinder entwickeln Vorstellungen darüber, welche Eigenschaften im Laufe der Individualentwicklung unverändert bleiben und welche von den Eltern vererbt werden (vgl. Hirschfeld 1992). Die Annahmen dienen u. a. dazu, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe anzuzeigen und für das Kind zu sichern. Grundlage für die Unterscheidung sind aber nicht die Merkmale, sondern es ist die elementare Notwendigkeit, sich der eigenen Gruppenzugehörigkeit zu vergewissern. Die Unterscheidung »wir« und »die anderen« bestimmt danach die Auswahl wiedererkennbarer und als konstant angenommener Merkmale, nicht umgekehrt. Die Gruppenbildung erfolgt nicht einer Merkmalsklassifikation, sondern wird sozial konstruiert. Je nach gesellschaftlichem Umfeld und Erfahrungshorizont der Kinder sind daher die Gruppenbildungen und die Zuordnungen von Merkmalen ganz unterschiedlich ausgeprägt.</p>
<p class="vspace">Diese Befunde haben eine interessante Parallele in der Ethnobiologie. Während die Klassifikation von Pflanzen- und Tierarten bzw. -gattungen in verschiedenen Kulturen zu über 90 % untereinander und mit der wissenschaftlichen Klassifikation übereinstimmt, fehlt eine solche Übereinstimmung bei der Klassifikation von Menschen in jeder Hinsicht. In jeder Gesellschaft werden Menschen kulturspezifisch in Gruppen eingeteilt. Das Ergebnis sind ganz unterschiedliche Gruppeneinteilungen, die von den jeweiligen kulturellen und sozialen Verhältnissen der Menschen bestimmt sind.</p>
<p class="vspace">Die Neigung, Menschen in Rassen zu klassifizieren, ist danach ein allgemeines Phänomen. Welche Form die Klassifikation hat, ist dagegen kulturell, geschichtlich und sozial bestimmt. Mit Bezug auf die Untauglichkeit biologischer Rassenkonzepte kommt Hirschfeld (1992, 247) daher zu dem Schluss: »A responsible biology can perhaps afford to have nothing to do with the notion of human races, a responsible psychology does not have this option.«</p>
<p class="vspace">»bRasse« ist in diesem Zusammenhang als sozialpsychologisch bestimmte Kategorie aufzufassen. Wo immer Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen aufbrechen, sind nicht Haut- oder Haarfarben die Ursachen, sondern soziale Ungerechtigkeit und politische Interessen. Äußere Kennzeichen wie Hautfarbe, Haarform, Gesichtsmerkmale, aber auch Essgewohnheiten, religiöse Gebräuche und Sprache dienen dann als Erkennungsmarken, mit denen die Menschen der (rassisch) diskriminierten Gruppen ausgesondert werden. An ihnen macht sich die Unterscheidung fest und kann sich so selbst verstärken. Für die rassische Aussonderung sind aber nicht die Eigenschaften der betroffenen Menschengruppe maßgebend. Die der Fremdgruppe zugeschriebenen Merkmale werden durch die Selbsteinschätzung bestimmt, die die diskriminierende Gruppe von sich hat. Das Eigenbild bestimmt das Fremdbild: Unsicherheiten werden durch Abgrenzung kompensiert; für das Selbstwertgefühl bedrohlich empfundene (negative) Eigenschaften werden auf die Fremdgruppe projiziert (vgl. Kattmann 1994).</p>
<p class="vspace">Der bei der Rassenklassifikation ablaufende Prozess kann kurz folgendermaßen skizziert werden:</p>
<ol>
<li>Wahrnehmung der Gruppenzugehörigkeit; mit der Gruppenzugehörigkeit werden die Individualentwicklung und die Generationen überdauernde Eigenschaften verknüpft.</li>
<li>Gruppenabgrenzung und -distanzierung; Fremdgruppen wird &#8220;Andersartigkeit&#8221; und &#8220;Wesensfremdheit&#8221; zugeschrieben, dabei kann durchaus noch Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung postuliert werden (Ideologie der Apartheid).</li>
<li>Bewertende Diskriminierung der Gruppen; die Menschengruppen werden in höherwertige und minderwertige eingeteilt. Das Eigenbild bestimmt das Fremdbild.</li>
<li>Konstruktion von Rassen; die Fremdgruppen werden als rassisch von der eigenen verschieden definiert, am deutlichsten im dichotomen Gegensatz: Weiße/Schwarze; Arier/Juden.</li>
</ol>
<p class="vspace">Im letzten Schritt werden die ersten drei zusammengefasst und verhärtet. Rassismus beginnt dabei nicht erst mit der Annahme, es gebe &#8220;hochstehende&#8221; und &#8220;minderwertige Rassen&#8221; (Überlegenheitsrassismus), sondern bereits mit einer &#8220;rassentrennenden&#8221; Aussonderung von Menschengruppen, durch die das gemeinsame soziale Leben gespalten wird (Reinhalterassismus, vgl. Kattmann 2003). Die so konstruierten »Rassen« sind als sozialpsychologische Kategorien klar erkennbar: Weder »Weiße« und »Schwarze« der Rassentrennung und Bevölkerungsstatistiken in den USA noch die »Arier« und »Juden« der Nationalsozialisten waren je »Rassen« im Sinne der Bemühungen physischer Anthropologen. Rassisten schaffen sich ihre Rassen selbst aus ihren eigenen Bedürfnissen. Rassismus verschwindet daher nicht automatisch mit den diskriminierten Gruppen. Wie anders ist es zu erklären, dass z. B. der Antisemitismus in Europa überdauert, obwohl Juden nach Massenmord und Vertreibung hier eine verschwindend geringe Minderheit sind? Man kann in einem mehrfachen Sinne von »Rassismus ohne Rassen« sprechen.</p>
<p class="vspace">Wie verhalten sich die Rassenklassifikationen der Anthropologen zur sozialen Rassenkonstruktion? Wie ist es zu erklären, dass die Rassenkunde überdauert, obwohl das biologische Rassenkonzept sich als untauglich erweist? Handelt es sich um »Rassenkunde ohne Rassen«?</p>
<p class="vspace"><em>Grundzüge der Rassenkunde</em></p>
<p class="vspace">Die wesentlichen Aussagen der anthropologischen Rassenkunde zeigen deutlich den bestimmenden Einfluss sozialpsychologischer Faktoren (s. Tabelle 1). Ins Auge fällt die Parallelität zwischen kulturell verschiedenen Einteilungen der Menschen und der Vielzahl an rassentaxonomischen Systemen. Hier liegt offen zu Tage, dass die Anthropologen bei ihren systematischen Bemühungen nicht nach naturwissenschaftlich definierten Merkmalen klassifizieren, sondern sich ebenso wie andere Menschen von Alltagsvorstellungen leiten lassen, die vom kulturellen und sozialen Umfeld geprägt sind.</p>
<p class="vspace">Die Wissenschaftsgeschichte der Rassenkunde liefert für diese Vermutung zahlreiche Belege. Für die Aufstellung von Rassen sind insbesondere sozial vermittelte ästhetische Kategorien leitend gewesen (vgl. Herrmann 1983). Obgleich es zahlreiche Querverbindungen von biologischer Rassenkunde zu philosophischen und politischen Rassentheorien, wie die von J. Arthur de Gobineau, H. Steward Chamberlain und Adolf Hitler gibt, sind die Belege für das wissenschaftlich motivierte Klassifizieren von Menschen aus den enger biologisch bestimmten Bereichen zu wählen.</p>
<table border="1" width="90%" align="center">
<tbody>
<tr>
<td colspan="2" align="center" valign="top"><strong>Klassifikation von Menschen</strong></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top"><strong>Rassenkunde</strong></td>
<td valign="top"><strong>Alltagsvorstellungen</strong></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Divergierende Rassensystematiken</td>
<td valign="top">kulturelle Unterschiede</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Exklusive Abgrenzungen, Erfassen auch von Übergängen als eigene Rassen</td>
<td valign="top">soziale Konstruktion von Gegensätzen, z. B. »Schwarze«/»Weiße«</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Verknüpfung von Rasse, Verhaltenseigenschaften und Kultur: Wesensaussagen über Angehörige einer Rasse</td>
<td valign="top">Annahme von gleichbleibenden Eigenschaften der Menschen während der Entwicklung und über Generationen hinweg</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Rasse wird als eine die Individuen bestimmende Ganzheit vorausgesetzt</td>
<td valign="top">Naive Theorie über die Zusammengehörigkeit der Menschen: Unterscheidung von Eigengruppe und Fremdgruppen.</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p class="vspace"><small>Tabelle 1: Grundzüge rassenkundlicher Klassifikation im Vergleich mit Alltagsvorstellungen</small></p>
<p class="vspace">Ein hervorragendes Beispiel ist die Ausdeutung der »Hautfarbe« als Rassenmerkmal. Sie findet sich schon bei den ersten Vorläufern und dann ausgeprägt bei dem Vater der biologischen Systematik, Carl von Linné. Die zehnte Auflage von dessen »Systema naturae« (Linné 1758) ist bis heute für die zoologische Nomenklatur (auf dem Artniveau) maßgeblich. Für Linné ist die Einteilung der Lebewesen essentialistisch begründet. In den systematischen Kategorien drücken sich für ihn die Ideen Gottes bei der Schöpfung aus. Innerhalb der Art Homo sapiens unterscheidet Linné vier geographische Varietäten, die er folgendermaßen charakterisiert:</p>
<p class="vspace">» Americanus rufus, cholericus, rectus. &#8230; Regitur consuetudine.</p>
<p class="vspace">Europaeus albus, sanguineus, torosus&#8230;.Regitur ritibus.</p>
<p class="vspace">Asiaticus luridus, melancholicus, rigidus. &#8230; Regitur opinionibus.</p>
<p class="vspace">Afer niger, phlegmaticus, laxus. &#8230;. Regitur arbitrio.«</p>
<p class="vspace">Auffallend an dieser Klassifikation ist eine dreifach abgesicherte Vierteilung der Menschheit: nach Erdteilen, nach Hautfarben und nach Körpersäften. Die Einteilung nach Erdteilen erscheint heute noch modern, für Linné waren jedoch alle drei Kriterien naturwissenschaftlich begründet, auch und gerade die Orientierung an den Körpersäften. Die antike Lehre von den vier Elementen (Feuer, Luft, Erde, Wasser) führte durch die Parallele von Makrokosmos (Welt) und Mikrokosmos (Mensch) zur Lehre von den (den Elementen entsprechenden) vier Körpersäften (Galle, Blut, Schwarze Galle, Schleim), denen im Mittelalter die Charaktere Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker zugeordnet wurden. Linné hält sich also an die (physiologischen) Vorstellungen seiner Zeit, wodurch sogleich die Verbindung von »Rasse« und Seele (naturwissenschaftlich) elementar begründet wird.</p>
<p class="vspace">Wie die Erdteile und die Körpersäfte sollten die Hautfarben ein objektives Kriterium abgeben. Die Angaben dazu wurden bei Linné in diesem Sinne von Auflage zu Auflage eindeutiger. Nur der Afrikaner bleibt von der ersten Auflage an unverändert »niger« (schwarz). Der Europäer wird von »albescens« (weißwerdend) zu »albus« (weiß), der Amerikaner von »rubescens« (rotwerdend) zu »rufus« (rot). Die stärksten Änderungen macht der Asiate durch: Seine Farbe wechselt von »fuscus« (dunkel, bräunlich bis schwarz) bis zu »luridus« (blassgelb).</p>
<p class="vspace">Wie Walter Demel (1992) gezeigt hat, sind die Hautfarben der »Rassen« das allmählich sich herausbildende Ergebnis eines Farbgebungsprozesses. Hatten noch viele Entdeckungsreisende die Hautfarbe der Chinesen als weiß wie die der Europäer beschrieben oder differenzierend zwischen hell, gelblich, bräunlich bis dunkel abgestuft, so wurden die Beschreibungen in den Rassenklassifikationen eindeutig auf »gelb« fixiert. Die Haut der Chinesen ist nur leicht getönt, ihr mittlerer Pigmentierungsgrad entspricht dem südeuropäischer Menschen. Die Hautfarbe der Chinesen wäre also ähnlich zu beschreiben wie die der Italiener, Spanier oder Griechen. Die Europäer verstanden sich aber als »Weiße«. So wurden Südeuropäer (unabhängig vom Pigmentierungsgrad ihrer Haut) »weiß« und Chinesen mussten zum Kontrast »gelb« werden. Das Eigenbild bestimmt das Fremdbild: Die Eigenbezeichnung »weiß« wurde exklusiv für Europäer reserviert. Für die nichteuropäischen Völker wurden die Hautfarben »gelb«, »rot« und »schwarz« konstruiert (vgl. Robins 1991, 168 ff.; Demel 1992). Gelbe Chinesen findet man daher nur in Rassenklassifikationen und sonst nirgendwo. Und natürlich gibt es keine »roten« und »schwarzen« Menschen und auch keine »weißen«. Im Glauben an die Hautfarben aber fällt nicht auf, dass man in Asien oder Chinatown keinem gelben Menschen begegnet. Dass wir das soziale Konstrukt der Hautfarben als mit unserer Wahrnehmung konform halten, beruht also bereits auf der Wirkung dieser Konstruktion.</p>
<p class="vspace">Die Pigmentierungsgrade der Haut korrelieren in verschiedenen Regionen der Erde mit der UV-Einstrahlung. Die Tönung der Haut ist durch Selektion unabhängig in mehreren Regionen der Erde gleichzeitig herausgebildet worden und gibt daher keine nähere Verwandtschaft zwischen den Populationen an. Obwohl selbst typologisch arbeitende Anthropologen heute die Pigmentierung der Haut daher für ein ganz ungeeignetes Merkmal zur Klassifizierung halten, beziehen sich die meisten Rassenklassifikationen nach wie vor auf Hautfarben. Das wissenschaftliche Bedürfnis nach eindeutiger Klassifikation vereinigt sich so seit Linné &#8211; und wider bessere Einsicht &#8211; mit einer sozialpsychologisch bedingten Hautfarbenlehre.</p>
<p class="vspace">Rassenkunde erfordert klare alternative und exklusive Zuordnungen. Ein Mensch kann danach nur einer »Rasse« angehören. So ist der Rassenkundler nach Knußmann gezwungen, auch Übergänge zwischen den &#8220;Schwerpunkten&#8221; gegen die angrenzenden Populationen als getrennte »Rassen« abzugrenzen (s. Kasten). Durch das &#8220;Muss&#8221; zum Klassifizieren werden also aus &#8220;Abstufungen&#8221; und &#8220;Übergängen&#8221; definierte taxonomische Gruppen. Die Schärfe der Abgrenzung entspricht der der sozial konstruierten »Rassen« in jeder Hinsicht. Hier wie dort gibt es nur Schwarz oder Weiß. Soziale und taxonomische Gruppenabgrenzung treffen einander im selben Geiste. Die »Schwarzen« Amerikas heiraten nicht nur untereinander. Die Bevölkerungsstatistiken in den USA zählen dennoch weiterhin jeden Menschen als »schwarz«, der einen »Schwarzen« unter seinen Vorfahren hat. Rainer Knußmann (1996, 426) folgt ohne Bedenken dieser Bestimmung, wenn er die Afroamerikaner unumwunden mit der Rassenbezeichnung »Negride« belegt. Biologisch-genetisch ist eine solche Zuordnung absurd; sie wird aus gesellschaftlichen Gründen getroffen.</p>
<p class="vspace">Die Rasseneinteilung ist in der Anthropologie während der gesamten Geschichte nicht allein und häufig nicht einmal in erster Linie an körperlichen Merkmalen orientiert, sondern vielmehr auf seelische und geistige Merkmale ausgerichtet (vgl. Herrmann 1983; Seidler 1992). Die Verbindung von Rasse und Seele bezeichnet der Humangenetiker Fritz Lenz als das eigentlich Wesentliche an der Rassenfrage und rechtfertigt in diesem Zusammenhang die Nürnberger Gesetze von 1938: »Wichtiger als die äußeren Merkmale ist die abstammungsmäßige Herkunft eines Menschen für seine Beurteilung. Ein blonder Jude ist auch ein Jude. Ja, es gibt Juden, die die meisten äußeren Merkmale der nordischen Rasse haben und die doch von jüdischer Wesensart sind. Die Gesetzgebung des nationalsozialistischen Staates definiert einen Juden daher mit Recht nicht nach äußeren Rassenmerkmalen, sondern nach der Abstammung« (Lenz 1941, 397). »Rasse« bestimmt danach &#8211; auch unabhängig von äußeren Merkmalen &#8211; die Wesensart der Menschen.</p>
<p class="vspace">Um »Rassen« eine solche Funktion zuzutrauen, muss man ihre Existenz als »unbezweilfelbar« hinstellen (s. Zitat von Knußmann im Kasten) oder noch besser einfach als gegeben ansehen: »Voraussetzung für die Berechtigung solcher [rassenkundlicher] Arbeiten ist allerdings &#8230;, dass man die lebendige Wirklichkeit von Rasse und Rassentypus überhaupt sieht und anerkennt. Kurz gesagt: Es gibt Neger und Europäer, Nordische und Dinarier als lebendige und wirkende Erscheinungen. Gibt es sie aber, so muss der Forscher am Menschen auch nach Methoden suchen, sie in ihrem Wesen und Dasein, ihrer Entfaltung und all ihren Beziehungen und Wirkungen zu erfassen« (Schwidetzky 1943, 179). Rasse wird so als eine die Individuen überdauernde körperlich-seelische Ganzheit verstanden. Nach dieser Vorstellung ist ein Mensch aus verschiedenen Rassen zusammengesetzt, deren Anteile die Anthropologen Egon von Eickstedt und Ilse Schwidetzky wähnten, mit Hilfe von Rassenformeln prozentgenau bestimmen zu können (Schwidetzky 1943; vgl. dazu Lenz 1941; 1943). Die Rassentypologie macht die Gruppenzugehörigkeit zu einer individuellen Eigenschaft: Nicht die Individuen bestimmen die Eigenschaften einer »Rasse«, sondern die »Rasse« bestimmt die Eigenschaften der Individuen: Menschen werden zu Typen.</p>
<p class="vspace">Im Nationalsozialismus wurde auf diese Weise »Rasse« zum Lebensgesetz für Individuen, Volk und Staat, dessen Herrschaft die deutschen Anthropologen (mit wenigen Ausnahmen) u. a. durch das Erstellen von Rassengutachten stützten (vgl. Seidler/ Rett 1982; 1988, 251 ff.; Kattmann/Seidler 1989, 10 ff.). Die Eickstedtschen Rassenformeln dienten bei Bevölkerungsuntersuchungen in den eroberten Ostgebieten dazu, um anhand der rassischen Qualität der Menschen zu entscheiden, ob diese einzudeutschen oder als Sklavenvölker zu halten seien (vgl. Holtz 1942). Die Vorstellung, dass »Rasse« die Seele des einzelnen, den Volkscharakter und die Kultur bestimmt, ist mit dem Nationalsozialismus nicht verschwunden. Es liegt vielmehr in der sozialpsychologischen »Natur« des Klassifizierens von Menschen, derartige Vorstellungen zu zeugen und auszutragen. Bei allem Hin- und Herwenden kultureller Einflüsse auf den Menschen sieht Knußmann (1996, 426) die Kultur primär rassebedingt: »Eine jede autochthone Kultur muss ursprünglich auf dem Boden dessen gewachsen sein, was die sie tragenden Menschen an speziellen Fähigkeiten und Neigungen besessen haben.« Mit aller Vorsicht folgt Knußmann hier leise den Spuren Gobineaus. Es sollte zu denken geben, was der Anatom und Bearbeiter des ersten Neandertaler-Fundes, Hermann Schaaffhausen, zu solchen Anschauungen »autochthoner« Kulturen ausführte: »Die glücklichen Völker, die nun einmal durch das Zusammentreffen der günstigsten Lebensbedingungen seit Jahrtausenden die Träger und Förderer der menschlichen Kultur geworden sind, nicht durch sich selbst allein, sondern durch jene von Geschlecht zu Geschlecht, von Volk zu Volk, von Welttheil zu Welttheil fortgepflanzte Erbschaft von Geistesschätzen , sie sind schon darum nicht berechtigt, die höchsten Güter der Welt für sich allein in Besitz zu nehmen, weil die Erfahrung gelehrt hat und die Zukunft es immer wieder lehren wird, dass die menschliche Kultur einen um so höheren Aufschwung nimmt, jemehr sie Gemeingut aller Völker der Erde wird. Wenn man [wie Gobineau] die Rassen als im Wesen verschiedene Menschenstämme ansieht, so zerfällt die ganze Geschichte in eine Reihe unzusammenhängender, nacheinander ablaufender Schauspiele« (Schaaffhausen 1885, 228, Hervorhebungen U.K., Rechtschreibung von 1885). Auch schon die ältesten uns bekannten Kulturen leben vom Austausch, nicht von der Abgrenzung. Letztere ist &#8211; wie die Formulierung der Kulturen als Pseudospezies- ein Teil der sozialpsychologischen Rassenklassifikation.</p>
<p class="vspace">Rassenseelenkunde wurde in der 1. Auflage vom &#8220;Lexikon der Biologie&#8221; (Herder Verlag) betrieben (vgl. aber jetzt die 2. Auflage: Kattmann 2002). Zunächst wird dort die Existenz von »Rassenketten« als Ergebnis der geographischen Differenzierung postuliert. Eine solche Annahme ist direkte Folge des Aufstellens von Rassetypen, mit der die kontinuierliche geographische Variation aufgeteilt wurde. Ohne diese Klassifikation wäre das Postulat überflüssig. Sodann werden Kulturen und Volkscharaktere auf eine Rassenkette zurückgeführt:</p>
<p class="vspace">»bEin markantes Beispiel für Rassenketten ist die armenid-dinaride Rassenkette , die sich geographisch von zentralasiatischen Regionen bis nach Schottland und Irland verfolgen lässt. Ihren Populationen verdankt die Menschheit die wiederholte Ausbildung von Hochkulturen, etwa die der Hethiter, vielleicht auch der Sumerer. Temperament, Kreativität und Eigensinn der Kelten und ihrer heutigen Enkel, der Gallier, Schwaben und mancher Bayern, sind wohl dinarides Erbe« (Herder Lexikon der Biologie 1985, Bd. V, 402).</p>
<p class="vspace">Ist der (anonyme) Autor naiv? Im Sinne der Problemstellung dieses Abschnitts ist diese Frage mit ja zu beantworten. Die Antwort trifft aber nicht allein für den Autor des Herderlexikons, sondern auf alle Rassenkundler zu. Rassenklassifikation folgt insgesamt Alltagstheorien über die Zusammengehörigkeit der Menschen. In der Geschichte der Rassenkunde ist es nicht gelungen, sich von diesen naiven Theorien zu lösen und statt dessen die tatsächliche Vielfalt der Menschen in den Blick zu nehmen. Im Konzept der Menschenrassen haben sich die wissenschaftliche Bedürfnisse der Anthropologen zur Klassifikation mit den Alltagsbedürfnissen zur sozialen Gruppenabgrenzung vereint. So sind nicht allein die innerhalb rassistischer Ideologien konstruierten »Rassen« als sozialpsychologische Kategorien anzusehen, sondern auch diejenigen der anthropologischen Wissenschaft (s. Tabelle 1).</p>
<p class="vspace"><strong>Humanbiologie jenseits von »Rasse«</strong></p>
<p class="vspace">Auch wenn »Rasse« kein wissenschaftliches Konzept ist, muss man sich mit ihm im alltäglichen und wissenschaftlichen Diskurs gleichwohl ernsthaft auseinandersetzen. Die Vorstellung, dass es menschliche »Rassen« gebe, ist im Alltagsdenken der Menschen stets anzutreffen und aufgrund sozial- und lernpsychologischer Ursachen mit wissenschaftlichen Argumenten nicht zu einfach abzulösen.</p>
<p class="vspace">Auch von biologischer Seite wird der Kritik am Menschenrassen-Konzept oft Unverständnis und Widerstand entgegengebracht, da man bei Aufgabe des Rassenbegriffs allgemeinbiologische Prinzipien verletzt sieht:</p>
<ul>
<li>Rassenklassifikation sei ein in der ganzen Biologie übliches Verfahren (s. Knußmann, Zitat im Kasten).</li>
<li>Der Mensch habe biologisch keine Sonderstellung und sei daher wie alle anderen Tierarten zu behandeln.</li>
<li>Das Rassenkonzept sei zum Verständnis der Evolution notwendig (s. Chopra, Zitat im Kasten).</li>
</ul>
<p class="vspace">Die Einwände unterstellen meist, dass die Ablehnung des Menschenrassen-Konzepts nicht durch naturwissenschaftliche, sondern durch ideologische Gründe motiviert ist. Demgegenüber wird gemeint, mit dem Rassenkonzept das Panier der Biologie als unvoreingenommener Wissenschaft hochzuhalten. Der Autor gesteht, dass er selbst lange Zeit ebenso gedacht hat und es für hinreichend hielt, das typologische Rassenkonzept durch ein populationsgenetisches zu ersetzen (vgl. Kattmann 1973). Die genaue Analyse zeigt jedoch, dass keines der Argumente, am Menschenrassen-Konzept festzuhalten, biologisch stichhaltig ist.</p>
<p class="vspace">Zunächst ist festzustellen, dass der Terminus »Rasse« in der Zoologie weitestgehend obsolet ist und ausgiebig nur von Anthropologen und Haustierkundlern verwendet wird. In der Klassischen Genetik wird er noch in einigen Schulbüchern benutzt, um die reinen Linien der Mendelschen Erbgänge zu charakterisieren. Er ist in diesem Zusammenhang missleitend und gänzlich überflüssig.</p>
<p class="vspace">Der einzige Objektbereich, in dem »Rasse« als Fachwort angewendet wird, sind die Zuchtformen der Haustiere. Bei diesen liegen tatsächlich »zoologische Formengruppen« vor, die typologisch nach »Rassekriterien« zu beschreiben sind. Die Haustierrassen sind jedoch durch gezielte Auslese und Isolation vom Menschen auf jeweils einen Typ hin enggezüchtet worden. Insofern wurden hier vom Menschen selbst »Typen« erst geschaffen, wie sie Rassenkundler beim Menschen als Naturzüchtung zu erkennen glauben.</p>
<p class="vspace">Natürliche Populationen sind jedoch genetisch vielfältig und keineswegs mit Haustierrassen vergleichbar. Geographisch deutlich differenzierte Populationen werden zoologisch als Unterarten (Subspezies) bezeichnet. Die Unterteilung von Arten in Unterarten oder noch feineren Kategorien ist dabei keineswegs ein verpflichtendes biologisches Prinzip. Die zoologische Klassifikation ist nur auf dem Artniveau zwingend: Jeder sich zweielterlich fortpflanzende Organismus gehört notwendig einer Biologischen Art an, die als Fortpflanzungsgemeinschaft definiert ist. Unterhalb des Artniveaus ist die Unterteilung dagegen eine Frage der Zweckmäßigkeit: Es gibt Arten, die (aufgrund fehlender oder nicht erfasster geographischer Differenzierung) nicht weiter untergliedert werden, und solche, bei denen die Gliederung in Unterarten Schwierigkeiten macht und entsprechende Versuche daher in der Zoologie umstritten sind. Vielfach stellt sich die geographische Differenzierung auch bei Tieren komplexer dar, als es die Einteilung nach auffälligen Merkmalen erscheinen lässt (vgl. Senglaub 1982). Keine biologische Gesetzmäßigkeit verpflichtet also Biologen dazu, Arten in Unterarten einzuteilen.</p>
<p class="vspace">Beim Menschen ist die Vielfalt innerhalb und zwischen den Populationen so komplex, dass es unzweckmäßig ist, diese Art zoologisch weiter zu untergliedern (vgl. Gould 1984). Dieser Befund gilt nicht exklusiv für den Menschen, sondern auch für manche andere Tierart. Für die Untergliederung einer Biologischen Art ist jedoch allein wichtig, dass deren geographische Differenzierung damit angemessen beschrieben wird. Das eben ist mit dem Rassenkonzept beim Menschen nicht möglich. Das Verwerfen des Menschenrassen-Konzepts hat also mit dem Postulat einer Sonderstellung des Menschen nichts zu tun, das vom Autor vielmehr aus biologischen Gründen entschieden abgelehnt wird (vgl. Kattmann 1974). Das Rassenkonzept ist einfach untauglich, die genetische Verschiedenheit der Menschen in ihrer individuellen und geographischen Vielfalt angemessen zu erfassen.</p>
<p class="vspace">Wie die Grundsätze der Klassifizierung werden auch Prinzipien der Evolution durch das Verwerfen des Menschenrassen-Konzepts nicht verletzt, sondern differenziert. Nicht nur bezogen auf den Menschen ist die Vorstellung zu revidieren, Populationsdifferenzierungen entstünden allein durch Selektion in geographisch isolierten Züchtungsräumen. Die molekulargenetische Rekonstruktion der Geschichte menschlicher Populationen (vgl. Cavalli-Sforza 1992) erklärt die genetische Differenzierung hauptsächlich aus Wanderschüben und Alleldrift (Gendrift) sowie Allelfluss (Genfluss) zwischen Populationen, ohne dass ein längerer Aufenthalt in isolierten Räumen angenommen werden muss. Schon deshalb ist die wanderaktive Art Mensch nicht in geographische Unterarten differenziert. Alle heutigen Menschen sind einmal aus Afrika ausgewandert. So, wie die nach Amerika ausgewanderten Europäer dort nicht zu einer neuen »Rasse« wurden, so wenig gilt dies auch für unsere wandernden Vorfahren. Ob es uns gefällt oder nicht: Im Grunde genommen sind wir alle Afrikaner.</p>
<p class="vspace">Der Abschied vom anthropologischen Rassenbegriff ist Teil eines wissenschaftsethisch notwendigen Konzeptwandels (vgl. Kattmann 1992, S. 134 f.). Mit ihm wird erkannt, dass die Evolution des Menschen und die Populationsgeschichte komplexer sind, als es schematische Vorstellungen von Rassen- und Artbildung vorzuschreiben scheinen.</p>
<p class="vspace">Für eine Humanbiologie jenseits von Rasse ergeben sich folgende Schlussfolgerungen und Aufgaben:</p>
<p class="vspace">- »Rasse« ist kein biologisch begründbares Konzept. Die systematisch schwer fassbare genetische Verschiedenheit der Menschen legt nahe, die Bemühungen um Klassifikationen unserer Spezies beiseitezulegen und das Konzept der Rasse durch die Beschreibung und Analyse der Vielfalt der Menschen selbst zu ersetzen (vgl. Lewontin 1986). Die Menschheit besteht nicht aus drei, fünf, sieben, 35 oder 300 »Rassen«, sondern aus annähernd 6 Milliarden Menschen. Nicht Typenbildung und Klassifikation von Typen sind wissenschaftlich gefragt, sondern das Verstehen von Vielfalt und Individualität.</p>
<p class="vspace">- Mit dem Abschied vom Menschenrassen-Konzept ist Rassismus nicht erledigt. Eine solche Annahme wäre naiv und gefährlich, da sie menschenverachtende rassistische Anschauungen bagatellisieren würde. Rassistische Überzeugungen sind jedoch von der biotischen Existenz von Rassen nicht abhängig, sondern erzeugen sich ihre Rassen selber. Nicht »Rassen« sind hier das Problem, sondern der Glaube an deren Existenz und die damit verbundenen Wertungen und Wirkungen.</p>
<p class="vspace">- Wer weiterhin naturwissenschaftlich von Rassen des Menschen sprechen will, muss erklären, in welchem Sinne dies sachgemäß und auch im Lichte der geschichtlichen Wirkungen des Konzeptes gerechtfertigt sein könnte. Hinter dieser Forderung lauert kein Denkverbot, sondern das Gebot, Denkgewohnheiten zu hinterfragen und Konzepte auch hinsichtlich ihrer ethischen Implikationen zu reflektieren. Wissenschaftler sind nicht nur verantwortlich für das Handeln, sondern auch für das Denken, das sie nahelegen oder anstiften (vgl. Frey 1992).</p>
<p class="vspace"><em>Autor: Prof. Dr. Ulrich Kattmann</em></p>
<p class="vspace"><small>Adresse: Prof. Dr. Ulrich Kattmann, Instiut für Biologie, Geo- und Umweltwissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, D-26111 Oldenburg</small></p>
<p class="vspace"><strong><em>Literatur</em></strong></p>
<p class="vspace"><small>American Association of Physical Anthropologists: Statement on biological aspects of race. In: American Journal of Physical Anthropology 101, 1996, 569-570</small></p>
<p class="vspace"><small>Cavalli-Sforza, L. Luca/ Menozzi, Paolo/ Piazza, Alberto: The history and geography of human genes. Princeton University Press 1996</small></p>
<p class="vspace"><small>Cavalli-Sforza, L. Luca: Stammbäume von Völkern und Sprachen. In: Spektrum der Wissenschaft, Nr. 1/1992, 90-98</small></p>
<p class="vspace"><small>Chopra, V. P.: The use of polymorphic genes to study human racial differences. In: Homo 43, Nr. 1/1992, 43-57</small></p>
<p class="vspace"><small>Demel, Walter: Wie die Chinesen gelb wurden. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Rassentheorien. In: Historische Zeitschrift 255, 1992, 625-666</small></p>
<p class="vspace"><small>Frey, Christofer: Verantwortung nicht nur für das Handeln, sondern auch für das Denken. In: Preuschoft, Holger/ Kattmann, Ulrich (Hrsg.): Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Oldenburg 1992, 1-18</small></p>
<p class="vspace"><small>Gould, Stephen Jay: Warum wir menschliche Rassen nicht benennen sollten &#8211; eine biologische Betrachtung. In: Gould, Stephen Jay: Darwin nach Darwin. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1984, 195-200</small></p>
<p class="vspace"><small>Grimm, Hans: Die Verwendung der Bezeichnung »Rasse« in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Anthropologie. In: Kirschke, Siegfried (Hrsg.): Grundlinien der Geschichte der biologischen Anthropologie. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Wissenschaftliche Beiträge 1990/3 (A 121), Halle 1990, 28-43</small></p>
<p class="vspace"><small>Herder Verlag: Lexikon der Biologie. Bd. 5, Freiburg 1985</small></p>
<p class="vspace"><small>Herrmann, Bernd: Zur Entstehung und Wirkung ästhetischer Prinzipien in der menschlichen Rassenkunde. In: Berliner Historische Studien 9, 1983, 165-175</small></p>
<p class="vspace"><small>Hirschfeld, Lawrence, A.: Do children have a theory of race? In: Cognition 54, 1995, 209-252</small></p>
<p class="vspace"><small>Holtz, Günther: Brief an Dr. Erhard Wetzel vom 1. Oktober 1942. Bundesarchiv R 6/184, Koblenz</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Rassen &#8211; Bilder vom Menschen. Wuppertal 1973</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Sonderstellung oder Eigenart? Zur Stellung des Menschen innerhalb der Lebewesen. In: Praxis der Naturwissenschaften-Biologie 23, Nr. 10/1974, 253-264</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Anmerkungen zur Wissenschaftssystematik und Wissenschaftsethik der Anthropologie auf dem Hintergrund ihrer Geschichte. In: Preuschoft, Holger/ Kattmann, Ulrich (Hrsg.): Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Oldenburg 1992, 127-142</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Was heißt hier Rasse? In: Unterricht Biologie 19, Nr. 204/1995, 44-50</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Wie Menschen zu Fremden gemacht werden. In: Interkulturell, Nr. 3/4/1994, 100-114</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Menschenrassen. In: Lexikon der Biologie. Band 9. 2. Auflage, Weinheim 2002, 170-177</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich: Rassismus. . In: Lexikon der Biologie. Band 11. 2. Auflage, Weinheim 2003, 423-424</small></p>
<p class="vspace"><small>Kattmann, Ulrich/ Seidler, Horst: Rassenkunde und Rassenhygiene. Ein Weg in den Nationalsozialismus. Velber 1989</small></p>
<p class="vspace"><small>Kaupen-Haas, Heidrun/ Saller, Christian (Hrsg.): Wissenschaftlicher Rassismus. Frankfurt 1999, 65-83</small></p>
<p class="vspace"><small>Knußmann, Rainer: Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik. 2. Auflage, Jena, Lübeck, Ulm 1996</small></p>
<p class="vspace"><small>Lenz, Fritz: Über Wege und Irrwege rassenkundlicher Untersuchungen. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 39, 3/1941, 385-413</small></p>
<p class="vspace"><small>Lenz, Fritz: Noch einmal die Irrwege bei rassenkundlichen Untersuchungen. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 40, 1943, 185-187</small></p>
<p class="vspace"><small>Lewontin, Richard C.: The apportionment of human diversity. In: Evolutionary Biology 6, 1972, 381-398</small></p>
<p class="vspace"><small>Lewontin, Richard C.: Menschen. Heidelberg 1986</small></p>
<p class="vspace"><small>Linné, Carl von: Systema naturae per regna tria naturae. 10. Auflage, Holmiae 1758</small></p>
<p class="vspace"><small>Livingston, F. B.: On the non-existence of human races. In: Current Anthropology 3, Nr. 3/1962, 279-281</small></p>
<p class="vspace"><small>Robins, Ashley H.: Biological perspectives on human pigmentation. Cambridge 1991</small></p>
<p class="vspace"><small>Schaaffhausen, Hermann: Die Entwicklung des Menschengeschlechtes und die Bildungsfähigkeit seiner Rassen. In: Schaaffhausen, Hermann: Anthropologische Studien, Bonn 1885, 222-235</small></p>
<p class="vspace"><small>Schwidetzky, Ilse: Über Wege rassenkundlicher Untersuchungen. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 40, 1943, 179-184</small></p>
<p class="vspace"><small>Schwidetzky, Ilse: Rassen und Rassenbildung beim Menschen. Stuttgart/New York 1979</small></p>
<p class="vspace"><small>Seidler, Horst/ Rett, Andreas: Das Reichssippenamt entscheidet. Rassenbiologie im Nationalsozialismus. Wien, München 1982</small></p>
<p class="vspace"><small>Seidler, Horst/ Rett, Andreas: Rassenhygiene, ein Weg in den Nationalsozialismus. Wien, München 1988</small></p>
<p class="vspace"><small>Seidler, Horst: Einige Bemerkungen zur sogenannten Rassenkunde unter besonderer Berücksichtigung der deutschsprachigen Anthropologie. In: Preuschoft, Holger/ Kattmann, Ulrich (Hrsg.): Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Oldenburg 1992, 75-101</small></p>
<p class="vspace"><small>Senglaub, Konrad: Sie sind veränderlich. Eine Einführung in die Fortpflanzungs- und Entwicklungsbiologie der Tiere. Leipzig 1982</small></p>
<p class="vspace"><small>UNESCO-Workshop: Stellungnahme zur Rassenfrage. In: Biologen in unserer Zeit, Nr. 5/1996, 71-72</small></p>
<p class="vspace"><small>Vogel, Christian: Menschliche Stammesgeschichte &#8211; Populationsdifferenzierung. Biologie in Stichworten, V Humanbiologie. Kiel 1974</small></p>
<p class="vspace"><em>Anmerkungen</em></p>
<p class="vspace"><em>[Note 1] Überarbeitete Fassung des im Rahmen der Ringvorlesung »Humanbiologie auf dem Prüfstand der Sozial- und Kulturwissenschaften« am 10. 7. 1997 gehaltenen Vortrages. Veröffentlicht in Kaupen-Haas/Saller (1999). Die vorliegende Fassung wurde um Literaturhinweise ergänzt.</em></p>
<p class="vspace"><em>Quelle: <a rel="nofollow" href="http://www.shoa.de/rassenlehre.html" target="_blank">shoa.de</a></em></p>
<div style="clear:both"></div>]]></content:encoded>
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		<title>Staatsantifa &#8211; nein Danke!</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 17:52:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa / Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Seit Jahren übte sich Deutschland und seine Regierenden im Wegsehen, Verdrängen und Schönreden von neonazistischer Gewalt: Angriffe von Rechten auf ausländische Mitmenschen, bei denen manches Mal PolizistInnen untätig daneben stehen, wurden durchwegs als Einzelfälle, als unpolitische Taten von wenigen Verirrten verharmlost.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-371"></span><strong>Der offizielle Antifaschismus nach Düsseldorf</strong><br />
<em>Manuskript der Schwarze Katze Radiosendung Mitte 2000</em></p>
<p>Seit Jahren übte sich Deutschland und seine Regierenden im Wegsehen, Verdrängen und Schönreden von neonazistischer Gewalt: Angriffe von Rechten auf ausländische Mitmenschen, bei denen manches Mal PolizistInnen untätig daneben stehen, wurden durchwegs als Einzelfälle, als unpolitische Taten von wenigen Verirrten verharmlost. Seit Düsseldorf scheint alles anders: plötzlich ist überall von rechtsextremistischem Terror die Rede, der Deutschland bedrohe, so als wäre dieser quasi über Nacht entstanden. Nachdem die (inter-)nationale Aufmerksamkeit erregt wurde und sich der Bombenanschlag von Düsseldorf und seine Opfer nicht unter den Teppich kehren ließen, kehrt Deutschland nun den Antifaschismus nach außen. Alle sind sich einig: es muss was getan werden gegen die rechte Gefahr.</p>
<p>Worum geht es dabei wirklich? Anhand dieser Kernfrage versuche ich in diesem Text, die Absichten hinter der staatlichen Kampagne gegen Rechts zu analysieren. Dies will ich am Verhalten der Medien verfolgen, auch, um ihre Rolle für die aktuelle Debatte und ihre Folgen beurteilen zu können.</p>
<p>Wenn eines klar heraus gestellt werden muss dann dies: Neonazis sind nicht erst seit Düsseldorf ein Problem und sogenannte Einzelfälle haben Kontinuität, die nachdenklich stimmen sollte: Im Jahr 1999 wurden 7000 rechtsextreme Straftaten registriert, drei Menschen wurden getötet. Dies gab Innenminister Schily auf Anfrage der PDS-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke bekannt. 327 Menschen wurden verletzt, 37 jüdische Grabstätten geschändet und 48 Sachbeschädigungen mit antisemitischem Hintergrund angezeigt. Es gab 29 Brandanschläge auf Ausländer &#8211; und Asylbewerberheime, deutlich mehr als im Vorjahr. Doch die tatsächlichen Zahlen dürften weitaus höher liegen, da viele Straftaten gar nicht zur Anzeige gebracht werden oder ihnen von staatlicher Seite ein politischer Hintergrund abgesprochen wird. Ein rhetorische Frage: Haben &#8220;National befreite Zonen&#8221; im Osten Deutschlands, in denen AusländerInnen, Linke und sonstige AbweichlerInnen sich nicht mehr auf die Strasse trauen können, nicht hinlänglich bewiesen, dass es sich bei NeofaschistInnen weder um verirrte Jugendliche, noch um saufende Idioten handelt, die ab und zu fremdenfeindliche Parolen von sich geben?</p>
<p>Auch im Märkischen Kreis sind Neonazis aktiv: so führt z.B. das Deutsche Kulturwerk in Letmathe regelmässig Bildungsveranstaltungen durch, bei denen Nazis wie Manfred Röder am 15. Juni 2000 ihre menschenverachtende Weltsicht ungehindert verbreiten können. Manfred Röder, der wegen eines Anschlages auf ein Asylbewerberheim im Gefängniß saß, konnte an diesem Abend in einer Letmather Gaststätte einen Vortrag mit dem eindeutigen Titel &#8220;Wir bauen das Reich&#8221; halten, zu welcher die angereisten Neonazis sogar noch von der Polizei eskortiert wurden, um sie vor autonomen AntifaschistInnen zu schützen, welche aus allen Teilen NRWs gekommen waren, um die rechte Veranstaltung zu verhindern.</p>
<p>Neonazis sind nicht erst seit Düsseldorf ein Problem, mit dem mensch sich auseinander setzen muss. Anderes kann nur behaupten, wer die Augen vor der Wirklichkeit in Deutschland seit Jahren konsequent verschließt. Warum sind Neonazis dann erst in den letzen Wochen ein Thema für die etablierte Politik geworden? Der Bombenanschlag in Düsseldorf hat ein internationales Aufsehen erregt, so dass es für die Regierenden weder möglich noch politisch tragbar war, den Vorfall zu vertuschen, darüber hinwegzugehen wie bei all den anderen Vorfällen in der Vergangenheit. Die Spekulationen über einen neonazistischen Hintergrund des Attentats, der bis heute ebenso ungeklärt wie fraglich ist, verstärkt den Druck, welcher durch den erwartenden Blick der Welt produziert wird.</p>
<p>In den Aussagen der PolitikerInnen wird in der Folge immer wieder deutlich, wovor sie sich wirklich fürchten: Die braune Gefahr wurde und wird vor allem als eine Gefahr für das Ansehen Deutschlands betrachtet und zusehends darauf reduziert. Immer wieder ist von einer &#8220;Schande für Deutschland&#8221; die Rede, so z.B. Brandenburgs Innenminister Stolpe. Bundeskanzler Schröder wurde da noch unmissverständlicher als er das Ausland aufforderte, sein Deutschlandbild nicht mit den aktuellen schlimmen Entgleisungen gleich zu setzen. In Düsseldorf stirbt durch einen Bombensplitter ein Kind im Bauch seiner Mutter und Deutschland tut nichts anderes, als um sich zu blicken und sorgenvoll vor sich hin zu reden: &#8220;so können wir vor denen doch nicht da stehen.&#8221; Von AusländerInnen, welche schon durch ihre Bezeichnung als solche diskriminiert werden, von Homosexuellen, von Flüchtlingen und anderen Minderheiten, denen, welche tagtäglich von Gewalt durch Neonazis bedroht sind, fehlt in den Reden der selbsternannten VolxvertreterInnen jede Spur. Sie, die Politiker an der Macht sehen im Neonazismus eine Bedrohung für das Investitionsklima in diesem Land. Es geht nicht um Menschen, sondern um den Wirtschaftsstandort und die Weltmacht Deutschland, die ihr hochpoliertes Image und ihre geheiligte Profitrate bedroht sieht. Im Angesicht solcher Menschenverachtung wirken all ihre wortgewaltigen Empörungen über die menschenfeindlichen Untaten der Nazis wie leere Sprechblasen, mit denen die Opfer nur ein weiteres Mal verhöhnt werden.</p>
<p>Wie schon bei der Kampagne gegen Kampfhunde ist der Einfluss der meinungsbildenden Medien auch bei der staatlichen Kampagne gegen Rechts von entscheidender Bedeutung gewesen. Dabei lassen sich drei Phasen erkennen, welche eng ineinander verzahnt sind und welche ich im folgenden darzustellen versuche.</p>
<p>Phase eins. Am Anfang wird auf Betroffenheit gesetzt, die Menschen sollen emotional angesprochen werden. Das Entsetzen über das Attentat von Düsseldorf und das Mitleid für die Opfer steht im Vordergrund. Dies hat zur Folge, dass es den Menschen leicht gemacht wird, neonazistische Gewalt auf der rein emotionalen Ebene abzuhandeln und dabei stehen zu bleiben, wie Menschen nur so etwas tun können. Deshalb wird im folgenden auch nirgends ernsthaft die Frage aufgeworfen, worin die gesellschaftlichen Ursachen für Neonazismus begründet liegen, welche eine tiefgreifende Analyse erfordert hätte. Diese erste Phase stellt also, um es mal nett auszudrücken, ein emotionale Vorbereitung dar, auf die alles Weitere aufbaut.</p>
<p>Phase zwei. In den nächsten Wochen nach dem Bombenanschlag gibt es keinen Tag, in dem nicht über neue Taten von Neonazis berichtet wird. Weil zu viele Menschen von den herrschenden Medien und den von ihnen gegebenen Informationen abhängig sind, wird es leicht möglich, das beängstigende Bild einer Welle rechten Terrors zu schaffen. Die Medien konstruieren so eine Wirklichkeit, welche logischerweise den falschen Eindruck bei den Menschen hervor rufen muss: &#8220;Oh mein Gott, warum passiert im Moment bloß so viel?&#8221; Brutalste Übergriffe von FaschistInnen auf sogenannte AusländerInnen, bei denen diese bis in den Tod getrampelt werden, sind in diesem Land eine anhaltende, bittere Normalität. Aber für zu viele erweckten und erwecken die gehäuften Meldungen über rechte Gewalt den Anschein, dass es sich um ein momentanes &#8220;Hoch&#8221; handele. Viel sagt dies darüber aus, wie die Medien die Wahrnehmung der Menschen bestimmen: Gewalt von Neonazis gibt es (nicht) nur dann, wenn die Tageszeitungen darüber berichten. Doch wenn es für die Massenmedien in absehbarer Zeit nicht mehr lukrativ ist, über diese Untaten zu berichten, hören die Angriffe auf Flüchtlinge, auf Homosexuelle und Andersartige sicher nicht auf. Schon die Zahl der Meldungen, die vorher keinen Wert für die Medien besessen haben, muss die desinformierten NachrichtenhörerInnen überrollt haben. Wieder werden also ganz bewusst die Gefühle der Menschen angepeilt: die Angst um die eigene Sicherheit, an der in der letzen Phase angesetzt wird.</p>
<p>Phase drei. PolitikerInnen aller colouer fordern ein hartes Vorgehen gegen Neonazis, dass sich in den Schlagzeilen der Zeitungen wieder spiegelt: &#8220;Kanzler für Härte im Kampf gegen Rechts&#8221; oder &#8220;NRW nimmt braune Schläger ins Visier.&#8221; Doch es bleibt nicht bei der abstrakten Forderung: in den folgenden Tagen zeigt sich, dass mensch über sehr konkrete Vorstellung und Pläne verfügt, die wohl schon länger bereit stehen: Diskussionen setzen sich in Gang darüber, ob die NPD verboten werden soll. CDU und SPD wollen Schnellgerichte und Schnellverfahren für Neonazis, eine härtere Strafverfolgung. Rechte sollen mit Berufsverboten belegt und aus Betrieben heraus geschmissen werden. Eine Einschränkung des Demonstrationsrechts und eine Verschärfung des Jugendstrafrechts wird gefordert. Es soll eine zentrale Datenbank für rechte Gewalttäter aufgebaut werden. Es wird überlegt, wie das Internet überwacht werden kann, in dem sich zahlreiche rechte Homepages finden, über die z.B. faschistische Musik vertrieben wird. Seit einigen Tagen besuchen PolizistInnen Anhänger der rechten Szene, um mögliche Gewalttäter vor Übergriffen auf Ausländer und Obdachlose zu warnen.</p>
<p>Nun kristallisiert sich in aller Deutlichkeit heraus, welches Ziel hinter der Kampagne gegen Rechts wirklich steckt: der Ausbau des Überwachungstaates, der gleichbedeutend mit der Aushöhlung von Bürgerrechten ist. Dabei stellen die Neonazis lediglich einen Vorwand dar, welcher die Menschen davon überzeugen soll, dass all diese Maßnahmen vernünftig und unausweichlich sind. Staatliche Repression und ihre Verschärfung wird medial zu der einen Lösung hochstilisiert: Alternativen, die nicht auf Ausdehnung staatlicher und polizeilicher Eingriffe in das Leben aller basieren, sondern &#8220;von unten&#8221; ausgehen, sprich die Stärkung einer antifaschistischen Basisbewegung zu Ziel haben könnten, werden nicht angeboten. Auf solche Weise wird ein Konsens produziert, den die Massenmedien mit zu verantworten haben. Und all das, was schon lange bereit steht oder schon längst eingesetzt wird, erfährt durch die Kampagne seine Rechtfertigung: genetischer Fingerabdruck, flächendeckende Überwachung mit Videokameras oder die elektronische Fußfessel, mit der das Gefängnis und die entstehenden Kosten in das eigene Heim importiert werden. Über sie kann in nächster Zukunft ebenso offen geredet werden, da die Mehrheit der Bevölkerung den durch Politik und Medien vorbestimmten Kurs angenommen hat: In einer Umfrage stimmten 93% der Befragten darin überein, dass rechtsextremistische TäterInnen härter verfolgt werden sollen.</p>
<p>Schöne neue Welt&#8230;und das alles natürlich nur, um die Menschen vor braunem Terror zu schützen. Was stört es da schon, dass dadurch unser aller Freiheit immer mehr eingeschränkt wird? Geblendet vom Szenario haben die Menschen nicht erkannt, dass er erweiterte Repressionsapparat nicht nur gegen Rechte, sondern gegen alle eingesetzt werden wird, vorrangig gegen die, welche sich für ein von Zwang und Ausbeutung befreites Leben jenseits einer staatlichen Ordnung einsetzen.</p>
<p>Neonazismus ist für die herrschende Politik nur interessant geworden, weil sie ihn als gut getarntes Vehikel nutzbar machen konnte, um die Umwandlung zum Überwachungsstaat, in dem jede und jeder verdächtig ist, voran zu treiben. Verlogen ist der offizielle Antifaschismus auch aus einem anderen Grund: diejenigen, die sich zur Zeit für eine härtere Strafverfolgung der Neonazis stark machen, haben mit ihrer auf Ausgrenzung beruhenden Politik erst eine Atmosphäre geschaffen, in der Neonazis das Gefühl haben können, den sogenannten Volxwillen auszuführen. Diejenigen, welche sich heute für ein NPD Verbot aussprechen, haben in den letzten Jahren viele der Forderungen von rechtsradikalen Parteien eingelöst: die faktische Abschaffung des Asylrechts, beschleunigte Abschiebeverfahren und ein abgeschottetes Europa. Sind Parolen wie &#8220;Deutschland ist kein Einwanderungsland&#8221; und &#8220;Kinder statt Inder&#8221; (Jürgen Rüttgers) nicht rassistisch, nur weil sie von der CDU kommen? Ist es nicht menschenverachtend, wenn ein Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim damit dokumentiert wird, es handle sich &#8220;um den Ausdruck berechtigter Ängste gegen Überfremdung?&#8221;</p>
<p>Es sind nicht die rechtsradikalen sondern die etablierten Parteien gewesen, welche das Asylrecht ausgehöhlt und es in einen Hohn seiner selbst verwandelt haben. Die Debatte um &#8220;ausländische&#8221; SpezialistInnen hat nur offen gezeigt, worauf schon lange hin gearbeitet wurde: das Grundrecht Asyl, ursprünglich gedacht als ein individueller, rechtlich durchsetzbarer Anspruch von Flüchtlingen, Schutz gewährt zu bekommen, soll zu einem von oben herab zugestandenen Privileg von wenigen werden. Das Ziel wird heute nicht einmal verheimlicht: Eine Einwanderung, die sich an den Bedürfnissen der Bundesrepublik Deutschland orientiert. In Deutschland ist nur noch der oder die willkommen, welche sich für die Wirtschaft verwerten lässt, z.B. indische InformatikerInnen. Menschen, welche vor staatlicher Gewalt, vor politischer oder geschlechtsspezifischer Verfolgung im eigenen Land fliehen, gehören nicht dazu. Ein letzter Satz dazu, der alles andere als eine Parole darstellt: Die Würde des Menschen ist schon viel zu lange angetastet.</p>
<p>Gewerkschaften, Sportvereine und selbst die UnternehmerInnen sind mit dabei im Bündnis gegen Rechts, aber wer tut etwas gegen die braune Gefahr? Es war schon immer zu wenig, Toleranz gegenüber andersartigen Menschen zu fordern und Neonazis werden sich sicher nicht bekehren lassen. Rassismus wird in dieser Gesellschaft immer wider aufs Neue produziert: &#8220;AusländerInnen&#8221; werden für soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit, Kriminalität verantwortlich gemacht, Flüchtlinge werden als Schmarotzer bezeichnet, die nur in die BRD kommen, um sich um Wohlstand zu baden. Um Verschärfungen des Asylgesetzes durchzusetzen werden Ängste vor (sic!) Flüchtlingswellen (&#8220;Asylantenflut&#8221;) geschürt, ein Begriff, der dem Vokabular des Nationalsozialismus entlehnt ist und verdeutlicht, dass es nie einen Bruch zum Dritten Reich gegeben hat, dass diese Gesellschaft in ihrem Kern immer noch rassistisch ist. Und von PolitikerInnen der CDU wird dies dann so dargestellt, dass diese (sic!) berechtigten Ängste abgebaut werden können, indem Einwanderung kontrolliert, beschränkt oder verunmöglicht wird. Denkt mensch diese Argumentation zu ende, die selbst schon rassistisch gefärbt ist, bedeutet dass: weil so viele &#8220;AusländerInnen&#8221; in die BRD kommen, entsteht Fremdenfeindlichkeit unter den Menschen. So drehen die RassistInnen die Perspektive um. Die &#8220;AusländerInnen&#8221; selber sind die Ursache für Ausländerfeindlichkeit, und müssen daher weg. Immer wieder muss deshalb betont werden: Das Problem sind und bleiben die RassistInnen.</p>
<p>Und alle, für die Antifaschismus nicht nur auf dem Papier existiert, die sich zusammentun, um sich gemeinsam gegen die Neonazis zu wehren und so aus der Rolle des hilflosen Opfers raus zu kommen, werden vom Staat verfolgt und kriminalisiert, wie das genannte Beispiel Letmathe einmal zu häufig bestätigt hat: die AntifaschistInnen werden von der Polizei eingekesselt und den Neonazis der Weg frei gemacht, damit sie sich in Ruhe fortbilden lassen können. In Klammern: &#8220;Wir bauen das Reich.&#8221; Was noch übrig bleibt, wenn mensch als staatstreueR BürgerIn antifaschistisch &#8220;aktiv&#8221; werden will, bringt Herr Becksteins (CSU) Rat in einer Fernseh-Diskussionsrunde zum Ausdruck: Wenn man rechte Gewalt beobachte, solle man nicht den Helden raus kehren und eingreifen, aber mit dem Handy die Polizei informieren. Und den Krankenwagen am besten gleich mit, denn bis die Polizei da ist sind die FaschistInnen mit ihrem Opfer längst fertig. Was hier Zivilcourage genannt wird bedeutet in Wirklichkeit, untätig daneben zu stehen, wenn andere Menschen und ihr Leben bedroht werden, sich auf PolizistInnen zu verlassen. Die eigene Verantwortung wird dabei abgeschoben, ebenso wie die Auseinandersetzung mit Gewalt und der Frage, wie mensch selbst mit dieser umgehen soll. Und in einer gewalttätigen Gesellschaft wie dieser muss erst einmal diese Frage gestellt werden, um Veränderung denkbar und möglich zu machen, egal, wie die persönliche Antwort auch aussehen mag.</p>
<p><em>Schwarze Katze, Postfach 41 20, 58664 Hemer, <a href="http://www.free.de/schwarze-katze/" target="_blank">http://www.free.de/schwarze-katze/</a> </em></p>
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		<title>Die Freien Kameradschaften der Nazis</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 16:32:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa / Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kameradschaften]]></category>
		<category><![CDATA[NPD]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Während die rechtsextreme NPD auf das Verbot durch das Bundesverfassungsgericht wartet, werden die Freien Kameradschaften immer aktiver. Sie rekrutieren ihre Mitglieder erfolgreich unter Skinheads und rechten Jugendlichen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-354"></span><strong>25-09-2002 Militanz statt starrer Parteidisziplin</strong></p>
<p>Während die rechtsextreme NPD auf das Verbot durch das Bundesverfassungsgericht wartet, werden die Freien Kameradschaften immer aktiver. Sie rekrutieren ihre Mitglieder erfolgreich unter Skinheads und rechten Jugendlichen Sie nennen sich &#8220;Siegener Bärensturm&#8221;, &#8220;Nationaler Widerstand Stuttgart&#8221; oder &#8220;Kameradschaft Germania&#8221;: die so genannten Freien Kameradschaften, von denen es nach offiziellen Angaben der Verfassungsschutzämter rund 150 in ganz Deutschland geben soll.</p>
<p>In den letzten Jahren hat ihre Bedeutung für die rechtsextreme Szene regional erheblich zugenommen. Insbesondere in Norddeutschland, aber auch in Brandenburg und in einigen Berliner Stadtbezirken haben die Kameradschaften die NPD längst in den Schatten gestellt. Vor allem rechtsextreme Skinheads, von denen in Deutschland im vergangenen Jahr offiziell über 12.000 gezählt wurden, fühlen sich zu den Kameradschaften hingezogen: Hier wird ihnen die ganze Palette einer geschlossenen rechten Erlebniswelt geboten: gemeinsame Konzertbesuche, so genannte Kameradschafts- und Liederabende, größere und kleinere Demonstrationen oder Flugblattverteilaktionen vor dem örtlichen Supermarkt.</p>
<p>Aber auch rechte Kneipen, so genannte nationale Fußballturniere oder Tätowiershops gehören inzwischen dazu: Die Kameradschaften verbinden politische Organisierung mit einem eng gefassten Netz sozialer Kontrolle und Zugehörigkeit. Ihr offensives Auftreten &#8211; etwa bei kommunalen Veranstaltungen im nördlichen Vorpommern &#8211; macht sie mancherorts längst zu lokalen Machtfaktoren &#8211; vor allem in der Jugendszene. Ideologisch lassen sich die meisten Kameradschaften auf einen einfachen Nenner bringen. Sie orientieren sich am Nationalsozialismus und der NSDAP, propagieren extremen Antisemitismus und Rassismus. Ganz direkt formuliert es beispielsweise die Berliner Kameradschaft Germania.</p>
<p>Die sieht sich in der Tradition der &#8220;politischen Soldaten&#8221; der nationalsozialistischen SA. Ihre Militanz und ihr Aktionismus erscheinen vielen jugendlichen Rechtsextremen wesentlich attraktiver als die starre Parteidisziplin der NPD.</p>
<p>Nach außen hin wird zwar der Eindruck eines losen und informellen Zusammenschlusses erweckt. Doch intern sind die Hierarchien durchaus festgeklopft. Zu den bundesweit führenden Köpfen zählen die Hamburger Neonazis Christian Worch und Thomas Wulff sowie eine Hand voll langjähriger Neonaziaktivisten, die sowohl in West- als auch in Ostdeutschland aktiv sind. Noch warten sie den Ausgang des NPD-Verbotsverfahrens ab. Dann wollen sie das Erbe antreten.</p>
<p><em><strong>HEIKE KLEFFNER</strong></em></p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.hagalil.com/" target="_blank">http://www.hagalil.com/</a></em></p>
<div style="clear:both"></div>]]></content:encoded>
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		<title>Völkischer Antikapitalismus</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/volkischer-antikapitalismus</link>
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		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 13:34:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa / Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[JN]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[NPD]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtspopulismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Die extreme Rechte greift linke Terminologie auf. Damit dringt sie tief in die Arbeiterklasse ein]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-327"></span><strong>Die extreme Rechte greift linke Terminologie auf. Damit dringt sie tief in die Arbeiterklasse ein </strong><em>Von Christina Kaindl</em></p>
<ul>
<li> <em>Der Verein »Helle Panke zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V.« aus Berlin veranstaltete vom 6. bis 8. September 2006 die Tagung »Transnationale Verhältnisse – Rechtsextremismus, Staat und Kapitalismus«. Die Referenten stellten Entwicklungen der extremen Rechten in Rußland, Indien und Europa/Deutschland vor und zeigten die Zusammenhänge dieser Entwicklungen mit der globalen Veränderung des Kapitalismus auf. jW veröffentlicht den überarbeiteten Beitrag der Organisatorin dieser Tagung. </em></li>
</ul>
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<p>Ernst Bloch analysierte in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, wie die faschistische Bewegung ihre Propaganda mittels »Entwendungen aus der Kommune«1 – rote Fahne der Arbeiterbewegung, ihre Aufmärsche, ihre Lieder etc. – mit revolutionärem Schein ausstaffierte. Als die Sozialdemokratie in den neunziger Jahren ihr Programm auf einen »reformierten Neoliberalismus« umstellte, konnte sie in fast allen europäischen Ländern Regierungsverantwortung übernehmen. Damit zog sie aus der Kommune aus, räumte friedlich ihren Platz und rief dadurch eine Situation hervor, die man mit Antonio Gramsci als Krise der Repräsentation bezeichnen kann: Die Interessen von relevanten Teilen der Bevölkerung, besonders der arbeitenden, werden vom herrschenden Parteienspektrum nicht mehr vertreten. »Wenn diese Krisen eintreten«, so Gramsci, »wird die unmittelbare Situation heikel und gefährlich, weil das Feld frei ist für die Gewaltlösungen, für die Aktivität obskurer Mächte, repräsentiert durch die Männer der Vorsehung oder mit Charisma.«2</p>
<p>Vor dem Hintergrund dieser Repräsenta­tionskrise kommt es schließlich europaweit zu Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien. Sie gewinnen aber nicht mit einem neoliberalen Programm, sondern gerade mit der Kritik an den Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen. Den rechten Parteien gelingt es, genau in die »Lücke in der Repräsentation« vorzudringen und sich als neue Vertreter der Arbeiter, der Globalisierungsverlierer, aber eben auch der »guten alten ehrlichen Arbeit« darzustellen. Gerade das Zusammenbringen unterschiedlicher, zum Teil divergierender sozialer Milieus und Interessen zeigt bei einigen rechten Konstellationen eine politische Stärke, auch wenn sie auf inkonsistenten Programmen und Theorien basiert.</p>
<p><strong>Völkische Kapitalismuskritik</strong> Die Orientierung auf Antikapitalismus, speziell die Kritik an Liberalismus, Sozialabbau und Globalisierung, ist mit Inhalten besetzt, die ein Anknüpfen an alltäglichen Problemlagen und Erfahrungen ermöglichen. Der französische Front National etwa wandelte sein neoliberales Entstaatlichungsprogramm, das auf Deregulierung, Steuersenkung und Verschlankung des öffentlichen Dienstes beruhte, zu einem Programm, das die »internationale Wirtschaftsideologie« als Feind Nummer eins ansah. Parallel wandelte sich die Wählerbasis aus traditionellen, aber radikalisierten konservativen Rechten zum Kleinbürgertum, zur Arbeiterschicht und dann zunehmend auch zu Arbeitslosen und Jungwählern.</p>
<p>Selbst rechtsextreme Politikprojekte, die mit dem Neoliberalismus weiterhin im Bunde sind, kritisieren die durch Globalisierung hervorgebrachten gesellschaftlichen Veränderungen. So ergänzt die italienische Lega Nord, die sich aggressiv auf die Ersetzung staatlicher Regulationen durch Marktmechanismen als einem zentralen neoliberalen Ideologem bezieht, ihren Ökonomismus durch einen positiven Bezug auf den Lebenszusammenhang, in dem spezifische Kultur und die eigene Ethnie eingeschmolzen sind und Entfremdung aufgehoben.</p>
<p>Das ideologische »Mischungsverhältnis« der beiden Traditionen rechtsextremer bzw. autoritär-populistischer Ideologien bei den europäischen Rechten hängt dabei auch von den Konstellationen zwischen Regierung und Opposition ab. Die NPD in Deutschland – die von jeder Regierungsbeteiligung weit entfernt ist, statt dessen ziehen sich autoritär-populistische Positionen als »Unterströmung« durch fast alle Parteien– hat 1996, als Udo Voigt den Parteivorsitz übernahm, ihre ideologische Ausrichtung korrigiert: »vom besitzbürgerlich ausgerichteten Deutsch-Nationalismus«3 zu einem völkischen Sozialismus. Damit ging eine strategische Umorientierung einher, die weniger auf Wahlsiege und Parlamentssitze als auf Demonstrationen setzte; über die Jugendorganisation gelang eine Annäherung an die parteifernen Kameradschaften; ideologische Schulungen etc. eröffneten als quasi zivilgesellschaftliche Orientierung den »Kampf um die Köpfe«.4 Mit solchen Schulungen und gemeinsamen Kampagnen haben vor allem die Jungen Nationaldemokraten (JN) in den letzten Jahren versucht, die Kluft zwischen parteinahen und »freien« Kameradschaften zu überbrücken. In den Bereichen der extremen Rechten, die sich selbst als »soziale Bewegung« verstehen, zeigt sich ein Wandel der Politikformen: Die klassischen Insignien rechtsextremer Politik treten in den Hintergrund oder werden neu eingebettet in zunehmend »poppig« gestaltete Konzepte, Webseiten, Transparente, mit denen es gelingen soll, an ein breiteres Spektrum der Jugendsubkulturen anzuknüpfen.</p>
<p>Betrachtet man die Kampagnen und Mobilisierungen der »Bewegungsrechten«, zeigen sich zentrale thematische Überschneidungen mit den Programmen und Kampagnen der rechten Parteien. Da sie keine »realpolitischen« Optionen bedienen müssen, stellen sie sich radikaler dar. Zentrales Thema der JN/NPD ist der völkische Nationalismus, dem etwa rassistische Argumente nachgeordnet sind, bzw. diese werden vom Nationalismus abgeleitet. Grundlage ist ein Verständnis von Nation, die auf einem einheitlichen Volk basiert, das eine gemeinsame Abstammungsgeschichte hat. Die Selbstbestimmung des »Volkes« werde untergraben durch Fremdeinflüsse – genannt Imperialismus – der auf politischen, ökonomischen und kulturellen Ebenen agiere und dort zu bekämpfen sei. Die »Fremdeinflüsse« sind äußere und innere Feinde: äußere wie etwa multinationale Konzerne und supranationale Organisationsformen (EU, NATO), die nicht auf Grundlage des Ethnopluralismus5 existieren; innere Feinde wie etwa ausländische Wohnbevölkerung. Der Kampf gegen den »Imperialismus der Multis und der USA« nimmt dabei einen zentralen Stellenwert ein. Das Andocken an Kapitalismuskritik und ihre Umdeutung ins Völkische ist eine Strategie, derer sich auch der historische Faschismus bedient hat.</p>
<p>Kulturelle Vielfalt wird als »Vernichtung der Kultur« und damit als »Vernichtung des Volkes« gesehen. Entsprechend sind die Anwesenheit von »Volksfremden« in der Gesellschaft – hier vor allem Ausländer, aber die Argumentation ist offensichtlich anschlußfähig, um auch gegen andere, innere »Volksschädlinge« gerichtet zu werden – und die gesellschaftlichen Prozesse Globalisierung, Verbreitung transnationaler Unternehmen und supranationale Organisierung Aspekte des gleichen, existentiell bedrohlichen Vorgangs: der imperialistische Kampf gegen das Volk, dem der Nationalismus als »Befreiungsbewegung« gegenübergestellt wird.</p>
<p>Gegen die Fremdeinflüsse wird die Einheit und Gleichheit des Volkes gestellt. Die Volksgemeinschaft verspricht auch soziale Absicherung: »Der Nationalismus erstrebt soziale Gerechtigkeit und nationale Solidarität.«6 Dieses Verständnis korrespondiert mit »Querfrontstrategien«, in denen Verbindungen von rechts nach links gesucht werden, um »gegen das System« »für das Volk« zu arbeiten. So versucht sich die extreme Rechte, an die sich allgemein als links verstehende Globalisierungsbewegung anzubiedern oder – wo es möglich ist – sie zu integrieren und stellt gemeinsame Politikmöglichkeiten heraus.</p>
<p>Indem multinationale Konzerne und die Anwesenheit von Flüchtlingen, von ausländischen Mitbürgern etc. in Deutschland vom rechten Standpunkt aus als zwei Seiten der gleichen Medaille verstanden werden, kann das eine unmittelbar im anderen bekämpft werden. Rassistische Gewalt ist dann unmittelbar Antiglobalisierungspolitik. Die Komplexität der realen Zusammenhänge zwischen beiden Seiten muß nicht mehr gedacht werden, die Erfahrung von politischer Hilflosigkeit angesichts globaler Prozesse kann in Handlungen umgesetzt werden.</p>
<p>Aktuell starten die JN in Kooperation mit verschiedenen Kameradschaften eine »antikapitalistische und antiglobalistische Kampagne ›Zukunft statt Globalisierung‹«.7 In ihr wird zusammengeführt und systematisiert, was sich in den letzten Jahren verstärkt als Bezugspunkte rechtsextremer Mobilisierungen gezeigt hat: Arbeitslosigkeit, Niedriglohn und prekäre Beschäftigungsverhältnisse (Aufruf, S. 4) werden als Krisenerscheinungen des Kapitalismus gefaßt. In der Schulungsbroschüre »Privatisierung«8 wird das »Volkseigentum« gegen die »Ausplünderung« verteidigt. Die Sachzwanglogik herrschender Politik wird angegriffen und eine »mögliche Alternative zum bestehenden System« entgegengestellt. Gegen das US-Imperium gelte es, einen »eurasischen Block der Völker« als Element einer antiimperialistischen Abwehr und einer neuen völkerorientierten Weltordnung herzustellen. In völkischer Reartikulation der zapatistischen Losung »eine Welt, in der viele Welten Platz haben«, rufen sie zur Ablösung der »einen Welt des Kapitals« durch eine »Welt der tausend Völker« auf.</p>
<p>»Nazitum bildet [...] einen Schutzraum für die widersprechende Unruhe, damit sie ja nicht erwache«, schrieb Bloch9 über die Widersprüche des aufziehenden deutschen Faschismus, in dem sich auch der Kampf gegen veraltete Lebensweisen und die Sehnsucht nach dem Gewesenen zusammenfanden. Die Bildung des geschichtlichen Blocks gelang damals mit der Bei- und Unterordnung der völkisch-antikapitalistischen Fraktion unter die Fraktion des Großkapitals.10</p>
<p><strong>Frustration in Politik verwandeln</strong> Das Nebeneinander von neoliberalem Rechtspopulismus und extremer »Bewegungsrechter« macht die Rechte nicht für die Bildung geschichtlicher Blöcke uninteressant: Sie organisieren Zustimmung für die parteimäßig verfaßten Formen des Rechtsextremismus. Und sie sammeln die »anderen« Parteien unter einer Fahne, zwingen linke Politikoptionen in den »Konsens der Demokraten«, im Zweifelsfall delegitimieren sie Kritik am Sozialabbau. Nach ihrer Abwahl haben die rechten Parteien den gesellschaftlichen Konsens deutlich nach rechts verschoben. Doch was sind die »Widersprüche«, die hier ruhiggestellt werden? Die Siren-Untersuchung11 konnte das Ineinandergreifen von subjektiven Erfahrungen neoliberaler Umstrukturierungen und dem Hinwenden zu rechtsextremen Argumentationen zeigen. Zentral scheint die Erfahrung, daß die einzelnen ihre Position in der sozialen Welt aufgrund der veränderten (je konkret für hochqualifizierte IT-Arbeiter wie für prekarisierte Putzfrauen herausgearbeiteten) gesellschaftlichen Anforderungen überdenken müssen. Es entstehen Gefühle von Ungerechtigkeit und Frustration, weil die Menschen trotz schwerer Arbeit und schmerzlicher Unterordnung nicht in der Lage sind, die angestrebte Position zu erreichen.</p>
<p>Das Gefühl des »aufgekündigten Gesellschaftsvertrages« bezieht sich auf die implizite Vorstellung, daß »harte Arbeit« gesellschaftliche Absicherung, Lebensstandard und Anerkennung einbringe. Die Enttäuschten äußern durchaus Bereitschaft, härter zu arbeiten und mehr zu leisten, müssen aber feststellen, daß ihre legitime Erwartungen an verschiedene Aspekte der Arbeit, des sozialen Status oder Lebensstandards dauerhaft frustriert werden: Der Vertrag ist einseitig gekündigt worden. Dies führt zu Ungerechtigkeitsgefühlen und Ressentiments in bezug auf andere soziale Gruppen, die sich den Mühen der Arbeit anscheinend nicht in gleichem Maße unterziehen und für die besser gesorgt wird oder die ihre Sachen (illegal) selbst arrangieren: einerseits Manager, Politiker mit hohem Einkommen, die sich großzügige Pensionen zusprechen, andererseits Menschen, die von der Wohlfahrt leben, statt zu arbeiten, oder Flüchtlinge, die vom Staat unterstützt werden. »Diese gestörte Balance in ihrem Bezug zur Arbeit bei gleichzeitigem Mangel an legitimen Ausdrucksformen für das Leiden scheint in vielen Fällen der Schlüssel für das Verständnis des Zusammenhanges zwischen sozioökonomischem Wandel und politischen Reaktionen zu sein.«12 Politische Botschaften und Ideologien des Rechtspopulismus, die die zweifache Abgrenzung »des Volkes« von Eliten oben und Ausgestoßenen unten in Anschlag bringen, finden hier Resonanz. Die Abgrenzung von angeblich untätigen Leistungsempfängern, also Flüchtlingen, Sozialhilfebeziehern, Kranken und Behinderten, findet sich dabei bis in die höchsten Hierarchieebenen der Beschäftigten (oft als Wohlstandschauvinismus bezeichnet) und ist auch in gewerkschaftlichen Kreisen verbreitet.</p>
<p>Zentral ist außerdem die Angst vor Deklassierung, sind Unsicherheit und Ohnmachtsgefühle, die mit industriellem Niedergang, prekärer Beschäftigung und Entwertung von Fähigkeiten und Qualifikationen verbunden sind. Die Erfahrung, Spielball der ökonomischen Entwicklung oder scheinbar anonymer Mächte zu sein, wird verbunden mit rechtspopulistischen Mobilisierungen, die die Bevölkerung als passives Opfer von übermächtigen Gegenspielern ansprechen. Ähnlich »funktioniert« die nostalgische Wertschätzung der guten alten (Arbeiter-)Zeiten und die populistische Glorifizierung von traditionellen Gemeinschaften. Die öffentliche Anerkennung der Probleme von Prekarisierung und sozialem Abstieg ist hier ein Vorteil für die extreme Rechte. Ebenso vermag ihre Thematisierung von nationalen oder subnationalen Einheiten als Träger kollektiver Interessen die Ohnmachtsgefühle anzusprechen, die sich nicht nur auf die individuelle Ebene beziehen, sondern auch auf kollektive Einheiten wie Regionen, die Arbeiterklasse, die Nation.</p>
<p>Die extreme Rechte thematisiert die Alltagserfahrung der Subjekte mit den an sie gestellten Anforderungen seitens der globalisierten Produktionsweisen und löst diese Alltagserfahrung in Richtung der Volksgemeinschaft auf. Die »völkische Identität« birgt das Versprechen von sozialer Sicherheit und Gleichheit, Solidarität und Zugehörigkeit. Die damit einhergehende Aufwertung der eigenen Person entlastet von der Sorge, ob man selbst dazugehören wird und ob die im neuen Sozialstaat geforderte eigene »Aktivierung« ausreichen wird. Gleichzeitig wird das Prinzip der Konkurrenz für den verschärften Kampf um gesellschaftliche Ressourcen gegen »undeutsche« Elemente genutzt.</p>
<p>Rechtsextremes Denken ermöglicht also ein widersprüchliches Umgehen mit den neoliberalen Anforderungen an die Subjekte. Einerseits werden sie zurückgewiesen und im rechtsextremen Modell von volksgemeinschaftlichem Sozialstaat aufgelöst, andererseits werden die Anforderungsformen der Ausgrenzung, der Brutalisierung und der Mobilisierung der Subjekte aufgegriffen und gegen die gesellschaftlich Marginalisierten gewendet. Es ermöglicht damit ein Denken in diesen Anforderungsformen, das sich inhaltlich dennoch als Opposition versteht und trotzdem die Grundlagen gesellschaftlicher Konkurrenz und Verwertung bejaht. Linke Alternativen Dabei hilft es wenig, von »Demagogie« oder »Instrumentalisierung« der sozialen Frage durch die extreme Rechte zu sprechen, weil so nicht verstanden werden kann, welchen Stellenwert und auch welche inhaltliche – problematische – Konsistenz die rechten Argumentationen zur Sozialpolitik haben und warum sie für viele Menschen attraktiv erscheinen. Der aktuelle Rechtsextremismus »beschwindelt« die Menschen nicht einfach, sondern er greift subjektive Erfahrungen mit gesellschaftlichen Umbrüchen auf, bietet ein Modell für ihr Verständnis und ihre Veränderung und muß dabei nicht mit den eigenen Grundlagen – völkischer Nationalismus, Rassismus und Ungleichheitsideologien sowie Ablehnung von Demokratie zugunsten strafferer Führungskonzepte – brechen.</p>
<p>Wenn die Erfahrungen mit den gesellschaftlichen Umbruchprozessen den Problemrohstoff bieten, der von der extremen Rechten bearbeitet wird, dann ist es notwendig, daß die Linke alternative Bearbeitungsformen und Vergesellschaftungsmöglichkeiten dieser Erfahrungen bereitstellt. Elisabeth Gauthier berichtet aus Frankreich, daß die Kommunistische Partei bei den letzten Wahlen gerade dort ihre Anhänger mobilisieren und den Einfluß der extremen Rechten zurückdrängen konnte, wo sie mit einem deutlich antikapitalistischen Programm aufgetreten ist. Daraus läßt sich schlußfolgern, daß linke Politik lernen muß, die fundamentale Kritik des Kapitalismus und die Zurückweisung seiner Zumutungen klug mit einer konkreten Politik der Verteidigung demokratischer Rechte zu verbinden. Eine Aufspaltung beider Aspekte in abstrakte und ausschließliche Fundamentalkritik oder die Orientierung auf realpolitisch möglichst kleine Schritte, die notwendig im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsstruktur argumentiert, wird es nicht vermögen, Perspektiven auf eine veränderte Gesellschaft mit den Erfahrungen der Umarbeitungung von Lebensweisen bei den Menschen zu verbinden und wird ihnen so auch keinen Grund geben, dieses politische Projekt als ihr eigenes zu übernehmen.</p>
<p>1. Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit [1934]. In: Gesamtausgabe, Bd.4, Frankfurt/Main 1962, S. 70<br />
2. Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Berlin/Hamburg 1991ff., Bd. 7, S. 1577f.<br />
3. Arnim Pfahl-Traughber: »Globalisierung als Agitationsthema des organisierten Rechtsextremismus in Deutschland. Eine Analyse inhaltlicher Bedeutung und ideologischer Hintergründe«. In: Thomas Greven/Thomas Grumke (Hg.), Globalisierter Rechtsextremismus? Die extremistische Rechte in der Ära der Globalisierung, Wiesbaden, S.30–51, hier S.33<br />
4. Aus dem Strategiepapier des Nationalen Hochschulbundes<br />
5. Ethnopluralismus kann als »Rassismus ohne Rassen« bezeichnet werden; er stellt eine völkische Konstruktion dar, die vor allem auf die »Reinheit« von Völkern zum Erhalt ihrer Identität und Lebensfähigkeit abzielt. Vermischung von »Völkern« wird hier als Existenzgefährdung gedacht<br />
6. www.jn-buvo.de/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=108&amp;Itemid=33<br />
7. www.antikap.de<br />
8. http://snbp.info/files/Privatisierung.pdf<br />
9. Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit [1934], a.a.O., S. 60<br />
10. Die völkisch-antikapitalistische Fraktion wurde allerdings bereits 1934 kaltgestellt und die Ideologieelemente im völkischen Rassismus der Nazis reartikuliert<br />
11. Eine europaweite qualitative Untersuchung zu Veränderung der Anforderungen in der Arbeit und rechtspopulistischen Denkweisen, vgl. www.siren.at und Jörg Flecker/Gudrun Hentges: »Rechtspopulistische Konjunkturen in Europa«. In: Joachim Bischoff u.a. (Hg.), Moderner Rechtspopulismus, Hamburg 2004, S. 119–149<br />
12. Ebd., S. 142</p>
<p>* <em>Christina Kaindl ist Lehrbeauftragte der Fachhochschule Stendal, arbeitet im Vorstand des »Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler« (BdWi) und ist Redakteurin der Zeitschrift Das Argument </em></p>
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