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	<title>Die Gruppe MD &#187; Räte</title>
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	<description>Linke politische Textsammlung</description>
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		<title>Von Eisner bis Leviné</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Nov 2009 22:40:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Mühsam]]></category>
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		<description><![CDATA[Über Entstehung und Geschichte der bayerischen Räterepublik werden so einseitige und falsche Darstellungen verbreitet, daß ich als einer von denen, die die Revolution in München vom ersten Tage an mit erlebt und zum Teil wohl auch in ihrem Verlauf beeinflußt haben, hohen Wert darauf lege Euch russischen Genossen ein Bild zu zeichnen, das die Begebenheiten in einem Licht weniger getrübter Färbung zeigen mag. Gewiß weiß ich, daß ich als unmittelbar Beteiligter manches nur unter subjektiven Eindrücken berichten kann.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2><span id="more-558"></span>Die Entstehung der bayerischen Räterepublik</h2>
<h3>Persönlicher Rechenschaftsbericht über die Revolutionsereignisse in München vom 7. November 1918 bis zum 13. April 1919</h3>
<p><strong>Genossen!</strong></p>
<p>Über Entstehung und Geschichte der bayerischen Räterepublik werden so einseitige und falsche Darstellungen verbreitet, daß ich als einer von denen, die die Revolution in München vom ersten Tage an mit erlebt und zum Teil wohl auch in ihrem Verlauf beeinflußt haben, hohen Wert darauf lege Euch russischen Genossen ein Bild zu zeichnen, das die Begebenheiten in einem Licht weniger getrübter Färbung zeigen mag. Gewiß weiß ich, daß ich als unmittelbar Beteiligter manches nur unter subjektiven Eindrücken berichten kann. Es wird sich jedoch aus dem Folgenden ergeben, daß es keineswegs meine Absicht ist, eigene Fehler zu bemänteln. Doch scheint mir durchaus notwendig, die bis jetzt als zuverlässig angesehene Schrift P. Werners »Die bayerische Räterepublik. Tatsachen und Kritik« (Frankes Verlag, Leipzig) in ihrer tendenziösen Selbstgerechtigkeit, ihrem Bestreben, die Haltung der KPD unter allen Umständen als mustergültig vorzuführen und alle und alles zu verunglimpfen, was nicht von den Parteikommunisten ausging, durch eine kurze Zusammenfassung zu ergänzen, die es dem Außenstehenden erlaubt, sein Urteil durch Vergleich zu bilden oder zu revidieren.</p>
<p>Es fällt mir dabei nicht ein, die meiner Meinung nach verhängnisvollen Fehler, die von den Führern der Kommunistischen Partei begangen wurden, wie es Werner uns anderen gegenüber tut, höhnend oder anklagend vorzutragen. Verhängnisvolle Fehler sind von allen Beteiligten begangen worden, und es scheint mir revolutionäre Pflicht, an die eigene Brust zu schlagen, statt die eigene Haltung auf Kosten des anderen, der kein Gegner ist, sondern nur in gewissen Fragen abweichender Meinung war, unter entstellenden Behauptungen zu verteidigen. Anderseits sehe ich aber auch keinen Anlaß, falsche Beschuldigungen auf mir sitzen zu lassen, und halte mich insbesondere für verpflichtet, das mir teure Andenken des am 2. Mai 1919 von den Weißgardisten entsetzlich geschlachteten großen Revolutionärs Gustav Landauer, meines Lehrers und nächsten Freundes, von den Anwürfen zu reinigen, denen Werners Schrift es aussetzt.</p>
<p>Ich möchte gleich anfangs bemerken, daß dieser Brief nur eine vorläufige Äußerung zur oberflächlichen Orientierung sein soll. Ich wurde nach der Niederwerfung der proletarischen Revolution vom Standgericht in München zu fünfzehn Jahren Festung verurteilt, von denen ich bald eineinhalb Jahre bewältigt haben werde. Meine Hoffnung auf nahe glückliche Ereignisse in Deutschland und mithin auch in Bayern ist so groß, daß ich die Absicht, eine historisch getreue, ausführliche Darstellung der bayerischen Revolution vom 7. November 1918 bis 13. April 1919 (dem Tag meiner Verschleppung von München), gern hinausschiebe, bis ich in der Freiheit alle notwendigen Dokumente und Unterlagen ohne Umständlichkeiten zur Verfügung habe und meine schriftlichen Arbeiten keiner Zensur mehr vorzulegen brauche. Daher kommt es mir in diesem Schreiben auch nicht darauf an, gegen Werner oder andere Historiographen zu polemisieren, sondern einzig darauf, meine Auffassung von den Dingen, gänzlich unbeeinflußt, Ihnen, Genosse Lenin, und denen, denen Sie weiterhin davon Kenntnis geben wollen, in groben Umrissen mitzuteilen.</p>
<p>Zu meiner persönlichen Legitimation mögen folgende Daten dienen: Im Alter von zweiundzwanzig Jahren (1900) gewann ich die erste Fühlung mit der revolutionären Bewegung in Deutschland und faßte unter der Leitung Gustav Landauers Fuß in der kommunistisch-anarchistischen Bewegung, der ich treu blieb. Gewisse Schwankungen in der Auffassung, die mich zeitweilig in die Nähe Stirners trieben, dann, unter Landauers Einfluß, zum Proudhonisten machten, waren zu überwinden, bis sich mein Standpunkt in der Anerkennung des reinen und bedingungslosen Klassenkampfes festigte, wobei mir in den Kampfmethoden stets Michael Bakunin, im Kampfziel Peter Kropotkin (dieser mit geringen Abweichungen) maßgebend waren. Mein Bakunismus führte mich 1909 zu dem Versuch, in München die revolutionäre Unterweisung und Organisation des Lumpenproletariats zu unternehmen. Den Freispruch in dem 1910 deswegen durchgeführten Prozeß dankte ich dem Umstand, daß der angezogene Geheimbundparagraph sich als untauglich erwies und das Strafgesetzbuch schlechterdings keine für den Fall verwendbare Bestimmung enthielt. In einer 1911 begründeten Monatsschrift »Kain« bemühte ich mich, speziell die akademische Jugend und die Künstlerboheme revolutionär zu beeinflussen und dadurch den Intellektuellen ihre natürliche Zusammengehörigkeit mit dem Proletariat bewußt zu machen. Beim Ausbruch des Krieges ließ ich das Blatt eingehen mit der Begründung, daß ich meine Kundgebungen einer militärischen Zensur nicht unterwerfen könne. Während des Krieges unterhielt ich zu vielen Revolutionären Beziehungen. Ein Versuch, den ich 1916 unternahm, alle revolutionären Sozialisten ohne Festlegung der akademischen Formeln zu einem illegalen Aktionsbund zu vereinen – im April 1916 war ich deswegen in Berlin und besprach den Plan mit dem zwar skeptischen, aber grundsätzlich bereiten Genossen Karl Liebknecht –, und für den ich neben Landauer besonders auch den verstorbenen Genossen Westmeyer-Stuttgart gewann –, scheiterte, meiner Meinung nach an intriganten Manövern eines auch schon toten, unabhängigen Führers, den ich in Verkennung des leisetreterischen Charakters dieser Partei glaubte in die geplante Verschwörung mit einbeziehen zu sollen. 1917 korrespondierte ich mit Franz Mehring über die von mir angeregte Reorganisation der II. Internationale. Meine Ansicht war, daß die Aufhebung des Londoner Beschlusses von 1896, der Anarchisten und Antiparlamentaristen die Zugehörigkeit versagte, die Abstoßung des gesamten Scheidemann-Flügels zur Folge haben und dadurch die Wiederbelebung des revolutionären Geistes herbeiführen müsse.</p>
<p>Im Frühjahr 1917 hatte Kurt Eisner in München wöchentliche Diskussionsabende eingerichtet, bei denen er die jeweiligen aktuellen Ereignisse von seinem demokratisch-pazifistischen Standpunkt aus erörterte und diskutieren ließ. Auf den Wunsch einiger seiner jugendlichen Hörer hinzugezogen, trat ich Eisner (der sich selbst Jaurèsist nannte und in Wirklichkeit genau die Ansichten Eduard Bernsteins vertrat) in heftiger Opposition gegenüber, indem ich seinem demokratischen Ideal das sozialistische und seiner entente-chauvinistischen Kriegsparteilichkeit meinen revolutionären Internationalismus entgegenstellte. Zum offenen Bruch zwischen Eisner und mir führte unsere entgegengesetzte Stellung zur russischen Revolution. Eisner war in Konsequenz seiner bürgerlichen Mentalität ein begeisterter Lobredner Kerenskis. Die Juni- Offensive schien ihm der Beginn eines neuen (des Wilsonschen) Zeitalters. Die Durchfahrt der Bolschewiki durch Deutschland bedeutete ihm Verrat und war ihm Beweis, daß die Lenin und Trotzki Kreaturen Ludendorffs seien. Demgegenüber bekannte ich meine tiefe Abneigung gegen Kerenskis Politik, der die russische Revolution des Proletariats in den Dienst des westlichen Imperialismus stelle und revolutionäre Deserteure dem französischen und englischen Kapitalismus zuliebe erschießen lasse. Mein entschiedenes Eintreten für Eure insurrektiven Pläne und die Annahme der Bezeichnung »Maximalist« für mich selbst zogen mir den Zorn Eisners in einem Maße zu, daß mir etwa vom Dezember ab der Zutritt zu den Diskussionsabenden, bei denen ich mich ja nur als Gast und Geduldeter zu betrachten hatte, verleidet war. Als dann der Januarstreik ausbrach, an dem in München Eisner den stärksten Anteil hatte und von dem er den unmittelbaren Anstoß zur Revolution erhoffte, war sein erstes, daß er die Parole ausgab, mir dürfte in keiner Versammlung das Wort verstattet werden. Also Front gegen links! als Leitmotiv einer proletarischen Revolution. Diese Parole ist denn auch von seinen unabhängigen Trabanten getreu befolgt worden. Dadurch entging ich damals dem Schicksal, dem Eisner mit einigen seiner nächsten Genossen selbst verfiel, der Verhaftung. Erst einige Monate später (im April) wurde ich auf Grund einer damals erst in Kraft tretenden militärischen Ausnahmegesetzgebung in Zwangsaufenthalt nach Traunstein verbracht, wo ich bis Zusammenbruch der deutschen Armee interniert war. (Die Einrichtung der Schutzhaft hat es in Bayern so lange nicht gegeben, bis es – Republik war.)</p>
<p>Diese Angaben persönlicher Natur schienen mir geboten, um Euch davon zu überzeugen, daß die Behauptung, die Räterepublikaner vom 6. April seien fast ausnahmslos bis zum Beginn der Revolution ohne politische Vergangenheit gewesen, auf mich nicht zutrifft. Was insbesondere meine Sympathie mit dem Bolschewismus anlangt, so datiert sie, wie gezeigt, schon aus der Kerenskizeit. Ich hatte dann aber noch Gelegenheit, sie auch Russen gegenüber zu bewähren. Denn mein (verbotener) Verkehr in Traunstein bestand hauptsächlich im Umgang mit russischen Zivilinternierten, die samt und sonders Menschewiki waren und unter denen ich als Deutscher der einzige war, der den Bolschewismus mit Leidenschaft verteidigte und propagierte.</p>
<p>Die Revolution in München brach zwei Tage vor der Berliner aus, am 7. November 1918, dem Jahrestage Eures Sieges. Ihre – im Sinne der politischen Wirkung – Gründlichkeit ging weit über die von Eisner mit dem konterrevolutionären Sozialpatrioten Auer verabredeten Vorsätze hinaus. Geplant war nur nach einer Massendemonstration die Erzwingung einer »rein demokratischen« Verfassung unter Beibehaltung der Monarchie und die Einsetzung eines »sozialistischen« oder doch von soidisant-Sozialisten[245] garnierten Kabinetts nebst den üblichen Zusagen, als Erbschaftssteuer, Aufhebung der 1. Kammer, Wegsteuerung der Kriegsgewinne etc. Erst als – einige Stunden nach Auflösung des Meetings auf der Theresienwiese – die Volksbewegung mächtig anschwoll, sich ihr die gesamte Garnison unter Sprengung der Kasernen-Internierung anschloß und aus der Demonstration offensichtlich eine Revolution geworden war, zog Eisner daraus die Konsequenz, nachdem schon am Nachmittag von mir zuerst die Republik ausgerufen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufgefordert war, am späten Abend die Wahl eines Soldaten- und Arbeiterrats vornehmen zu lassen und in der Nacht als dessen Vorsitzender im Landtagsgebäude die »sozialistische Republik« zu proklamieren, während Auer noch in derselben Nacht bei den militärischen Stellen fünfhundert »zuverlässige« Mannschaften anforderte, um die Bewegung zu unterdrücken. Diese Soldaten waren aber nicht mehr aufzutreiben. Da ich bis in die späte Nacht hinein Straßenagitation trieb, war ich bei der Bildung des Arbeiterrats nicht zugegen und erfuhr erst am nächsten Morgen von den Vorgängen im Landtag.</p>
<p>Ich glaubte, diese kurze Darstellung geben zu sollen, um den besonderen Charakter des ersten Arbeiterrats, der im folgenden eine wichtige Rolle spielt, deutlich zu machen. Er hatte sich spontan aus den am Umsturz aktiv beteiligten Proletariern in der Stärke von etwa fünfzig Personen konstituiert, die sich um die damals ungeheuer populäre Person Eisners geschart hatten. Dieser »Revolutionäre Arbeiterrat« war und blieb die stärkste treibende Kraft der bayerischen Revolution bis zum April 1919. Er gab sich eine souveräne Verfassung mit dem Recht des Ausschlusses unzuverlässiger Mitglieder und der Kooptation von Genossen aus eigener Machtvollkommenheit. Während Eisner am 9. November eine »rein sozialistische« Regierung mit sich selbst als Ministerpräsidenten und dem Verräter Auer als Minister des Innern formierte, schritt der »Revolutionäre Arbeiterrat« (diesen Namen behielt er bei) sofort zur praktischen Arbeit. Schon am zweiten Tag seines Bestehens machte er von seinem Kooptierungsrecht Gebrauch, indem er – sehr gegen Eisners Wunsch – mich in seine Mitte berief. Kurz darauf kooptierten wir Gustav Landauer, der erst nach dem Umsturz nach München gekommen war. Der RAR war es, der dann aus eigener Initiative die Bildung eines »Münchener Arbeiterrats« nach Betriebswahlen vornahm, desgleichen im ganzen Lande die Wahlen von Arbeiterräten organisierte und in Verbindung mit dem Soldaten- und Bauernrat die Schaffung einer Landesorganisation der Räte mit einem Zentralrat an der Spitze veranlaßte. In den Münchener Arbeiterrat traten wir in Stärke von fünfzig Genossen korporativ ein und nahmen ebenso korporativ an der ersten Tagung der konstituierenden Landesräteversammlung teil. Für den aus vierhundert Mitgliedern bestehenden Münchener Arbeiterrat stellten wir als erste These die Bedingung, daß ihm sozialdemokratische Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre nicht angehören dürften, damit sein Charakter als Organ der Werktätigen selbst nicht verwischt würde. Als zur ersten öffentlichen Sitzung des Münchener Arbeiterrats trotzdem die Führer der reaktionären Gewerkschaften erschienen, beförderten wir sie im Handgemenge brachial zum Saal hinaus – fünfzig Mann gegen vierhundert –, und die Mehrheit fügte sich.</p>
<p>Der revolutionäre Geist im RAR festigte sich ständig dadurch, daß schwankende Elemente allmählich hinausgedrängt und entschlossene Revolutionäre kooptiert wurden. Eisner, der formell immer noch Vorsitzender dieser kleinen Organisation war, sich aber nie als solcher betätigte (nur einmal – im Januar – wurde er direkt vorgeladen, um sich wegen seiner höchst zweideutigen Politik zu rechtfertigen), mußte bald erkennen, daß er in diesem Organ seinen gefährlichsten Gegner zu fürchten hatte. Die politischen Programmunterscheidungen waren zu Anfang der Revolution noch ganz ungeklärt. Die Mitglieder des RAR gehörten größtenteils der USP an. Landauer, ich und noch zwei oder drei Arbeiter waren als Anarchisten bei keiner Partei. Mehrere Genossen – und keineswegs die schlechtesten – waren formell noch Mitglieder der Scheidemann-Partei. Wir fragten auch niemanden, ob und wo er organisiert sei, sondern beurteilten alles nach den Beobachtungen, die wir mit den einzelnen machten. Bedingung war einfach der Wille, die Revolution bis zur Durchführung des Sozialismus auf der Grundlage des Rätegedankens weiterzutreiben. Die Kommunistische Partei Deutschlands existierte noch nicht. Der Spartakusbund bestand als linker Flügel der USP, hatte aber in Bayern keine erklärten Zugehörigen.</p>
<p>Die erste revolutionäre proletarische Organisation gründete ich Ende November. Zur Orientierung teile ich das Flugblatt mit, das am 30. November erschien und große Wirkung bei den am weitesten vorgeschrittenen Arbeitern hatte. Es lautete:</p>
<p style="text-align: center;"><strong>»Revolutionäre, internationalistisch gesinnte kommunistische</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Arbeiter und Soldaten!</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Männer und Frauen!</strong></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Nicht alle Volksgenossen sind mit dem bisherigen Verlauf der Revolution einverstanden.</span></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Wir sind nicht zufrieden mit der Beschränkung der revolutionären Forderungen auf politische Angelegenheiten. Wir verlangen die Verwirklichung des Sozialismus als Krönung der gegenwärtigen Volksbewegung.</span></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Das Ende des Weltkrieges bedeutet zusammen mit der Weltrevolution den Zusammenbruch des Kapitalismus. Auf seinen Trümmern wollen wir nicht altes zu retten suchen, sondern neues aufbauen. Wir blicken nicht auf den Weg, sondern aufs Ziel. Das Mittel der Revolution heißt Revolution. Das ist nicht Mord und Totschlag, sondern Aufbau und Verwirklichung. Mit diesem Mittel wollen wir die sozialistische Gesellschaft der Gerechtigkeit und Wahrheit bei uns durchführen, um den Brüdern der gesamten Internationale das Beispiel zu geben, das unsere russischen Kameraden uns gegeben haben. Wie sie wollen wir die Liebe zur Menschheit zur Richtschnur aller unserer Handlungen machen.</span></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Zunächst haben wir dazu aufzuklären und die Kräfte zu sammeln, die die Rettung der Welt in der Neubelebung einer radikalen und konzessionslosen, sozialistisch-kommunistischen Internationale erkennen. Wir rufen das bayerische und darüber hinaus das deutsche Volk auf, mit uns gemeinsam die Verbindung mit den Völkern aller Länder herzustellen zu dem Ende, den internationalen Kapitalismus und Imperialismus von Grund aus zu stürzen und die Hand- und Kopfarbeiter zu Nutznießern des eigenen Werks zu machen.</span></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Es lebe die Freiheit des Volkes! Es lebe die Revolution der Welt! Es lebe die sozialistische Internationale!</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Vereinigung revolutionärer Internationalisten Bayerns.</strong></p>
<p style="text-align: center;"><em>Erich Mühsam. Jos. Merl. Hilde Kramer. F.A. Fister.«</em></p>
<p>Dieser sehr allgemein gehaltene Aufruf, der auf die Grundforderung der Kommunisten, die Rätediktatur, noch mit keinem Wort eingeht und die Sympathie mit Euch Bolschewiken nur vorsichtig andeutet, entsprach dem revolutionären Reifegrad des äußersten linken Flügels, der damals in München war. Erst die Versammlungen, in denen wir täglich die Massen bearbeiteten, gaben uns die Möglichkeit, die ungeheuer fest wurzelnden Vorurteile gegen den Bolschewismus zu zerstreuen, den Aberglauben an die freiheitliche Sendung der von Eisner versprochenen Nationalversammlung zu zerstören, den Begriff des Kommunismus zu popularisieren und das revolutionäre Wollen in der Formel bewußt zu machen: Alle Macht den Räten! Die »Vereinigung revolutionärer Internationalisten« gewann mit großer Schnelligkeit ungeheure Popularität bei der revolutionären Arbeiterschaft, die in ihren Versammlungen den Konzentrationspunkt für die Opposition fand, welche sich nach und nach gegen Eisners bürgerlich-demokratische Politik geltend machte. Ich habe die Gewißheit, daß diese Volkstümlichkeit wesentlich begründet war in dem von mir als Prinzip aufgestellten Verzicht auf parteimäßige Konstituierung. Ich pflegte den Arbeitern zu sagen: »Klebt Marken, wo ihr wollt und soviel ihr wollt, oder laßt es auch bleiben. Wir wollen hier keinen Zank um Organisationsfragen. Die VRI will alle sammeln, die mit dem Wunsch, die Revolution zum Kommunismus vorzutreiben, erfahren wollen, was das revolutionäre Proletariat dazu zu tun hat. Werbt für unsere Ideen in eurer Partei, in eurer Gewerkschaft, in eurem Betrieb, in eurem Privatkreis.« Eine eigentliche Mitgliedschaft gab es demnach gar nicht. Die Mittel zur Agitation etc. wurden durch freiwillige Spenden und in den Versammlungen aufgebracht. Welcher Geist in der kürzesten Zeit die unausgesetzte Bearbeitung des Proletariats lohnte, zeigte sich schon in der Nacht vom 6. zum 7. Dezember, als nach einer Rede, die ich gegen die Gemeinheit und die Prostitution der Presse gehalten hatte, die Versammlung mich förmlich zwang, einen Zug gegen eine besonders verhaßte klerikale Zeitung zu führen. Da sich uns auf dem Weg etwa tausend Soldaten anschlössen, gelang es, in dieser Nacht fast alle bürgerlichen Zeitungen Münchens zu besetzen. Der sofort von der Reaktion alarmierte Ministerpräsident Eisner erschien dann persönlich mit dem Stadtkommandanten und dem Polizeipräsidenten und hatte immer noch genug Ansehen, um die Aktion rückgängig machen zu können. Die von ihm »befreite« Presse dankte ihm dadurch, daß sie eine Hetze gegen ihn veranstaltete, deren Wirkung am 21. Februar seine Ermordung durch den Grafen Arco war.</p>
<p>Die VRI fand sich täglich in engerem Kreis, der teilweise aus denselben Personen bestand, die den RAR bildeten, im Nebenzimmer einer Wirtschaft zusammen. Dort wurde die Buchführung besorgt, die Flugblätter und Plakate entworfen, die Prinzipien und die zu befolgende Politik diskutiert. An diesen Kreis wandte sich gegen Ende Dezember Genosse Max Levien, um ihn zur Umbildung der VRI zu einer Ortsgruppe des Spartakusbundes zu bewegen. Ich widersetzte mich (Landauer, der auswärts wohnte und nur gelegentlich nach München kam, gehörte der Vereinigung nicht an). Einmal fürchtete ich, daß eine Parteibildung dieselben Folgen haben würde, die sie in Deutschland noch immer gehabt hat: die Unterordnung des proletarischen Revolutionswillens unter die Parteiinteressen, dann aber konnte ich mich grundsätzlich nicht mit dem Programmpunkt des Spartakusbundes einverstanden erklären, der für ganz Deutschland eine einheitliche, zentralistische Räterepublik fordert. Bayern und ganz Süddeutschland sind erst vor fünfzig Jahren – nach ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen Preußen 1866 – dem von Preußen dirigierten Reich beigetreten. Die partikularistischen Strömungen sind in Bayern enorm stark, die Unitaritätstendenzen, die die »demokratische« Reichsregierung mit Unterstützung aller sozialistischen Parteien fördert, unermeßlich unpopulär. Ich führe die gewaltige Stärkung der Reaktion in Bayern, die es zur Zeit zur deutschen Vendée macht, zum starken Teil auf den instinktiven Abscheu der kleinbäuerlichen und zum Teil auch der proletarischen Bevölkerung gegen die »Verpreußung« zurück. Mit diesem Hinweis behielt ich auch bei der VRI Levien gegenüber recht. Da ich jedoch sah, daß der Anschluß an eine revolutionäre Parteiorganisation der drängende Wunsch der Genossen war, riet ich zum korporativen Anschluß an die Bremer »Internationalen Kommunisten«, die gleich mir die Aufrechterhaltung des föderalistischen Charakters Deutschlands auch für die Zukunft erstrebten. Der Anschluß wurde vollzogen. Ich selbst ließ mich, um einerseits meine Stellung als Anarchist zu betonen, anderseits meine vollkommene Solidarität mit den Genossen zu bekunden, mit denen ich bisher denselben Weg gegangen war, als Hospitant in die Mitgliederliste eintragen, stellte auch meine im November wieder zum Leben erweckte Zeitschrift »Kain« als Publikationsorgan weiterhin zur Verfügung. Übrigens bestand die VRI nach wie vor daneben weiter.</p>
<p>Anfangs Januar, nachdem durch den Austritt des Spartakusbundes aus der USP und seine Fusion mit den »Internationalen Kommunisten« die »Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund)« gegründet war, konstituierten sich unter Leitung des Genossen Levien die aus meiner Initiative (ich muß das im Status der Verteidigung immerhin betonen) zusammengeschlossenen Revolutionäre zur Münchener Ortsgruppe der KPD. Jetzt begann eine äußerst regsame und fruchtbare Tätigkeit, die von Levien und mir in engster Verbindung miteinander und in schönster nachbarlicher Kameradschaft organisiert wurde. Viele Versammlungsplakate aus jener Zeit tragen als Einberufer die gemeinsame Unterschrift der KP-Ortsgruppe und der VRI. In vielen Versammlungen traten Levien und ich nebeneinander als Referenten auf oder aber gleichzeitig in Parallelversammlungen, nachdem wir uns mündlich über den Inhalt unserer Referate verständigt hatten. Die »Vereinigung revolutionärer Internationalisten« war allmählich überflüssig geworden. Mir wurde die Möglichkeit zur propagandistischen Betätigung von der Kommunistischen Partei ausgiebig geboten. In zahlreichen ihrer Versammlungen wurde ich als ihr offizieller Redner aufgestellt, mußte oftmals für den verhinderten Levien einspringen und wurde auch von der Partei zu Werbeversammlungen außerhalb Münchens fortgeschickt. Bei der revolutionären Arbeiterschaft waren Levien und ich, wie ich glaube, gleichmäßig populär, obwohl es durchaus bekannt war, daß ich nicht Mitglied der Partei geworden war.</p>
<p>Die rapide Revolutionierung des Münchener Proletariats war nach meiner Überzeugung in erster Reihe der von den Kommunisten und Internationalisten übereinstimmend ausgegebenen Parole der Wahlabstinenz bei den bevorstehenden Wahlen zur deutschen und bayerischen Nationalversammlung zu danken. Die Gläubigkeit an die Allmacht des Parlamentarismus war von der alten Sozialdemokratie so sehr zum Inhalt aller Politik gemacht worden, daß mit der Erkenntnis der Arbeiter, daß ihre früheren Führer Betrüger waren, zugleich die Einsicht aufging, daß das wichtigste Organ des Volksbetrugs eben die Parlamente seien. Indem wir das Wesen der Räterepublik dem der parlamentarischen Demokratie gegenüberstellten, gewannen wir den besten Teil des Proletariats, dessen wachsender revolutionärer Wille den stärksten Ausdruck fand in der haßerfüllten Verwerfung der Wählerei. Eisner hatte am 8. November in seiner ersten Proklamation die schleunige Einberufung der Nationalversammlung versprochen. Die Zusage wurde bald das Kampfgeschrei der sich allmählich sammelnden Reaktion. Die Parole: für oder gegen die Nationalversammlung! bezeichnete die Grenze zwischen der Bourgeoisie und dem revolutionären Proletariat. Ich habe keinen Zweifel, daß ein Beschluß des ersten Parteitages der KPD, daß die Partei an den Wahlen teilzunehmen hätte, mindestens in München den Zerfall der Ortsgruppe gleich beim Entstehen bewirkt hätte. Eisner selbst, dem der bürgerliche Parlamentarismus A und O seiner politischen Einstellung war, mußte dem Widerstand, zu dem sich ganz besonders der »Revolutionäre Arbeiterrat« verpflichtet fühlte (wollte doch Eisner den Räten prinzipiell nur die Stellung eines »Nebenparlaments« mit einigen Kontrollrechten zuweisen), Rechnung tragen und verlegte sich auf eine dilatorische Politik, indem er die Bourgeoisie auf die Heimkunft der auf dem Rückmarsch befindlichen Heeresteile und selbst der Kriegsgefangenen vertröstete. Ende Dezember jedoch erpreßte eine bewaffnete Demonstration rückständiger Regimenter von ihm die Zusage, daß die Wahlen zum 12. Januar anberaumt würden.</p>
<p>Da Eisner von uns Störungen des Wahlakts und der Vorbereitungen dazu befürchtete, schritt er am 10. Januar 1919 zu einer Gewaltaktion. Er ließ in der Frühe des Tages die führenden Persönlichkeiten der KPD und des RAR verhaften, im ganzen zwölf Personen, darunter auch Levien und mich. Mit diesem Unternehmen holte er sich eine entscheidende Niederlage und vernichtete bei der radikalisierten Masse Sympathien, die ihm seiner entschlossenen und persönlich tapferen Haltung beim Januarstreik und bei der Novemberrevolution wegen überreich entgegengebracht wurden. Eine spontane Riesendemonstration zog vor das Ministerium des Auswärtigen und verlangte unsere Freigabe. Eisner wollte sie um keinen Preis zugeben, verweigerte sogar zuerst, mit dem Sprecher der Masse zu verhandeln. Schließlich erzwang sich der Matrose Rudolf Egelhofer, der spätere Oberkommandierende der Roten Armee, den Zutritt, indem er von außen am Hause emporkletterte und durchs Fenster in Eisners Arbeitszimmer eindrang. Angesichts der bedrohlichen Haltung der Menge mußte darauf Eisner unsere sofortige Freilassung anordnen. In der Volksversammlung, in der die Masse uns erwartete, wurden wir mit ungeheuren Ovationen empfangen. Eisner hatte verspielt. Die revolutionäre Arbeiterschaft sagte sich von ihm los, während die Reaktion sich längst wieder stark genug fühlte, um auch ihrerseits gegen den immerhin unbequemen Ministerpräsidenten Sturm zu laufen, um seinen Platz mit dem zu jeder proletarierfeindlichen Schandtat bereiten Auer zu besetzen.</p>
<p>Der Haß der Bourgeoisie gegen Eisner strömte aus anderen Quellen als aus der Furcht vor seinem sozialistischen Radikalismus. Er war nationalistisch begründet. Denn Eisner hatte sich die ganze Phraseologie der Entente gegen die Boches zu eigen gemacht und bekämpfte durchaus nicht den Kapitalismus in dem Lande, in dem er die Gewalt übernommen hatte, sondern den Militarismus, die Pressekorruption (der er gleichwohl nicht zu Leibe zu gehen wagte), die bürokratische Verstocktheit, die Geheimdiplomatie und die Selbstgerechtigkeit, lauter Dinge, die mit Recht zu bekämpfen waren, auf die Eisners Angriffe aber von den orthodoxen Nationalisten als höchst kränkend und gefährlich empfunden wurden. Zu Eisners politischer Charakteristik sei angemerkt, daß er in seiner ersten Proklamation eine tiefe Verbeugung vor dem »großen Patrioten« Clemenceau exekutierte und daß er dann in völliger Konsequenz seines subjektiv durchaus lauteren Wilsonismus bayerische Dokumente zur Belastung Deutschlands in der Kriegsschuldfrage publizierte. Als »Sozialisten« brauchten ihn Bayerns Kapitalisten in keiner Weise zu fürchten. Schon in den ersten Tagen seiner Herrschaft hatte er eine Erklärung veröffentlicht, die die Kapitalisten völlig darüber beruhigte, daß es auf einen Angriff gegen ihr Ausbeuterinteresse abgesehen sein könnte. Eisner tat darin nämlich die Auffassung kund, daß an Sozialisierung nicht zu denken sei, solange nichts zum Sozialisieren vorhanden sei. Er stellte sich also auf den Standpunkt, daß der im Weltkrieg zusammengebrochene Kapitalismus sich erst wieder erholen und zur höchsten Blüte entfalten müsse, um dann mechanisch in den Sozialismus »hineinzuwachsen«.</p>
<p>Auch sonst hätten die Bürger mit ihm zufrieden sein können. In einem seiner Erlasse berief er alle Offiziere und hohen Beamten, die das Volk vertrieben hatte, auf ihre Posten zurück. Bei der Bekämpfung des Bolschewismus ließ er dem Minister Auer, dem die Polizei unterstand, freie Hand. So erlebten wir es, daß unsere Plakate verboten, unsere Flugzettelverbreiter verhaftet wurden, während die Liga zur Bekämpfung des Bolschewismus ihre zu Pogromen aufreizende Propaganda ungestört betreiben konnte. Die beiden anderen mehrheitssozialistischen Minister gingen ihrem Kollegen Auer getreulich zur Hand, indem Herr Timm, dem die Justiz unterstellt war, die alten politischen Paragraphen des monarchistischen Strafgesetzbuches gegen Revolutionäre wirksam machte und Herr Roßhaupter, der Minister für militärische Angelegenheiten, sich von den Wittelsbacher Offizieren als Vollzugsorgan der Reaktion gegen die Soldatenräte mißbrauchen ließ.</p>
<p>Nach den Wahlen, die für Eisners Partei eine katastrophale Niederlage, für die »Auerochsen« (so nannte ich die Mehrheitssozialdemokraten gern in Versammlungen) einen triumphalen Erfolg brachten, verschärfte sich die revolutionäre Gärung in den Massen gewaltig. Zwei Ereignisse trieben die Spannung auf die Spitze. Roßhaupter übertrug den Offizieren des alten Regimes wieder Rechte, die ihnen die Soldatenräte einfach auslieferten, und kündigte überdies an, daß er die Soldatenräte überhaupt aufzulösen gedenke, da sie angesichts der bevorstehenden Liquidierung der gesamten Heeresmacht überflüssig geworden seien. Eigenartigerweise fand der Militärminister bei diesem reaktionären Walten den stärksten Halt beim Landessoldatenrat selbst. Als Anfang Februar der radikale Teil des Münchener Arbeiterrats eine Deputation in die Tagung des Landessoldatenrats entsandte und durch mich die Absetzung Roßhaupters verlangte, wurden wir von dieser Korporation glatt abgewiesen. In den Kasernen jedoch und der Arbeiterschaft war die Spannung dieses Anschlags auf die Revolution wegen ungeheuer.</p>
<p>Das andere Ereignis war die Folge einer Rede, die Genosse Levien, den wir inzwischen ebenfalls in den RAR kooptiert hatten, im Münchener Arbeiterrat gehalten hatte. Er hatte dabei zum entscheidenden Kampf gegen die Bourgeoisie aufgerufen, der »Auge in Auge, Brust an Brust« geführt werden müsse. Die Wirkung war seine Verhaftung auf Grund des Aufreizungsparagraphen des alten Strafgesetzbuches. Der RAR veranlaßte eine besondere Sitzung des Münchener Arbeiterrats, der einstimmig beschloß, die Freilassung Leviens energisch zu fordern. Eine Deputation, die sofort zum Staatsanwalt geschickt wurde, kam unverrichteterdinge zurück, da der Herr grade im Kino sei. Darauf wurde eine Deputation aus drei Mitgliedern des RAR gewählt, die am Tage darauf beim Justizminister Timm vorstellig wurde und mit Massenkundgebungen drohen sollte (die Deputation bestand aus den Genossen Landauer und Hagemeister und mir). Herr Timm verschanzte sich hinter seinen Staatsanwalt, der sein Untergebener war, und gab keine Zusage, entließ aber am Nachmittage desselben Tages trotzdem Levien aus der Haft, da er einsehen mußte, daß die Folgen seiner Weigerung für ihn und das ganze Kabinett Eisner bedrohlich werden mußten.</p>
<p>Dies war am 9. Februar, einem denkwürdigen Tage der bayerischen Revolution. Für den Abend war wieder der Münchener Arbeiterrat im Deutschen Theater zusammenberufen. Am Nachmittag vorher beriet in den Räumendes Reichsrats im Landtagsgebäude der RAR die Lage und beschloß, den Münchener Arbeiterrat zur Veranstaltung einer Riesendemonstration aufzufordern. Während dieser Verhandlungen betrat Genosse Levien, direkt vom Gefängnis kommend, das Sitzungszimmer. Es wurde jetzt auf Landauers Anregung hin beschlossen, daß wir in geschlossenem Zuge mit der roten Fahne zum Deutschen Theater marschieren und in den Saal, wo der Münchener Arbeiterrat versammelt war, einziehen sollten. Das geschah. Wegen der Bedeutung der Sitzung – handelte es sich doch um die Verteidigung des Grundrechts der freien Meinungsäußerung – waren die Vertrauensleute der Münchener Betriebe eingeladen worden, der Sitzung des Arbeiterrats beizuwohnen. Sie füllten die Tribünen des Erdgeschosses und des ersten Stockwerks, während die Galerie im zweiten Stock dicht besetzt war von Kommunisten. Als der »Revolutionäre Arbeiterrat«, Levien unter der roten Fahne an der Spitze, in geschlossenem Zuge in den Saal einrückte, brach auf den Tribünen frenetischer Jubel los. Die Sitzung selbst verlief äußerst dramatisch. Levien hielt eine zündende Rede, in der er betonte, daß man ihn zwar aus Angst vor der Wut des Proletariats jetzt freigelassen habe, daß aber das Strafverfahren gegen ihn weitergeführt werde. Währenddem zeigten mir zwei Genossen Vorladungen vor den Untersuchungsrichter als Zeugen in einer Strafsache gegen mich, aus denen hervorging, daß die Regierung jetzt nach zwei Monaten noch wegen der Besetzung der Zeitungen am 6. Dezember einen Landfriedensbruchs-Prozeß inszenieren wollte. Ich teilte das der Versammlung mit, und nun wurde stürmisch eine Demonstration verlangt, die die Zusicherung von der Regierung erzwingen sollte, die alten politischen Strafbestimmungen unter keinen Umständen gegen Revolutionäre anzuwenden. Die Debatte über die Demonstration verlief sehr erregt, und als wir Radikalen verlangten, daß zugleich die Abdankung Auers, Timms und Roßhaupters sowie die Nichteinberufung der Nationalversammlung verlangt werden sollte, entstand ein Tumult, bei dem die Sozialdemokraten, die die große Mehrheit des Münchener Arbeiterrats bildeten, unter Protest den Saal verließen. In diesem Moment sprang Landauer auf den Vorstandstisch und forderte die Vertrauensleute der Betriebe auf, als die wahren Vertreter des Proletariats sogleich die freigewordenen Sitze einzunehmen. Unter dem brausenden Beifall der Tribünen und während ich am Rednerpult die rote Fahne schwenkte, vollzog sich die Umgruppierung. Darauf wurde der einmütige Beschluß gefaßt, die Demonstration am 16. Februar stattfinden zu lassen. Sie sollte als positive Forderung die Nichtanwendung der politischen Paragraphen durchsetzen und im übrigen die revolutionäre Entschlossenheit des Proletariats der Regierung und dem ganzen Volk vor Augen führen.</p>
<p>In diesen Tagen trat in München zum ersten Mal der allgemeine bayerische Rätekongreß zusammen, dessen Hauptaufgabe war, seine Kompetenzen gegen den zum 21. Februar zusammenberufenen Landtag festzulegen. Der RAR war durch zehn Mitglieder in diesem Kongreß vertreten, zu denen auch ich gehörte. Eisner war gerade vom Berner Sozialistenkongreß zurückgekehrt, wo er den Sozialverrätern der Ententeländer eine Reu und Bittrede für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und in seine sozialistische Dependance, die Zweite Internationale, gehalten hatte. Mit dieser Rede hatte er sich zwar die Gunst Renaudels und seiner Genossen erworben, aber den Haß der deutschen Nationalisten in einem Maße zugezogen, daß sein Leben verwirkt war. Die reaktionäre Presse, deren »Freiheit« er trotz unserer immer wiederholten Warnungen unangetastet ließ, beschuldigte ihn verleumderischerweise, die Franzosen in der Zurückhaltung der deutschen Kriegsgefangenen bestärkt zu haben (das Gegenteil war der Fall), und in Studenten- und Offizierskreisen wurde offen zu seiner Ermordung aufgefordert. Während der Zeit seiner Abwesenheit war aber auch innerhalb seines eigenen Kabinetts eine raffinierte Intrige gegen ihn angesponnen worden. Kaum von Bern zurückgekehrt, kam Eisner dahinter, daß seine von ihm auf ihre Posten berufenen rechtssozialistischen Amtskollegen Auer und Roßhaupter bereits eine neue Ministerliste fertig hatten, in der Auer das Präsidium führte, Eisner aber und seine beiden unabhängigen Helfer, der Minister für soziale Fürsorge Unterleitner und der Finanzminister Jaffé (der weitaus fähigste Kopf des Kabinetts Eisner), ausgeschifft waren. Im Rätekongreß deckte Eisner diese Machenschaften unter starken Ausfällen gegen seinen anwesenden Ministerkollegen Roßhaupter öffentlich auf, stellte sich aber am nächsten Tage, nach einer Ministerrats Sitzung, in der das Kabinett beschlossen hatte zusammenzubleiben, nachdem Landauer Roßhaupter als »Noske-Affen« bezeichnet hatte, wieder schützend vor diesen »seinen Freund«, was ich zum Anlaß nahm, die Beseitigung des ganzen Ministeriums und seine Ersetzung durch eine revolutionäre Körperschaft zu verlangen. Der »Revolutionäre Arbeiterrat« betrieb inzwischen mit großem Eifer die Vorbereitungen für die Demonstration in dem Bestreben, ihr einen unzweideutigen revolutionären Charakter zu geben. Es war nämlich bekannt geworden, daß die Rechtssozialisten sich beteiligen wollten, um für »Demokratie«, »Ruhe und Ordnung« und Parlament Stimmung zu machen. Die Partei- und Gewerkschaftsführer sahen jedoch rechtzeitig ein, daß die Stimmung der Massen gegen sie war, und die »Auerochsen« wurden kommandiert, zu Hause zu bleiben. Eisner dagegen, der, solange es ging, versucht hatte, die ganze Kundgebung zu vereiteln, sah, daß seine Autorität beim Proletariat erschüttert war, und entschloß sich, um seiner revolutionären Tendenz die Spitze abzubrechen, sich selbst als Spitze dem Umzug voranzustellen. Damit wollte er zwei Vorteile auf einmal erzielen: erstens aus der Protestaktion gegen seine Regierung eine Vertrauenskundgebung für sich selbst zu machen, zweitens – angesichts der Treibereien seiner rechtssozialistischen Kabinettsgefährten gegen ihn – seine Popularität bei den Massen zu festigen, um für den Fall seines Sturzes, der nach dem Ausfall der Wahlen binnen kurzem zu erwarten stand, Anschluß bei der radikalen Opposition zu finden.</p>
<p>Eisners Absichten mißlangen in jeder Hinsicht. Als sich am 16. Februar die Massen zu einer Demonstration auf der Theresienwiese sammelten, wie sie München nie gesehen hatte, erschien er allerdings im offenen Auto. Die Ovationen, die er erwartete, blieben jedoch aus, und er konnte den Geist, der das Proletariat erfüllte, an den Aufschriften der Plakate erkennen, die der RAR verteilte und um die sich die Männer und Frauen scharten. Einige dieser Aufschriften mögen zeigen, unter was für Parolen der Zug sich in Bewegung setzte – und die Rufe der Menge, ihr Gesang und ihr Verhalten bewies, daß sie die roten Fahnen, die massenhaft mitgetragen wurden, nur unter diesen Parolen als ihr Symbol betrachteten. Da las man:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Gedenkt Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Alle Macht den A.-, B.- und S.-Räten!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Das souveräne Volk läßt sich von keinem Staatsanwalt seine Revolution verbieten!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Hoch Lenin und Trotzki!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Laßt Euch durch Schwätzer nicht vertreten,</p>
<p style="padding-left: 30px;">Selbst herrscht das Volk in seinen Räten!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Die Arbeiter- und Soldatenräte tanzen nicht nach der Landtagsflöte!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Arbeiterblut ist genug geflossen –</p>
<p style="padding-left: 30px;">Entwaffnet die weißen Garden, Genossen!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Acht Tage noch so weiter leiern, und Bluthund Noske schießt in Bayern!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Nieder die Diktatur des Kapitalismus!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Hoch die Diktatur des Sozialismus!«</p>
<p>Von den öffentlichen Gebäuden in ganz München wehten die roten Fahnen, ebenso von vielen Privathäusern, an denen der Zug vorbeikam. Es mögen etwa 15000 Personen daran teilgenommen haben. Die Sektionen der KPD bildeten allein einen ganzen Zug. Mehrere Regimenter der Münchener Garnison stellten geschlossene Formationen. Die Schwerverwundeten wurden in Wagen mitgefahren. Viele Mitglieder des Rätekongresses beteiligten sich, diverse Betriebe waren durch Abordnungen vertreten. Der »Revolutionäre Arbeiterrat« als Organisator des Ganzen trug ein mächtiges revolutionäres Emblem vor sich her und wurde stürmisch begrüßt. Eisner aber fuhr an der Spitze dieses gegen seine eigene Politik demonstrierenden Zuges und kam sich dabei selbst so deplaciert vor, daß er auf halbem Wege sein Auto schwenken ließ und dann mit dem Minister Unterleitner und Jaffé im Deutschen Theater die Abordnung der Massen erwartete, als deren Sprecher Landauer die Forderungen des Proletariats vortrug. Der Zug durchzog inzwischen unter gewaltigen Hochrufen auf Sowjetrußland und den Bolschewismus und Flüchen auf Noske, Auer, Scheidemann, Roßhaupter, die Presse und die Bourgeoisie die Hauptstraßen der Stadt. Vor dem Kriegsministerium, aus dem riesige rote Fahnen herabhingen, ertönten besonders von den Soldaten wilde Rufe: Nieder mit Roßhaupter!, die aus den Fenstern seines eigenen Ministeriums lebhaftes Echo fanden. Am Spätnachmittag traf der Zug wieder auf der Theresienwiese ein, wohin der Bescheid auf die Forderungen gebracht werden sollte. Eisner hatte zugesagt, daß die Strafverfolgungen gegen Levien und mich eingestellt würden und daß er sich im Ministerrat für die Ausschaltung der politischen Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch einsetzen wolle. Der positive Ertrag der Demonstration war also dürftig, und die Masse zeigte Lust, sich nicht damit zufriedenzugeben, sondern vor Eisners Ministerium zu ziehen. Nach einer kurzen Besprechung einiger Mitglieder des RAR und der KPD kamen wir indessen überein, die Demonstration in Anbetracht der eingebrochenen Dunkelheit und um den ungeheuren Eindruck, den die passive und bürgerliche Bevölkerung zweifellos von der Kundgebung empfangen hatte, nicht durch eine in ihrem Ausgange sehr zweifelhafte Fortsetzung zu vermindern, zum Heimgehen aufzufordern. Levien und ich hielten die Schlußansprachen, in denen wir die Notwendigkeit betonten, den Kampf gegen die Regierung Eisner fortzusetzen, und Hochs auf die proletarische Weltrevolution ausbrachten.</p>
<p>Der Rätekongreß beendete in den nächsten Tagen seine Arbeiten, die darin bestanden, dem Landtag, der am 21. Februar im selben Saal zusammentreten sollte, alle seine Befugnisse zu übertragen. Auf eine Anzapfung unserer Genossen, welche Aufgaben er denn eigentlich den Arbeiterräten zuweisen wolle, erwiderte Eisner (das war, wenn ich mich nicht täusche, am 18. Februar, dem letzten Tage, an dem ich ihn sah), er wolle alle öffentlichen Wirtschaften zwingen, fortan einen einheitlichen Speisezettel zu führen, und dem Arbeiterrat die Kontrolle der Durchführung überlassen. Ich erwiderte ihm, daß ich mich schon jetzt auf die Menüs im Nebenzimmer des Regina-Palast-Hotels freue, daß wir Revolutionäre jedoch vom Ministerpräsidenten andere Maßnahmen verlangten, um das wirtschaftliche Leben Bayerns zu heben, als derartige Spaße, und erhob unter dem Beifall der Tribüne die Forderung, Eisner solle sofort ohne Rücksicht auf Berlin die diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland aufnehmen, um auf diese Weise womöglich auch zu wirtschaftlichen Beziehungen zu gelangen. Hierauf gab Eisner keine Antwort. Ich führe die Episode aber an, um zu zeigen, welcher Horizont damals den Blick eines führenden und zu riesigem Einfluß gelangten unabhängigen Sozialisten umgab. Sein Streben war von Anfang an darauf gerichtet, den Einfluß der Räte immer mehr einzuschränken und ihre Tätigkeit zu völliger Bedeutungslosigkeit zu verurteilen. Seine Stellung Sowjetrußland gegenüber hatte sich seit der Kerenskizeit in nichts geändert. Bei der schon erwähnten Vorladung vor den RAR im Januar, bei der ich als Sprecher gewählt war, hatte ich Eisner auch die bestimmt formulierte Frage vorgelegt, wie er sich das künftige Verhältnis seiner Regierung zu Rußland denke. Die Antwort lautete wörtlich: »Ich unterhalte keine Beziehungen zu einer Regierung, die mit Millionen arbeitet.« Übrigens werdet Ihr, russische Genossen, ja durch den Genossen Towia Axelrod erfahren haben, wie Eisner seinen Haß gegen die Bolschewiki an ihm ausließ.</p>
<p>Der Rätekongreß tagte noch bis zum 20. Februar. Da ich der Überzeugung war, daß irgendwie Bedeutungsvolles bei den Beratungen nicht mehr zutage gefördert werden könne, da außerdem die revolutionären Organisationen den Beschluß gefaßt hatten, den Landtag vorerst ungestört zusammentreten zu lassen, reiste ich am 19. Februar zu einer Agitationsreise nach Baden ab, wohin mich die Spartakisten in Mannheim und Heidelberg eingeladen hatten. An diesem 19. Februar wagte die Reaktion zum ersten Male eine offene Gewaltaktion gegen die Revolution, indem eine Anzahl eigens von Norddeutschland herbeigerufener Matrosen, angeblich »zum Schutz des Landtages«, einen Putsch gegen den Rätekongreß unternahmen, um das Landtagsgebäude zu besetzen. Der Anschlag wurde verhindert. Es besteht sehr viel Ursache zu der Annahme, daß der eigentliche Veranlasser dieses Unternehmens kein anderer war als der rechtssozialistische Minister des Innern Auer. Über den Verlauf dieser Aktion im einzelnen gehe ich hinweg, da ich Wert darauf lege, in diesem Zusammenhange nur Dinge zu schildern, für die ich als Beteiligter oder Augenzeuge persönlich einstehen kann.</p>
<p>Am 21. Februar erfuhr ich in Mannheim von der Ermordung Eisners und unterbrach infolgedessen die Agitationsreise, konnte jedoch infolge der Störung des Eisenbahnverkehrs und da bei der Verwirrung in München auch kein Telefonanschluß zu erreichen war, durch den ich ein Auto oder Flugzeug hätte erhalten können, erst in der Frühe des 24. Februar dort eintreffen. Leider war auch Landauer während der Katastrophe von München abwesend gewesen, so daß unser Einfluß bei der Ergreifung der ersten Initiative nicht mehr zur Geltung kam. – Die Kenntnis der tatsächlichen Ereignisse setze ich voraus. Doch werden ein paar erklärende Hinweise willkommen sein. Eisner wurde bekanntlich auf dem Wege von seiner Amtswohnung zum Landtagsgebäude erschossen, als er – wie dann bekannt wurde – eben im Begriff war abzudanken und seine ganze Macht dem gegenrevolutionären Parlament auszuliefern. Übrigens war das Attentat nicht die selbständige Tat des Mörders Arco, wie er behauptet und vom Gericht als erwiesen angenommen wurde, sondern die Teilhandlung eines umfänglichen Komplotts, dem außer Eisner noch Landauer, Levien und ich zum Opfer fallen sollten. Am Tage vor der Tat war nämlich ein Soldat bei meiner Frau gewesen, um zu warnen. Er habe als Ordonnanz in einer Offiziersmesse gehört, daß morgen (also am 21. Februar) zu mir ein Offizier in einfacher Soldatenuniform kommen solle, der gewiß nichts Gutes im Schilde führe. Dasselbe sei gegen Landauer und Levien geplant (von Eisner sprach der Mann nicht, nannte aber den Namen des Offiziers, der mich besuchen wolle). Da – wie die Verschwörer wohl erfahren haben werden – Landauer und ich verreist waren, Levien aber keine ständige Wohnung hatte und immer sehr schwer zu finden war, unterblieben weitere Anschläge. In der Tat vermochte die beschränkte Sippe, der der Graf Arco angehörte, gar nicht zwischen den grundsätzlich feindseligen Tendenzen zu unterscheiden, die Eisner von uns Kommunisten trennten. Das zeigte sich in dem Prozeß gegen den Mörder, als er Eisner und mich wiederholt in einem Atemzuge nannte, in der Meinung, daß wir völlig einige Genossen gewesen wären. Somit charakterisierte sich der Mord als ein gegen die proletarische Revolution selbst gerichtetes Unternehmen, die eben Eisner durch seinen Tod vor dem Untergang, dem er sie auszuliefern im Begriffe stand, rettete.</p>
<p>Als Attentat auf die Revolution wurde die Bluttat denn auch vom Proletariat bewertet, und es war nur natürlich, daß im Augenblick nach seiner Ermordung sich alle Sympathien Eisner wieder zuwandten. Er war mit seinem Tode zum Symbol der bayerischen Revolution geworden, und der Drang nach Rache war am stärksten gerade bei den Kämpfern des Proletariats, die bisher Eisners Politik auf das erbittertste bekämpft hatten. Es war auch natürlich, daß sich dieser Drang im ersten Augenblick gegen das Parlament als solches wandte und ganz besonders gegen den Minister Auer. Daß Auer Eisner stürzen wollte, war allgemein bekannt, ebenso, daß er sich dazu der Unterstützung der gesamten Bourgeoisie versichert hatte. Es war ihm nachgewiesen worden, daß er in seiner Eigenschaft als Minister des Innern die Bewaffnung des reaktionärsten Teils der Bauernschaft veranlaßt und organisiert hatte; ja er hatte in Gemeinschaft mit dem gleichfalls sozialdemokratischen Justizminister Timm an erster Stelle einen Aufruf unterzeichnet, der zur Bildung einer »Bürgerwehr«, also einer weißen Garde gegen das Proletariat, aufforderte. Der Verdacht, daß auch die Ermordnung Eisners auf sein Konto zu setzen sei, war wahrscheinlich falsch, aber durchaus verständlich. Ein (wirkungsloser) Revolveranschlag, der schon am 26. Dezember auf mich verübt war, lief meiner festen Überzeugung nach auf Auers Einfluß zurück, und daß diesem »Sozialisten« kein Mittel zu gemein war, um es gegen Revolutionäre zu gebrauchen, zeigte sich später im Prozeß gegen den Genossen Lindner, als sich herausstellte, daß eine Oberleutnantsgattin, die mich mehrmals mit ihrem Besuch beehrte, als Spitzelin Auers bei mir gewesen war. Lindner, der vom ersten Revolutionstage an Mitglied des RAR war, war ein ganz unkomplizierter, aber durchaus zuverlässiger, dem Kommunismus wahrhaft ergebener Proletarier und ein sehr leicht erregbarer Mensch. Sein Eindringen in die Sitzung der Landtagsabgeordneten, die eben scheinheilig die Mordtat an Eisner verurteilten, und die Schüsse, die er auf Auer abgab, waren einfach die Reflexbewegungen der Revolution auf die vorbedachte Gewalt der Konterrevolution. Es ist bezeichnend, daß man Lindners Tat vor dem Klassengericht als aus ehrloser Gesinnung entflossen bewertete, während der überlegte und von hinten her verübte Mord des Grafen Arco ausdrücklich als aus ehrenvollen Motiven stammend anerkannt wurde. Genosse Lindner sitzt im Zuchthaus, während Arco zur Festungshaft begnadigt wurde, die er unter wesentlich angenehmeren Bedingungen verbüßt als wir Revolutionäre, für die ein ganz neuer Vollzug dieser Strafe erfunden worden ist.</p>
<p>Als ich am 24. Februar in München wieder eintraf, hoffte ich, daß der »Revolutionäre Arbeiterrat« als solcher die Regierung provisorisch übernommen hätte, bis auf Grund neuer revolutionärer Betriebswahlen ein neuer Rätekongreß die Geschicke des von seinem feige auseinandergelaufenen Parlament im Stich gelassenen Landes weiter beschließen würde. In der Tat hatte der RAR zuerst völlig das Richtige getan: er hatte den Belagerungszustand über ganz Bayern verhängt, den Generalstreik proklamiert, die Zeitungen besetzen lassen, die dann unter schärfster Zensur erscheinen durften, und betrieb die Bewaffnung der Arbeiterschaft. Leider aber hatte er es unterlassen, den alten Zentralrat aufzulösen, diesem da durch freie Hand gelassen, den früheren Rätekongreß beschleunigt wieder einzuberufen. So hatten wir im Grunde wieder, was wir gehabt hatten: einen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte-Kongreß, der zwar diesmal, da das Ministerium nicht mehr existierte, die einzige souveräne Macht des Landes darstellte, der aber bei der Präponderanz der Mehrheitssozialisten im Zentralrat und im Kongreß sich selbst nur als Platzhalter des bürgerlichen Parlaments und der von diesem einzusetzenden Regierung empfand.</p>
<p>Eisners Bestattung gestaltete sich zu einer ungeheuren, über das ganze Land greifenden revolutionären Demonstration. In allen Städten und Orten Bayerns mußten die Kirchenglocken geläutet werden und fanden Umzüge statt, an denen die Bourgeoisie in feiger Angst teilnahm. In München selbst bewegte sich ein endloser Zug mit roten Fahnen und Kranzschleifen von der Theresienwiese zum Ostfriedhof, wo die Trauerfeier und die Verbrennung stattfand. Die USP hatte von Berlin eine Abordnung entsandt, der Luise Zietz sowie Haase, Kautsky und Barth angehörten. Die drei ehemaligen Angehörigen der Regierung Scheidemann reisten unglücklicherweise nicht mit Frau Zietz nach Berlin zurück, sondern hielten es für nötig, ihre Weisheit noch befruchtend in den bayerischen Rätekongreß zu ergießen. Sie legten mit ihrer Tätigkeit den Keim zu allem Unglück, das kurz nach her entstand.</p>
<p>Der Rätekongreß erwies sich erst jetzt, wo er die ganze gesetzgebende Macht Bayerns repräsentierte, als das gänzlich hilflose und unentschlossene Gebilde, das nirgends Hand anzulegen, nirgends seinen Beschlüssen Nachdruck zu geben wagte. Ein Beispiel mag illustrieren, wie der Kongreß seine Macht gebrauchte. Seit November hatte sich als Bahnhofskommandant ein gewisser Aschenbrenner etabliert, der mit seiner Abteilung der dem Stadtkommandanten Dürr (Mehrheitssozialist) unterstellten »Republikanischen Schutztruppe« am Bahnhof ein wahres Schreckensregiment eingerichtet hatte. Er ließ kommunistische Flugblattverbreiter festnehmen, die dann unter dem Vorwand, sie hätten geplündert, furchtbar geprügelt wurden. Diese Tätigkeit setzte er nach der Ermordung Eisners ungestört fort. Zwei junge Leute, die auf der Bahnhofswache mißhandelt waren, wurden dem Kongreß vorgeführt. Sie entblößten den Oberkörper und zeigten ihre Wunden und Striemen. Darauf wurde eine Deputation zu Aschenbrenner geschickt. Sie kehrte zurück, und ihr Sprecher, Genosse Dr. Wadler, brachte eines der Marterinstrumente mit, einen Peitschenstumpf, dessen bloßgelegtes inneres Drahtgestell zum Schlagen benutzt wurde. Die Empörung des Kongresses war ungeheuer. Die Entfernung Aschenbrenners von seinem Posten wurde beschlossen. Der Zentralrat, der den Beschluß auszuführen hatte, zeigte sich aber dazu außerstande. Aschenbrenner gab die freche Antwort, man möge ihn von seinem Posten wegholen. Er blieb. Wer im Rätekongreß wußte, wohin gesteuert werden sollte, waren die Auerochsen, die mit allen Mitteln versuchten, »Ruhe und Ordnung«, das heißt also eine »rechtmäßige« demokratische Regierung, in der sie dominierten, wiederherzustellen, und auf der anderen Seite die wenigen Radikalen; das waren wir zehn Vertreter des RAR und die Vertreter der Arbeitslosen und der demobilisierten Soldaten, die ihre Vertretung im Kongreß erzwungen hatten. Unsere zahlenmäßig äußerst schwache Position wurde stark gestützt durch die Tribüne, die unsere Reden mit kräftigen Zurufen ermunterte, und durch die Straße, das heißt durch permanent tagendemeist von den Arbeitslosen organisierte – Versammlungen, die den Kongreß fast täglich durch Delegationen erschreckte, die äußerst präzise revolutionäre Forderungen stellten. Im Saale selbst fanden wir noch Unterstützung bei einem Teil der Unabhängigen und einer Minderheit der Bauernräte. Den entscheidenden Kern der Versammlung bildete die aus kompromißlerischen Unabhängigen und widerstrebend revolutionären Bauern zusammengesetzte Mehrheit. Die Soldatenräte waren größtenteils ganz reaktionär.</p>
<p>Wohin unsere Forderungen in Übereinstimmung mit den täglich versammelten revolutionären Proletariern zielten, werden diese Sätze erhellen, die ich dem nach Eisners Ermordung von mir im »Kain« veröffentlichten Artikel entnehme: »Jetzt aber darf es kein Zurück mehr geben. Jetzt gilt es der Gegenrevolution den Hals zuzudrücken, daß sie nie wieder zu Atem kommen darf. Man proklamiere sofort die Räterepublik, die kein Paktieren mit dem bürgerlichen Parlamentarismus mehr kennt. Man lasse die kapitalistisch monopolisierte ›Freiheit‹ der Presse nicht wieder zur Seelenvergiftung und Mordanstiftung zu. Man unterbinde die Offiziers- und Studentenverschwörungen mit den radikalsten Mitteln der Volksdiktatur. Man expropriiere den Großgrundbesitz, entrechte das rententragende Kapital, beginne mit sozialistischer Arbeit in Stadt- und Landgemeinden und scheue dabei nicht zurück vor der revolutionären Dekretierung weltstürzender Neuerungen. Man vertreibe alle verantwortlichen Persönlichkeiten des alten Systems von ihren Posten, pfeife auf den Bannfluch von Weimar und verbinde sich schnellstens mit den natürlichen Verbündeten der sozialistischen Revolution, mit den herrlichen Vorkämpfern der Weltbefreiung in Rußland &#8230;«</p>
<p>Räterepublik! Das war vom Tage des Todes Eisners an der Refrain aller Kundgebungen. Ein stürmisches Verlangen nach ihrer sofortigen Ausrufung machte sich im Proletariat geltend, und die Kommunistische Partei insbesondere erhob diese Massenforderung zu ihrer eigenen. Es wird aufgefallen sein, daß hier von der KPD im allgemeinen wenig die Rede war. In der Tat hatte die Partei bisher ihre Tätigkeit ganz auf Agitation unter den Massen und Organisation in den eigenen Reihen beschränkt. Der Haß, der ihr dabei den Namen »Spartakisten« bei der Bourgeoisie zuzog, bewies, daß diese Arbeit fruchtbar war. Zu eigenem Handeln war die Ortsgruppe aber jedenfalls noch zu schwach. Politisches Eingreifen überließ sie daher stets dem RAR, dem ja Levien angehörte und der mindestens zur Hälfte aus Parteikommunisten bestand. Durch den RAR war demnach die Partei auch im Rätekongreß vertreten. Außerdem gehörten einige Delegierte der Arbeiterräte aus den Landbezirken der KPD an, ohne sich jedoch im Kongreß als Fraktion zusammenzuschließen.</p>
<p>Das Drängen nach schleuniger Ausrufung der Räterepublik war um so verständlicher, als allerlei reaktionäre Machenschaften gleich wieder bemerkbar wurden, die es dem Proletariat nötig erscheinen ließen, die Macht selbst zu übernehmen. Zunächst war da die Sabotage der Bewaffnung des Proletariats. Dem Stadtkommandanten Dürr war aufgegeben, die Austeilung von Gewehren nach Betrieben zu veranlassen. Er tat fast nichts in dieser Sache, und die wenigen Waffen, die verteilt wurden, gerieten in die Hände ausgesuchter Mehrheitler, so daß die Gefahr entstand, die Verfügung über die Waffen werde schließlich bei den reaktionären Gewerkschaftsführern sein. Hierzu kam, daß der Zentralrat sich gleich nach Eisners Tod erweiterte, indem von der sozialdemokratischen Mehrheitspartei zwei Funktionäre der Gewerkschaften hinein entsandt wurden. Der RAR delegierte daraufhin auch seinerseits zwei Genossen in den Zentralrat: Levien und Hagemeister, die jedoch gleich wieder austreten mußten, da sich der Zentralrat unter dem Einfluß der Rechtssozialisten auf ein höchst zweideutiges Programm verpflichtete. Die Hauptsache aber, die das Mißtrauen des Proletariats auf den Höhepunkt trieb, war die geheimnisvolle Tätigkeit der drei Berliner Unabhängigen. Eines Tages erschien Emil Barth auf der Rednertribüne des Rätekongresses und redete von der Notwendigkeit, sich wieder eine richtige Staatsordnung zu geben. Er kam dann auch als Gast in die Sitzung des RAR und wollte uns bewegen, doch von dem blödsinnigen Gedanken einer Räterepublik abzukommen. Man müsse diplomatisch vorgehen, dann erreiche man viel mehr und so weiter. Ich trat ihm sehr energisch entgegen, und er holte sich bei den Genossen des RAR die gründlichste Abfuhr. Inzwischen aber merkte man, daß hinter den Kulissen allerlei Schiebungen vor sich gingen. Die Sitzung des Rätekongresses mußte unterbrochen werden, da die USP eine wichtige Besprechung habe, und es wurde ruchbar, daß an dieser Besprechung die Herren Haase, Kautsky und Barth teilnahmen. Dann fand auch noch eine gemeinsame Konferenz der USP mit den Rechtssozialisten statt. Es war klar, daß eine Überraschung geplant war.</p>
<p>Die kommunistische Agitation für die Räterepublik hatte inzwischen die Konterrevolution überaus nervös gemacht. Am 27. Februar wurden von Flugzeugen Zettel über München abgeworfen, die die Unterschriften des Nürnberger Stadtkommandanten Schneppenhorst und Dr. Ewingers, des späteren Diktators Oberbayerns, trugen und besonders gegen Levien und mich scharfmachten. An diesem selben Tage trug sich dann ein Ereignis zu, das das Proletariat im äußersten Maße erregte. Während der Sitzung des Rätekongresses drangen plötzlich die Führer der »Republikanischen Schutztruppe« mit geschwungenen Pistolen und unter dem Ruf: »Hände hoch!« in den Saal. Levien und ich wurden herausgezerrt und unter Mißhandlungen die Treppe heruntergestoßen. Ebenso wurde dann noch Landauer, der eben das Haus betrat, festgenommen und ferner noch Dr. Wadler, der Vertreter der Arbeitslosen Cronauer und der Delegierte der demobilisierten Soldaten Markus Reichert von der KPD. Wir sollten, wie dann bekannt wurde, verschleppt werden und als Geiseln für etwaige Aktionen des Proletariats dienen. Daß dieser Plan nicht zur Ausführung kam, dankten wir hauptsächlich dem Beistand der das Landtagsgebäude schützenden Abteilung der »Republikanischen Schutztruppe«, die von jeher vorzüglichen revolutionären Geist gezeigt hatte – das lag an der ständigen Berührung mit dem im Landtagsgebäude tagenden RAR – und sich nun anschickte, uns gegen die Gewalt ihrer Kameraden von den anderen Abteilungen der RS mit den Waffen zu verteidigen. Als die Situation aufs äußerste bedrohlich geworden war und ein Kampf unvermeidlich schien – schon waren Maschinengewehre in Stellung gebracht –, kam vom Stadtkommandanten Gegenorder, und wir waren frei.</p>
<p>Der RAR beschloß jetzt im Einverständnis mit der KPD, den Rätekongreß vor eine Entscheidung zu stellen, und ich erhielt den Auftrag, am nächsten Tag den Antrag einzubringen, Bayern zur Räterepublik auszurufen. Der Kongreß sollte also aus dem Provisorium ein Definitivum machen, zugleich sollte das Proletariat selbst in Aktion treten, die Waffen nehmen, die Ämter säubern, Betriebsräte neu wählen und das Sowjetsystem unter proletarischer Diktatur verwirklichen. Ich begründete den Antrag (am 28. Februar), der dann zur namentlichen Abstimmung kam. Es stimmten 70 Delegierte für die Räterepublik, 234 dagegen. – Ich muß hier einschalten, daß unter den Gegnern des Antrages auch mein Freund Landauer sich befand, der auf eine Begründung seiner Haltung vor dem Kongreß selbst verzichtete, dann aber privatim nahezu dieselben Gründe angab, die fünf Wochen später für die Kommunistische Partei maßgebend waren. Vor allem hielt er den Zeitpunkt für die Proklamation für verfrüht.</p>
<p>Wie die Massen dachten, zeigte sich während der Auszählung der Stimmen. Eine mächtige Demonstration erregter Arbeiter erschien vor dem Landtagsgebäude, um in drohender Haltung das Resultat abzuwarten. Landauer, sonst eine der beliebtesten Persönlichkeiten bei der Menge, versuchte vom Fenster aus beschwichtigend einzuwirken, indem er die Gründe darlegte, die die Ausrufung der Räterepublik in diesem Augenblick gar nicht wünschenswert machten. Er mußte abtreten. Man verlangte nach Levien und mir. Wir hatten die größte Mühe, die Arbeiterschaft zum Abzug zu bewegen, die durchaus entschlossen war, obwohl sie unbewaffnet war, das Gebäude zu stürmen und den Kongreß zum Teufel zu jagen. Mir hat es später sehr leid getan, daß wir damals gebremst haben. Die Räterepublik wäre sonst durch einen heroischen Akt des Proletariats erzwungen worden, und die schlimmen Differenzen, die im April unsere Aktion zur Totgeburt machten, wären der bayerischen Arbeiterschaft erspart geblieben.</p>
<p>Die Gärung in der Bevölkerung war gewaltig. Wie populär die Idee der Räterepublik selbst bis in rechtssozialistische Kreise der Arbeiterschaft schon war, beweisen die schon einige Tage vorher vom Münchener Arbeiterrat (der zur Mehrheit aus Auerochsen bestand) angenommenen, vom Genossen Dr. Wadler eingebrachten Forderungen: Sofortige Ausrufung der sozialistischen Räterepublik, Einsetzung von Volksbeauftragten, Einsetzung eines Revolutionstribunals, Standrecht gegen die Reaktion. – Die Konterrevolutionäre hingegen betrachteten die Ablehnung des Antrages Mühsam keineswegs als Triumph. Am folgenden Tage nämlich (1. März) wurden bereits wieder Flugblätter über München abgeworfen, die diesmal vom Münchener Stadtkommandanten Dürr, vom (unabhängigen) Polizeipräsidenten Staimer, von Vertretern der sozialdemokratischen Partei und der freien Gewerkschaften unterzeichnet waren und in denen es hieß: » &#8230; Wollt Dir, daß die Straße Euch weiter vergewaltigt? Könnt Ihr Euch länger von Elementen wie Levien, Mühsam, Hagemeister, Cronauer und Konsorten den Fuß auf den Nacken, die Pistole auf die Brust setzen lassen? Nein! Genau so, wie uns die Gegenrevolution, die Bourgeoisie, ins alte Elend bringen würde, genau so wird das Volk von den Spartakisten und ihrem Anhang, den Plünderern, ins größte Unglück gestürzt werden. Deshalb gilt es, daß alle Arbeiter und Soldaten das unerträgliche Joch einer brutalen Minderheit abschütteln, gemeinsam den Boden der Ordnung im Sinne einer einigen Sozialdemokratie betreten und das Volk endlich der wahren Demokratie, dem Sozialismus, der echten Volksherrschaft zuführen. Wir müssen unverzüglich ein rein sozialistisches Ministerium bilden &#8230; Vor allen Dingen müssen wir den ebenso gefährlichen Elementen des Spartakusbundes und dem sich immer mehr breit machenden Lumpengesindel das Handwerk legen. Arbeiterschaft! Soldaten! Handeln heißt es! Die vernünftige Bevölkerung bleibe zu Hause! Die Straße muß freibleiben für die Soldaten, die berufen sind, sozialistische Ordnung zu schaffen! Es geht ums Ganze! Es geht um die Errungenschaften der Revolution! Es gilt die Rechte der Räte vor dem Terror der Straße zu schützen! Es geht um den geeinigten Sozialismus! – Soldaten! Schart Euch um Eure berufenen Führer! Folgt nur der Parole, die diejenigen ausgeben, denen Ihr Vertrauen schenkt! Deshalb in die Kasernen! Dort werden Eure gewählten Kasernenräte und Führer mit Euch unternehmen,was das Volkswohl erfordert.« Das war offene Kriegserklärung.</p>
<p>Am Abend desselben Tages rechnete ich im Münchener Arbeiterrat öffentlich mit Dürr und Staimer ab, deren Absetzung ich verlangte. Beide Herren waren persönlich zugegen. Es gelang ihnen, sich mit ihrer Nervosität zu entschuldigen, und derselbe Münchener Arbeiterrat, der wenige Tage vorher Wadlers radikalen Forderungen zugestimmt hatte, erteilte dem Polizeipräsidenten und dem Stadtkommandanten, die am selben Tage zum Blutbad gegen die Revolutionäre aufgereizt hatten, sein Vertrauensvotum. Die Sitzung schloß spät in der Nacht. Da meine Freunde vom RAR nach der Provokation für meine Sicherheit auf dem Heimweg fürchteten, zwangen sie die beiden, mich in ihrem Auto heimzufahren, und der Stadtkommandant und der Polizeipräsident, die mich am selben Nachmittag verhaften und womöglich erschießen wollten, setzten mich persönlich in meiner Wohnung ab.</p>
<p>Der Rätekongreß hatte nach der Ablehnung meines Antrages beschlossen, daß der im Januar gewählte Landtag trotz seiner feigen Desertion in der Stunde seines ersten Zusammentritts als zu Recht bestehend anerkannt würde. Charakteristisch aber für die Halbheit aller seiner Maßnahmen war die aus Angst vor dem Proletariat zugleich gefaßte Entschließung, daß das Parlament vorerst vertagt bleiben solle. Darauf beeilten sich die Sozialdemokraten eine Erklärung abzugeben, wonach sie sich in der Lage erklärten, »in einem sozialistischen Ministerium mitzuwirken«. Gleichzeitig forderten sie eine Neukonstituierung des Rätekongresses auf Grund von Wahlen, die nach den Grundsätzen der Verhältniswahl stattzufinden hätten, demnach das Abberufungsrecht, ohne das das ganze Rätesystem unsinnig ist, illusorisch machten. Die Rechte der Räte sollten zudem in einer Weise eingeschränkt werden, die ihren wirklichen Einfluß vollständig gebrochen hätte. Bei der Verhandlung des Antrages im Kongreß stellte sich heraus, daß es den Rechtssozialisten hauptsächlich darauf ankam, dem RAR den Todesstoß zu versetzen. Der Redner der Auerochsen sagte in seiner Begründung, daß es seiner Partei unmöglich sei, mit den Mitgliedern des »Revolutionären Arbeiterrats« in einem Aktionsausschuß zu arbeiten. Er stellte daher den formellen Antrag, die drei Mitglieder, die der RAR zum Aktionsausschuß stellen durfte, zu streichen. Landauer erwiderte, wies darauf hin, daß der Mann, der hier gesprochen hatte, das Recht dazu nur daraus nehme, daß der »Revolutionäre Arbeiterrat« ihn eingeladen habe, den er nun ausgeschlossen wissen wollte. Bei dieser Gelegenheit sprach Landauer den später viel zitierten Satz: »In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die sozialdemokratische Partei.«</p>
<p>Die Reibereien zwischen den Revolutionären und den »sozialistischen« Konterrevolutionären nahmen indessen immer heftigere Formen an. Der Stadtkommandant wagte es, die Abteilung der RS, die uns beim Überfall auf den Kongreß geschützt und der die Versammlung dafür einstimmigen Dank ausgesprochen hatte, aus dem Landtagsgebäude fortzunehmen, ja, einige als besonders revolutionär bekannte Soldaten ohne weiteres aus der Schutztruppe zu entlassen. Sie wendeten sich an den Kongreß, der auch versprach, sich ihrer anzunehmen, und ausdrücklich verfügte, daß die Abteilung im Hause bleiben sollte. Allein wiederum erwies sich die Ohnmacht des Zentralrats, Beschlüsse durchzuführen. Der Wille des Rätekongresses wurde einfach ignoriert. Die Beratungen verloren sich meistens in ganz überflüssigem Geschwätz über gleichgültige Nebensächlichkeiten. Wesentliche Dinge, wie zum Beispiel ein von mir in Gemeinschaft mit einem radikalen Bauernrat eingebrachter Antrag, die ländlichen Kommunalverbände aufzulösen und ihre Funktion den Bauernräten in Gemeinschaft mit städtischen Arbeiterräten zu übertragen, wurden verschleppt und kamen gar nicht zur Verhandlung. Inzwischen hatte im Gefolge der Rührigkeit der Berliner Unabhängigen in Nürnberg eine gemeinsame Konferenz der Mehrheitssozialisten, der Unabhängigen und der gemäßigteren Richtung des Bauernbundes stattgefunden, und am 7. März wurde dem Kongreß das »Nürnberger Kompromiß« durch den Mund eines der rückständigsten Bauernräte vorgetragen. Da dieses Kompromiß die eigentliche Ursache der späteren Ereignisse wurde, sei es in extenso mitgeteilt.</p>
<ul>
<li> 1. »Sofortige Einberufung des Landtages zu einer kurzen Tagung. Bildung eines sozialistischen Ministeriums durch die beiden sozialistischen Parteien mit Errichtung eines land- und forstwirtschaftlichen Ministeriums und Besetzung durch einen Bauernbündler nach Beratung mit dem Aktionsausschuß der A.–, S.- und B.-Räte, Anerkennung dieses Ministeriums durch den gewählten Landtag, Schaffung einer Notverfassung.</li>
<li> 2. Übertragung weitgehender Vollmachten durch den Landtag auf das Ministerium zur Leitung der Regierungsgeschäfte.</li>
<li> 3. Zusammenfassung und Ausbau der Propaganda-Abteilung für Volksaufklärung.</li>
<li> 4. Die gesetzgebende und vollziehende Gewalt liegt während der Zeit des Provisoriums allein in den Händen des Ministeriums. Je ein Vertreter der A.–, S.- und B.-Räte kann mit beratender Stimme an den Sitzungen des Ministerrats teilnehmen.</li>
<li> 5. Sofortige Schaffung einer freiwilligen Volkswehr aus gewerkschaftlich organisierten Arbeitern; sofortige Auflösung des stehenden Heeres.</li>
<li> 6. In den Vertretungen der Gemeinden, Bezirke, Kreise und staatlichen Behörden steht den A.–, S.- und B.-Räten das Recht der praktischen Mitarbeit durch Abordnungen in diese Körperschaften zu. Im Ministerium des Innern ist ein Referat für die Räteorganisation zu errichten und nach dem Benehmen mit dem Aktionsausschuß zu besetzen.</li>
<li> 7. Den A.-, S.- und B.-Räten steht ferner das Recht zu, beim Landtag und bei der Regierung Beschwerden, Eingaben und Gesetzentwürfe einzureichen und letztere jeweils durch einen Beauftragten vertreten zu lassen. Den neugewählten Räten steht eine Berufung gegen Beschlüsse des Landtags an die Volksgesamtheit zu. (Referendum.)</li>
<li> 8. Die Neuwahlen der Räte sind im ganzen Lande nach den Grundsätzen der Verhältniswahl möglichst bald anzuordnen. Über aktives und passives Wahlrecht sind vom Gesamtstaatsministerium unter Mitwirkung des Aktionsausschusses besondere Bestimmungen zu treffen.</li>
<li> 9. Die Rechte der Räte sind unter Berücksichtigung von Punkt 6 und 7 durch ein besonderes Gesetz umgehend festzulegen.«</li>
</ul>
<p>Die revolutionäre Minderheit war über diese dem Rätekongreß zugemutete Selbstentmannung empört, konnte aber die Annahme der Leitsätze nicht verhindern. Die Punkte wurden einzeln beraten und abgestimmt und nach der Annahme von Punkt 1 sofort zur Wahl des Ministeriums geschritten, dessen Zusammensetzung natürlich von den Parteien hinter den Kulissen längst vereinbart war. Zum Ministerpräsidenten wurde der Mehrheitler Hoffmann bestimmt, der im Kabinett Eisner Kultusminister war, sich aber im Kampf der Meinungen bisher ziemlich passiv verhalten hatte. Sein wahres Gesicht zeigte der Mann erst, als er auf dem Gipfel seiner Laufbahn angelangt war. Das Ministerium für Kultus und Unterricht, für das der Kongreß zuerst den linksstehenden Rechtssozialisten Niekisch gewählt hatte, den Vorsitzenden des Zentralrats und des Rätekongresses, behielt Hoffmann dann als Ministerpräsident neben dem Ministerium des Auswärtigen, das er gleichfalls übernahm, bei. Für das Innere wurde der bisherige Demobilmachungskommissar Segitz, für die Jusitz ein Herr Endres, beide Mehrheitssozialisten, gewählt. Die Soziale Fürsorge übertrug man dem weit rechtsstehenden Unabhängigen Unterleitner, der dieses Ministerium schon zu Eisners Zeit verwaltet hatte, Handel und Industrie dem Nürnberger rechten Unabhängigen Simon. Der einzige Ministerkandidat, der einstimmig gewählt wurde, war Professor Jaffé als Finanzminister, der sich unter Eisner als revolutionärster Geist innerhalb des Ministerrats erwiesen hatte. Für das Militärwesen war der schon erwähnte Schneppenhorst vorgeschlagen. Die Mißstimmung gegen diesen Mann war jedoch infolge der Flugblätter, die er über München hatte abwerfen lassen, bis in reformistische Kreise hinein so groß, daß auch die Unabhängigen gegen ihn sprachen und seine Parteigenossen ihn daher selbst fallenließen. Seine Wahl wurde einstimmig abgelehnt und dafür der Rechtsunabhängige Scheidt ernannt. Im übrigen wurden die neun Punkte hintereinander erledigt. Bei der Gesamtabstimmung war nur eine geringe Minderheit klar genug, die furchtbare Gefahr zu erkennen, die mit diesem Beschluß über das ganze Land gebracht war. Ich rief bei der Verkündigung der Annahme des Nürnberger Kompromisses in den Saal: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Damit ging der Rätekongreß auseinander. Er hatte die Revolution preisgegeben.</p>
<p>Die Arbeiterschaft selbst verzichtete jedoch keineswegs auf ihre Fortsetzung. Sie verfolgte mit der mißtrauischsten Aufmerksamkeit den weiteren Verlauf der Dinge, entschlossen, ihre revolutionären Rechte mit allen Mitteln zu verteidigen. Der Landtag trat also wirklich zusammen, nachdem dem »Revolutionären Arbeiterrat« seine Räume außerhalb des Hauses, nämlich im früheren Palais des Königs, zugewiesen waren. Die Helden des 21. Februar tagten unter grotesker militärischer Sicherung, indem sie das Kopfnicken, das ihnen die Nürnberger Kompromißler vorgeschrieben hatten, vollzogen. Trotzdem fand sich die Möglichkeit, den Willen des Rätekongresses gleich nach der Rückkehr ins Parlament mit Füßen zu treten. Kaum war nämlich der Kongreß vertagt, da warfen die Kompromißparteien mit dem Zentralrat zusammen die Liste des »rein sozialistischen« Ministeriums wieder um und änderten darin die beiden für den Rätekongreß wichtigsten Posten. Professor Jaffé, der schon unter Eisner im Sinne des linken Flügels der Unabhängigen gearbeitet hatte (so hatte er sich öffentlich zu der Absicht bekannt, das Inseratenmonopol für die Presse durchzuführen), wurde einfach über Bord gesetzt, obwohl er der einzige Ministerkandidat war, gegen den sich im Kongreß keine einzige Stimme erhoben hatte. Aber er war Jude und galt als Radikaler. Das Finanzressort wurde provisorisch einem Beamten überlassen, um es später wieder durch einen eigenen Minister zu besetzen. Zweitens wurde aber auch ein weiterer »Unabhängiger« von der Liste gestrichen, der zum Militärminister ausersehene Herr Scheidt, der bisher provisorisch schon das Amt verwaltet hatte. Er schien den konterrevolutionären »Sozialisten« wohl schon zu radikal, obwohl seine Unterschrift am 1. März mit unter den zitierten zum Bürgerkrieg aufrufenden Flugblättern gestanden hatte. Statt seiner wurde der vom Rätekongreß einstimmig abgelehnte Schneppenhorst eingesetzt, der Mann, der dann die Rolle des bayerischen Noske übernehmen sollte. Im übrigen zeigte aber der Landtag seinen demokratischen Willen dadurch, daß er ein albernes Gesetz annahm, durch das die Führung des Adelstitels fortan in Bayern verboten wurde. Das war eine Verballhornung eines von Landauer und mir im Rätekongreß eingebrachten, aber nicht mehr beratenen Vorschlags, der die Adels Vorrechte dadurch ausschließen wollte, daß er einfach die Strafbarkeit der unberechtigten Führung von Adel und Titeln aufzuheben empfahl. Da sich das Gesetz des Landtags nur auf den bayerischen Adel bezog, da außerdem die betroffenen Familien erklärten, ihr Adelsprädikat bilde einen unlöslichen Bestandteil ihres Namens, blieb das Ganze eine wirkungslose Demonstration.</p>
<p>Die Stimmung der Massen kam an dem Abend zum Ausdruck, als die Mehrheitssozialdemokratie fünf Massenversammlungen einberief, in denen die von ihnen gestellten neuen Minister sich dem Volk vorstellen sollten. Alle diese Versammlungen verliefen als unzweideutige kommunistische Kundgebungen. Den Rednern wurde überall übel zugesetzt, der neuen Regierung die allerschärfste Opposition angekündigt, die Werbeinserate der Reaktion zur Bildung von weißen Garden wurden ihr vorgehalten, und aus allen Reden und Rufen der Proletarier klang immer wieder die eine Forderung heraus: Räterepublik! – Natürlich versetzten die Berliner Märzunruhen mit den Schreckenstaten der weißen Mörder die Münchener Arbeiterschaft in besondere Unruhe. Sie verlangten Garantien gegen das Übergreifen derartiger Vorgänge nach Bayern und erreichten denn auch, daß die Regierung in einem strikten Verbot jede militärische Werbung für den sogenannten »Grenzschutz Ost« oder gegen den Bolschewismus untersagte. Ja, Herr Schneppenhorst erließ sogar Haftbefehle gegen Werbeoffiziere, die den Oberst Epp, der die Rolle Koltschaks für Bayern spielen wollte und später mit Schneppenhorsts Unterstützung auch wirklich spielte, veranlaßten, seine Tätigkeit an die Grenze außerhalb des Landes, nach Ohrdruf in Thüringen zu verlegen, wo er ein antibolschewistisches Freikorps aufstellte.</p>
<p>Der Landtag war verabredungsgemäß gleich nach Erledigung der wenigen gestellten Aufgaben wieder heimgeschickt worden und sollte erst zusammentreten, wenn der Zentralrat ihn wieder brauchte. Man rechnete auf Ende Mai. Die Regierungsgeschäfte lagen inzwischen formell bei den einzelnen Ministerien, doch wurden alle praktischen Arbeiten tatsächlich von den Staatskommissariaten geleitet, die schon seit Eisners Ermordung am Werk waren und teilweise sehr Tüchtiges leisteten. Ein großer Teil der organisatorischen Tätigkeit lief beim Staatskommissariat für Demobilmachung zusammen, dessen erster Referent,das Mitglied des »Revolutionären Arbeiterrats« Paulukum (USP), außerordentlich tatkräftig die Interessen der Arbeiterschaft wahrte. Als Kommissar für das Wohnungswesen griff Genosse Dr. Wadler so gründlich durch, daß er sich den unauslöschlichen Haß der Bourgeoisie zuzog. Er beschlagnahmte sämtliche Spekulationsgrundstücke, um darauf Wohnstätten zu errichten, registrierte alle großen Wohnungen und quartierte Arbeiterfamilien bei Kapitalisten ein. Er reiste selbst im Lande umher, um sich persönlich von der miserablen Unterkunft der Arbeiter bei den großen Industrieanlagen (so der Bergarbeiter von Penzberg) zu überzeugen und Abhilfe zu schaffen. Ich halte es für eine Pflicht loyaler Solidarität, wenn ich ein paar Worte zugunsten dieses Genossen hier einfüge. Dr. Wadler war erst nach Ausbruch der Revolution zu sozialistischen Überzeugungen gelangt. Während des Krieges war er – von Beruf Rechtsanwalt – Offizier gewesen und hatte sich von alldeutschen Ideen völlig durchtränken lassen. In Belgien oblag ihm ein verantwortlicher Dienst bei der Zwangsdeportation belgischer Arbeiter. Er versah diesen Dienst durchaus im Geiste seiner Auftraggeber, und seine vom Standgericht ans Licht gezerrten Berichte und Ratschläge offenbarten in der Tat dasselbe Maß unsozialer Gesinnung, das die deutsche Militärdiktatur während des Krieges allgemein auszeichnete. Mit dem Niederbruch der deutschen Heere gingen Wadler die Augen auf. Er sah aus vollem Herzen ein, wie verblendet er vorher gewesen war, und gab sich mit seiner ganzen Person der Revolution hin. Keiner von uns allen, die wir näher mit ihm zu tun hatten, hat je die Empfindung gehabt, daß er ein ehrgeiziger Konjunktur-Revolutionär sei. Der RAR nahm ihn gern in seine Mitte auf, und er hat sich in jeder Situation treu bewährt. Das Standgericht verurteilte Wadler später unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte zu acht Jahren Zuchthaus und begründete das Schandurteil mit dem Vorwurf, seine frühere unsoziale Haltung beweise die Unehrlichkeit seiner revolutionären Gesinnung und seines Bekenntnisses zum Kommunismus. In Wirklichkeit war das von Juristen und Offizieren gefällte Urteil ein Racheakt gegen den ins andere Lager übergegangenen Juristen und Offizier und zugleich ein Racheakt der in ihrem Besitzfanatismus gekränkten Bourgeoisie gegen den Arbeiterquartiermacher in ihren Behausungen. Daß P. Werner die vom konterrevolutionären Standgericht gegen Wadlers Ehrenhaftigkeit angezogenen Argumente wiederholt, um den Mann, der zufällig nicht bei der KPD organisiert war, auch beim Proletariat zu verdächtigen, ist tief beschämend. Die Regierung kannte die Stimmung unter den Massen zu gut, um nicht zu wissen, daß sie die Vollmachten der sehr populären Kommissariate nicht ein engen durfte. Sie mußte vielmehr bestrebt sein, den Proletariern auch in den allerwichtigsten Forderungen, denen, die die Expropriation der Expropriateure betrafen, wenigstens scheinbar entgegenzukommen. Das immer drohender hörbare Verlangen nach der endgültigen sozialen Revolution, nach der Rätediktatur, mußte beschwichtigt werden, und dazu mußte das Wort »Sozialisierung« herhalten. In dieser Zeit tauchte in München der Nationalökonom Dr. Neurath auf, der vorher in Leipzig einem volkswirtschaftlichen Institut vorgestanden hatte. Dieser hochintelligente, von großem theoretischem Wissen bediente Mann begann seine Tätigkeit mit öffentlichen Vorträgen über Sozialisierungsprobleme, in denen er außerordentlich weitgreifende Pläne für die Vergesellschaftung der Produktion entwickelte. Er stellte sich dem RAR vor, wurde auch vom Münchener Arbeiterrat zu einem Vortrag eingeladen und fand bei der Arbeiterschaft starkes Interesse, wenngleich ihm persönlich einiger Argwohn entgegengebracht wurde, der in der völligen Wahllosigkeit begründet lag, mit der Neurath seine Ideen auch in den rückständigsten Bürgerkreisen zu Gehör brachte. Der Grundgedanke seiner Vorschläge bestand darin, daß die gesamte Produktion vollständig in den Dienst des notwendigen Bedarfs gestellt würde, als den er bezeichnete: auskömmliche Unterkunft, Verpflegung, Bekleidung und Vergnügung für alle Volksgenossen ohne Unterschied. Er wollte die Luxus- und Spekulationsindustrie absolut unterbinden, glaubte dadurch den Kohlen- und Kraftbedarf für die Ernährungs-, Textil-, Werkzeugproduktion etc. decken zu können, wollte die Übernahme der Großbetriebe und des Großgrundbesitzes in die Hände der Gesellschaft ohne Ablösung bewirken und stellte also sozialistische Forderungen auf, mit denen das Proletariat an und für sich sehr zufrieden sein konnte. Das Dilettantische seines Vorgehens bestand nur darin, daß er der Ansicht war, diese Maßnahmen ließen sich ohne Eingriff in die politische Verfassung des Landes durchführen. Er pflegte zu sagen, er halte es mit jeder Regierung, die ihn ungestört arbeiten lasse, ob es eine absolutistisch-monarchistische sei oder eine Räterepublik, sei ihm gleichgültig. Aus Opportunitätsgründen ließ sich Neurath in die sozialdemokratische Partei aufnehmen, und also gestützt auf die Regierungspartei selbst, glaubte er nun vermöge seiner konzilianten Beredsamkeit die gesamte Bürgerschaft von der Nützlichkeit und Notwendigkeit seiner Vorsätze überzeugen zu können. Wen er in der Tat gewann, das war der Minister für Handel, Gewerbe und Industrie, Herr Simon, der in seinem sehr opportunistischen unabhängigen Gemüt im Ernst meinte, kraft seines Amtes durch einfache Erlasse des Ressortministeriums den Sozialismus in Bayern einführen zu können. Neurath wurde auf sein Betreiben vom Ministerrat zum Sozialisierungskommissar mit außerordentlichen Vollmachten ernannt.</p>
<p>Am 21. März schlug die Nachricht von der Ausrufung der Räterepublik in Ungarn wie eine Bombe ein. Die Begeisterung des Proletariats war überschwenglich. Der Name Béla Kun wurde neben denen Lenins und Trotzkis zum Kampfruf für die Massen. Die Versammlungsredner fanden mit dem Appell zur Nacheiferung des ungarischen Beispiels jubelnde Zustimmung. Vor der Bourgeoisie tauchte erst jetzt das Gespenst der Räterepublik als unmittelbare leibhaftige Drohung auf. Die Regierung bekam eine Höllenangst und hoffte auf Neurath. Dieser überredete das Ministerium, eine Proklamation zu erlassen, in der die »Vollsozialisierung« angekündigt wurde. Zugleich lud man die sächsische (ebenfalls »sozialistische«) Regierung ein, dem Beispiel zu folgen, erhielt aber von Herrn Gradnauer in Dresden eine sehr deutliche Absage. Wie konsterniert die Bourgeoisie war, zeigte sich daran, daß es Neurath gelang, einen Führer der klerikalen Agrarbourgeoisie, Herrn Dr. Schlittenbauer, für seine Pläne einzufangen. Wahrscheinlich sah der Mann die Unvermeidlichkeit des kommunistischen Sieges so deutlich vor sich, daß er alle Rettung nur noch in einem rechtzeitigen Pakt mit dem Umsturz suchte, bei dem die von ihm vertretenen Großbauern ihre Schäfchen eben noch ins trockene bringen mochten. Neurath selbst mußte allerdings bei allen Versuchen, Praktisches zu leisten, immer mehr einsehen, daß ihm der Kapitalismus zähen Widerstand entgegensetzte, gegen den ihm die Vollmachten des Ministers Simon nicht das mindeste halfen. Er mußte also seinen Wagemut bald etliche Pflöcke zurückstecken.</p>
<p>Die Hauptsorge der Regierung Hoffmann war, die eigene Position gegen die immer schärfer zur revolutionären Aktion drängenden Massen zu festigen. Auch da mußte Neurath helfen. In einer vom RAR einberufenen großen Volksversammlung in der letzten Märzwoche, in der ich das Referat hatte, erbat der Sozialisierungskommissar außer der Reihe das Wort und überraschte die Tausende seiner Hörer mit einem Projekt, für das er die Zustimmung der Regierung so gut wie sicher habe. Der bayerische Staat werde den Kommunisten ein großes, fruchtbares Gebiet, das einige tausend Personen bequem ernähren könne, mit allem nötigen Werkzeug und einem Kapital von vorläufig einer Million Mark zur völligen freien Bewirtschaftung nach eigenen Grundsätzen zur Verfügung stellen, auf dem diejenigen, die sich dort ansiedeln wollen, die Realisierbarkeit ihrer Ideen experimentell beweisen könnten. Neurath malte die Vortrefflichkeit seines Planes in leuchtenden Farben aus und versprach jedes Entgegenkommen in der Auswahl des Gebiets, in der Freigebigkeit des Staates und in allen Einzelheiten. Die Versammlung war perplex und einigermaßen ratlos, wie sie sich diesem Anerbieten gegenüberstellen sollte. Landauer empfahl die Annahme, indem er auf die russischen Mustersiedlungen hinwies und die Möglichkeiten hervorhob, die sich aus dem Bestehen einer solchen revolutionären Keimzelle ergeben könnten. In der Diskussion ging weiter kein einziger Redner auf Neuraths Vorschläge ein, ein Zeichen, wie mißtrauisch die Arbeiter selbst ein so verlockendes Anerbieten betrachteten. Im Schlußwort goß ich dann gehörig Wasser in Neuraths Wein. Auch ich meinte, daß man grundsätzlich auf den Plan eingehen müsse, schon um nicht in den Verdacht zu geraten, als ob man sich selbst vor kommunistischen Experimenten fürchte. Ich bedeutete Neurath aber, daß die Arbeiterschaft sich nicht in die Situation eines Geschenkempfängers gedrängt sehen wolle, sondern als gleichberechtigter Vertragskontrahent die Verhandlungen führen wolle. Sie müsse also ihre strikten Bedingungen stellen, damit die Regierung vor allen Dingen nicht zu dem Glauben verleitet werde, als ob sie mit der Verpflanzung einiger tausend Kommunisten aufs Land etwa die unangenehme kommunistische Opposition in ganz Bayern los sei. Neurath möge seiner Regierung mitteilen, daß sein Angebot erst dann diskutabel werde, wenn jenes abgetrennte Gebiet als politisch absolut automon anerkannt werde, daß seine Anwohner demnach nicht den bayerischen kapitalistischen Gesetzen unterworfen seien, daß es eigene diplomatische Vertreter halten werde, und zwar in Rußland und Ungarn, daß seine Männer Waffen führen müssen, um sich gegen Angriffe auf ihre kommunistischen Anlagen zu wehren, und daß ihnen bei alledem die freie Agitation im übrigen Bayern nicht verkümmert werde. Diese Antwort fand die lebhafte Zustimmung der Versammlung. Von der Sache selbst hat man dann nichts mehr gehört.</p>
<p>Die erfreulichen Nachrichten aus Budapest – die ungarische Sowjetregierung richtete sofort ein Mitteilungsbüro in München ein – gaben der politischen Regsamkeit der Kommunisten vervielfachtes Leben. Fast täglich fanden überfüllte Massenversammlungen statt, in denen die Aussichten der proletarischen Revolution erörtert wurden und die stets in der Zuversicht schlössen, daß die bayerische Räterepublik ein in Kürze erreichbares Ideal sei. Bei fast allen diesen Versammlungen war die KPD die Einberuferin – nur gelegentlich abgelöst durch die Arbeitslosen und ganz selten vom RAR –, und als Referenten mußten immer wieder Levien und ich heran, und zwar ich bedeutend häufiger noch als Levien, der seine Tätigkeit mehr und mehr in den Dienst der Parteisektionen und des Parteiorgans, der »Münchener Roten Fahne«, stellte. War er verhindert, was gewöhnlich der Fall war, so holte man mich, und es kam vor, daß ich eine ganze Woche hindurch jeden Abend reden mußte; ja, als die KPD eines Tages eine Reihe von Parallel Versammlungen veranstaltete, mußte ich hintereinander in vier Versammlungen sprechen. – Diese Inanspruchnahme meiner Dienste von der Partei aus hörten in den letzten Märztagen mit einem Schlage und ganz unvermittelt auf. Ich erfuhr, daß die Berliner Parteizentrale besondere Organisatoren nach München entsandt habe und daß infolgedessen die Partei nun auch selbst mit Referenten für die Versammlungen ausreichend versehen sei. Mir war das nicht unangenehm, da ich reichlich überanstrengt war und auch meine wirtschaftliche Existenz vernachlässigt hatte. So beschränkte ich mich zumeist auf Werbereden in Betriebsversammlungen, nahm mehr Fühlung mit den Betriebsräten und unmittelbar Werktätigen, als es mir bisher möglich war, und ging am 1. April einerseits aus Gründen der materiellen Sicherung meiner Familie, anderseits auch, um persönlich genauen Einblick in die Liquidation der Kriegswirtschaft und die Organisation des Übergangs zur Friedenswirtschaft zu gewinnen, als Gehilfe zum Genossen Paulukum ins Demobilmachungs-Kommissariat. Zum Einarbeiten in die schwierige und komplizierte Materie fand ich aller dings keine Zeit mehr. Am 4. April trat urplötzlich und vollständig überraschend die Tatsache ein, die die bayerische Revolution von Grund aus durcheinanderwarf und ihre Niederlage entschied.</p>
<p>Hinter den zutage liegenden äußeren Ereignissen verbergen sich auch heute noch so viele geheime und verdächtige Vorgänge, daß eine zuverlässige Darstellung der Entstehung der Münchener Räterepublik noch gar nicht möglich ist. Auch ich kann nur durch den Bericht des persönlichen Erlebens zur Klärung beitragen und halte es daher für geraten, noch mehr als bisher schon die eigene Person und die eigene Beobachtung zum Ausgangspunkt aller Mitteilungen zu machen. Denn ich glaube, daß die ungekünstelte Darstellung subjektiv erlebter Dinge mehr innere Wahrheit enthält als eine gequälte Objektivität, der alle Grundlagen tatsächlichen Wissens fehlen. Ich berichte also im Folgenden nur, was ich mit eigenen Sinnen wahrgenommen habe.</p>
<p>Am Nachmittag des 4. April (Freitag) hatte ich an einer Betriebsversammlung teilgenommen, um auf Einladung der Betriebsräte ein Gutachten über Differenzen unter den Arbeitern abzugeben. Um sechs Uhr sollte im Wittelsbacher Palais eine Sitzung des RAR stattfinden. In dem Augenblick, als ich das Gebäude betreten wollte, kamen mir im Vorgarten eine Anzahl von Genossen entgegen, darunter mehrere Mitglieder des RAR (auch Landauer), der Vorsitzende des Zentralrats Niekisch und ein paar bekannte USP-Leute. Sie forderten mich auf, sofort umzukehren und mit ihnen zum Ministerium des Äußeren zu gehen, da die Räterepublik in Bayern sofort proklamiert werden solle. Ich glaubte zuerst, man wolle mich mit einem Witz aufziehen, erkannte aber bald, daß die Sache ernst war. Ich erhielt auf dem Wege folgende Aufklärungen: Niekisch war soeben von Augsburg zurückgekehrt, wo er ansässig war. Die Augsburger Arbeiterschaft stehe, wie bekannt war, im Generalstreik und habe die strikte Forderung gestellt, der Zentralrat in München solle sofort die Räterepublik ausrufen, die Regierung für abgesetzt erklären und die Diktatur dem Proletariat übertragen. Das Verlangen der Augsburger Arbeiter allein hätte nicht genügt, um einen so folgenschweren Entschluß zu fassen. Doch sei soeben die Nachricht eingetroffen, daß die Konterrevolution zum Schlage aushole. Die Regierung wolle unter Bruch des Abkommens mit dem Rätekongreß und dem Zentralrat den Landtag eigenmächtig zum 8. April einberufen, um vor allem dem durch die Neurathschen »Sozialisierungs«-Pläne aufgeregten und geängsteten Bürgertum legislative Sicherungen gegen die Revolution zu schaffen. Man habe daher keine Wahl, wenn man sich nicht vollständig den Kapitalisten ausliefern wolle, als sofort zu handeln und den Willen des Augsburger Proletariats zu erfüllen.</p>
<p>Die Stimmung der kleinen Schar war sehr gehoben, und ich leugne nicht, daß sie auf mich überging und der Gedanke, daß der heiße Wunsch des Proletariats nun Erfüllung finden solle, mein Herz heftig schlagen machte. Dieses Hochgefühl, mit dem ich das Ministerium des Äußeren betrat, bekam allerdings schnell einen Dämpfer. Der Minister des Innern Segitz empfing uns. Ihm ging der Ruf voraus, er sei unter den führenden Mehrheitssozialisten eine der anständigsten und ehrlichsten Persönlichkeiten. Er war bereits unterrichtet, da Niekisch schon am frühen Nachmittag eine Ministerratssitzung veranlaßt hatte, die sich mit der neuen Situation beschäftigte. Außer Segitz waren von den Ministern anwesend Simon, Unterleitner und Schneppenhorst, den ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal sah. Ferner erschienen der Stadtkommandant Dürr und der Polizeipräsident Staimer sowie einige Führer des Bauernbundes, der USP und der Gewerkschaften. Wir mögen im ganzen dreißig Personen gewesen sein. Als Niekisch die Sitzung eröffnen wollte, stellte ich zunächst die Frage, ob die Kommunistische Partei verständigt sei, und erhielt die Auskunft, Levien werde jeden Augenblick erwartet. Da er jedoch nicht kam, begann man mit den Verhandlungen. Über die Zwangslage bestand Einigkeit, und mit besonderer Lebhaftigkeit erklärte Dürr, daß unter den obwaltenden Verhältnissen die Ausrufung der Räterepublik die notwendige Maßnahme zur Abwehr konterrevolutionärer Anschläge sei. Für die Mitwirkung der Truppen bürge er. Damit schien der glatte Verlauf der Aktion gesichert, und man ging an die Erörterung der Art der Proklamation. Landauer und ich erhielten den Auftrag, ein Manifest auszuarbeiten, das am nächsten Morgen den vollzogenen Akt der Bevölkerung mitzuteilen hätte, und zwar sollte dieser Aufruf auch schon die Namen der Volksbeauftragten enthalten, die vorläufig den Ressorts vorstehen sollten. Die Verteilung dieser Ämter sollte nach Möglichkeit paritätisch unter die sozialistischen Parteien und Richtungen verteilt werden. Zuallernächst sollte der Zentralrat eine entscheidende Radikalisierung erfahren, weshalb eine starke Vertretung des RAR und die Aufnahme einer Reihe von KPD-Mitgliedern vorgesehen wurde. Niekisch sollte vorerst an der Spitze bleiben. Doch wurde auf Landauers Verlangen beschlossen, daß das Provisorische aller Maßnahmen deutlich kenntlich gemacht würde, so daß also der Aufruf zu unterzeichnen sei vom »provisorischen Zentralrat« und dem »provisorischen Rat der Volksbeauftragten«, da alle endgültigen Entschließungen und Ämterbesetzungen selbstverständlich den Räten vorbehalten werden müßten. Hatte mir schon die ganze Art der Verhandlung wenig gefallen, so war ich im höchsten Maße verblüfft, als die Wahl der provisorischen Volksbeauftragten vorgenommen wurde. Dagegen, daß Segitz das Innere wieder übernehmen sollte, erhob ich keine Einwendung, weil seine Partei analog dem ungarischen Beispiel ja jedenfalls vertreten sein sollte. Daß man dann Simon und Unterleitner zu den gleichen Ressorts berief, die sie bisher schon verwaltet hatten, machte mich stutzig, und ich äußerte Bedenken dagegen, daß der Eindruck erweckt würde, als ob man einfach die bisherigen Minister fortan Volksbeauftragte nennen wolle und damit die Räterepublik für errichtet halte. Um derartige Einwendungen zu beschwichtigen, übertrug man Landauer das Ressort für Volksaufklärung. Ich verlangte, daß die drei meiner Auffassung nach wichtigsten Posten Kommunisten übertragen würden, nämlich Auswärtiges, Justiz und Militär. Für das Auswärtige wurde Dr. Mühlon vorgeschlagen, ein pazifistischer Schriftsteller, der sich im Kriege durch Veröffentlichung für die deutsche Regierung schwer kompromittierender Tatsachen bekannt gemacht hatte, die er in seiner früheren Eigenschaft als Direktor bei den Krupp-Werken erfahren hatte. Da Mühlon – der übrigens nicht in München war – sich grundsätzlich für das Rätesystem als gesellschaftliche Organisationsform ausgesprochen hatte, glaubte man, er werde bei dem Ansehen, das er bei den Ententeregierungen besaß, zugleich eine enge Verbindung mit den Sowjetrepubliken herstellen können und Schwierigkeiten aus dem Westen zu verhindern wissen. Ich blieb mit meinem Einspruch allein. Für die Justiz akzeptierte man einen Kommunisten, der mit Zustimmung der Partei womöglich aus Nordbayern gestellt werden sollte. Das Militärwesen schlug ich vor Levien anzubieten. Doch erklärten die Mehrheitler, sie müßten gleich den Unabhängigen und den Linksradikalen zwei Ressorts beanspruchen, zumal Segitz seiner Wahl erst meinte zustimmen zu können, wenn er dazu die Erlaubnis seiner Partei eingeholt habe. Zu meinem Erstaunen wurde – und zwar von dem Unabhängigen Simon – der bisherige Militärminister Schneppenhorst als Volksbeauftragter für das Militärwesen empfohlen. Dieser Vorschlag führte zu einer sehr heftigen Kontroverse zwischen mir und Schneppenhorst. Ich erklärte, daß der Mann, der diesen Posten übernehme, die Aufgabe habe, das Proletariat zu bewaffnen und eine rote Arbeiterarmee aufzustellen, die bereit sei, die Räterepublik gegen jeden Angriff von innen und von außen zu schützen, daß Schneppenhorst hingegen im Ruf eines bayerischen Noske stehe und besonders durch seine Flugblätter und dadurch, daß er von Nürnberg aus Militär gegen München in Anmarsch gesetzt habe, jedes Vertrauens bei den Massen entbehre. Schneppenhorst antwortete sehr erregt. Die Flugblätteraffäre entschuldigte er damit, daß er falsch informiert gewesen sei. Man habe ihm berichtet, Levien und ich wollten im Falle der Ablehnung meines Antrages im Rätekongreß durch einen Gewaltakt den Kongreß auseinandertreiben und die Rätediktatur einführen. Als er gesehen habe, daß das nicht geschah, habe ihm seine Übereilung selbst leid getan und er bitte um Entschuldigung dafür. Auch habe er nie Truppen gegen München schicken wollen. Die Sache verhalte sich ganz harmlos. Auf den Bescheid hin, daß die »Republikanische Schutztruppe« in München durch wochenlange strenge Bereitschaft völlig erschöpft sei, habe er nur zur Ablösung eine Anzahl Nürnberger Soldaten, noch dazu unbewaffnet, nach München schicken wollen, sie dann aber überhaupt nicht abreisen lassen. Zum Beweise seiner vollen proletarischen Loyalität führte er an, daß er jede Werbetätigkeit in Bayern verhindert und Werbeoffiziere habe verhaften lassen. Die sehr geschickt vorgetragene Rede Schneppenhorsts machte auf die Anwesenden starken Eindruck. Ich erwiderte jedoch, daß ich die Richtigkeit seiner Angaben nicht nachprüfen könne, daß mir aber auch im Falle seiner größten Ehrlichkeit seine Person unannehmbar scheine, weil vor allen Dingen bei der Besetzung dieses wichtigen Vertrauenspostens die Mentalität des Proletariats berücksichtigt werden müsse, das nun einmal ein tiefes Mißtrauen gegen Schneppenhorst habe. Ich blieb jedoch mit meinem Widerspruch allein. Den Volksbeauftragten für die Landwirtschaft zu bestimmen wurde in allgemeiner Übereinstimmung dem radikalen Bauernbund überlassen.</p>
<p>Wir Mitglieder des »Revolutionären Arbeiterrats« bestanden darauf, daß endgültige Beschlüsse erst gefaßt werden sollten, wenn die KPD an den Verhandlungen teilnehme. Da Levien jedoch trotz mehrfacher Versuche, ihn zur Stelle zu bringen, ausblieb, wurde vereinbart, daß am Abend im Kriegsministerium eine neue Zusammenkunft im größeren Kreise stattfinden sollte, bei der die endgültigen Festsetzungen getroffen werden sollten. Auf jeden Fall sollte in der Frühe des 5. April schon die vollendete Tatsache geschaffen sein.</p>
<p>Landauer und ich zogen uns nun gesondert in ein Restaurant zurück, wo wir die Proklamation entwarfen. Ich verhehlte dabei Landauer nicht meine Befürchtung, daß die Begeisterung des Proletariats durch die Liste der Volksbeauftragten, ganz besonders durch den Namen Schneppenhorst, sehr beeinträchtigt werden könne. Landauer dachte darüber sanguinischer. Er meinte, die Ereignisse in Ungarn hätten bei uns gerade auch die revolutionären Arbeiter davon überzeugt, daß die Einigung des Proletariats möglich und notwendig sei. Die Mitwirkung der Rechtssozialisten beweise, daß auch sie wie ihre Gesinnungsgenossen in Budapest erkennen, daß ihnen kein anderer Weg mehr offenbleibe als die Annahme unserer Postulate, und was die Namen anlange, so sei es vollständig gleichgültig, wer unterzeichne. Indem das Proletariat selbst die Macht übernehme, könne es ja jeden Moment diejenigen Personen, die ihm nicht passen, durch seine Vertrauensleute ersetzen.</p>
<p>An die Möglichkeit, daß etwa die KPD sich grundsätzlich ablehnend verhalten könne, dachte kein Mensch. Wir alle wußten, mit welcher Leidenschaftlichkeit das Münchener Proletariat Tag für Tag nach der Räterepublik rief, und so übersahen wir die Gefahr, die eine so willkürliche Form der Ausrufung, wie sie jetzt geplant war, in sich schloß. In der Sache selbst war mein Gedankengang so: Der Moment ist gegeben, wie er kaum wiederkehren wird: Generalstreik in Augsburg mit der strikten Forderung des Proletariats, zugleich Bruch des Übereinkommens mit dem Rätekongreß durch die Bourgeoisie. Das Proletariat unter dem frischen Eindruck der ungarischen Vorgänge. In Braunschweig und Thüringen Unruhen mit der ausgesprochenen Tendenz zur bolschewistischen Rätediktatur. Benutzen wir die Situation, dachte ich mir, so ist Österreich zwischen den beiden Räterepubliken Ungarn und Bayern eingeklemmt. Das wird den Einfluß der Bauer und Adler brechen, und die Brücke wird hergestellt sein; wenn zugleich in Braun schweig und Mitteldeutschland Inseln entstehen, so wird unser Vorgehen auch das Signal zur allgemeinen deutschen Revolution geben, und die Herrschaft Ebert-Scheidemann-Noske muß zersplittern. Ich sah also in der Etablierung der Räterepublik in Bayern ein eminent bedeutungsvolles Ereignis für die Weltrevolution.</p>
<p>Am Abend waren etwa hundertfünfzig Personen im Sitzungssaal des Kriegsministeriums versammelt, darunter viele Mitglieder des RAR (unter denen, wie gesagt, ein starker Teil der Kommunistischen Partei angehörte), offizielle Vertreter der MSP, der USP, der Gewerkschaften, die Minister Schneppenhorst, Simon und Steiner (Landwirtschaftsminister), eine starke Abordnung des Bauernrates, Vertreter der Soldatenräte, Stadtkommandant, Polizeipräsident und so weiter. Die KPD war als solche offiziell nicht vertreten trotz dringender Einladung. Niekisch als Verhandlungsleiter erstattete Bericht. Über die Unvermeidlichkeit der Aktion bestand zunächst Einigkeit. Der Vertreter der Bauernschaft, Gandorfer, teilte die Bedingungen mit, unter denen seine Freunde sich beteiligen würden. Die brenzlichste unter ihnen verlangte, daß Grundbesitz unter tausend Tagwerk vorerst nicht sozialisiert werden dürfe. Man war, da ein Arbeiten gegen die Bauernschaft ganz ausgeschlossen schien, gezwungen, die Forderungen der Bauern anzunehmen. (Übrigens haben sich nach dem 13. April auch die Kommunisten diesen Bedingungen gefügt.) Ich hielt es für notwendig, den anwesenden Sozialpatrioten und lahmen Unabhängigen mit aller Deutlichkeit zu Gemüte zu führen, daß die Errichtung der Räterepublik nicht die Änderung einer Firma, sondern die völlige Verwandlung des Systems bedeute, und setzte in einer längeren Rede auseinander, daß es nun gelte, wie in Ungarn alle Konsequenzen aus der Lage zu ziehen und das unzweideutige Bekenntnis zum Kommunismus abzulegen. Während ich die nächsten Maßnahmen erörterte, darunter die Errichtung einer Roten Armee, die Einsetzung eines Revolutionstribunals, die sofortige Nationalisierung der Banken und so weiter, wurde ich von einem Gewerkschaftsführer durch den Zwischenruf unterbrochen: »Mir graut, aber ich mache mit.« Mir schien darin die Erkenntnis der Schwäche dieser Leute zu sprechen, zugleich aber auch der ehrliche gute Wille, sich ins Unabänderliche zu fügen. Während der weiteren Verhandlungen erschienen drei mir unbekannte Männer im Saal, und der Vorsitzende teilte mit, daß eine Delegation der KPD das Wort verlange.</p>
<p>Zuerst sprach Genosse Schuhmann. Er erklärte zur grenzenlosen Überraschung sämtlicher Anwesenden, seine Partei protestiere gegen die Ausrufung der Räterepublik, die dieses Konventikel gar nicht beschließen dürfe, sondern die vom Rätekongreß angenommen werden müsse. Ich übernahm es, ihm sowie den beiden andern Sprechern der Partei zu antworten. Zunächst setzte ich noch einmal die Gründe auseinander, die schleuniges Handeln verlangen, erinnerte daran, daß sich der Rätekongreß als rückständige und willenlose Körperschaft erwiesen habe und daß der Zentralrat es sei, von dem jetzt die Initiative ausgehe, also durchaus die Instanz, die berufen sei, ein Provisorium zu schaffen, zu dem dann ein neuer auf Grund revolutionärer Rätewahlen einzuberufener Kongreß endgültig Stellung nehmen müsse. Als zweiter Redner der KPD behauptete Genosse Dietrich, die Massen seien gegen die Proklamation der Räterepublik. Er erregte damit das Gelächter der Versammlung, und ich erwiderte, daß diese Äußerung zeige, wie fremd er noch den Verhältnissen in Bayern gegenüberstehe, da seit Eisners Ermordung die Räterepublik die unausgesetzte laute Forderung des Proletariats sei, wobei ich auch an die drohende Demonstration gegen den Rätekongreß am 28. Februar erinnerte. Dann erhielt »Genosse Niessen« das Wort, ebenfalls ein allen Anwesenden gänzlich Unbekannter, dessen Identität mit Eugen Leviné erst einige Tage später bekannt wurde. Seine Ausführungen waren weitaus ernster zu nehmen als die seiner Vorredner. Alle Argumente, die er ins Feld führte, richteten sich gegen ein Zusammenwirken mit den Sozialpatrioten. Er verwies auf die verräterische Haltung der Sozialdemokraten in Berlin, in Hamburg, vor allem in Bremen, griff den anwesenden Minister Schneppenhorst und den Stadtkommandanten Dürr persönlich so scharf an, daß unter den Mehrheitlern großer Unwille entstand und Schneppenhorst selbst beinahe handgreiflich geworden wäre. Meine Antwort lautete dahin, daß ich das Mißtrauen gegen die Mehrheitspartei vollkommen teile, daß es mir aber doch unzulässig erscheine, aus dem Verhalten dieser Partei in Norddeutschland ohne weiteres Analogieschlüsse zu ziehen und Leute als Verräter zu bezeichnen, ehe sie bewiesen hätten, daß sie welche seien. Im übrigen sei jedoch meine Meinung, daß, wenn jetzt ein neuer provisorischer Zentralrat und ein Rat der Volksbeauftragten bestimmt werde, das für das Proletariat keineswegs bindend sei. Ich wünschte, daß morgen, gleich nachdem das Ereignis bekanntgegeben sei, die Massen auf der Theresienwiese zusammenkämen, uns allesamt zum Teufel jagten und das Weitere aus eigenem Ermessen den Personen übertrügen, denen sie Vertrauen entgegenbrächten. Daß jedoch ein Zusammengehen aller Parteien und sozialistischen Richtungen durchaus dem Wunsch des Proletariats entspreche, müsse ich nach dem Beweise, den Ungarn zur Zeit für die Möglichkeit dieser Einigung biete, bestimmt annehmen. Darauf verließ die Deputation den Saal.</p>
<p>Die Erregung über diesen unerwarteten Zwischenfall war außerordentlich. Allgemein, auch unter den der KPD angehörenden Mitgliedern des RAR, hörte man die Ansicht, daß diese drei Männer, die niemand kannte, die auchmir bei meinem früheren engen Zusammenwirken mit der Partei völlig fremd waren, unmöglich die Auffassung der kommunistischen Arbeiterschaft Münchens ausdrückten und daß sie, die einen Parteivorstand repräsentierten, der ohne Fühlung mit dem Proletariat sei, nur deswegen opponierten, weil sie die Räterepublik zu einer ihnen genehmen Zeit als reine Parteiaktion proklamieren wollten. Man fragte sich: Warum ist niemand trotz der dringenden Aufforderung zur Nachmittagssitzung gekommen? Warum schickt man jetzt statt Levien oder eines andern, jedem bekannten Parteigenossen diese drei eben von Norddeutschland herdirigierten Leute? Wer sind die drei? Wer ist es in Wirklichkeit, der sie bevollmächtigt hat? Über einen Punkt hatte keiner einen Zweifel: daß die kommunistische Arbeiterschaft im Augenblick, wo die Ausrufung der Räterepublik Tatsache wäre, eine negative Parole ihrer Führer einfach ignorieren und sich über die Köpfe der Parteileitung hinweg beteiligen und an der Spitze marschieren werde. Es ist auch heute noch meine Überzeugung, daß die Ausführung unserer Absicht, in der Frühe des 5. April die Proklamation zu veröffentlichen, die Arbeiterschaft in völlig einiger Begeisterung hinter uns geführt hätte (was natürlich nichts gegen die prinzipielle Richtigkeit der Ablehnung durch die KPD besagt).</p>
<p>Die erste Folge des Auftretens der Kommunisten stellte sich sofort ein. Die Sozialdemokraten erklärten, daß durch die Gefährdung der Einigkeit, die Voraussetzung ihrer Mitwirkung gewesen sei, eine neue Situation geschaffen sei, und verlangten – etwa um Mitternacht – die Unterbrechung der Sitzung für eine Viertelstunde. Sie zogen sich zurück. Als sie nach einer vollen Stunde noch nicht im Saal waren, wurde die Verhandlung ohne sie fortgesetzt. Endlich erschienen sie. Die Vermutung, sie würden jetzt ihre Beteiligung verweigern, erwies sich als falsch. Für diesen Fall wollte Landauer die Proklamation kurzerhand durch den RAR vorschlagen. Durch den Mund Schneppenhorsts ließen die Herren verkünden, daß sie einen Aufschubder Proklamation um achtundvierzig Stunden verlangten, um inzwischen die Provinz vorzubereiten. Es sei zu befürchten, daß das Militär in Nordbayern sich zu reaktionären Handlungen aufputschen lasse. Deshalb müsse er (Schneppenhorst) zunächst nach Nürnberg reisen. Da er das II. und III. bayerische Armeekorps völlig in der Hand habe, könne er dann garantieren, daß ganz Nordbayern treu zur Räterepublik stehen werde. Wir Radikalen protestierten mit der äußersten Heftigkeit gegen die Verschleppung, besonders scharf wandte sich Landauer dagegen mit der Begründung, daß nur die Überrumpelung der Bourgeoisie rasche Sicherungsmaßnahmen der Reaktion verhindern könne. Er deutete übrigens an, daß er nun auch ein gewisses Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit Schneppenhorsts gefaßt habe, und ermahnte diesen, daß man ein ausgesprochenes Wort nicht in seinen Mund zurückrufen könne. Schneppenhorst bekräftigte seine Zuverlässigkeit durch den Ausspruch, er verpfände seinen Kopf dafür, daß er in Nürnberg nur für die Räterepublik wirken werde. Eine starke Unterstützung in unserer Forderung, ohne Aufschub zu handeln, fanden wir in einem Bauernrat, dem Redakteur Kübler, der in einer ausgezeichneten Rede ganze und rasche Arbeit forderte. Die Mehrheitler wurden jedoch unterstützt von einigen rechten Unabhängigen. Der einzige, der aus der Situation den Schluß zog, man solle die ganze Aktion um einige Wochen vertagen, war Dr. Wadler, der sich dafür den Unwillen von allen Seiten zuzog. Die Abstimmung ergab eine Mehrheit für die Vertagung um achtundvierzig Stunden. Ich sah in diesem Augenblick mit großer Deutlichkeit die Gefahr, die in dieser Verzögerung lag, und wollte jetzt noch auf Landauers Anregung zurückkommen, nämlich den »Revolutionären Arbeiterrat« veranlassen, die Sitzung zu verlassen, sich sofort mit der KPD in Verbindung zu setzen, um in Gemeinschaft mit ihr in der Frühe des Tages ein fait accompli zu schaffen. Leider brachte mich Landauer wieder von dieser Idee ab. Wie ich die Dinge heute rückschauend ansehe, war es der einzige Weg, aus einer verfahrenen Situation mit einer revolutionären Tat herauszukommen. Die revolutionäre Vorhut des Proletariats hätte einig gehandelt, und dem Verrat wäre von Anfang an kräftig vorgebeugt worden. Wir fügten uns also dem Beschluß.</p>
<p>Die am Nachmittag festgesetzte Liste der Volksbeauftragten wurde nun zunächst kassiert, und es wurde beschlossen, die achtundvierzig Stunden möglichst gründlich zur Bearbeitung der Provinz zu benutzen. Gleich in der Frühe des Tages sollten Delegierte ins Land gesandt werden, um alles vorzubereiten. Nach Nürnberg wurde außer Schneppenhorst noch der Unabhängige Minister Simon geschickt, und ich erhielt den speziellen Auftrag, ebenfalls dorthin zu fahren, um mit der Nürnberger Ortsgruppe der KPD über deren Mitwirkung zu verhandeln und sie womöglich zu bewegen, einen Volksbeauftragten zu stellen.</p>
<p>Die Sitzung wurde erst spät in der Nacht beendet. Ich mußte von dort noch mehrere entfernt wohnende Genossen in dem einzigen Auto, das zur Verfügung stand, heimbegleiten, dann auf der Polizei Fahrtausweise besorgen und telefonisch reservierte Eisenbahnplätze bestellen. So kam ich erst gegen fünf Uhr früh heim. Um acht Uhr saß ich bereits im Schnellzug nach Nürnberg, und zwar im gleichen Abteil, in dem auch Schneppenhorst und Simon fuhren. Es befanden sich noch weitere Delegierte bei uns, unter anderen die Genossen Hagemeister und Sauber, die nach Würzburg geschickt wurden. Politische Gespräche wurden unterwegs so gut wie nicht geführt. Nur erinnere ich mich, daß Schneppenhorst die Bedingungen der Bauern kritisierte und die Schonung der Grundstücke unter tausend Tagwerk als eigennützige Forderung Gandorfers denunzierte, dessen Besitz achthundert Tagwerk groß sei. – In Nürnberg wurde ich von den telefonisch verständigten Genossen der KPD am Bahnhof abgeholt Ich habe von dem Augenblick an, als die Genossen mich begrüßten, Schneppenhorst erst im Juli im Gerichtssaal wiedergesehen.</p>
<p>In Nürnberg blieb ich den ganzen Tag in Gesellschaft der Genossen. Ich wurde in der Wohnung eines von ihnen aufgenommen, wo Telefon war, und die Ausschußmitglieder der Ortsgruppe wurden hier zu einer Sitzung zusammengerufen, zu der ich zugezogen wurde. Zunächst erkundigte ich mich nach der Persönlichkeit Schneppenhorsts. Der Bescheid, den mir die Genossen über seine moralischen und politischen Qualitäten gaben, war derartig, daß ich sofort an den RAR telefonierte, daß Schneppenhorst an der Organisation der Räterepublik unter keinen Umständen und an keinem Posten zugelassen werden dürfe. Ich müsse meine Beteiligung am Ganzen davon abhängig machen. Alsdann formulierten die Genossen unter meinem Beistande die Minimalforderungen der Ortsgruppe Nürnberg der KPD. Sie entsprachen fast wörtlich den nachher von der USP (Toller) eingebrachten Forderungen. Ich verpflichtete mich persönlich, diese Bedingungen als die meinigen anzuerkennen. Am Abend desselben Tages reiste ich in Gesellschaft Tollers, der zufällig in Nürnberg war und über die Münchener Ereignisse erst von mir unterrichtet wurde, nach München zurück, in der Gewißheit, daß die Nürnberger Kommunisten eine völlig entgegengesetzte Auffassung hatten als die Münchener Führer und daß am folgenden Tage zwei von ihnen zur persönlichen Information nach München kommen würden. – Ich fand, als ich in später Nacht ins Wittelsbacher Palais kam, dort noch eine Anzahl von Genossen versammelt und erfuhr von ihnen, daß Wadler die bevorstehende Proklamation in einer öffentlichen Versammlung angekündigt habe, was mit jubelnder Begeisterung aufgenommen worden sei.</p>
<p>Nach sehr kurzem Nachtschlaf mußte ich am Morgen des 6. April an einer Sitzung des »Revolutionären Arbeiterrats« teilnehmen, wo die Stimmung auch bei den Mitgliedern der KPD sehr optimistisch war. Ich erfuhr, daß soeben in einem öffentlichen Saal eine Generalversammlung der KPD stattfinde, und ging in Begleitung eines alten Genossen der Partei dorthin. Obwohl ich ja kein Mitglied war, wurde ich von den Aufsicht führenden Genossen mit einem Scherzwort ohne Umstände eingelassen. Im Saal mögen etwa sechshundert Personen anwesend gewesen sein. Ich ging, während Genosse Niessen (Leviné) sprach, zum Vorstandspodium hinauf und bat Levien, mir außer der Reihe das Wort zu erteilen, da ich der Versammlung eine wichtige Meldung von ihren Nürnberger Parteigenossen zu überbringen habe. Zu meinem Erstaunen machte Levien zuerst große Schwierigkeiten und protestierte dagegen, daß ich in eine geschlossene Mitgliederversammlung eingedrungen sei. Ich verlangte jedoch, daß die Mitglieder darüber entscheiden sollten, ob ich angehört werde. Als Messen geendet hatte, teilte Levien der Versammlung mit, daß ich da sei, obwohl ich nicht eingeschriebenes Mitglied sei. »Mühsam ist mein persönlicher Freund, aber mein politischer Gegner«, erklärte er zur allgemeinen Überraschung. Die Versammlung gab durch lautes Murren und durch Rufe ihren Willen kund, mich zu hören. So erhielt ich das Wort und gab Bericht über meine Nürnberger Mission. Ich erzählte dabei, welche Mitteilung ich über Schneppenhorst empfangen habe, verlas die Bedingungen der Nürnberger KPD-Ortsgruppe und erklärte, daß meine Mitwirkung nur in Frage komme, wenn diese Bedingungen erfüllt und die Person Schneppenhorsts von jeder öffentlichen Betätigung entfernt würde. Der starke Beifall, der meiner Rede folgte, bewies mir, daß die Mitglieder der KPD keinesfalls der Meinung seien, die die Deputation der Partei im Kriegsministerium vertreten hatte. Nach mir wurde das Wort wieder dem Genossen Niessen erteilt, der mich heftig angriff und mir vorwarf, daß ich tags zuvor mit demselben Schneppenhorst, den ich jetzt herunterkanzle, nicht bloß gemeinsame Sache gemacht, sondern sogar zu gemeinschaftlicher Agitation mit ihm nach Nürnberg gereist sei. Ich suchte diese Entstellung durch Zwischenrufe zu berichtigen, erreichte aber nur, daß sie in noch weit gröberer Form von neuem behauptet wurde. Das erregte mich dermaßen, daß ich meine Nerven verlor. Ich fühlte meine reine Sache vor den nächsten Genossen, die ich zuerst überhaupt revolutionär aufgeklärt hatte, besudelt und verließ in großer Erregung den Saal. Damit beging ich den entscheidendsten Fehler. Wäre ich geblieben, so wäre mir gewiß Gelegenheit gegeben worden, meine Haltung gerade Schneppenhorst gegenüber voll zu rechtfertigen, und auch Genosse Leviné hätte sich sicher überzeugt, daß er falsch unterrichtet war und daß ich in Nürnberg nicht gemeinsame Sache mit Schneppenhorst machte (mit dem ich rein zufällig im selben Kupee gefahren war), sondern mit seinen eigenen Parteigenossen von der KPD. Übriggeblieben wäre die sachliche Differenz, und bei der großen Beliebtheit, die ich bei den Kommunisten genoß, wäre, auch wenn wir zu keiner Einheitlichkeit im Handeln gekommen wären, der Konflikt auch in den folgenden Tagen in weniger erbitterter Form ausgetragen worden. So aber ließ ich mich von meiner durch Überanstrengung und Übermüdung gesteigerten Reizbarkeit verleiten fortzugehen und erweckte dadurch bei den Genossen selbst den Verdacht, aus Schuldgefühl der Rechtfertigung gegen die Vorwürfe Niessens auszuweichen. Ich selbst war mir jedoch über diese Wirkung meines Verhaltens keineswegs im klaren, glaubte im Gegenteil nach der Zustimmung der KPD-Mitglieder zu meiner Rede und nach der Unruhe, mit der die Reden der Genossen Levien und Niessen angehört waren, daß die Masse der kommunistischen Proletarier die Weigerung ihrer Führer nicht billigten und die Beteiligung an der Räterepublik erzwingen würden.</p>
<p>Am Abend dieses Tages (Sonntag) trat die Versammlung vom Freitagabend in etwas anderer Zusammensetzung im Wittelsbacher Palais, und zwar im Schlafzimmer der früheren Königin, wieder zusammen, um die endgültige Proklamation der Räterepublik vorzunehmen. Von den Ministern der Mehrheitspartei war keiner mehr dabei. Es hatte inzwischen in München ein sozialdemokratischer Gautag getagt, dessen Abstimmung über die Beteiligung ein zweifelhaftes Resultat ergeben hatte. Ob sich die Herren Segitz und Endres deswegen unsicher gefühlt haben oder ob sie gleich ihrem Kollegen Schneppenhorst bereits direkt am Werke der Gegenrevolution arbeiteten, bleibe dahingestellt. Die Partei war nur durch einige weniger prominente Funktionäre vertreten, die sich ziemlich schweigsam und abwartend verhielten. Dagegen hatte die USP ihre aktivsten Führer geschickt, und Toller, der schon im Rätekongreß zum Nürnberger Kompromiß in Opposition gestanden und nachträglich einen Mißbilligungsbeschluß dagegen in einer Münchener Parteiversammlung durchgedrückt hatte, trat als ihr Hauptwortführer auf. Der »Revolutionäre Arbeiterrat« war fast vollzählig da, und eine Anzahl seiner der KPD angehörenden Mitglieder erklärten, auch über einen Parteibeschluß hinweg mitarbeiten zu wollen. Die beiden von Nürnberg erwarteten Genossen erschienen zwar, aber nur, um mir persönlich mitzuteilen, daß sie nach Rücksprache mit den führenden Münchener Kommunisten ihre Zustimmung zurückziehen müßten.</p>
<p>Ich hatte mir inzwischen überlegt, daß angesichts des Mißtrauens der Kommunisten noch weiter reichende Sicherungen getroffen werden müßten, als sie in Nürnberg vereinbart waren und als ich den kommunistischen Genossen garantiert hatte. Ich verlangte daher für meine eigene Person über die Ablehnung Schneppenhorsts hinaus, daß kein einziger Mehrheitssozialist und kein einziges Mitglied des bisherigen Ministeriums – auch die Unabhängigen nicht – in den Rat der Volksbeauftragten aufgenommen werden dürfe. Da mein Einfluß auf den RAR bekannt war und es jedem einleuchtete, daß die Abstinenz dieser Körperschaft die ganze Aktion zersprengen würde, erklärte Niekisch, daß die Sache nicht an Personenfragen scheitern dürfe. Mit Ausnahme der Bauernvertreter, deren Auswahl dem Bauernrat überlassen werden sollte, wurde daher meinem Verlangen gemäß entschieden. Es wurde alsdann die Umkonstituierung des provisorischen Zentralrats vorgenommen, dessen Vorsitzender Niekisch blieb, der aber durch Delegierung von sechs Mitgliedern des RAR ein entscheidendes Übergewicht nach links erhielt. Die Wahl der Volksbeauftragten war überaus schwierig, und nur die Betonung des provisorischen Charakters aller vorläufigen Maßnahmen ließ die Verlegenheits-Improvisation erträglich erscheinen. Für die auswärtige Politik wurde wieder Mühlon vorgeschlagen. Ich erreichte durch den Hinweis darauf, daß dieser Posten von einem Mann besetzt werden müsse, der unbedingtes Vertrauen in Rußland und Ungarn besitze, seine Ablehnung. Darauf empfahl der RAR mich. Es wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß ich eine zu aggressive Politik gegen das Ebertsche Deutsche Reich treiben würde, und da ich die größte Rücksichtslosigkeit gegen diese Bourgeoisie-Republik noch ausdrücklich empfahl und für den Fall meiner Wahl versprach, fiel auch ich durch. Darauf präsentierte die USP aus ihren Reihen einen Genossen Dr. Lipp, der außer seinen Parteigenossen fast niemandem bekannt war. Da seine außerordentliche Bewandertheit in der internationalen Politik sehr gerühmt wurde, da er selbst sich als unbedingter Anhänger des Sowjetsystems bekannte und da man sonst nicht wußte, wen man wählen sollte, wählte man ihn auf Verantwortung der USP. Für das Innere wurde der Unabhängige Soldmann bestimmt, da er als links orientiert galt. Für den Verkehr an Stelle des bürgerlichen Herrn v. Frauendorf er, den Eisner als Fachmann in sein Kabinett geholt hatte und der bist jetzt auf seinem Posten geblieben war, Genosse Paulukum, der, obwohl unabhängig organisiert, eines der radikalsten Mitglieder des RAR war. Für die Justiz erwählte man in Ermangelung eines Geeigneteren das Mitglied des Bauernrats Kübler, dessen Rede im Kriegsministerium ihm Vertrauen bei den Revolutionären erworben hatte. Das Finanzressort zu übernehmen, hatte Professor Jaffé energisch abgelehnt, wie er überhaupt die Beteiligung an der Räterepublik vorläufig verweigerte. Landauer und ich schlugen den Physiokraten Silvio Gesell vor, dessen umfassendes Wissen auf dem Gebiete des Geldwesens und dessen lautere anarchistische Gesinnung uns bekannt war. Überdies schien uns die Praktizierung seiner Freigeldtheorie bei gleichzeitiger Nationalisierung der Banken ein besonders wirksames Mittel, die Ausbeutung und den Zinswucher beschleunigt unmöglich zu machen. Die Mehrheitler sagten zu allem ja und schluckten auch diesen Brocken, wie sie schon den von der USP eingebrachten, sich mit den Nürnberger Forderungen in allem Wesentlichen deckenden kommunistischen Grundsätzen zugestimmt hatten. Für die Volkswohlfahrt wurde Genosse Hagemeister gewählt, der noch nicht von Würzburg zurück war, für Volksaufklärung Gustav Landauer. Am schwierigsten gestaltete sich die Wahl des Volksbeauftragten für das Militärwesen. Ich verlangte mit der größten Schärfe, daß nur einem absolut zuverlässigen kommunistischen Revolutionär der Befehl über die Waffen anvertraut werden dürfe. Die Gewehre, sagte ich, schießen immer nach links. Daher darf der Mann, der über sie verfügt, links von sich niemanden mehr vorfinden. Ich hoffte immer noch, Levien werde zu bewegen sein, den Posten zu übernehmen. Vorerst jedoch mußte ein anderer gefunden wer den. Wir wählten den Genossen Killer, der zwar bei der USP, aber eines der radikalsten und zuverlässigsten Mitglieder des Soldatenrats war.</p>
<p>In der Nacht erschien der offizielle Abgesandte der KPD, Genosse Levien. Er gab keine Erklärungen ab, sondern legte den Versammelten im Namen seiner Partei eine Reihe scharf formulierter Fragen vor, die alle präzis beantwortet wurden. Ich nahm den Genossen nachher beiseite, stellte ihm die Situation vor, wies daraufhin, daß wir die Mehrheitler aus der eigentlichen Regierung völlig herausgedrängt, ihren Einfluß im Zentralrat derart geschwächt hätten, daß sie immer in der Minorität bleiben müßten, erinnerte ihn an das Verlangen der Massen, an Ungarn, an die Gesamtlage des politischen Geschehens, die ein Zurück nahezu unmöglich mache, da es der Reaktion einen ungeheuren moralischen Halt geben müßte, zeigte ihm die Gefahr, bei der Passivität der Kommunisten Halbkommunisten kommunistische Politik treiben zu lassen, und legte ihm dar, wie stark der revolutionäre Gedanke bei den Massen gekräftigt würde, wenn er als Volksbeauftragter die Bilder einer Roten Armee in die Hand nähme. Levien schien mir grundsätzlich nicht abgeneigt, meine Gedankengänge zu akzeptieren, erklärte aber, daß er erst seine Partei fragen müsse. Erging dann und kam nicht wieder.</p>
<p>Es mußten nun die ersten Maßnahmen für die Proklamation selbst getroffen werden. Ein Aufruf an das Proletariat wurde abgefaßt (meines Wissens von Niekisch), unter den ich auf Verlangen auch meine Unterschrift setzte. Dieser Aufruf hatte eine unglückliche Fassung, die noch mehr an allem verdarb, als schon verdorben war. Der Montag (7. April) wurde zum »Nationalfeiertag« erklärt, woran die Kommunisten natürlich gleich einhakten, um eine Verletzung unserer Internationalität daraus zu machen. Ferner wurde das Standrecht proklamiert. Landauer hatte das verlangt, aber zugleich dargelegt, daß der Ausnahmezustand selbstverständlich nur für die Bourgeoisie Geltung haben solle, um die proletarische Diktatur deutlich zum Ausdruck zu bringen. Diese Einschränkung wurde aber im Wortlaut übersehen, so daß am anderen Tage die Arbeiterschaft glaubte, unter Standrecht zu stehen. – Ferner sollte sofort ein gleichlautendes Funkentelegramm nach Budapest und Moskau aufgegeben werden. Ich bekam den Auftrag, es abzufassen und mit Dr. Lipp zusammen für den Zentralrat zu zeichnen. – Die Zeitungen wurden noch in der Nacht besetzt. Endlich wurde verfügt, daß um zwölf Uhr mittags die Glocken geläutet werden sollten und daß um diese Zeit auf allen öffentlichen Plätzen ein Redner zur Bevölkerung sprechen sollte. Die Stillegung der Arbeit für den nächsten Tag wurde ebenfalls sofort beschlossen und durch Anschläge bekanntgegeben. Noch in der Nacht stellte sich heraus, daß der Verrat sich bereits jetzt in dem Umkreis der neuen Regierung eingenistet hatte. In den Morgenstunden wurde die ausgelegte Präsenzliste vermißt. Sie fand sich nicht wieder, obwohl eine Taschenvisitation bei den Anwesenden vorgenommen wurde.</p>
<p>Ich übernahm es, die Funksprüche persönlich aufzugeben, und kam damit gegen sieben Uhr früh am Montag beim Funkenturm an. Die Führer der Funkerabteilung riefen, nachdem die Telegramme abgesandt waren, alle Mannschaften zusammen, und ich mußte eine Ansprache halten, die mit großem Jubel aufgenommen wurde. Gegen neun Uhr kam ich endlich zu Hause an, mußte jedoch schon um zwölf Uhr an einem der Hauptplätze Münchens sein, um zu sprechen. Meine eigene Begeisterung war schon durch den bisherigen Gang der Sache stark niedergedrückt worden. Als ich jetzt die Stimmung in der Münchener Bevölkerung beobachtete, ging sie in Pessimismus über. Wohl war das Leben bewegter als gewöhnlich, aber es lag eine gewisse Schwüle über der Atmosphäre, eine beängstigende Stille, die auf argwöhnisches Abwarten schließen ließ. Am Stachus bestieg ich eine Bank. Eine große Menschenmenge drängte sich um mich, aus der zunächst antisemitische Rufe laut wurden. Die Reaktion hatte schon die Witterung, daß das Proletariat uneinig geworden sei, und traute sich trotz der Standrechtsverkündigung vor. Unter der Menge bemerkte ich bald einen KPD-Genossen vom RAR, der meine Rede, lebhaft assistiert von den nationalen Studenten, dauernd durch Zwischenrufe unterbrach und die Menge aufforderte, dieser Räteregierung die Gefolgschaft zu verweigern. Die Festrede, die ich halten sollte, verwandelte sich in eine Rechtfertigungsrede. Es traten Diskussionsredner gegen mich auf, nämlich der erwähnte RAR-Genosse und dann ein älterer Mann, der die Behauptung aufstellte, ich hätte während des Krieges Gedichte auf den deutschen Kaiser gemacht. Als ich den Verleumder aufforderte, Beweise zu erbringen, weigerte er sich. Ich verlangte dann, er solle sich legitimieren, was er erst unter dem Druck der Umstehenden tat. Dann nahm er alles zurück. Die ganze Situation war äußerst unerquicklich. Ein großer Teil der Umstehenden nahm zwar entschieden für mich Partei, geleitete mich dann zu einem Auto und bereitete mir bei der Abfahrt eine Ovation. Aber ich hatte das bittere Gefühl, mich in ein schlimmes und dummes Abenteuer eingelassen zu haben, wenngleich ich immer noch nicht einsah, worin mein eigener Fehler lag, und die ganze Schuld am Ausgleiten der Revolution dem Verhalten der KPD zuschob.</p>
<p>Am Nachmittag trat der neue provisorische Zentralrat im Landtagsgebäude zusammen. Die Diskussion drehte sich darum, wie die Einigkeit des Proletariats zu erreichen sei. Das Verhalten der KPD wurde allgemein damit erklärt, daß sie statt einer Rätediktatur, wie wir sie durch die Anberaumung der Neuwahl sämtlicher Räte raschestens herbeiführen wollten, die Diktatur ihrer Partei erstrebe und deshalb jede Aktion, die nicht ihrer Initiative entspränge, von vornherein zu sabotieren versuche. Während einzelne Redner rieten, die Partei links liegenzulassen und nötigenfalls auch gegen sie zu operieren, verlangte der RAR mit größter Entschiedenheit, daß eine Verständigung mit der KPD, koste es, was es wolle, herbeigeführt werden müsse, da wir einen Kampf gegen die besten Kräfte der Revolution unter keinen Umständen mitmachen könnten. Man wußte, daß zu gleicher Zeit in einem großen Saale eine öffentliche Versammlung der KPD stattfand, und ich erhielt den Auftrag, mit noch zwei Genossen vom RAR hinzufahren und zu verhandeln. Vor allen Dingen sollte ich die Bedingungen ermitteln, die die Partei stelle, um sich zu beteiligen. In der Erwartung, man werde die Ausschließung der Mehrheitler und Gewerkschaftsführer aus dem Zentralrat, die Neubenennung des Rats der Volksbeauftragten und vielleicht die sofortige Einberufung des Rätekongresses fordern, und in der festen Absicht, die Forderungen der Partei zu meinen eigenen zu machen, kam ich in der Versammlung an und ging, während Genosse Leviné sprach, aufs Podium. Kaum jedoch hatte die Menge mich bemerkt, als ein ungeheurer Lärm entstand. Ich hörte Rufe wie Verräter! Schuft! Volksbetrüger! etc. und wurde tätlich insultiert. Unter dem Schutz einiger Genossen, die nicht alle Besinnung verloren hatten, gelangte ich hinaus und entging der Gefahr, zerrissen zu werden. Einer meiner Begleiter wurde schwer mißhandelt (übrigens selbst ein Mitglied der KPD). Dieser Vorfall machte einen niederschmetternden Eindruck auf mich, da ich mit einer solchen Stimmung im Proletariat überhaupt nicht gerechnet hatte. Es stellte sich nachher heraus, daß den Arbeitern eingeredet worden war, ich sei mit Schneppenhorst nach Nürnberg gefahren, um mit ihm das nordbayerische Militär gegen das Münchener Proletariat scharfzumachen.</p>
<p>So waren alle Versuche, mit den führenden KPD-Genossen auch nur zu einer Aussprache zu kommen, gescheitert. Sie waren am Nachmittag des 4. April, als ein Wort von ihnen genügte, um die ganze Aktion hinfällig zu machen, nicht erschienen, hatten am Abend drei völlig unbekannte Genossen entsandt, die für die Weigerung der Partei ein paar so unzutreffende Argumente ins Feld führten, daß niemand glaubte, daß sie damit den Willen der Massen ausdrückten, hatten in der entscheidenden Nachtsitzung zum 7. April Levien statt mit Forderungen mit Fragen vorgeschickt und hatten nun, als es schon völlig unmöglich war, etwas rückgängig zu machen, den besten Teil des Proletariats in wilden Haß gerade gegen die revolutionärsten Teilnehmer der Aktion versetzt. Ich war nach dem Empfang in der Versammlung nahe daran, alles hinzuwerfen, mich vollkommen zurückzuziehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Die Freude an der Arbeit war mir gründlich vergällt. Schließlich siegte aber in mir die Erwägung, daß ich jetzt nicht fahnenflüchtig werden dürfe. Landauer, mit dem ich sonst in fast allen Dingen einigging, stand der Kommunistischen Partei ganz anders gegenüber als ich. Ihn verband nicht mit ihr die lange gemeinsame Arbeit, und er glaubte nicht, daß hinter der Partei wirklich starke Schichten des revolutionären Proletariats ständen. Er nahm daher den Widerstand der Partei an und für sich nicht so schwer wie ich. Den Mehrheitlern und einem Teil der Unabhängigen war dieser Widerstand geradezu angenehm. Sie glaubten dadurch die Möglichkeit zu gewinnen, mit ihrem Hang zu reformistischer Politik im Zentralrat durchzudringen. Vor allem erhielten die Sozialdemokraten bei allen Vorhaltungen wegen der Verrätereien einzelner ihrer Parteigenossen, die jetzt schon bemerkbar wurden, Gelegenheit, sich darauf hinauszureden, daß ihre Zusage von vornherein auf der Voraussetzung fußte, daß das Proletariat geeinigt vorgehe. Da sich die KPD ausschließe, fühlten auch sie sich nicht mehr gebunden. Es steht für mich zweifellos fest, daß es diesen Herrschaften, falls die KPD eine andere Stellung eingenommen hätte, nicht möglich gewesen wäre, derartig zu schaden, wie sie taten, und alle durchgreifenden Beschlüsse, die sie selbst mit annehmen halfen, bei der Ausführung zu sabotieren.</p>
<p>Die Wirkungen des Fernbleibens der KPD wurden überall spürbar. Der »Revolutionäre Arbeiterrat«, der bisher stets geschlossen gehandelt hatte, zersplitterte, da die KPD die ihr angehörenden Mitglieder des RAR aufforderte auszutreten. Ein Teil fügte sich nicht, so daß unter der Anhängerschaft der KPD selbst schwere Konflikte entstanden. Das war auch unter den Massen der Fall. Sehr viele Kommunisten bekannten, daß sie die Haltung der Partei mißbilligten, und traten aus oder handelten gegen die Weisungen der Zentrale. Aus der Provinz wurden die gleichen Erscheinungen gemeldet. So trat in der KPD Nürnberg am ersten Tage der Riß ein. Schlimmer war aber, daß die offene Uneinigkeit im revolutionären Proletariat die Haltung der Soldaten ungünstig beeinflußte. Ich habe später zum Beispiel erfahren, daß in Nürnberg ein Korpsführer mit zweitausend Mann sich den Kommunisten für alle Eventualitäten zur Verfügung gestellt hatte. Am Tage darauf erklärte der Mann, daß er und seine Leute angesichts der Tatsache, daß die Kommunisten selbst sich der Räterepublik feindlich gegenüberstellten, sich ihre Stellung vorbehalten müßten. Schneppenhorst bearbeitete die Soldaten mit dem Argument gegen die Räterepublik, daß die Kommunisten ja selbst den Schwindel nicht mitmachten, und konnte damit reaktionäre Geschäfte machen.</p>
<p>Ich sah infolge aller dieser Dinge ein, daß ich unbedingt auf meinem Platz aushalten mußte und keine andere Pflicht hatte, als die Politik der Räterepublik im kommunistischen Sinne zu beeinflussen und trotz allem zu versuchen, die Kommunisten noch zur Mitwirkung zu bringen, eventuell sogar sie zu unserer gewaltsamen Aushebung zu veranlassen, um selbst Ordnung zu schaffen. Der Verleumdung gegen mich trat ich in einer öffentlichen Erklärung entgegen.</p>
<p>Noch am Abend des 7. April kam Genosse Killer in den Zentralrat mit der Erklärung, daß er den Posten als militärischer Volksbeauftragter niederlege, da er für einen Revolutionär keine Möglichkeit sehe, gegen oder ohne die KPD eine Rote Garde aufzustellen. Es gelang erst nach einigen Tagen, an seiner Stelle das Mitglied des Landessoldatenrats Wilhelm Reichhardt zu gewinnen, der Mitglied der KPD war, dann aber wegen Disziplinverletzung ausgeschlossen wurde. (Nach der Übernahme der Macht durch die Kommunisten berief die Partei ihn jedoch wieder auf denselben Posten.)</p>
<p>Wie in München, so zeigte sich auch im Lande ein sehr unterschiedliches Verhalten der Arbeiterschaft. Südbayern schloß sich fast ganz der Rätebewegung an. Aus Nordbayern kamen Zustimmungstelegramme nur vereinzelt. Nürnberg, das die Bewegung im Norden tragen mußte, versagte infolge der Uneinigkeit unter den Kommunisten. Besonders schlimm war, daß Augsburg, dessen Proletariat der eigentliche Urheber von allem war, in den ersten Tagen abfiel.</p>
<p>Auf Wunsch des Zentralrats sollte ich dem Volksbeauftragten für auswärtige Politik zur Hand gehen und in seinem Ressort das Referat für Rußland und Ungarn übernehmen. Ich veranlaßte als allererstes die Befreiung der immer noch in Bayern im Konzentrationslager zurückgehaltenen russischen Gefangenen, kam aber nicht mehr dazu, darüber hinaus irgendwelche Tätigkeit zu entfalten. Die nähere Beobachtung des Volksbeauftragten Dr. Lipp überzeugte mich am ersten Tage, daß ein Zusammenarbeiten mit ihm für mich unmöglich war. Ihm war offensichtlich die neue Würde in krankhafter Weise zu Kopf gestiegen, und er beging ganz unglaubliche und höchst kompromittierende Lächerlichkeiten. Ich machte Landauer darauf aufmerksam, und da auch von andern Seiten die unqualifizierbare Politik des Mannes bemerkt wurde, veranlaßte ihn der Rat der Volksbeauftragten zum Rücktritt. Unter der Hand wurde mir jetzt der Posten von neuem angetragen. Ich lehnte aber ab, da ich mich nicht noch mehr als bisher in Gegensatz zu den Genossen stellen wollte, die ich nach wie vor als meine nächsten Gesinnungsfreunde betrachtete. Nur um die Gefangenenfrage wollte ich mich weiterhin persönlich bekümmern, wozu mir jedoch auch keine Zeit mehr blieb. Als im Laufe der Woche eine Abordnung der gefangenen Russen im Zentralrat erschien, begrüßte ich sie, und es wurde ausgemacht, daß am 15. April ein Kongreß der russischen Gefangenen unter meinem Vorsitz stattfinden sollte, bei dem mit ihnen selbst die Formen gefunden werden sollten, wie sie fortan als Gäste zu behandeln und dementsprechend, solange ihr Abtransport unmöglich sei, unterzubringen und zu beschäftigen seien. Meine Verhaftung verhinderte das Zustandekommen dieser Tagung.</p>
<p>Die Arbeit der Räteregierung war ungeheuer schwierig. Auf der einen Seite arbeitete die KPD mit Hochdruck gegen uns, auf der andern schlugen die Sozialdemokraten die Taktik ein, jeden noch so revolutionären Beschluß anzunehmen und seine Ausführung zu hintertreiben. Landauer war in seinem Ressort beschäftigt, und die Aufgabe, die notwendigen revolutionären Beschlüsse zu vertreten und durchzusetzen, ruhte fast allein auf meinen Schultern. Nur die paar Mitglieder des RAR standen unbedingt hinter mir. Die Unabhängigen bekundeten in allem eine Passivität, daß man verzweifeln konnte. Ich war froh, als die KPD mit der Forderung an den Zentralrat herantrat, die Funkenstation zum Verkehr mit Moskau und Budapest unkontrolliert benutzen zu können. Es war nicht einfach, ihnen die Bewilligung dazu zu erkämpfen. Es gelang mir aber, und ich hoffte nun, daß von Moskau Direktiven an die Partei gegeben würden, die sie zur Aufgabe ihrer Obstruktion und zum aktiven Eingreifen bewegen würden.</p>
<p>Die unausgesetzte Forderung der Mitglieder des RAR war die Bewaffnung der Arbeiterschaft, die sich indessen durch die mehrere Tage währende Vakanz des militärischen Volksbeauftragten verzögerte. Als nun bekannt wurde, daß der frühere Ministerpräsident seine ehemaligen Kollegen in Bamberg sammelte, dort eine reguläre Gegenregierung etablierte und zum militärischen Vorgehen gegen München rüstete, konnte man nicht gut mehr ausweichen, und so hieß es, es seien keine Gewehre in München vorhanden. Man sabotierte die Bewaffnung und erbitterte dadurch die Arbeiterschaft ungeheuer. Ende der Woche begründete ich einen Antrag, einen Panzerzug auszurüsten und mit dem nach Amberg in Oberfranken durchzustoßen, wo eine Gewehrfabrik ist, und also nötigenfalls mit Gewalt den Willen des Proletariats auszuführen. Man sagte zu allem ja und amen und tat nichts. Nach dem Palmsonntag-Putsch der Bourgeoisie fanden sich plötzlich Gewehre in Massen in München vor. Was in Wirklichkeit geschah, zum Beispiel die Verteilung der Waffen, deren Vorhandensein man kannte, veranstalteten die revolutionären Arbeiter mit Unterstützung von nur wenigen revolutionären Regierungsangehörigen selbständig. Ähnlich verhielt es sich mit dem Revolutionstribunal. Der Bauernrat Kübler tat gar nichts (in seinem Prozeß, in dem er denn auch freigesprochen wurde, bekannte er, daß er den Posten nur angenommen habe, damit er nicht von einem Radikalen besetzt würde). Infolgedessen richtete der »Revolutionäre Arbeiterrat« von sich aus einen revolutionären Gerichtshof ein, der auch funktionierte, allerdings sehr zahm (was sich auch später unter den Kommunisten nicht änderte).</p>
<p>Die Sitzungen des Zentralrats waren meistens mit unnützen Redereien ausgefüllt, und die meiste Zeit ging verloren über den Widerstand, den die Bauern allen Sozialisierungsabsichten Neuraths entgegensetzten. Tatsächlich kam infolge der Verfahrenheit der Gesamtsituation trotz des guten Willens der Revolutionäre in der Regierung und obwohl die Arbeiterschaft Münchens zum weitaus größten Teil hinter der Räterepublik stand, in den sechs Tagen unserer Regierung sehr wenig Positives zustande, abgesehen von einigen radikalen Maßnahmen, die Landauer in den Hochschulen durchführte. Gegen den Vorwurf, daß er die Volksschulen nicht revolutionierte, wird ihn wohl die Tatsache in Schutz nehmen, daß er nur sechs Tage im Amt war. Die Schulen wurden auch in den drei Wochen nachher nicht revolutioniert, obwohl Landauer einen umfassenden Plan dafür seinen Nachfolgern vorlegte.</p>
<p>Worin unser Fehler bestanden hatte, als wir die überstürzte Proklamation der Räterepublik vornahmen, erkannte ich nach einem Besuch des Genossen Axelrod bei mir. Er setzte mir auseinander, daß er der Ausrufung aus dem Grunde Widerstand entgegengesetzt haben würde, weil sie ohne die genügende unterirdische Vorbereitung im Lande ins Werk gesetzt wurde. Alle Persönlichkeiten hätten überall in Bereitschaft stehen, alle Proklamationen und Maßnahmen im Augenblick der Aktion fix und fertig sein, vor allem der militärische Schutz wirksam organisiert sein müssen. Erst dann hätten wir handeln dürfen – und es wäre auf die Formalitäten dabei nicht angekommen. Wären uns am 4. April diese Argumente entgegengehalten worden, dann halte ich es für gewiß, daß das Unglück nicht Ereignis geworden wäre. Auf die Frage, ob er denn jetzt rate, alles rückgängig zu machen und uns der Regierung Hoffmann auszuliefern, erklärte Genosse Axelrod das für unmöglich, verteidigte aber die ablehnende Haltung der Kommunisten.</p>
<p>Diese Unterredung und die große Gefahr, die ich für den Frieden unter der Arbeiterschaft selbst aus dem von den Kommunisten ins Volk geworfenen Vorwurf, wir hätten eine »Scheinräterepublik« etabliert, erwachsen sah, veranlaßte mich, aus eigener Initiative mit folgender Proklamation mich ans Proletariat zu wenden, die Landauer am 9. April öffentlich anschlagen ließ:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! Der Schlußappell des Kommunistischen Manifestes ist der Schlachtruf der Internationale geworden. Jetzt richten wir den Appell an das revolutionäre Volk des eigenen Landes: Proletarier Bayerns, vereinigt Euch!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die Einigung der Proletarier kann nach dem herrlichen Beispiel des russischen Volkes nur auf einer Grundlage geschehen, auf der der Räterepublik!</p>
<p style="text-align: center;">Bayern ist Räterepublik!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Ohne Rücksicht auf die Streitigkeiten ihrer Führer hat sich die werktätige Bevölkerung im Willen zusammengeschlossen, den Sozialismus, den Kommunismus zu verwirklichen!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Der Landtag ist fortgeschickt, das von ihm eingesetzte kleinbürgerlich-sozialistische Ministerium existiert nicht mehr. Ein provisorischer Rat von Volksbeauftragten und ein provisorischer revolutionärer Zentralrat haben die Geschäfte des Landes vorläufig zu besorgen. Da kein einziger der kompromittierten Führer der Kriegssozialisten mehr in diesen Körperschaften sitzt, ist die Gewähr dafür gegeben, daß ihr Wirken ohne Rücksicht auf kapitalistische und bourgeoise Interessen der Herbeiführung der gerechten sozialistisch-kommunistischen Wirtschaft und der Sicherung der Revolution dienen wird.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die Diktatur des Proletariats ist Tatsache!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Eine Rote Armee wird sofort gebildet!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die Verbindung mit Rußland und Ungarn wird sofort aufgenommen!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Eine Gemeinschaft zwischen dem sozialistischen Bayern und dem Kaiserdeutschland mit dem republikanischen Aushängeschild kann nicht mehr sein. Ein Revolutionsgericht wird jeden Versuch reaktionärer Machenschaften rücksichtslos ahnden. Die Lügenfreiheit der Presse hört auf. Die Sozialisierung des Zeitungswesens sichert die wahre Meinungsfreiheit des revolutionären Volkes.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die neue Gewalt wird so schnell wie möglich Neuwahlen der Betriebsräte auf revolutionärer Grundlage anordnen, auf denen von unten herauf sich das Rätesystem aufbauen soll, das die Entscheidung über alle seine Angelegenheiten in die eigenen Hände des arbeitenden Volkes legt. Nur des arbeitenden Volkes! Die Kapitalisten werden von der Mitbestimmung an den Geschicken des Landes ausgeschlossen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Aus dem Rätesystem wird die sozialistische Gesellschaft herauswachsen, die keinen arbeitslosen Wohlstand und keine Armut der Fleißigen mehr kennen wird. Im Bunde mit dem revolutionären Rußland und Ungarn wird das neue Bayern die revolutionäre Internationale herstellen und der Weltrevolution die Wege ebnen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Proletarier! Haltet Frieden miteinander! Es gibt nur einen gemeinsamen Feind: die Reaktion, den Kapitalismus, die Ausbeutung und Bevorrechtung! Gegen diesen Feind müssen alle Kämpfer für Freiheit und Sozialismus geschlossen zusammenstehen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">An die Arbeit! Jeder auf seinen Posten!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Es lebe das freie bayerische Volk! Es lebe die Räterepublik!</p>
<p style="padding-left: 30px; text-align: right;">Erich Mühsam.«</p>
<p style="padding-left: 30px;">Diesen Aufruf ergänzte ich noch durch folgende</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Erklärung. Die Leitung der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund), Ortsgruppe München, stellt sich aus prinzipiellen Gründen außerhalb der provisorischen Verwaltung der Räterepublik. Durch die Anordnung der neuen Betriebswahlen auf revolutionärer Grundlage, aus denen die proletarische Gewalt endgültig hervorgehen soll, wird hoffentlich der Gegensatz sehr bald überbrückt sein.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Für meine Person erkläre ich, daß ich einen nach außen sichtbaren Posten in der jungen Räterepublik so lange nicht annehmen werde, bis nicht die Einigung der Arbeiterschaft vollständig gelungen sein wird. Es wäre mir unerträglich, wenn ich mich an verantwortlicher Stelle im Widerspruch gerade zu den Genossen befände, die mir bisher die nächsten im Kampfe waren und denen ich mich nach wie vor in Übereinstimmung im Wollen und Streben aufs engste verbunden fühle.</p>
<p style="padding-left: 30px;">9. April 1919.</p>
<p style="padding-left: 30px; text-align: right;">Erich Mühsam.«</p>
<p>Die Kommunisten machten am 9. April angesichts des Drängens der Arbeiterschaft die erste Konzession an die gegebene Lage. Sie bewirkten die Wahl revolutionärer Obleute aus den Betrieben und sandten sie mit nur beratender Stimme in den Zentralrat. Es waren, soweit ich mich entsinne, zehn Männer, darunter die Genossen Leviné und Dietrich. In der ersten Sitzung des Zentralrats, an der sie teilnahmen, herrschte eine besonders große Zerfahrenheit. Deputationen aller möglichen Interessengemeinschaften kamen und trugen Gleichgültigkeiten vor, die man ins endlose diskutierte. Es war ein ganz planloses Arbeiten. Die Kommunisten hielten denn auch nicht mit ihrer Kritik zurück, lehnten aber meine dringende Aufforderung, sich aktiv und mitverantwortlich zu beteiligen, um endlich Ordnung und System in das Chaos zu bringen, entschieden ab. Am nächsten Tag hatte ich eine längere Aussprache mit Leviné unter vier Augen; es war das erste und letzte Mal, daß wir von Person zu Person miteinander redeten. Genosse Leviné nahm die Gelegenheit wahr, mir die Genugtuung zu geben, daß er die Ehrlichkeit meiner Handlungsweise in allen Punkten zugab. Auf meine Bitten, die Obstruktion aufzugeben und einzugreifen, gab er bestimmte ablehnende Antwort mit der Begründung, daß er sich nun von der Hoffnungslosigkeit dieser Regierungstätigkeit durch eigenen Augenschein überzeugt habe. Auf den Einwand: »Wir können die Karre doch nicht im Dreck steckenlassen«, meinte er lakonisch: »Dann ziehen Sie sie wieder heraus!«, gab dann aber zu, daß die Auslieferung des Landes an die Regierung Hoffmann natürlich nicht in Frage kom men könne. Ich legte Leviné direkt nahe, uns gewaltsam auszuheben, um dem unmöglichen Zustand ein Ende zu machen und die revolutionäre Arbeit sicherzustellen; er hielt die Lage dafür nicht für reif, sprach aber ausdrücklich aus, daß die zu erwartenden revolutionären Kämpfe gegen die Bourgeoisie doch schließlich von den Kommunisten würden ausgetragen werden müssen. Ein Ausgleich der Gegensätze kam nicht zustande, doch schloß die Unterredung mit einem Händedruck, der alle persönlichen Differenzen zwischen uns aufhob und mir die Hoffnung gab, auch noch zu einer Übereinstimmung im Handeln zu gelangen.</p>
<p>Aus dem Lande kamen die ungünstigsten Nachrichten. Während sich die Räterepublik in Südbayern im allgemeinen festigte und ausbreitete, war im Norden ein schwerer Rückschlag erfolgt. In Würzburg, wo die Räterepublik von dem zufällig dort auf einer Agitationsreise anwesenden KPD-Genossen Waibel ausgerufen war und die ganze Bewegung unter Leitung der Kommunistischen Partei stand, hatte es Straßenkämpfe gegeben, die mit einer Niederlage der Revolutionäre geendet hatten. Genosse Waibel sowie die beiden am 5. April zur Aufklärung dorthin geschickten Münchener Genossen Hagemeister und Sauber (Vorsitzender des Landessoldatenrats USP) waren dabei verhaftet worden. Wir ordneten zu ihrer Sicherung sofort die Festsetzung von Geiseln an. – Dieser Erfolg der Gegenrevolution war für Nordbayern entscheidend. Er steifte Hoffmann das Rückgrat, um von Bamberg aus in großem Maße eine bewaffnete Aktion gegen München zu organisieren. Oberst Epp entfaltete eine mächtige Tätigkeit zur Aufstellung weißgardistischer Freikorps, die württembergische mehrheitssozialistische Republik bot Militär zur Unterstützung an. Noskes Anerbieten, von Reichs wegen in Bayern einzumarschieren, wurde vorläufig mit Rücksicht auf die preußenfeindliche Stimmung der bayerischen Bauernschaft abgelehnt, zumal die Annahme den Verzicht auf das Reservat Bayerns bedeutet hätte, eine Armee unter eigener Oberhoheit zu halten, wie es selbst den Weltkrieg hindurch bestanden hatte. Erst als sich Bayerns eigener Landesschutz trotz der württembergischen Hilfe zu schwach erwies, um den Willen des revolutionären Proletariats, das in der zweiten Hälfte des April endlich geeint in der Verteidigung der Räterepublik bewaffnet bereitstand, zu brechen, wurde Noske mit seinen Berufsmörderbanden geholt. Die militärische Selbständigkeit Bayerns mußte zum Preise dafür aufgegeben werden. – Für uns war die Notwendigkeit, eine Rote Armee auf die Beine zu bringen, aber brennend geworden, und Genosse Reichhardt arbeitete eifrig an dieser Aufgabe. Wie tief aber der Verrat nistete, beweist folgende Tatsache: Ein führendes Mitglied des Landessoldatenrats, der Mehrheitssozialist Simon (nicht zu verwechseln mit dem früheren Minister Simon), legte Reichhardt einen fertig ausgearbeiteten Plan zur Aufstellung einer Roten Armee vor. Trotzdem wurden Gerüchte laut, er stehe insgeheim mit der Gegenregierung Hoffmann in Verbindung. In einer Zentralesitzung überraschte ihn Landauer mit der direkten Aufforderung, sich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen. Simon versicherte seine Ehrlichkeit und versprach, um jeden Zweifel aus der Welt zu schaffen, sofort alle Ämter niederzulegen und nach Nürnberg zu fahren, wo er seine frühere Zivilbeschäftigung wieder aufnehmen werde. Landauer und ich verlangten, ihn an der Abreise zu hindern und in Schutzhaft zu nehmen, wurden aber überstimmt. Simon reiste ab, und eine Woche später stand sein Name mit dem Schneppenhorsts und Hoffmanns unter den Aufrufen, die den Arbeitermassenmord propagierten. Als Simon in meinem Prozeß als Zeuge erschien, gab er zu, daß er bereits, als er die Rote Armee vorbereiten half, die Beziehung zu Bamberg unterhielt. Noch krasser fast ist der Fall des von der Bauernschaft aufgestellten Volksbeauftragten für Landwirtschaft, Steiner. Der Mann gab von München aus heimlich den Bescheid an Hoffmann, daß er als Landwirtschaftsminister wieder in sein Kabinett eintreten wolle. Er war also gleichzeitig Volksbeauftragter der Räterepublik und Minister der Gegenregierung, was natürlich auch erst später ans Licht kam.</p>
<p>Die Arbeiterschaft hatte das Gefühl dafür, daß die Ursache der Verfahrenheit des öffentlichen Betriebs in der Uneinigkeit des Proletariats, in der Nichtanerkennung der Räterepublik durch die Kommunisten zu suchen war. So ergriffen die Betriebsräte von sich aus die Initiative zur Konsolidierung der Verhältnisse. Durch Plakate wurden zum 11. April (Freitag) abend sämtliche Betriebsräte Münchens zur Versammlung in den Hofbräusaal zusammengerufen. Zugleich wurden die Führer aller sozialistischen Parteien sowie diejenigen Genossen eingeladen, die, ohne einer Partei anzugehören, an sichtbarer Stelle standen. »Fernbleiben wird als Schuldbekenntnis aufgefaßt«. Die Versammlung war überfüllt. Ein Mehrheitssozialist legte zunächst unter dem Gelächter der Arbeiter ein Bekenntnis zur Demokratie ab, während ein anderer Sozialdemokrat den Parteigenossen energisch abschüttelte und sich unbedingt für die Räterepublik aussprach. Toller sprach für die Unabhängigen – er war inzwischen an Niekischs Platz zum Vorsitzenden des Zentralrats aufgerückt –, verteidigte das gegenwärtige Regime und griff die Kommunisten scharf an. Dann erhielt Landauer das Wort, der seine Düpierung durch Schneppenhorst offen zugab, die Ausrufung der Räterepublik aber entschieden verteidigte und zur Einigkeit aufrief. Darauf kam ich an die Reihe. Ich bekannte, daß ich die Berechtigung der ablehnenden Haltung der KPD nachträglich eingesehen hätte, das längere Außenstehen der Kommunisten jedoch für verhängnisvoll halte, da den Vorteil von der Uneinigkeit nur die Reaktion habe, die jetzt schon zeige, daß sie ihn zu nutzen verstehe und sich überall zum Schlage rüste. Ich beschwor die Kommunistische Partei, ihren Widerstand aufzugeben und sofort aktiv einzugreifen, um dadurch der Diktatur des Proletariats Inhalt und Festigkeit zu schaffen. Der sehr starke Beifall, den besonders Landauer und ich fanden, bewies, daß wir der eigenen Ansicht des Proletariats Worte gegeben hatten. Für die KPD war Genosse Levien erschienen, der sich auf eine absolut intransigente Haltung verbiß. Eine Minderheit seiner Parteigänger stimmte ihm zu, während die große Mehrheit ihren Willen zur Einigung nachdrücklich zu erkennen gab. Levien fand einen Helfer in der Person eines Berliner Kommunisten, der unter größter Unruhe die Einigung des Proletariats im Prinzip verwarf, solange sie nicht auf dem Boden der KPD stattfinde. Eine große Reihe von Rednern trat aus der Versammlung selbst für die Beilegung des Zwistes ein. Levien antwortete mit größter Ausdauer jedem einzelnen und blieb auf der Ablehnung bestehen. Ich sprach dann noch einmal und erklärte, daß die Versammlung revolutionärer Betriebsräte als allein berechtigte Vertretung des Proletariats zu bestimmen habe, ob die gegenwärtige Räteregierung als Organ der proletarischen Diktatur anzusehen sei und das Vertrauen des Proletariats habe. Ich sprach dabei aus, daß die Verweigerung des Vertrauensvotums mir erwünscht sei, da dann die Bürde von uns revolutionären Regierungsmitgliedern genommen sei, unter diesen undankbaren Verhältnissen die Verantwortung zu tragen, und die Kommunisten gezwungen seien, verantwortlich mitzuwirken. Es sei im Fall der Mißtrauenskundgebung gegen uns Aufgabe dieser Versammlung, sofort ein neues Provisorium zu schaffen und womöglich aus ihrer Mitte heraus Genossen zu bestimmen, die die nächsten Maßnahmen zu veranlassen hätten. Sollte aber die Versammlung dem bestehenden Zentralrat ihr Vertrauen bekunden, so würden wir unsere Pflicht nach Kräften weiterhin erfüllen in dem Bewußtsein, daß der Vorwurf, wir seien die Vertreter einer »Scheinräterepublik«, ehrlicherweise dann nicht mehr erhoben werden könne. Alle anwesenden Mitglieder des Zentralrats erklärten, die Versammlung als souveräne Vertretung des Proletariats anzuerkennen und sich ihrem Beschluß bedingungslos zu fügen. Ein aus der Mitte der Betriebsräte eingebrachter Antrag, der bestehenden Räteregierung das Geschick des Landes weiterhin anzuvertrauen, wurde darauf mit überwältigender Mehrheit gegen ein paar Dutzend Stimmen angenommen. (Ich selbst stimmte dagegen). Levien erklärte auch nach der Vertrauenskundgebung, daß das Verhalten der KPD trotzdem das gleiche bleiben werde.</p>
<p>Am Samstag, dem 12. April, war die Lage offenkundig sehr ernst geworden. Die Regierung Hoffmann hetzte das Land in unglaublicher Weise gegen München auf, gegen uns bekanntere Führer wurden die ungeheuerlichsten Verleumdungen in die Welt gesetzt, von denen besonders die Behauptung, wir hätten in München die Kommunisierung der Frauen bereits eingeführt (jedem Bolschewisten müsse jede Frau nach Belieben zur Verfügung stehen), auf die naive Bevölkerung Eindruck machte. Die militärische Lage schien durch den Abfall Augsburgs, wenn auch nicht unmittelbar bedrohlich, so doch keineswegs sicher. Das Fehlen von Waffen für die Arbeiterschaft war eine furchtbare Gefahr, wenn auch die Entwaffnung der Bourgeoisie anscheinend gut durchgeführt wurde. Doch war unser Mißtrauen gegen die Sozialdemokraten außerordentlich groß, besonders, da in den letzten Tagen die Gewerkschaftsführer und Auerochsen sich auffällig von den Sitzungen des Zentralrats fernhielten, was dessen Arbeiten allerdings etwas förderte. Ob unmittelbar etwas von dieser Seite geplant war und was überhaupt geplant war, war noch nicht zu erkennen. Aber der Verdacht, daß die Mehrheitler auch in München schon mit der Bourgeoisie einen geheimen Pakt geschlossen hätten, war allgemein. Das Bürgertum war furchtbar aufgeregt, da trotz der Mangelhaftigkeit aller diktatorischen Maßregeln doch schon eine Reihe von Symptomen da waren, die den Unterschied einer Räterepublik von einem Bourgeoisstaat deutlich machten. Vor allem wirkte die Besetzung der Banken, die Rationierung der Depotabhebungen und die Aufhebung des Bankgeheimnisses niederschlagend auf die Kapitalisten. Durch die Entwaffnung der Polizei fühlten sie sich in ihrer Sicherheit, durch das Revolutionstribunal in ihren konterrevolutionären Bestrebungen, durch Wadlers sehr energische Tätigkeit als Wohnungskommissar in ihrem Besitzrecht auf die häusliche Bequemlichkeit schwer bedroht. Dazu hingen die Ankündigungen Gesells gegen das spekulierende Kapital und Neuraths Vorbereitungen zur Schließung aller überflüssigen Betriebe wie ein Damoklesschwert über ihrer Existenz. Gründe genug, um etwas Entscheidendes zu versuchen.</p>
<p>Der Schlag wurde in der Nacht zum 13. April (Palmsonntag) ausgeführt, und zwar unter Leitung und auf Anstiften von Mehrheitssozialisten. Früh um vier Uhr wurde ich aus dem Bett heraus von Angehörigen der Republikanischen Schutztruppe, die uns kurz zuvor ihrer unbedingten Treue versichert hatte, verhaftet und zum Hauptbahnhof gebracht, wo sich im Laufe der Morgenstunden noch zwölf Genossen einfanden. Es waren Plakate angeschlagen, die im Namen der Kasernenräte den Sturz der Räteregierung verkündeten und die Regierung Hoffmann als allein rechtmäßig proklamierten. Einige Genossen, darunter der Volksbeauftragte Soldmann, waren aus dem Wittelsbacher Palais herausgeholt worden, wo sie in nächtlicher Arbeit ihre Pflicht taten. Mehrere außer mir, unter anderen Genosse Dr. Wadler, waren in ihren Wohnungen festgenommen. Der Rest war bei der Festnahme von Geiseln überrascht und verhaftet worden. Wir blieben bis mittags im Bahnhofsgebäude, in beständiger Erwartung eines Angriffs des Proletariats zu unserer Befreiung. Dann wurden wir in einem Extrazug unter starker militärischer Begleitung nach Nordbayern verschleppt.</p>
<p>Der Sturm auf den Bahnhof erfolgte einige Stunden nach unserer Abreise und führte zum vollen Erfolg der Arbeiter, die nun unter Leitung der KPD die Räteregierung neu errichteten. Den weiteren Verlauf habe ich nicht miterlebt und überlasse es daher andern, die ferneren Ereignisse, frei von einer Parteilichkeit, die nach der einen Seite mit Füßen tritt, nach der andern lobhudelt, zu schildern. Bemerken möchte ich, daß Landauer gleich nach der Auflösung des früheren Zentralrats eine Erklärung veröffentlichte, worin er die neue Sachlage begrüßte, die kommunistische Räteregierung anerkannte und sich ihr für alle verlangten Dienste zur Verfügung stellte. Die Kommunisten hatten in den zweieinhalb Wochen ihrer Herrschaft mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie in den sechs Tagen vorher wir, nur daß ihre Arbeit nicht mehr von den Auerochsen, sondern von den Unabhängigen sabotiert wurde. Ihr großes Verdienst war, daß sie in kurzer Zeit eine schlagkräftige Rote Armee aufzustellen vermochten. Der Zwang, alle Kräfte auf die militärische Verteidigung der Räterepublik zu konzentrieren, entschuldigt völlig, daß die diktatorische Niederzwingung des Kapitalismus auch unter ihrem Regime kein rascheres Tempo annehmen konnte als unter unserm. Die vielen Mißgriffe in der Auswahl der Personen, denen höchst verantwortliche Aufgaben übertragen wurden und die dem Verrat auch jetzt noch allerorts Zugang verschafften, sind dem Mangel an revolutionärer Erfahrung und der Plötzlichkeit zuzuschreiben, mit der alle Maßnahmen ergriff en werden mußten. Ich weiß zu gut, welcher Anteil an allen Übelständen während der zweiten Räterepublik unserem übereilten Handeln am 4. und 6. April zufällt, als daß ich als Ankläger gegen die kommunistischen Genossen auftreten möchte.</p>
<p>Der Zweck dieser Aufklärung war der, unser Verhalten psychologisch zu erklären, uns gegen den ruchlosen Vorwurf zu verteidigen, als hätten wir, speziell Landauer und ich, gegen die dieser Angriff gemünzt ist – aus Literateneitelkeit ein im Kaffehaus ausgehecktes Abenteuer verwirklichen wollen, und darzutun, daß wir unter einem von außen einwirkenden Zwang gehandelt haben. Daß unser Handeln fehlerhaft war, habe ich zugegeben. Als mildernde Umstände nehme ich aber noch einmal in Anspruch: Die Forderung der Augsburger in Generalstreik getretenen Arbeiter, den gleichzeitigen Paktbruch der Regierung Hoffmann, die Suggestion des ungarischen Beispiels, die Hoffnung, unsererseits auf Österreich und Norddeutschland beispielgebend zu wirken, und vor allem die Geheimdiplomatie der KPD, die – im Gegensatz zu ihrer bisherigen engen Verbindung besonders mit mir – niemanden von uns zur Beratung der entscheidenden Beschlüsse hinzuzog, zur wichtigsten Sitzung am 4. April nachmittags trotz wiederholter Einladung niemanden delegierte und endlich am Abend ihre Erklärungen durch Unbekannte und unter Gründen, die in keiner Weise stichhielten, abgeben ließ. So offen ich bekenne, daß die kommunistischen Genossen im Prinzip im Recht und wir im Unrecht waren, glaube ich doch heute noch, daß ihr taktisches Verhalten in jenen Tagen und während der ganzen Woche vom 6.–13. April verhängnisvoll fehlerhaft war und daß die rechtzeitige Unterstützung der revolutionären Elemente in der Räteregierung gegen die Sabotage der Sozialdemokraten einen, wenn nicht siegreichen, so doch in jeder Hinsicht vorteilhafteren Verlauf der ganzen Revolutions-Episode herbeigeführt hätte. Die Beteiligung der Kommunisten in Nordbayern beweist, daß durchaus nicht alle Genossen der KPD unser Vorgehen als Farce betrachteten. Die Verwirrung aber, die durch die Gegenorder der Parteileitung in München entstand, trägt in starkem Maße die Schuld daran, daß sich die Konterrevolution schnell und ungefährdet sammeln konnte. Die Teilnahme der Partei an der Räteregierung von Anfang an hätte, selbst wenn die schärfste Kritik gegen die Initiatoren zugleich eingesetzt hätte, das revolutionäre Proletariat in Einigkeit und Begeisterung aufstehen lassen. Die Auerochsen wären am dritten Tage, als Hoffmann in Bamberg die Gegenregierung errichtete, von den Massen selbst aus allen Ämtern entfernt und wie die Bourgeoisie behandelt worden. Die Unsicherheit unter den Arbeitern und Soldaten, die den Palmsonntags-Putsch ermöglichte, hätte nicht Platz gegriffen.</p>
<p>Der heroische Kampf, den die Münchener Arbeiter in den ersten Maitagen für die Räterepublik führten und an dem die Proletarier, die in der ersten Woche uns gestützt hatten, in gleicher Weise teilnahmen wie die Anhänger der KPD, die furchtbaren Blutopfer, die das Proletariat der kommunistischen Idee darbrachte, und die Gräber der Ermordeten, unter denen der Name Gustav Landauers neben dem Eugen Levinés im Herzen des Münchener Proletariats eingegraben bleibt, mögen der geschichtlichen Forschung, die das Geschehen jener Tage aufhellen soll, den Stachel nehmen, der sich gegen Revolutionäre von unbefleckter Reinheit des Wollens kehrt, und gegen den gemeinsamen Feind richten, der den Verrat in die Revolution trug, um ihr eine Frühgeburt abzutreiben und durch sie ihren Tod herbeizuführen. Welche Machenschaften den Augsburger Beschluß herbeiführten, welche Kräfte hinter allem öffentlichen Geschehen arbeiteten, wer zu denen gehört, die die Falle aufstellten, und wer zu denen, die mit uns darin gefangen wurden, das ist bis jetzt noch nicht festgestellt. Dem geeinten Willen aller ehrlichen kommunistischen Revolutionäre, gleichviel wie sie am 6. April Partei nahmen, wird es gelingen, auch in diese dunkle Frage Licht zu werfen.</p>
<p>Genossen! Nehmt diese Aufklärung in dem Geist auf, in dem sie Euch vorgelegt wird. Es spricht ein Mann zu Euch, der sich schuldig weiß, taktische Fehler gemacht zu haben, dem aber sein reines Gewissen erlaubt, seine eigene Teilnahme an der Geschichte der bayerischen Räterepublik in voller Offenheit vor Euch auszubreiten. Ich verlange von Euch nicht die Billigung meines Verhaltens, aber ich hoffe, daß Ihr aus meiner Darstellung den Eindruck gewonnen habt, daß ich als ehrlicher Genosse gehandelt habe, und daß Ihr mich freisprecht von dem Vorwurf, aus leichtfertiger und gewissenloser Eitelkeit einen sträflichen Streich gegen das Proletariat und gegen die Weltrevolution verübt zu haben.</p>
<p>Ansbach, September 1920</p>
<p>Erich Mühsam.</p>
<div>
<div><em>Quelle: Erich Mühsam: Ausgewählte Werke, Bd. 2: Publizistik. Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1978, S. 240-325.</em></div>
<div><em><br />
</em></div>
</div>
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		<title>Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 3)</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 07:50:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von den bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Hundertmal an verschiedenen Stellen der Erde sind sie immer aufgetaucht. Erfinder dieser Organe ist das revolutionäre Volk.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-83"></span><strong>Räte und Selbstverwaltung</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Verteilt die Macht, damit sie keinen mächtig macht.&#8221;</em></p>
<p class="vspace">Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von den bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Hundertmal an verschiedenen Stellen der Erde sind sie immer aufgetaucht. Erfinder dieser Organe ist das revolutionäre Volk. Immer waren die Räte die spontane Antwort der unterdrückten Massen gegen ihre Unterdrücker; stets kam in ihnen ein völlig entgegengesetztes Konzept gesellschaftlicher Organisation zum Ausdruck als das herrschende. Wir finden sie in der französischen Revolution von 1789, in der Pariser Commune von 1871, in der russischen Revolution von 1905 und in der Oktoberrevolution sind sie ein fester Bestandteil des revolutionären Prozesses. 1921 finden wir sie in Kronstadt und 1936 entwickeln sie sich zum Träger der Revolution &#8211; auch 1956 im Ungarn, 1969 in Italien und 1971 in Polen tauchen sie wieder als Organe der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker auf. Es gibt unzählige Beispiele mehr.</p>
<p class="vspace">Die Räte sind sowohl geographische als auch sachliche Organisationsformen. Sie können sich überschneiden, d.h. es gibt z.B. den Rat eines Dorfes, einer Stadt oder eines Landstrichs, je nach Größe und Einwohnerzahl. In diesem Gebiet organisieren sich Räte nach sachlichen Zusammenhängen, so z. B. am Arbeitsplatz, in der Fabrik, im Transportwesen, in den Krankenhäusern, Universitäten und Schulen, auf den Bauernhöfen, ja sogar in den Familien, Stadtteilen und Bezirken. Es kann auch andere sachliche Zusammenhänge geben, wie den Rat der Frauen, den der Alten, der Körper&#8221;behinderten&#8221;, der VerbraucherInnen usw. Jeder Rat ist im Grunde nichts weiter als die Versammlung aller Menschen, die unter einen bestimmen Bereich fallen und an ihm teilnehmen möchten. Die Teilnahme und Mitarbeit ist freiwillig, demzufolge auch die Unterwerfung unter die Beschlüsse des Rates, sowie der Genuss der durch ihn erzielten Ergebnisse. Die Räte versammeln sich in bestimmten Abständen und vor allem immer dann, wenn wichtige Probleme zur Lösung anstehen. Damit sie arbeitsfähig bleiben, sollten die Räte klein gehalten werden. (Es wäre z. B. unsinnig, einen Rat von Wien oder Europa zu bilden.)</p>
<p class="vspace">Jeder Rat ist grundsätzlich autonom (unabhängig). Zur Bewältigung bestimmter Probleme oder zur Bildung von Räten, die sich überregional organisieren müssen (z.B. Transportwesen, Post usw.) wählt der Rat sogenannte Delegierte. Grundsätzlich hat jedes Mitglied eines Rates das aktive und passive Wahlrecht, d.h. er/sie kann wählen und gewählt werden. Die Delegierten bilden dann wieder einen Rat, der sich nach denselben Prinzipien organisiert wie eben beschrieben. Hierbei ist immer gewährleistet, dass die, die das meiste Vertrauen in der Bevölkerung genießen, und sich mit dem Problem, um das es gerade geht, gewählt werden. Im Gegensatz zum bürgerlichen Parlament kennt jedeR die Delegierten, die er/sie mir den Aufgaben betraut gut. Dies ist eine klare Organisation von Unten nach Oben. Die Aufstellung von Delegierten ist im Grunde eine rein technische Angelegenheit, denn 7 Millionen Österreicher können sich schlecht versammeln und noch weniger sich über irgendwelche Probleme unterhalten. Damit dies auch eine rein technische Angelegenheit bleibt und der/die Delegierte seine/ihre Position nicht missbraucht, wird er/sie immer nur für kurze Zeit gewählt: meist nur für die Zeit die nötig ist, diese oder jene Sache zu bewältigen. Die Delegierten werden aber auch deshalb von Zeit zu Zeit ausgewechselt, damit möglichst viele Menschen fähig werden, Dinge zu beurteilen und Probleme zu lösen.</p>
<p class="vspace">Wenn einE DelegierteR gewählt ist, bekommt er/sie von seinem/ihrem Rat einen Auftrag. Man sagt ihm genau, was er/sie zu tun und was er/sie zu lassen hat. Dies ist die eigentliche Aufgabe des Rates, in ihm werden die anstehenden Probleme diskutiert; jedeR kann sich äußern, jedeR kann argumentieren und mensch versucht die für alle einleuchtendste Lösung zu finden. Wird eine Lösung vorgeschlagen, so können alle sicher sein, dass sie von einer ganzen Reihe von Leuten, die auf diesem Gebiet Erfahrung haben, gewissenhaft durchdiskutiert wird. Die Einzelheiten sind dann mehr oder weniger dem/der Delegierten überlassen. DieseR ist aber wieder den ursprünglichen Räten laufend Rechenschaft schuldig.</p>
<p class="vspace">Weicht die Arbeit der Delegierten von den Beschlüssen des Rates ab, ohne dass es dafür vernünftige Gründe gibt, werden diese sofort abgesetzt und neue Delegierte, die das Vertrauen besser rechtfertigen, gewählt. Dieses Prinzip nennt man „imperatives Mandat“. So entscheidet also in jedem Fall der unterste Rat und nicht der Delegiertenrat, was gemacht wird. Wie wir sehen, löst dieses System alle Mängel, die wir im Kapitel über die bürgerliche Demokratie und über den autoritären Sozialismus an allen gegenwärtigen Systemen festgestellt haben. Das Rätesystem, mehr als einmal erprobt, garantiert eine echte lebendige Volksdemokratie in allen Lebensbereichen. Es sorgt dafür, dass jedeR die gesellschaftliche Organisation gänzlich durchschauen, in sehr vielen Dingen mitreden kann und, dass sich keine Führungsschichten bilden können. Die gesellschaftliche Organisation, Produktion und Verteilung wird also rationell (ohne Umwege) und den Bedürfnissen des Volkes entsprechend organisiert. Eine bedeutende Bewegung der Selbstverwaltung (= System der Gesamtheit aller Räte) finden wir vor allem in Frankreich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts: die Genossenschaften.</p>
<p class="vspace">Diese Zusammenschlüsse von ArbeiterInnen, die sich ohne Chefs und Ingenieure, nur auf ihre eigene Kraft und ihre eigenes Wissen gestützt, daran machten, ihre Fabriken zu leiten, ihren Warentausch zu organisieren und ihren Verkauf zu regeln, haben zwar eine schnelle Ausbreitung gefunden, doch lag ihrem Konzept eine grundlegender Fehler zugrunde. Proudhon, einer der Väter des Genossenschaftsgedankens, hatte versucht, sein revolutionäres Modell innerhalb einer noch funktionierenden kapitalistischen Ordnung zu verwirklichen. Mensch glaubte damals noch, dass mensch so das bestehende System überwinden könnte. Das war natürlich falsch, insofern, als es dem Staat ein Leichtes war, die Genossenschaften in den finanziellen Ruin zu treiben oder zu zerschlagen.</p>
<p class="vspace">Wie allen Versuchen, den Kapitalismus auf friedlichem Wege abzuschaffen, erging es auch der Genossenschaftsbewegung: sie wurde schließlich „entschärft&#8221; und dient heute unter anderen Vorzeichen zur Erhaltung und Kräftigung des Staatssystems (Vgl. auch heute das Kibbuz-System in Israel). ArbeiterInnenselbstverwaltung finden wir in fast allen revolutionären Ereignissen, die spontan und von keiner Partei geführt, stattfanden. Auch heute können wir in einigen Ländern Erhebungen mit der Tendenz der Selbstverwaltung der Produzenten beobachten. (Vgl. z.B. die Anfangszeit der portugiesischen Revolution). Diese Diskussion innerhalb der anarchistischen und rätekommunistischen Bewegung ist unerhört wichtig, denn sie kann möglicherweise im anarchistischen Sinne sein.</p>
<p class="vspace">Natürlich dürfen wir die Selbstverwaltung nicht mit der Mitbestimmung verwechseln. Diese, von reformistischen (31) Gewerkschaften geforderte Verwaltungsform bedeutet keinesfalls Demokratie, sondern nur ein kleines Zugeständnis an die ArbeiterInnen, die an der tatsächlichen Unterdrückung nichts ändert und in Wirklichkeit nur die ArbeiterInnenschaft beruhigen soll.</p>
<p class="vspace"><strong>Parteien</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Parteien sind zum Schlafen da &#8211; und zum schrecklichen Erwachen!&#8221;</em> (Zeitung „883&#8243;)</p>
<p class="vspace">Die Frage, ob mensch sich in Parteien organisieren oder in bestehende Parteien eintreten sollte, hat sich den AnarchistInnen schon sehr früh gestellt. Noch während der ersten Internationalen begann sich abzuzeichnen, dass sowohl die revolutionären MarxistInnen um Marx als auch die deutsche Sozialdemokratie um Lassalle (32) in Form von Parteien organisieren würden.</p>
<p class="vspace">Diese „ArbeiterInnenparteien&#8221; waren zunächst kleine Gruppierungen in den verschiedenen Städten und Industriezentren eines Landes. Sie betrieben Propaganda unter der ArbeiterInnenschaft und traten für einen Kampf ein, der die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen verbessern sollte. Die Abschaffung der Kinderarbeit, die Verkürzung der Arbeitszeit, freies Streikrecht und ähnliches stand auf ihrem Programm. Ihre Stärke wuchs rasch und mit dieser Stärke bildete sich fast automatisch ein großer Stamm an berufsmäßigen Parteiangestellten: Bürokraten, SchriftstellerInnen, RednerInnen usw. Diese Leute, die sogenannten FunktionärInnen, entstanden selbst meistens nicht der Arbeiterschaft. Der ganze Parteiapparat unterstand einer Zentrale, die die politische Richtung der Partei ausarbeitete und die Befehle an die einzelnen Ortsgruppen ausgab. Diese hatten meistens nichts weiter zu tun, als diese Befehle auszuführen, neue Mitglieder zu werben, und im übrigen pünktlich ihre Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Die Parteien gaben ihre eigenen Zeitungen heraus, unterhielten ihre Parteischulen und versuchten schon bald, in den verschiedenen Regierungen an Gewicht zu gewinnen und sich an der parlamentarischen Arbeit zu beteiligen.</p>
<p class="vspace">Waren diese Parteien zu Beginn ihrer Entwicklung reine Zweckverbände der ArbeiterInnenbewegung, so war schon bald ihr wichtigstes Ziel die Wahlbeteiligung und die Erringung möglichst vieler Stimmen im Wahlkampf. Um im Parlament viele Sitze zu bekommen und stark zu werden, musste mensch viel paktieren, und so wich mensch sehr schnell ganz beträchtlich von den revolutionären Vorsätzen ab. Es wird nicht verwundern, dass die AnarchistInnen diese Organisationsform ablehnten. Sie kritisierten an ihr vier wichtige Punkte:</p>
<ul>
<li>Die Richtung der Partei war nicht die soziale Revolution, also der Umsturz der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse, sondern die Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb dieser Gesellschaft. Dies, so argumentierten die AnarchistInnen, sei ein mühevoller unnötiger Umweg, der nur vom eigentlichen Ziel ablenke. Tatsächlich hat sich zum Beispiel die deutsche sozialdemokratische Partei gute 30 Jahre für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts herumgeschlagen, von dessen Verwirklichung sie sich offenbar die Revolution oder noch größere Wunder versprachen. Als es dann durchgesetzt war, brachte es nicht die geringste Änderung an der Situation der Arbeiter.</li>
<li>Die Organisation der Partei war zentral, autoritär und vom Staat leicht zerschlagbar. Man hätte nur das Zentralbüro verhaften müssen, und die Partei stände ohne Kopf da. Deshalb ist die Partei weder in ihren Aktionen beweglich, noch kann sie sich von tatsächlichen Bedürfnissen an ihrer Basis leiten lassen, da die autoritäre Struktur von unten nach oben nur sehr schwer zu durchdringen ist. (Für den/die einfachen ArbeiterIn war es nämlich fast unmöglich, Einfluss auf die Politik „seiner&#8221; Partei zu nehmen.)</li>
<li>Die zentrale Organisation bringt weiterhin die Gefahr mit sich, dass sich eine riesige Schicht von bezahlten FunktionärInnen bildet, die der Arbeiterbewegung nicht nur auf der Tasche liegt, sondern sie auch noch beherrschen möchte. Mit der Zeit bildet sich eine völlig neue kleine Klasse &#8211; eine Kaste &#8211; die mehr an ihre eigenen Vorteile und ihre Karriere als an den Kampf der ArbeiterInnen denkt.</li>
<li>Daraus ergibt sich, dass die Partei im Falle einer Revolution notwendigerweise hinter den revolutionären Massen zurückbleiben muss. Wie ein zu klein gewordenes Hemd wird sie der Revolution nicht dienen, sondern sie lediglich einengen. Sie wird die Revolution nicht vorbereiten, sie nicht beginnen, sie nicht führen &#8211; sie wird ihr hinderlich sein und meistens nur daran denken, ihre Funktion, d.h. ihren Anspruch auf eine Führung, aufrechtzuerhalten. Im Übrigen haben wir bereits gesehen, dass das Wahlsystem ein simpler Betrug ist. Ein gefährlicher Selbstbetrug ist es aber, zu glauben, durch die Teilnahme an diesem Betrug das System abschaffen zu können.</li>
</ul>
<p class="vspace"><strong>War diese Kritik berechtigt?</strong></p>
<p class="vspace">Was die Sozialdemokratie betrifft, so können wir ein ungeheures Anwachsen des bürokratischen Apparates feststellen. In ihren Reihen waren um die Jahrhundertwende Millionen von ArbeiterInnen organisiert. 1912 war sie schon die stärkste Fraktion im deutschen Reichstag. Und was tat sie? Hat sie die soziale Revolution begonnen? Sie saß seelenruhig auf ihren Parlamentsbänken, hielt geschliffene Reden mit den bürgerlichen Politikern und trat noch immer für Lohnerhöhungen, bessere Wohnungen und dergleichen ein. Als Kaiser Franz-Josef den 1. Weltkrieg anzettelte, stimmten die Sozialdemokraten zu und sorgten dafür, dass die ArbeiterInnenschaft in den Krieg zog.</p>
<p class="vspace">Als sie nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie mehr aus Versehen und ohne es eigentlich gewollt zu haben, an die Macht kam, hatte sie ihre revolutionären Ziele längst aus dem Gedächtnis verloren. So wehrte sie sich mit allen Mitteln gegen die Einführung einer allgemeinen Räterepublik und verteidigte zäh die bürgerliche Ordnung. Gegen dieselben ArbeiterInnen, deren Interessen sie einst vertreten sollte, setzte die Partei Polizei und Militär ein. (33) Bis vor kurzem war die selbe SPÖ an der Macht. Wenn mensch es nicht überall lesen würde, mensch könnte es gar nicht merken: von Sozialismus keine Spur! Also: eines der ekelhaftesten Beispiele einer degenerierten ArbeiterInnenpartei. Auch für die andere Warnung der AnarchistInnen hat es eine bittere geschichtliche Bestätigung gegeben: die Partei der Bolschewiki. (34)</p>
<p class="vspace">Diese Partei, eine Abspaltung der russischen Sozialdemokratie, hatte zwar den Reformismus ihrer Mutterpartei kritisiert, aber die Organisationsform der Partei beibehalten. Sie erhob sich selber zur „Avantgarde des Proletariats&#8221; und war straff und autoritär organisiert. Ihr Ziel war es, unter ihrer Führung einen Aufstand zu beginnen, die Macht im Staat zu übernehmen und einen Sozialismus nach Marx&#8217;schem Muster einführen. (35) Von dem revolutionären Bewusstsein der ArbeiterInnen hielt die Partei nicht allzu viel. Ihr Führer, Wladimir Iljitsch Lenin, schreibt in seinem Buch „Was tun?&#8221;, dass der/die ArbeiterIn lediglich „trade-unionistisches&#8221; Bewusstsein (36) entwickeln könne, und dass für den politischen Kampf eine Avantgarde vorhanden sein müsse. Damit meinte er selbstverständlich seine eigene Partei.</p>
<p class="vspace">Als die Revolution im Februar 1917 in Russland begann, war diese Partei davon sehr überrascht. Sie hatte die ganze Bewegung verschlafen. Zunächst zog sie mit und kämpfte unter den gleichen Parolen „alle Macht den Räten&#8221; an der Seite der AnarchistInnen und Sozialrevolutionäre mir dem Volk für die Revolution. Das war nur ein taktischer Zug, die Bolschewiki warteten nur solange, bis sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten und wieder stark genug geworden waren. Dann zerschlugen sie erst einmal mittels ihres starken Apparates die anarchistischen und sozialrevolutionären Organisationen und machten dann Schritt für Schritt die Revolution wieder rückgängig. Die Räte wurden entmachtet, Polizei und Armee wieder aufgebaut, die Bürokratie hielt überall großen Einzug und eine neue Kaste reicher Funktionäre nistete sich in der Regierung ein. Die letzten Erhebungen gegen die Parteidiktatur wurden blutig niedergeschlagen (37), und nach knapp 20 Jahren unterlag ganz Russland der Diktatur eines einzelnen Mannes: Josef Stalins, der seinen Weg zur Macht mir den Leichen zehntausender seiner Parteigenossen gepflastert hatte. Von Sozialismus keine Spur, von Freiheit erst recht nicht. Auch heute noch lehnen die AnarchistInnen eine Parteiarbeit ab. Sie lenkt vom eigentlichen Ziel ab und ist nicht in der Lage, im Fall einer Revolution mir den revolutionären Massen Schritt zu halten. Sie ist ein Hemmschuh der Revolution. Dem Parteimodell setzen die AnarchistInnen eine Organisation revolutionärer ArbeiterInnen entgegen, die vom täglichen Kampf in den Betrieben kommt. Diese „Betriebskomitees&#8221; organisieren sich nach dem Räteprinzip und kämpfen für revolutionäre Ziele. Politische Tagesforderungen setzen sie spontan mit dem Mittel der direkten Aktion durch.</p>
<p class="vspace"><strong>Probleme der Avantgarde</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Revolutionäre haben die Verpflichtung, anderen zu helfen, ebenfalls Revolutionäre zu werden, aber nicht die Verpflichtung, Revolution zu &#8216;machen&#8217;. Und solche Aktivität ist nur möglich, wenn der Revolutionär oder die Revolutionärin zuerst bei sich selbst mit der Veränderung anfangen.&#8221;</em> (Murray Bookchin)</p>
<p class="vspace">Ein System von Betriebskomitees und Räten, ja selbst eine starke anarchosyndikalistische Bewegung reicht aber nicht aus, um eine Revolution effektiv vorzubereiten und durchzuführen: Es müssen Leute vorhanden sein, die sich in bestimmten Gebieten auskennen, die sich auf die Vorbereitung der Revolution konzentrieren, die Unternehmungen planen und durchführen können, ohne dabei auf ihre Arbeit oder ähnliche Verpflichtungen Rücksicht nehmen zu müssen. Vor allem in den Aufständen vor (und z.T. auch während) der spanischen Revolution sah mensch, dass dezentrale Räte in der vorrevolutionären Phase nicht die nötige Schlagkraft besaßen. Diese bittere Erfahrung haben die spanischen AnarchosyndikalistInnen machen müssen. Sie begannen wiederholt bewaffnete Aufstände gegen die Regierung, die nach anfänglichem Erfolg wegen der schlechten überregionalen Organisation blutig zerschlagen wurden (hier soll kein Zentralismus propagiert werden, aber es hat sich gezeigt, dass es notwendig ist, dass die revolutionären Aktivitäten der Räte aufeinander abgestimmt werden müssen, damit die Räte nicht zersplittert agieren und ihre Kräfte verzetteln). Je nachdem, wie stark der Terror des Staates ist, arbeitet die Avantgarde einer Revolution mehr oder weniger stark konspirativ (geheim). Konspiration bedeutet für die Anarchisten allerdings nicht, als selbsternannte Chefs der proletarischen Massen, diese zu putschistischen Abenteuern anzustiften. Bakunin nannte die konspirativen Organisationen, die er selbst mitbegründete, die „GeburtshelferInnen&#8221; der Revolution. Natürlich ist die Avantgarde nicht mit der Masse der RevolutionärInnen zu verwechseln, der revolutionären Armee, die aus dem Volke selbst kommt. „Die Armee muss immer das Volk sein&#8221;, nie kann und darf es diese Aufgabe an eine intellektuelle Minderheit abgeben. Diese Individuen müssen im revolutionären Kollektiv „aufgelöst&#8221; sein, dürfen also keine Autoritäten bilden. In „Staatlichkeit und Anarchie&#8221; beschreibt Bakunin eingehender die Rolle solcher Kader: „Diesen Schichten (gemeint sind: den ProletarierInnen) schließen sich aus der bürgerlichen Welt nur einige Individuen an, die der Klassen, der sie entstammen, den Rücken gekehrt und sich völlig den Interessen des Volkes angenommen haben, weil sie die gegenwärtige Ordnung, sei es nun die politische, soziale oder ökonomische, von ganzem Herzen hassen.&#8221; Bakunin spricht hier vornehmlich von Kadern aus der bürgerlichen Klasse; natürlich kommen auch sehr viele aus den Reihen des Proletariats, besonders während sehr revolutionärer Epochen; oft sind es aber tatsächlich hauptsächlich Personen aus dem Bürgertum, die ihren Klassen den Rücken kehren und zur Avantgarde werden. (Dies war vor allem zu Bakunins Zeiten der Fall, als die ArbeiterInnen und Bauernschaft täglich zwischen 12 und 16 Stunden arbeiteten. Wenn sie dann nach Hause kamen, hatten sie meist andere Sorgen, als Bücher zu lesen oder sich sonstwie geistig zu betätigen. Auch fehlte ihnen oft die finanzielle Möglichkeit, sich längere Zeit revolutionär zu betätigen. Woran es heute liegt, dass z.B. in Österreich meist Intellektuelle eine Avantgarde darstellen, ist ein vollkommen anderer Grund. Zum Teil liegt dies in der faschistischen Vergangenheit Österreichs begründet, die bewirkt, dass die Menschen durch die Massenmedien in einem total unpolitischen Zustand gehalten werden; Bürgerinitiativen werden verteufelt und die Illustrierten, die in Millionen Auflagen verkauft werden, bauschen unwichtige und unpolitische Kleinigkeiten immens auf). Aber zurück zur intellektuellen Avantgarde: „Diese Individuen sind nicht zahlreich, aber dafür wertvoll, natürlich unter der Bedingung, dass sie durch ihren Hass auf das Herrschaftsstreben der Bourgeoisie in sich selbst auch die letzten Überreste von persönlichem Ehrgeiz gelöscht haben &#8211; in diesem Falle, so wiederhole ich, sind sie wirklich wertvoll. Das Volk schenkt ihnen Leben, elementare Kraft und ein Aktionsfeld; als Gegenleistung bringen sie ihre positiven Kenntnisse mit, Methoden der Abstraktion und der Analyse, sowie die Kunst, sich zu organisieren, Allianzen zu bilden, die ihrerseits diese aufgeklärte, kämpferischen Kraft bilden, ohne die der Sieg unerreichbar bleibt.(…) Damit sie (die Kader) aber handeln, müssen sie vorhanden sein und dazu muss man sie vorbereiten und im Voraus organisieren, denn Sie wird nicht ganz von selbst entstehen &#8211; weder durch Diskussion, noch durch Auseinandersetzungen und prinzipielle Debatten, noch durch Volksversammlungen.&#8221; (Bakunin, gesammelte Werke Bd. 3, Seite 97)</p>
<p class="vspace"><strong>Und was ist nun die Funktion der Avantgarde in der Revolution?</strong></p>
<p class="vspace">Auch hierüber hat sich Bakunin schon sehr früh geäußert: „Sie lässt der revolutionären Bewegung der Massen ihre volle Entwicklung und ihren sozialen Aufbau von unten nach oben durch freiwillige Föderationen und die unbedingte Freiheit, aber sie wacht stets darüber, dass hierbei nie Autoritäten, Regierungen und Staaten wieder gebildet werden können und bekämpft jeden Ehrgeiz, seiner kollektiv oder individuell, durch den natürlichen, nie offiziellen Einfluss aller Mitglieder unserer Allianz &#8230;&#8221; (Spanische Brieffragmente, gesammelte Werke Band 3, Seite 103) Die Bewegung in der freien Ukraine oder die spanische Revolution hat beispielsweise in Nestor Machno oder Buenaventura Durruti (38) typische Kader dieser Prägung hervorgebracht. Nach den bitteren Erfahrungen der russischen Revolution ist diese anarchistische Konzeption der Avantgarde erneut aufgegriffen worden und hat ihre moderne Fassung erhalten. Rosa Luxemburg, Otto Rühle, Anton Pannekoek, Herman Gorter und Karl Korsch waren die bedeutendsten TheoretikerInnen dieser neuen Richtung. Ihre große Leistung war es, den traditionellen Anarchismus von lästigem Ballast und Dogmen, die sich bitter gerächt hatten, zu befreien und ihn gleichzeitig durch neue, lebendige Elemente aus dem Marxismus und durch Erfahrungen aus der russischen Revolution zu bereichern. Gorter sprach von Avantgarde, von Parteien, deren Verhältnis zu den Massen nicht in einem hierarchischen Führungsanspruch bestehen sollte, die also keine Organisation für das Proletariat sein sollte, die nicht die eigene Stärkung, sondern die der Klasse betreiben sollte. Hat das Volk erst einmal triumphiert und sich nach freiheitlichen Prinzipien organisiert, haben diese Avantgarden keine Funktion mehr, sie verschwinden. Diese Art der Avantgarde wirkt also wie in der Chemie ein Katalysator: d.h. sie macht die Revolution nicht selbst, sondern gibt in günstigen Gelegenheiten nur den Anstoß dafür. Hat die Revolution gesiegt, ist er überflüssig geworden.</p>
<p class="vspace"><strong>Philosophische Grundlagen des Anarchismus</strong></p>
<p class="vspace"><em>„ &#8230;Wenn der Mensch den Naturgesetzen gehorcht, so ist er doch keineswegs Sklave, da er nur Gesetzen gehorcht, die seiner eigenen Natur innewohnen, unter deren Voraussetzung er existiert und die sein ganzes Wesen ausmachen: Wenn er ihnen gehorcht, gehorcht er sich selbst. Und dennoch gibt es im Schosse dieser selben Natur eine Sklaverei, von der der Mensch sich freimachen muss, will er auf sein Menschentum nicht verzichten: Es ist die natürlich Welt, welche ihn umgibt und die man gewöhnlich die äußere Natur nennt. Es ist die Gesamtheit der Dinge, der Erscheinungen und der lebenden Wesen, die ihn beständig von allen Seiten umringen und entwickeln &#8211; allerdings könnte er ohne sie und außerhalb von ihnen keinen einzigen Augenblick leben &#8211; trotzdem scheinen sie sich gegen ihn verschworen zu haben, so dass er jeden Augenblick seines Lebens gezwungen ist, sein Dasein gegen sie zu behaupten. Der Mensch kann diese äußere Welt nicht entbehren, weil er nur in ihr leben und auf ihre Kosten sich nähren kann &#8211; und gleichzeitig muss er sich gegen sie schützen, weil diese Welt ihn immer vernichten zu wollen scheint.&#8221;</em></p>
<p class="vspace">Der moderne Anarchismus ist wie der Marxismus ein Kind der ArbeiterInnenbewegung, des kapitalistischen Systems, und ebenso wie der Marxismus baut der Anarchismus philosophisch auf dem Materialismus auf. Was ist Materialismus? Das Gegenteil von Idealismus, wird man sagen, und als IdealistInnen bezeichnet mensch für gewöhnlich Menschen, die sich mit ganzem Herzen und unter vielen Opfern für eine Sache einsetzen. Sind also MaterialistInnen Leute, die nur an ihren Vorteil denken, Geld scheffeln &#8211; EgoistInnen ?</p>
<p class="vspace">Wir müssen hier streng zwei ganz verschiedene Definitionen voneinander trennen, die nichts miteinander zu tun haben: Den volkstümlichen Begriff von Idealismus und Materialismus, den wir soeben beschrieben haben, und philosophischen Begriff. Den meisten ist dieser Unterschied nicht bekannt und sie werfen beide Erklärungen unentwegt durcheinander. Deshalb wollen wir hier ganz kurz (und sehr vereinfacht) auf diese Unterschiede eingehen. Der philosophische Begriff Idealismus &#8211; Materialismus dreht sich um die Frage: was bestimmt was &#8211; bestimmt das Sein (d. h. die Verhältnisse, in denen ein Mensch lebt) das Bewusstsein, oder ist es umgekehrt? Anders ausgedrückt: sind das Leben, der Mensch, seine Gedanken, aus einer langen geschichtlichen Entwicklung entstanden, oder sind sie Produkt einer allmächtigen „Idee&#8221;, einer höheren Kraft, die a priori (also unabhängig vom menschlichen Individuum) existiert? (39).</p>
<p class="vspace">Überträgt mensch beide Systeme auf das menschliche Zusammenleben, so stellt sich die Frage etwas anders: sind unsere Ideen, unsere Handlungen und Aktionen von einer „Idee&#8221;, von einem idealen Ziel, dass Gott oder wer auch immer gestellt hat, geleitet, entwickelt es sich zwangsläufig zu einem Idealzustand hin (wie z.B. „das Paradies&#8221;, „vollkommener Mensch&#8221;, „das Gute, Schöne&#8221;, „die Harmonie&#8221; o.ä.), oder aber ist es die Vorstellung der Menschen und damit die Geschichte abhängig von der Umwelt, von den ökonomischen Verhältnissen einer Bestimmten Epoche, von der Entwicklung der Technik und der Wissenschaft, vom Stand der sozialen Kämpfe?</p>
<p class="vspace">Für den anarchistischen Denker Bakunin ist der Mensch (zwar nicht ausschließlich), aber überwiegend von den materiellen Umständen abhängig. Hat ein Kind z.B. arme Eltern, wächst es in einer aggressiven und brutalen Umwelt auf, lernt und sieht es schon frühzeitig, dass es, um zu überleben, Gewalt anwenden, stehlen, sich wehren muss, so wird es sich vollkommen anders entwickeln, als wenn es in einem wohlbehüteten, reichen Elternhaus aufwüchse, keinen Mangel an lebenswichtigen Gütern kannte, und z.B. als frommer Christ erzogen werde. So schreibt z.B. Bakunin zur Auseinandersetzung Idealismus &#8211; Materialismus: „Wer hat Recht, die Idealisten oder die Materialisten? Wenn die Frage erst einmal so gestellt ist, wird ein Zaudern unmöglich: Ohne jeden Zweifel haben die Idealisten unrecht und nur die Materialisten recht. Jawohl, das Ideal ist, so wie Proudhon sagt, nur eine Blume, deren Wurzeln die materiellen Existenzbedingungen bilden. Jawohl, die ganze geistige, moralische, politische und soziale Geschichte der Menschheit ist eine Reflex ihrer wirtschaftlichen Geschichte.&#8221;</p>
<p class="vspace">Trotzdem hat der materialistische Standpunkt auch seine Tücken, weil in ihm nämlich die Gefahr einer verhängnisvollen Diffamierung liegt: Viele Leute meinen, wenn doch die Geschichte nach Gesetzmäßigkeiten ablaufe, wenn die Ideen der Menschen von ihrer Umwelt abhängen, so könne mensch ja sowieso nichts tun, denn alles werde ja „von alleine&#8221;. Diese Meinung war seit Ende des vorigen Jahrhunderts in der Sozialdemokratie sehr verbreitet: „Wir brauchen ja keine Revolution mehr zu &#8216;machen&#8217;, sondern nur auf sie zu warten, denn nach den historischen materialistischen Gesetzmäßigkeiten kommt sie ja ganz von alleine.&#8221; Diese revisionistische Haltung (40) hat mit der materialistischen Anschauung von Marx nichts mehr gemein. Im Gegenteil nähert sie sich wieder stark dem Idealismus, in dem sie nämlich den „geschichtlichen Prozess&#8221; ähnliche Funktionen wie dem lieben Gott zukommen lässt: Von ihm erwartet mensch sich das Heil bzw. die Revolution.</p>
<p class="vspace">Dieser Anschauung liegt der Fehler zugrunde, dass die Wechselbeziehung zwischen dem menschlichen Willen, der ohne Zweifel von seiner Umwelt geformt wird, und der Umwelt selbst vernachlässigt wird; beide beeinflussen einander gegenseitig (= dialektische Beziehung): Mein Wille setzt sich in die Tat um, und diese Tat beeinflusst, wenn auch in kleinem Masse, meine Umwelt, denn diese Umwelt ist ja (vom zwischenmenschlichen Standpunkt her gesehen) nichts weiters als die Summe aller Taten aller Menschen.</p>
<p class="vspace">Der Materialismus verneint also den Willen nicht, sondern erklärt ihn. Die PhilosophInnen bis zum Beginn der Neuzeit sahen den Menschen immer von einer über ihm stehenden Macht bestimmt &#8211; sei es einer der Ideen, der allgemeinen Vernunft oder Gottes. Menschliche Theorie war immer Spiegelfeld göttlicher Theorie, d.h. geistiger Anschauung, deren Übermacht alles bestehende vorherbestimmte. Erst etwa Ende des 18. Jahrhunderts entdeckten sie die Macht des Bewusstseins und die gestaltende Tätigkeit des menschlichen Subjekts. Auf dem Höhepunkt dieser philosophischen Entwicklung kam es zu einer nie dagewesenen Verkündung der Freiheit des menschlichen Geistes, „wobei Freiheit nicht nur als sittliches Moment begriffen (wurde), sondern als souveränes (41) entwerfen können von Welt und Seienden, die zum bloßen Material der Tätigkeit des autonomen Subjekts herabsehen kann.&#8221;</p>
<p class="vspace">Das politisch-sozialökonomische Engagement darf deshalb nicht so sehr in der Reflexion und Meditation, als vielmehr in der Revolte (sowohl der geistigen wie der tätigen) zum Ausdruck kommen. „Weg mit allen religiösen und philosophischen Theorien! Sie sind nur eine Lüge die Wahrheit ist keine Theorie, sondern die Tat, des Lebens selbst.&#8221; (Bakunin) „Welt und Mensch werden fortan nicht mehr nur interpretiert, sondern qualitativ verändert&#8221;, wie Bakunin und Marx übereinstimmend fordern. Die antimetaphysische Philosophie der Tat Bakunins stellt sich als oberste Aufgabe die vollständige Humanisierung der wirklichen Lage aller wirklichen Individuen, die auf der Erde geboren werden, leben und sterben.</p>
<p class="vspace"><strong>Notizen:</strong></p>
<p class="vspace"><small>(1) Ausbeutung nennt man, vereinfacht gesagt, die Tatsache, dass der Fabrikbesitzer für einen Gegenstand, für den er z.B. 4.- € für Material und Unkosten bezahlt und für dessen Herstellung er dem Arbeiter 8.- € gibt, 25.- € auf dem Markt dafür einnimmt. Er hat daher die Arbeitskraft des Arbeiters um 13.- € ausgebeutet. Entfremdung nennen wir die Arbeitsbedingungen in der modernen Industrieproduktion und die durch sie auftretenden Reaktionen beim Menschen: z.B. eintönige Fliessbandarbeit, unangenehme Arbeit; sowie die Tatsache, dass die Arbeiter nie einen Gegenstand selbst vollständig herstellen können, d.h. sie im Grund nicht wissen, was und wofür sie eigentlich produzieren.</small></p>
<p class="vspace"><small>(2) „Freie Vereinbarung&#8221; und „Gegenseitige Hilfe&#8221; sind Begriffe, die Peter Kropotkin geprägt hat und auf die wir im Kapitel „Kropotkin&#8221; noch näher eingehen werden. Zentraler Punkt bei diesen Begriffen ist die freie Willensentscheidung des Menschen und die Solidarität der Menschen untereinander.</small></p>
<p class="vspace"><small>(3) Repressives Chaos bedeutet, dass das System den Menschen unterdrückt (Repression) und nicht fähig ist, eine menschliche Ordnung herzustellen. Vielmehr bringt dieses System regelmäßige Hungersnöte, Kriege und Wirtschaftskrisen mit sich, sowie eine Verschwendung und ungerechte Verteilung der Güter Das bezeichnen wir als Chaos, Unordnung.</small></p>
<p class="vspace"><small>(4) Um einen Eindruck von der breiten anarchistischen oder anarchistisch beeinflussten Literatur zu bekommen, möchten wir darauf hinweisen, dass z.B. Autoren wie George Orwell, B. Traven, Martin Buber, Jules Verne oder Leo Tolstoi entweder Anarchisten waren oder aber stark zum Anarchismus tendierten. In der Kunst (auch Literatur) finden wir u.a. im Dadaismus starke anarchistische Einflüsse.</small></p>
<p class="vspace"><small>(5) Daniel Guérin: Anarchismus, Begriff und Praxis; Edition Suhrkamp Nr. 240, Frankfurt 1967</small></p>
<p class="vspace"><small>(6) Gemeint ist der Thron des Zaren, des Herrschers aller Russen</small></p>
<p class="vspace"><small>(7) Produktionsmittel sind die zur Herstellung von Waren verwendeten Rohstoffe. Geräte. Maschinen und Gebäude.</small></p>
<p class="vspace"><small>(8) Kolonialismus ist das Bestreben eines Landes andere Länder zumeist in Afrika. Asien und Südamerika unter dem Vorwand der Zivilisierung zu erobern und auszubeuten. Früher nannte man dies Länder Kolonien; heute im Neokolonialismus nennt man sie Handelspartner. Imperialismus ist die Absicht eines Landes, andere Länder zu unterwerfen und von sich wirtschaftlich und politisch abhängig zu machen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(9) Wir sind der Ansicht, dass die Moral, die uns täglich in sexuellen Dingen begegnet weder natürlich, noch zufällig ist. Die Kleinfamilie ist ein kleines Abbild des Staates und dessen Keimzelle und wird daher von ihm geschützt. Wir meinen, dass die freie sexuelle Entfaltung Voraussetzung für freie Menschen ist.</small></p>
<p class="vspace"><small>(10) Errico Malatesta,1853-1952, italienischer Anarchist. In Italien organisierte er mehrere Bauernaufstände, traf mir Kropotkin in der Schweiz zusammen, lebte lange Jahre in London im Exil. Malatesta verkörpert den Typ des Anarchisten, der für einen konsequenten Klassenkampf und eine verbindliche Organisation des Anarchismus eintritt.</small></p>
<p class="vspace"><small>(11) Institutionen sind Einrichtungen mit bestimmten Funktionen in der Gesellschaft, also z. B. die Polizei, Ämter, die Regierung, die Kirche, Parteien usw.</small></p>
<p class="vspace"><small>(12) Monarchie: Regierung eines Königs. Kaiser oder Fürsten, von niemandem gewählt Republik: Staatsform, in der eine gewählte Regierung den Staat führt. Kommt von „res publica&#8221; (lat.) die öffentlichen Interessen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(13) Legal: Gesetzmäßig, im Rahmen der bestehenden Gesetze, also im Interesse der Herrschenden. Daloz, der Verfasser der „Französischen Gesetzessammlung&#8221;, schreibe „Wenn Unverstand im Schosse der Gesellschaft herrscht, Unordnung in den Geistern, werden die Gesetze zahlreich, die Menschen erwarten alles von der Gesetzgebung und jedes Gesetz wird eine neue Ursache der Unzufriedenheit; sie ist fortwährend bestrebt, von der Gesetzgebung das zu verlangen, was nur von ihnen selbst, ihrer eigenen Bildung, ihrer eigen Moralität entspringen kann.&#8221;</small></p>
<p class="vspace"><small>(14) Radikal bedeutet „von der Wurzel her&#8221; (lateinisch: radix = Wurzel). Eine radikale Lösung ist daher eine Lösung, die ein Problem gründlich und nicht oberflächlich löst, indem sie z.B. die Ursachen eines Missstandes beseitigt und nicht nur die Erscheinungsformen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(15) Polemisch= eine Form der Auseinandersetzung, bei der durch Übertreibung, Gleichnisse und Witz eine gegenteilige Meinung bekämpft wird.</small></p>
<p class="vspace"><small>(16) Guérin: „Anarchismus und Marxismus&#8221;, Verlag Freie Gesellschaft, Frankfurt</small></p>
<p class="vspace"><small>(17) Avantgarde = Elite; Wegbereiter der Revolution; vergl. entsprechendes Kapitel 5. INTRIGEN = hinterhältige Fallen und Winkelzüge in einer Auseinandersetzung</small></p>
<p class="vspace"><small>(19) Als Kleinbürgertum bezeichnen wir diejenige Schicht, die zwischen dem Bürgertum und dem Proletariat steht, also gehobene Angestellte, KleinhändlerInnen und Beamte.</small></p>
<p class="vspace"><small>(20) Agitation = politische Information, Bewusstmachung und Aktivierung von bisher unpolitischen Menschen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(21) Vgl. „Mensch und Sozialismus in Kuba&#8221; von Ernesto „Che&#8221; Guevara, Trikont-Verlag, München; „Die verdammten dieser Erde&#8221; von Frantz Fanon, rororo aktuell Nr. 1209 und „Meine Katalonien&#8221; von George Orwell, Diogenes-Verlag 1976.</small></p>
<p class="vspace"><small>(22) Nikolai Bucharin, russischer Kommunist, Mitglied der Bolschewiki, war einer der führenden Theoretiker und gleichzeitig Agitator Lenins. In den zwanziger Jahren gehörte Bucharin zur Opposition gegen Stalin und trat innerhalb der „Arbeiteropposition&#8221; für eine Demokratisierung und für mehr Rechte des Proletariats in Russland ein. Von einem Sondergericht zum Tode zu verurteilt und erschossen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(23) vgl. hierzu Rattner, „Aggression und menschliche Natur&#8221;, Fischer-Taschenbuch Nr.6173; Anro Plack, „Die Gesellschaft und das Böse&#8221;, List, München 1968; Artur Janov, „Der Urschrei&#8221;, Fischer 1972; ,&#8221;Anarchistische Blätter Zürich&#8221; 7173, Gruppe James Guillaume , Zürich und „Kultur zwischendurch&#8221; 47 und 59, Revolutionsbräuhof (RBH), Wien</small></p>
<p class="vspace"><small>(24) Ethnologie = die Lehre von den Völkern, Völkerkunde-</small></p>
<p class="vspace"><small>(25) Relative Verelendung bedeutet, dass der Lebensstandard der ArbeiterInnen steigt, aber viel langsamer als der der Kapitalisten; während sich der Gewinn eines Kapitalisten z.B. in zehn Jahren verzehnfacht, ist der Lohn eines/einer ArbeiterIn nur um die Hälfte gestiegen; er ist also im Vergleich zum Kapitalisten ärmer statt reicher geworden. Diese relative Verelendung darf man nicht mit der Absoluten Verelendung verwechseln. Diese bedeutet, dass einE ArbeiterIn weniger Lohn bekommt als früher.</small></p>
<p class="vspace"><small>(26) Mehrwert ist die Differenz zwischen dem Verkaufspreis und dem Produktionspreis einer Ware. Kostet z.B. eine Ware 20.- € Material und 10.- € Lohn und wird sie für 70.- € verkauft, so beträgt der Mehrwert 40.- €. Der Mehrwert ist also die Geldform der Ausbeutung, den der Kapitalist einsteckt, ohne dafür zu arbeiten.</small></p>
<p class="vspace"><small>(27) Als Monopol bezeichnet mensch den alleinigen Anspruch auf etwas; so ist z. B. die Steuer, ebenso wie die Justiz das Monopol des Staates und die Presse schon beinahe das Monopol des Herrn Dichand.</small></p>
<p class="vspace"><small>(28) Vgl. Charles Bettelheim „Über das Fortbestehen des Warenverhältnisses in den &#8216;sozialistischen&#8217; Ländern&#8221;. Merve Verlag. Berlin. Internat. Marxist. Diskussion Nr.1.</small></p>
<p class="vspace"><small>(29) Der abstrakte menschliche Forschungsdrang darf erst dann so große Summen verschlingen, wenn Not und Elend auf der Welt aufgehört haben zu existieren.</small></p>
<p class="vspace"><small>(30) Vgl. Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch&#8221;. Sammlung Luchterhand.</small></p>
<p class="vspace"><small>(31) Unter Reformistisch bezeichnet man die politische Strömung, die versucht, innerhalb der Grenzen des Systems (und ohne die Gesellschaft von Grund auf zu ändern) ein menschliches Systems aufzubauen. Reformistisch ist also das Gegenteil von radikal; sie will das System durch kleine Veränderung umwandeln.</small></p>
<p class="vspace"><small>(32) Ferdinand Lassalle, gründete 1863 den „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein&#8221;, aus dem später die SPD hervorging. Er war zwar von Marx beeinflusst und arbeitete mit ihm zusammen, aber sein Sozialismus hatte starke nationale Anflüge (So strebte er z.B. auch im Gegensatz zu Marx ein sozial und demokratisch ausgerichtetes Königtum an). Ihm sind die Grundlagen für die starken deutschen Gewerkschaften zu verdanken.</small></p>
<p class="vspace"><small>(33) Vgl. auch: „Geschichte. Weimarer Republik subversiv&#8221;. Verlag Roter Stern. Frankfurt 1973.</small></p>
<p class="vspace"><small>(34) Die russische Sozialdemokratie spaltete sich auf ihrem Londoner Parteitag 1903 in eine Mehrheitsfraktion, die Bolschewiki und eine Minderheitenfraktion, die Menschewiki. Die erstere war die Partei Lenins, letztere war sozialdemokratisch eingestellt.</small></p>
<p class="vspace"><small>(35) Eine solche Haltung, in der eine kleine, meist intellektuelle Minderheit einen Aufstand anzettelt, nennt mensch putschistisch (womit nicht gesagt ist, dass die Revolution 1917 ein Putsch war!).</small></p>
<p class="vspace"><small>(36) Trade-Union ist das englische Wort für Gewerkschaft. Lenin meint damit, dass der Arbeiter lediglich am Achtstundentag und Lohnerhöhung interessiert ist und nicht an weitergreifenden gesellschaftsverändernden Zielen.</small></p>
<p class="vspace"><small>(37) Gemeint sind die Ukraine und Kronstadt</small></p>
<p class="vspace"><small>(38) Buenaventura Durruti, legendärer anarchistischer &#8220;Stadtguerilla&#8221; und späterer Heerführer gegen die Franco-Truppen. Eine Biographie Durrutis mit vielen eindrucksvollen Beschreibungen über die Schwierigkeiten des spanischen Bürgerkriegs ist im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, erschienen: Hans Magnus Enzensberger &#8220;Der kurze Sommer der Anarchie&#8221; zu dem Kaderproblem vergleiche auch P. Arschinoff: &#8220;Die Machno Bewegung&#8221;, Kramer Verlag, Berlin und &#8220;Nacht über Spanien &#8211; Anarchosyndikalisten in Revolution und Bürgerkrieg 1936-1939&#8243;. Verlag Freie Gesellschaft. Frankfurt 1975</small></p>
<p class="vspace"><small>(39) In dieser Fragestellung kommt die Gegensätzlichkeit zwischen Wissenschaft und Metaphysik zum Vorschein.</small></p>
<p class="vspace"><small>(40) Revisionistisch: revidieren = überprüfen, ändern; gemeint ist Marx&#8217; Revolutionstheorie. Als Hauptvertreter des Revisionismus in der Sozialdemokratie Ende des vorigen Jahrhunderts gilt vor allem Eduard Bernstein. Hauptmerkmal ist die Hinwendung zu Reformen und die Leugnung der Notwendigkeit der Revolution. Kautsky erhob zwar noch den Anspruch, auf der Grundlage des Klassenkampfes zu stehen, deckte jedoch in der Realität die Handlungsweise seiner Partei, die sich mehr und mehr reformistisch verhielt Bernstein dagegen forderte ihn auf, konsequent zu sein, den Klassenkampf (den er für überholt hielt), abzulehnen und sich für Wahlen, Parlamentarismus und Sozialreformen einzusetzen. Für ihn bedeutete &#8220;Das Endziel nichts, die Bewegung alles&#8230;&#8221;</small></p>
<p class="vspace"><small>(41) Selbständiges, unabhängiges Handeln</small></p>
<p class="vspace"><em>Originaltext: <a title="http://www.rebellion.ch" rel="nofollow" href="http://www.rebellion.ch/" target="_blank">www.rebellion.ch</a> (Änderung: neue Rechtschreibung)</em></p>
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		<title>Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 07:48:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Wenn der Entwurf der neuen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten von Menschen gemacht wird, die noch der alten Gesellschaft angehören, wird dieses Modell immer dem Keim des Alten in sich tragen, der mit der Zeit wieder hervorbrechen und das Neue überwuchern kann. Demnach ist es für eineN RevolutionärIn, der diesen Zusammenhang kennt, geradezu ein Verbrechen, einen genauen „Fahrplan" für die Revolution und die neue Gesellschaft auszuarbeiten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-79"></span><strong>Die freie Gesellschaft</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Wer die Freiheit anders besitzt als das zu Erstrebende, der besitzt sie tot- und geistlos, denn der Freiheitsbegriff hat ja gerade die Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampfe stehenbleibt, und sagt: jetzt hab&#8217; ich sie! &#8211; so zeigt er eben dadurch, dass er sie verloren hat.&#8221; (Proudhon)</em></p>
<p class="vspace">Die Grundprinzipien der freien Gesellschaft, die die AnarchistInnen anstreben, haben wir schon grob umrissen. Wir werden weiter unten auch noch sehen, wie die AnarchistInnen die einzelnen Probleme verwirklichen wollen. Auch können wir beurteilen, wie sich diese Vorstellungen in der Praxis bewährten oder versagten. Eine freie Gesellschaft kann nur aus freien Menschen entstehen. Die Menschen heute aber sind nicht frei. Sie sind nicht frei erzogen, können nicht frei denken, sind, mit einem Wort, fast gänzlich von den Wertvorstellungen dieser Gesellschaft durchtränkt. Das äußert sich entweder in ihrem Bewusstsein oder in ihrem Unterbewusstsein. Hiervon können wir AnarchistInnen uns selbstverständlich nicht ausnehmen.</p>
<p class="vspace">Welche Schlüsse müssen wir nun daraus ziehen? Wenn der Entwurf der neuen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten von Menschen gemacht wird, die noch der alten Gesellschaft angehören, wird dieses Modell immer dem Keim des Alten in sich tragen, der mit der Zeit wieder hervorbrechen und das Neue überwuchern kann. Demnach ist es für eineN RevolutionärIn, der diesen Zusammenhang kennt, geradezu ein Verbrechen, einen genauen „Fahrplan&#8221; für die Revolution und die neue Gesellschaft auszuarbeiten.</p>
<p class="vspace">Dennoch wird es den AnarchistInnen fast überall als Schwäche ausgelegt, dass sie keine Patentrezept bereithalten. In seiner Schrift „Worte an die Jugend&#8221; beschreibt Bakunin diesen Konflikt folgendermaßen: „Wir kennen auch solche, die aufrichtige Pläne zu einem besseren Leben aussinnen. Sie wissen gut, dass man für keine Änderung, die der Regierung nicht gefällt, ihre Zustimmung erlangen kann. Sie wissen, dass die Vorteile der Regierung denen des Volkes absolut entgegengesetzt sind. Sie begreifen, sie wissen, dass man mit Gewalt alles nehmen müsse &#8230; Dennoch ersinnen sie solche Pläne, der Teufel weiß für wen und wozu. Da sie ihr Material aus den bestehenden widerwärtigen Verhältnissen schöpfen, so ist das Resultat stets dasselbe ekelhaftes Zeug.&#8221; Wenn also etwas vollständig Neues entstehen soll, so kann es nur dann Wirklichkeit werden, wenn wir das Alte vollständig überwunden haben. Bakunin nennt diesen Zustand „Amorphismus&#8221; (Formlosigkeit).</p>
<p class="vspace">Das heißt z.B. dass wir die hergebrachten Formen des Denkens überwinden müssen, dass wir alte Lebensweisen durch neue ersetzen, dass wir Staat, Kapital, Kirche, Bürokratie, Armee und Polizei vollständig abschaffen müssen, bevor wir uns an die Erschaffung neuer Lebensformen heranmachen, und das bedeutet auf gar keinen Fall, wie unsere Widersacher behaupten, dass Fabriken, Häuser, ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, und alle „Nicht-AnarchistInnen&#8221; umgebracht werden müssen!</p>
<p class="vspace">Wie aber können wir so tiefgreifende Veränderungen bewirken? Eine Revolution wird natürlich nicht von alleine kommen. Zu ihrer Durchsetzung gehört eine mächtige Bewegung der unterdrückten Schichten gegen ihre Unterdrücker. Diese Bewegung muss durch Aufklärung, Agitation (20) und erfolgreiches revolutionäres Handeln verbreitet werden. Da die Herrschenden noch nie freiwillig auf ihre Vorrechte verzichtet haben, wird es zu Kämpfen kommen &#8211; ob blutig oder nicht, sei dahingestellt.</p>
<p class="vspace">Durch viele Beispiele, sowohl aus persönlichen Erfahrungen wie aber auch durch geschichtliche Beispiele von Befreiungskämpfen ganzer Völker wissen wir, dass im revolutionären Kampf, unter ganz bestimmten Bedingungen, in denen Solidarität, Organisation und gegenseitige Hilfe notwendig sind, der neue Mensch und die Urformen der neuen Gesellschaft geboren werden. Um nur ein Beispiel zu nennen, sind die „Räte&#8221; nicht von gelehrten TheoretikerInnen erfunden, oder in Büchern entdeckt worden, sondern haben sich stets aufs Neue in den Klassenkämpfen entwickelt. Dieser Kampf ist der Moment, in dem der einzelne Mensch zum ersten mal das Gefühl der gemeinsamen Stärke spürt, und dass anerzogene Verhaltenswerten wie Konkurrenzdenken, Profitsucht, Geltungsbedürfnis, Besitzstreben, Egoismus, usw. Teil seiner Unterdrückung waren und vor der konkreten Möglichkeit einer freien Gesellschaft unsinnig werden. Wir können zwar theoretisch erklären, aber wohl kaum nachempfinden, welche kollektive Solidarität z.B. 1871 in Paris, 1917 in Petersburg, 1921 in Kronstadt, 1936 in Barcelona, 1956 in Algerien oder 1960 in Kuba herrschten (21).</p>
<p class="vspace">Die Frage, die sich hier stellt, ist: „Ist denn der Mensch von seiner Natur her überhaupt fähig, als freier Mensch in einer freien Gesellschaft zu leben? Hat nicht vielmehr sie Tatsache, dass es trotz vieler Ansätze heute noch immer keine ‚anarchistische&#8217; Gesellschaft gibt, das Gegenteil bewiesen?&#8221;</p>
<p class="vspace">Beginnen wir mit der letzten Frage. Sie ist, wenn man sich die Hintergründe des Untergangs anarchistischer Gesellschaften vor Augen hält, einigermaßen zynisch. Die freiheitlichsten Experimente sind allesamt unter dem Kugelhagel und der blutigsten Unterdrückung ihrer Feinde vernichtet worden &#8211; entweder von den kapitalistischen oder von den „kommunistischen&#8221; Truppen. Dies alles hat mit der menschlichen Natur und ihrer Fähigkeit, frei zu sein, herzlich wenig zu tun. Vor allem beweist es in gar keiner Beziehung, dass der Mensch in Gesellschaften wie im nicht frei sein könne! Ganz im Gegenteil werden wir sehen, dass revolutionären Spanien oder in der freien Ukraine trotz ihrer denkbar ungünstigen Bedingungen bereits wichtige erfolgreiche Schritte in Richtung einer freien Gesellschaft getan wurden.</p>
<p class="vspace">Was die erste Frage angeht, so wissen wir, dass uns einige WissenschaftlerInnen und VerhaltensforscherInnen vorrechnen, dass Besitz, Unterdrückung, Aggression, ja sogar kapitalistische Produktionsweisen „angeborene Triebe&#8221; seien. Nikolai Bucharin (22) schreibt in seinem Buch „Theorie des historischen Materialismus&#8221;: „Für die bürgerlichen Gelehrten ist das Huhn, das ein Korn pickt, Imperialist, denn es ‚annektiert&#8217; das Korn (&#8230;) so müssen die bürgerlichen Wissenschaftler in ihrer Not immer wieder auf das imperialistische Huhn oder den kapitalistischen Affen zurückgreifen. Dieses Beispiel illustriert zur Genüge das jämmerliche Niveau, auf dem sich unsere ‚Wissenschaft&#8217; bewegt.&#8221;</p>
<p class="vspace">In der Tat: fragen wir uns doch einmal, wem denn diese Art von Wissenschaft, die sich „objektiv&#8221; nennt, dient? Es hat nie eine andere offizielle Wissenschaft gegeben, als gerade die, die dem System, das sie bezahlt, auch nützt. Haben nicht im Mittelalter, in einer vom kirchlichen Aberglauben geprägten Welt, die „objektiven&#8221; Wissenschaftler feierlichst behauptet, die Erde sei eine Scheibe, um die sich die Sonne drehe, und je der, der etwas anderes behaupte, sei mit dem Teufel im Bunde? Mussten nicht in der Sowjetunion Biologen, die eine andere Vererbungslehre, als die dem System genehme, vertraten, nach Sibirien in die Verbannung geschickt? Bezieht nicht die Psychologie all ihr empirisches Grundlagenmaterial aus der Masse der Menschen, die in diesem System bereits erzogen, „erkrankt&#8221;, mit einem Wort: verdorben worden sind? An diesen Menschen haben Gelehrte „Gesetzmäßigkeiten&#8221; beobachtet, sie beschrieben und sie mir nichts dir nichts das Vorgefundene zum unumstößlichen Naturgesetz erhoben, das Kranke und Deformierte also zum Natürlichen erklärt. Weiters ist bekannt, dass sich die wissenschaftlichen Schulen untereinander sehr über ihre Ergebnisse streiten &#8211; so z. B. über die Herkunft der Aggression (23).</p>
<p class="vspace">Seltsamerweise wird auch immer diejenige Schule, die den Machtverhältnissen am meisten widerspricht, (so z.B. die psychologische Schule Wilhelm Reichs oder die Sexpol-Bewegung in den 20er Jahren) heftig beschimpft, verfolgt und zum Teil sogar kriminalisiert. Verwundert es da noch, dass linke WissenschaftlerInnen, wie Peter Kropotkin z.B., der lange Jahre als Naturwissenschafter und Geograph bekannter als als anarchistischer Theoretiker war, zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als die offizielle Wissenschaft? Kropotkin, der mit die ersten Forschungsstudien über das Verhalten sibirischer Tiere durchführte, stellt in seinem Werk „Gegenseitige Hilfe&#8221; beispielsweise fest, dass das Prinzip der gegenseitigen Hilfe im Tierreich mindestens ebenso stark verbreitet ist, wie das Konkurrenzprinzip, wenn es dieses nicht gar überdeckt. Ganz und gar klar wird die wissenschaftliche Parteilichkeit, wenn wir uns betrachten, wo allgemein anerkannte Wissenschafter, wie, um nur einen herauszugreifen, Konrad Lorenz, der zum Liebling aller Autoritären geworden ist, politisch stehen &#8211; nämlich rechts.</p>
<p class="vspace">Diejenige Sache aber, die die gelehrten Herren Anhänger des Kapitalismus schier zur Verzweiflung bringt, sind jene bösen Naturvölker, die doch tatsächlich anders leben, als es die Wissenschaft für möglich erklärt. Uns sind nämlich sehr wohl Völker mit zum Teil recht hoher Kultur bekannt, die weder die Ehe noch das Geld, weder Besitzdenken noch Aggression, weder Kriege noch Herrschaft kennen. Jeder, der sich mit Ethnologie (24) beschäftigt hat, wird das bestätigen können. Das soll jedoch nicht heißen, dass die AnarchistInnen die Rückkehr in den Urwald fordern. Ganz im Gegenteil, wir werden noch sehen, dass die anarchistischen Theorien, ganz bewusst die technischen Möglichkeiten unserer Gesellschaft in ihr Modell einbeziehen. Hier wollten wir jedoch nur eines zeigen: Hüten wir uns davor, der Wissenschaft blind zu vertrauen! Hüten wir uns davor, das Vorgefundene für das Natürliche und einzig Mögliche zu halten!</p>
<p class="vspace">Gewöhnen wir uns vielmehr daran, unsere Phantasie zu schulen und uns das, was man uns von klein auf als Unmöglich dargestellt hat, vorzustellen und zu verwirklichen. Dann werden wir merken: Auch der Anarchismus ist nicht utopisch. Genau das war mit jener Wandparole gemeint, die im Mai 1968 überall auftauchte: „Sei realistisch &#8211; fordere das Unmögliche!&#8221; Sehen wir uns also in den folgenden Kapiteln an, wie sich AnarchistInnen das „Unmögliche&#8221; vorstellen.</p>
<p class="vspace"><strong>Ökonomisches System</strong></p>
<p class="vspace">Es versteht sich von selbst, dass das ökonomische (wirtschaftliche) System einer neuen Gesellschaft anders aussehen muss, als das kapitalistische, welches wir jetzt haben. In dieser Hinsicht ist die Analyse und die Kritik des kapitalistischen Produktionssystems der Anarchisten fast gleichwertig mit dem der Kommunisten. Tatsächlich hat Marx&#8217; gute und tief gehende Analyse der Wirtschaft die anarchistische Theorie entscheidend beeinflusst, und auch heute noch gelten die wichtigsten der Marx&#8217;schen Prinzipien.</p>
<p class="vspace">So wissen wir, dass das Kapital sich in den Händen weniger Kapitalisten mehr und mehr akkumuliert (anhäuft) und so zur Bildung von Monopolen führt, die zentral die ganze Wirtschaft kontrollieren. Die Folge davon ist eine relative Verelendung (25) der ArbeiterInnen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem beruht auf dem Prinzip der Ausbeutung und des Mehrwerts (26) und bringt nach dem Schema „Lohn-Preis-Profit&#8221; immer mehr Ungerechtigkeit und soziales Elend mit sich. Des weiteren kann der Kapitalismus aus logischen Gründen (die wir hier nicht alle entwickeln können) das regelmäßige Auftreten von großen Wirtschaftskrisen nicht verhindern. Diesen Krisen fallen gewöhnlich Tausende von ArbeiterInnen, nie aber die Reichen zum Opfer. Auch in Österreich hat es bekanntlich eine Reihe solcher Krisen gegeben und es wird sie auch wieder geben.</p>
<p class="vspace">Weiters wird der/die ArbeiterIn aus Gründen der Kostenersparnis gezwungen, langweilige, ermüdende oder gefährliche Arbeit zu leisten, zu der er/sie keine Beziehung hat und die er/sie für andere macht. Das nennen wir Entfremdung. Zwar geht es dem/der ArbeiterIn heute nicht mehr so schlecht wie früher, aber wir dürfen nicht vergessen, dass der gesamte Wohlstand der westlichen Welt auf der hemmungslosen Ausbeutung der Völker Asiens, Afrikas und Südamerikas beruht. Um es krass zu sagen: Wir können unsere Dose Ananas nur deshalb so billig kaufen, weil irgendwo in Sri Lanka Menschen verhungern. In den bisher geschilderten Punkten sind sich MarxistInnen und AnarchistInnen einig. Wie aber steht es mit den Gegenvorschlägen?</p>
<p class="vspace">Schon Marx und Bakunin haben sich hierüber gestritten. Marx strebte eine zentrale Organisation der Produktion an. Ein Stab von Ingenieuren sollte für den ganzen Staat, der das Bank- und Produktionsmonopol (27) hat, bestimmen, was produziert wird und was nicht. Marx sprach vom geordneten und disziplinierten „Arbeiterarmeen&#8221;.</p>
<p class="vspace">Die AnarchistInnen traten dagegen für ein völlig anderes Wirtschaftssystem ein. Es sollte vor allem zwei Bedingungen erfüllen &#8211; menschlich sein und effektiv produzieren. Vor allem das erstere sahen sie im marxistischen Konzept gefährdet. Sie fürchteten sogar, dass aus dem allmächtigen Wirtschaftsstaat eine neue, schlimmere Regierungsform hervorbrechen würde. Wenn mensch sich das Staat- und Wirtschaftssystem der UdSSR angesehen hat, muss mensch zugeben, dass diese Befürchtung nicht ganz abwegig war. (28)</p>
<p class="vspace">Genau wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, so sollte auch die Wirtschaft und die Industrie von „unten nach oben&#8221; organisiert werden, d. h. auf der Grundlage von freien und gleichberechtigten Produktionsgemeinschaften, die sich nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der ArbeiterInnen und VerbraucherInnen zu wirtschaftlichen Föderationen (Bünden) zusammenschließen sollten. Dasselbe sollte für die landwirtschaftlichen Genossenschaften gelten.</p>
<p class="vspace">Die Wirtschaft sollte also nicht durch Grenzen und zentrale Planung gehemmt, sondern sich von der Basis her, d. h. an den tatsächlichen Bedürfnissen der ProduzentInnen (ArbeiterInnen) und KonsumentInnen (VerbraucherInnen) orientieren. Nun wird es jedem/jeder einleuchten, dass mensch die wirtschaftliche Ordnung nicht dem Zufa11 überlassen kann. Das ist mit diesem Konzept auch keineswegs gemeint. Vielmehr sollten sich Industrie und Produktionszweige zu Räten zusammenschließen, die aus ihrer praktischen Erfahrung Probleme, wie z.B. Transport, Rohstoffgewinnung, Lagerung und Verteilung der Güter, beraten, beschließen und durchführen. Es leuchtet ebenfalls ein, dass bei einer solchen Organisation, in der HandarbeiterInnen und KopfarbeiterInnen aus ihrer täglichen und fachlichen Erfahrung heraus viel reibungslosere und richtigere Entscheidungen treffen, als irgendwelche studierten TheoretikerInnen an irgendwelchen grünen Tischen, in irgendwelchen staatlichen Zentralen.</p>
<p class="vspace">Ein solches Prinzip nennen wir Räteprinzip oder Selbstverwaltung. Leider würde es zu weit führen, an dieser Stelle das ökonomische Konzept des Anarchismus in seinen Einzelheiten darzulegen. Mit der kapitalistischen Produktionsweise müsste auch sein charakteristischstes Merkmal fortfallen &#8211; das Geld. Viele Menschen meinen, das Geld sei eine sehr praktische Einrichtung, die nur dazu diene, dass man nicht immer mit Kühen oder Ziegen zum Tauschen umher laufen müsse. Das ist leider ein Irrtum, denn Geld ist bedeutend mehr als nur eine Warenersatz. Geld kann sich (ohne, dass seinE BesitzerIn auch nur einen Finger krumm macht) vermehren. Mann kann es unbegrenzt aufheben und horten, es ist ein abstrakter Wert, der sich akkumulieren (anhäufen), der gezielt zur Provozierung oder Vermeidung von Krisen, Kriegen, politischen Machenschaften eingesetzt werden kann &#8211; also weit mehr, als alle Ziegen und Kühe der Welt vermögen. Mit einem Wort: Geld kann sich verselbstständigen. Geld ist das Symbol gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und der Arroganz der herrschenden Klasse. Was aber geschieht, wenn das Geld abgeschafft ist? Müssen wir dann nicht doch wieder mit Kuh und Ziege tauschen gehen? Die Lösung ist ganz einfach.</p>
<p class="vspace">Wir gehen davon aus, dass die Produktionsweise in der neuen Gesellschaft eine Bedürfnisproduktion ist. Das bedeutet, dass unter größtmöglicher Ausnutzung aller technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten und unter der größtmöglichen Verminderung entfremdeter menschlicher Arbeit, genau das produziert wird, was alle Menschen der Erde zum Leben, zum Vergnügen und zur Bequemlichkeit brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist beim heutigen Stand der Technik ohne weiters möglich. In unserem heutigen System ist dies jedoch ganz anders. Der größte Teil der Menschheit bekommt nicht einmal genug zu essen, während der kleinere Teil im Überfluss lebt. Für ihn wird Luxus produziert (viele unserer Bedürfnisse werden nämlich erst künstlich geweckt, damit die Industrie das neue Bedürfnis dann wieder „befriedigen&#8221; kann. Nur drei Beispiele: elektrische Zahnbürsten, computergesteuerte goldene Tischfeuerzeuge, Luxusautos). In die Waren selbst werden Verschleißteile eingebaut, damit sie nach einer bestimmten Zeit kaputtgehen. So müssen sie häufiger gekauft werden und die Industrie kann viel mehr produzieren, was wiederum den Profit der Kapitalisten ins Unermessliche klettern lässt.</p>
<p class="vspace">Die Mode zwingt uns, auf noch absonderlichere Weise, neue Kleider zu kaufen, die wir noch gar nicht brauchen. Um diesen idiotischen Zustand aufrechtzuerhalten, gibt mensch unter anderem ungeheure Summen für eine Armee aus, die noch dazu den ungeahnten Vorteil hat, sich und viele andere Werte von Zeit zu Zeit zu vernichten. Den Rest des Geldes gibt mensch dann noch für solche Dinge wie den Flug zum Mond aus, für den höchstens ein rein wissenschaftliches Bedürfnis besteht (29). Angesichts des riesigen Elends in der Welt sollte uns diese irrsinnige Verschwendung an Produktionskräften zu denken geben. Sie kann nur den Zweck haben, das widersprüchliche und wackelige System der kapitalistischen Produktionsweise am Leben zu erhalten.</p>
<p class="vspace">All das aber fiele bei einer Bedürfnisproduktion weg. Es gibt Berechnungen amerikanischer Universitäten, die besagen, dass bei einer konsequent durchgeführten Bedürfnisproduktion, also, wenn Mode, Militär, Verschleißteile, Werbung usw. wegfielen, die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt würden, und das bei einer täglichen Arbeitszeit von vier bis fünf Stunden. Dies klingt unglaublich, wird uns aber verständlich, wenn wir uns klarmachen, dass allein für die „Verteidigung&#8221; direkt oder indirekt weit über die Hälfte allen Geldes der Erde ausgegeben wird.</p>
<p class="vspace">Wir können also davon ausgehen, dass in der Bedürfnisproduktion so viel produziert wird, dass genug für alle da sein wird. Nun zurück zu unserer Frage: weshalb sollte mensch da noch tauschen? Hier ein Beispiel: einE BäckerIn produziert Brötchen und einE ElektrotechnikerIn Radios. Der/die TechnikerIn wird sich morgen beim Bäcker sein/ihr Brötchen holen, soviel er braucht, ohne diesem dafür Geld oder gar ein Radio geben zu müssen. Dafür wird sich aber der/die BäckerIn, wenn sein/ihr altes Radio nicht mehr zu reparieren ist, ein neues Radio nehmen, und zwar wieder ohne dafür mit Geld oder gar mit einem Lastwagen voll Brötchen zu bezahlen.</p>
<p class="vspace">Dieses Beispiel ist bewusst stark vereinfacht, tatsächlich wird die Güterverteilung, sofern es nicht Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs sind, zur Aufgabe der Produktionsräte gehören. So wird eine möglichst gerechte Verteilung der Waren gewährleistet, denn die Bedürfnisproduktion wird sich nicht von heute auf morgen und ohne Schwierigkeiten verwirklichen lassen. Auf jeden Fall aber wird der gesellschaftliche Wohlstand allen und allen in gleichem Maß zugute kommen. Zugegeben, uns dies vorzustellen, ist schwer. Vor allem deshalb, weil es uns „natürlich&#8221; erscheint, für etwas, was wir bekommen, auch etwas zu geben. Dies wird sich jedoch, bei genauer Betrachtung, auch im neuen System nicht ändern. Der Unterschied liegt nur darin, dass wir nicht im selben Augenblick „bezahlen&#8221;, sondern indirekt durch die Arbeit, die jedeR leistet. Was geschieht aber mit Leuten, die nicht arbeiten wollen? Hierzu ist wieder ein kleiner Exkurs nötig.</p>
<p class="vspace">Arbeit im kapitalistischen System bedeutet für fast alle Menschen Gefahr, Stumpfsinn, Plackerei. Weiter oben haben wir das bereits als Entfremdung bezeichnet. Ebenfalls haben wir darauf hingewiesen, dass die Bedürfnisproduktion hauptsächlich menschlich sein soll. Das bedeutet, dass alle Arbeitsvorgänge weniger nach ihrer Erzeugungskraft als nach ihrer Menschenfreundlichkeit beurteilt werden. Freundlichere Arbeitsplätze, kürzere Arbeitszeit, eigene Einteilung der Zeit und der Aufgabe, Bewältigung der stumpfsinnigen Aufgaben durch Maschinen, all das sind nur einige Beispiele, die die Arbeit in einem völlig anderem Licht erscheinen lassen. Der/die ArbeiterIn weiß was er/sie macht, weshalb er etwas macht, und für wen er etwas macht. Dabei hat er/sie das gute Gefühl, nicht eine Schicht von Schmarotzern (= Kapitalisten) miternähren zu müssen. Arbeit wird mehr und mehr zum Spiel, zu schöpferischer Leistung. (30)</p>
<p class="vspace">So werden sich die meisten Menschen an der allgemeinen Arbeit beteiligen. Jemanden aber zur Arbeit zu zwingen, würde gegen die freiheitlichen Prinzipien des Anarchismus verstoßen! Auf der anderen Seite kann aber auch keine freie Kommune gegen ihren Willen gezwungen werden, Menschen, die nicht arbeiten wollen, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen und mit zu versorgen. So wird dies letztlich immer im Ermessen der Kommunen bleiben und folglich von ihrem Wohlstand abhängen. So bliebe noch die Frage: was ist, wenn sich manche Menschen mehr nehmen, als ihnen zusteht?</p>
<p class="vspace">Wir müssen uns hier unbedingt freimachen von der Vorstellung, dass die freie Gesellschaft ein liberaler Hampelmann sei, der aufgrund seines menschenfreundlichen Bewusstseins sich alles gefallen ließe. Selbstverständlich werden die neuen Gemeinschaftsformen ihre Interessen gegenüber Menschen, die andere Auffassungen vertreten, zu verteidigen wissen. JedeR wird in der Lage sein, den/die andereN zu kontrollieren und darauf zu achten, dass er nicht mehr bekommt, als er/sie braucht. Grundlegendes Prinzip bei allen diesen Überlegungen ist es aber, dass, ganz im Gegensatz zum heutigen System, niemand gezwungen wird, sich dieser oder jener Kommune anzuschließen. Jedem und jeder steht frei, sich mit anderen in neuer Form zu organisieren. Mit der Zeit aber müssen auch die Dümmsten merken, dass das Horten von Waren in einer geldlosen Gesellschaft Irrsinn ist. Verkaufen kann man nichts mehr, da man sowieso alles „umsonst&#8221; bekommt und mensch kann nicht mehr Essen, als der Magen verträgt, ebensowenig wie in zwei Häusern zugleich wohnen, zwei Autos zugleich fahren, oder in zwei Fernseher zugleich sehen. Auch der Warenbesitz als Symbol einer Klassenzugehörigkeit als Beweis für Wohlstand und Luxus hat mit der Abschaffung der Klassengesellschaft seinen Sinn verloren.</p>
<p class="vspace">In den beiden „erfolgreichsten&#8221; anarchistischen Gesellschaften, die je existierten, in der Ukraine und in Spanien, ist es tatsächlich gelungen, diese Vorstellungen schon in den wichtigsten Ansätzen zu verwirklichen. Zwar standen beide Bewegungen unter dem ungünstigen Stern eines harten Krieges, der viele Anstrengungen einfach wieder über den Haufen warf; man konnte in einer solchen Situation natürlich nicht von einer Bedürfnisproduktion reden. Dennoch ist es gelungen, die Arbeitswelt erheblich zu humanisieren. Alle Betriebe wurden von den ArbeiterInnen selbst übernommen und verwaltet („kollektiviert&#8221;). Die Verwaltung wurde erheblich reduziert und ebenso wie alle Dienstleistungen, Transportfragen und die Kriegsführung nicht mehr vom Kapital und der Regierung, sondern einzig von den demokratischen Räten der ArbeiterInnen, Bauern/Bäuerinnen und MilizionärInnen (SoldatInnen) besorgt. Und, was niemand (freilich außer den AnarchistInnen) für möglich gehalten hatte, geschah: die Produktion stieg, statt zu fallen, die Löhne konnten, durch die enormen Einsparungen am bürokratischen Wasserkopf, gehoben werden, ja in einigen Fällen konnte sogar die Arbeitszeit gesenkt werden (trotz Kriegsführung!). Weder in der Ukraine 1918 bis 1922, noch in Spanien 1936 bis 1939 hat es Hungertote gegeben, wie es sie im zentralistischen Wirtschaftssystem Sowjetrusslands schon zu Millionen zu beklagen waren. Beide Modelle haben es vermocht, während es Krieg gab, ihre Industrie zu vergrößern und auch auf kulturellem Gebiet das Fundament für eine neue Gesellschaftsordnung zu legen. War die Ukraine mehr ein Agrarland mit wenig Industrie, so haben wir in Spanien mit seinen Industriezentren, so vor allem in Barcelona und Valencia, ein typisches Beispiel dafür, dass das anarchistische Prinzip der Selbstverwaltung und der Bedürfnisproduktion auch in modernen Industrien möglich ist.</p>
<p class="vspace">Auch in jüngster Zeit hat es wieder zahlreiche Beispiele von (freilich kürzeren) Perioden der ArbeiterInnenselbstverwaltung gegeben. Fassen wir die Thesen der ökonomischen Organisation der AnarchistInnen kurz zusammen: ArbeiterInnenselbstverwaltung, Bedürfnisproduktion, Abschaffung des Geldes, Humanisierung der Arbeitswelt, Ausnutzung der technischen Mittel und wirtschaftliche Koordination nach dem Räteprinzip. Ganz bewusst haben wir uns bei diesem Kapitel etwas länger aufgehalten, denn ohne eine freie Organisation der Wirtschaft wird keine freie Gesellschaft möglich sein. Ebenso, wie ohne eine freie Gesellschaft keine freie Wirtschaft möglich sein kann: beide sind unlösbar miteinander verbunden.</p>
<p class="vspace"><strong>Die Organisation</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Tatsache ist, dass es zwar tausende Studenten der Staatswissenschaften gibt, aber kaum jemand, der sich je mit einer Gesellschaft ohne Staat beschäftigt hat&#8221;</em> (Colin Ward)</p>
<p class="vspace">Es wird allgemein angenommen, Anarchie sei der klassische Begriff der Desorganisation. Nichts stimmt weniger. Wie wir schon am Anfang erwähnt haben, bedeutet für die anarchistischen TheoretikerInnen Anarchie keineswegs Unordnung, sondern sie ist Ausdruck höchster, weil natürlichster Ordnung. Sie entspricht den natürlichen sozialen Bedürfnissen aller Menschen am Besten und stellt voraussichtlich die einzige Organisationsform dar, die den enormen Anforderungen der gesamten Menschheit jetzt und in Zukunft gewachsen ist.</p>
<p class="vspace">Erst durch die Befreiung von der staatlich gelenkten und gewollten Unordnung wird der Anarchismus zur Ordnung. Diese Ansicht wird nicht von allen Anarchisten geteilt. Viele wehren sich strikt gegen jede Art der Organisation. Ihnen wirft Errico Malatesta vor: „Unter dem Einfluss ihrer autoritären Erziehung glauben sie, dass die Autorität die Seele der sozialen Organisation sei und um jene zu bekämpfen haben sie diese abgelehnt. (&#8230;) Der Grundirrtum der Anarchisten, die Gegner a l 1 e r Organisationen sind, ist die Annahme, Organisation sei ohne Autorität nicht möglich.&#8221;</p>
<p class="vspace"><strong>Wie sieht nun diese Organisation aus?</strong></p>
<p class="vspace">Hierzu müssen wir zwei Etappen unterscheiden: Die Vor-(Prä-)revolutionäre und die Nach-(Post-)revolutionäre. In der ersten geht es darum, die meist schwachen freiheitlichen Kräfte möglichst effektiv und nutzbringend einzusetzen, revolutionäre Propaganda zu betreiben, überall Zellen und Gruppen zu bilden und sich gleichzeitig gegen die wachsende Unterdrückung des Staates zu wehren. Dabei dürfen aber keine zentral-diktatorischen Strukturen auftreten, die auf der einen Seite das Instrument der Befreiung in ein Instrument der Unterdrückung verwandeln würden und in demselben Masse aus der Volksbewegung eine Parteibewegung machen würden.</p>
<p class="vspace">Auch hier gilt also das Prinzip der Anwesenheit des Zieles in den Mitteln. (Das Ziel, Freiheit, muss auch Grundlage der Organisation sein.) Selbstverständlich kann eine revolutionäre Organisation, eine politische Zelle nicht in dem Masse frei sein, wie die Organisation der freien Gesellschaft. Vor allem dann, wenn die Organisation von der Polizei verfolgt wird.</p>
<p class="vspace">Zur Zeit Bakunins war der Anarchismus vor allem in Geheimbünden organisiert. Diese waren untereinander durch ein System von Kurieren und geheimen Konferenzen verbunden und konnten so ihre Tätigkeiten abstimmen. Hierbei stellte die Verbindung zur Masse des unterdrückten Volkes ein besonderes Problem dar.</p>
<p class="vspace">Zu Beginn diese Jahrhunderts bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs war die Organisationsform die des Anarchosyndikalismus. Diese Organisation hat es vermocht, beide Probleme zu lösen: Die Organisation der breiten Massen in ihrem Kampf um die Freiheit zusammen mit dem oft illegalen Kampf der aktiven RevolutionärInnen zu vereinigen. Diese anarchistischen Gewerkschaften, in ihren Zielen revolutionär, in ihrer Struktur von unten nach oben organisiert und in ihrer Organisation dezentral aufgebaut, haben es vermocht, Millionen von Menschen zu organisieren und einen erfolgreichen Kampf um ihre Interessen zu führen. Von bedeutender Wichtigkeit hierbei ist, dass die gewerkschaftliche Organisation mühelos den Schritt von einer prä- zu einer postrevolutionären Organisation tun kann. In ihrer Struktur finden sich die ersten Grundlagen für den Aufbau der freien Gesellschaft. In Spanien war die anarchosyndikalistische CNT (Confederation National del Trabajo = Nationale Föderation der Arbeit) die Grundlage auf die sich die Anarchisten nach der Revolution stützen konnten. Die Gewerkschaft kannte sich in den Betrieben gut aus und zählte (nach A. Souchys Angaben) zum Zeitpunkt der Revolution 1.600.000 Mitglieder, die zum größten Teil Industriearbeiter waren. So konnten sie die Industrieproduktion regeln. Die CNT hat einen jahrzehntelangen Kleinkrieg gegen den spanischen Staat geführt und zählte auf erfahrenen Kämpfer. So konnte sie gegen den Faschisten Franco schnell die sogenannten Milizen aufstellen.</p>
<p class="vspace">Um die CNT hatten sich Ärzte, Ingenieure, Verwaltungsfachleute gesammelt &#8211; so konnten die öffentlichen Dienste, Planung und Verwaltung ebenfalls über die Gewerkschaften gelöst werden. Freilich in einem ganz anderem Sinne als vorher: die unnütze Bürokratie verschwand gänzlich, Ärzte, Ingenieure, und Facharbeiter waren, wie alle anderen Menschen, den normalen Arbeitern gleichgestellt, und, was sicher das wichtigste war, der ganze Apparat war für jeden durchschaubar und kontrollierbar; eine echte Organisation des werktätigen Volkes. So hat die innere Struktur der prärevolutionären Organisation es verhindert, dass die postrevolutionäre Organisation, in diesem Fall die CNT, zu einem neuen, autoritärem „Staat&#8221; wurde. Wir haben nur zwei Beispiele betrachtet, an denen man jedoch klar erkennen kann: Eine Organisation ist notwendig, wenn man tatsächlich für eine revolutionäre Veränderung eintritt, wenn man die Revolution mit den Massen des Volkes will und nicht als Karnevalsrevoluzzer auftritt.</p>
<p class="vspace">Die Grundlage der postrevolutionären Gesellschaft ist die Organisation der freien Kommunen (auch Bünde genannt). Dies Kommunen sind jede für sich und alle wieder unter einander nach dem Räteprinzip organisiert. Was es mit diesen, als Schlagwort allgemein bekannten Begriff auf sich hat, wollen wir im nächsten Kapitel untersuchen.</p>
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		<title>Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 07:20:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
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		<description><![CDATA["Wir sind nicht für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen!" Wie jeder Mensch weiß, ist einE AnarchistIn ein gewalttätiger Mensch, ein Mörder. Auch ist allgemein bekannt, dass AnarchistInnen Terroristen sind, denen das menschliche Leben nichts, das Chaos aber alles bedeutet. Oder???]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-69"></span><big>Einführung in die Grundgedanken des Anarchismus</big></p>
<p class="vspace"><strong>Einiges zur Verwirrung</strong></p>
<p class="vspace">&#8220;Wir sind nicht für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen!&#8221; Wie jeder Mensch weiß, ist einE AnarchistIn ein gewalttätiger Mensch, ein Mörder. Auch ist allgemein bekannt, dass AnarchistInnen Terroristen sind, denen das menschliche Leben nichts, das Chaos aber alles bedeutet. Oder???</p>
<p class="vspace">Aber selbstverständlich. Das weiß doch jedes Kind. Am 19. 12. 69 definierte der &#8220;Secolo d&#8217;Italia&#8221; AnarchistInnen folgendermaßen: „Eine wilde, obszöne Bestie, bis ins Mark von der kommunistischen Syphilis zersetzt!&#8221; Der berühmte Arzt und Kriminologe Sare Lombroso weiß es gar noch besser: Für ihn sind alle AnarchistInnen Idioten oder angeborene Verbrecher, die noch dazu allgemein humpeln, behindert sind und asymmetrische Gesichtszüge haben. &#8220;Sind AnarchistInnen überhaupt Menschen?</p>
<p class="vspace">Nichts spricht dafür, denn auch in dem Teil der Erde, der sich kommunistisch genannt hat, hat mensch über die sagenumwitterten AnarchistInnen nichts Gutes zu berichten gewusst. „Kleinbürgerliche ChaotInnen&#8221;, &#8220;Voluntaristische Helfershelfer der Konterrevolution&#8221;, „Linkschaoten&#8221; sind die üblichen Vokabeln, mit denen mensch uns dort belegt hat. Also auch hier nichts Gutes.</p>
<p class="vspace"><strong>Viel Feind, viel Ehr&#8217;!</strong></p>
<p class="vspace">Wenn mensch AnarchistInnen in Ost und West nicht leiden kann, dann muss das einen Grund haben. Was also ist einE AnarchistIn wirklich? Versuchen wir es mit einer Kurzdefinition: EinE AnarchistIn glaubt an eine freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen ohne Herrschaft. Er/sie tritt für die Beseitigung jeder Herrschaft ein und bekämpft deshalb Staat, Kirche, Polizei, Kapital, Herrschaftsideologie. Er/sie tritt immer und überall für die Interessen der unterdrückten Masse ein, gleichzeitig arbeitet er/sie an theoretischen Modellen und den praktischen Beispielen für eine zukünftige Gesellschaft: Eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Autorität, ohne Ausbeutung und Entfremdung (1) aufgebaut auf neuen Prinzipien wie Solidarität statt Egoismus, gegenseitiger Hilfe statt Konkurrenz und freier Vereinbarung statt Befehlsprinzip (2).</p>
<p class="vspace">„Das klingt ja alles sehr gut&#8221;, wirst Du sagen, &#8220;aber das ist ein schöner Wunschtraum und nicht zu verwirklichen&#8221;. Du wirst lachen: AnarchistInnen behaupten doch tatsächlich, dass eine solche Gesellschaft möglich ist, und erklären Dir auch, warum sie möglich sein kann. Und nun wirst Du staunen: Es hat tatsächlich schon ein halbes Dutzend anarchistischer Gemeinwesen gegeben. Wusstest du, dass die Ukraine fast vier Jahre lang anarchistisch war? Wusstest du, dass es vor allem AnarchistInnen waren, die im spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus gekämpft haben? Millionen von spanischen ArbeiterInnen haben praktisch gezeigt, dass der Anarchismus möglich ist!</p>
<p class="vspace">Die AnarchistInnen sind SozialistInnen und sie sind gegen Herrschaft. Also wenden sie sich genauso scharf gegen Herrschaft im „Kommunismus&#8221; wie im „Kapitalismus&#8221;. Folgerichtig ziehen sie sich den unversöhnlichen Hass der Herrschenden in Ost und West auf den Hals. Und ebenso folgerichtig ist auch der Anarchismus die einzige Alternative, einen freien und menschlichen Sozialismus zu verwirklichen. Genau deshalb ist auch der Anarchismus nach dem Krieg wieder auferstanden, obwohl Trotzki, der Marschall der Roten Armee, dem Anarchismus schon 1920 befohlen hatte: „Geht wohin ihr gehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte!&#8221;</p>
<p class="vspace">Aber durch die immer perfekter werdende Unterdrückungsmaschine der Systeme, durch eine Gesellschaftsordnung, in der der einzelne Mensch nichts mehr bedeutet, in der die Technik dem Menschen nicht mehr dient, sondern ihn umzubringen droht, und in der das kapitalistische Wirtschaftssystem derart versagt, dass täglich 30&#8217;000 Menschen verhungern müssen (Quelle UNESCO 1984) kurz: in dem „repressiven Chaos&#8221; (3) aller heutigen Herrschaftssysteme, hat der Anarchismus eine ungeahnte Aktualität erhalten.</p>
<p class="vspace"><strong>Der Begriff der „Anarchie“ und seine Herkunft</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft!&#8221;</em></p>
<p class="vspace">Das Wort Anarchie ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Es kommt von dem griechischen Wort „an-archia&#8221; und bedeutet „Keine Herrschaft&#8221;, meint also die Abwesenheit jeglicher Autorität. Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil, dass der Mensch ohne Autorität und Regierung nicht leben kann; ganz so, als ob ein Zirkuspferd ohne seinen Dompteur zugrunde gehen müsse. Deshalb ist das Wort Anarchie in der Umgangssprache auch als Synonym für Chaos, Unordnung, Verwilderung und Zerstörung eingegangen. Hinzu kommt die offensichtliche Absicht, den Anarchismus als politische Bewegung zu verleumden und zu bekämpfen. Aus diesem Grunde haben Politiker und Literaten, Kommunisten und Adelige, Pfarrer und Hausdamen jahrhundertelang diesen Begriff von Anarchismus verbreitet. Für sie verbindet sich das Wort Anarchismus mit einem kalten Schauer und dem Gedanken an den Weltuntergang. Wie sie, so kann sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht vorstellen, dass auch ohne Staat und Herrschaft eine Ordnung &#8211; eben eine freie Ordnung &#8211; bestehen kann.</p>
<p class="vspace">Selbst in allgemeinen Nachschlagewerken, wie auch z.B. im Duden, wird Anarchie einfach mit „Gesetzlosigkeit&#8221; übersetzt. Dies impliziert für den „Normalverbraucher&#8221; ebenfalls, dass bei Verwirklichung des Anarchismus die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt werde, und insofern verfälscht diese Definition unterschwellig den Begriff. Im eigentlichen Wortsinn ist der Begriff der „Gesetzlosigkeit&#8221; natürlich richtig: Da Gesetze vom Staat verabschiedet werden und dieser durch Polizei und Gericht dafür sorgt, dass sie eingehalten werden, werden bei Abschaffung der Staatssysteme, auch die Gesetze nicht mehr existieren. Das heißt aber nicht, dass es keine Regeln bzw. Vereinbarungen im menschlichen Zusammenleben mehr gibt.</p>
<p class="vspace">Pierre Joseph Proudhon war einer der Väter des modernen Anarchismus. Er hat das Wort für die antiautoritäre ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen. Unter Anarchie verstand er absolut das Gegenteil von Chaos. Für ihn war die anarchische Gesellschaft der höchste Ausdruck der Ordnung, eine Ordnung, die nicht durch Herrschaft und autoritäre Strukturen gestört sei. Erst in einer anarchistischen Gesellschaft könne die natürliche Ordnung der menschlichen Beziehungen, die „soziale Harmonie&#8221;, wieder hergestellt sein. Wir werden noch sehen, dass Proudhon dabei alles andere als ein verträumter Utopist war.</p>
<p class="vspace">So hält Proudhon auch den Staat &#8211; als höchsten Ausdruck der Herrschaft von Menschen über Menschen &#8211; für den eigentlichen Unruhestifter; eine Ansicht, die nicht so abwegig erscheint, wenn man sich all das ansieht, was an Kriegen, Unterdrückung und Wirtschaftskrisen von den Staaten und ihren Organen geführt oder angestiftet wurde und noch wird.</p>
<p class="vspace">Der Name Anarchismus hat &#8211; wegen seiner Doppeldeutigkeit &#8211; unter den AnarchistInnen starke Diskussionen hervorgerufen. Viele von ihnen nannten sich später „Föderalisten&#8221; (Anhänger eines nicht zentralen Gemeinwesens, das auf gleichberechtigten Kommunen basiert), „Mutualisten&#8221; (Gesellschaftsordnung auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Solidarität) oder „Kollektivisten&#8221; (Ordnung auf der Basis der Gemeinschaftlichkeit). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich mehr und mehr das Wort „libertär&#8221; (freiheitlich, nicht zu verwechseln mit liberal!) durch.</p>
<p class="vspace"><strong>Wer ist Anarchist, wer ist Anarchistin?</strong></p>
<p class="vspace">Wie wir gesehen haben, umreißt das Wort Anarchismus eine freiheitliche Theorie und Geisteshaltung. Im Laufe der Zeit haben sich eine Unzahl politischer und unpolitischer Strömungen unter diesem Namen gesammelt. So ist der Anarchismus, im Gegensatz zum Marxismus, kein einheitliches Gebilde. Der Marxismus ist eine in sich abgeschlossene philosophisch durchdachte Theorie; von wenigen Menschen in relativ kurzer Zeit entwickelt, ziemlich eindeutig formuliert und definiert. Anders der Anarchismus.</p>
<p class="vspace">Seine revolutionäre politische Richtung ist das Produkt einer ganzen Reihe bedeutender TheoretikerInnen, die meistens auch aktive RevolutionärInnen waren. Seine Theorie entstand in vielen Fällen aus der Praxis der Freiheitskämpfe heraus, und wird und wurde laufend neu überdacht, kritisiert und verbessert. Eine solche Haltung nennt mensch undogmatisch (Dogma = unveränderlicher Glaubenssatz), und sie ist für den Anarchismus typisch.</p>
<p class="vspace">So kann mensch auch für den Anarchismus keine FührerInnen oder CheftheoretikerInnen anführen; mensch muss eine ganze Reihe von Namen nennen und kann eigentlich nirgendwo eine Grenze ziehen: Die Namen der bekannten AnarchistInnen verlaufen irgendwo in der Masse der aktiven KämpferInnen.</p>
<p class="vspace">(Insofern darf mensch es nicht missverstehen, wenn wir in einigen Kapiteln bestimmte Personen, ihre Biographie und ihre Ideen beschrieben haben. Leute wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon usw. bis hin zu Landauer sollen, zur Erleichterung der geschichtlichen Beschreibung, stellvertretend für eine bestimmte Bewegung erwähnt werden. Dass eine ständige geistige Rückkoppelung zwischen den einzelnen TheoretikerInnen und der Bewegung besteht, lässt sich unschwer nachweisen. Da der Anarchismus aus einer Unzahl von politischen Strömungen besteht, ist es klar, dass wir im Folgenden nur eine Auswahl beschreiben können dass diese [und auch der Umfang, der den einzelnen Kapiteln gewidmet wird] von eigenen Anschauungen und Vorstellungen geprägt ist, muss dabei selbstverständlich zugegeben werden.)</p>
<p class="vspace">Parallel zu der politisch revolutionären Linie, die die wichtigste des Anarchismus ist und von der wir vorzugsweise sprechen wollen, gibt es noch eine Reihe anderer Strömungen, die den Namen Anarchismus für sich beanspruchen. Dazu zählen gewisse Formen des Individualanarchismus, einige naturverehrende Sekten von Rohkostler, pazifistische Gesellschaftsreformer oder unpolitische Terrorbanden, ebenso wie versonnene Künstlerseelen und verspätete Romantiker, meistens aus der Schicht des Kleinbürgertums. Ihr Denken und Handeln steht oft im Gegensatz zur politischen Richtung des Anarchismus und wird von dieser kritisiert. Andere dieser Zweige jedoch haben dem Anarchismus neue Impulse geben können und seine Theorie fruchtbar ergänzt, so die anarchistische Kunst, die freie Erziehungstheorie, die Hippie- und Undergroundbewegung, um nur einige zu nennen (4).</p>
<p class="vspace">Es hat sich eingebürgert, dass Staat und Polizei unliebsame Gruppen einfach als AnarchistInnen bezeichnen. Ein Beispiel dafür ist die Rote Armee Fraktion (RAF), auch Baader-Meinhof-Gruppe genannt. Obwohl die RAF sich selbst vom Anarchismus distanzierte und sich als marxistisch-leninistisch bezeichnete, was der Polizei selbstverständlich bekannt war, wurden sie automatisch als „anarchistische Gewaltverbrecher&#8221; bezeichnet. Der Grund liegt auf der Hand: erstens kann mensch mit dem Begriff Anarchismus eine unliebsame Gruppe in der Öffentlichkeit nachhaltig diffamieren, zumal der Kommunismus durch die Entspannungspolitik damals gerade kurzfristig salonfähig geworden ist. Und zweitens sieht mensch, dass auch in Deutschland der Anarchismus wieder an Wichtigkeit gewinnt. So kann mensch schnell und sicher die Bevölkerung gegen ihn aufhetzen. Wenn wir auch die Aktionen der RAF nicht von vornherein verdammt haben, so ist doch ihre Praxis vom anarchistischen Standpunkt aus anzugreifen. Die RAF entfernte sich im Laufe der Jahre immer mehr von der gesamten linken Bewegung und betrachtet sich als eine Avantgarde, als eine Elite, die danach strebt, dem Volk die „Befreiung&#8221; nach staatssozialistischem Muster aufzuzwingen. Sie entwickelte in ihren Pamphleten und Aktionen eine diktatorische, stalinistische Sprache. Wenn sie sagen: „Das Schwein wurde im Namen des Volkes erschossen&#8221;, so fragen wir uns: In wessen Volkes Namen?</p>
<p class="vspace">Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch eine ganze Anzahl politischer Gruppen, die sich zwar nicht anarchistisch nennen, in Wirklichkeit aber anarchistisch handeln und libertäre Ziele haben. Oft lehnen sie den Namen Anarchismus ab, weil sie falsch über dessen Inhalt informiert sind, oder weil sie fürchten, zu sehr angefeindet zu werden.</p>
<p class="vspace">Da es tatsächlich auch nicht um ein Glaubensbekenntnis, sondern um konsequentes politisches Handeln geht, haben die AnarchistInnen in ihrer Praxis und ihren Bündnissen nie nach dem Namen ihrer GenossInnen gefragt. So gibt es z.B. viele rätekommunistische Gruppen, die im Grunde „anarchistischer&#8221; handeln, als so manche Gruppe, die sich anarchistisch nennt. Auch wir wollen unsere Betrachtung einzig und allein danach richten, was die einzelnen Gruppen tun oder taten, und nicht, wofür sie sich ausgeben.</p>
<p class="vspace"><strong>Was wollen die AnarchistInnen?</strong></p>
<p class="vspace">Daniel Guérin schreibt in seinem Buch „Anarchismus&#8221; (5): „Anarchismus ist in Wirklichkeit und vor allem gleichbedeutend mit Sozialismus. Der Anarchist ist in erster Linie Sozialist; seine Ziele sind die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Im Zentrum seiner politischen Aktivität steht der sozialistische Freiheitsgedanke, die Abschaffung des Staates. &#8221; Um dieses Ziel zu erreichen, führen die AnarchistInnen einen Kampf gegen den Staat und alle seine Organe. Dieser Kampf wird mit verschiedenen Mitteln geführt: durch Massenorganisationen (vgl. Anarchosyndikalismus), Aufklärung und Propaganda, direkte Aktionen, durch die Kreation einer Gegenkultur, Provokationen und oftmals auch durch unmittelbare Anwendung von Gewalt.</p>
<p class="vspace">Dabei erweist sich der anarchistische Kampf aber keineswegs als blinde Bilderstürmerei gegen diese oder jene Regierung oder den Staat schlechthin. Vielmehr haben die anarchistischen TheoretikerInnen schon sehr früh erkannt, dass der Staat kein Phantom, kein anonymes Gebilde ist, sondern der Ausdruck ganz bestimmter, vor allem wirtschaftlich bedingter Machtverhältnisse.</p>
<p class="vspace">Gerade deswegen haben auch die AnarchistInnen immer wieder versucht, einen Kampf gegen Kapital und Staat zu führen und sich geweigert, „politische&#8221; Ziele, wie die Durchsetzung von Reformen durch schrittweise Eroberung der Macht im Staat, zu verfolgen. Denn die AnarchistInnen haben sehr wohl erkannt, dass Macht korrumpiert: „Nehmt den radikalsten Revolutionär und setzt ihn auf den Thron aller Russen oder verleiht ihm eine diktatorische Macht und ehe ein Jahr vergeht, wird er schlimmer als der Zar geworden sein (6) &#8220;, schrieb Bakunin.</p>
<p class="vspace">Im Laufe der Zeit haben die AnarchistInnen eine Reihe von Forderungen und programmatischen Punkten aufgestellt, die sich u.a. aus dem Kampf für die Verwirklichung ihrer Ideen ergaben. Hier schlagwortartig einige der wichtigsten, die wir dann in den folgenden Kapiteln näher zu erklären versuchen werden: &#8211; Gleiche Freiheit für jeden Menschen in der Gesellschaft. Kein Mensch soll Macht ausüben; alle Beschlüsse werden kollektiv gefasst und ausgeübt. Dies bedingt:</p>
<ul>
<li>Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, Bekämpfung des Kapitals und seiner internationalen Monopole. Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln (7), Aufbau einer föderierten, hochtechnisierten Produktionsweise nach Gesichtspunkten, die die Bedürfnisse der ArbeiterInnen über die der profitorientierten Produktion stellen (vgl. Kapitel „Ökonomisches System&#8221;), Überwindung der Schichten und Klassen. Hierbei muss die unterdrückte Klasse dann Gewalt gegen die herrschende Klasse anwenden, wenn diese nicht freiwillig abtritt (da diese ihre Privilegien verteidigen will, und damit den Aufbau einer freien Gesellschaft aktiv bekämpft)</li>
<li>Abschaffung des Staates, seiner Grenzen und seines Apparates, Ersetzung durch neue Strukturen, auf der Basis gleichberechtigter Kommunen und Räte, die sich dezentral (föderal) organisieren.</li>
<li>Bekämpfung des Rassismus und Kolonialismus in all seinen klassischen und neuen Erscheinungsformen (z. B. Imperialismus, Neoimperialismus, Europäische Union etc.)(8)</li>
<li>Abschaffung der Kirchen und Religionen als Vermittler der Rechtmäßigkeit von Herrschaft durch berufsmäßige Verdummer. Bekämpfung und Ersetzung des religiösen Glaubens durch rationale Erziehung, d.h. durch das Prinzip der Vernunft, sowie einer menschenfreundlichen Wissenschaftlichkeit. Errichtung von freien Schulen (Konzepte von Tolstoi/Ferrer)</li>
<li>Abschaffung der Armee und der Polizei als Machtfaktor und Symbol des Staates und des Kapitals. Für die Phase des Kampfes sind sie durch revolutionäre Volksarmeen und -patrouillen ohne hierarchische Struktur zu ersetzen.</li>
<li>Abschaffung des Strafprinzips. Kriminelle werden als Produkte einer schlechten Gesellschaft angesehen. Sie sind als Kranke zu behandeln und müssen genesen, nicht bestraft werden.</li>
<li>Abschaffung des Privateigentums an Menschen, demzufolge Ersetzung der Ehe und der bürgerlichen Kleinfamilie durch freiwillige Zusammenschlüsse in Großfamilien, Kommunen, nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft. Propagierung der „freien&#8221; Liebe, Bekämpfung der unterdrückenden bestehenden Sexualmoral (9).</li>
<li>Aufbau einer völlig neuen Kultur mit einer eigenen Kunst, Musik, Lebensweise etc.</li>
<li>Prinzip der Kritik und Selbstkritik und der permanenten Revolution in der neuen Gesellschaft. Ablehnung aller Dogmen, ständige Überprüfung des Aufbaus an den Bedürfnissen der neuen Gesellschaft.</li>
<li>Bekämpfung jeder neuen Form von Herrschaft, Bürokratismus und Militarismus in der neuen Gesellschaft</li>
</ul>
<p class="vspace">Dieses Programm, unvollständig und recht ungeordnet, fasst die wesentlichsten Punkte anarchistischer Zielsetzung zusammen. Auf den ersten Blick mögen manche Thesen als Gleichmacherei erscheinen, in Wirklichkeit ist ihre Verwirklichung aber erst die Voraussetzung dafür, dass sich alle Menschen frei nach ihren Bedürfnissen entfalten können, schöpferisch werden und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. In den Kreisen der Reichen hat sich nämlich eingebürgert, ihre eigenen Vorteile, die sie sich mit ihrem Geld erkaufen, als die Freiheiten des Volkes hinzustellen. Tatsächlich aber können die Reichen nur in dem Masse frei sein, wie sie die Mehrheit des Volkes ausrauben. Zusammenfassend können wir sagen: Die AnarchistInnen haben nur ein Ziel: die freie Gesellschaft. Alles andere sind Mittel zu ihrer Erreichung, die sich je nach Situation ändern können und müssen.</p>
<p class="vspace"><strong>Kritik am Staat</strong></p>
<ul>
<li>&#8220;Der Staat ist eine Abstraktion, die das Leben des Volkes verschlingt ein unermesslicher Friedhof, auf dem alle Lebenskräfte eines Landes sich großzügig und andächtig hinschlachten haben lassen.&#8221; (Michail Bakunin)</li>
<li>„Die Regierung des Menschen über den Menschen ist Sklaverei.&#8221;</li>
<li>„Wer immer die Hand auf mich legt, um über mich Zu herrschen, ist ein Usurpator, und ein Tyrann, und ich erkläre ihn zu meinem Feinde.&#8221;</li>
</ul>
<p class="vspace"><em>„Regiert sein, das heißt unter polizeilicher Überwachung stehen, inspiziert, spioniert, dirigiert, mit Gesetzen überschüttet, reglementiert, eingepfercht, belehrt, bepredigt, kontrolliert, eingeschätzt, abgeschätzt, zensiert, kommandiert zu werden durch Leute, die weder das Recht, noch das Wissen, noch die Kraft dazu haben . Regiert sein heißt, bei jeder Handlung, bei jedem Geschäft, bei jeder Bewegung notiert, registriert, erfasst, taxiert, bestempelt, vermessen, bewertet, versteuert, patentiert, lizensiert, autorisiert, befürwortet, ermahnt, behindert, reformiert, ausgerichtet, bestraft zu werden. Es heißt, unter dem Vorwand der öffentlichen Nützlichkeit und im Namen des Allgemeininteresses ausgenutzt, verwaltet, geprellt, ausgebeutet, monopolisiert, hintergangen, ausgepresst, getäuscht, bestohlen zu werden; schließlich, bei dem geringsten Widerstand, beim ersten Wort der Klage unterdrückt, bestraft, heruntergemacht, beleidigt, verfolgt, misshandelt, zu Boden geschlagen, entwaffnet, geknebelt, eingesperrt, füsiliert, beschossen, verurteilt, verdammt, deportiert, geopfert, verkauft, verraten und obendrein verhöhnt, gehänselt, beschimpft und entehrt zu werden. Das ist die Regierung, das ist ihre Gerechtigkeit, das ist ihre Moral.&#8221;</em> (Proudhon)</p>
<p class="vspace">Die Kritik am Staat und an seinen Organen ist typisch für den Anarchismus. Ursprünglich entstand er aus einem persönlichen Gefühl der Auflehnung gegen den Unterdrücker. Da dieser Unterdrücker jedoch nur ausführendes Organ der Machtverhältnisse und der wirtschaftlichen Struktur ist, muss der Kampf gegen beide geführt werden. Die Abschaffung der staatlichen Organisation ist immer eines der wichtigsten Ziele der Anarchisten geblieben. Die Richtigkeit dieser Forderung hat sich am gerade am Beispiel der russischen Oktoberrevolution gezeigt, wo der Staat mit dem ihm eigenen Bürokratismus die Revolution überlebt und am Ende „aufgefressen&#8221; hat.</p>
<p class="vspace"><strong>Was ist der Staat?</strong></p>
<p class="vspace">Jeder Staat ist totalitär. Kein Staat hat einen anderen Zweck als den/die EinzelneN zu beschränken und zu Untertanen zu machen. Verfechter des Staates bemühen sich redlich, uns vorzumachen, er sei eine einige Volksgemeinschaft. In Wirklichkeit vertuschen sie mit dieser Phrase die riesigen sozialen Unterschiede in jedem Staat und rechtfertigen die Privilegien einer kleinen Minderheit- Der Staat unterdrückt jede freie Tätigkeit durch seine ausführenden Organe oder &#8220;Ordnungskräfte&#8221;. Das ist beileibe nicht nur die Polizei. Die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen bemühen sich ebenso angestrengt, den Menschen dumm zu halten, wie die Kirche, die Schule und die Institution „Familie&#8221;. (Freilich oft, ohne es selbst zu wissen.)</p>
<p class="vspace"><em>„Der Staat erlaubt uns allen, unsere Gedanken an den Mann zu bringen, allein nur so lange, als unsere Gedanken seine Gedanken sind, sonst stopft er uns das Maul.&#8221;</em> (Max Stirner)</p>
<p class="vspace">Schon früh haben AnarchistInnen die psychischen Funktionen der Autoritätsgläubigkeit erkannt. Der Staat erzieht zum Gehorsam, zur Disziplin und zur Unterwerfung. Er lehrt uns „Tugenden&#8221; wie Konkurrenz und Leistungsprinzip und er entwöhnt uns im gleichen Masse selbst zu denken, Ideen zu entwickeln, spontan Initiativen zu ergreifen und uns unseren Mitmenschen gegenüber solidarisch zu verhalten. Errico Malatesta (10) beschreibt die „Angst vor der Freiheit&#8221;, die die meisten autoritären Menschen empfinden und nimmt damit eine wichtige Erkenntnis der Psychoanalyse vorweg.</p>
<p class="vspace">Konsequent haben die AnarchistInnen dort, wo sie mit der Verwirklichung von freien Gesellschaften begannen, die Vernichtung des Staates vorangetrieben. So wurden in Spanien und der Ukraine die staatlichen Akten und Grundbücher vernichtet, die Gefängnisse eingerissen und die Herrscher abgesetzt und die Organisation des gesellschaftlichen Lebens den Räten des Volkes übertragen. Wir werden noch sehen, dass solche Maßnahmen nicht automatisch zum Chaos führen müssen, sondern im Gegenteil die Grundlage für eine freie, harmonische Gesellschaft legen können.</p>
<p class="vspace">Der Kampf gegen den Staat hat sich in diesem Jahrhundert vor allem im Kampf gegen den Bürokratismus gezeigt, vor allem im „kommunistischem&#8221; Russland hat es unzählige Auflehnungen gegen den allmächtigen Staat und seine unmenschliche und konterrevolutionäre Bürokratie gegeben, die ihrem Charakter nach anarchistisch waren. In den Kapiteln über die einzelnen Theorieansätze werden wir auf die Staatskritik noch ausführlicher eingehen.</p>
<p class="vspace"><strong>Kritik an der bürgerlichen Demokratie</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Ich bin nicht frei, ich kann nur wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.“</em> Ton Steine Scherben</p>
<p class="vspace">Viel schärfer als der autoritäre Kommunist erkennt und entlarvt der/die AnarchistIn die strukturellen Mängel der bürgerlichen „Demokratie&#8221;. Der Parlamentarismus hat mit Demokratie, also Volksherrschaft nichts zu tun. Es gibt auch hier einen Herrscher; der König oder Diktator ist durch einen „Präsidenten&#8221; oder „Kanzler&#8221; ersetzt. Der einzige Unterschied ist, dass dieser alle paar Jahre ausgewechselt wird. Können wir sie wählen? Stellen wir die KandidatInnen auf? Haben wir Einfluss auf sein/ihr Handeln, wenn er erst einmal gewählt ist? Haben wir die Möglichkeit, direkt für unsere Interessen einzutreten? Nein! Wir können zwischen den Parteien wählen, wie eine Hausfrau zwischen Ariel und Omo, wenn sie in Wirklichkeit frisches Brot einkaufen will. Das Verhältnis der Menschen zur Politik ist zu einem Warenverhältnis verkrüppelt worden.</p>
<p class="vspace">Der Parlamentarismus macht aus der Herrschaft lediglich eine Institution (11), die dem Unterdrückungssystem einen „demokratischen&#8221; Anstrich gibt &#8211; in Wahrheit hat keinE einziger Bürgerin einen tatsächlichen Einfluss auf das politische Geschehen. Die einzige Gnade, die ihm/ihr das System gewährt, ist, alle vier oder fünf Jahre brav ein Kreuzchen unter eine Liste von (schon vorher ausgewählten) Menschen zu machen, die sich in ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Freiheit und zum Gesellschaftssystem nicht unterscheiden. Diese Leute werden uns einfach küchenfertig vorgesetzt, ob sie uns passen oder nicht. Beurteilen müssen wir sie meistens nach ihrem Aussehen, denn, ihren Worten und Wahlversprechen Glauben zu schenken, hieße, die bittere Erfahrung vieler Jahrzehnte einfach totzuschweigen. Wenn diese Leute erste einmal gewählt sind, können sie machen, was sie wollen: sie können ihre Stimme an den Meistbietenden verkaufen, lassen sich ihre Meinung von Konzernen bezahlen und scheren sich einen Dreck um den Willen ihrer WählerInnen.</p>
<p class="vspace">Natürlich darf es diesen Herrn nie in den Sinn kommen, das Prinzip der Regierung zugunsten einer Selbstverwaltung in Frage zu stellen &#8211; das wäre gegen ihre eigenen Interessen. So setzen sie alles daran, diese Herrschaft zu rechtfertigen und aller anderen Modelle &#8211; so auch den Anarchismus &#8211; als radikal, utopisch oder terroristisch zu verleumden.</p>
<p class="vspace">Die AnarchistInnen sind aus diesem Grund &#8211; im Gegensatz zu den Sozialdemokraten oder Kommunisten nie für die bürgerliche Republik eingetreten. Sie haben den Übergang vom Monarchismus (12) zur Republik nicht unbedingt für einen Fortschritt gehalten und sind für einen sofortigen und totalen Umsturz jeglicher Herrschaft eingetreten. Alle anarchistischen TheoretikerInnen haben einheitlich die reaktionäre Entwicklung der bürgerlichen Republiken vorausgesagt und alle SozialistInnen gewarnt, sich mit der bürgerlichen Demokratie einzulassen.</p>
<p class="vspace">Ein eindrucksvolles Beispiel bürgerlicher Versumpfung bietet die Sozialdemokratie: Auch in Österreich befriedete und kanalisierte sie l9l8/l9 die revolutionäre Grundstimmung unter den ArbeiterInnen. Sie trat in die Regierung ein, predigte Legalismus (13) und ließ, nachdem sie zwei Wochen an der Macht war, auf demonstrierende ArbeiterInnen schießen und sie durch Alarmformationen der Polizei brutal ermorden. Heute sind die SPÖ oder auch die Grünen für das Kapital kein schlechterer Handlanger als ÖVP und FPÖ.</p>
<p class="vspace"><strong>Kritik am autoritären Sozialismus – Das Verhältnis zwischen Anarchismus und Marxismus</strong></p>
<p class="vspace"><em>„Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist, und weil ich mir nichts menschenwürdiges ohne Freiheit vorstellen kann. Ich bin deshalb nicht Kommunist, weil der Kommunismus alle Macht der Gesellschaft im Staat konzentriert und aufgehen lässt, weil er notwendig zur Zentralisation des Eigentums in den Händen des Staates führen muss, während ich die radikale Abschaffung des Staates wünsche, die radikale Ausrottung des Autoritätsprinzips und der Vormundschaft des Staates, die unter dem Vorwand die Menschen sittlich zu erziehen und zu zivilisieren, sie bis heute versklavt, unterdrückt, ausgebeutet und verdorben hat Ich wünsche die Organisierung des sozialen Eigentums von Unten nach Oben auf dem Weg über die freie Assoziation und nicht von Oben nach Unten mit Hilfe irgendeiner Autorität, wer immer sie sei.&#8221;</em> (Michail Bakunin)</p>
<p class="vspace">Mensch hat den Marxismus und den Anarchismus oft als zwei feindliche Brüder bezeichnet. Doch auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede in der Theorie zu geben. Tatsächlich kann mensch sagen, sie haben gemeinsame Wurzeln, die gleichen philosophischen Grundlagen und im Grunde auch das gleiche Ziel: Eine freie, sozialistische Gesellschaft.</p>
<p class="vspace">Trotzdem verwundert es nicht, dass es zwischen AnarchistInnen und Kommunisten zu Gegensätzen kommen musste. Die Vorstellungen, die die „Autoritären&#8221; sowohl von dem Weg zur Revolution als auch von den Stadien (aufeinanderfolgenden Formen) der neuen Gesellschaft hatten, waren sehr viel anders als die der AnarchistInnen. So plädierten die Marxisten, die das autoritäre Lager anführten, für die Gründung starker, zentraler Parteien, für den Eintritt in Gewerkschaften, für die Beteiligung an Wahlen und für einen politischen Kampf, der die Bedingungen der ArbeiterInnenklasse schrittweise verbessern sollte. Die AnarchistInnen hielten diesem Programm entgegen: Organisation auf der Basis geheimer, freier und dezentral organisierter Bünde, die sich lediglich zur Absprache ihrer Aktionen zusammenschließen sollten. Mensch erkannte, dass in einer autoritären Organisation bereits der Keim für eine neue autoritäre Gesellschaft enthalten war. Statt der Beteiligung an der Politik forderten sie eine radikale (14) und konsequente Aktion gegen das Grundübel und die endgültige und sofortige Beseitigung des ungerechten Gesellschaftssystems.</p>
<p class="vspace">Wie wir gesehen haben, gibt es also beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Strömungen, und zwar vor allem in der Frage des Weges, auf dem das gemeinsame Ziel erreicht werden soll. Dies sind aber offensichtlich so wichtige Unterschiede, dass man den Konflikt zwischen AnarchistInnen und Marxisten nicht einfach als Haarspalterei abtun kann. Hierbei müssen wir allerdings vorsichtig sein und von Fall zu Fall genau untersuchen, ob das, was wir kritisieren, denn eigentlich Marxismus ist. Bekanntlich gibt es mehrere „Schulen&#8221; des Marxismus, die alle von sich behaupten, die einzig wahren, rechtmäßigen Nachfolger des großen Lehrers zu sein.</p>
<p class="vspace">Von der reformistischen Sozialdemokratie haben wir bereits gesehen, dass bei ihr von Marx nicht mehr viel übriggeblieben ist. Aber auch im Leninismus, der heute als „echter&#8221; Marx-Nachfolger allgemein anerkannt ist, müssen wir feststellen, dass hier Marx ganz erheblich verfälscht wurde. Schnell erkannten die Antiautoritären, dass der Kommunismus eine Gefahr in sich birgt: er nimmt aufgrund seiner geistigen Überlegenheit die Führung der Revolution für sich in Anspruch und ist genau in diesem Moment bereits wieder eine neue Regierung. Bakunin warf Marx polemisch (15) vor, der „Chefingenieur der Weltrevolution&#8221; sein zu wollen. Eine solche Führung würde am Ende nur das Volk in seinen revolutionären Initiativen hemmen, ihm ein neues Joch auferlegen. Statt den Staat zu zerschlagen, planten die Marxisten, ihn erst zu übernehmen, ihn stark zu machen, und ihn für die Zwecke des Sozialismus „dienstbar zu machen&#8221;, da ihm die wirtschaftlichen Grundlagen entzogen worden seien, würde er später von ganz alleine absterben. Diese Ansicht mag vielleicht theoretisch richtig sein, praktisch ist sie aber durch viele Beispiele widerlegt worden („Ostblock&#8221;).</p>
<p class="vspace">Diese Unterschiede führten zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der 1. Internationalen und schließlich zu deren Spaltung. Durch Lenin wurden dann deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge verstärkt, die zuweilen jedoch keineswegs immer in den Schriften von Marx und Engels auftauchten. Er erweiterte diese auch um einen Ultra-Zentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei und vor allem um die Praxis der BerufsrevolutionärInnen als Führer der Massen. „Von diesen Punkten ist in den Schriften von Marx und Engels nicht viel zu finden, wo sie höchstens im Kern und unterschwellig vorhanden sind.&#8221; (16)</p>
<p class="vspace">Aus diesem Avantgardebewusstsein (17) der Leninisten und Marxisten erklärt sich auch, dass in den Schriften von Marx und Engels der begriff der „Spontaneität&#8221; niemals auftaucht. Sicherlich kann sich eine revolutionäre Partei neben ihren hervorragenden Aktivitäten ein gewisses Maß an Selbsttätigkeit der Massen erlauben, aber die Spontaneität der Massen würde ihren Anspruch auf die Rolle gefährlich in Frage stellen. Es scheint, als seien die AnarchistInnen Propheten gewesen. Schon Bakunin schrieb 1860: „Vorzugeben, dass eine Gruppe von Individuen, seien es die Intelligentesten und die mit den besten Absichten, in der Lage ist, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und der Wirtschaftsorganisation des aller Länder zu werden, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, dass man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die eine Diktatur &#8230; würde genug sein, die zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen &#8230; Man kann das Etikett wechseln, das unser trägt, seine Form &#8211; aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder müsse man diesen Staat zerstören, oder sich mit der fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: die rote Bürokratie.&#8221;</p>
<p class="vspace">Genau das ist in Russland eingetreten. Lenin, der den Marxismus im autoritären Sinne weiterentwickelt hat, gelang es innerhalb von drei Jahren, die russische Volksrevolution unter die Diktatur seiner straff organisierten, kleinen Partei zu bringen. Als das Volk begriff, was geschehen war, war es schon zu spät: jede Erhebung gegen die neue Diktatur wurde blutig unterdrückt. AnarchistInnen und Anarchogruppen haben oftmals ihre Kräfte mehr zur Bekämpfung des Marxismus verwandt, als zum Kampf gegen den gemeinsamen Klassenfeind. Oft hat es dieser anarchistischen Marxismuskritik erheblich an Substanz gemangelt. Man kann darüber denken, wie man will &#8211; zur Klärung der Standpunkte hat dies alles herzlich wenig beigetragen und zur Entwicklung des revolutionären Kampfes schon gar nichts.</p>
<p class="vspace">Es ist auch nicht unsere Absicht, die spießigen Intrigen und die persönlichen Hahnenkämpfe eines Marx&#8217; oder eines Bakunins auseinander zu pflücken. Für uns ist allein wichtig, was wir auf unserem Weg zur Freiheit voneinander lernen können. Wir haben schon gesehen, dass der Anarchismus am Marxismus folgende wichtige Punkte kritisiert:</p>
<ul>
<li>Autoritäre Organisation, mit der Gefahr der Verselbstständigung (Partei usw.)</li>
<li>Falsche Taktik bei der Erreichung der freien Gesellschaft. Der Staat sollte nicht übernommen, sondern zerschlagen werden.</li>
<li>Gefahr einer mechanistischen Geschichtsauffassung nach dem (im Grunde richtigen) historischen Materialismus. Demzufolge Vernachlässigung der Rolle des revolutionären Subjekts.</li>
<li>Überbetonung der ökonomischen Revolution infolge dieser mechanistischen Auffassung. Nicht nur die Wirtschaftsordnung muss aktiv verändert werden, sondern auch der Überbau, wie Verwaltung, Polizei, Militär, Kirche, Justiz, Erziehung usw.</li>
</ul>
<p class="vspace">Darüber hinaus wirft der Marxismus, vor allem der Marxismus-Leninismus, dem Anarchismus im wesentlichen vor, kleinbürgerlich zu sein, nicht die richtige Organisation zu haben, und im Endeffekt nur Chaos zu produzieren. Was die beiden letzteren Vorwürfe angeht, so haben wir sie schon weiter oben abgeklärt und widerlegt.</p>
<p class="vspace">Das Argument des Kleinbürgertums (19) ist nicht sehr gehaltvoll. Vor allem muss man erst einmal definieren, was darunter zu verstehen ist. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens könnte gemeint sein, dass die anarchistische Ideologie dem Kleinbürgertum nutzt. Diese These wäre, nach allem, was wir gesagt haben, so idiotisch, dass wir nicht darauf einzugehen brauchen. Also sind die Anhänger des Anarchismus Kleinbürger? Proudhon, dem dieser Vorwurf gerade am häufigsten gemacht wird, war simpler Schriftsetzer. Das Gros der an AnarchistInnen (sowohl TheoretikerInnen als auch PraktikerInnen) hat sich zeitlebens ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdient. Freilich waren Kropotkin und Bakunin adeliger Herkunft, aber beide waren genau das, was Bakunin selber als diejenigen beschreibt, die „der Klasse, der sie entstammen, völlig den Rücken gekehrt und sich völlig der Interessen des Volkes angenommen haben.&#8221;</p>
<p class="vspace">Der autoritäre Sozialismus ist heute nicht mehr so aktuell und gefährlich wie der Kapitalismus. Gerade aus diesem Grund lohnt es sich, erneut anarchistische KlassikerInnen zu lesen. Rudi Dutschke schreibt 1967: „In einer Zeit der sich verstärkenden und sich verselbstständigenden Staatsbürokratie scheint uns die bei Bakunin im Mittelpunkt stehende Frage der Abschaffung des Staates, der unmittelbaren Beseitigung desselben, der erneuten Aufarbeitung durchaus wert.&#8221;</p>
<p class="vspace">Schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also fast 100 Jahre vor Stalin, hat Proudhon treffend die Politik der Kommunisten zusammengefasst: „So hat der Kommunismus, wie ein Heer, das dem Feinde seine Kanonen weggenommen hat, nichts anderes getan als gegen das Heer der Besitzenden dessen eigene Artillerie gekehrt. Von jeher hat der Sklave den Herrn nachgeäfft.&#8221;</p>
<p class="vspace">Das Verhängnisvolle daran war: die Nachäfferei hat sich im Endeffekt nicht so sehr gegen die Besitzenden gewandt (denn die sind wieder auferstanden), sondern gegen die Besitzlosen. Die Revolution, die für sie sein sollte, hat ihr tägliches Leben nicht verändert. Sie leben weiterhin in Unfreiheit und arbeiten für die Interessen anderer.</p>
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		<title>Anarchismus und Kommunismus</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2009 13:29:19 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Dieser von http://www.anarchismus.de geklaute und überarbeitete Beitrag soll keine anti-kommunistische Hetze sein, sondern (parteiisch) über grundlegende Unterschiede zwischen anarchistischen und kommunistischen Konzepten informieren. Der Artikel ist dabei keineswegs vollständig, es empfiehlt sich weitere Lektüre (z.B. die Broschüre: Guerin - Anarchismus und Marxismus &#038; Chomsky - Anmerkungen zum Anarchismus)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-31"></span><em>Dieser von <a href="http://www.anarchismus.de" target="_blank">http://www.anarchismus.de</a> geklaute und überarbeitete Beitrag soll keine anti-kommunistische Hetze sein, sondern (parteiisch) über grundlegende Unterschiede zwischen anarchistischen und kommunistischen Konzepten informieren. Der Artikel ist dabei keineswegs vollständig, es empfiehlt sich weitere Lektüre (z.B. die Broschüre: Guerin &#8211; Anarchismus und Marxismus &amp; Chomsky &#8211; Anmerkungen zum Anarchismus)</em></p>
<p><strong>Vorwort über den Kommunismus</strong></p>
<p>Fangen wir mal bei ein einem Zitat von einem Anarchisten über den Kommunismus an: „Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist und weil ich mir nichts Menschenwürdiges ohne Freiheit vorstellen kann. Ich bin deshalb nicht Kommunist, weil der Kommunismus alle Macht der Gesellschaft im Staat konzentriert und aufgehen läßt, weil er notwendig zur Zentralisation des Eigentums in den Händen des Staates führen muss, während ich die radikale Abschaffung des Staates wünsche, die radikale Ausrottung des Autoritätsprinzips und der Vormundschaft des Staates, die unter dem Vorwand, die Menschen sittlich zu erziehen und zu zivilisieren, sie bis heute versklavt hat. Ich wünsche die Organisierung der Gesellschaft und des kollektiven und sozialen Eigentums von unten nach oben auf dem Weg über die freie Assoziation und nicht von oben nach unten mit Hilfe irgendeiner Autorität, wer immer sie sei.“ Michail Bakunin</p>
<p>&#8220;So hat der Kommunismus, wie ein Heer, das dem Feinde seine Kanonen weggenommen hat, nichts anderes getan, als gegen das Heer der Besitzenden dessen eigene Artillerie gekehrt. Von jeher hat der Sklave den Herrn nachgeäfft.&#8221; Proudhon</p>
<p>Im übrigen möchte ich sagen, dass Anarchisten und Kommunisten in vielen Fällen zuerst gemeinsam gegen die Unterdrücker gekämpft haben. (Siehe Spanien, Russland usw.). Nach dem Sieg der Revolution übernahmen die Kommunisten jedoch einfach den Staat und errichteten sogar noch stärkere &#8220;Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen&#8221; gegen politische Gegner. So wurde nun jeder Widerstand gegen das System von den Kommunisten blutig unterdrückt. In Spanien kam es am Ende dazu, dass Kommunisten die Anarchisten einfach abschlachteten. Ich komme drauf noch später zurück.</p>
<p>Man hat den Marxismus und den Anarchismus oft als zwei feindliche Brüder bezeichnet. Doch auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede in der Theorie zu geben. Über die Analyse des Kapitalismus sind sich Anarchisten und Kommunisten größtenteils einig, jedoch nicht in der Frage des Weges, wie der Kapitalismus beseitigt werden soll. Da war es nicht verwunderlich dass es zu Gegensätzen kommen musste.</p>
<p>So plädierten die Marxisten, die das autoritäre Lager anführten, für die Grundlage starker, zentraler Parteien , für den Eintritt in Gewerkschaften, für die Beteiligung an Wahlen und für einen politischen Kampf, der die Bedingungen der Arbeiterklasse schrittweise verbessern sollte. Die Anarchisten hielten diesem Programm entgegen: Organisation auf der Basis freier und dezentral organisierter Bünde, die sich lediglich zur Absprache ihrer Aktionen zusammenschließen sollten.</p>
<p>Man erkannte , dass in einer autoritären Organisation (wie es die Kommunisten mit ihrer Partei machten) bereits der Keim für eine neue autoritäre Gesellschaft erhalten war. Wir müssen jedoch von Fall zu Fall genau untersuchen, ob das, was wir kritisieren, denn eigentlich Marxismus ist. Bekanntlich gibt es mehrere &#8220;Schulen&#8221; des Marxismus, die alle von sich behaupten, die einzig wahren, rechtmäßigen Nachfolger des Lehrers zu sein. Von der reformistischen Sozialdemokratie haben wir gesehen, dass bei ihr von Marx nicht mehr viel übrig geblieben ist. Aber auch im Leninismus , der heute als &#8220;echter&#8221; Marxnachfolger allgemein anerkannt ist, müssen wir feststellen, das hier Marx ganz erheblich verfälscht wurde.</p>
<p>Schnell erkannten die Antiautoritären, dass der Kommunismus? eine Gefahr in sich birgt. Er nimmt aufgrund seiner beanspruchten „geistigen Überlegenheit“ die Führung der Revolution („Avantgarde“) für sich in Anspruch und trägt so den Keim diktatorischer Systeme in sich. Statt den Staat zu zerschlagen, plan(t)en die Marxisten nur ihn zu übernehmen und zu stärken – samt seiner Herrschaftsapparate. Der Staat würde dann – so die Theorie – mit der Zeit absterben. Doch genau das Gegenteil trat bislang in allen „kommunistischen“ Staaten ein. Ob in Russland, China, Vietnam, Kambodscha, der DDR oder in Kuba – der Staat blieb und die Kommunisten errichteten autoritäre Diktaturen. Durch Lenin wurden deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge der marxistischen Theorie verstärkt. Er erweiterte diese auch um einen Ultra-Zentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei und vor allem um die Praxis der Berufsrevolutionäre als Führer der Massen (eben die „Avantgarde“).</p>
<p>Es scheint, als seien die Anarchisten Propheten gewesen. Schon Bakunin schrieb: &#8220;Vorzugeben, daß eine Gruppe von Individuen, seien es die Intelligentesten und die mit den besten Absichten, in der Lage ist, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und Wirtschaftsorganisation des Proletariats aller Länder zu werden, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, dass man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die Einrichtung einer universellen Diktatur würde genug sein, die Revolution zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen. Man kann das Etikett wechseln, das unser Staat trägt, seine Form &#8211; aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder müssen man diesen Staat zerstören oder sich mit der schändlichsten und fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: der roten Bürokratie!&#8221; Genau dieser überbürokratisierte Staat entstand in Russland nach der Oktoberrevolution…</p>
<p>Lenin, der den Marxismus im autoritären Sinne weiterentwickelt hat, gelang es innerhalb von drei Jahren, die russische Volksrevolution unter die Diktatur seiner straff organisierten, kleinen Partei zu bringen. Als das Volk begriff, was geschehen war, war es schon zu spät: Jede Erhebung gegen die bolschewistische Diktatur wurde blutig unterdrückt (siehe Kronstadt 1921 , die Ukraine etc.), die neu geschaffene Geheimpolizei terrorisierte mit brutalen Methoden das Land. Trotzdem muß kritisch angemerkt werden, dass Anarchisten und Anarchogruppen ihre Kräfte manchmal mehr der Bekämpfung des Marxismus geopfert haben, als dem Kampf gegen den gemeinsamen Klassenfeind.</p>
<p><strong>Wirtschaftssystem der Anarchisten/Kommunisten</strong></p>
<p>Schon Marx und Bakunin haben darüber gestritten. Marx strebte eine zentrale Organisation der Produktion an. Ein Stab von Ingenieuren sollte den ganzen Staat, der das Bank- und Produktionsmonopol hat, bestimmen und entscheiden, was produziert wird und was nicht (Also nach dem &#8220;von oben nach unten&#8221; Prinzip / Autoritätsprinzip). Aus eben dieser Bürokratie entstand in Russland eine neue privilegierte Klasse.</p>
<p>Die Anarchisten traten dagegen für ein völlig anderes Wirtschaftssystem ein: es sollte vor allem zwei Bedingungen erfüllen: menschlich sein und effektiv produzieren. Vor allem das erste sahen sie im marxistischen Konzept gefährdet. Sie fürchteten sogar, dass aus dem allmächtigen Wirtschaftsstaat eine neue, schlimmere Regierungsform hervorbrechen würde. Wenn man sich das Staats- und Wirtschaftssystem der (inzwischen zusammengebrochenen) Sowjetunion ansieht, muss man zugeben, dass die Befürchtungen nicht abwegig war.</p>
<p>Genau wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, so sollte auch die Wirtschaft und die Industrie von &#8220;unten nach oben&#8221; organisiert werden (und nicht wie im Kommunismus &#8220;von oben nach unten&#8221;), d.h. auf der Grundlage von freien und gleichberechtigten Produktionsgemeinschaften, die sich nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Arbeiter und Verbraucher zu wirtschaftlichen Föderationen (Bünden) zusammenschließen. Dasselbe sollte für die landwirtschaftlichen Genossenschaften gelten. Die Wirtschaft sollte also nicht durch zentrale Planung gehemmt werden, sondern sich von der Basis her, d.h. an den tatsächlichen Bedürfnissen der Produzenten (Arbeiter) und Konsumenten (Verbraucher) orientieren.</p>
<p>Es leuchtet ein, dass man die wirtschaftliche Ordnung nicht dem Zufall eines freien Marktes überlassen kann. Das ist damit auch keineswegs gemeint! Vielmehr sollten sich dafür Räte zusammenschließen und sich über Erfahrungen, Probleme und anderes austauschen und Beschlüsse treffen. Es leuchtet ebenfalls ein, dass eine solche Organisation nicht nur aus studierten Theoretikern besteht, die irgendwo an Tischen von staatlichen Zentralen sitzen, sondern dass diese Organisation aus den Arbeitern selbst besteht, nach dem Prinzip der Selbstverwaltung.</p>
<p>In den beiden erfolgreichsten anarchistischen Gesellschaften, die je existierten, in der Ukraine und Spanien, ist es tatsächlich gelungen, diese Vorstellungen in den ersten Ansätzen zu verwirklichen. Es ist gelungen die Arbeitswelt erheblich zu humanisieren. Betriebe wurden von den ArbeiterInnen selbst übernommen und verwaltet (kollektiviert). Transport- und Verteilungsfragen wurden nicht vom Kapital oder der Regierung beschlossen, sondern einzig durch demokratischen Räte der Arbeiter und Bauern. Und was niemand für möglich hielt geschah: Die Produktion stieg, anstatt zu fallen, die Löhne konnten teilweise gehoben und sogar die Arbeitszeit gesenkt werden.</p>
<p>Weder in der Ukraine 1918 bis 1922 noch in Spanien 1936 bis 1939 hat es trotz der Bürgerkriegssituationen Hungertote gegeben (vgl. die Millionen von Toten im planwirtschaftlichen Sowjetrussland der 20er-Jahre). War die Ukraine mehr ein Agrarland mit wenig Industrie, so haben wir in Spanien mit seinen Industriezentren (Barcelona und Valencia) ein typisches Beispiel dafür, dass das anarchistische Prinzip der Selbstverwaltung und der Bedürfnisproduktion auch in modernen Industrieländern möglich ist.</p>
<p>Fassen wir die Thesen der wirtschaftlichen Organisation der Anarchisten kurz zusammen:</p>
<ul>
<li> Arbeiterverwaltung</li>
<li>Bedürfnisproduktion</li>
<li>Humanisierung der Arbeitswelt</li>
<li>Ausnutzung der technischen Mittel und wirtschaftlichen Koordination nach dem Räteprinzip</li>
</ul>
<p><strong>Räte und Selbstverwaltung</strong></p>
<p>Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von allen bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Die Räte sind sowohl geografische als auch sachliche Organisationszusammenhänge. Sie können sich überschneiden, d.h., es gibt z.B. den Rat des Dorfes, einer Stadt oder eines Landstrichs, je nach Größe und Einwohnerzahl. In diesem Gebiet wiederum organisieren sich Räte nach sachlichen Zusammenhängen, so z.B. am Arbeitsplatz: in der Fabrik, im Transportwesen, in den Universitäten und Schulen, in den Krankenhäusern etc. Es kann auch andere sachliche Zusammenhänge geben, wie den Rat der Frauen, den der Alten, den der Körperbehinderten usw.</p>
<p>Jeder Rat ist also im Grunde die Versammlung aller Menschen, die unter den entsprechenden Bereich fallen und daran teilnehmen möchte. Natürlich ist die Teilnahme freiwillig. Ebenso ist jeder Rat grundsätzlich „autonom“ (unabhängig). Zur Bewältigung bestimmter überregionalen Probleme (wie z.B. Transportwesen, Post, Politik allgemein) wählt der Rat sogenannte Delegierte. Die Delegierten bilden einen weiteren Rat. Hierbei ist gewährleistet, dass die, die das meiste Vertrauen in der Bevölkerung genießen und sich mit dem Problem um das es gerade geht, am besten auskennen, gewählt werden. Dies ist eine klare Organisation von unten nach oben. Sieben Millionen ÖsterreicherInnen können sich schlecht irgendwo versammeln und noch schlechter miteinander beraten. Die Delegierten können jedoch nach ihrer Wahl nicht machen, was sie wollen: Sie unterliegen immer den Interessen der Basis, die sie gewählt hat! EinE Delegierte(r) der/die nicht für die Interessen des eigenes Rates Eintritt wird von der Basis ersetzt.</p>
<p><strong>Der Kommunismus und die Parteien</strong></p>
<p>Die Partei der Bolschewiki: Diese Partei ist eine Abspaltung der russischen Sozialdemokratie. Sie erhob sich selber zur &#8220;Avantgarde des Proletariats&#8221; und war straff und autoritär organisiert. Ihr Ziel war es, unter ihrer Führung einen Aufstand zu beginnen, die Macht im Staat zu übernehmen und „den Sozialismus“ einzuführen. Vom revolutionären Bewußtsein des Arbeiters hielt die Partei nicht allzu viel. Als die Revolution 1917 in Russland begann, zog sie mit und kämpfte unter der Parole &#8220;Alle Macht den Räten&#8221; an der Seite der Anarchisten und Sozialrevolutionäre mit dem Volk für die Revolution. Das war nur ein taktischer Zug &#8211; als die Bolschewiki die Macht übernahmen, zerschlugen sie zuerst einmal die anarchistischen und sozialrevolutionären Organisationen und machten Schritt für Schritt die Revolution rückgängig. Die Räte wurden entmachtet, Polizei und Armee wieder aufgebaut und gegen das eigene Volk eingesetzt. Die Bürokratie hielt überall Einzug und Erhebungen gegen die neue Parteidiktatur wurden blutig niedergeschlagen. Nach knapp 20 Jahren unterlag Russland der brutalen Diktatur eines einzigen Mannes &#8211; Josef Stalin. Von Sozialismus keine Spur, von Freiheit erst recht nicht.</p>
<p>Es geht nicht darum, die politische Macht zu erobern, sondern sie zu zerschlagen! Sowohl die bolschewistischen Avantgardekonzepte, als auch die parlamentarisch-reformistischen Sozialdemokratien sind gescheitert. Nicht die Übernahme des Staates ist der Weg zur Überwindung von Ausbeutung und Herrschaft, sondern seine vollständige Ersetzung durch neue Organisationsformen von unten!</p>
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