<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Die Gruppe MD &#187; Revolution</title>
	<atom:link href="http://www.die-gruppe-md.de/tag/revolution/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.die-gruppe-md.de</link>
	<description>Linke politische Textsammlung</description>
	<lastBuildDate>Thu, 01 Dec 2011 20:39:41 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.2.1</generator>
		<item>
		<title>Von Eisner bis Leviné</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/von-eisner-bis-levine</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/von-eisner-bis-levine#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 27 Nov 2009 22:40:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Mühsam]]></category>
		<category><![CDATA[Konterrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Räte]]></category>
		<category><![CDATA[Räterepublik]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=558</guid>
		<description><![CDATA[Über Entstehung und Geschichte der bayerischen Räterepublik werden so einseitige und falsche Darstellungen verbreitet, daß ich als einer von denen, die die Revolution in München vom ersten Tage an mit erlebt und zum Teil wohl auch in ihrem Verlauf beeinflußt haben, hohen Wert darauf lege Euch russischen Genossen ein Bild zu zeichnen, das die Begebenheiten in einem Licht weniger getrübter Färbung zeigen mag. Gewiß weiß ich, daß ich als unmittelbar Beteiligter manches nur unter subjektiven Eindrücken berichten kann.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2><span id="more-558"></span>Die Entstehung der bayerischen Räterepublik</h2>
<h3>Persönlicher Rechenschaftsbericht über die Revolutionsereignisse in München vom 7. November 1918 bis zum 13. April 1919</h3>
<p><strong>Genossen!</strong></p>
<p>Über Entstehung und Geschichte der bayerischen Räterepublik werden so einseitige und falsche Darstellungen verbreitet, daß ich als einer von denen, die die Revolution in München vom ersten Tage an mit erlebt und zum Teil wohl auch in ihrem Verlauf beeinflußt haben, hohen Wert darauf lege Euch russischen Genossen ein Bild zu zeichnen, das die Begebenheiten in einem Licht weniger getrübter Färbung zeigen mag. Gewiß weiß ich, daß ich als unmittelbar Beteiligter manches nur unter subjektiven Eindrücken berichten kann. Es wird sich jedoch aus dem Folgenden ergeben, daß es keineswegs meine Absicht ist, eigene Fehler zu bemänteln. Doch scheint mir durchaus notwendig, die bis jetzt als zuverlässig angesehene Schrift P. Werners »Die bayerische Räterepublik. Tatsachen und Kritik« (Frankes Verlag, Leipzig) in ihrer tendenziösen Selbstgerechtigkeit, ihrem Bestreben, die Haltung der KPD unter allen Umständen als mustergültig vorzuführen und alle und alles zu verunglimpfen, was nicht von den Parteikommunisten ausging, durch eine kurze Zusammenfassung zu ergänzen, die es dem Außenstehenden erlaubt, sein Urteil durch Vergleich zu bilden oder zu revidieren.</p>
<p>Es fällt mir dabei nicht ein, die meiner Meinung nach verhängnisvollen Fehler, die von den Führern der Kommunistischen Partei begangen wurden, wie es Werner uns anderen gegenüber tut, höhnend oder anklagend vorzutragen. Verhängnisvolle Fehler sind von allen Beteiligten begangen worden, und es scheint mir revolutionäre Pflicht, an die eigene Brust zu schlagen, statt die eigene Haltung auf Kosten des anderen, der kein Gegner ist, sondern nur in gewissen Fragen abweichender Meinung war, unter entstellenden Behauptungen zu verteidigen. Anderseits sehe ich aber auch keinen Anlaß, falsche Beschuldigungen auf mir sitzen zu lassen, und halte mich insbesondere für verpflichtet, das mir teure Andenken des am 2. Mai 1919 von den Weißgardisten entsetzlich geschlachteten großen Revolutionärs Gustav Landauer, meines Lehrers und nächsten Freundes, von den Anwürfen zu reinigen, denen Werners Schrift es aussetzt.</p>
<p>Ich möchte gleich anfangs bemerken, daß dieser Brief nur eine vorläufige Äußerung zur oberflächlichen Orientierung sein soll. Ich wurde nach der Niederwerfung der proletarischen Revolution vom Standgericht in München zu fünfzehn Jahren Festung verurteilt, von denen ich bald eineinhalb Jahre bewältigt haben werde. Meine Hoffnung auf nahe glückliche Ereignisse in Deutschland und mithin auch in Bayern ist so groß, daß ich die Absicht, eine historisch getreue, ausführliche Darstellung der bayerischen Revolution vom 7. November 1918 bis 13. April 1919 (dem Tag meiner Verschleppung von München), gern hinausschiebe, bis ich in der Freiheit alle notwendigen Dokumente und Unterlagen ohne Umständlichkeiten zur Verfügung habe und meine schriftlichen Arbeiten keiner Zensur mehr vorzulegen brauche. Daher kommt es mir in diesem Schreiben auch nicht darauf an, gegen Werner oder andere Historiographen zu polemisieren, sondern einzig darauf, meine Auffassung von den Dingen, gänzlich unbeeinflußt, Ihnen, Genosse Lenin, und denen, denen Sie weiterhin davon Kenntnis geben wollen, in groben Umrissen mitzuteilen.</p>
<p>Zu meiner persönlichen Legitimation mögen folgende Daten dienen: Im Alter von zweiundzwanzig Jahren (1900) gewann ich die erste Fühlung mit der revolutionären Bewegung in Deutschland und faßte unter der Leitung Gustav Landauers Fuß in der kommunistisch-anarchistischen Bewegung, der ich treu blieb. Gewisse Schwankungen in der Auffassung, die mich zeitweilig in die Nähe Stirners trieben, dann, unter Landauers Einfluß, zum Proudhonisten machten, waren zu überwinden, bis sich mein Standpunkt in der Anerkennung des reinen und bedingungslosen Klassenkampfes festigte, wobei mir in den Kampfmethoden stets Michael Bakunin, im Kampfziel Peter Kropotkin (dieser mit geringen Abweichungen) maßgebend waren. Mein Bakunismus führte mich 1909 zu dem Versuch, in München die revolutionäre Unterweisung und Organisation des Lumpenproletariats zu unternehmen. Den Freispruch in dem 1910 deswegen durchgeführten Prozeß dankte ich dem Umstand, daß der angezogene Geheimbundparagraph sich als untauglich erwies und das Strafgesetzbuch schlechterdings keine für den Fall verwendbare Bestimmung enthielt. In einer 1911 begründeten Monatsschrift »Kain« bemühte ich mich, speziell die akademische Jugend und die Künstlerboheme revolutionär zu beeinflussen und dadurch den Intellektuellen ihre natürliche Zusammengehörigkeit mit dem Proletariat bewußt zu machen. Beim Ausbruch des Krieges ließ ich das Blatt eingehen mit der Begründung, daß ich meine Kundgebungen einer militärischen Zensur nicht unterwerfen könne. Während des Krieges unterhielt ich zu vielen Revolutionären Beziehungen. Ein Versuch, den ich 1916 unternahm, alle revolutionären Sozialisten ohne Festlegung der akademischen Formeln zu einem illegalen Aktionsbund zu vereinen – im April 1916 war ich deswegen in Berlin und besprach den Plan mit dem zwar skeptischen, aber grundsätzlich bereiten Genossen Karl Liebknecht –, und für den ich neben Landauer besonders auch den verstorbenen Genossen Westmeyer-Stuttgart gewann –, scheiterte, meiner Meinung nach an intriganten Manövern eines auch schon toten, unabhängigen Führers, den ich in Verkennung des leisetreterischen Charakters dieser Partei glaubte in die geplante Verschwörung mit einbeziehen zu sollen. 1917 korrespondierte ich mit Franz Mehring über die von mir angeregte Reorganisation der II. Internationale. Meine Ansicht war, daß die Aufhebung des Londoner Beschlusses von 1896, der Anarchisten und Antiparlamentaristen die Zugehörigkeit versagte, die Abstoßung des gesamten Scheidemann-Flügels zur Folge haben und dadurch die Wiederbelebung des revolutionären Geistes herbeiführen müsse.</p>
<p>Im Frühjahr 1917 hatte Kurt Eisner in München wöchentliche Diskussionsabende eingerichtet, bei denen er die jeweiligen aktuellen Ereignisse von seinem demokratisch-pazifistischen Standpunkt aus erörterte und diskutieren ließ. Auf den Wunsch einiger seiner jugendlichen Hörer hinzugezogen, trat ich Eisner (der sich selbst Jaurèsist nannte und in Wirklichkeit genau die Ansichten Eduard Bernsteins vertrat) in heftiger Opposition gegenüber, indem ich seinem demokratischen Ideal das sozialistische und seiner entente-chauvinistischen Kriegsparteilichkeit meinen revolutionären Internationalismus entgegenstellte. Zum offenen Bruch zwischen Eisner und mir führte unsere entgegengesetzte Stellung zur russischen Revolution. Eisner war in Konsequenz seiner bürgerlichen Mentalität ein begeisterter Lobredner Kerenskis. Die Juni- Offensive schien ihm der Beginn eines neuen (des Wilsonschen) Zeitalters. Die Durchfahrt der Bolschewiki durch Deutschland bedeutete ihm Verrat und war ihm Beweis, daß die Lenin und Trotzki Kreaturen Ludendorffs seien. Demgegenüber bekannte ich meine tiefe Abneigung gegen Kerenskis Politik, der die russische Revolution des Proletariats in den Dienst des westlichen Imperialismus stelle und revolutionäre Deserteure dem französischen und englischen Kapitalismus zuliebe erschießen lasse. Mein entschiedenes Eintreten für Eure insurrektiven Pläne und die Annahme der Bezeichnung »Maximalist« für mich selbst zogen mir den Zorn Eisners in einem Maße zu, daß mir etwa vom Dezember ab der Zutritt zu den Diskussionsabenden, bei denen ich mich ja nur als Gast und Geduldeter zu betrachten hatte, verleidet war. Als dann der Januarstreik ausbrach, an dem in München Eisner den stärksten Anteil hatte und von dem er den unmittelbaren Anstoß zur Revolution erhoffte, war sein erstes, daß er die Parole ausgab, mir dürfte in keiner Versammlung das Wort verstattet werden. Also Front gegen links! als Leitmotiv einer proletarischen Revolution. Diese Parole ist denn auch von seinen unabhängigen Trabanten getreu befolgt worden. Dadurch entging ich damals dem Schicksal, dem Eisner mit einigen seiner nächsten Genossen selbst verfiel, der Verhaftung. Erst einige Monate später (im April) wurde ich auf Grund einer damals erst in Kraft tretenden militärischen Ausnahmegesetzgebung in Zwangsaufenthalt nach Traunstein verbracht, wo ich bis Zusammenbruch der deutschen Armee interniert war. (Die Einrichtung der Schutzhaft hat es in Bayern so lange nicht gegeben, bis es – Republik war.)</p>
<p>Diese Angaben persönlicher Natur schienen mir geboten, um Euch davon zu überzeugen, daß die Behauptung, die Räterepublikaner vom 6. April seien fast ausnahmslos bis zum Beginn der Revolution ohne politische Vergangenheit gewesen, auf mich nicht zutrifft. Was insbesondere meine Sympathie mit dem Bolschewismus anlangt, so datiert sie, wie gezeigt, schon aus der Kerenskizeit. Ich hatte dann aber noch Gelegenheit, sie auch Russen gegenüber zu bewähren. Denn mein (verbotener) Verkehr in Traunstein bestand hauptsächlich im Umgang mit russischen Zivilinternierten, die samt und sonders Menschewiki waren und unter denen ich als Deutscher der einzige war, der den Bolschewismus mit Leidenschaft verteidigte und propagierte.</p>
<p>Die Revolution in München brach zwei Tage vor der Berliner aus, am 7. November 1918, dem Jahrestage Eures Sieges. Ihre – im Sinne der politischen Wirkung – Gründlichkeit ging weit über die von Eisner mit dem konterrevolutionären Sozialpatrioten Auer verabredeten Vorsätze hinaus. Geplant war nur nach einer Massendemonstration die Erzwingung einer »rein demokratischen« Verfassung unter Beibehaltung der Monarchie und die Einsetzung eines »sozialistischen« oder doch von soidisant-Sozialisten[245] garnierten Kabinetts nebst den üblichen Zusagen, als Erbschaftssteuer, Aufhebung der 1. Kammer, Wegsteuerung der Kriegsgewinne etc. Erst als – einige Stunden nach Auflösung des Meetings auf der Theresienwiese – die Volksbewegung mächtig anschwoll, sich ihr die gesamte Garnison unter Sprengung der Kasernen-Internierung anschloß und aus der Demonstration offensichtlich eine Revolution geworden war, zog Eisner daraus die Konsequenz, nachdem schon am Nachmittag von mir zuerst die Republik ausgerufen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufgefordert war, am späten Abend die Wahl eines Soldaten- und Arbeiterrats vornehmen zu lassen und in der Nacht als dessen Vorsitzender im Landtagsgebäude die »sozialistische Republik« zu proklamieren, während Auer noch in derselben Nacht bei den militärischen Stellen fünfhundert »zuverlässige« Mannschaften anforderte, um die Bewegung zu unterdrücken. Diese Soldaten waren aber nicht mehr aufzutreiben. Da ich bis in die späte Nacht hinein Straßenagitation trieb, war ich bei der Bildung des Arbeiterrats nicht zugegen und erfuhr erst am nächsten Morgen von den Vorgängen im Landtag.</p>
<p>Ich glaubte, diese kurze Darstellung geben zu sollen, um den besonderen Charakter des ersten Arbeiterrats, der im folgenden eine wichtige Rolle spielt, deutlich zu machen. Er hatte sich spontan aus den am Umsturz aktiv beteiligten Proletariern in der Stärke von etwa fünfzig Personen konstituiert, die sich um die damals ungeheuer populäre Person Eisners geschart hatten. Dieser »Revolutionäre Arbeiterrat« war und blieb die stärkste treibende Kraft der bayerischen Revolution bis zum April 1919. Er gab sich eine souveräne Verfassung mit dem Recht des Ausschlusses unzuverlässiger Mitglieder und der Kooptation von Genossen aus eigener Machtvollkommenheit. Während Eisner am 9. November eine »rein sozialistische« Regierung mit sich selbst als Ministerpräsidenten und dem Verräter Auer als Minister des Innern formierte, schritt der »Revolutionäre Arbeiterrat« (diesen Namen behielt er bei) sofort zur praktischen Arbeit. Schon am zweiten Tag seines Bestehens machte er von seinem Kooptierungsrecht Gebrauch, indem er – sehr gegen Eisners Wunsch – mich in seine Mitte berief. Kurz darauf kooptierten wir Gustav Landauer, der erst nach dem Umsturz nach München gekommen war. Der RAR war es, der dann aus eigener Initiative die Bildung eines »Münchener Arbeiterrats« nach Betriebswahlen vornahm, desgleichen im ganzen Lande die Wahlen von Arbeiterräten organisierte und in Verbindung mit dem Soldaten- und Bauernrat die Schaffung einer Landesorganisation der Räte mit einem Zentralrat an der Spitze veranlaßte. In den Münchener Arbeiterrat traten wir in Stärke von fünfzig Genossen korporativ ein und nahmen ebenso korporativ an der ersten Tagung der konstituierenden Landesräteversammlung teil. Für den aus vierhundert Mitgliedern bestehenden Münchener Arbeiterrat stellten wir als erste These die Bedingung, daß ihm sozialdemokratische Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre nicht angehören dürften, damit sein Charakter als Organ der Werktätigen selbst nicht verwischt würde. Als zur ersten öffentlichen Sitzung des Münchener Arbeiterrats trotzdem die Führer der reaktionären Gewerkschaften erschienen, beförderten wir sie im Handgemenge brachial zum Saal hinaus – fünfzig Mann gegen vierhundert –, und die Mehrheit fügte sich.</p>
<p>Der revolutionäre Geist im RAR festigte sich ständig dadurch, daß schwankende Elemente allmählich hinausgedrängt und entschlossene Revolutionäre kooptiert wurden. Eisner, der formell immer noch Vorsitzender dieser kleinen Organisation war, sich aber nie als solcher betätigte (nur einmal – im Januar – wurde er direkt vorgeladen, um sich wegen seiner höchst zweideutigen Politik zu rechtfertigen), mußte bald erkennen, daß er in diesem Organ seinen gefährlichsten Gegner zu fürchten hatte. Die politischen Programmunterscheidungen waren zu Anfang der Revolution noch ganz ungeklärt. Die Mitglieder des RAR gehörten größtenteils der USP an. Landauer, ich und noch zwei oder drei Arbeiter waren als Anarchisten bei keiner Partei. Mehrere Genossen – und keineswegs die schlechtesten – waren formell noch Mitglieder der Scheidemann-Partei. Wir fragten auch niemanden, ob und wo er organisiert sei, sondern beurteilten alles nach den Beobachtungen, die wir mit den einzelnen machten. Bedingung war einfach der Wille, die Revolution bis zur Durchführung des Sozialismus auf der Grundlage des Rätegedankens weiterzutreiben. Die Kommunistische Partei Deutschlands existierte noch nicht. Der Spartakusbund bestand als linker Flügel der USP, hatte aber in Bayern keine erklärten Zugehörigen.</p>
<p>Die erste revolutionäre proletarische Organisation gründete ich Ende November. Zur Orientierung teile ich das Flugblatt mit, das am 30. November erschien und große Wirkung bei den am weitesten vorgeschrittenen Arbeitern hatte. Es lautete:</p>
<p style="text-align: center;"><strong>»Revolutionäre, internationalistisch gesinnte kommunistische</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Arbeiter und Soldaten!</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Männer und Frauen!</strong></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Nicht alle Volksgenossen sind mit dem bisherigen Verlauf der Revolution einverstanden.</span></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Wir sind nicht zufrieden mit der Beschränkung der revolutionären Forderungen auf politische Angelegenheiten. Wir verlangen die Verwirklichung des Sozialismus als Krönung der gegenwärtigen Volksbewegung.</span></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Das Ende des Weltkrieges bedeutet zusammen mit der Weltrevolution den Zusammenbruch des Kapitalismus. Auf seinen Trümmern wollen wir nicht altes zu retten suchen, sondern neues aufbauen. Wir blicken nicht auf den Weg, sondern aufs Ziel. Das Mittel der Revolution heißt Revolution. Das ist nicht Mord und Totschlag, sondern Aufbau und Verwirklichung. Mit diesem Mittel wollen wir die sozialistische Gesellschaft der Gerechtigkeit und Wahrheit bei uns durchführen, um den Brüdern der gesamten Internationale das Beispiel zu geben, das unsere russischen Kameraden uns gegeben haben. Wie sie wollen wir die Liebe zur Menschheit zur Richtschnur aller unserer Handlungen machen.</span></p>
<p style="text-align: justify; padding-left: 30px;"><span style="color: #000000;">Zunächst haben wir dazu aufzuklären und die Kräfte zu sammeln, die die Rettung der Welt in der Neubelebung einer radikalen und konzessionslosen, sozialistisch-kommunistischen Internationale erkennen. Wir rufen das bayerische und darüber hinaus das deutsche Volk auf, mit uns gemeinsam die Verbindung mit den Völkern aller Länder herzustellen zu dem Ende, den internationalen Kapitalismus und Imperialismus von Grund aus zu stürzen und die Hand- und Kopfarbeiter zu Nutznießern des eigenen Werks zu machen.</span></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Es lebe die Freiheit des Volkes! Es lebe die Revolution der Welt! Es lebe die sozialistische Internationale!</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Vereinigung revolutionärer Internationalisten Bayerns.</strong></p>
<p style="text-align: center;"><em>Erich Mühsam. Jos. Merl. Hilde Kramer. F.A. Fister.«</em></p>
<p>Dieser sehr allgemein gehaltene Aufruf, der auf die Grundforderung der Kommunisten, die Rätediktatur, noch mit keinem Wort eingeht und die Sympathie mit Euch Bolschewiken nur vorsichtig andeutet, entsprach dem revolutionären Reifegrad des äußersten linken Flügels, der damals in München war. Erst die Versammlungen, in denen wir täglich die Massen bearbeiteten, gaben uns die Möglichkeit, die ungeheuer fest wurzelnden Vorurteile gegen den Bolschewismus zu zerstreuen, den Aberglauben an die freiheitliche Sendung der von Eisner versprochenen Nationalversammlung zu zerstören, den Begriff des Kommunismus zu popularisieren und das revolutionäre Wollen in der Formel bewußt zu machen: Alle Macht den Räten! Die »Vereinigung revolutionärer Internationalisten« gewann mit großer Schnelligkeit ungeheure Popularität bei der revolutionären Arbeiterschaft, die in ihren Versammlungen den Konzentrationspunkt für die Opposition fand, welche sich nach und nach gegen Eisners bürgerlich-demokratische Politik geltend machte. Ich habe die Gewißheit, daß diese Volkstümlichkeit wesentlich begründet war in dem von mir als Prinzip aufgestellten Verzicht auf parteimäßige Konstituierung. Ich pflegte den Arbeitern zu sagen: »Klebt Marken, wo ihr wollt und soviel ihr wollt, oder laßt es auch bleiben. Wir wollen hier keinen Zank um Organisationsfragen. Die VRI will alle sammeln, die mit dem Wunsch, die Revolution zum Kommunismus vorzutreiben, erfahren wollen, was das revolutionäre Proletariat dazu zu tun hat. Werbt für unsere Ideen in eurer Partei, in eurer Gewerkschaft, in eurem Betrieb, in eurem Privatkreis.« Eine eigentliche Mitgliedschaft gab es demnach gar nicht. Die Mittel zur Agitation etc. wurden durch freiwillige Spenden und in den Versammlungen aufgebracht. Welcher Geist in der kürzesten Zeit die unausgesetzte Bearbeitung des Proletariats lohnte, zeigte sich schon in der Nacht vom 6. zum 7. Dezember, als nach einer Rede, die ich gegen die Gemeinheit und die Prostitution der Presse gehalten hatte, die Versammlung mich förmlich zwang, einen Zug gegen eine besonders verhaßte klerikale Zeitung zu führen. Da sich uns auf dem Weg etwa tausend Soldaten anschlössen, gelang es, in dieser Nacht fast alle bürgerlichen Zeitungen Münchens zu besetzen. Der sofort von der Reaktion alarmierte Ministerpräsident Eisner erschien dann persönlich mit dem Stadtkommandanten und dem Polizeipräsidenten und hatte immer noch genug Ansehen, um die Aktion rückgängig machen zu können. Die von ihm »befreite« Presse dankte ihm dadurch, daß sie eine Hetze gegen ihn veranstaltete, deren Wirkung am 21. Februar seine Ermordung durch den Grafen Arco war.</p>
<p>Die VRI fand sich täglich in engerem Kreis, der teilweise aus denselben Personen bestand, die den RAR bildeten, im Nebenzimmer einer Wirtschaft zusammen. Dort wurde die Buchführung besorgt, die Flugblätter und Plakate entworfen, die Prinzipien und die zu befolgende Politik diskutiert. An diesen Kreis wandte sich gegen Ende Dezember Genosse Max Levien, um ihn zur Umbildung der VRI zu einer Ortsgruppe des Spartakusbundes zu bewegen. Ich widersetzte mich (Landauer, der auswärts wohnte und nur gelegentlich nach München kam, gehörte der Vereinigung nicht an). Einmal fürchtete ich, daß eine Parteibildung dieselben Folgen haben würde, die sie in Deutschland noch immer gehabt hat: die Unterordnung des proletarischen Revolutionswillens unter die Parteiinteressen, dann aber konnte ich mich grundsätzlich nicht mit dem Programmpunkt des Spartakusbundes einverstanden erklären, der für ganz Deutschland eine einheitliche, zentralistische Räterepublik fordert. Bayern und ganz Süddeutschland sind erst vor fünfzig Jahren – nach ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen Preußen 1866 – dem von Preußen dirigierten Reich beigetreten. Die partikularistischen Strömungen sind in Bayern enorm stark, die Unitaritätstendenzen, die die »demokratische« Reichsregierung mit Unterstützung aller sozialistischen Parteien fördert, unermeßlich unpopulär. Ich führe die gewaltige Stärkung der Reaktion in Bayern, die es zur Zeit zur deutschen Vendée macht, zum starken Teil auf den instinktiven Abscheu der kleinbäuerlichen und zum Teil auch der proletarischen Bevölkerung gegen die »Verpreußung« zurück. Mit diesem Hinweis behielt ich auch bei der VRI Levien gegenüber recht. Da ich jedoch sah, daß der Anschluß an eine revolutionäre Parteiorganisation der drängende Wunsch der Genossen war, riet ich zum korporativen Anschluß an die Bremer »Internationalen Kommunisten«, die gleich mir die Aufrechterhaltung des föderalistischen Charakters Deutschlands auch für die Zukunft erstrebten. Der Anschluß wurde vollzogen. Ich selbst ließ mich, um einerseits meine Stellung als Anarchist zu betonen, anderseits meine vollkommene Solidarität mit den Genossen zu bekunden, mit denen ich bisher denselben Weg gegangen war, als Hospitant in die Mitgliederliste eintragen, stellte auch meine im November wieder zum Leben erweckte Zeitschrift »Kain« als Publikationsorgan weiterhin zur Verfügung. Übrigens bestand die VRI nach wie vor daneben weiter.</p>
<p>Anfangs Januar, nachdem durch den Austritt des Spartakusbundes aus der USP und seine Fusion mit den »Internationalen Kommunisten« die »Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund)« gegründet war, konstituierten sich unter Leitung des Genossen Levien die aus meiner Initiative (ich muß das im Status der Verteidigung immerhin betonen) zusammengeschlossenen Revolutionäre zur Münchener Ortsgruppe der KPD. Jetzt begann eine äußerst regsame und fruchtbare Tätigkeit, die von Levien und mir in engster Verbindung miteinander und in schönster nachbarlicher Kameradschaft organisiert wurde. Viele Versammlungsplakate aus jener Zeit tragen als Einberufer die gemeinsame Unterschrift der KP-Ortsgruppe und der VRI. In vielen Versammlungen traten Levien und ich nebeneinander als Referenten auf oder aber gleichzeitig in Parallelversammlungen, nachdem wir uns mündlich über den Inhalt unserer Referate verständigt hatten. Die »Vereinigung revolutionärer Internationalisten« war allmählich überflüssig geworden. Mir wurde die Möglichkeit zur propagandistischen Betätigung von der Kommunistischen Partei ausgiebig geboten. In zahlreichen ihrer Versammlungen wurde ich als ihr offizieller Redner aufgestellt, mußte oftmals für den verhinderten Levien einspringen und wurde auch von der Partei zu Werbeversammlungen außerhalb Münchens fortgeschickt. Bei der revolutionären Arbeiterschaft waren Levien und ich, wie ich glaube, gleichmäßig populär, obwohl es durchaus bekannt war, daß ich nicht Mitglied der Partei geworden war.</p>
<p>Die rapide Revolutionierung des Münchener Proletariats war nach meiner Überzeugung in erster Reihe der von den Kommunisten und Internationalisten übereinstimmend ausgegebenen Parole der Wahlabstinenz bei den bevorstehenden Wahlen zur deutschen und bayerischen Nationalversammlung zu danken. Die Gläubigkeit an die Allmacht des Parlamentarismus war von der alten Sozialdemokratie so sehr zum Inhalt aller Politik gemacht worden, daß mit der Erkenntnis der Arbeiter, daß ihre früheren Führer Betrüger waren, zugleich die Einsicht aufging, daß das wichtigste Organ des Volksbetrugs eben die Parlamente seien. Indem wir das Wesen der Räterepublik dem der parlamentarischen Demokratie gegenüberstellten, gewannen wir den besten Teil des Proletariats, dessen wachsender revolutionärer Wille den stärksten Ausdruck fand in der haßerfüllten Verwerfung der Wählerei. Eisner hatte am 8. November in seiner ersten Proklamation die schleunige Einberufung der Nationalversammlung versprochen. Die Zusage wurde bald das Kampfgeschrei der sich allmählich sammelnden Reaktion. Die Parole: für oder gegen die Nationalversammlung! bezeichnete die Grenze zwischen der Bourgeoisie und dem revolutionären Proletariat. Ich habe keinen Zweifel, daß ein Beschluß des ersten Parteitages der KPD, daß die Partei an den Wahlen teilzunehmen hätte, mindestens in München den Zerfall der Ortsgruppe gleich beim Entstehen bewirkt hätte. Eisner selbst, dem der bürgerliche Parlamentarismus A und O seiner politischen Einstellung war, mußte dem Widerstand, zu dem sich ganz besonders der »Revolutionäre Arbeiterrat« verpflichtet fühlte (wollte doch Eisner den Räten prinzipiell nur die Stellung eines »Nebenparlaments« mit einigen Kontrollrechten zuweisen), Rechnung tragen und verlegte sich auf eine dilatorische Politik, indem er die Bourgeoisie auf die Heimkunft der auf dem Rückmarsch befindlichen Heeresteile und selbst der Kriegsgefangenen vertröstete. Ende Dezember jedoch erpreßte eine bewaffnete Demonstration rückständiger Regimenter von ihm die Zusage, daß die Wahlen zum 12. Januar anberaumt würden.</p>
<p>Da Eisner von uns Störungen des Wahlakts und der Vorbereitungen dazu befürchtete, schritt er am 10. Januar 1919 zu einer Gewaltaktion. Er ließ in der Frühe des Tages die führenden Persönlichkeiten der KPD und des RAR verhaften, im ganzen zwölf Personen, darunter auch Levien und mich. Mit diesem Unternehmen holte er sich eine entscheidende Niederlage und vernichtete bei der radikalisierten Masse Sympathien, die ihm seiner entschlossenen und persönlich tapferen Haltung beim Januarstreik und bei der Novemberrevolution wegen überreich entgegengebracht wurden. Eine spontane Riesendemonstration zog vor das Ministerium des Auswärtigen und verlangte unsere Freigabe. Eisner wollte sie um keinen Preis zugeben, verweigerte sogar zuerst, mit dem Sprecher der Masse zu verhandeln. Schließlich erzwang sich der Matrose Rudolf Egelhofer, der spätere Oberkommandierende der Roten Armee, den Zutritt, indem er von außen am Hause emporkletterte und durchs Fenster in Eisners Arbeitszimmer eindrang. Angesichts der bedrohlichen Haltung der Menge mußte darauf Eisner unsere sofortige Freilassung anordnen. In der Volksversammlung, in der die Masse uns erwartete, wurden wir mit ungeheuren Ovationen empfangen. Eisner hatte verspielt. Die revolutionäre Arbeiterschaft sagte sich von ihm los, während die Reaktion sich längst wieder stark genug fühlte, um auch ihrerseits gegen den immerhin unbequemen Ministerpräsidenten Sturm zu laufen, um seinen Platz mit dem zu jeder proletarierfeindlichen Schandtat bereiten Auer zu besetzen.</p>
<p>Der Haß der Bourgeoisie gegen Eisner strömte aus anderen Quellen als aus der Furcht vor seinem sozialistischen Radikalismus. Er war nationalistisch begründet. Denn Eisner hatte sich die ganze Phraseologie der Entente gegen die Boches zu eigen gemacht und bekämpfte durchaus nicht den Kapitalismus in dem Lande, in dem er die Gewalt übernommen hatte, sondern den Militarismus, die Pressekorruption (der er gleichwohl nicht zu Leibe zu gehen wagte), die bürokratische Verstocktheit, die Geheimdiplomatie und die Selbstgerechtigkeit, lauter Dinge, die mit Recht zu bekämpfen waren, auf die Eisners Angriffe aber von den orthodoxen Nationalisten als höchst kränkend und gefährlich empfunden wurden. Zu Eisners politischer Charakteristik sei angemerkt, daß er in seiner ersten Proklamation eine tiefe Verbeugung vor dem »großen Patrioten« Clemenceau exekutierte und daß er dann in völliger Konsequenz seines subjektiv durchaus lauteren Wilsonismus bayerische Dokumente zur Belastung Deutschlands in der Kriegsschuldfrage publizierte. Als »Sozialisten« brauchten ihn Bayerns Kapitalisten in keiner Weise zu fürchten. Schon in den ersten Tagen seiner Herrschaft hatte er eine Erklärung veröffentlicht, die die Kapitalisten völlig darüber beruhigte, daß es auf einen Angriff gegen ihr Ausbeuterinteresse abgesehen sein könnte. Eisner tat darin nämlich die Auffassung kund, daß an Sozialisierung nicht zu denken sei, solange nichts zum Sozialisieren vorhanden sei. Er stellte sich also auf den Standpunkt, daß der im Weltkrieg zusammengebrochene Kapitalismus sich erst wieder erholen und zur höchsten Blüte entfalten müsse, um dann mechanisch in den Sozialismus »hineinzuwachsen«.</p>
<p>Auch sonst hätten die Bürger mit ihm zufrieden sein können. In einem seiner Erlasse berief er alle Offiziere und hohen Beamten, die das Volk vertrieben hatte, auf ihre Posten zurück. Bei der Bekämpfung des Bolschewismus ließ er dem Minister Auer, dem die Polizei unterstand, freie Hand. So erlebten wir es, daß unsere Plakate verboten, unsere Flugzettelverbreiter verhaftet wurden, während die Liga zur Bekämpfung des Bolschewismus ihre zu Pogromen aufreizende Propaganda ungestört betreiben konnte. Die beiden anderen mehrheitssozialistischen Minister gingen ihrem Kollegen Auer getreulich zur Hand, indem Herr Timm, dem die Justiz unterstellt war, die alten politischen Paragraphen des monarchistischen Strafgesetzbuches gegen Revolutionäre wirksam machte und Herr Roßhaupter, der Minister für militärische Angelegenheiten, sich von den Wittelsbacher Offizieren als Vollzugsorgan der Reaktion gegen die Soldatenräte mißbrauchen ließ.</p>
<p>Nach den Wahlen, die für Eisners Partei eine katastrophale Niederlage, für die »Auerochsen« (so nannte ich die Mehrheitssozialdemokraten gern in Versammlungen) einen triumphalen Erfolg brachten, verschärfte sich die revolutionäre Gärung in den Massen gewaltig. Zwei Ereignisse trieben die Spannung auf die Spitze. Roßhaupter übertrug den Offizieren des alten Regimes wieder Rechte, die ihnen die Soldatenräte einfach auslieferten, und kündigte überdies an, daß er die Soldatenräte überhaupt aufzulösen gedenke, da sie angesichts der bevorstehenden Liquidierung der gesamten Heeresmacht überflüssig geworden seien. Eigenartigerweise fand der Militärminister bei diesem reaktionären Walten den stärksten Halt beim Landessoldatenrat selbst. Als Anfang Februar der radikale Teil des Münchener Arbeiterrats eine Deputation in die Tagung des Landessoldatenrats entsandte und durch mich die Absetzung Roßhaupters verlangte, wurden wir von dieser Korporation glatt abgewiesen. In den Kasernen jedoch und der Arbeiterschaft war die Spannung dieses Anschlags auf die Revolution wegen ungeheuer.</p>
<p>Das andere Ereignis war die Folge einer Rede, die Genosse Levien, den wir inzwischen ebenfalls in den RAR kooptiert hatten, im Münchener Arbeiterrat gehalten hatte. Er hatte dabei zum entscheidenden Kampf gegen die Bourgeoisie aufgerufen, der »Auge in Auge, Brust an Brust« geführt werden müsse. Die Wirkung war seine Verhaftung auf Grund des Aufreizungsparagraphen des alten Strafgesetzbuches. Der RAR veranlaßte eine besondere Sitzung des Münchener Arbeiterrats, der einstimmig beschloß, die Freilassung Leviens energisch zu fordern. Eine Deputation, die sofort zum Staatsanwalt geschickt wurde, kam unverrichteterdinge zurück, da der Herr grade im Kino sei. Darauf wurde eine Deputation aus drei Mitgliedern des RAR gewählt, die am Tage darauf beim Justizminister Timm vorstellig wurde und mit Massenkundgebungen drohen sollte (die Deputation bestand aus den Genossen Landauer und Hagemeister und mir). Herr Timm verschanzte sich hinter seinen Staatsanwalt, der sein Untergebener war, und gab keine Zusage, entließ aber am Nachmittage desselben Tages trotzdem Levien aus der Haft, da er einsehen mußte, daß die Folgen seiner Weigerung für ihn und das ganze Kabinett Eisner bedrohlich werden mußten.</p>
<p>Dies war am 9. Februar, einem denkwürdigen Tage der bayerischen Revolution. Für den Abend war wieder der Münchener Arbeiterrat im Deutschen Theater zusammenberufen. Am Nachmittag vorher beriet in den Räumendes Reichsrats im Landtagsgebäude der RAR die Lage und beschloß, den Münchener Arbeiterrat zur Veranstaltung einer Riesendemonstration aufzufordern. Während dieser Verhandlungen betrat Genosse Levien, direkt vom Gefängnis kommend, das Sitzungszimmer. Es wurde jetzt auf Landauers Anregung hin beschlossen, daß wir in geschlossenem Zuge mit der roten Fahne zum Deutschen Theater marschieren und in den Saal, wo der Münchener Arbeiterrat versammelt war, einziehen sollten. Das geschah. Wegen der Bedeutung der Sitzung – handelte es sich doch um die Verteidigung des Grundrechts der freien Meinungsäußerung – waren die Vertrauensleute der Münchener Betriebe eingeladen worden, der Sitzung des Arbeiterrats beizuwohnen. Sie füllten die Tribünen des Erdgeschosses und des ersten Stockwerks, während die Galerie im zweiten Stock dicht besetzt war von Kommunisten. Als der »Revolutionäre Arbeiterrat«, Levien unter der roten Fahne an der Spitze, in geschlossenem Zuge in den Saal einrückte, brach auf den Tribünen frenetischer Jubel los. Die Sitzung selbst verlief äußerst dramatisch. Levien hielt eine zündende Rede, in der er betonte, daß man ihn zwar aus Angst vor der Wut des Proletariats jetzt freigelassen habe, daß aber das Strafverfahren gegen ihn weitergeführt werde. Währenddem zeigten mir zwei Genossen Vorladungen vor den Untersuchungsrichter als Zeugen in einer Strafsache gegen mich, aus denen hervorging, daß die Regierung jetzt nach zwei Monaten noch wegen der Besetzung der Zeitungen am 6. Dezember einen Landfriedensbruchs-Prozeß inszenieren wollte. Ich teilte das der Versammlung mit, und nun wurde stürmisch eine Demonstration verlangt, die die Zusicherung von der Regierung erzwingen sollte, die alten politischen Strafbestimmungen unter keinen Umständen gegen Revolutionäre anzuwenden. Die Debatte über die Demonstration verlief sehr erregt, und als wir Radikalen verlangten, daß zugleich die Abdankung Auers, Timms und Roßhaupters sowie die Nichteinberufung der Nationalversammlung verlangt werden sollte, entstand ein Tumult, bei dem die Sozialdemokraten, die die große Mehrheit des Münchener Arbeiterrats bildeten, unter Protest den Saal verließen. In diesem Moment sprang Landauer auf den Vorstandstisch und forderte die Vertrauensleute der Betriebe auf, als die wahren Vertreter des Proletariats sogleich die freigewordenen Sitze einzunehmen. Unter dem brausenden Beifall der Tribünen und während ich am Rednerpult die rote Fahne schwenkte, vollzog sich die Umgruppierung. Darauf wurde der einmütige Beschluß gefaßt, die Demonstration am 16. Februar stattfinden zu lassen. Sie sollte als positive Forderung die Nichtanwendung der politischen Paragraphen durchsetzen und im übrigen die revolutionäre Entschlossenheit des Proletariats der Regierung und dem ganzen Volk vor Augen führen.</p>
<p>In diesen Tagen trat in München zum ersten Mal der allgemeine bayerische Rätekongreß zusammen, dessen Hauptaufgabe war, seine Kompetenzen gegen den zum 21. Februar zusammenberufenen Landtag festzulegen. Der RAR war durch zehn Mitglieder in diesem Kongreß vertreten, zu denen auch ich gehörte. Eisner war gerade vom Berner Sozialistenkongreß zurückgekehrt, wo er den Sozialverrätern der Ententeländer eine Reu und Bittrede für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und in seine sozialistische Dependance, die Zweite Internationale, gehalten hatte. Mit dieser Rede hatte er sich zwar die Gunst Renaudels und seiner Genossen erworben, aber den Haß der deutschen Nationalisten in einem Maße zugezogen, daß sein Leben verwirkt war. Die reaktionäre Presse, deren »Freiheit« er trotz unserer immer wiederholten Warnungen unangetastet ließ, beschuldigte ihn verleumderischerweise, die Franzosen in der Zurückhaltung der deutschen Kriegsgefangenen bestärkt zu haben (das Gegenteil war der Fall), und in Studenten- und Offizierskreisen wurde offen zu seiner Ermordung aufgefordert. Während der Zeit seiner Abwesenheit war aber auch innerhalb seines eigenen Kabinetts eine raffinierte Intrige gegen ihn angesponnen worden. Kaum von Bern zurückgekehrt, kam Eisner dahinter, daß seine von ihm auf ihre Posten berufenen rechtssozialistischen Amtskollegen Auer und Roßhaupter bereits eine neue Ministerliste fertig hatten, in der Auer das Präsidium führte, Eisner aber und seine beiden unabhängigen Helfer, der Minister für soziale Fürsorge Unterleitner und der Finanzminister Jaffé (der weitaus fähigste Kopf des Kabinetts Eisner), ausgeschifft waren. Im Rätekongreß deckte Eisner diese Machenschaften unter starken Ausfällen gegen seinen anwesenden Ministerkollegen Roßhaupter öffentlich auf, stellte sich aber am nächsten Tage, nach einer Ministerrats Sitzung, in der das Kabinett beschlossen hatte zusammenzubleiben, nachdem Landauer Roßhaupter als »Noske-Affen« bezeichnet hatte, wieder schützend vor diesen »seinen Freund«, was ich zum Anlaß nahm, die Beseitigung des ganzen Ministeriums und seine Ersetzung durch eine revolutionäre Körperschaft zu verlangen. Der »Revolutionäre Arbeiterrat« betrieb inzwischen mit großem Eifer die Vorbereitungen für die Demonstration in dem Bestreben, ihr einen unzweideutigen revolutionären Charakter zu geben. Es war nämlich bekannt geworden, daß die Rechtssozialisten sich beteiligen wollten, um für »Demokratie«, »Ruhe und Ordnung« und Parlament Stimmung zu machen. Die Partei- und Gewerkschaftsführer sahen jedoch rechtzeitig ein, daß die Stimmung der Massen gegen sie war, und die »Auerochsen« wurden kommandiert, zu Hause zu bleiben. Eisner dagegen, der, solange es ging, versucht hatte, die ganze Kundgebung zu vereiteln, sah, daß seine Autorität beim Proletariat erschüttert war, und entschloß sich, um seiner revolutionären Tendenz die Spitze abzubrechen, sich selbst als Spitze dem Umzug voranzustellen. Damit wollte er zwei Vorteile auf einmal erzielen: erstens aus der Protestaktion gegen seine Regierung eine Vertrauenskundgebung für sich selbst zu machen, zweitens – angesichts der Treibereien seiner rechtssozialistischen Kabinettsgefährten gegen ihn – seine Popularität bei den Massen zu festigen, um für den Fall seines Sturzes, der nach dem Ausfall der Wahlen binnen kurzem zu erwarten stand, Anschluß bei der radikalen Opposition zu finden.</p>
<p>Eisners Absichten mißlangen in jeder Hinsicht. Als sich am 16. Februar die Massen zu einer Demonstration auf der Theresienwiese sammelten, wie sie München nie gesehen hatte, erschien er allerdings im offenen Auto. Die Ovationen, die er erwartete, blieben jedoch aus, und er konnte den Geist, der das Proletariat erfüllte, an den Aufschriften der Plakate erkennen, die der RAR verteilte und um die sich die Männer und Frauen scharten. Einige dieser Aufschriften mögen zeigen, unter was für Parolen der Zug sich in Bewegung setzte – und die Rufe der Menge, ihr Gesang und ihr Verhalten bewies, daß sie die roten Fahnen, die massenhaft mitgetragen wurden, nur unter diesen Parolen als ihr Symbol betrachteten. Da las man:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Gedenkt Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Alle Macht den A.-, B.- und S.-Räten!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Das souveräne Volk läßt sich von keinem Staatsanwalt seine Revolution verbieten!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Hoch Lenin und Trotzki!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Laßt Euch durch Schwätzer nicht vertreten,</p>
<p style="padding-left: 30px;">Selbst herrscht das Volk in seinen Räten!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Die Arbeiter- und Soldatenräte tanzen nicht nach der Landtagsflöte!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Arbeiterblut ist genug geflossen –</p>
<p style="padding-left: 30px;">Entwaffnet die weißen Garden, Genossen!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Acht Tage noch so weiter leiern, und Bluthund Noske schießt in Bayern!«</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Nieder die Diktatur des Kapitalismus!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Hoch die Diktatur des Sozialismus!«</p>
<p>Von den öffentlichen Gebäuden in ganz München wehten die roten Fahnen, ebenso von vielen Privathäusern, an denen der Zug vorbeikam. Es mögen etwa 15000 Personen daran teilgenommen haben. Die Sektionen der KPD bildeten allein einen ganzen Zug. Mehrere Regimenter der Münchener Garnison stellten geschlossene Formationen. Die Schwerverwundeten wurden in Wagen mitgefahren. Viele Mitglieder des Rätekongresses beteiligten sich, diverse Betriebe waren durch Abordnungen vertreten. Der »Revolutionäre Arbeiterrat« als Organisator des Ganzen trug ein mächtiges revolutionäres Emblem vor sich her und wurde stürmisch begrüßt. Eisner aber fuhr an der Spitze dieses gegen seine eigene Politik demonstrierenden Zuges und kam sich dabei selbst so deplaciert vor, daß er auf halbem Wege sein Auto schwenken ließ und dann mit dem Minister Unterleitner und Jaffé im Deutschen Theater die Abordnung der Massen erwartete, als deren Sprecher Landauer die Forderungen des Proletariats vortrug. Der Zug durchzog inzwischen unter gewaltigen Hochrufen auf Sowjetrußland und den Bolschewismus und Flüchen auf Noske, Auer, Scheidemann, Roßhaupter, die Presse und die Bourgeoisie die Hauptstraßen der Stadt. Vor dem Kriegsministerium, aus dem riesige rote Fahnen herabhingen, ertönten besonders von den Soldaten wilde Rufe: Nieder mit Roßhaupter!, die aus den Fenstern seines eigenen Ministeriums lebhaftes Echo fanden. Am Spätnachmittag traf der Zug wieder auf der Theresienwiese ein, wohin der Bescheid auf die Forderungen gebracht werden sollte. Eisner hatte zugesagt, daß die Strafverfolgungen gegen Levien und mich eingestellt würden und daß er sich im Ministerrat für die Ausschaltung der politischen Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch einsetzen wolle. Der positive Ertrag der Demonstration war also dürftig, und die Masse zeigte Lust, sich nicht damit zufriedenzugeben, sondern vor Eisners Ministerium zu ziehen. Nach einer kurzen Besprechung einiger Mitglieder des RAR und der KPD kamen wir indessen überein, die Demonstration in Anbetracht der eingebrochenen Dunkelheit und um den ungeheuren Eindruck, den die passive und bürgerliche Bevölkerung zweifellos von der Kundgebung empfangen hatte, nicht durch eine in ihrem Ausgange sehr zweifelhafte Fortsetzung zu vermindern, zum Heimgehen aufzufordern. Levien und ich hielten die Schlußansprachen, in denen wir die Notwendigkeit betonten, den Kampf gegen die Regierung Eisner fortzusetzen, und Hochs auf die proletarische Weltrevolution ausbrachten.</p>
<p>Der Rätekongreß beendete in den nächsten Tagen seine Arbeiten, die darin bestanden, dem Landtag, der am 21. Februar im selben Saal zusammentreten sollte, alle seine Befugnisse zu übertragen. Auf eine Anzapfung unserer Genossen, welche Aufgaben er denn eigentlich den Arbeiterräten zuweisen wolle, erwiderte Eisner (das war, wenn ich mich nicht täusche, am 18. Februar, dem letzten Tage, an dem ich ihn sah), er wolle alle öffentlichen Wirtschaften zwingen, fortan einen einheitlichen Speisezettel zu führen, und dem Arbeiterrat die Kontrolle der Durchführung überlassen. Ich erwiderte ihm, daß ich mich schon jetzt auf die Menüs im Nebenzimmer des Regina-Palast-Hotels freue, daß wir Revolutionäre jedoch vom Ministerpräsidenten andere Maßnahmen verlangten, um das wirtschaftliche Leben Bayerns zu heben, als derartige Spaße, und erhob unter dem Beifall der Tribüne die Forderung, Eisner solle sofort ohne Rücksicht auf Berlin die diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland aufnehmen, um auf diese Weise womöglich auch zu wirtschaftlichen Beziehungen zu gelangen. Hierauf gab Eisner keine Antwort. Ich führe die Episode aber an, um zu zeigen, welcher Horizont damals den Blick eines führenden und zu riesigem Einfluß gelangten unabhängigen Sozialisten umgab. Sein Streben war von Anfang an darauf gerichtet, den Einfluß der Räte immer mehr einzuschränken und ihre Tätigkeit zu völliger Bedeutungslosigkeit zu verurteilen. Seine Stellung Sowjetrußland gegenüber hatte sich seit der Kerenskizeit in nichts geändert. Bei der schon erwähnten Vorladung vor den RAR im Januar, bei der ich als Sprecher gewählt war, hatte ich Eisner auch die bestimmt formulierte Frage vorgelegt, wie er sich das künftige Verhältnis seiner Regierung zu Rußland denke. Die Antwort lautete wörtlich: »Ich unterhalte keine Beziehungen zu einer Regierung, die mit Millionen arbeitet.« Übrigens werdet Ihr, russische Genossen, ja durch den Genossen Towia Axelrod erfahren haben, wie Eisner seinen Haß gegen die Bolschewiki an ihm ausließ.</p>
<p>Der Rätekongreß tagte noch bis zum 20. Februar. Da ich der Überzeugung war, daß irgendwie Bedeutungsvolles bei den Beratungen nicht mehr zutage gefördert werden könne, da außerdem die revolutionären Organisationen den Beschluß gefaßt hatten, den Landtag vorerst ungestört zusammentreten zu lassen, reiste ich am 19. Februar zu einer Agitationsreise nach Baden ab, wohin mich die Spartakisten in Mannheim und Heidelberg eingeladen hatten. An diesem 19. Februar wagte die Reaktion zum ersten Male eine offene Gewaltaktion gegen die Revolution, indem eine Anzahl eigens von Norddeutschland herbeigerufener Matrosen, angeblich »zum Schutz des Landtages«, einen Putsch gegen den Rätekongreß unternahmen, um das Landtagsgebäude zu besetzen. Der Anschlag wurde verhindert. Es besteht sehr viel Ursache zu der Annahme, daß der eigentliche Veranlasser dieses Unternehmens kein anderer war als der rechtssozialistische Minister des Innern Auer. Über den Verlauf dieser Aktion im einzelnen gehe ich hinweg, da ich Wert darauf lege, in diesem Zusammenhange nur Dinge zu schildern, für die ich als Beteiligter oder Augenzeuge persönlich einstehen kann.</p>
<p>Am 21. Februar erfuhr ich in Mannheim von der Ermordung Eisners und unterbrach infolgedessen die Agitationsreise, konnte jedoch infolge der Störung des Eisenbahnverkehrs und da bei der Verwirrung in München auch kein Telefonanschluß zu erreichen war, durch den ich ein Auto oder Flugzeug hätte erhalten können, erst in der Frühe des 24. Februar dort eintreffen. Leider war auch Landauer während der Katastrophe von München abwesend gewesen, so daß unser Einfluß bei der Ergreifung der ersten Initiative nicht mehr zur Geltung kam. – Die Kenntnis der tatsächlichen Ereignisse setze ich voraus. Doch werden ein paar erklärende Hinweise willkommen sein. Eisner wurde bekanntlich auf dem Wege von seiner Amtswohnung zum Landtagsgebäude erschossen, als er – wie dann bekannt wurde – eben im Begriff war abzudanken und seine ganze Macht dem gegenrevolutionären Parlament auszuliefern. Übrigens war das Attentat nicht die selbständige Tat des Mörders Arco, wie er behauptet und vom Gericht als erwiesen angenommen wurde, sondern die Teilhandlung eines umfänglichen Komplotts, dem außer Eisner noch Landauer, Levien und ich zum Opfer fallen sollten. Am Tage vor der Tat war nämlich ein Soldat bei meiner Frau gewesen, um zu warnen. Er habe als Ordonnanz in einer Offiziersmesse gehört, daß morgen (also am 21. Februar) zu mir ein Offizier in einfacher Soldatenuniform kommen solle, der gewiß nichts Gutes im Schilde führe. Dasselbe sei gegen Landauer und Levien geplant (von Eisner sprach der Mann nicht, nannte aber den Namen des Offiziers, der mich besuchen wolle). Da – wie die Verschwörer wohl erfahren haben werden – Landauer und ich verreist waren, Levien aber keine ständige Wohnung hatte und immer sehr schwer zu finden war, unterblieben weitere Anschläge. In der Tat vermochte die beschränkte Sippe, der der Graf Arco angehörte, gar nicht zwischen den grundsätzlich feindseligen Tendenzen zu unterscheiden, die Eisner von uns Kommunisten trennten. Das zeigte sich in dem Prozeß gegen den Mörder, als er Eisner und mich wiederholt in einem Atemzuge nannte, in der Meinung, daß wir völlig einige Genossen gewesen wären. Somit charakterisierte sich der Mord als ein gegen die proletarische Revolution selbst gerichtetes Unternehmen, die eben Eisner durch seinen Tod vor dem Untergang, dem er sie auszuliefern im Begriffe stand, rettete.</p>
<p>Als Attentat auf die Revolution wurde die Bluttat denn auch vom Proletariat bewertet, und es war nur natürlich, daß im Augenblick nach seiner Ermordung sich alle Sympathien Eisner wieder zuwandten. Er war mit seinem Tode zum Symbol der bayerischen Revolution geworden, und der Drang nach Rache war am stärksten gerade bei den Kämpfern des Proletariats, die bisher Eisners Politik auf das erbittertste bekämpft hatten. Es war auch natürlich, daß sich dieser Drang im ersten Augenblick gegen das Parlament als solches wandte und ganz besonders gegen den Minister Auer. Daß Auer Eisner stürzen wollte, war allgemein bekannt, ebenso, daß er sich dazu der Unterstützung der gesamten Bourgeoisie versichert hatte. Es war ihm nachgewiesen worden, daß er in seiner Eigenschaft als Minister des Innern die Bewaffnung des reaktionärsten Teils der Bauernschaft veranlaßt und organisiert hatte; ja er hatte in Gemeinschaft mit dem gleichfalls sozialdemokratischen Justizminister Timm an erster Stelle einen Aufruf unterzeichnet, der zur Bildung einer »Bürgerwehr«, also einer weißen Garde gegen das Proletariat, aufforderte. Der Verdacht, daß auch die Ermordnung Eisners auf sein Konto zu setzen sei, war wahrscheinlich falsch, aber durchaus verständlich. Ein (wirkungsloser) Revolveranschlag, der schon am 26. Dezember auf mich verübt war, lief meiner festen Überzeugung nach auf Auers Einfluß zurück, und daß diesem »Sozialisten« kein Mittel zu gemein war, um es gegen Revolutionäre zu gebrauchen, zeigte sich später im Prozeß gegen den Genossen Lindner, als sich herausstellte, daß eine Oberleutnantsgattin, die mich mehrmals mit ihrem Besuch beehrte, als Spitzelin Auers bei mir gewesen war. Lindner, der vom ersten Revolutionstage an Mitglied des RAR war, war ein ganz unkomplizierter, aber durchaus zuverlässiger, dem Kommunismus wahrhaft ergebener Proletarier und ein sehr leicht erregbarer Mensch. Sein Eindringen in die Sitzung der Landtagsabgeordneten, die eben scheinheilig die Mordtat an Eisner verurteilten, und die Schüsse, die er auf Auer abgab, waren einfach die Reflexbewegungen der Revolution auf die vorbedachte Gewalt der Konterrevolution. Es ist bezeichnend, daß man Lindners Tat vor dem Klassengericht als aus ehrloser Gesinnung entflossen bewertete, während der überlegte und von hinten her verübte Mord des Grafen Arco ausdrücklich als aus ehrenvollen Motiven stammend anerkannt wurde. Genosse Lindner sitzt im Zuchthaus, während Arco zur Festungshaft begnadigt wurde, die er unter wesentlich angenehmeren Bedingungen verbüßt als wir Revolutionäre, für die ein ganz neuer Vollzug dieser Strafe erfunden worden ist.</p>
<p>Als ich am 24. Februar in München wieder eintraf, hoffte ich, daß der »Revolutionäre Arbeiterrat« als solcher die Regierung provisorisch übernommen hätte, bis auf Grund neuer revolutionärer Betriebswahlen ein neuer Rätekongreß die Geschicke des von seinem feige auseinandergelaufenen Parlament im Stich gelassenen Landes weiter beschließen würde. In der Tat hatte der RAR zuerst völlig das Richtige getan: er hatte den Belagerungszustand über ganz Bayern verhängt, den Generalstreik proklamiert, die Zeitungen besetzen lassen, die dann unter schärfster Zensur erscheinen durften, und betrieb die Bewaffnung der Arbeiterschaft. Leider aber hatte er es unterlassen, den alten Zentralrat aufzulösen, diesem da durch freie Hand gelassen, den früheren Rätekongreß beschleunigt wieder einzuberufen. So hatten wir im Grunde wieder, was wir gehabt hatten: einen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte-Kongreß, der zwar diesmal, da das Ministerium nicht mehr existierte, die einzige souveräne Macht des Landes darstellte, der aber bei der Präponderanz der Mehrheitssozialisten im Zentralrat und im Kongreß sich selbst nur als Platzhalter des bürgerlichen Parlaments und der von diesem einzusetzenden Regierung empfand.</p>
<p>Eisners Bestattung gestaltete sich zu einer ungeheuren, über das ganze Land greifenden revolutionären Demonstration. In allen Städten und Orten Bayerns mußten die Kirchenglocken geläutet werden und fanden Umzüge statt, an denen die Bourgeoisie in feiger Angst teilnahm. In München selbst bewegte sich ein endloser Zug mit roten Fahnen und Kranzschleifen von der Theresienwiese zum Ostfriedhof, wo die Trauerfeier und die Verbrennung stattfand. Die USP hatte von Berlin eine Abordnung entsandt, der Luise Zietz sowie Haase, Kautsky und Barth angehörten. Die drei ehemaligen Angehörigen der Regierung Scheidemann reisten unglücklicherweise nicht mit Frau Zietz nach Berlin zurück, sondern hielten es für nötig, ihre Weisheit noch befruchtend in den bayerischen Rätekongreß zu ergießen. Sie legten mit ihrer Tätigkeit den Keim zu allem Unglück, das kurz nach her entstand.</p>
<p>Der Rätekongreß erwies sich erst jetzt, wo er die ganze gesetzgebende Macht Bayerns repräsentierte, als das gänzlich hilflose und unentschlossene Gebilde, das nirgends Hand anzulegen, nirgends seinen Beschlüssen Nachdruck zu geben wagte. Ein Beispiel mag illustrieren, wie der Kongreß seine Macht gebrauchte. Seit November hatte sich als Bahnhofskommandant ein gewisser Aschenbrenner etabliert, der mit seiner Abteilung der dem Stadtkommandanten Dürr (Mehrheitssozialist) unterstellten »Republikanischen Schutztruppe« am Bahnhof ein wahres Schreckensregiment eingerichtet hatte. Er ließ kommunistische Flugblattverbreiter festnehmen, die dann unter dem Vorwand, sie hätten geplündert, furchtbar geprügelt wurden. Diese Tätigkeit setzte er nach der Ermordung Eisners ungestört fort. Zwei junge Leute, die auf der Bahnhofswache mißhandelt waren, wurden dem Kongreß vorgeführt. Sie entblößten den Oberkörper und zeigten ihre Wunden und Striemen. Darauf wurde eine Deputation zu Aschenbrenner geschickt. Sie kehrte zurück, und ihr Sprecher, Genosse Dr. Wadler, brachte eines der Marterinstrumente mit, einen Peitschenstumpf, dessen bloßgelegtes inneres Drahtgestell zum Schlagen benutzt wurde. Die Empörung des Kongresses war ungeheuer. Die Entfernung Aschenbrenners von seinem Posten wurde beschlossen. Der Zentralrat, der den Beschluß auszuführen hatte, zeigte sich aber dazu außerstande. Aschenbrenner gab die freche Antwort, man möge ihn von seinem Posten wegholen. Er blieb. Wer im Rätekongreß wußte, wohin gesteuert werden sollte, waren die Auerochsen, die mit allen Mitteln versuchten, »Ruhe und Ordnung«, das heißt also eine »rechtmäßige« demokratische Regierung, in der sie dominierten, wiederherzustellen, und auf der anderen Seite die wenigen Radikalen; das waren wir zehn Vertreter des RAR und die Vertreter der Arbeitslosen und der demobilisierten Soldaten, die ihre Vertretung im Kongreß erzwungen hatten. Unsere zahlenmäßig äußerst schwache Position wurde stark gestützt durch die Tribüne, die unsere Reden mit kräftigen Zurufen ermunterte, und durch die Straße, das heißt durch permanent tagendemeist von den Arbeitslosen organisierte – Versammlungen, die den Kongreß fast täglich durch Delegationen erschreckte, die äußerst präzise revolutionäre Forderungen stellten. Im Saale selbst fanden wir noch Unterstützung bei einem Teil der Unabhängigen und einer Minderheit der Bauernräte. Den entscheidenden Kern der Versammlung bildete die aus kompromißlerischen Unabhängigen und widerstrebend revolutionären Bauern zusammengesetzte Mehrheit. Die Soldatenräte waren größtenteils ganz reaktionär.</p>
<p>Wohin unsere Forderungen in Übereinstimmung mit den täglich versammelten revolutionären Proletariern zielten, werden diese Sätze erhellen, die ich dem nach Eisners Ermordung von mir im »Kain« veröffentlichten Artikel entnehme: »Jetzt aber darf es kein Zurück mehr geben. Jetzt gilt es der Gegenrevolution den Hals zuzudrücken, daß sie nie wieder zu Atem kommen darf. Man proklamiere sofort die Räterepublik, die kein Paktieren mit dem bürgerlichen Parlamentarismus mehr kennt. Man lasse die kapitalistisch monopolisierte ›Freiheit‹ der Presse nicht wieder zur Seelenvergiftung und Mordanstiftung zu. Man unterbinde die Offiziers- und Studentenverschwörungen mit den radikalsten Mitteln der Volksdiktatur. Man expropriiere den Großgrundbesitz, entrechte das rententragende Kapital, beginne mit sozialistischer Arbeit in Stadt- und Landgemeinden und scheue dabei nicht zurück vor der revolutionären Dekretierung weltstürzender Neuerungen. Man vertreibe alle verantwortlichen Persönlichkeiten des alten Systems von ihren Posten, pfeife auf den Bannfluch von Weimar und verbinde sich schnellstens mit den natürlichen Verbündeten der sozialistischen Revolution, mit den herrlichen Vorkämpfern der Weltbefreiung in Rußland &#8230;«</p>
<p>Räterepublik! Das war vom Tage des Todes Eisners an der Refrain aller Kundgebungen. Ein stürmisches Verlangen nach ihrer sofortigen Ausrufung machte sich im Proletariat geltend, und die Kommunistische Partei insbesondere erhob diese Massenforderung zu ihrer eigenen. Es wird aufgefallen sein, daß hier von der KPD im allgemeinen wenig die Rede war. In der Tat hatte die Partei bisher ihre Tätigkeit ganz auf Agitation unter den Massen und Organisation in den eigenen Reihen beschränkt. Der Haß, der ihr dabei den Namen »Spartakisten« bei der Bourgeoisie zuzog, bewies, daß diese Arbeit fruchtbar war. Zu eigenem Handeln war die Ortsgruppe aber jedenfalls noch zu schwach. Politisches Eingreifen überließ sie daher stets dem RAR, dem ja Levien angehörte und der mindestens zur Hälfte aus Parteikommunisten bestand. Durch den RAR war demnach die Partei auch im Rätekongreß vertreten. Außerdem gehörten einige Delegierte der Arbeiterräte aus den Landbezirken der KPD an, ohne sich jedoch im Kongreß als Fraktion zusammenzuschließen.</p>
<p>Das Drängen nach schleuniger Ausrufung der Räterepublik war um so verständlicher, als allerlei reaktionäre Machenschaften gleich wieder bemerkbar wurden, die es dem Proletariat nötig erscheinen ließen, die Macht selbst zu übernehmen. Zunächst war da die Sabotage der Bewaffnung des Proletariats. Dem Stadtkommandanten Dürr war aufgegeben, die Austeilung von Gewehren nach Betrieben zu veranlassen. Er tat fast nichts in dieser Sache, und die wenigen Waffen, die verteilt wurden, gerieten in die Hände ausgesuchter Mehrheitler, so daß die Gefahr entstand, die Verfügung über die Waffen werde schließlich bei den reaktionären Gewerkschaftsführern sein. Hierzu kam, daß der Zentralrat sich gleich nach Eisners Tod erweiterte, indem von der sozialdemokratischen Mehrheitspartei zwei Funktionäre der Gewerkschaften hinein entsandt wurden. Der RAR delegierte daraufhin auch seinerseits zwei Genossen in den Zentralrat: Levien und Hagemeister, die jedoch gleich wieder austreten mußten, da sich der Zentralrat unter dem Einfluß der Rechtssozialisten auf ein höchst zweideutiges Programm verpflichtete. Die Hauptsache aber, die das Mißtrauen des Proletariats auf den Höhepunkt trieb, war die geheimnisvolle Tätigkeit der drei Berliner Unabhängigen. Eines Tages erschien Emil Barth auf der Rednertribüne des Rätekongresses und redete von der Notwendigkeit, sich wieder eine richtige Staatsordnung zu geben. Er kam dann auch als Gast in die Sitzung des RAR und wollte uns bewegen, doch von dem blödsinnigen Gedanken einer Räterepublik abzukommen. Man müsse diplomatisch vorgehen, dann erreiche man viel mehr und so weiter. Ich trat ihm sehr energisch entgegen, und er holte sich bei den Genossen des RAR die gründlichste Abfuhr. Inzwischen aber merkte man, daß hinter den Kulissen allerlei Schiebungen vor sich gingen. Die Sitzung des Rätekongresses mußte unterbrochen werden, da die USP eine wichtige Besprechung habe, und es wurde ruchbar, daß an dieser Besprechung die Herren Haase, Kautsky und Barth teilnahmen. Dann fand auch noch eine gemeinsame Konferenz der USP mit den Rechtssozialisten statt. Es war klar, daß eine Überraschung geplant war.</p>
<p>Die kommunistische Agitation für die Räterepublik hatte inzwischen die Konterrevolution überaus nervös gemacht. Am 27. Februar wurden von Flugzeugen Zettel über München abgeworfen, die die Unterschriften des Nürnberger Stadtkommandanten Schneppenhorst und Dr. Ewingers, des späteren Diktators Oberbayerns, trugen und besonders gegen Levien und mich scharfmachten. An diesem selben Tage trug sich dann ein Ereignis zu, das das Proletariat im äußersten Maße erregte. Während der Sitzung des Rätekongresses drangen plötzlich die Führer der »Republikanischen Schutztruppe« mit geschwungenen Pistolen und unter dem Ruf: »Hände hoch!« in den Saal. Levien und ich wurden herausgezerrt und unter Mißhandlungen die Treppe heruntergestoßen. Ebenso wurde dann noch Landauer, der eben das Haus betrat, festgenommen und ferner noch Dr. Wadler, der Vertreter der Arbeitslosen Cronauer und der Delegierte der demobilisierten Soldaten Markus Reichert von der KPD. Wir sollten, wie dann bekannt wurde, verschleppt werden und als Geiseln für etwaige Aktionen des Proletariats dienen. Daß dieser Plan nicht zur Ausführung kam, dankten wir hauptsächlich dem Beistand der das Landtagsgebäude schützenden Abteilung der »Republikanischen Schutztruppe«, die von jeher vorzüglichen revolutionären Geist gezeigt hatte – das lag an der ständigen Berührung mit dem im Landtagsgebäude tagenden RAR – und sich nun anschickte, uns gegen die Gewalt ihrer Kameraden von den anderen Abteilungen der RS mit den Waffen zu verteidigen. Als die Situation aufs äußerste bedrohlich geworden war und ein Kampf unvermeidlich schien – schon waren Maschinengewehre in Stellung gebracht –, kam vom Stadtkommandanten Gegenorder, und wir waren frei.</p>
<p>Der RAR beschloß jetzt im Einverständnis mit der KPD, den Rätekongreß vor eine Entscheidung zu stellen, und ich erhielt den Auftrag, am nächsten Tag den Antrag einzubringen, Bayern zur Räterepublik auszurufen. Der Kongreß sollte also aus dem Provisorium ein Definitivum machen, zugleich sollte das Proletariat selbst in Aktion treten, die Waffen nehmen, die Ämter säubern, Betriebsräte neu wählen und das Sowjetsystem unter proletarischer Diktatur verwirklichen. Ich begründete den Antrag (am 28. Februar), der dann zur namentlichen Abstimmung kam. Es stimmten 70 Delegierte für die Räterepublik, 234 dagegen. – Ich muß hier einschalten, daß unter den Gegnern des Antrages auch mein Freund Landauer sich befand, der auf eine Begründung seiner Haltung vor dem Kongreß selbst verzichtete, dann aber privatim nahezu dieselben Gründe angab, die fünf Wochen später für die Kommunistische Partei maßgebend waren. Vor allem hielt er den Zeitpunkt für die Proklamation für verfrüht.</p>
<p>Wie die Massen dachten, zeigte sich während der Auszählung der Stimmen. Eine mächtige Demonstration erregter Arbeiter erschien vor dem Landtagsgebäude, um in drohender Haltung das Resultat abzuwarten. Landauer, sonst eine der beliebtesten Persönlichkeiten bei der Menge, versuchte vom Fenster aus beschwichtigend einzuwirken, indem er die Gründe darlegte, die die Ausrufung der Räterepublik in diesem Augenblick gar nicht wünschenswert machten. Er mußte abtreten. Man verlangte nach Levien und mir. Wir hatten die größte Mühe, die Arbeiterschaft zum Abzug zu bewegen, die durchaus entschlossen war, obwohl sie unbewaffnet war, das Gebäude zu stürmen und den Kongreß zum Teufel zu jagen. Mir hat es später sehr leid getan, daß wir damals gebremst haben. Die Räterepublik wäre sonst durch einen heroischen Akt des Proletariats erzwungen worden, und die schlimmen Differenzen, die im April unsere Aktion zur Totgeburt machten, wären der bayerischen Arbeiterschaft erspart geblieben.</p>
<p>Die Gärung in der Bevölkerung war gewaltig. Wie populär die Idee der Räterepublik selbst bis in rechtssozialistische Kreise der Arbeiterschaft schon war, beweisen die schon einige Tage vorher vom Münchener Arbeiterrat (der zur Mehrheit aus Auerochsen bestand) angenommenen, vom Genossen Dr. Wadler eingebrachten Forderungen: Sofortige Ausrufung der sozialistischen Räterepublik, Einsetzung von Volksbeauftragten, Einsetzung eines Revolutionstribunals, Standrecht gegen die Reaktion. – Die Konterrevolutionäre hingegen betrachteten die Ablehnung des Antrages Mühsam keineswegs als Triumph. Am folgenden Tage nämlich (1. März) wurden bereits wieder Flugblätter über München abgeworfen, die diesmal vom Münchener Stadtkommandanten Dürr, vom (unabhängigen) Polizeipräsidenten Staimer, von Vertretern der sozialdemokratischen Partei und der freien Gewerkschaften unterzeichnet waren und in denen es hieß: » &#8230; Wollt Dir, daß die Straße Euch weiter vergewaltigt? Könnt Ihr Euch länger von Elementen wie Levien, Mühsam, Hagemeister, Cronauer und Konsorten den Fuß auf den Nacken, die Pistole auf die Brust setzen lassen? Nein! Genau so, wie uns die Gegenrevolution, die Bourgeoisie, ins alte Elend bringen würde, genau so wird das Volk von den Spartakisten und ihrem Anhang, den Plünderern, ins größte Unglück gestürzt werden. Deshalb gilt es, daß alle Arbeiter und Soldaten das unerträgliche Joch einer brutalen Minderheit abschütteln, gemeinsam den Boden der Ordnung im Sinne einer einigen Sozialdemokratie betreten und das Volk endlich der wahren Demokratie, dem Sozialismus, der echten Volksherrschaft zuführen. Wir müssen unverzüglich ein rein sozialistisches Ministerium bilden &#8230; Vor allen Dingen müssen wir den ebenso gefährlichen Elementen des Spartakusbundes und dem sich immer mehr breit machenden Lumpengesindel das Handwerk legen. Arbeiterschaft! Soldaten! Handeln heißt es! Die vernünftige Bevölkerung bleibe zu Hause! Die Straße muß freibleiben für die Soldaten, die berufen sind, sozialistische Ordnung zu schaffen! Es geht ums Ganze! Es geht um die Errungenschaften der Revolution! Es gilt die Rechte der Räte vor dem Terror der Straße zu schützen! Es geht um den geeinigten Sozialismus! – Soldaten! Schart Euch um Eure berufenen Führer! Folgt nur der Parole, die diejenigen ausgeben, denen Ihr Vertrauen schenkt! Deshalb in die Kasernen! Dort werden Eure gewählten Kasernenräte und Führer mit Euch unternehmen,was das Volkswohl erfordert.« Das war offene Kriegserklärung.</p>
<p>Am Abend desselben Tages rechnete ich im Münchener Arbeiterrat öffentlich mit Dürr und Staimer ab, deren Absetzung ich verlangte. Beide Herren waren persönlich zugegen. Es gelang ihnen, sich mit ihrer Nervosität zu entschuldigen, und derselbe Münchener Arbeiterrat, der wenige Tage vorher Wadlers radikalen Forderungen zugestimmt hatte, erteilte dem Polizeipräsidenten und dem Stadtkommandanten, die am selben Tage zum Blutbad gegen die Revolutionäre aufgereizt hatten, sein Vertrauensvotum. Die Sitzung schloß spät in der Nacht. Da meine Freunde vom RAR nach der Provokation für meine Sicherheit auf dem Heimweg fürchteten, zwangen sie die beiden, mich in ihrem Auto heimzufahren, und der Stadtkommandant und der Polizeipräsident, die mich am selben Nachmittag verhaften und womöglich erschießen wollten, setzten mich persönlich in meiner Wohnung ab.</p>
<p>Der Rätekongreß hatte nach der Ablehnung meines Antrages beschlossen, daß der im Januar gewählte Landtag trotz seiner feigen Desertion in der Stunde seines ersten Zusammentritts als zu Recht bestehend anerkannt würde. Charakteristisch aber für die Halbheit aller seiner Maßnahmen war die aus Angst vor dem Proletariat zugleich gefaßte Entschließung, daß das Parlament vorerst vertagt bleiben solle. Darauf beeilten sich die Sozialdemokraten eine Erklärung abzugeben, wonach sie sich in der Lage erklärten, »in einem sozialistischen Ministerium mitzuwirken«. Gleichzeitig forderten sie eine Neukonstituierung des Rätekongresses auf Grund von Wahlen, die nach den Grundsätzen der Verhältniswahl stattzufinden hätten, demnach das Abberufungsrecht, ohne das das ganze Rätesystem unsinnig ist, illusorisch machten. Die Rechte der Räte sollten zudem in einer Weise eingeschränkt werden, die ihren wirklichen Einfluß vollständig gebrochen hätte. Bei der Verhandlung des Antrages im Kongreß stellte sich heraus, daß es den Rechtssozialisten hauptsächlich darauf ankam, dem RAR den Todesstoß zu versetzen. Der Redner der Auerochsen sagte in seiner Begründung, daß es seiner Partei unmöglich sei, mit den Mitgliedern des »Revolutionären Arbeiterrats« in einem Aktionsausschuß zu arbeiten. Er stellte daher den formellen Antrag, die drei Mitglieder, die der RAR zum Aktionsausschuß stellen durfte, zu streichen. Landauer erwiderte, wies darauf hin, daß der Mann, der hier gesprochen hatte, das Recht dazu nur daraus nehme, daß der »Revolutionäre Arbeiterrat« ihn eingeladen habe, den er nun ausgeschlossen wissen wollte. Bei dieser Gelegenheit sprach Landauer den später viel zitierten Satz: »In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die sozialdemokratische Partei.«</p>
<p>Die Reibereien zwischen den Revolutionären und den »sozialistischen« Konterrevolutionären nahmen indessen immer heftigere Formen an. Der Stadtkommandant wagte es, die Abteilung der RS, die uns beim Überfall auf den Kongreß geschützt und der die Versammlung dafür einstimmigen Dank ausgesprochen hatte, aus dem Landtagsgebäude fortzunehmen, ja, einige als besonders revolutionär bekannte Soldaten ohne weiteres aus der Schutztruppe zu entlassen. Sie wendeten sich an den Kongreß, der auch versprach, sich ihrer anzunehmen, und ausdrücklich verfügte, daß die Abteilung im Hause bleiben sollte. Allein wiederum erwies sich die Ohnmacht des Zentralrats, Beschlüsse durchzuführen. Der Wille des Rätekongresses wurde einfach ignoriert. Die Beratungen verloren sich meistens in ganz überflüssigem Geschwätz über gleichgültige Nebensächlichkeiten. Wesentliche Dinge, wie zum Beispiel ein von mir in Gemeinschaft mit einem radikalen Bauernrat eingebrachter Antrag, die ländlichen Kommunalverbände aufzulösen und ihre Funktion den Bauernräten in Gemeinschaft mit städtischen Arbeiterräten zu übertragen, wurden verschleppt und kamen gar nicht zur Verhandlung. Inzwischen hatte im Gefolge der Rührigkeit der Berliner Unabhängigen in Nürnberg eine gemeinsame Konferenz der Mehrheitssozialisten, der Unabhängigen und der gemäßigteren Richtung des Bauernbundes stattgefunden, und am 7. März wurde dem Kongreß das »Nürnberger Kompromiß« durch den Mund eines der rückständigsten Bauernräte vorgetragen. Da dieses Kompromiß die eigentliche Ursache der späteren Ereignisse wurde, sei es in extenso mitgeteilt.</p>
<ul>
<li> 1. »Sofortige Einberufung des Landtages zu einer kurzen Tagung. Bildung eines sozialistischen Ministeriums durch die beiden sozialistischen Parteien mit Errichtung eines land- und forstwirtschaftlichen Ministeriums und Besetzung durch einen Bauernbündler nach Beratung mit dem Aktionsausschuß der A.–, S.- und B.-Räte, Anerkennung dieses Ministeriums durch den gewählten Landtag, Schaffung einer Notverfassung.</li>
<li> 2. Übertragung weitgehender Vollmachten durch den Landtag auf das Ministerium zur Leitung der Regierungsgeschäfte.</li>
<li> 3. Zusammenfassung und Ausbau der Propaganda-Abteilung für Volksaufklärung.</li>
<li> 4. Die gesetzgebende und vollziehende Gewalt liegt während der Zeit des Provisoriums allein in den Händen des Ministeriums. Je ein Vertreter der A.–, S.- und B.-Räte kann mit beratender Stimme an den Sitzungen des Ministerrats teilnehmen.</li>
<li> 5. Sofortige Schaffung einer freiwilligen Volkswehr aus gewerkschaftlich organisierten Arbeitern; sofortige Auflösung des stehenden Heeres.</li>
<li> 6. In den Vertretungen der Gemeinden, Bezirke, Kreise und staatlichen Behörden steht den A.–, S.- und B.-Räten das Recht der praktischen Mitarbeit durch Abordnungen in diese Körperschaften zu. Im Ministerium des Innern ist ein Referat für die Räteorganisation zu errichten und nach dem Benehmen mit dem Aktionsausschuß zu besetzen.</li>
<li> 7. Den A.-, S.- und B.-Räten steht ferner das Recht zu, beim Landtag und bei der Regierung Beschwerden, Eingaben und Gesetzentwürfe einzureichen und letztere jeweils durch einen Beauftragten vertreten zu lassen. Den neugewählten Räten steht eine Berufung gegen Beschlüsse des Landtags an die Volksgesamtheit zu. (Referendum.)</li>
<li> 8. Die Neuwahlen der Räte sind im ganzen Lande nach den Grundsätzen der Verhältniswahl möglichst bald anzuordnen. Über aktives und passives Wahlrecht sind vom Gesamtstaatsministerium unter Mitwirkung des Aktionsausschusses besondere Bestimmungen zu treffen.</li>
<li> 9. Die Rechte der Räte sind unter Berücksichtigung von Punkt 6 und 7 durch ein besonderes Gesetz umgehend festzulegen.«</li>
</ul>
<p>Die revolutionäre Minderheit war über diese dem Rätekongreß zugemutete Selbstentmannung empört, konnte aber die Annahme der Leitsätze nicht verhindern. Die Punkte wurden einzeln beraten und abgestimmt und nach der Annahme von Punkt 1 sofort zur Wahl des Ministeriums geschritten, dessen Zusammensetzung natürlich von den Parteien hinter den Kulissen längst vereinbart war. Zum Ministerpräsidenten wurde der Mehrheitler Hoffmann bestimmt, der im Kabinett Eisner Kultusminister war, sich aber im Kampf der Meinungen bisher ziemlich passiv verhalten hatte. Sein wahres Gesicht zeigte der Mann erst, als er auf dem Gipfel seiner Laufbahn angelangt war. Das Ministerium für Kultus und Unterricht, für das der Kongreß zuerst den linksstehenden Rechtssozialisten Niekisch gewählt hatte, den Vorsitzenden des Zentralrats und des Rätekongresses, behielt Hoffmann dann als Ministerpräsident neben dem Ministerium des Auswärtigen, das er gleichfalls übernahm, bei. Für das Innere wurde der bisherige Demobilmachungskommissar Segitz, für die Jusitz ein Herr Endres, beide Mehrheitssozialisten, gewählt. Die Soziale Fürsorge übertrug man dem weit rechtsstehenden Unabhängigen Unterleitner, der dieses Ministerium schon zu Eisners Zeit verwaltet hatte, Handel und Industrie dem Nürnberger rechten Unabhängigen Simon. Der einzige Ministerkandidat, der einstimmig gewählt wurde, war Professor Jaffé als Finanzminister, der sich unter Eisner als revolutionärster Geist innerhalb des Ministerrats erwiesen hatte. Für das Militärwesen war der schon erwähnte Schneppenhorst vorgeschlagen. Die Mißstimmung gegen diesen Mann war jedoch infolge der Flugblätter, die er über München hatte abwerfen lassen, bis in reformistische Kreise hinein so groß, daß auch die Unabhängigen gegen ihn sprachen und seine Parteigenossen ihn daher selbst fallenließen. Seine Wahl wurde einstimmig abgelehnt und dafür der Rechtsunabhängige Scheidt ernannt. Im übrigen wurden die neun Punkte hintereinander erledigt. Bei der Gesamtabstimmung war nur eine geringe Minderheit klar genug, die furchtbare Gefahr zu erkennen, die mit diesem Beschluß über das ganze Land gebracht war. Ich rief bei der Verkündigung der Annahme des Nürnberger Kompromisses in den Saal: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Damit ging der Rätekongreß auseinander. Er hatte die Revolution preisgegeben.</p>
<p>Die Arbeiterschaft selbst verzichtete jedoch keineswegs auf ihre Fortsetzung. Sie verfolgte mit der mißtrauischsten Aufmerksamkeit den weiteren Verlauf der Dinge, entschlossen, ihre revolutionären Rechte mit allen Mitteln zu verteidigen. Der Landtag trat also wirklich zusammen, nachdem dem »Revolutionären Arbeiterrat« seine Räume außerhalb des Hauses, nämlich im früheren Palais des Königs, zugewiesen waren. Die Helden des 21. Februar tagten unter grotesker militärischer Sicherung, indem sie das Kopfnicken, das ihnen die Nürnberger Kompromißler vorgeschrieben hatten, vollzogen. Trotzdem fand sich die Möglichkeit, den Willen des Rätekongresses gleich nach der Rückkehr ins Parlament mit Füßen zu treten. Kaum war nämlich der Kongreß vertagt, da warfen die Kompromißparteien mit dem Zentralrat zusammen die Liste des »rein sozialistischen« Ministeriums wieder um und änderten darin die beiden für den Rätekongreß wichtigsten Posten. Professor Jaffé, der schon unter Eisner im Sinne des linken Flügels der Unabhängigen gearbeitet hatte (so hatte er sich öffentlich zu der Absicht bekannt, das Inseratenmonopol für die Presse durchzuführen), wurde einfach über Bord gesetzt, obwohl er der einzige Ministerkandidat war, gegen den sich im Kongreß keine einzige Stimme erhoben hatte. Aber er war Jude und galt als Radikaler. Das Finanzressort wurde provisorisch einem Beamten überlassen, um es später wieder durch einen eigenen Minister zu besetzen. Zweitens wurde aber auch ein weiterer »Unabhängiger« von der Liste gestrichen, der zum Militärminister ausersehene Herr Scheidt, der bisher provisorisch schon das Amt verwaltet hatte. Er schien den konterrevolutionären »Sozialisten« wohl schon zu radikal, obwohl seine Unterschrift am 1. März mit unter den zitierten zum Bürgerkrieg aufrufenden Flugblättern gestanden hatte. Statt seiner wurde der vom Rätekongreß einstimmig abgelehnte Schneppenhorst eingesetzt, der Mann, der dann die Rolle des bayerischen Noske übernehmen sollte. Im übrigen zeigte aber der Landtag seinen demokratischen Willen dadurch, daß er ein albernes Gesetz annahm, durch das die Führung des Adelstitels fortan in Bayern verboten wurde. Das war eine Verballhornung eines von Landauer und mir im Rätekongreß eingebrachten, aber nicht mehr beratenen Vorschlags, der die Adels Vorrechte dadurch ausschließen wollte, daß er einfach die Strafbarkeit der unberechtigten Führung von Adel und Titeln aufzuheben empfahl. Da sich das Gesetz des Landtags nur auf den bayerischen Adel bezog, da außerdem die betroffenen Familien erklärten, ihr Adelsprädikat bilde einen unlöslichen Bestandteil ihres Namens, blieb das Ganze eine wirkungslose Demonstration.</p>
<p>Die Stimmung der Massen kam an dem Abend zum Ausdruck, als die Mehrheitssozialdemokratie fünf Massenversammlungen einberief, in denen die von ihnen gestellten neuen Minister sich dem Volk vorstellen sollten. Alle diese Versammlungen verliefen als unzweideutige kommunistische Kundgebungen. Den Rednern wurde überall übel zugesetzt, der neuen Regierung die allerschärfste Opposition angekündigt, die Werbeinserate der Reaktion zur Bildung von weißen Garden wurden ihr vorgehalten, und aus allen Reden und Rufen der Proletarier klang immer wieder die eine Forderung heraus: Räterepublik! – Natürlich versetzten die Berliner Märzunruhen mit den Schreckenstaten der weißen Mörder die Münchener Arbeiterschaft in besondere Unruhe. Sie verlangten Garantien gegen das Übergreifen derartiger Vorgänge nach Bayern und erreichten denn auch, daß die Regierung in einem strikten Verbot jede militärische Werbung für den sogenannten »Grenzschutz Ost« oder gegen den Bolschewismus untersagte. Ja, Herr Schneppenhorst erließ sogar Haftbefehle gegen Werbeoffiziere, die den Oberst Epp, der die Rolle Koltschaks für Bayern spielen wollte und später mit Schneppenhorsts Unterstützung auch wirklich spielte, veranlaßten, seine Tätigkeit an die Grenze außerhalb des Landes, nach Ohrdruf in Thüringen zu verlegen, wo er ein antibolschewistisches Freikorps aufstellte.</p>
<p>Der Landtag war verabredungsgemäß gleich nach Erledigung der wenigen gestellten Aufgaben wieder heimgeschickt worden und sollte erst zusammentreten, wenn der Zentralrat ihn wieder brauchte. Man rechnete auf Ende Mai. Die Regierungsgeschäfte lagen inzwischen formell bei den einzelnen Ministerien, doch wurden alle praktischen Arbeiten tatsächlich von den Staatskommissariaten geleitet, die schon seit Eisners Ermordung am Werk waren und teilweise sehr Tüchtiges leisteten. Ein großer Teil der organisatorischen Tätigkeit lief beim Staatskommissariat für Demobilmachung zusammen, dessen erster Referent,das Mitglied des »Revolutionären Arbeiterrats« Paulukum (USP), außerordentlich tatkräftig die Interessen der Arbeiterschaft wahrte. Als Kommissar für das Wohnungswesen griff Genosse Dr. Wadler so gründlich durch, daß er sich den unauslöschlichen Haß der Bourgeoisie zuzog. Er beschlagnahmte sämtliche Spekulationsgrundstücke, um darauf Wohnstätten zu errichten, registrierte alle großen Wohnungen und quartierte Arbeiterfamilien bei Kapitalisten ein. Er reiste selbst im Lande umher, um sich persönlich von der miserablen Unterkunft der Arbeiter bei den großen Industrieanlagen (so der Bergarbeiter von Penzberg) zu überzeugen und Abhilfe zu schaffen. Ich halte es für eine Pflicht loyaler Solidarität, wenn ich ein paar Worte zugunsten dieses Genossen hier einfüge. Dr. Wadler war erst nach Ausbruch der Revolution zu sozialistischen Überzeugungen gelangt. Während des Krieges war er – von Beruf Rechtsanwalt – Offizier gewesen und hatte sich von alldeutschen Ideen völlig durchtränken lassen. In Belgien oblag ihm ein verantwortlicher Dienst bei der Zwangsdeportation belgischer Arbeiter. Er versah diesen Dienst durchaus im Geiste seiner Auftraggeber, und seine vom Standgericht ans Licht gezerrten Berichte und Ratschläge offenbarten in der Tat dasselbe Maß unsozialer Gesinnung, das die deutsche Militärdiktatur während des Krieges allgemein auszeichnete. Mit dem Niederbruch der deutschen Heere gingen Wadler die Augen auf. Er sah aus vollem Herzen ein, wie verblendet er vorher gewesen war, und gab sich mit seiner ganzen Person der Revolution hin. Keiner von uns allen, die wir näher mit ihm zu tun hatten, hat je die Empfindung gehabt, daß er ein ehrgeiziger Konjunktur-Revolutionär sei. Der RAR nahm ihn gern in seine Mitte auf, und er hat sich in jeder Situation treu bewährt. Das Standgericht verurteilte Wadler später unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte zu acht Jahren Zuchthaus und begründete das Schandurteil mit dem Vorwurf, seine frühere unsoziale Haltung beweise die Unehrlichkeit seiner revolutionären Gesinnung und seines Bekenntnisses zum Kommunismus. In Wirklichkeit war das von Juristen und Offizieren gefällte Urteil ein Racheakt gegen den ins andere Lager übergegangenen Juristen und Offizier und zugleich ein Racheakt der in ihrem Besitzfanatismus gekränkten Bourgeoisie gegen den Arbeiterquartiermacher in ihren Behausungen. Daß P. Werner die vom konterrevolutionären Standgericht gegen Wadlers Ehrenhaftigkeit angezogenen Argumente wiederholt, um den Mann, der zufällig nicht bei der KPD organisiert war, auch beim Proletariat zu verdächtigen, ist tief beschämend. Die Regierung kannte die Stimmung unter den Massen zu gut, um nicht zu wissen, daß sie die Vollmachten der sehr populären Kommissariate nicht ein engen durfte. Sie mußte vielmehr bestrebt sein, den Proletariern auch in den allerwichtigsten Forderungen, denen, die die Expropriation der Expropriateure betrafen, wenigstens scheinbar entgegenzukommen. Das immer drohender hörbare Verlangen nach der endgültigen sozialen Revolution, nach der Rätediktatur, mußte beschwichtigt werden, und dazu mußte das Wort »Sozialisierung« herhalten. In dieser Zeit tauchte in München der Nationalökonom Dr. Neurath auf, der vorher in Leipzig einem volkswirtschaftlichen Institut vorgestanden hatte. Dieser hochintelligente, von großem theoretischem Wissen bediente Mann begann seine Tätigkeit mit öffentlichen Vorträgen über Sozialisierungsprobleme, in denen er außerordentlich weitgreifende Pläne für die Vergesellschaftung der Produktion entwickelte. Er stellte sich dem RAR vor, wurde auch vom Münchener Arbeiterrat zu einem Vortrag eingeladen und fand bei der Arbeiterschaft starkes Interesse, wenngleich ihm persönlich einiger Argwohn entgegengebracht wurde, der in der völligen Wahllosigkeit begründet lag, mit der Neurath seine Ideen auch in den rückständigsten Bürgerkreisen zu Gehör brachte. Der Grundgedanke seiner Vorschläge bestand darin, daß die gesamte Produktion vollständig in den Dienst des notwendigen Bedarfs gestellt würde, als den er bezeichnete: auskömmliche Unterkunft, Verpflegung, Bekleidung und Vergnügung für alle Volksgenossen ohne Unterschied. Er wollte die Luxus- und Spekulationsindustrie absolut unterbinden, glaubte dadurch den Kohlen- und Kraftbedarf für die Ernährungs-, Textil-, Werkzeugproduktion etc. decken zu können, wollte die Übernahme der Großbetriebe und des Großgrundbesitzes in die Hände der Gesellschaft ohne Ablösung bewirken und stellte also sozialistische Forderungen auf, mit denen das Proletariat an und für sich sehr zufrieden sein konnte. Das Dilettantische seines Vorgehens bestand nur darin, daß er der Ansicht war, diese Maßnahmen ließen sich ohne Eingriff in die politische Verfassung des Landes durchführen. Er pflegte zu sagen, er halte es mit jeder Regierung, die ihn ungestört arbeiten lasse, ob es eine absolutistisch-monarchistische sei oder eine Räterepublik, sei ihm gleichgültig. Aus Opportunitätsgründen ließ sich Neurath in die sozialdemokratische Partei aufnehmen, und also gestützt auf die Regierungspartei selbst, glaubte er nun vermöge seiner konzilianten Beredsamkeit die gesamte Bürgerschaft von der Nützlichkeit und Notwendigkeit seiner Vorsätze überzeugen zu können. Wen er in der Tat gewann, das war der Minister für Handel, Gewerbe und Industrie, Herr Simon, der in seinem sehr opportunistischen unabhängigen Gemüt im Ernst meinte, kraft seines Amtes durch einfache Erlasse des Ressortministeriums den Sozialismus in Bayern einführen zu können. Neurath wurde auf sein Betreiben vom Ministerrat zum Sozialisierungskommissar mit außerordentlichen Vollmachten ernannt.</p>
<p>Am 21. März schlug die Nachricht von der Ausrufung der Räterepublik in Ungarn wie eine Bombe ein. Die Begeisterung des Proletariats war überschwenglich. Der Name Béla Kun wurde neben denen Lenins und Trotzkis zum Kampfruf für die Massen. Die Versammlungsredner fanden mit dem Appell zur Nacheiferung des ungarischen Beispiels jubelnde Zustimmung. Vor der Bourgeoisie tauchte erst jetzt das Gespenst der Räterepublik als unmittelbare leibhaftige Drohung auf. Die Regierung bekam eine Höllenangst und hoffte auf Neurath. Dieser überredete das Ministerium, eine Proklamation zu erlassen, in der die »Vollsozialisierung« angekündigt wurde. Zugleich lud man die sächsische (ebenfalls »sozialistische«) Regierung ein, dem Beispiel zu folgen, erhielt aber von Herrn Gradnauer in Dresden eine sehr deutliche Absage. Wie konsterniert die Bourgeoisie war, zeigte sich daran, daß es Neurath gelang, einen Führer der klerikalen Agrarbourgeoisie, Herrn Dr. Schlittenbauer, für seine Pläne einzufangen. Wahrscheinlich sah der Mann die Unvermeidlichkeit des kommunistischen Sieges so deutlich vor sich, daß er alle Rettung nur noch in einem rechtzeitigen Pakt mit dem Umsturz suchte, bei dem die von ihm vertretenen Großbauern ihre Schäfchen eben noch ins trockene bringen mochten. Neurath selbst mußte allerdings bei allen Versuchen, Praktisches zu leisten, immer mehr einsehen, daß ihm der Kapitalismus zähen Widerstand entgegensetzte, gegen den ihm die Vollmachten des Ministers Simon nicht das mindeste halfen. Er mußte also seinen Wagemut bald etliche Pflöcke zurückstecken.</p>
<p>Die Hauptsorge der Regierung Hoffmann war, die eigene Position gegen die immer schärfer zur revolutionären Aktion drängenden Massen zu festigen. Auch da mußte Neurath helfen. In einer vom RAR einberufenen großen Volksversammlung in der letzten Märzwoche, in der ich das Referat hatte, erbat der Sozialisierungskommissar außer der Reihe das Wort und überraschte die Tausende seiner Hörer mit einem Projekt, für das er die Zustimmung der Regierung so gut wie sicher habe. Der bayerische Staat werde den Kommunisten ein großes, fruchtbares Gebiet, das einige tausend Personen bequem ernähren könne, mit allem nötigen Werkzeug und einem Kapital von vorläufig einer Million Mark zur völligen freien Bewirtschaftung nach eigenen Grundsätzen zur Verfügung stellen, auf dem diejenigen, die sich dort ansiedeln wollen, die Realisierbarkeit ihrer Ideen experimentell beweisen könnten. Neurath malte die Vortrefflichkeit seines Planes in leuchtenden Farben aus und versprach jedes Entgegenkommen in der Auswahl des Gebiets, in der Freigebigkeit des Staates und in allen Einzelheiten. Die Versammlung war perplex und einigermaßen ratlos, wie sie sich diesem Anerbieten gegenüberstellen sollte. Landauer empfahl die Annahme, indem er auf die russischen Mustersiedlungen hinwies und die Möglichkeiten hervorhob, die sich aus dem Bestehen einer solchen revolutionären Keimzelle ergeben könnten. In der Diskussion ging weiter kein einziger Redner auf Neuraths Vorschläge ein, ein Zeichen, wie mißtrauisch die Arbeiter selbst ein so verlockendes Anerbieten betrachteten. Im Schlußwort goß ich dann gehörig Wasser in Neuraths Wein. Auch ich meinte, daß man grundsätzlich auf den Plan eingehen müsse, schon um nicht in den Verdacht zu geraten, als ob man sich selbst vor kommunistischen Experimenten fürchte. Ich bedeutete Neurath aber, daß die Arbeiterschaft sich nicht in die Situation eines Geschenkempfängers gedrängt sehen wolle, sondern als gleichberechtigter Vertragskontrahent die Verhandlungen führen wolle. Sie müsse also ihre strikten Bedingungen stellen, damit die Regierung vor allen Dingen nicht zu dem Glauben verleitet werde, als ob sie mit der Verpflanzung einiger tausend Kommunisten aufs Land etwa die unangenehme kommunistische Opposition in ganz Bayern los sei. Neurath möge seiner Regierung mitteilen, daß sein Angebot erst dann diskutabel werde, wenn jenes abgetrennte Gebiet als politisch absolut automon anerkannt werde, daß seine Anwohner demnach nicht den bayerischen kapitalistischen Gesetzen unterworfen seien, daß es eigene diplomatische Vertreter halten werde, und zwar in Rußland und Ungarn, daß seine Männer Waffen führen müssen, um sich gegen Angriffe auf ihre kommunistischen Anlagen zu wehren, und daß ihnen bei alledem die freie Agitation im übrigen Bayern nicht verkümmert werde. Diese Antwort fand die lebhafte Zustimmung der Versammlung. Von der Sache selbst hat man dann nichts mehr gehört.</p>
<p>Die erfreulichen Nachrichten aus Budapest – die ungarische Sowjetregierung richtete sofort ein Mitteilungsbüro in München ein – gaben der politischen Regsamkeit der Kommunisten vervielfachtes Leben. Fast täglich fanden überfüllte Massenversammlungen statt, in denen die Aussichten der proletarischen Revolution erörtert wurden und die stets in der Zuversicht schlössen, daß die bayerische Räterepublik ein in Kürze erreichbares Ideal sei. Bei fast allen diesen Versammlungen war die KPD die Einberuferin – nur gelegentlich abgelöst durch die Arbeitslosen und ganz selten vom RAR –, und als Referenten mußten immer wieder Levien und ich heran, und zwar ich bedeutend häufiger noch als Levien, der seine Tätigkeit mehr und mehr in den Dienst der Parteisektionen und des Parteiorgans, der »Münchener Roten Fahne«, stellte. War er verhindert, was gewöhnlich der Fall war, so holte man mich, und es kam vor, daß ich eine ganze Woche hindurch jeden Abend reden mußte; ja, als die KPD eines Tages eine Reihe von Parallel Versammlungen veranstaltete, mußte ich hintereinander in vier Versammlungen sprechen. – Diese Inanspruchnahme meiner Dienste von der Partei aus hörten in den letzten Märztagen mit einem Schlage und ganz unvermittelt auf. Ich erfuhr, daß die Berliner Parteizentrale besondere Organisatoren nach München entsandt habe und daß infolgedessen die Partei nun auch selbst mit Referenten für die Versammlungen ausreichend versehen sei. Mir war das nicht unangenehm, da ich reichlich überanstrengt war und auch meine wirtschaftliche Existenz vernachlässigt hatte. So beschränkte ich mich zumeist auf Werbereden in Betriebsversammlungen, nahm mehr Fühlung mit den Betriebsräten und unmittelbar Werktätigen, als es mir bisher möglich war, und ging am 1. April einerseits aus Gründen der materiellen Sicherung meiner Familie, anderseits auch, um persönlich genauen Einblick in die Liquidation der Kriegswirtschaft und die Organisation des Übergangs zur Friedenswirtschaft zu gewinnen, als Gehilfe zum Genossen Paulukum ins Demobilmachungs-Kommissariat. Zum Einarbeiten in die schwierige und komplizierte Materie fand ich aller dings keine Zeit mehr. Am 4. April trat urplötzlich und vollständig überraschend die Tatsache ein, die die bayerische Revolution von Grund aus durcheinanderwarf und ihre Niederlage entschied.</p>
<p>Hinter den zutage liegenden äußeren Ereignissen verbergen sich auch heute noch so viele geheime und verdächtige Vorgänge, daß eine zuverlässige Darstellung der Entstehung der Münchener Räterepublik noch gar nicht möglich ist. Auch ich kann nur durch den Bericht des persönlichen Erlebens zur Klärung beitragen und halte es daher für geraten, noch mehr als bisher schon die eigene Person und die eigene Beobachtung zum Ausgangspunkt aller Mitteilungen zu machen. Denn ich glaube, daß die ungekünstelte Darstellung subjektiv erlebter Dinge mehr innere Wahrheit enthält als eine gequälte Objektivität, der alle Grundlagen tatsächlichen Wissens fehlen. Ich berichte also im Folgenden nur, was ich mit eigenen Sinnen wahrgenommen habe.</p>
<p>Am Nachmittag des 4. April (Freitag) hatte ich an einer Betriebsversammlung teilgenommen, um auf Einladung der Betriebsräte ein Gutachten über Differenzen unter den Arbeitern abzugeben. Um sechs Uhr sollte im Wittelsbacher Palais eine Sitzung des RAR stattfinden. In dem Augenblick, als ich das Gebäude betreten wollte, kamen mir im Vorgarten eine Anzahl von Genossen entgegen, darunter mehrere Mitglieder des RAR (auch Landauer), der Vorsitzende des Zentralrats Niekisch und ein paar bekannte USP-Leute. Sie forderten mich auf, sofort umzukehren und mit ihnen zum Ministerium des Äußeren zu gehen, da die Räterepublik in Bayern sofort proklamiert werden solle. Ich glaubte zuerst, man wolle mich mit einem Witz aufziehen, erkannte aber bald, daß die Sache ernst war. Ich erhielt auf dem Wege folgende Aufklärungen: Niekisch war soeben von Augsburg zurückgekehrt, wo er ansässig war. Die Augsburger Arbeiterschaft stehe, wie bekannt war, im Generalstreik und habe die strikte Forderung gestellt, der Zentralrat in München solle sofort die Räterepublik ausrufen, die Regierung für abgesetzt erklären und die Diktatur dem Proletariat übertragen. Das Verlangen der Augsburger Arbeiter allein hätte nicht genügt, um einen so folgenschweren Entschluß zu fassen. Doch sei soeben die Nachricht eingetroffen, daß die Konterrevolution zum Schlage aushole. Die Regierung wolle unter Bruch des Abkommens mit dem Rätekongreß und dem Zentralrat den Landtag eigenmächtig zum 8. April einberufen, um vor allem dem durch die Neurathschen »Sozialisierungs«-Pläne aufgeregten und geängsteten Bürgertum legislative Sicherungen gegen die Revolution zu schaffen. Man habe daher keine Wahl, wenn man sich nicht vollständig den Kapitalisten ausliefern wolle, als sofort zu handeln und den Willen des Augsburger Proletariats zu erfüllen.</p>
<p>Die Stimmung der kleinen Schar war sehr gehoben, und ich leugne nicht, daß sie auf mich überging und der Gedanke, daß der heiße Wunsch des Proletariats nun Erfüllung finden solle, mein Herz heftig schlagen machte. Dieses Hochgefühl, mit dem ich das Ministerium des Äußeren betrat, bekam allerdings schnell einen Dämpfer. Der Minister des Innern Segitz empfing uns. Ihm ging der Ruf voraus, er sei unter den führenden Mehrheitssozialisten eine der anständigsten und ehrlichsten Persönlichkeiten. Er war bereits unterrichtet, da Niekisch schon am frühen Nachmittag eine Ministerratssitzung veranlaßt hatte, die sich mit der neuen Situation beschäftigte. Außer Segitz waren von den Ministern anwesend Simon, Unterleitner und Schneppenhorst, den ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal sah. Ferner erschienen der Stadtkommandant Dürr und der Polizeipräsident Staimer sowie einige Führer des Bauernbundes, der USP und der Gewerkschaften. Wir mögen im ganzen dreißig Personen gewesen sein. Als Niekisch die Sitzung eröffnen wollte, stellte ich zunächst die Frage, ob die Kommunistische Partei verständigt sei, und erhielt die Auskunft, Levien werde jeden Augenblick erwartet. Da er jedoch nicht kam, begann man mit den Verhandlungen. Über die Zwangslage bestand Einigkeit, und mit besonderer Lebhaftigkeit erklärte Dürr, daß unter den obwaltenden Verhältnissen die Ausrufung der Räterepublik die notwendige Maßnahme zur Abwehr konterrevolutionärer Anschläge sei. Für die Mitwirkung der Truppen bürge er. Damit schien der glatte Verlauf der Aktion gesichert, und man ging an die Erörterung der Art der Proklamation. Landauer und ich erhielten den Auftrag, ein Manifest auszuarbeiten, das am nächsten Morgen den vollzogenen Akt der Bevölkerung mitzuteilen hätte, und zwar sollte dieser Aufruf auch schon die Namen der Volksbeauftragten enthalten, die vorläufig den Ressorts vorstehen sollten. Die Verteilung dieser Ämter sollte nach Möglichkeit paritätisch unter die sozialistischen Parteien und Richtungen verteilt werden. Zuallernächst sollte der Zentralrat eine entscheidende Radikalisierung erfahren, weshalb eine starke Vertretung des RAR und die Aufnahme einer Reihe von KPD-Mitgliedern vorgesehen wurde. Niekisch sollte vorerst an der Spitze bleiben. Doch wurde auf Landauers Verlangen beschlossen, daß das Provisorische aller Maßnahmen deutlich kenntlich gemacht würde, so daß also der Aufruf zu unterzeichnen sei vom »provisorischen Zentralrat« und dem »provisorischen Rat der Volksbeauftragten«, da alle endgültigen Entschließungen und Ämterbesetzungen selbstverständlich den Räten vorbehalten werden müßten. Hatte mir schon die ganze Art der Verhandlung wenig gefallen, so war ich im höchsten Maße verblüfft, als die Wahl der provisorischen Volksbeauftragten vorgenommen wurde. Dagegen, daß Segitz das Innere wieder übernehmen sollte, erhob ich keine Einwendung, weil seine Partei analog dem ungarischen Beispiel ja jedenfalls vertreten sein sollte. Daß man dann Simon und Unterleitner zu den gleichen Ressorts berief, die sie bisher schon verwaltet hatten, machte mich stutzig, und ich äußerte Bedenken dagegen, daß der Eindruck erweckt würde, als ob man einfach die bisherigen Minister fortan Volksbeauftragte nennen wolle und damit die Räterepublik für errichtet halte. Um derartige Einwendungen zu beschwichtigen, übertrug man Landauer das Ressort für Volksaufklärung. Ich verlangte, daß die drei meiner Auffassung nach wichtigsten Posten Kommunisten übertragen würden, nämlich Auswärtiges, Justiz und Militär. Für das Auswärtige wurde Dr. Mühlon vorgeschlagen, ein pazifistischer Schriftsteller, der sich im Kriege durch Veröffentlichung für die deutsche Regierung schwer kompromittierender Tatsachen bekannt gemacht hatte, die er in seiner früheren Eigenschaft als Direktor bei den Krupp-Werken erfahren hatte. Da Mühlon – der übrigens nicht in München war – sich grundsätzlich für das Rätesystem als gesellschaftliche Organisationsform ausgesprochen hatte, glaubte man, er werde bei dem Ansehen, das er bei den Ententeregierungen besaß, zugleich eine enge Verbindung mit den Sowjetrepubliken herstellen können und Schwierigkeiten aus dem Westen zu verhindern wissen. Ich blieb mit meinem Einspruch allein. Für die Justiz akzeptierte man einen Kommunisten, der mit Zustimmung der Partei womöglich aus Nordbayern gestellt werden sollte. Das Militärwesen schlug ich vor Levien anzubieten. Doch erklärten die Mehrheitler, sie müßten gleich den Unabhängigen und den Linksradikalen zwei Ressorts beanspruchen, zumal Segitz seiner Wahl erst meinte zustimmen zu können, wenn er dazu die Erlaubnis seiner Partei eingeholt habe. Zu meinem Erstaunen wurde – und zwar von dem Unabhängigen Simon – der bisherige Militärminister Schneppenhorst als Volksbeauftragter für das Militärwesen empfohlen. Dieser Vorschlag führte zu einer sehr heftigen Kontroverse zwischen mir und Schneppenhorst. Ich erklärte, daß der Mann, der diesen Posten übernehme, die Aufgabe habe, das Proletariat zu bewaffnen und eine rote Arbeiterarmee aufzustellen, die bereit sei, die Räterepublik gegen jeden Angriff von innen und von außen zu schützen, daß Schneppenhorst hingegen im Ruf eines bayerischen Noske stehe und besonders durch seine Flugblätter und dadurch, daß er von Nürnberg aus Militär gegen München in Anmarsch gesetzt habe, jedes Vertrauens bei den Massen entbehre. Schneppenhorst antwortete sehr erregt. Die Flugblätteraffäre entschuldigte er damit, daß er falsch informiert gewesen sei. Man habe ihm berichtet, Levien und ich wollten im Falle der Ablehnung meines Antrages im Rätekongreß durch einen Gewaltakt den Kongreß auseinandertreiben und die Rätediktatur einführen. Als er gesehen habe, daß das nicht geschah, habe ihm seine Übereilung selbst leid getan und er bitte um Entschuldigung dafür. Auch habe er nie Truppen gegen München schicken wollen. Die Sache verhalte sich ganz harmlos. Auf den Bescheid hin, daß die »Republikanische Schutztruppe« in München durch wochenlange strenge Bereitschaft völlig erschöpft sei, habe er nur zur Ablösung eine Anzahl Nürnberger Soldaten, noch dazu unbewaffnet, nach München schicken wollen, sie dann aber überhaupt nicht abreisen lassen. Zum Beweise seiner vollen proletarischen Loyalität führte er an, daß er jede Werbetätigkeit in Bayern verhindert und Werbeoffiziere habe verhaften lassen. Die sehr geschickt vorgetragene Rede Schneppenhorsts machte auf die Anwesenden starken Eindruck. Ich erwiderte jedoch, daß ich die Richtigkeit seiner Angaben nicht nachprüfen könne, daß mir aber auch im Falle seiner größten Ehrlichkeit seine Person unannehmbar scheine, weil vor allen Dingen bei der Besetzung dieses wichtigen Vertrauenspostens die Mentalität des Proletariats berücksichtigt werden müsse, das nun einmal ein tiefes Mißtrauen gegen Schneppenhorst habe. Ich blieb jedoch mit meinem Widerspruch allein. Den Volksbeauftragten für die Landwirtschaft zu bestimmen wurde in allgemeiner Übereinstimmung dem radikalen Bauernbund überlassen.</p>
<p>Wir Mitglieder des »Revolutionären Arbeiterrats« bestanden darauf, daß endgültige Beschlüsse erst gefaßt werden sollten, wenn die KPD an den Verhandlungen teilnehme. Da Levien jedoch trotz mehrfacher Versuche, ihn zur Stelle zu bringen, ausblieb, wurde vereinbart, daß am Abend im Kriegsministerium eine neue Zusammenkunft im größeren Kreise stattfinden sollte, bei der die endgültigen Festsetzungen getroffen werden sollten. Auf jeden Fall sollte in der Frühe des 5. April schon die vollendete Tatsache geschaffen sein.</p>
<p>Landauer und ich zogen uns nun gesondert in ein Restaurant zurück, wo wir die Proklamation entwarfen. Ich verhehlte dabei Landauer nicht meine Befürchtung, daß die Begeisterung des Proletariats durch die Liste der Volksbeauftragten, ganz besonders durch den Namen Schneppenhorst, sehr beeinträchtigt werden könne. Landauer dachte darüber sanguinischer. Er meinte, die Ereignisse in Ungarn hätten bei uns gerade auch die revolutionären Arbeiter davon überzeugt, daß die Einigung des Proletariats möglich und notwendig sei. Die Mitwirkung der Rechtssozialisten beweise, daß auch sie wie ihre Gesinnungsgenossen in Budapest erkennen, daß ihnen kein anderer Weg mehr offenbleibe als die Annahme unserer Postulate, und was die Namen anlange, so sei es vollständig gleichgültig, wer unterzeichne. Indem das Proletariat selbst die Macht übernehme, könne es ja jeden Moment diejenigen Personen, die ihm nicht passen, durch seine Vertrauensleute ersetzen.</p>
<p>An die Möglichkeit, daß etwa die KPD sich grundsätzlich ablehnend verhalten könne, dachte kein Mensch. Wir alle wußten, mit welcher Leidenschaftlichkeit das Münchener Proletariat Tag für Tag nach der Räterepublik rief, und so übersahen wir die Gefahr, die eine so willkürliche Form der Ausrufung, wie sie jetzt geplant war, in sich schloß. In der Sache selbst war mein Gedankengang so: Der Moment ist gegeben, wie er kaum wiederkehren wird: Generalstreik in Augsburg mit der strikten Forderung des Proletariats, zugleich Bruch des Übereinkommens mit dem Rätekongreß durch die Bourgeoisie. Das Proletariat unter dem frischen Eindruck der ungarischen Vorgänge. In Braunschweig und Thüringen Unruhen mit der ausgesprochenen Tendenz zur bolschewistischen Rätediktatur. Benutzen wir die Situation, dachte ich mir, so ist Österreich zwischen den beiden Räterepubliken Ungarn und Bayern eingeklemmt. Das wird den Einfluß der Bauer und Adler brechen, und die Brücke wird hergestellt sein; wenn zugleich in Braun schweig und Mitteldeutschland Inseln entstehen, so wird unser Vorgehen auch das Signal zur allgemeinen deutschen Revolution geben, und die Herrschaft Ebert-Scheidemann-Noske muß zersplittern. Ich sah also in der Etablierung der Räterepublik in Bayern ein eminent bedeutungsvolles Ereignis für die Weltrevolution.</p>
<p>Am Abend waren etwa hundertfünfzig Personen im Sitzungssaal des Kriegsministeriums versammelt, darunter viele Mitglieder des RAR (unter denen, wie gesagt, ein starker Teil der Kommunistischen Partei angehörte), offizielle Vertreter der MSP, der USP, der Gewerkschaften, die Minister Schneppenhorst, Simon und Steiner (Landwirtschaftsminister), eine starke Abordnung des Bauernrates, Vertreter der Soldatenräte, Stadtkommandant, Polizeipräsident und so weiter. Die KPD war als solche offiziell nicht vertreten trotz dringender Einladung. Niekisch als Verhandlungsleiter erstattete Bericht. Über die Unvermeidlichkeit der Aktion bestand zunächst Einigkeit. Der Vertreter der Bauernschaft, Gandorfer, teilte die Bedingungen mit, unter denen seine Freunde sich beteiligen würden. Die brenzlichste unter ihnen verlangte, daß Grundbesitz unter tausend Tagwerk vorerst nicht sozialisiert werden dürfe. Man war, da ein Arbeiten gegen die Bauernschaft ganz ausgeschlossen schien, gezwungen, die Forderungen der Bauern anzunehmen. (Übrigens haben sich nach dem 13. April auch die Kommunisten diesen Bedingungen gefügt.) Ich hielt es für notwendig, den anwesenden Sozialpatrioten und lahmen Unabhängigen mit aller Deutlichkeit zu Gemüte zu führen, daß die Errichtung der Räterepublik nicht die Änderung einer Firma, sondern die völlige Verwandlung des Systems bedeute, und setzte in einer längeren Rede auseinander, daß es nun gelte, wie in Ungarn alle Konsequenzen aus der Lage zu ziehen und das unzweideutige Bekenntnis zum Kommunismus abzulegen. Während ich die nächsten Maßnahmen erörterte, darunter die Errichtung einer Roten Armee, die Einsetzung eines Revolutionstribunals, die sofortige Nationalisierung der Banken und so weiter, wurde ich von einem Gewerkschaftsführer durch den Zwischenruf unterbrochen: »Mir graut, aber ich mache mit.« Mir schien darin die Erkenntnis der Schwäche dieser Leute zu sprechen, zugleich aber auch der ehrliche gute Wille, sich ins Unabänderliche zu fügen. Während der weiteren Verhandlungen erschienen drei mir unbekannte Männer im Saal, und der Vorsitzende teilte mit, daß eine Delegation der KPD das Wort verlange.</p>
<p>Zuerst sprach Genosse Schuhmann. Er erklärte zur grenzenlosen Überraschung sämtlicher Anwesenden, seine Partei protestiere gegen die Ausrufung der Räterepublik, die dieses Konventikel gar nicht beschließen dürfe, sondern die vom Rätekongreß angenommen werden müsse. Ich übernahm es, ihm sowie den beiden andern Sprechern der Partei zu antworten. Zunächst setzte ich noch einmal die Gründe auseinander, die schleuniges Handeln verlangen, erinnerte daran, daß sich der Rätekongreß als rückständige und willenlose Körperschaft erwiesen habe und daß der Zentralrat es sei, von dem jetzt die Initiative ausgehe, also durchaus die Instanz, die berufen sei, ein Provisorium zu schaffen, zu dem dann ein neuer auf Grund revolutionärer Rätewahlen einzuberufener Kongreß endgültig Stellung nehmen müsse. Als zweiter Redner der KPD behauptete Genosse Dietrich, die Massen seien gegen die Proklamation der Räterepublik. Er erregte damit das Gelächter der Versammlung, und ich erwiderte, daß diese Äußerung zeige, wie fremd er noch den Verhältnissen in Bayern gegenüberstehe, da seit Eisners Ermordung die Räterepublik die unausgesetzte laute Forderung des Proletariats sei, wobei ich auch an die drohende Demonstration gegen den Rätekongreß am 28. Februar erinnerte. Dann erhielt »Genosse Niessen« das Wort, ebenfalls ein allen Anwesenden gänzlich Unbekannter, dessen Identität mit Eugen Leviné erst einige Tage später bekannt wurde. Seine Ausführungen waren weitaus ernster zu nehmen als die seiner Vorredner. Alle Argumente, die er ins Feld führte, richteten sich gegen ein Zusammenwirken mit den Sozialpatrioten. Er verwies auf die verräterische Haltung der Sozialdemokraten in Berlin, in Hamburg, vor allem in Bremen, griff den anwesenden Minister Schneppenhorst und den Stadtkommandanten Dürr persönlich so scharf an, daß unter den Mehrheitlern großer Unwille entstand und Schneppenhorst selbst beinahe handgreiflich geworden wäre. Meine Antwort lautete dahin, daß ich das Mißtrauen gegen die Mehrheitspartei vollkommen teile, daß es mir aber doch unzulässig erscheine, aus dem Verhalten dieser Partei in Norddeutschland ohne weiteres Analogieschlüsse zu ziehen und Leute als Verräter zu bezeichnen, ehe sie bewiesen hätten, daß sie welche seien. Im übrigen sei jedoch meine Meinung, daß, wenn jetzt ein neuer provisorischer Zentralrat und ein Rat der Volksbeauftragten bestimmt werde, das für das Proletariat keineswegs bindend sei. Ich wünschte, daß morgen, gleich nachdem das Ereignis bekanntgegeben sei, die Massen auf der Theresienwiese zusammenkämen, uns allesamt zum Teufel jagten und das Weitere aus eigenem Ermessen den Personen übertrügen, denen sie Vertrauen entgegenbrächten. Daß jedoch ein Zusammengehen aller Parteien und sozialistischen Richtungen durchaus dem Wunsch des Proletariats entspreche, müsse ich nach dem Beweise, den Ungarn zur Zeit für die Möglichkeit dieser Einigung biete, bestimmt annehmen. Darauf verließ die Deputation den Saal.</p>
<p>Die Erregung über diesen unerwarteten Zwischenfall war außerordentlich. Allgemein, auch unter den der KPD angehörenden Mitgliedern des RAR, hörte man die Ansicht, daß diese drei Männer, die niemand kannte, die auchmir bei meinem früheren engen Zusammenwirken mit der Partei völlig fremd waren, unmöglich die Auffassung der kommunistischen Arbeiterschaft Münchens ausdrückten und daß sie, die einen Parteivorstand repräsentierten, der ohne Fühlung mit dem Proletariat sei, nur deswegen opponierten, weil sie die Räterepublik zu einer ihnen genehmen Zeit als reine Parteiaktion proklamieren wollten. Man fragte sich: Warum ist niemand trotz der dringenden Aufforderung zur Nachmittagssitzung gekommen? Warum schickt man jetzt statt Levien oder eines andern, jedem bekannten Parteigenossen diese drei eben von Norddeutschland herdirigierten Leute? Wer sind die drei? Wer ist es in Wirklichkeit, der sie bevollmächtigt hat? Über einen Punkt hatte keiner einen Zweifel: daß die kommunistische Arbeiterschaft im Augenblick, wo die Ausrufung der Räterepublik Tatsache wäre, eine negative Parole ihrer Führer einfach ignorieren und sich über die Köpfe der Parteileitung hinweg beteiligen und an der Spitze marschieren werde. Es ist auch heute noch meine Überzeugung, daß die Ausführung unserer Absicht, in der Frühe des 5. April die Proklamation zu veröffentlichen, die Arbeiterschaft in völlig einiger Begeisterung hinter uns geführt hätte (was natürlich nichts gegen die prinzipielle Richtigkeit der Ablehnung durch die KPD besagt).</p>
<p>Die erste Folge des Auftretens der Kommunisten stellte sich sofort ein. Die Sozialdemokraten erklärten, daß durch die Gefährdung der Einigkeit, die Voraussetzung ihrer Mitwirkung gewesen sei, eine neue Situation geschaffen sei, und verlangten – etwa um Mitternacht – die Unterbrechung der Sitzung für eine Viertelstunde. Sie zogen sich zurück. Als sie nach einer vollen Stunde noch nicht im Saal waren, wurde die Verhandlung ohne sie fortgesetzt. Endlich erschienen sie. Die Vermutung, sie würden jetzt ihre Beteiligung verweigern, erwies sich als falsch. Für diesen Fall wollte Landauer die Proklamation kurzerhand durch den RAR vorschlagen. Durch den Mund Schneppenhorsts ließen die Herren verkünden, daß sie einen Aufschubder Proklamation um achtundvierzig Stunden verlangten, um inzwischen die Provinz vorzubereiten. Es sei zu befürchten, daß das Militär in Nordbayern sich zu reaktionären Handlungen aufputschen lasse. Deshalb müsse er (Schneppenhorst) zunächst nach Nürnberg reisen. Da er das II. und III. bayerische Armeekorps völlig in der Hand habe, könne er dann garantieren, daß ganz Nordbayern treu zur Räterepublik stehen werde. Wir Radikalen protestierten mit der äußersten Heftigkeit gegen die Verschleppung, besonders scharf wandte sich Landauer dagegen mit der Begründung, daß nur die Überrumpelung der Bourgeoisie rasche Sicherungsmaßnahmen der Reaktion verhindern könne. Er deutete übrigens an, daß er nun auch ein gewisses Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit Schneppenhorsts gefaßt habe, und ermahnte diesen, daß man ein ausgesprochenes Wort nicht in seinen Mund zurückrufen könne. Schneppenhorst bekräftigte seine Zuverlässigkeit durch den Ausspruch, er verpfände seinen Kopf dafür, daß er in Nürnberg nur für die Räterepublik wirken werde. Eine starke Unterstützung in unserer Forderung, ohne Aufschub zu handeln, fanden wir in einem Bauernrat, dem Redakteur Kübler, der in einer ausgezeichneten Rede ganze und rasche Arbeit forderte. Die Mehrheitler wurden jedoch unterstützt von einigen rechten Unabhängigen. Der einzige, der aus der Situation den Schluß zog, man solle die ganze Aktion um einige Wochen vertagen, war Dr. Wadler, der sich dafür den Unwillen von allen Seiten zuzog. Die Abstimmung ergab eine Mehrheit für die Vertagung um achtundvierzig Stunden. Ich sah in diesem Augenblick mit großer Deutlichkeit die Gefahr, die in dieser Verzögerung lag, und wollte jetzt noch auf Landauers Anregung zurückkommen, nämlich den »Revolutionären Arbeiterrat« veranlassen, die Sitzung zu verlassen, sich sofort mit der KPD in Verbindung zu setzen, um in Gemeinschaft mit ihr in der Frühe des Tages ein fait accompli zu schaffen. Leider brachte mich Landauer wieder von dieser Idee ab. Wie ich die Dinge heute rückschauend ansehe, war es der einzige Weg, aus einer verfahrenen Situation mit einer revolutionären Tat herauszukommen. Die revolutionäre Vorhut des Proletariats hätte einig gehandelt, und dem Verrat wäre von Anfang an kräftig vorgebeugt worden. Wir fügten uns also dem Beschluß.</p>
<p>Die am Nachmittag festgesetzte Liste der Volksbeauftragten wurde nun zunächst kassiert, und es wurde beschlossen, die achtundvierzig Stunden möglichst gründlich zur Bearbeitung der Provinz zu benutzen. Gleich in der Frühe des Tages sollten Delegierte ins Land gesandt werden, um alles vorzubereiten. Nach Nürnberg wurde außer Schneppenhorst noch der Unabhängige Minister Simon geschickt, und ich erhielt den speziellen Auftrag, ebenfalls dorthin zu fahren, um mit der Nürnberger Ortsgruppe der KPD über deren Mitwirkung zu verhandeln und sie womöglich zu bewegen, einen Volksbeauftragten zu stellen.</p>
<p>Die Sitzung wurde erst spät in der Nacht beendet. Ich mußte von dort noch mehrere entfernt wohnende Genossen in dem einzigen Auto, das zur Verfügung stand, heimbegleiten, dann auf der Polizei Fahrtausweise besorgen und telefonisch reservierte Eisenbahnplätze bestellen. So kam ich erst gegen fünf Uhr früh heim. Um acht Uhr saß ich bereits im Schnellzug nach Nürnberg, und zwar im gleichen Abteil, in dem auch Schneppenhorst und Simon fuhren. Es befanden sich noch weitere Delegierte bei uns, unter anderen die Genossen Hagemeister und Sauber, die nach Würzburg geschickt wurden. Politische Gespräche wurden unterwegs so gut wie nicht geführt. Nur erinnere ich mich, daß Schneppenhorst die Bedingungen der Bauern kritisierte und die Schonung der Grundstücke unter tausend Tagwerk als eigennützige Forderung Gandorfers denunzierte, dessen Besitz achthundert Tagwerk groß sei. – In Nürnberg wurde ich von den telefonisch verständigten Genossen der KPD am Bahnhof abgeholt Ich habe von dem Augenblick an, als die Genossen mich begrüßten, Schneppenhorst erst im Juli im Gerichtssaal wiedergesehen.</p>
<p>In Nürnberg blieb ich den ganzen Tag in Gesellschaft der Genossen. Ich wurde in der Wohnung eines von ihnen aufgenommen, wo Telefon war, und die Ausschußmitglieder der Ortsgruppe wurden hier zu einer Sitzung zusammengerufen, zu der ich zugezogen wurde. Zunächst erkundigte ich mich nach der Persönlichkeit Schneppenhorsts. Der Bescheid, den mir die Genossen über seine moralischen und politischen Qualitäten gaben, war derartig, daß ich sofort an den RAR telefonierte, daß Schneppenhorst an der Organisation der Räterepublik unter keinen Umständen und an keinem Posten zugelassen werden dürfe. Ich müsse meine Beteiligung am Ganzen davon abhängig machen. Alsdann formulierten die Genossen unter meinem Beistande die Minimalforderungen der Ortsgruppe Nürnberg der KPD. Sie entsprachen fast wörtlich den nachher von der USP (Toller) eingebrachten Forderungen. Ich verpflichtete mich persönlich, diese Bedingungen als die meinigen anzuerkennen. Am Abend desselben Tages reiste ich in Gesellschaft Tollers, der zufällig in Nürnberg war und über die Münchener Ereignisse erst von mir unterrichtet wurde, nach München zurück, in der Gewißheit, daß die Nürnberger Kommunisten eine völlig entgegengesetzte Auffassung hatten als die Münchener Führer und daß am folgenden Tage zwei von ihnen zur persönlichen Information nach München kommen würden. – Ich fand, als ich in später Nacht ins Wittelsbacher Palais kam, dort noch eine Anzahl von Genossen versammelt und erfuhr von ihnen, daß Wadler die bevorstehende Proklamation in einer öffentlichen Versammlung angekündigt habe, was mit jubelnder Begeisterung aufgenommen worden sei.</p>
<p>Nach sehr kurzem Nachtschlaf mußte ich am Morgen des 6. April an einer Sitzung des »Revolutionären Arbeiterrats« teilnehmen, wo die Stimmung auch bei den Mitgliedern der KPD sehr optimistisch war. Ich erfuhr, daß soeben in einem öffentlichen Saal eine Generalversammlung der KPD stattfinde, und ging in Begleitung eines alten Genossen der Partei dorthin. Obwohl ich ja kein Mitglied war, wurde ich von den Aufsicht führenden Genossen mit einem Scherzwort ohne Umstände eingelassen. Im Saal mögen etwa sechshundert Personen anwesend gewesen sein. Ich ging, während Genosse Niessen (Leviné) sprach, zum Vorstandspodium hinauf und bat Levien, mir außer der Reihe das Wort zu erteilen, da ich der Versammlung eine wichtige Meldung von ihren Nürnberger Parteigenossen zu überbringen habe. Zu meinem Erstaunen machte Levien zuerst große Schwierigkeiten und protestierte dagegen, daß ich in eine geschlossene Mitgliederversammlung eingedrungen sei. Ich verlangte jedoch, daß die Mitglieder darüber entscheiden sollten, ob ich angehört werde. Als Messen geendet hatte, teilte Levien der Versammlung mit, daß ich da sei, obwohl ich nicht eingeschriebenes Mitglied sei. »Mühsam ist mein persönlicher Freund, aber mein politischer Gegner«, erklärte er zur allgemeinen Überraschung. Die Versammlung gab durch lautes Murren und durch Rufe ihren Willen kund, mich zu hören. So erhielt ich das Wort und gab Bericht über meine Nürnberger Mission. Ich erzählte dabei, welche Mitteilung ich über Schneppenhorst empfangen habe, verlas die Bedingungen der Nürnberger KPD-Ortsgruppe und erklärte, daß meine Mitwirkung nur in Frage komme, wenn diese Bedingungen erfüllt und die Person Schneppenhorsts von jeder öffentlichen Betätigung entfernt würde. Der starke Beifall, der meiner Rede folgte, bewies mir, daß die Mitglieder der KPD keinesfalls der Meinung seien, die die Deputation der Partei im Kriegsministerium vertreten hatte. Nach mir wurde das Wort wieder dem Genossen Niessen erteilt, der mich heftig angriff und mir vorwarf, daß ich tags zuvor mit demselben Schneppenhorst, den ich jetzt herunterkanzle, nicht bloß gemeinsame Sache gemacht, sondern sogar zu gemeinschaftlicher Agitation mit ihm nach Nürnberg gereist sei. Ich suchte diese Entstellung durch Zwischenrufe zu berichtigen, erreichte aber nur, daß sie in noch weit gröberer Form von neuem behauptet wurde. Das erregte mich dermaßen, daß ich meine Nerven verlor. Ich fühlte meine reine Sache vor den nächsten Genossen, die ich zuerst überhaupt revolutionär aufgeklärt hatte, besudelt und verließ in großer Erregung den Saal. Damit beging ich den entscheidendsten Fehler. Wäre ich geblieben, so wäre mir gewiß Gelegenheit gegeben worden, meine Haltung gerade Schneppenhorst gegenüber voll zu rechtfertigen, und auch Genosse Leviné hätte sich sicher überzeugt, daß er falsch unterrichtet war und daß ich in Nürnberg nicht gemeinsame Sache mit Schneppenhorst machte (mit dem ich rein zufällig im selben Kupee gefahren war), sondern mit seinen eigenen Parteigenossen von der KPD. Übriggeblieben wäre die sachliche Differenz, und bei der großen Beliebtheit, die ich bei den Kommunisten genoß, wäre, auch wenn wir zu keiner Einheitlichkeit im Handeln gekommen wären, der Konflikt auch in den folgenden Tagen in weniger erbitterter Form ausgetragen worden. So aber ließ ich mich von meiner durch Überanstrengung und Übermüdung gesteigerten Reizbarkeit verleiten fortzugehen und erweckte dadurch bei den Genossen selbst den Verdacht, aus Schuldgefühl der Rechtfertigung gegen die Vorwürfe Niessens auszuweichen. Ich selbst war mir jedoch über diese Wirkung meines Verhaltens keineswegs im klaren, glaubte im Gegenteil nach der Zustimmung der KPD-Mitglieder zu meiner Rede und nach der Unruhe, mit der die Reden der Genossen Levien und Niessen angehört waren, daß die Masse der kommunistischen Proletarier die Weigerung ihrer Führer nicht billigten und die Beteiligung an der Räterepublik erzwingen würden.</p>
<p>Am Abend dieses Tages (Sonntag) trat die Versammlung vom Freitagabend in etwas anderer Zusammensetzung im Wittelsbacher Palais, und zwar im Schlafzimmer der früheren Königin, wieder zusammen, um die endgültige Proklamation der Räterepublik vorzunehmen. Von den Ministern der Mehrheitspartei war keiner mehr dabei. Es hatte inzwischen in München ein sozialdemokratischer Gautag getagt, dessen Abstimmung über die Beteiligung ein zweifelhaftes Resultat ergeben hatte. Ob sich die Herren Segitz und Endres deswegen unsicher gefühlt haben oder ob sie gleich ihrem Kollegen Schneppenhorst bereits direkt am Werke der Gegenrevolution arbeiteten, bleibe dahingestellt. Die Partei war nur durch einige weniger prominente Funktionäre vertreten, die sich ziemlich schweigsam und abwartend verhielten. Dagegen hatte die USP ihre aktivsten Führer geschickt, und Toller, der schon im Rätekongreß zum Nürnberger Kompromiß in Opposition gestanden und nachträglich einen Mißbilligungsbeschluß dagegen in einer Münchener Parteiversammlung durchgedrückt hatte, trat als ihr Hauptwortführer auf. Der »Revolutionäre Arbeiterrat« war fast vollzählig da, und eine Anzahl seiner der KPD angehörenden Mitglieder erklärten, auch über einen Parteibeschluß hinweg mitarbeiten zu wollen. Die beiden von Nürnberg erwarteten Genossen erschienen zwar, aber nur, um mir persönlich mitzuteilen, daß sie nach Rücksprache mit den führenden Münchener Kommunisten ihre Zustimmung zurückziehen müßten.</p>
<p>Ich hatte mir inzwischen überlegt, daß angesichts des Mißtrauens der Kommunisten noch weiter reichende Sicherungen getroffen werden müßten, als sie in Nürnberg vereinbart waren und als ich den kommunistischen Genossen garantiert hatte. Ich verlangte daher für meine eigene Person über die Ablehnung Schneppenhorsts hinaus, daß kein einziger Mehrheitssozialist und kein einziges Mitglied des bisherigen Ministeriums – auch die Unabhängigen nicht – in den Rat der Volksbeauftragten aufgenommen werden dürfe. Da mein Einfluß auf den RAR bekannt war und es jedem einleuchtete, daß die Abstinenz dieser Körperschaft die ganze Aktion zersprengen würde, erklärte Niekisch, daß die Sache nicht an Personenfragen scheitern dürfe. Mit Ausnahme der Bauernvertreter, deren Auswahl dem Bauernrat überlassen werden sollte, wurde daher meinem Verlangen gemäß entschieden. Es wurde alsdann die Umkonstituierung des provisorischen Zentralrats vorgenommen, dessen Vorsitzender Niekisch blieb, der aber durch Delegierung von sechs Mitgliedern des RAR ein entscheidendes Übergewicht nach links erhielt. Die Wahl der Volksbeauftragten war überaus schwierig, und nur die Betonung des provisorischen Charakters aller vorläufigen Maßnahmen ließ die Verlegenheits-Improvisation erträglich erscheinen. Für die auswärtige Politik wurde wieder Mühlon vorgeschlagen. Ich erreichte durch den Hinweis darauf, daß dieser Posten von einem Mann besetzt werden müsse, der unbedingtes Vertrauen in Rußland und Ungarn besitze, seine Ablehnung. Darauf empfahl der RAR mich. Es wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß ich eine zu aggressive Politik gegen das Ebertsche Deutsche Reich treiben würde, und da ich die größte Rücksichtslosigkeit gegen diese Bourgeoisie-Republik noch ausdrücklich empfahl und für den Fall meiner Wahl versprach, fiel auch ich durch. Darauf präsentierte die USP aus ihren Reihen einen Genossen Dr. Lipp, der außer seinen Parteigenossen fast niemandem bekannt war. Da seine außerordentliche Bewandertheit in der internationalen Politik sehr gerühmt wurde, da er selbst sich als unbedingter Anhänger des Sowjetsystems bekannte und da man sonst nicht wußte, wen man wählen sollte, wählte man ihn auf Verantwortung der USP. Für das Innere wurde der Unabhängige Soldmann bestimmt, da er als links orientiert galt. Für den Verkehr an Stelle des bürgerlichen Herrn v. Frauendorf er, den Eisner als Fachmann in sein Kabinett geholt hatte und der bist jetzt auf seinem Posten geblieben war, Genosse Paulukum, der, obwohl unabhängig organisiert, eines der radikalsten Mitglieder des RAR war. Für die Justiz erwählte man in Ermangelung eines Geeigneteren das Mitglied des Bauernrats Kübler, dessen Rede im Kriegsministerium ihm Vertrauen bei den Revolutionären erworben hatte. Das Finanzressort zu übernehmen, hatte Professor Jaffé energisch abgelehnt, wie er überhaupt die Beteiligung an der Räterepublik vorläufig verweigerte. Landauer und ich schlugen den Physiokraten Silvio Gesell vor, dessen umfassendes Wissen auf dem Gebiete des Geldwesens und dessen lautere anarchistische Gesinnung uns bekannt war. Überdies schien uns die Praktizierung seiner Freigeldtheorie bei gleichzeitiger Nationalisierung der Banken ein besonders wirksames Mittel, die Ausbeutung und den Zinswucher beschleunigt unmöglich zu machen. Die Mehrheitler sagten zu allem ja und schluckten auch diesen Brocken, wie sie schon den von der USP eingebrachten, sich mit den Nürnberger Forderungen in allem Wesentlichen deckenden kommunistischen Grundsätzen zugestimmt hatten. Für die Volkswohlfahrt wurde Genosse Hagemeister gewählt, der noch nicht von Würzburg zurück war, für Volksaufklärung Gustav Landauer. Am schwierigsten gestaltete sich die Wahl des Volksbeauftragten für das Militärwesen. Ich verlangte mit der größten Schärfe, daß nur einem absolut zuverlässigen kommunistischen Revolutionär der Befehl über die Waffen anvertraut werden dürfe. Die Gewehre, sagte ich, schießen immer nach links. Daher darf der Mann, der über sie verfügt, links von sich niemanden mehr vorfinden. Ich hoffte immer noch, Levien werde zu bewegen sein, den Posten zu übernehmen. Vorerst jedoch mußte ein anderer gefunden wer den. Wir wählten den Genossen Killer, der zwar bei der USP, aber eines der radikalsten und zuverlässigsten Mitglieder des Soldatenrats war.</p>
<p>In der Nacht erschien der offizielle Abgesandte der KPD, Genosse Levien. Er gab keine Erklärungen ab, sondern legte den Versammelten im Namen seiner Partei eine Reihe scharf formulierter Fragen vor, die alle präzis beantwortet wurden. Ich nahm den Genossen nachher beiseite, stellte ihm die Situation vor, wies daraufhin, daß wir die Mehrheitler aus der eigentlichen Regierung völlig herausgedrängt, ihren Einfluß im Zentralrat derart geschwächt hätten, daß sie immer in der Minorität bleiben müßten, erinnerte ihn an das Verlangen der Massen, an Ungarn, an die Gesamtlage des politischen Geschehens, die ein Zurück nahezu unmöglich mache, da es der Reaktion einen ungeheuren moralischen Halt geben müßte, zeigte ihm die Gefahr, bei der Passivität der Kommunisten Halbkommunisten kommunistische Politik treiben zu lassen, und legte ihm dar, wie stark der revolutionäre Gedanke bei den Massen gekräftigt würde, wenn er als Volksbeauftragter die Bilder einer Roten Armee in die Hand nähme. Levien schien mir grundsätzlich nicht abgeneigt, meine Gedankengänge zu akzeptieren, erklärte aber, daß er erst seine Partei fragen müsse. Erging dann und kam nicht wieder.</p>
<p>Es mußten nun die ersten Maßnahmen für die Proklamation selbst getroffen werden. Ein Aufruf an das Proletariat wurde abgefaßt (meines Wissens von Niekisch), unter den ich auf Verlangen auch meine Unterschrift setzte. Dieser Aufruf hatte eine unglückliche Fassung, die noch mehr an allem verdarb, als schon verdorben war. Der Montag (7. April) wurde zum »Nationalfeiertag« erklärt, woran die Kommunisten natürlich gleich einhakten, um eine Verletzung unserer Internationalität daraus zu machen. Ferner wurde das Standrecht proklamiert. Landauer hatte das verlangt, aber zugleich dargelegt, daß der Ausnahmezustand selbstverständlich nur für die Bourgeoisie Geltung haben solle, um die proletarische Diktatur deutlich zum Ausdruck zu bringen. Diese Einschränkung wurde aber im Wortlaut übersehen, so daß am anderen Tage die Arbeiterschaft glaubte, unter Standrecht zu stehen. – Ferner sollte sofort ein gleichlautendes Funkentelegramm nach Budapest und Moskau aufgegeben werden. Ich bekam den Auftrag, es abzufassen und mit Dr. Lipp zusammen für den Zentralrat zu zeichnen. – Die Zeitungen wurden noch in der Nacht besetzt. Endlich wurde verfügt, daß um zwölf Uhr mittags die Glocken geläutet werden sollten und daß um diese Zeit auf allen öffentlichen Plätzen ein Redner zur Bevölkerung sprechen sollte. Die Stillegung der Arbeit für den nächsten Tag wurde ebenfalls sofort beschlossen und durch Anschläge bekanntgegeben. Noch in der Nacht stellte sich heraus, daß der Verrat sich bereits jetzt in dem Umkreis der neuen Regierung eingenistet hatte. In den Morgenstunden wurde die ausgelegte Präsenzliste vermißt. Sie fand sich nicht wieder, obwohl eine Taschenvisitation bei den Anwesenden vorgenommen wurde.</p>
<p>Ich übernahm es, die Funksprüche persönlich aufzugeben, und kam damit gegen sieben Uhr früh am Montag beim Funkenturm an. Die Führer der Funkerabteilung riefen, nachdem die Telegramme abgesandt waren, alle Mannschaften zusammen, und ich mußte eine Ansprache halten, die mit großem Jubel aufgenommen wurde. Gegen neun Uhr kam ich endlich zu Hause an, mußte jedoch schon um zwölf Uhr an einem der Hauptplätze Münchens sein, um zu sprechen. Meine eigene Begeisterung war schon durch den bisherigen Gang der Sache stark niedergedrückt worden. Als ich jetzt die Stimmung in der Münchener Bevölkerung beobachtete, ging sie in Pessimismus über. Wohl war das Leben bewegter als gewöhnlich, aber es lag eine gewisse Schwüle über der Atmosphäre, eine beängstigende Stille, die auf argwöhnisches Abwarten schließen ließ. Am Stachus bestieg ich eine Bank. Eine große Menschenmenge drängte sich um mich, aus der zunächst antisemitische Rufe laut wurden. Die Reaktion hatte schon die Witterung, daß das Proletariat uneinig geworden sei, und traute sich trotz der Standrechtsverkündigung vor. Unter der Menge bemerkte ich bald einen KPD-Genossen vom RAR, der meine Rede, lebhaft assistiert von den nationalen Studenten, dauernd durch Zwischenrufe unterbrach und die Menge aufforderte, dieser Räteregierung die Gefolgschaft zu verweigern. Die Festrede, die ich halten sollte, verwandelte sich in eine Rechtfertigungsrede. Es traten Diskussionsredner gegen mich auf, nämlich der erwähnte RAR-Genosse und dann ein älterer Mann, der die Behauptung aufstellte, ich hätte während des Krieges Gedichte auf den deutschen Kaiser gemacht. Als ich den Verleumder aufforderte, Beweise zu erbringen, weigerte er sich. Ich verlangte dann, er solle sich legitimieren, was er erst unter dem Druck der Umstehenden tat. Dann nahm er alles zurück. Die ganze Situation war äußerst unerquicklich. Ein großer Teil der Umstehenden nahm zwar entschieden für mich Partei, geleitete mich dann zu einem Auto und bereitete mir bei der Abfahrt eine Ovation. Aber ich hatte das bittere Gefühl, mich in ein schlimmes und dummes Abenteuer eingelassen zu haben, wenngleich ich immer noch nicht einsah, worin mein eigener Fehler lag, und die ganze Schuld am Ausgleiten der Revolution dem Verhalten der KPD zuschob.</p>
<p>Am Nachmittag trat der neue provisorische Zentralrat im Landtagsgebäude zusammen. Die Diskussion drehte sich darum, wie die Einigkeit des Proletariats zu erreichen sei. Das Verhalten der KPD wurde allgemein damit erklärt, daß sie statt einer Rätediktatur, wie wir sie durch die Anberaumung der Neuwahl sämtlicher Räte raschestens herbeiführen wollten, die Diktatur ihrer Partei erstrebe und deshalb jede Aktion, die nicht ihrer Initiative entspränge, von vornherein zu sabotieren versuche. Während einzelne Redner rieten, die Partei links liegenzulassen und nötigenfalls auch gegen sie zu operieren, verlangte der RAR mit größter Entschiedenheit, daß eine Verständigung mit der KPD, koste es, was es wolle, herbeigeführt werden müsse, da wir einen Kampf gegen die besten Kräfte der Revolution unter keinen Umständen mitmachen könnten. Man wußte, daß zu gleicher Zeit in einem großen Saale eine öffentliche Versammlung der KPD stattfand, und ich erhielt den Auftrag, mit noch zwei Genossen vom RAR hinzufahren und zu verhandeln. Vor allen Dingen sollte ich die Bedingungen ermitteln, die die Partei stelle, um sich zu beteiligen. In der Erwartung, man werde die Ausschließung der Mehrheitler und Gewerkschaftsführer aus dem Zentralrat, die Neubenennung des Rats der Volksbeauftragten und vielleicht die sofortige Einberufung des Rätekongresses fordern, und in der festen Absicht, die Forderungen der Partei zu meinen eigenen zu machen, kam ich in der Versammlung an und ging, während Genosse Leviné sprach, aufs Podium. Kaum jedoch hatte die Menge mich bemerkt, als ein ungeheurer Lärm entstand. Ich hörte Rufe wie Verräter! Schuft! Volksbetrüger! etc. und wurde tätlich insultiert. Unter dem Schutz einiger Genossen, die nicht alle Besinnung verloren hatten, gelangte ich hinaus und entging der Gefahr, zerrissen zu werden. Einer meiner Begleiter wurde schwer mißhandelt (übrigens selbst ein Mitglied der KPD). Dieser Vorfall machte einen niederschmetternden Eindruck auf mich, da ich mit einer solchen Stimmung im Proletariat überhaupt nicht gerechnet hatte. Es stellte sich nachher heraus, daß den Arbeitern eingeredet worden war, ich sei mit Schneppenhorst nach Nürnberg gefahren, um mit ihm das nordbayerische Militär gegen das Münchener Proletariat scharfzumachen.</p>
<p>So waren alle Versuche, mit den führenden KPD-Genossen auch nur zu einer Aussprache zu kommen, gescheitert. Sie waren am Nachmittag des 4. April, als ein Wort von ihnen genügte, um die ganze Aktion hinfällig zu machen, nicht erschienen, hatten am Abend drei völlig unbekannte Genossen entsandt, die für die Weigerung der Partei ein paar so unzutreffende Argumente ins Feld führten, daß niemand glaubte, daß sie damit den Willen der Massen ausdrückten, hatten in der entscheidenden Nachtsitzung zum 7. April Levien statt mit Forderungen mit Fragen vorgeschickt und hatten nun, als es schon völlig unmöglich war, etwas rückgängig zu machen, den besten Teil des Proletariats in wilden Haß gerade gegen die revolutionärsten Teilnehmer der Aktion versetzt. Ich war nach dem Empfang in der Versammlung nahe daran, alles hinzuwerfen, mich vollkommen zurückzuziehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Die Freude an der Arbeit war mir gründlich vergällt. Schließlich siegte aber in mir die Erwägung, daß ich jetzt nicht fahnenflüchtig werden dürfe. Landauer, mit dem ich sonst in fast allen Dingen einigging, stand der Kommunistischen Partei ganz anders gegenüber als ich. Ihn verband nicht mit ihr die lange gemeinsame Arbeit, und er glaubte nicht, daß hinter der Partei wirklich starke Schichten des revolutionären Proletariats ständen. Er nahm daher den Widerstand der Partei an und für sich nicht so schwer wie ich. Den Mehrheitlern und einem Teil der Unabhängigen war dieser Widerstand geradezu angenehm. Sie glaubten dadurch die Möglichkeit zu gewinnen, mit ihrem Hang zu reformistischer Politik im Zentralrat durchzudringen. Vor allem erhielten die Sozialdemokraten bei allen Vorhaltungen wegen der Verrätereien einzelner ihrer Parteigenossen, die jetzt schon bemerkbar wurden, Gelegenheit, sich darauf hinauszureden, daß ihre Zusage von vornherein auf der Voraussetzung fußte, daß das Proletariat geeinigt vorgehe. Da sich die KPD ausschließe, fühlten auch sie sich nicht mehr gebunden. Es steht für mich zweifellos fest, daß es diesen Herrschaften, falls die KPD eine andere Stellung eingenommen hätte, nicht möglich gewesen wäre, derartig zu schaden, wie sie taten, und alle durchgreifenden Beschlüsse, die sie selbst mit annehmen halfen, bei der Ausführung zu sabotieren.</p>
<p>Die Wirkungen des Fernbleibens der KPD wurden überall spürbar. Der »Revolutionäre Arbeiterrat«, der bisher stets geschlossen gehandelt hatte, zersplitterte, da die KPD die ihr angehörenden Mitglieder des RAR aufforderte auszutreten. Ein Teil fügte sich nicht, so daß unter der Anhängerschaft der KPD selbst schwere Konflikte entstanden. Das war auch unter den Massen der Fall. Sehr viele Kommunisten bekannten, daß sie die Haltung der Partei mißbilligten, und traten aus oder handelten gegen die Weisungen der Zentrale. Aus der Provinz wurden die gleichen Erscheinungen gemeldet. So trat in der KPD Nürnberg am ersten Tage der Riß ein. Schlimmer war aber, daß die offene Uneinigkeit im revolutionären Proletariat die Haltung der Soldaten ungünstig beeinflußte. Ich habe später zum Beispiel erfahren, daß in Nürnberg ein Korpsführer mit zweitausend Mann sich den Kommunisten für alle Eventualitäten zur Verfügung gestellt hatte. Am Tage darauf erklärte der Mann, daß er und seine Leute angesichts der Tatsache, daß die Kommunisten selbst sich der Räterepublik feindlich gegenüberstellten, sich ihre Stellung vorbehalten müßten. Schneppenhorst bearbeitete die Soldaten mit dem Argument gegen die Räterepublik, daß die Kommunisten ja selbst den Schwindel nicht mitmachten, und konnte damit reaktionäre Geschäfte machen.</p>
<p>Ich sah infolge aller dieser Dinge ein, daß ich unbedingt auf meinem Platz aushalten mußte und keine andere Pflicht hatte, als die Politik der Räterepublik im kommunistischen Sinne zu beeinflussen und trotz allem zu versuchen, die Kommunisten noch zur Mitwirkung zu bringen, eventuell sogar sie zu unserer gewaltsamen Aushebung zu veranlassen, um selbst Ordnung zu schaffen. Der Verleumdung gegen mich trat ich in einer öffentlichen Erklärung entgegen.</p>
<p>Noch am Abend des 7. April kam Genosse Killer in den Zentralrat mit der Erklärung, daß er den Posten als militärischer Volksbeauftragter niederlege, da er für einen Revolutionär keine Möglichkeit sehe, gegen oder ohne die KPD eine Rote Garde aufzustellen. Es gelang erst nach einigen Tagen, an seiner Stelle das Mitglied des Landessoldatenrats Wilhelm Reichhardt zu gewinnen, der Mitglied der KPD war, dann aber wegen Disziplinverletzung ausgeschlossen wurde. (Nach der Übernahme der Macht durch die Kommunisten berief die Partei ihn jedoch wieder auf denselben Posten.)</p>
<p>Wie in München, so zeigte sich auch im Lande ein sehr unterschiedliches Verhalten der Arbeiterschaft. Südbayern schloß sich fast ganz der Rätebewegung an. Aus Nordbayern kamen Zustimmungstelegramme nur vereinzelt. Nürnberg, das die Bewegung im Norden tragen mußte, versagte infolge der Uneinigkeit unter den Kommunisten. Besonders schlimm war, daß Augsburg, dessen Proletariat der eigentliche Urheber von allem war, in den ersten Tagen abfiel.</p>
<p>Auf Wunsch des Zentralrats sollte ich dem Volksbeauftragten für auswärtige Politik zur Hand gehen und in seinem Ressort das Referat für Rußland und Ungarn übernehmen. Ich veranlaßte als allererstes die Befreiung der immer noch in Bayern im Konzentrationslager zurückgehaltenen russischen Gefangenen, kam aber nicht mehr dazu, darüber hinaus irgendwelche Tätigkeit zu entfalten. Die nähere Beobachtung des Volksbeauftragten Dr. Lipp überzeugte mich am ersten Tage, daß ein Zusammenarbeiten mit ihm für mich unmöglich war. Ihm war offensichtlich die neue Würde in krankhafter Weise zu Kopf gestiegen, und er beging ganz unglaubliche und höchst kompromittierende Lächerlichkeiten. Ich machte Landauer darauf aufmerksam, und da auch von andern Seiten die unqualifizierbare Politik des Mannes bemerkt wurde, veranlaßte ihn der Rat der Volksbeauftragten zum Rücktritt. Unter der Hand wurde mir jetzt der Posten von neuem angetragen. Ich lehnte aber ab, da ich mich nicht noch mehr als bisher in Gegensatz zu den Genossen stellen wollte, die ich nach wie vor als meine nächsten Gesinnungsfreunde betrachtete. Nur um die Gefangenenfrage wollte ich mich weiterhin persönlich bekümmern, wozu mir jedoch auch keine Zeit mehr blieb. Als im Laufe der Woche eine Abordnung der gefangenen Russen im Zentralrat erschien, begrüßte ich sie, und es wurde ausgemacht, daß am 15. April ein Kongreß der russischen Gefangenen unter meinem Vorsitz stattfinden sollte, bei dem mit ihnen selbst die Formen gefunden werden sollten, wie sie fortan als Gäste zu behandeln und dementsprechend, solange ihr Abtransport unmöglich sei, unterzubringen und zu beschäftigen seien. Meine Verhaftung verhinderte das Zustandekommen dieser Tagung.</p>
<p>Die Arbeit der Räteregierung war ungeheuer schwierig. Auf der einen Seite arbeitete die KPD mit Hochdruck gegen uns, auf der andern schlugen die Sozialdemokraten die Taktik ein, jeden noch so revolutionären Beschluß anzunehmen und seine Ausführung zu hintertreiben. Landauer war in seinem Ressort beschäftigt, und die Aufgabe, die notwendigen revolutionären Beschlüsse zu vertreten und durchzusetzen, ruhte fast allein auf meinen Schultern. Nur die paar Mitglieder des RAR standen unbedingt hinter mir. Die Unabhängigen bekundeten in allem eine Passivität, daß man verzweifeln konnte. Ich war froh, als die KPD mit der Forderung an den Zentralrat herantrat, die Funkenstation zum Verkehr mit Moskau und Budapest unkontrolliert benutzen zu können. Es war nicht einfach, ihnen die Bewilligung dazu zu erkämpfen. Es gelang mir aber, und ich hoffte nun, daß von Moskau Direktiven an die Partei gegeben würden, die sie zur Aufgabe ihrer Obstruktion und zum aktiven Eingreifen bewegen würden.</p>
<p>Die unausgesetzte Forderung der Mitglieder des RAR war die Bewaffnung der Arbeiterschaft, die sich indessen durch die mehrere Tage währende Vakanz des militärischen Volksbeauftragten verzögerte. Als nun bekannt wurde, daß der frühere Ministerpräsident seine ehemaligen Kollegen in Bamberg sammelte, dort eine reguläre Gegenregierung etablierte und zum militärischen Vorgehen gegen München rüstete, konnte man nicht gut mehr ausweichen, und so hieß es, es seien keine Gewehre in München vorhanden. Man sabotierte die Bewaffnung und erbitterte dadurch die Arbeiterschaft ungeheuer. Ende der Woche begründete ich einen Antrag, einen Panzerzug auszurüsten und mit dem nach Amberg in Oberfranken durchzustoßen, wo eine Gewehrfabrik ist, und also nötigenfalls mit Gewalt den Willen des Proletariats auszuführen. Man sagte zu allem ja und amen und tat nichts. Nach dem Palmsonntag-Putsch der Bourgeoisie fanden sich plötzlich Gewehre in Massen in München vor. Was in Wirklichkeit geschah, zum Beispiel die Verteilung der Waffen, deren Vorhandensein man kannte, veranstalteten die revolutionären Arbeiter mit Unterstützung von nur wenigen revolutionären Regierungsangehörigen selbständig. Ähnlich verhielt es sich mit dem Revolutionstribunal. Der Bauernrat Kübler tat gar nichts (in seinem Prozeß, in dem er denn auch freigesprochen wurde, bekannte er, daß er den Posten nur angenommen habe, damit er nicht von einem Radikalen besetzt würde). Infolgedessen richtete der »Revolutionäre Arbeiterrat« von sich aus einen revolutionären Gerichtshof ein, der auch funktionierte, allerdings sehr zahm (was sich auch später unter den Kommunisten nicht änderte).</p>
<p>Die Sitzungen des Zentralrats waren meistens mit unnützen Redereien ausgefüllt, und die meiste Zeit ging verloren über den Widerstand, den die Bauern allen Sozialisierungsabsichten Neuraths entgegensetzten. Tatsächlich kam infolge der Verfahrenheit der Gesamtsituation trotz des guten Willens der Revolutionäre in der Regierung und obwohl die Arbeiterschaft Münchens zum weitaus größten Teil hinter der Räterepublik stand, in den sechs Tagen unserer Regierung sehr wenig Positives zustande, abgesehen von einigen radikalen Maßnahmen, die Landauer in den Hochschulen durchführte. Gegen den Vorwurf, daß er die Volksschulen nicht revolutionierte, wird ihn wohl die Tatsache in Schutz nehmen, daß er nur sechs Tage im Amt war. Die Schulen wurden auch in den drei Wochen nachher nicht revolutioniert, obwohl Landauer einen umfassenden Plan dafür seinen Nachfolgern vorlegte.</p>
<p>Worin unser Fehler bestanden hatte, als wir die überstürzte Proklamation der Räterepublik vornahmen, erkannte ich nach einem Besuch des Genossen Axelrod bei mir. Er setzte mir auseinander, daß er der Ausrufung aus dem Grunde Widerstand entgegengesetzt haben würde, weil sie ohne die genügende unterirdische Vorbereitung im Lande ins Werk gesetzt wurde. Alle Persönlichkeiten hätten überall in Bereitschaft stehen, alle Proklamationen und Maßnahmen im Augenblick der Aktion fix und fertig sein, vor allem der militärische Schutz wirksam organisiert sein müssen. Erst dann hätten wir handeln dürfen – und es wäre auf die Formalitäten dabei nicht angekommen. Wären uns am 4. April diese Argumente entgegengehalten worden, dann halte ich es für gewiß, daß das Unglück nicht Ereignis geworden wäre. Auf die Frage, ob er denn jetzt rate, alles rückgängig zu machen und uns der Regierung Hoffmann auszuliefern, erklärte Genosse Axelrod das für unmöglich, verteidigte aber die ablehnende Haltung der Kommunisten.</p>
<p>Diese Unterredung und die große Gefahr, die ich für den Frieden unter der Arbeiterschaft selbst aus dem von den Kommunisten ins Volk geworfenen Vorwurf, wir hätten eine »Scheinräterepublik« etabliert, erwachsen sah, veranlaßte mich, aus eigener Initiative mit folgender Proklamation mich ans Proletariat zu wenden, die Landauer am 9. April öffentlich anschlagen ließ:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! Der Schlußappell des Kommunistischen Manifestes ist der Schlachtruf der Internationale geworden. Jetzt richten wir den Appell an das revolutionäre Volk des eigenen Landes: Proletarier Bayerns, vereinigt Euch!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die Einigung der Proletarier kann nach dem herrlichen Beispiel des russischen Volkes nur auf einer Grundlage geschehen, auf der der Räterepublik!</p>
<p style="text-align: center;">Bayern ist Räterepublik!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Ohne Rücksicht auf die Streitigkeiten ihrer Führer hat sich die werktätige Bevölkerung im Willen zusammengeschlossen, den Sozialismus, den Kommunismus zu verwirklichen!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Der Landtag ist fortgeschickt, das von ihm eingesetzte kleinbürgerlich-sozialistische Ministerium existiert nicht mehr. Ein provisorischer Rat von Volksbeauftragten und ein provisorischer revolutionärer Zentralrat haben die Geschäfte des Landes vorläufig zu besorgen. Da kein einziger der kompromittierten Führer der Kriegssozialisten mehr in diesen Körperschaften sitzt, ist die Gewähr dafür gegeben, daß ihr Wirken ohne Rücksicht auf kapitalistische und bourgeoise Interessen der Herbeiführung der gerechten sozialistisch-kommunistischen Wirtschaft und der Sicherung der Revolution dienen wird.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die Diktatur des Proletariats ist Tatsache!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Eine Rote Armee wird sofort gebildet!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die Verbindung mit Rußland und Ungarn wird sofort aufgenommen!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Eine Gemeinschaft zwischen dem sozialistischen Bayern und dem Kaiserdeutschland mit dem republikanischen Aushängeschild kann nicht mehr sein. Ein Revolutionsgericht wird jeden Versuch reaktionärer Machenschaften rücksichtslos ahnden. Die Lügenfreiheit der Presse hört auf. Die Sozialisierung des Zeitungswesens sichert die wahre Meinungsfreiheit des revolutionären Volkes.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die neue Gewalt wird so schnell wie möglich Neuwahlen der Betriebsräte auf revolutionärer Grundlage anordnen, auf denen von unten herauf sich das Rätesystem aufbauen soll, das die Entscheidung über alle seine Angelegenheiten in die eigenen Hände des arbeitenden Volkes legt. Nur des arbeitenden Volkes! Die Kapitalisten werden von der Mitbestimmung an den Geschicken des Landes ausgeschlossen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Aus dem Rätesystem wird die sozialistische Gesellschaft herauswachsen, die keinen arbeitslosen Wohlstand und keine Armut der Fleißigen mehr kennen wird. Im Bunde mit dem revolutionären Rußland und Ungarn wird das neue Bayern die revolutionäre Internationale herstellen und der Weltrevolution die Wege ebnen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Proletarier! Haltet Frieden miteinander! Es gibt nur einen gemeinsamen Feind: die Reaktion, den Kapitalismus, die Ausbeutung und Bevorrechtung! Gegen diesen Feind müssen alle Kämpfer für Freiheit und Sozialismus geschlossen zusammenstehen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">An die Arbeit! Jeder auf seinen Posten!</p>
<p style="padding-left: 30px;">Es lebe das freie bayerische Volk! Es lebe die Räterepublik!</p>
<p style="padding-left: 30px; text-align: right;">Erich Mühsam.«</p>
<p style="padding-left: 30px;">Diesen Aufruf ergänzte ich noch durch folgende</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Erklärung. Die Leitung der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund), Ortsgruppe München, stellt sich aus prinzipiellen Gründen außerhalb der provisorischen Verwaltung der Räterepublik. Durch die Anordnung der neuen Betriebswahlen auf revolutionärer Grundlage, aus denen die proletarische Gewalt endgültig hervorgehen soll, wird hoffentlich der Gegensatz sehr bald überbrückt sein.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Für meine Person erkläre ich, daß ich einen nach außen sichtbaren Posten in der jungen Räterepublik so lange nicht annehmen werde, bis nicht die Einigung der Arbeiterschaft vollständig gelungen sein wird. Es wäre mir unerträglich, wenn ich mich an verantwortlicher Stelle im Widerspruch gerade zu den Genossen befände, die mir bisher die nächsten im Kampfe waren und denen ich mich nach wie vor in Übereinstimmung im Wollen und Streben aufs engste verbunden fühle.</p>
<p style="padding-left: 30px;">9. April 1919.</p>
<p style="padding-left: 30px; text-align: right;">Erich Mühsam.«</p>
<p>Die Kommunisten machten am 9. April angesichts des Drängens der Arbeiterschaft die erste Konzession an die gegebene Lage. Sie bewirkten die Wahl revolutionärer Obleute aus den Betrieben und sandten sie mit nur beratender Stimme in den Zentralrat. Es waren, soweit ich mich entsinne, zehn Männer, darunter die Genossen Leviné und Dietrich. In der ersten Sitzung des Zentralrats, an der sie teilnahmen, herrschte eine besonders große Zerfahrenheit. Deputationen aller möglichen Interessengemeinschaften kamen und trugen Gleichgültigkeiten vor, die man ins endlose diskutierte. Es war ein ganz planloses Arbeiten. Die Kommunisten hielten denn auch nicht mit ihrer Kritik zurück, lehnten aber meine dringende Aufforderung, sich aktiv und mitverantwortlich zu beteiligen, um endlich Ordnung und System in das Chaos zu bringen, entschieden ab. Am nächsten Tag hatte ich eine längere Aussprache mit Leviné unter vier Augen; es war das erste und letzte Mal, daß wir von Person zu Person miteinander redeten. Genosse Leviné nahm die Gelegenheit wahr, mir die Genugtuung zu geben, daß er die Ehrlichkeit meiner Handlungsweise in allen Punkten zugab. Auf meine Bitten, die Obstruktion aufzugeben und einzugreifen, gab er bestimmte ablehnende Antwort mit der Begründung, daß er sich nun von der Hoffnungslosigkeit dieser Regierungstätigkeit durch eigenen Augenschein überzeugt habe. Auf den Einwand: »Wir können die Karre doch nicht im Dreck steckenlassen«, meinte er lakonisch: »Dann ziehen Sie sie wieder heraus!«, gab dann aber zu, daß die Auslieferung des Landes an die Regierung Hoffmann natürlich nicht in Frage kom men könne. Ich legte Leviné direkt nahe, uns gewaltsam auszuheben, um dem unmöglichen Zustand ein Ende zu machen und die revolutionäre Arbeit sicherzustellen; er hielt die Lage dafür nicht für reif, sprach aber ausdrücklich aus, daß die zu erwartenden revolutionären Kämpfe gegen die Bourgeoisie doch schließlich von den Kommunisten würden ausgetragen werden müssen. Ein Ausgleich der Gegensätze kam nicht zustande, doch schloß die Unterredung mit einem Händedruck, der alle persönlichen Differenzen zwischen uns aufhob und mir die Hoffnung gab, auch noch zu einer Übereinstimmung im Handeln zu gelangen.</p>
<p>Aus dem Lande kamen die ungünstigsten Nachrichten. Während sich die Räterepublik in Südbayern im allgemeinen festigte und ausbreitete, war im Norden ein schwerer Rückschlag erfolgt. In Würzburg, wo die Räterepublik von dem zufällig dort auf einer Agitationsreise anwesenden KPD-Genossen Waibel ausgerufen war und die ganze Bewegung unter Leitung der Kommunistischen Partei stand, hatte es Straßenkämpfe gegeben, die mit einer Niederlage der Revolutionäre geendet hatten. Genosse Waibel sowie die beiden am 5. April zur Aufklärung dorthin geschickten Münchener Genossen Hagemeister und Sauber (Vorsitzender des Landessoldatenrats USP) waren dabei verhaftet worden. Wir ordneten zu ihrer Sicherung sofort die Festsetzung von Geiseln an. – Dieser Erfolg der Gegenrevolution war für Nordbayern entscheidend. Er steifte Hoffmann das Rückgrat, um von Bamberg aus in großem Maße eine bewaffnete Aktion gegen München zu organisieren. Oberst Epp entfaltete eine mächtige Tätigkeit zur Aufstellung weißgardistischer Freikorps, die württembergische mehrheitssozialistische Republik bot Militär zur Unterstützung an. Noskes Anerbieten, von Reichs wegen in Bayern einzumarschieren, wurde vorläufig mit Rücksicht auf die preußenfeindliche Stimmung der bayerischen Bauernschaft abgelehnt, zumal die Annahme den Verzicht auf das Reservat Bayerns bedeutet hätte, eine Armee unter eigener Oberhoheit zu halten, wie es selbst den Weltkrieg hindurch bestanden hatte. Erst als sich Bayerns eigener Landesschutz trotz der württembergischen Hilfe zu schwach erwies, um den Willen des revolutionären Proletariats, das in der zweiten Hälfte des April endlich geeint in der Verteidigung der Räterepublik bewaffnet bereitstand, zu brechen, wurde Noske mit seinen Berufsmörderbanden geholt. Die militärische Selbständigkeit Bayerns mußte zum Preise dafür aufgegeben werden. – Für uns war die Notwendigkeit, eine Rote Armee auf die Beine zu bringen, aber brennend geworden, und Genosse Reichhardt arbeitete eifrig an dieser Aufgabe. Wie tief aber der Verrat nistete, beweist folgende Tatsache: Ein führendes Mitglied des Landessoldatenrats, der Mehrheitssozialist Simon (nicht zu verwechseln mit dem früheren Minister Simon), legte Reichhardt einen fertig ausgearbeiteten Plan zur Aufstellung einer Roten Armee vor. Trotzdem wurden Gerüchte laut, er stehe insgeheim mit der Gegenregierung Hoffmann in Verbindung. In einer Zentralesitzung überraschte ihn Landauer mit der direkten Aufforderung, sich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen. Simon versicherte seine Ehrlichkeit und versprach, um jeden Zweifel aus der Welt zu schaffen, sofort alle Ämter niederzulegen und nach Nürnberg zu fahren, wo er seine frühere Zivilbeschäftigung wieder aufnehmen werde. Landauer und ich verlangten, ihn an der Abreise zu hindern und in Schutzhaft zu nehmen, wurden aber überstimmt. Simon reiste ab, und eine Woche später stand sein Name mit dem Schneppenhorsts und Hoffmanns unter den Aufrufen, die den Arbeitermassenmord propagierten. Als Simon in meinem Prozeß als Zeuge erschien, gab er zu, daß er bereits, als er die Rote Armee vorbereiten half, die Beziehung zu Bamberg unterhielt. Noch krasser fast ist der Fall des von der Bauernschaft aufgestellten Volksbeauftragten für Landwirtschaft, Steiner. Der Mann gab von München aus heimlich den Bescheid an Hoffmann, daß er als Landwirtschaftsminister wieder in sein Kabinett eintreten wolle. Er war also gleichzeitig Volksbeauftragter der Räterepublik und Minister der Gegenregierung, was natürlich auch erst später ans Licht kam.</p>
<p>Die Arbeiterschaft hatte das Gefühl dafür, daß die Ursache der Verfahrenheit des öffentlichen Betriebs in der Uneinigkeit des Proletariats, in der Nichtanerkennung der Räterepublik durch die Kommunisten zu suchen war. So ergriffen die Betriebsräte von sich aus die Initiative zur Konsolidierung der Verhältnisse. Durch Plakate wurden zum 11. April (Freitag) abend sämtliche Betriebsräte Münchens zur Versammlung in den Hofbräusaal zusammengerufen. Zugleich wurden die Führer aller sozialistischen Parteien sowie diejenigen Genossen eingeladen, die, ohne einer Partei anzugehören, an sichtbarer Stelle standen. »Fernbleiben wird als Schuldbekenntnis aufgefaßt«. Die Versammlung war überfüllt. Ein Mehrheitssozialist legte zunächst unter dem Gelächter der Arbeiter ein Bekenntnis zur Demokratie ab, während ein anderer Sozialdemokrat den Parteigenossen energisch abschüttelte und sich unbedingt für die Räterepublik aussprach. Toller sprach für die Unabhängigen – er war inzwischen an Niekischs Platz zum Vorsitzenden des Zentralrats aufgerückt –, verteidigte das gegenwärtige Regime und griff die Kommunisten scharf an. Dann erhielt Landauer das Wort, der seine Düpierung durch Schneppenhorst offen zugab, die Ausrufung der Räterepublik aber entschieden verteidigte und zur Einigkeit aufrief. Darauf kam ich an die Reihe. Ich bekannte, daß ich die Berechtigung der ablehnenden Haltung der KPD nachträglich eingesehen hätte, das längere Außenstehen der Kommunisten jedoch für verhängnisvoll halte, da den Vorteil von der Uneinigkeit nur die Reaktion habe, die jetzt schon zeige, daß sie ihn zu nutzen verstehe und sich überall zum Schlage rüste. Ich beschwor die Kommunistische Partei, ihren Widerstand aufzugeben und sofort aktiv einzugreifen, um dadurch der Diktatur des Proletariats Inhalt und Festigkeit zu schaffen. Der sehr starke Beifall, den besonders Landauer und ich fanden, bewies, daß wir der eigenen Ansicht des Proletariats Worte gegeben hatten. Für die KPD war Genosse Levien erschienen, der sich auf eine absolut intransigente Haltung verbiß. Eine Minderheit seiner Parteigänger stimmte ihm zu, während die große Mehrheit ihren Willen zur Einigung nachdrücklich zu erkennen gab. Levien fand einen Helfer in der Person eines Berliner Kommunisten, der unter größter Unruhe die Einigung des Proletariats im Prinzip verwarf, solange sie nicht auf dem Boden der KPD stattfinde. Eine große Reihe von Rednern trat aus der Versammlung selbst für die Beilegung des Zwistes ein. Levien antwortete mit größter Ausdauer jedem einzelnen und blieb auf der Ablehnung bestehen. Ich sprach dann noch einmal und erklärte, daß die Versammlung revolutionärer Betriebsräte als allein berechtigte Vertretung des Proletariats zu bestimmen habe, ob die gegenwärtige Räteregierung als Organ der proletarischen Diktatur anzusehen sei und das Vertrauen des Proletariats habe. Ich sprach dabei aus, daß die Verweigerung des Vertrauensvotums mir erwünscht sei, da dann die Bürde von uns revolutionären Regierungsmitgliedern genommen sei, unter diesen undankbaren Verhältnissen die Verantwortung zu tragen, und die Kommunisten gezwungen seien, verantwortlich mitzuwirken. Es sei im Fall der Mißtrauenskundgebung gegen uns Aufgabe dieser Versammlung, sofort ein neues Provisorium zu schaffen und womöglich aus ihrer Mitte heraus Genossen zu bestimmen, die die nächsten Maßnahmen zu veranlassen hätten. Sollte aber die Versammlung dem bestehenden Zentralrat ihr Vertrauen bekunden, so würden wir unsere Pflicht nach Kräften weiterhin erfüllen in dem Bewußtsein, daß der Vorwurf, wir seien die Vertreter einer »Scheinräterepublik«, ehrlicherweise dann nicht mehr erhoben werden könne. Alle anwesenden Mitglieder des Zentralrats erklärten, die Versammlung als souveräne Vertretung des Proletariats anzuerkennen und sich ihrem Beschluß bedingungslos zu fügen. Ein aus der Mitte der Betriebsräte eingebrachter Antrag, der bestehenden Räteregierung das Geschick des Landes weiterhin anzuvertrauen, wurde darauf mit überwältigender Mehrheit gegen ein paar Dutzend Stimmen angenommen. (Ich selbst stimmte dagegen). Levien erklärte auch nach der Vertrauenskundgebung, daß das Verhalten der KPD trotzdem das gleiche bleiben werde.</p>
<p>Am Samstag, dem 12. April, war die Lage offenkundig sehr ernst geworden. Die Regierung Hoffmann hetzte das Land in unglaublicher Weise gegen München auf, gegen uns bekanntere Führer wurden die ungeheuerlichsten Verleumdungen in die Welt gesetzt, von denen besonders die Behauptung, wir hätten in München die Kommunisierung der Frauen bereits eingeführt (jedem Bolschewisten müsse jede Frau nach Belieben zur Verfügung stehen), auf die naive Bevölkerung Eindruck machte. Die militärische Lage schien durch den Abfall Augsburgs, wenn auch nicht unmittelbar bedrohlich, so doch keineswegs sicher. Das Fehlen von Waffen für die Arbeiterschaft war eine furchtbare Gefahr, wenn auch die Entwaffnung der Bourgeoisie anscheinend gut durchgeführt wurde. Doch war unser Mißtrauen gegen die Sozialdemokraten außerordentlich groß, besonders, da in den letzten Tagen die Gewerkschaftsführer und Auerochsen sich auffällig von den Sitzungen des Zentralrats fernhielten, was dessen Arbeiten allerdings etwas förderte. Ob unmittelbar etwas von dieser Seite geplant war und was überhaupt geplant war, war noch nicht zu erkennen. Aber der Verdacht, daß die Mehrheitler auch in München schon mit der Bourgeoisie einen geheimen Pakt geschlossen hätten, war allgemein. Das Bürgertum war furchtbar aufgeregt, da trotz der Mangelhaftigkeit aller diktatorischen Maßregeln doch schon eine Reihe von Symptomen da waren, die den Unterschied einer Räterepublik von einem Bourgeoisstaat deutlich machten. Vor allem wirkte die Besetzung der Banken, die Rationierung der Depotabhebungen und die Aufhebung des Bankgeheimnisses niederschlagend auf die Kapitalisten. Durch die Entwaffnung der Polizei fühlten sie sich in ihrer Sicherheit, durch das Revolutionstribunal in ihren konterrevolutionären Bestrebungen, durch Wadlers sehr energische Tätigkeit als Wohnungskommissar in ihrem Besitzrecht auf die häusliche Bequemlichkeit schwer bedroht. Dazu hingen die Ankündigungen Gesells gegen das spekulierende Kapital und Neuraths Vorbereitungen zur Schließung aller überflüssigen Betriebe wie ein Damoklesschwert über ihrer Existenz. Gründe genug, um etwas Entscheidendes zu versuchen.</p>
<p>Der Schlag wurde in der Nacht zum 13. April (Palmsonntag) ausgeführt, und zwar unter Leitung und auf Anstiften von Mehrheitssozialisten. Früh um vier Uhr wurde ich aus dem Bett heraus von Angehörigen der Republikanischen Schutztruppe, die uns kurz zuvor ihrer unbedingten Treue versichert hatte, verhaftet und zum Hauptbahnhof gebracht, wo sich im Laufe der Morgenstunden noch zwölf Genossen einfanden. Es waren Plakate angeschlagen, die im Namen der Kasernenräte den Sturz der Räteregierung verkündeten und die Regierung Hoffmann als allein rechtmäßig proklamierten. Einige Genossen, darunter der Volksbeauftragte Soldmann, waren aus dem Wittelsbacher Palais herausgeholt worden, wo sie in nächtlicher Arbeit ihre Pflicht taten. Mehrere außer mir, unter anderen Genosse Dr. Wadler, waren in ihren Wohnungen festgenommen. Der Rest war bei der Festnahme von Geiseln überrascht und verhaftet worden. Wir blieben bis mittags im Bahnhofsgebäude, in beständiger Erwartung eines Angriffs des Proletariats zu unserer Befreiung. Dann wurden wir in einem Extrazug unter starker militärischer Begleitung nach Nordbayern verschleppt.</p>
<p>Der Sturm auf den Bahnhof erfolgte einige Stunden nach unserer Abreise und führte zum vollen Erfolg der Arbeiter, die nun unter Leitung der KPD die Räteregierung neu errichteten. Den weiteren Verlauf habe ich nicht miterlebt und überlasse es daher andern, die ferneren Ereignisse, frei von einer Parteilichkeit, die nach der einen Seite mit Füßen tritt, nach der andern lobhudelt, zu schildern. Bemerken möchte ich, daß Landauer gleich nach der Auflösung des früheren Zentralrats eine Erklärung veröffentlichte, worin er die neue Sachlage begrüßte, die kommunistische Räteregierung anerkannte und sich ihr für alle verlangten Dienste zur Verfügung stellte. Die Kommunisten hatten in den zweieinhalb Wochen ihrer Herrschaft mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie in den sechs Tagen vorher wir, nur daß ihre Arbeit nicht mehr von den Auerochsen, sondern von den Unabhängigen sabotiert wurde. Ihr großes Verdienst war, daß sie in kurzer Zeit eine schlagkräftige Rote Armee aufzustellen vermochten. Der Zwang, alle Kräfte auf die militärische Verteidigung der Räterepublik zu konzentrieren, entschuldigt völlig, daß die diktatorische Niederzwingung des Kapitalismus auch unter ihrem Regime kein rascheres Tempo annehmen konnte als unter unserm. Die vielen Mißgriffe in der Auswahl der Personen, denen höchst verantwortliche Aufgaben übertragen wurden und die dem Verrat auch jetzt noch allerorts Zugang verschafften, sind dem Mangel an revolutionärer Erfahrung und der Plötzlichkeit zuzuschreiben, mit der alle Maßnahmen ergriff en werden mußten. Ich weiß zu gut, welcher Anteil an allen Übelständen während der zweiten Räterepublik unserem übereilten Handeln am 4. und 6. April zufällt, als daß ich als Ankläger gegen die kommunistischen Genossen auftreten möchte.</p>
<p>Der Zweck dieser Aufklärung war der, unser Verhalten psychologisch zu erklären, uns gegen den ruchlosen Vorwurf zu verteidigen, als hätten wir, speziell Landauer und ich, gegen die dieser Angriff gemünzt ist – aus Literateneitelkeit ein im Kaffehaus ausgehecktes Abenteuer verwirklichen wollen, und darzutun, daß wir unter einem von außen einwirkenden Zwang gehandelt haben. Daß unser Handeln fehlerhaft war, habe ich zugegeben. Als mildernde Umstände nehme ich aber noch einmal in Anspruch: Die Forderung der Augsburger in Generalstreik getretenen Arbeiter, den gleichzeitigen Paktbruch der Regierung Hoffmann, die Suggestion des ungarischen Beispiels, die Hoffnung, unsererseits auf Österreich und Norddeutschland beispielgebend zu wirken, und vor allem die Geheimdiplomatie der KPD, die – im Gegensatz zu ihrer bisherigen engen Verbindung besonders mit mir – niemanden von uns zur Beratung der entscheidenden Beschlüsse hinzuzog, zur wichtigsten Sitzung am 4. April nachmittags trotz wiederholter Einladung niemanden delegierte und endlich am Abend ihre Erklärungen durch Unbekannte und unter Gründen, die in keiner Weise stichhielten, abgeben ließ. So offen ich bekenne, daß die kommunistischen Genossen im Prinzip im Recht und wir im Unrecht waren, glaube ich doch heute noch, daß ihr taktisches Verhalten in jenen Tagen und während der ganzen Woche vom 6.–13. April verhängnisvoll fehlerhaft war und daß die rechtzeitige Unterstützung der revolutionären Elemente in der Räteregierung gegen die Sabotage der Sozialdemokraten einen, wenn nicht siegreichen, so doch in jeder Hinsicht vorteilhafteren Verlauf der ganzen Revolutions-Episode herbeigeführt hätte. Die Beteiligung der Kommunisten in Nordbayern beweist, daß durchaus nicht alle Genossen der KPD unser Vorgehen als Farce betrachteten. Die Verwirrung aber, die durch die Gegenorder der Parteileitung in München entstand, trägt in starkem Maße die Schuld daran, daß sich die Konterrevolution schnell und ungefährdet sammeln konnte. Die Teilnahme der Partei an der Räteregierung von Anfang an hätte, selbst wenn die schärfste Kritik gegen die Initiatoren zugleich eingesetzt hätte, das revolutionäre Proletariat in Einigkeit und Begeisterung aufstehen lassen. Die Auerochsen wären am dritten Tage, als Hoffmann in Bamberg die Gegenregierung errichtete, von den Massen selbst aus allen Ämtern entfernt und wie die Bourgeoisie behandelt worden. Die Unsicherheit unter den Arbeitern und Soldaten, die den Palmsonntags-Putsch ermöglichte, hätte nicht Platz gegriffen.</p>
<p>Der heroische Kampf, den die Münchener Arbeiter in den ersten Maitagen für die Räterepublik führten und an dem die Proletarier, die in der ersten Woche uns gestützt hatten, in gleicher Weise teilnahmen wie die Anhänger der KPD, die furchtbaren Blutopfer, die das Proletariat der kommunistischen Idee darbrachte, und die Gräber der Ermordeten, unter denen der Name Gustav Landauers neben dem Eugen Levinés im Herzen des Münchener Proletariats eingegraben bleibt, mögen der geschichtlichen Forschung, die das Geschehen jener Tage aufhellen soll, den Stachel nehmen, der sich gegen Revolutionäre von unbefleckter Reinheit des Wollens kehrt, und gegen den gemeinsamen Feind richten, der den Verrat in die Revolution trug, um ihr eine Frühgeburt abzutreiben und durch sie ihren Tod herbeizuführen. Welche Machenschaften den Augsburger Beschluß herbeiführten, welche Kräfte hinter allem öffentlichen Geschehen arbeiteten, wer zu denen gehört, die die Falle aufstellten, und wer zu denen, die mit uns darin gefangen wurden, das ist bis jetzt noch nicht festgestellt. Dem geeinten Willen aller ehrlichen kommunistischen Revolutionäre, gleichviel wie sie am 6. April Partei nahmen, wird es gelingen, auch in diese dunkle Frage Licht zu werfen.</p>
<p>Genossen! Nehmt diese Aufklärung in dem Geist auf, in dem sie Euch vorgelegt wird. Es spricht ein Mann zu Euch, der sich schuldig weiß, taktische Fehler gemacht zu haben, dem aber sein reines Gewissen erlaubt, seine eigene Teilnahme an der Geschichte der bayerischen Räterepublik in voller Offenheit vor Euch auszubreiten. Ich verlange von Euch nicht die Billigung meines Verhaltens, aber ich hoffe, daß Ihr aus meiner Darstellung den Eindruck gewonnen habt, daß ich als ehrlicher Genosse gehandelt habe, und daß Ihr mich freisprecht von dem Vorwurf, aus leichtfertiger und gewissenloser Eitelkeit einen sträflichen Streich gegen das Proletariat und gegen die Weltrevolution verübt zu haben.</p>
<p>Ansbach, September 1920</p>
<p>Erich Mühsam.</p>
<div>
<div><em>Quelle: Erich Mühsam: Ausgewählte Werke, Bd. 2: Publizistik. Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1978, S. 240-325.</em></div>
<div><em><br />
</em></div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/von-eisner-bis-levine/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Geschichte der Antifaschistischen Aktion (Teil 2)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-2</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-2#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 05 Jun 2009 09:55:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa / Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antifa-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Reichbanner]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[RFB]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=375</guid>
		<description><![CDATA[Im folgenden werden die verschiedenen (militanten) Organisationen (Wehrverbände) der linken Kräfte (SPD und KPD) dargestellt. Im letzten, ausführlichsten Teil sollen nochmals Fehler und unterschiedliche konstruktive Ansätze der Antifaschistischen Aktion beleuchtet werden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-375"></span><big>Die Sozialfaschismusthese</big></p>
<p class="vspace">War das Erklären der &#8220;Sozialfaschisten&#8221; als eine der vordringlich zu bekämpfenden Gefahren zum einen aus dem taktischen Kalkül der KPDSU zu erklären, so fußte zum anderen das Annehmen dieser These &#8211; auch bei der KPD-Basis &#8211; auf die Rolle der SPD. Diese war dadurch gekennzeichnet, nur wenige Jahre zuvor, revolutionäre Bestrebungen in rabiatester und blutiger Weise Hand in Hand mit den Rechten niedergeschlagen zu haben.</p>
<p class="vspace">Doch die Sozialfaschismusthese umfaßte mehr als nur taktisches Kalkül, an sie schloß sich eine Analyse der Verhältnisse an, die aus heutiger Sicht als gravierende Fehleinschätzung der gesellschaftlichen Kräfte zu bewerten ist. Auf der einenSeite die Unterschätzung der sich entwickelnden faschistischen Massenbewegung und auf der anderenSeite das &#8220;Vertrauen&#8221; in das vermeintlich materialistisch-historische Bewußtsein des größten Teils der deutschen ArbeiterInnenbewegung.</p>
<p class="vspace">So wurden Signale, die Vergleiche hätten zulassen können, wie beispielsweise des sich aufschwingenden Faschismus in Italien Anfang der 20er Jahre, nicht ausreichend wahrgenommen. Dort war Mussolini ohne größeren Widerstand (ohne jene in Vergessenheit geraten zu lassen, die Widerstand leisteten) der ArbeiterInnen an die Macht gekommen.</p>
<p class="vspace">Lediglich die (zuvor erwähnte) Gruppe um August Thalheimer, die sich ab 1930 als KPD-O &#8211; später nur noch KPO (Kommunistische Partei-Opposition) &#8211; konstituierte, war bemüht, über das Charakterisieren der Reaktionären Kräfte hinaus, auch in der Gesellschaftsanalyse die soziale Zusammensetzung der faschistischen Massenbewegung und damit verbunden das Bewußtsein eines großen Teils der ArbeiterInnenbewegung und des Mittelstandes zu untersuchen. Jedoch muß hier gleich eingeschränkt werden, so differenziert und z.T. richtig die Analyse Thalheimers auch war, breitere Schichten konnte diese Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Faschismus nicht erreichen. Mit dem Ausschluß Thalheimer aus der KPD war die Chance vertan, überhaupt noch größere Kreise zu erreichen.</p>
<p class="vspace">&#8220;Thalheimer ging davon aus, daß in dem Maße, wie soziale Konflikte und ökonomischen Krisen die Erhaltung des gesellschaftlichen Gesamtsystems gefährden, die parlamentarische Demokratie funktionslos würde. Er schrieb: &#8220;Die Aushöhlung des bürgerlich-parlamentarischen Regimes erfolgt schrittweise. Und die Bourgeoisie ist dabei der Hauptagent. (&#8230;) Ihre Sache ist es, die Bedingungen zu schaffen, damit sozial &#8216;gerettet&#8217; und politisch vergewaltigt werden kann.&#8221; Grundlage seiner Einschätzung ist die Ohnmacht der Arbeiterschaft und die arbeiterfeindliche Radikalisierung von Mittelschichten sowie die Unfähigkeit des Großbürgertums, mittels der traditionellen politischen Repräsentation der sozioökonomischen Desorganisation zu begegnen. Er kennzeichnete die wesentlichen Züge des Faschismus so: &#8220;Die &#8216;Verselbständigung der Exekutivgewalt&#8217;, die politische Unterwerfung aller Massen, einschließlich der Bourgeoisie selbst, unter die faschistische Staatsmacht bei sozialer Herrschaft der Großbourgeoisie und der Grundbesitzer&#8221;.&#8221; (Albrecht Lein, Antifaschistische Aktion 1945 &#8211; Die &#8220;Stunde Null&#8221; in Braunschweig, Göttinger politikwissenschaftliche Forschungen, Band II, 1978).</p>
<p class="vspace">In der Einschätzung der Hauptgefahr legt die Faschismusanalyse der KPD andere Schwerpunkte. Dazu schreibt Lein:</p>
<p class="vspace">&#8220;Demgegenüber sieht die KPD-Sozialfaschismusthese zwar auch die Hauptgefahr in den Zwischenschichten, aber vor allem in den Randschichten der Arbeiterschaft. Weil das Proletariat in der Offensive sei, müsse es die politische Hauptstütze in der Bourgeoisie in der Arbeiterschaft (SPD. d.V.) bekämpfen und zerschlagen. Dabei sei, kurz vor dem Sieg der Revolution, der sich mit sozialen Phrasen tarnende Faschismus, der Sozialfaschismus, gefährlicher als der bürgerliche Faschismus, der im übrigen nicht deutlich als eigene terroristische Herrschaftsform benannt wird. Denn im Grunde sei die Bourgeoisie nicht mehr fähig, dem Ansturm des Proletariats standzuhalten, sei also potentiell bereits geschlagen. Der Glaube an die Mechanik des Sieges gegenüber der gegnerischen Klasse und der Verzicht auf jegliche Bündnispolitik innerhalb de Arbeiterschaft wie auch anderen Klassen und Schichten sind m.E. die wesentlichen Fehler dieser Analyse.&#8221;</p>
<p class="vspace">Hätte sich um die Analyse dieser beiden Ansätze auch damals streiten lassen, so war die Ansicht der KPD, das Proletariat sei in der Offensive und die spätere Notverordnungspolitik der Weimarer Republik unterscheide sich nur noch in Nuancen vom Faschismus, doch grundfalsch. Mit dieser Analyse nahm sie den bürgerlichen Kreisen, die bereit gewesen wären, sich in eine breite anti-nationalsozialistische Front zu stellen, jegliche Möglichkeit der Zusammenarbeit mit revolutionären Kräften. Darüberhinaus verharmloste sie nicht nur die terroristische Qualität des Faschismus, auch nahm sie damit indirekt die Dringlichkeit der Abwehr des Faschismus nicht ernst genug. Aber all das bleibt fast nebensächlich, in Anbetracht der Tatsache, welche praktischen Konsequenzen vorübergehend aus dieser Analyse erfolgten. Selbst bis 1932 wurde sich seitens der KPD-Führung im widersprüchlichen Kurs in erster Linievon der SPD abgegrenzt. Da von der SPD als staatstragende Kraft nichts anderes zu erwarten war, als Ablehnung, beging die KPD-Führung den Fehler, sich mehr mit der Polemisierung gegen de SPD-Führung zu befassen als auf die weitesgehend von der Basis geforderten Einheitsaktionen einzugehen und diese Zusammenarbeit herauszustellen. Dies änderte sich erst mit der offiziellen Gründung der Antifaschistischen Aktion.</p>
<p class="vspace"><big>Antifaschistische Organisationen in der Weimarer Zeit</big></p>
<p class="vspace">Im folgenden werden die verschiedenen (militanten) Organisationen (Wehrverbände) der linken Kräfte (SPD und KPD) dargestellt. Im letzten, ausführlichsten Teil sollen nochmals Fehler und unterschiedliche konstruktive Ansätze der Antifaschistischen Aktion beleuchtet werden.</p>
<p class="vspace"><big>Warum Wehrverbände?</big></p>
<p class="vspace">Heute mutet es ein wenig befremdlich an, wenn in der Auseinandersetzung mit linker Geschichte Wehrverbände auftauchen. Diese werden heute fälschlicherweise oft als militaristische Schlägertrupps oder mit sonstigen Platitüden abgetan. Aber auch die Tatsache linker Wehrverbände gehört zur Geschichte der revolutionären Bewegung. Gerade in Bezug auf die Entstehung der Antifaschistischen Aktion spielten diese Verbände eine zentrale Rolle.</p>
<p class="vspace">Nach dem I. Weltkrieg stellte sich die Situation für einen großen Teil der männlichen Bevölkerung so dar, daß sie faktisch keine &#8220;Nutzen&#8221; innerhalb der Gesellschaft hatten. Das soll heißen, daß viele Menschen mit sehr jungen Jahren 1914 &#8220;kriegsbegeistert in die Schlacht&#8221; gezogen waren, sich auf linker Seite an der Revolution beteiligt hatten, jetzt aber, in sogenannten Friedenszeiten, weder einen Beruf gelernt noch sonstige Perspektiven vor Augen hatten.</p>
<p class="vspace">So war es auch für linke Kreise von Bedeutung, daß nicht ein überwiegender Teil der ehemaliegn Kriegteilnehmer in die rechten (Freikorps-)Verbände gingen, um dort ihre &#8220;Kenntnisse&#8221; vom Krieg umzusetzen, sondern mit einer linken Perspektive von einer anderen Gesellschaft verbunden, ihre &#8220;Fähigkeiten&#8221; einbringen sollten. Desweiteren stellten die objektiven politischen Bedingungen die Frage nach der Notwendigkeit einer militanten Verteidigung von ArbeiterInnenvierteln und politischen und sozialen Errungenschaften.</p>
<p class="vspace">Zwar war im Versailler Vertrag festgelegt worden, daß die deutsche Reichswehr 100000 Mann nicht überschreiten durfte und desweiteren galt darüberhinaus &#8211; wie heute &#8211; ein Verbot nichtstaatlicher paramilitärischer Organisationen und Parteien (Gewaltmonopol des Staates), jedoch sah die Realität anders aus. Daß neben der regulären Reichwehr, die stark rechtsgerichtete sogenannte &#8220;Schwarze Reichswehr&#8221; existierte sowie zahlreiche rechte/faschistische Wehrverbände, war in jener Zeit ein offenes Geheimnis. So existierte beispielsweise seit 1920 die SA (Sturmabteilung), seit 1925 die SS (Schutzstaffel), beides Unterorganisationen der NSDAP, der Stahlhelm, der Jungdeutsche Orden, der Wehrwolf, die Organisation Consul (für die Ermordung des Außenministers Rathenau verantwortlich) etc. Die Mitglieder dieser Organisationen rekrutierten sich zum größten Teil aus den ehemaligen Freikorps.</p>
<p class="vspace">&#8220;Die Freikorps hatten 1919 eine Stärke von ca. 400000 Mann. Getragen von diesen Militärkreisen wurde schon 1918 ein politischer Geheimdienstapparat aufgebaut, der vor allem auf konterrevolutionäre Aktionen gegen die ArbeiterInnenbewegung ausgerichtet war. Der &#8220;politische Nachrichten- und Erkennungsdienst&#8221; der vorläufigen Reichwehr war bereits 1919 wieder reorganisiert. Er fußte auf über ganz Deutschland verteilte örtliche Organe, den speziell eingerichteten Nachrichtenstellen (Nst) und später Abwehrstellen (Ast) bei den Wehrkreiskommandos, den Brigaden und sonstigen Einheiten der vorläufigen Reichswehr sowie der Freikorps. Dieser militärische Geheimdienst legte mit seinem weit verzweigten Spitzelnetz die Voraussetzungen für die Entwicklung der politischen Polizei in den ersten Jahren nach 1918.</p>
<p class="vspace">Aus dem Potential der Freikorps rekrutierte sich außerdem die entstehende Sicherheitspolizei (SiPo), die auf eine Stärke von 100000 Mann kam.</p>
<p class="vspace">Die politische Einstellung der SiPo wurde beim Kapp-Putsch 1920 offenkundig, als sie sich auf die Seite der reaktionären Kapp-Putschisten schlug.</p>
<p class="vspace">Aber nicht nur aus diesem Grund wurde die SiPo aufgelöst, sondern auf Befehl der Siegermächte (der Entente), die in der Sicherheitspolizei eine militärische Institution sahen.</p>
<p class="vspace">Die SiPo wurde durch die neue Polizei ersetzt, die Schutzpolizei (SchuPo). Zwar war die SchuPo ein wenig veränderter Apparat, das Personal aber blieb das gleiche. Fast alle SiPo-Leute wurden zu SchuPos. Die Schutzpolizei bestand schließlich aus 150000 Mann, 85000 davon entfielen auf die preußische Polizei.</p>
<p class="vspace">Diese Polizei war, allen Beteuerungen und Selbsttäuschungen der SPD zum Trotz, natürlich rechts. Schon die Ausbildungspläne spiegelten diese Ausrichtung wieder. Z.B. wurde in Planspielen grundsätzlich gegen kommunistische Umsturzversuche vorgegangen, Aktionen gegen rechte Gruppen kamen in den polizeilichen Planungen nicht vor. Die rechte/faschistische Gesinnung der Polizisten ließ sich aber auch direkter ablesen. So waren 90% der Beamten im reaktionären &#8220;Dillenburger Verband&#8221; organisiert, öfter auch im &#8220;Stahlhelm&#8221;, einer paramilitärischen rechtsradikalen Organisation und ähnlichen Gruppierungen.&#8221; (Kein Vergeben &#8211; Kein Vergessen! Broschüre zur Demo am 17.11.1990 in Göttingen, Autonome Antifa (M), 1990).</p>
<p class="vspace">Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund gründete die SPD, zusammen mit den anderen bürgerlich demokratischen Parteien, eine republikanische Garde als &#8220;Hüter der Republik&#8221; das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Seine ideologische Ausrichtung, einerseits gegen die rechten Kräfte als Schützer der Republik aufzutreten und andererseits aber auch handfesten Anti-Kommunismus als Grundlage zu besitzen, war die Totalitarismusthese.</p>
<p class="vspace">Die KPD hingegen gründete eine militante Organisation, deren Grundlage der Antiimperialismus bildete; den Roten Frontkämpferbund.</p>
<p class="vspace">Beide Organisationen spielten auf &#8220;soldatische Traditionen&#8221; an.</p>
<p class="vspace"><big>Das Reichbanner Schwarz-Rot-Gold</big></p>
<p class="vspace">Auf Initiative des rechten SPD-Flügels wurde am 22. Februar 1924 das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold als &#8220;Bund republikanischer Kriegsteilnehmer&#8221; in Magdeburg gegründet. Die Organisationen stand unter der Leitung von Friedrich Otto Hörsing (SPD), Oberpräsident der Provinz Sachsen und rechter Sozialdemokrat. Ideologisch war das Reichbanner abhängig von der SPD, obwohl alle Parteien der &#8220;Weimarer Koalition&#8221; das Reichbanner stützten und dieses als &#8220;Hüter der Republik&#8221; sahen.</p>
<p class="vspace">Diese Parteien wirkten federführend im Interesse der Industriellen und der mit ihnen verbundenen SPD und wirkten demgemäß auch nicht im Sinne einer wirkungsvollen antifaschistischen und antimilitaristischen Arbeit.</p>
<p class="vspace">»Nun wäre es voreilig zu vermuten, der Reichbanner sei in Braunschweig eine Art organisierte Linksfraktion in der SPD gewesen. Denn in seiner Bildungsarbeit bemühte sich der Reichsbanner die Geschichte der Rheinbundstaaten, um die Monarchie als antinational darzustellen und pflegte die Erinnerung an die Revolution von 1848, um nachzuweisen, daß die Weimarer Verfassung &#8220;kein willkürliches Revolutionsprodukt&#8221; wäre, sondern &#8220;auf der Linie einer geschichtlichen Entwicklung&#8221; läge. Man wollte &#8220;den Staat &#8230; zu einem wirklichen Heim für alle Bürger werden lassen&#8221; und nahm den &#8220;reinen wahren Nationalismus&#8221; für sich in Anspruch. Man wollte nur nicht &#8220;national um einer Herrenschicht&#8221;, sondern &#8220;national um des ganzen Volkes&#8221; sein.</p>
<p class="vspace">Die Politik der Identifizierung mit der Nation und der Republik, die durch die Bildungsarbeit erreicht werden sollte, konnte für das Verhältnis von Mitgliedschaft und Führung nicht ohne Folgen bleiben und blieb es auch nicht, (&#8230;). Die Stärkung von Indentifikationen mußte nämlich Hemmung von Konflikt- und Kritikbereitschaft innerhalb der eigenen Organisation führen.« (Albrecht Lein, Antifaschistische Aktion 1945 &#8211; Die &#8220;Stunde Null&#8221; in Braunschweig, S. 89, Göttinger Politikwissenschaftliche Forschungen; Hrsg.: Die Direktoren Pr. Dr. W. Euchner, Pr. Dr. P . Lösche, Pr. Dr. E. A. Roloff, (c) 1978.)</p>
<p class="vspace">Die meisten der ca. 3 Millionen Mitglieder des Reichbanners waren zwar antimilitaristisch und antifaschistisch eingestellt, aber die Reichsbannerleitung, vor allem ihr Vorsitzender Hörsing, bekämpfte von Beginn an jeden Versuch von Reichsbannermitgliedern, mit KommunistInnen oder anderen konsequent linken Kräften zusammenzuarbeiten.</p>
<p class="vspace"><big>Die Eiserne Front</big></p>
<p class="vspace">Mit dem Aufruf zum Zusammenschluß aller republikanischen Kräfte und deren einheitlichem Kampf gegen die Nationalsozialisten und für die Rettung der demokratischen Republik wurde im November 1931 die &#8220;Eiserne Front&#8221; geschaffen. Sie sollte der neue Kampfbund vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB), den ArbeitersportlerInnen, dem allgemeinen freien Angestelltenbund (AfA), der Reichsbannerleitung und der SPD werden.</p>
<p class="vspace">Nachdem bei den Septemberwahlen 1930 die NSDAP große Stimmengewinne verzeichnen konnte (von 12 auf 107 Abgeordnetensitze) und sich im Oktober 1931 die nationalen/faschistischen Kräfte (NSDAP, Stahlhelm, Deutschnationale Volkspartei (DNVP)) mit Teilen des Großkapitals und Medienimperien zur &#8220;Harzburger Front&#8221; zusammengeschlossen hatten, hielt es das Reichsbanner für allerhöchste Zeit, einen antinazistischen Abwehrbund zu schaffen.</p>
<p class="vspace">Ähnlich wie das 1924 gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, sollte auch die Eiserne Front eine überparteiliche Organisation werden. Allerdings entsprach ihre innere Struktur dem Status der beteiligten Verbände.</p>
<p class="vspace">Die SPD-Führung übernahm die gesamtpolitische Führung, dem Reichsbanner wurde die technische Leitung übertragen und der ADGB stellte in Betrieben und Berufsgruppen sogenannte &#8220;Hammerschaften&#8221; auf, mit denen Übergriffe von Faschisten abgewehrt werden sollten.</p>
<p class="vspace">Die Hoffnungen, es würden sich noch andere größere Bünde und Gewerkschaften anschließen, erfüllte sich allerdings nicht. Es gelang nicht, den Widerstand über sozialdemokratische Kräfte hinaus zu mobilisieren. Dies auch deshalb, weil es ein Verbot der Leitung gab, welches untersagte, daß kommunistisch Organisierte Mitglied werden durften.</p>
<p class="vspace">Kampfzeichen der Eisernen Front waren drei parallele Pfeile auf rotem Grund von oben links nach unten rechts. Sie sollten auf die Kampfprinzipien &#8220;Einigkeit, Aktivität, Disziplin&#8221; hinweisen. Auf Plakaten der Eisernen Front wurde allerdings noch eine weitere politische Ausrichtung der drei Pfeile deutlich. Der obere zerschlägt ein Hakenkreuz, der mittlere eine Krone (Symbol der Monarchie und des Junkertums), der untere Hammer und Sichel, womit der antikommunistische Kurs auch offen als Programm vertreten wurde.</p>
<p class="vspace">Die Eiserne Front betitelte ihre Kämpfe als &#8220;Abwehrkämpfe&#8221;, so waren sie denn auch zum größten Teil eher Alibi der SPD, ein antifaschistisches Gesicht zu zeigen.</p>
<p class="vspace">Carl von Ossietzky, linksliberaler Schriftsteller, brachte im Januar 1932 in der &#8220;Weltbühne&#8221; die politische Schizophrenie der Eisernen Front auf den Punkt:</p>
<p class="vspace">&#8220;Ein neues Schlagwort soll jetzt, nach Beendigung des weihnachtlichen Burgfriedens, seine Wirkung erweisen. Die &#8220;Eiserne Front&#8221; der Republikaner formiert sich. SPD, das Reichsbanner, Gewerkschaften verschiedener Richtung, republikanische Bünde, sie alle wollen sich zur Abwehr des Fascismus zusammenschließen. Die Front ist lang, daran ist kein Zweifel, wie tief sie geht, welches ihre ideelen Reserven sind, daß läßt sich noch nicht leicht abschätzen. Einige Abschnitte der Front, dort wo Arbeiter stehen, verdienen wohl wirklich eisern genannt zu werden, andre sind aus biegsamerem Stoff gemacht und einige nicht besser als Pfannkuchenteig. (&#8230;).</p>
<p class="vspace">Es ist nicht leicht, zu einer Bewegung kritisch Stellung zu nehmen, der jedes gute Glück zu wünschen ist. Der Einzelne, der zur Aktivität gegen den Faschismus gewillt ist, darf nicht entmutigt werden. Aber gerade weil der einzelne Combattant so hoch einzuschätzen ist, deshalb muß deutlich ausgesprochen werden, daß das Schwächste an der Eisernen Front die Kommandohöhen sind.(&#8230;).</p>
<p class="vspace">Die Führerschicht, unter ganz anderen Verhältnissen gebildet und gereift, steht müde und weise vor einem Wirtschaftswirrwarr, der die gewohnten Klassengrenzen verwischt und die gelernte Marxfibel scheinbar ad absurdum führt. Herr Hilferding zum Beispiel konstatiert allgemeine Körperschwäche des Kapitalismus, folgert daraus aber nicht etwa die Notwendigkeit, den Patienten baldigst abzusägen, sondern fordert vielmehr die Arbeiter auf, ihn hochzupäppeln, damit sie wieder mehr verdienen. Hilferding ist gewiß ein Mann von starkem theoretischem Fundament und Befähigung zu weitem weltpolitischem Blick, aber so, ohne Ziel und ohne Feuer, gleicht er allzu sehr einem hochgebauten Leuchtturm, auf dem nur eine kleine Stearinkerze steht. Der Glaube an die geschichtsbildende Kraft des Proletariats ist dahin, die eigene Mutlosigkeit der Führerkaste wird auf die ganze Klasse projeziert.&#8221;</p>
<p class="vspace">Dem ist nichts hinzuzufügen.</p>
<p class="vspace"><big>Proletarische Hundertschaften &#8211; Vorläufer des RFB</big></p>
<p class="vspace">Die proletarischen Hundertschaften waren regional organisierte Arbeiterwehren und bestanden aus Mitgliedern (nur vereinzelt Frauen) des kommunistischen Ordnerdienstes, der u.a. zum Versammlungs- und Funktionärsschutz der KPD gegründet worden war. Die Hundertschaften waren militärisch ausgebildet und geschult. Obwohl Bewaffnung illegal war, verfügten zahlreiche Mitglieder der Hundertschaften über Waffen noch aus dem I. Weltkrieg oder den revolutionären Aufständen der vergangenen Jahre.</p>
<p class="vspace">Im Mai 1923 gab es (laut des Parteibuches &#8220;Der bewaffnete Aufstand, aus dem Jahre 1928) dreihundert proletarische Hundertschaften, vor allem in Berlin, im Ruhrgebiet, in Sachsen und Thüringen mit insgesamt etwa 250000 Mitgliedern.Die proletarischen Hundertschaften wurden am 23. November 1923 &#8211; zusammen mit der KPD &#8211; , kurz nach dem &#8220;Hamburger Aufstand&#8221;, vom preußischen Innenminister Severing (SPD) verboten.</p>
<p class="vspace"><big>Die Gründung des Roten Frontkämpferbundes (RFB)</big></p>
<p class="vspace">&#8220;Die Hoffnung auf den unmittelbar bevorstehenden Sieg der Revolution inDeutschland hatte die kommunistische Partei im Herbst 1923 zwar begraben müssen; das bedeutete jedoch keineswegs, daß sie damit auch das Instrument, daß ihr zu Erreichung dieses Ziels hatte dienen sollte, die proletarischen Hundertschaften, für untauglich erachtete. Sowohl in der Komintern-Diskussion über die &#8220;Lehren der deutschen Ereignisse&#8221; des Oktober 1923 als auch in den Referaten,Anträgen und Resolutionen des IX. Parteitages im April 1924 wurde die Arbeit in den &#8220;Organen der Einheitsfront von unten&#8221; &#8211; und zu ihnen zählten die Hundertschaften &#8211; als vordringlich bezeichnet.&#8221; (Kurt G.P. Schuster, Der Rote Frontkämpferbund 1924-1929, Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 55, Drost-Verlag, 1975).</p>
<p class="vspace">Aufgrund der wachsenden Bedrohung der ArbeiterInnen und des Klein- und Mittelstandes durch die Wirtschaftspolitik der rechtsbürgerlichen Parteien und der direkten Angriffe von Seiten der rechtsradikalen Freikorps, beschloß die KPD die Gründung einer &#8220;proletarischen Wehr- und Schutzorganisation&#8221;.</p>
<p class="vspace">Ziel dieser Organisation, die zwar eine eigenständige Struktur besaß, aber politisch von der KPD bestimmt wurde, war zum einen der Schutz der ArbeiterInnen vor Überfällen von Faschisten und der Polizei. Zum anderen besaß die politische Massenarbeit einen enormen Stellenwert, denn die ArbeiterInnenklasse sollte &#8220;über die Methoden und Mittel des Imperialismus und die Hintergründe der in seinem Namen geführten Kriege aufgeklärt und somit ihr Klassenbewußtsein vertiefen&#8221;. (Selbstdarstellung des RFB)</p>
<p class="vspace">Im Mai 1924 beschloß die Zentrale der KPD in Berlin, mit der Gründung der proletarischen Wehrorganisation &#8220;Roter Frontkämpferbund&#8221; (RFB) in den Bezirken Thüringen und Halle-Merseburg zu beginnen (Anlaß bzw. Auslöser war der sogenannte &#8220;Blutsonntag von Halle&#8221;). In diesen Bezirken besaß die kommunistische Partei eine gefestigte Position und konnte auf den noch vorhandenen Strukturen der 1923 verbotenen &#8220;proletarischen Hundertschaften&#8221;, die in dieser Gegend sehr stark gewesen waren, aufbauen.</p>
<p class="vspace">Am 31. Juli 1924 fand im Volkspark zu Halle die Gründungsversammlung des RFB statt.</p>
<p class="vspace">Um der Gefahr eines erneuten Verbotes aus dem Wege zu gehen, wurde beschlossen, (zunächst) keine bekannten Parteifunktionäre in den Vordergrund treten zu lassen.</p>
<p class="vspace">In den folgenden Monaten wurden mehrere Unterorganisationen des RFB gegründet. Der Rote Jungsturm, die Rote Marine und der Rote Frauen- und Mädchenbund (RFMB).</p>
<p class="vspace"><big>Roter Jungsturm (RJ) / Rote Jungfront (RJ)</big></p>
<p class="vspace">Neben den Soldaten richtete der RFB sein Hauptaugenmerk auf die ArbeiterInnenjugend. Sie kannte weder</p>
<p class="vspace">Krieg direkt, noch Militärdienst aus eigener Erfahrung und konnte deshalb von den romantisierenden nationalistischen Märchen über den heldenhaften Krieg stark beeinflußt werden.</p>
<p class="vspace">Um den Interessen von Jugendlichen besser und direkter Rechnung tragen zu können, wurde als Jugendorganisation des RFB am 22. August 1924 in Jena der Rote Jungsturm (RJ) gegründet, der im Januar 1925 in Rote Jungfront umbenannt wurde. Die RJ besaß eine eigenständige Organisationsstruktur und sollte Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren ansprechen.</p>
<p class="vspace">Schon eine Woche nach seiner Gründung in Thüringen hatte der RJ über 2000 Mitglieder.</p>
<p class="vspace"><big>Die Rote Marine</big></p>
<p class="vspace">Eine weitere Unterorganisation des RFB war die Rote Marine (RM), deren erste Formation im September 1925 in Bremen gegründet wurde.</p>
<p class="vspace">Aufgrund der überschaubaren Größe der Reichsmarine war es für die Rote Marine nahezu unmöglich, Matrosen für den Bund zu gewinnen. Sie blieb auch deshalb mitgliedsschwach, weil die meisten kommunistisch orientierten Matrosen vor der Gründung der RM bereits dem RFB beigetreten waren, und eine Mitgliedschaft in beiden Organisationen untersagt war.</p>
<p class="vspace">Mitglieder der Roten Marine waren hauptsächlich ehemalige Matrosen oder Hafen- und Werftarbeiter. Die bedeutendste Abteilung des Bundes befand sich in Hamburg, wo es 1927 nach eigenen Angaben 400 Rote Matrosen gab. Weitere Sektionen bestanden in Königsberg, Lübeck, Unterweser und Kiel. Politisch war die Rote Marine der jeweiligen Gauführung untergeordnet und finanziell von der RFB-Bundesführung abhängig. Die Rote Marine hatte den gleichen organisatorischen Aufbau wie der RFB.</p>
<p class="vspace"><big>Der Rote Frauen- und Mädchenbund (RFMB)</big></p>
<p class="vspace">Schon auf der I. Reichskonferenz des RFB stand die Bildung einer unabhängigen Rotfrontkämpferinnenorganisation auf der Tagesordnung, da die Rolle der Frauen im RFB von Anfang an nicht geklärt war.</p>
<p class="vspace">&#8220;Zunächst war keineswegs klar, welche Rolle der &#8220;revolutionären&#8221; Frau in der Bewegung zugedacht war. Richtlinien und Satzungen gaben darüber keinen Aufschluß, aber die Kameradinnen waren von Anfang an mit dabei und wurden an einigen Orten sogar in Funktionärsstellen gewählt.&#8221; (Kurt G.P. Schuster, s.o.)</p>
<p class="vspace">Nach kontroverser Diskussion setzte sich die Ansicht durch, daß eine eigenständige Frauenorganisation weit mehr Anziehungskraft auf Arbeiterinnen haben würde als der RFB.</p>
<p class="vspace">&#8220;Als die Bezirksleiter mit dem Projekt der Frauenabteilung vor ihre Bezirkskonferenz traten, scheinen sie doch auf einen weitverbreiteten Widerstand gestoßen zu sein. Das zeigt sich deutlich im Protokoll der II. Reichskonferenz, deren zweiter Verhandlungstag &#8211; neben der Abstimmung der Anträge &#8211; diesem Thema gewidmet war.&#8221; (Kurt G.P. Schuster, s.o.)</p>
<p class="vspace">Zudem gab es Anträge von einigen Bezirken, daß Frauen und Mädchen künftig nicht mehr an Aufmärschen und Veranstaltungen teilnehmen sollten, da sie &#8220;den Anstrengungen nicht gewachsen&#8221; seien und die militärische Disziplin stören würden.</p>
<p class="vspace">&#8220;Die anschließenden Diskussion erbrachte eine bunte Reihe von Argumenten unterschiedlicher Qualität und Provenienz (Herkunft, d.V.) für und wider die Loslösung vom Bunde: Die Rolle der Frau in der Pariser Kommune, die Tatsache, daß Rosa Luxemburg eine Frau war, die Verwendbarkeit der Frau im Sanitätsdienst, die durch denEinsatz von Frauen möglicherweise steigende Anziehungskraft des Bundes, die Tatsache, daß der Gegner (die rechts-reaktionären Bünde, d.V.) sich im Luisenbund ebenfalls eine Frauenabteilung geschaffen habe, wurden für den Verbleib der Frauen und Mädchen im RFB ins Feld geführt; dagegen sprach in den Augen der Delegierten die physiologische Unzulänglichkeit der Frau im &#8220;militärischen&#8221; Dienst, die Störung des disziplinierten militärischen Auftretens, die Zersetzung der &#8220;Manneszucht&#8221; durch die Mädchen, die &#8220;immer wieder erwiesene&#8221; geringe politische und auch nervliche Standhaftigkeit der Frau.&#8221; (Kurt G.P. Schuster, s.o.)</p>
<p class="vspace">Die Reichskonferenz beschloß, &#8220;die bestehenden Frauen- und Mädchenabteilungen obligatorisch vom RFB loszulösen und die Erfassung und Sammlung der Frauen im Roten Frauenbund durchzuführen&#8221;. Die Bundesleitung wurde beauftragt, die Initiative zur Gründung des neuen Bundes zu ergreifen.</p>
<p class="vspace">&#8220;Nicht erwähnt worden war in der Diskussion ein Argument, das in den Überlegungen der Zentrale der KPD angeblich eine Rolle gespielt haben soll. Clara Zetkin hat danach die Ansicht vertreten, daß bei der Angliederung der Frauen an den RFB die Werbekraft auf das weibliche Publikum zu gering sei und daß &#8211; um den &#8220;Radius&#8221; der ansprechbaren Frauen zu erweitern &#8211; die organisatorische Selbständigkeit der Frauenorganisation wünschenswert wäre.&#8221; (Kurt G.P. Schuster, s.o.)</p>
<p class="vspace">Da es zunächst nur bei diesem Appell blieb, legte Martha Grünert, Delegierte auf der II. Reichskonferenz 1925 und sehr engagiert in der Frage der Frauenorganisation, bei der Bundesleitung in Berlin folgenden Entwurf vor:</p>
<p class="vspace">&#8220;Die Frauenliga hat die Aufgabe, den Kampf für soziale Verbesserungen wie Mutterschutz, Kinderhilfe, Schulpflege usw. zu führen; für Abschaffung der § 128 und § 219 einzutreten, (&#8230;) in enger Verbindung mit dem RFB.&#8221;</p>
<p class="vspace">Der KPD gingen die politischen Ambitionen dieses Entwurfs jedoch entschieden zu weit. Der Bund solle nicht zu einem Parteiersatz werden. Gerade politisch brisante Themen wie Mutterschutz oder Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218 beanspruchte die KPD für sich.</p>
<p class="vspace">So wurde auf der am 29. November 1925 einberufenen Reichskonferenz des &#8220;provisorischen Komitees des Roten Frauenbundes&#8221; der Rote Frauen- und Mädchenbund (RFMB) gegründet, dessen Satzung bis auf den Paragraphen 3 mit der des RFB identisch war.</p>
<p class="vspace">Der Vorschlag von Martha Grünert, der sich in konkreten Forderungen zum &#8220;Zweck des Bundes&#8221; (Satzungsparagraph 3) äußerte, wurde durch allgemeine und verschwommenere Formulierungen ersetzt. Somit war klar, daß der RFMB, wie schon der RFB als &#8220;Vorschule der Partei&#8221; zu verstehen sein sollte.</p>
<p class="vspace">Die Auseinandersetzungen um den Zweck des Bundes gingen jedoch darüber hinaus.</p>
<p class="vspace">&#8220;Dabei wurde von den Frauen die Quadratur des Kreises erwartet: Sie sollten keine &#8220;militärische Organisation&#8221; sein, aber eine &#8220;Kampforganisation proletarischer Frauen&#8221;.Sie sollten kein &#8220;kleinbürgerlicher&#8221; Verein sein, aber &#8220;Methoden anwenden, wie sie bisher nur mit Erfolg von bürgerlichen Vereinen gebraucht wurden&#8221;. Sie durften nicht &#8220;den proletarischen Charakter&#8221; ihrer Veranstaltungen verwischen, aber sollten die &#8220;Tatsache beachten&#8221;, daß Frauen &#8220;ein starkes Unterhaltungs- und Bildungsbedürfnis haben&#8221;. Für die Gründungsversammlung sollte ein &#8220;freundliches&#8221; Lokal gesucht werden!&#8221; (Kurt G.P. Schuster, s.o.)</p>
<p class="vspace">Als Vorsitzende wurde Clara Zetkin gewählt, die diesen Posten jedoch von Anfang an nur fomal besetzte und ihre Hauptaufgabe in der KPD-Zentrale sah. Eigentliche Vorsitzende und organisatorischer Kopf war Helene Overlach, aus der Ortsgruppe Hamburg/ Wasserkante. Nach eigenen Angaben gehörten dem Roten Frauen- und Mädchenbund zum Zeitpunkt seiner ersten Reichskonferenz im November 1926 ca. 25000 Frauen an.</p>
<p class="vspace">Das Mindestalter wurde auf 16 Jahre festgelegt. Ähnlich wie die Rote Jungfront beim RFB wurde auch beim RFMB eine Jugendorganisation, die sogenannten &#8220;Mädelgruppen&#8221; eingerichtet. In Ihnen sollten Mädchen von 14 bis 18 Jahren zusammengefaßt werden.</p>
<p class="vspace">Frauen, die Mitglied beim RFMB wurden, leisteten, ähnlich wie die Männer beim RFB, einen Fahneneid, der &#8220;im Zeichen des Blutes&#8221; einen &#8220;heiligen Schwur bis zum Tod&#8221; ausdrücken sollte.</p>
<p class="vspace">Die Meldungen und Berichte über den RFMB waren, selbst in KPD- und RFB-Publikationen, mehr als dürftig.</p>
<p class="vspace">Zur II. RFMB-Reichskonferenz vom 10. Februar 1928, die bei Berlin stattfand, gab es beispielsweise nur eine kurze Notiz in der &#8220;Roten Fahne&#8221;, dem Zentralorgan der KPD. Dagegen wurde über Konferenzen des RFB seitenweise berichtet, Reden und Diskussionbeiträge sogar häufig im Wortlaut abgedruckt.</p>
<p class="vspace">Nachdem der preußische Innenminister Severing von der SPD am 3. Mai 1929 den Roten Frontkämpferbund und seine Unterorganisationen, die Rote Jungfront und die Rote Marine verboten hatte, konnte dern von diesem Verbot nicht betroffene RFMB ncoh am 17. August 1929 legal seine III. Reichskonferenz nach Erfurt einberufen.</p>
<p class="vspace">Durch die politischen Verbote kam diesem Treffen verständlicherweise eine besondere Bedeutung zu. Helene Overlach, 2. Vorsitzende des RFMB, rief alle Proletarierinnen dazu auf, »Soldaten für die Revolution« zu werden und die legalen Nachfolgeorganisationen des RFB, wie die Antifaschistischen Jungen Garden, zu unterstützen und ihnen beizutreten.</p>
<p class="vspace">Nachdem Helene Overlach im Jahre 1930 bei einer Demonstration schwer verletzt wurde und danach zur Schulung in die Sowjetunion ging, finden sich keine Berichte oder Dokumentationen über die Tätigkeit des RFMB mehr.</p>
<p class="vspace">Nach wie vor bleibt ungeklärt, welchen gesellschaftlichen und innerparteilichen Stellenwert der RFMB tatsächlich hatte. Selbst die Publikationen der KPD und des RFB, wie bereits erwähnt, geben wenig Aufschluß über die tatsächliche Bedeutung und liefern auch ein verzerrtes Bild dieser Frauenorganisation. Festzuhalten bleibt, daß die in Ansätzen bekannten und dargestellten Auseinandersetzungen um die Gründung des RFMB als eigenständige oder eingegliederte Organsiation, anschaulich dokumentieren, welches &#8211; aus heutiger Sicht &#8211; zum Teil rückständiges Frauenbild, auch auf linker Seite als &#8220;Norm&#8221; galt.</p>
<p class="vspace">Es dokumentiert ebenfalls, daß zwar eine Auseinandersetzung um die Funktion und Wirkungsweise des §218 oder die Bedeutung des Mutterschutzes stattgefunden hatte, jedoch eine tiefergehende (marxistische) Auseinandersetzung um die geselschaftliche Trennung von Reprodutions- und Produktionsarbeit im Kapiatalismus und der daraus resultierenden Frauenrolle nicht realisiert worden ist. So fehlt folglich auch eine breitere Auseinandersetzung um die Funktion der Kleinfamilie für den aufkommenden Faschismus. Nicht nur beim RFMB, RFB und KPD, sondern in der gesamten linken/proletarischen Bewegung spielten diese Fragen eine untergeordnete Rolle.</p>
<p class="vspace"><big>Einheitsfrontbestrebungen anhand der Fürstenenteignungskampagne</big></p>
<p class="vspace">In der ersten Hälfte des Jahres 1926 stand für den RFB der &#8220;Kampf für die Fürstenenteignung&#8221; im Vordergrund. Die Fürsten &#8211; deren Vermögen und Besitztümer 1918 zwar beschlagnahmt aber nicht enteignet worden waren &#8211; forderten von der Regierung insgesamt etwa 2,5 Milliarden Reichsmark Entschädigung. Allein für die Hohenzollern zahlte der Staat jährlich 600000 Reichsmark.</p>
<p class="vspace">Beginn der Kampagne war der von der KPD am 25. November 1925 eingebrachte Gesetzentwurf, der die entschädigungslose Enteignung der ehemaligen Fürstentümer forderte. Da der Entwurf erwartungsgemäß abgelehnt wurde, strebte die KPD einen Volksentscheid an. Zu dessen Durchführung war zunächst ein Volksbegehren erforderlich, dei dem sich am 17. März 1926 rund 12,5 Millionen Wahlberchtigte für den Volksentscheid aussprachen. Das waren weit mehr als die erforderlichen 10%; der Volksentscheid wurde für den 20. Juni 1926 angesetzt.</p>
<p class="vspace">Von der KPD wurde die Kampagne als großer Erfolg in der Frage der Einheitsfront gewertet. Große Teile der mittelständischen Bevölkerungsschicht, die konkret von der Inflation um ihre Ersparnisse gebracht worden waren und im allgemeinen mit der fortschreitenden Monopolisierung des Kapitals (immer mehr Großbetriebe, immer weniger Mittelständische- und Kleinbetriebe) betroffen waren, votierten dementsprechend für die Enteignung. Deshalb &#8211; schon allein aus wahltaktischen Gründen &#8211; beteiligte sich die SPD nach anfänglichem Zögern and der Kampagne. Die Führung des Reichsbanners untersagte ihren Mitgleidern zwar die Zusammenarbeit mit KommunistInnen, sprach sich aber für die Kampagne aus. Allein in Thüringen bildeten sich &#8211; trotz der Anweisung der Reichsbannerführung &#8211; über 30 Einheitsfront-Komitees, denen KommunistInnen, SozialdemokratInnen, Rotfrontkämpfer, Gewerkschafts- und Reichsbannermitglieder angehörten.</p>
<p class="vspace">&#8220;Wer den Fürsten nur einen Pfennig gibt, bezahlt die Maschinengewehre der Monarchisten&#8221;, hieß es auf einer Kundgeung der Roten Jungfront, der Jugendorganisation des RFB, am 3. Februar 1926 in Berlin/Wedding. In Berlin nahmen am 27. Januar 1926 rund 150000 Menschen an einer Demonstration für die Fürstenenteignung teil.</p>
<p class="vspace">Trotz der breiten Mobilisierung und Größe der Kampagne fehlten am 20. Juni 4,5 Millionen Stimmen. 15,5 Millionen Stimmen waren mit ihrer &#8220;Ja&#8221;-Stimme für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten eingetreten. Das waren mehr, als Hindenburg bei seiner Wahl zum Reichspräsidenten, nach dem Tode Eberts, 1925 bekommen hatte. Auch wenn die Kampagne ihr Ziel nicht erreicht hatte, wurde sie von der KPD ausschließlich als Niederlage gewertet. Ein Teilerfolg war beispielsweise, daß ein beachtlicher Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen war.</p>
<p class="vspace">Die Kampagne war zugleich Teil des antimilitaristischen Kampfes, denn die Kron- und Erbprinzen besaßen teilweise Führungspositionen in den militaristischen Verbänden. Beispielsweise waren die Hohenzollernprinzen August Wilhelm und Eitel Friedrich hohe Führer im Stahlhelm und später in der SA. Erbprinz Josias von Waldeck-Pyrmont gehörte zum Jungdeutschen Orden, war SS-Führer und später KZ-Kommandeur.</p>
<p class="vspace"><big>Bilder der Straßen</big></p>
<p class="vspace">Angesichts der Gefahr, die der RFB durch die jederzeit von Polizei oder militaristischen Verbänden erfolgenden Überfälle ausgesetzt war, traf der Bund bei seinem öffentlichen Auftreten Sicherungsmaßnahmen. Auch die Erfahrungen aus den Niederschlagungen der revolutionären Aufstände sowie den anschließenden Verfolgungen waren Hintergrund dafür, daß alle größeren Demonstrationen durch einen Beobachtungs- und Meldedienst gesichtert wurde, der den Zug unmittelbar und in den Nebenstraßen begleitete. Außerdem marschierten besondere Sicherungsgruppen hinter der Fahne im Zuge und am Ende des Zuges. Bei gegebenen Anlässen begleiteten diese Sicherungsgruppen die Demonstrationen auch in Reihen am Straßenrand.</p>
<p class="vspace">Diese Maßnahmen dienten dem Schutz vor Zusammenstößen und dem Eindringen von Spitzeln und Provokateuren in Demonstrationen. Desweiteren verfolgte das disziplinierte Auftreten den Zweck, bei der Bevölkerung und der Polizei als politisch starke und handlungsfähige Bewegung bzw. Organisation aufzutreten.</p>
<p class="vspace">Massenaufmärsche und Paraden hatten in jener Zeit große agitatorische Bedeutung, was bei der Betrachtung aus heutiger Sicht, von erheblicher Bedeutung sein sollte. Es gab damals weder Fernsehen &#8211; das Kino steckte in den Kinderschuhen &#8211; noch war das Radio ein Massenmedium. So muß sich vor Augen geführt werden, daß eine &#8220;Doppelöffentlichkeit&#8221; (Medienwirklichkeit und Realität) wie in der heutigen Gesellschaft, nicht existent war. Das politische Leben spielte sich vor allem auf der Straße ab. Hier gab es authentische Bilder und Informationen, hier konnte sich ein Bild von der Überzeugungskraft der jeweiligen politischen Organisation gemacht werden. So erhöhten Demonstrationen die politische Ausstrahlungskraft, wirkten entsprechend auf die eigenen Mitglieder und waren, neben Streiks, das wichtigste politische Mittel, zur Durchsetzung politischer Forderungen.</p>
<p class="vspace">Die Paraden rechter, reaktionärer Verbände, allen voran der Stahlhelm, hatten die Atmosphäre in vielen deutschen Städten seit Ende 1923 bestimmt.</p>
<p class="vspace">Dieses Bild veränderte sich schon kurz nach der Gründung des Reichbanners Schwarz-Rot-Gold und des RFB. Das Auftreten der gut organsierten und disziplinierten Rotfrontkämpferabteilungen, die zumeist von Spielmannszügen oder Schalmeienkapellen angeführt wurden, veränderte die Stimmung innerhalb der ArbeiterInneschaft, mobilisierte, gab politisches Bewußtsein (zurück) und demonstrierte die eigene Stärke.</p>
<p class="vspace">Der Gesang revolutionärer Marsch- und Kampflieder spielte dabei eine besondere Rolle. Nicht allein als Mittel, das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Disziplin innerhalb der einzelnenen Kolonnen zu stärken, vielmehr wirkten die Texte aufklärend, werbend und mobilisierend nach außen. In der ersten Zeit des RFB wurden, neben bekannten ArbeiterInnenliedern, besonders jene Lieder gesungen, die in den Kämpfen der Novemberrevolution 1918 entstanden waren. Die Texte berichteten in einfachen Worten von den Kämpfen, Opfern und Erlebnissen jener Tage.</p>
<p class="vspace">zurück <a href="http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-1" target="_self">Teil1</a> &#8211; weiter <a href="http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-3" target="_self">Teil3</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-2/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Geschichte der Antifaschistischen Aktion (Teil 1)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-1</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-1#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 05 Jun 2009 09:52:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa / Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antifa-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Einheitsfront]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=374</guid>
		<description><![CDATA[Im folgenden geht es um die Entstehung der Antifaschistischen Aktion von 1932. Um zu verstehen, wie es zur Gründung dieser Initiative kam, ist es notwendig, die geschichtliche Entwicklung zu betrachten, aus der diese Bewegung entstanden ist. Entscheidend für die Politik und organisatorische Gestaltung waren sowohl die Erfahrungen der Kampforganisationen kommunistischer als auch sozialdemokratischer ArbeiterInnen. Darüber hinaus spielten die Erfahrungen und Niederlagen der revolutionären Aufstände innerhalb des Deutschen Reiches und Weimar seit 1918 eine Rolle.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-374"></span><em>Text der Antifa M von 1995 über die Entstehung der Antifaschistischen Aktion von 1932.</em></p>
<p class="vspace"><big>Einleitung</big></p>
<p class="vspace">Im folgenden geht es um die Entstehung der Antifaschistischen Aktion von 1932. Um zu verstehen, wie es zur Gründung dieser Initiative kam, ist es notwendig, die geschichtliche Entwicklung zu betrachten, aus der diese Bewegung entstanden ist. Entscheidend für die Politik und organisatorische Gestaltung waren sowohl die Erfahrungen der Kampforganisationen kommunistischer als auch sozialdemokratischer ArbeiterInnen. Darüber hinaus spielten die Erfahrungen und Niederlagen der revolutionären Aufstände innerhalb des Deutschen Reiches und Weimar seit 1918 eine Rolle.</p>
<p class="vspace">Im folgenden wird deshalb kurz dargestellt, welche Aufstände es gegeben hat, um dann zur Suche nach Fehlern und fortschrittlichen Ansätzen innerhalb der Antifaschistischen Aktion zu kommen. Um zu begreifen, welche Unzulänglichkeiten dazu führten, daß auch ein alles in allem positiv zu bewertender Ansatz linker Kräfte &#8211; wie die Antifaschistische Aktion &#8211; nicht vermochte, faschistische Tendenzen innerhalb der Weimarer Republik und letztlich den Faschismus umgreifend zu bekämpfen oder aufzuhalten, ist ein Verständnis des geschichtlichen Hintergrundes unabdingbar.</p>
<hr />
<p class="vspace"><big>Der 9. November 1918</big></p>
<p class="vspace">Der Krieg sollte nur wenige Wochen dauern, das jedenfalls war das Versprechen der deutschen kriegführenden Regierung beim Ausbruch des I. Weltkrieges im August 1914. Aus Monaten wurden Jahre, ohne daß ein Ende des Krieges abzusehen war. Massenhafter Tod und unvorstellbares Elend ließen die anfängliche nationale Kriegsbegeisterung schnell schwinden. Im besonderen die katastrophale Lebensmittelversorgung in Ballungsgebieten (Städten, Industrieregionen) und an der Front hatte die Bevölkerung und einen Teil der Soldaten mehr und mehr gegen den Krieg eingenommen.</p>
<p class="vspace">Mit Kriegsbeginn wurde über jede deutsche Provinz der Belagerungszustand verhängt, zur Steigerung und Aufrechterhaltung der Produktion auch während des Krieges und zur Vermeidung von Streiks und Unruhen wurden Arbeitsschutzgesetze aufgehoben.</p>
<p class="vspace">Die Militarisierung der Betriebe, die Einsetzung vonFrauen in die der Rüstungsindustrie, die Überwachung und das Verbot mißliebiger Versammlungen, die Einberufung &#8220;aufgefallener Rädelsführer&#8221; zum Militär, Sicherheitshaft und kriegsrechtlich schnelle Verurteilung linker Kräfte sowie eine scharfe Zensur über alle Publikationen, waren die wichtigsten Instrumente, die der Staatsgewalt im Krieg zusätzlich zur Verfügung standen, um die Kriegsproduktion ideologisch und ökonomisch aufrecht zu erhalten.</p>
<p class="vspace"><big>Vaterland statt Klassenkampf</big></p>
<p class="vspace">Die sozialdemokratische Reichtstagsfraktion hatte die zur Kriegsführung benötigten Kredite im August 1914 bewilligt (»Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich«) und trug während des Krieges mehrheitlich die obrigkeitstaatliche Politik (Verzicht auf Lohnforderungen und Streikmaßnahmen, Zusammenarbeit mit Unternehmern und staatlichen Stellen).</p>
<p class="vspace">Sie hatte innenpolitisch &#8220;Burgfrieden&#8221; geschlossen mit den Nationalisten und Reaktionären und verzichtete bereitwillig auf eine grundlegende Konfrontation mit den ökonomisch und politisch Herrschenden. Die revisionistischen Positionen, die unterschwellig schon vor Beginn des I. Weltkrieges die Politik der Sozialdemokratie und Gewerkschaften bestimmt hatten, beherrschten nunmehr offen ihre Politik.</p>
<p class="vspace">Je länger der Krieg jedoch andauerte, desto brüchiger wurde der Burgfrieden. Die Militärdiktatur im Innern des Landes, wachsende Not und Elend, zunehmender Vertrauensverlust der Bevölkerung in die alten obrigkeitsstaatlichen Autoritäten und eine wachsende Opposition innerhalb der traditionellen ArbeiterInnenorganisationen SPD und Gewerkschaften, dazu eine wachsende antimilitaristisch geprägte Kriegsmüdigkeit verschärften die Spannungen im Gesellschaftsgefüge, vor allem zwischen den Klassen.</p>
<p class="vspace">Vor diesem Hintergrund entstand eine politische oppositionelle Massenbewegung, die das Geschehen Ende 1918 entscheidend bestimmte.</p>
<p class="vspace"><big>Der 9. November &#8211; Revolution und &#8220;Dolchstoß&#8221;</big></p>
<p class="vspace">Kam es im April 1917 schon zu einer Streikbewegung in der Rüstungsindustrie und bereits im August 1917 zu einer Meuterei in der deutschen Flotte, blieben all diese Aktionen trotzdem bis dahin zunächst erfolglos.</p>
<p class="vspace">Mit der Oktoberrevolution 1917 in Rußland, dem Sieg der RevolutionärInnen über das alte Zarenreich, bekamen die revolutionären Kräfte im Deutschen Reich einen entscheidenden Impuls.</p>
<p class="vspace">Als nach der gescheiterten deutschen Offensive vom Sommer 1918 die militärische Niederlage unübersehbar bevorstand, vollzog die monarchistisch-nationalistische &#8220;Obere Heeresleitung&#8221; unter Generalfeldmarschall von Hindenburg und Ludendorff eine plötzliche Wende und forderte die Bildung einer parlamentarischen &#8211; auch von der SPD mitgetragenen &#8211; Reichsregierung als Voraussetzung für Waffenstillstandsverhandlungen. Mit diesem taktischen Schwenk wollten sich die reaktionären &#8211; mit ihrer Kriegspolitik gescheiterten &#8211; Militärs aus der Verantwortung für die Folgen des verlorengegangenen Krieges ziehen.</p>
<p class="vspace">Zugleich wurde damit der Grundstein für die &#8220;Dolchstoßlegende&#8221; gelegt, welche die Entstehung der Weimarer Republik mit dem Makel republikanischen Kapitulantentums verband. Für die reaktionären Kräfte war der I. Weltkrieg nur deshalb verloren gegangen, weil die verhaßten &#8220;Sozialisten und Demokraten den deutschen Soldaten den Dolch in den Rücken gerammt&#8221; hatten.</p>
<p class="vspace">Als Kaiser Wilhelm II. die Gesetze zur Einführung einer Parlamentarischen Monarchie unterschrieb, meuterten in Wilhelmshaven bereits Mannschaften gegen die Marineleitung, die zur &#8220;Ehrenrettung&#8221; der kaiserlichen Marine einen letzten und chancenlosen Flottenvorstoß unternehmen lassen wollte.</p>
<p class="vspace">Die erschöpften und kriegsmüden Matrosen verstanden dies als Kampfansage auf &#8220;ihre friedenswillige&#8221; Reichsregierung.</p>
<p class="vspace">Am 3. November 1918 erfolgte der Aufstand der Kieler Matrosen; Dockarbeiter schlossen sich dem Aufstand an und beschlossen den Generalstreik. Zwischen dem 4. und 9. November 1918 verbreitete sich der Aufstand über ganz Deutschland. In vielen Städten übernahmen spontan gewählte Arbeiter- und Soldatenräte die Kontrolle, so zum Beispiel in Lübeck, Hamburg, Bremen, Wilhelmshaven, Hannover, Köln und vielen anderen Städten.</p>
<p class="vspace">&#8220;Überall geschah wie auf stillschweigende Verabredung dasselbe: Die Soldaten der Garnisonen wählten Soldatenräte, die Arbeiter wählten Arbeiterräte, die Militärbehörden ergaben sich oder flohen. Die zivilen Behörden erkannten erschrocken und verschüchtert die neue Oberhoheit der Arbeiter- und Soldatenräte an. Das äußere Bild war überall dasselbe: Überall große Umzüge auf den Straßen, große Versammlungen auf den Marktplätzen (&#8230;). Überall wurden als erstes die politischen Gefangenen befreit, nach den Gefängnissen die Rathäuser, die Bahnhöfe, die Generalkommandos, manchmal auch Zeitungsredaktionen besetzt.&#8221; (Sebastian Haffner, Die Verratene Revolution, München 1969)</p>
<p class="vspace">Der 9. November markiert das Ende des I.Weltkrieges; in der Nacht zum 10. November floh Kaiser Wilhelm II. über Belgien nach Holland. Im Zuge der Revolution wurden verschiedene politische und soziale Errungenschaften wie der 8-Stundentag oder allgemeine (und Frauen-)Wahlrecht erkämpft (zuvor 3-Klassen-Wahlrecht!).</p>
<p class="vspace"><big>Die Rolle der SPD</big></p>
<p class="vspace">Die Rolle der SPD läßt sich nur aus ihrer traditionellen Position als Vertreterin der revolutionären ArbeiterInnenschaft verstehen.</p>
<p class="vspace">Die Räte als (spontan entstandene) radikaldemokratische Basisorganisationen waren nicht unmittelbar sozialistische oder spartakistisch/kommunistische Organisationen.</p>
<p class="vspace">Die Streikbewegung, die sich Arbeiter- und Soldatenräte als Führungs- und Organisationsgremien schufen, waren mehrheitlich SozialdemokratInnen und glaubten sich eins mit ihrerParteiführung im Willen um eine grundlegende, revolutionäre Veränderung.</p>
<p class="vspace">Das Bewußtsein breiter Schichten der ArbeiterInnen, die die Revolution mittrugen, war auf die SPD fixiert. Einer Partei, die alles andere als die Revolution im Sinn hatte und die sich im Kern auch schon ordnungsgemäß in das bürgerliche Parteienspektrum eingegliedert hatte. (Ebert, Vorsitzender der SPD zu Prinz Max von Baden am 6. November 1918: »Wenn der Kaiser abdankt, ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja ich hasse sie wie die Sünde.«). Zwar stimmten die SozialdemokratInnen der staatsrechtlichen Stellung der Räte zu: »Die politische Macht liegt in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte der deutschen sozialistischen Republik. Ihre Aufgabe ist es, die Errungenschaften der Revolution zu behaupten und auszubauen, sowie die Gegenrevolution niederzuhalten.« Doch je mehr die Räte ihre Kompetenzen auszuüben versuchten, desto stärker propagierte die SPD die Nutzlosigkeit der Rätevertretungen, da es inDeutschland ja eine &#8220;revolutionäre Regierung&#8221; gäbe. Sie war von Beginn an damit beschäftigt, im Bündnis mit den alten gesellschaftlichen Kräften (Militär, Junkertum, Verwaltung) die revolutionäre Bewegung &#8220;zurückzurollen&#8221;.</p>
<p class="vspace">Auf dem Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin im Zirkus Krone vom 16. bis 20. Dezember 1918 ging es um die Frage der Volksvertretung. Hier wurde die Entscheidung zwischen Rätesystem oder Nationalsversammlung (bürgerlicher Demokratie) durch die Arbeiter- und Soldatenräte gefällt, die zunächst mit dem &#8220;Rat der Volksbeauftragten&#8221; der SPD und USPD ihr Vertrauen aussprachen, im trügerischen Glauben daran, daß ihren Forderungen nach Sozialisierung der Industrie, nachErgreifung aller Maßnahmen zur Entwaffnung der konterrevolutionären Truppen, nach Errichtung einer Volkswehr anstelle der Reichswehr u.a. unverzüglich Folge geleistet würde. Die Wahl der Nationalversammlung wurde auf den 19. Januar 1919 angesetzt. Damit hattensich bereits tendenziell die rechten Führer der Sozialdemokratie durchgesetzt und noch im Jahre 1918 begann die blutige Niederschlagung revolutionärer Kräfte unter Führung der SPD, die mehr Opfer mit sich brachte als die Revolution selbst. (Angriff auf die Volksmarinedivision durch die Reichswehr in Berlin; 24. Dezember 1918).</p>
<p class="vspace">Doch am gestecktenZiel der SPD mit allen Mitteln, selbst gegen große Teile der ArbeiterInnen, eine Nationalversammlung durchzusetzen, kam es zum Bruch mit der USPD. Die SPD verfolgte ihr Ziel unter anderem bereits zu dieser Zeit in Bündnissen mit reaktionären Kräften in Militär und Wirtschaft.</p>
<p class="vspace"><big>Freikorps</big></p>
<p class="vspace">Oben bereits erwähnt ist die Tatsache, daß unter der Führung der SPD rechte Freikorpsverbände gegen aufständische Soldaten und streikende ArbeiterInnen eingesetzt wurden.</p>
<p class="vspace">&#8220;Bereits seit Ende November/ Anfang Dezember 1918 hatten kaiserliche Offiziere im Auftrag der OHL (oberste Heeresleitung, d.V.) in vielen Teilen Deutschlands der Reaktion ergebene Kräfte zu konterrevolutionären Formationen zusammengefaßt, denen sie die von 1912/13 bekannte und populäre Bezeichnung &#8220;Freikorps&#8221; gaben. Die rekrutierten sich vorwiegend aus dem Offiziers- und Unteroffizierskorps der kaiserlichen Armee, aus Studentenkreisen, aus kleinbürgerlich-bäuerischen Elementen sowie aus Randschichten der werktätigen Klassen. Politisch-ideologisch standen die Freikorps auf dem Boden eines militanten Antikommunismus und Chauvinismus mit starken monarchistischen Tendenzen. Gliederung, Bewaffnung, Ausrüstung und Ausbildung entsprachen ihrem Bürgerkriegsauftrag. Die Kommandogewalt der Offiziere war in ihnen wieder völlig hergestellt. Gestützt auf Geldmittel des Reiches sowie auf beträchtliche finanzielle Zuschüsse von Konzernen und reaktionären Organisationen, konnten ihren Angehörigen einen hohen Sold zahlen.&#8221; (Dreetz/Geßner/Sperling, Bewaffnete Aufstände in Deutschland 1918-1923, Militärverlag der DDR, 1988).</p>
<p class="vspace"><big>Berlin 1919</big></p>
<p class="vspace">Noch vor den Wahlen zur Nationalversammlung wurden Schritte seitens der politischen Führung eingeleitet, die auf die Bekämpfung revolutionärer Errungenschaften schließen ließen. So wurde der Berliner Polizeipräsident Emil Eichorn, der als linker Vertreter der USPD galt, von der SPD aus dem Amt entfernt und steckbrieflich gesucht. Dies war Anlaß und Ausgangspunkt für die bewaffneten Auseinandersetzungen im Berliner Zeitungsviertel.Waren es zunächst Demonstrationen für den Erhalt des fortschrittlichen Polizeipräsidenten Eichorn und für Volksbewaffnung gewesen, mündeten diese in dem Entschluß, notfalls bewaffnet gegen die Regierung vorzugehen und deren Absetzung zu fordern.</p>
<p class="vspace">Ab dem 4. Januar bis zum 12. Januar 1919 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen RevolutionärInnen und eingesetzten Freikorpsverbänden. Verhielt sich die Reichswehr in Berlin anfänglich weitesgehend neutral, ging die politische Führung der SPD mit Noske (offiziell &#8220;Befehlshaber der regierungstreuen Truppen in und um Berlin&#8221;) mit den Worten »Meinetwegen! einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.«, in die Geschichte ein. Er erlies im Laufe der Kämpfe den Befehl, jedeN bewaffneteN ArbeiterIn zu erschießen. Ihren Höhpunkt und Ende fanden die Kämpfe in denAuseinandersetzungen um das &#8220;Vorwärts&#8221;-Verlags- und Druckhaus. (Die Zeitung &#8220;Vorwärts&#8221; war das Organ der SPD).Die Tage der Kämpfe und die anschließenden Durchsuchungen nach Waffen, vor allem bei kommunistischen ArbeiterInnen kosteten mehreren hundert RevolutionärInnen das Leben. Im Zuge der Razzien und Festnahmen wurden am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Leibknecht durch konterrevolutionäre Truppen ermordet.</p>
<p class="vspace">Unter dem Eindruck der blutigen Niederschlagung der revolutionären Soldaten und ArbeiterInnen fand am 19. Januar 1919 die Wahl zur Nationalversammlung statt. Als Sieger gingen die bürgerlichen Parteien der Mitte unter Führung der SPD (Ebert) hervor. Die am 1. Januar 1919 gegründete KPD beteiligte sich folgerichtig nicht an der Wahl zur Nationalversammlung, da sie für ein Rätesystem eintrat. So begann die Weimarer Republik auf dem Blut der RevolutionärInnen ihre Geschichte.</p>
<p class="vspace"><big>Frühjahr 1919</big></p>
<p class="vspace">Auch die Folgezeit der revolutionären Erhebung vom 9. November 1918, das Frühjahr 1919, war dadurch gekennzeichnet, daß über das gesamte DeutscheReich verteilt immer wieder Forderungen nach einer Räteregierung, einem sozialistischen System erhoben wurden. So kam es beispielsweise sowohl in Mitteldeutschland, um Halle als auch im Ruhrgebiet zu großen Massenstreiks, die die Wahl von Betriebs- und Arbeiter- und Soldatenräten forderten. Immer wieder wurden reaktionäre bewaffnete Freikorps und Reichswehr gegen die ArbeiterInnen eingesetzt. In Bremen und in München wurde der Versuch unternommen, eine Räteregierung zu errichten und durchzusetzen. Überdauerte die Bremer Räterepublik lediglich knapp zwei Wochen &#8211; sie wurde bereits am 6. Februar 1919 niedergeschlagen &#8211; konnte in München die Räterepublik länger überleben (2 Phasen). Aber auch sie wurde nach einem Monat blutig niedergeschlagen und fand am 4. Mai 1919 ihr Ende. Beide Räterepubliken wurden auf Befehl aus Berlin von Reichswehrminister Noske (SPD) niedergeschlagen. Auch hier erging jeweils der Befehl, keine FührerInnen der Räte lebend entkommen zu lassen.</p>
<p class="vspace">»Von Januar bis Mai 1919, mit Ausläufern bis in den Hochsommer hinein, tobte inDeutschland ein blutiger Bürgerkrieg, der tausende von Todesopfern und unsägliche Bitterkeit (unter den revolutionären ArbeiterInnen, d. V.) hinterließ (&#8230;). Überall ging es nur um eins: um die Existenz der Arbeiter- und Soldatenräte und damit um die Legitimität der Revolution. Noskes &#8220;Städteeroberer&#8221;, General Maerker, hat das ganz offen ausgesprochen: &#8220;Im Kampf der Reichsregierung (unter Federführung der SPD, d.V.) handelte es sich ausschließlich um die Erhaltung der politischen Macht. Zu diesem rein politischen Zweck wurde die Truppe eingesetzt: als Machtmittel zur Festigung der inneren Politik. Die Schwäche der Regierung gestattete es aber nicht, das offen zu sagen. Sie fürchtete sich, Farbe zu bekennen, und zu erklären, daß die Freiwilligentruppe dazu diene, die Räteherrschaft zu beseitigen, wo sie noch bestand, denn darauf kam es letzten Endes an. Sie umging es, indem sie militärische Angelegenheiten zum Anlaß desEingreifens machte. Mir lag dieses unaufrichtige Verhalten keineswegs. Ich hätte den Arbeiterführern gegenüber sicherer dagestanden, wenn ich offen hätte erklären können: Meine Anwesenheit bedeutet den Kampf gegen die von euch erstrebte Räteherrschaft und gegen die Gewaltherrschaft des bewaffneten Proletariats.&#8221;« (Sebastian Haffner, Die verratene Revolution, München 1969).</p>
<p class="vspace">Die Niederschlagung der Münchener Räterepublik am 4. Mai 1919 steht als Ende der Novemberrevolution im Deutschen Reich. Hauptsächliche Ursachen für das Scheitern sind nicht nur in der militärischen Schwäche und der voneinander isoliert stattgefundenen Aufstände der RevolutionärInnen zu suchen. Politisch entscheidend war das Vertrauen des Gros der Basis in die Führung der SPD, die es immer wieder verstand in den Verhandlungen (basis)demokratisch aufzutreten, aber parallel in Wirtschaft, Politik und Militär längst mit den reaktionären Kräften ein Bündnis eingegangen war, um ihre machtpolitische Stellung als nun staatstragende Partei abzusichern.</p>
<p class="vspace">Zwar hatte sich der Rätegedanke &#8211; in Anlehnung der Oktoberrevolution 1917 in Rußland -, der den politischen Ausdruck für die Errungenschaften der Revolution darstellte, gegen den rechten Flügel (Führer) der Sozialdemokratie nicht durchsetzen können, dennoch kam es noch bis Ende 1923 immer wieder zu Erhebungen und Bestrebungen revolutionärer Kräfte.</p>
<p class="vspace"><big>Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920</big></p>
<p class="vspace">Rechtsreaktionäre Kräfte, bestehend aus Kreisen der Wirtschaft, adeligen Offizieren, sowie Vertretern aus dem deutschnationalen Parteienspektrum versuchten im März des Jahres 1920 einen Putsch, um eine Militärdiktatur zu erzwingen. Die ersten Putschvorbereitungen wurden von einflußreichen Kapitalisten maßgebend unterstützt, so z.B von Hugo Stinnes und Wolfgang Kapp, Gutsbesitzer, Direktor der ostpreußischen Generallandschaft (einer öffentlich rechtlichen Kreditanstalt).Er war desweiteren im Aufsichtsrat der DeutschenBank und im Hauptvorstand der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) tätig und arbeitete Hand in Hand mit dem General der Infantrie,Walter Freiherr von Lüttwitz.</p>
<p class="vspace">»VonReusch, Krupp, Hugenberg,Stinnes, der Deutschen Bank, der Commerzbank, der Dresdner Bank, der Nationalbank und ähnlichen Kreisen finanziert, von der deutschnationalen und volksparteilichen Führung unterstützt, schufen sie eine Dachorganisation der Verschwörer, die &#8220;Nationale Vereinigung&#8221;, mit Pabst, Ludendorff, Lüttwitz und dem als Ultrachauvinisten bekannten antikommunistischen Gutsbesitzer Kapp an der Spitze, (&#8230;). Bereits Mitte September 1919 erließ Lüttwitz, dem die republikanische Regierung (&#8230;) den höchsten Offiziersposten (Befehlshaber des Reichswehrgruppenkommandos I) überlassen hatte, einen &#8220;Vorbereitenden Befehl zur Unterdrückung größerer Unruhen&#8221;, der zum &#8220;rücksichtslosen Gebrauch der Machtmittel&#8221; verpflichtete und durch &#8220;allgemeine Richtlinien für die Bekämpfung des Generalstreiks&#8221; ergänzt wurde. Während die Reaktionäre im ganzen Lande einen wüsten Propagandafeldzug gegen die Regierung starteten, entwarfen die Staatsstreichler im engsten Kreise eine Notstandsverfassung, deren Inhalt sich in einem Satz zusammenfassen läßt: Wer nicht pariert, wird arretiert.</p>
<p class="vspace">Die ultrachauvinistischen und verbissen antisowjetischen Verschwörer rechneten sich nicht zuletzt deshalb eine Chance für ihr &#8220;Unternehmen&#8221; aus, weil sie die weltpolitische Situation für die Wiedererrichtung eines schwarzweißroten Reiches für günstig hielten.«</p>
<p class="vspace">(Wolfgang Ruge,Weimar &#8211; Republik auf Zeit, S. 51; das europäische buch; Literaturvertrieb GmbH Westberlin, (c) 1969 by Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin, DDR).</p>
<p class="vspace">Am 13. März 1920 wurde der Putsch über Berlin ausgelöst. Kapp ernannte sich selbst zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten. Friedrich Ebert, damaliger Reichspräsident und fast alle Mitglieder der Regierung flohen erst nachDresden und dann nach Stuttgart, weil bekannt geworden war, daß die Putschisten diese verhaften lassen wollten.</p>
<p class="vspace"><big>Generalstreik als Waffe gegen den Putsch</big></p>
<p class="vspace">Zu dieser Zeit lebten etwa vier Millionen ArbeiterInnen im Ruhrgebiet. Viele waren im Bergarbeiterstreik von 1912, sowie in Streikkämpfen des I. Weltkrieges und an der Novemberrevolution 1918 beteiligt gewesen. Deshalb war es nicht verwunderlich, daß gerade diese Region an der Spitze des Kampfes gegen die rechten Putschisten stand. Der militärische Ausnahmezustand wurde per Verordnung über die Regierungsbezirke Arnsberg, Düsseldorf, Minden und Münster erlassen. Dagegen wuchs die Empörung zusehends. Die Vertreter der drei ArbeiterInnenparteien USPD, KPD,SPD verurteilten den Putsch und forderten geeint den Generalstreik, der am 14. März 1920 mit einem gemeinsamen Aufruf eingeleitet wurde.</p>
<p class="vspace">Zwei Zielsetzungen charakterisierten die politischen Vorstellungen: Zum ersten die Erringung der politischen Macht auf der Grundlage des Rätesystems und zum zweiten die sofortige Sozialisierung vieler Betriebe. Es folgte der Generalstreik und Demonstrationen in Bochum, Duisburg, Essen, Hagen, Hamborn, Haspel, Unna und Wetter. Zur Verteidigung und Durchsetzung des Generalstreiks und der politischen Forderungen begannen sich die ArbeiterInnen zu bewaffnen.Sie schafften es innerhalb weniger Tage ca. 10000 Männer und erstmalig auch einen größeren Anteil vonFrauen, in bewaffneten Verbänden der Roten Ruhrarmee aufzustellen und ihre politische und militärische Führung sowie die Versorgung der Arbeiterformationen weitgehend zu sichern. Ähnliche Volkswehren wie die Rote Ruhrarmee waren die erste Volksarmee Thüringens, die Rote Vulkanarmee inStettin, die Rostocker ArbeiterInnenwehren und die Roten Garden in der Niederlausitz. In diesem, mehrere tausend ArbeiterInnen umfassenden Wehren, waren vorwiegend politisch organisierte ArbeiterInnen, die über militärische Erfahrung noch aus dem I.Weltkrieg verfügten. Sie entstanden auf Orts-, weniger auf Betriebsbasis. Mit dem Generalstreik war den Putschisten die ökonomische und politische Basis entzogen worden und der Putsch war somit gescheitert.</p>
<p class="vspace">Nachdem die Putschisten abgesetzt waren, übernahm die SPD wieder die politische Führung.Die bewaffneten Ruhraufständischen weigerten sich jedoch mehrheitlich die Waffen abzugeben und ihre politischenVorstellungen fanden in der Forderung nach einer Räteregierung ihren Ausdruck.</p>
<p class="vspace">&#8220;Die drei sozialistischen Parteien des Industriegebietes, die heute morgen zu einer Konferenz hier vereinigt waren, stellten sich einmütig auf den Standpunkt, daß alle Kräfte eingesetzt werden müssen, um die Reaktion niederzuschlagen. (&#8230;) Wir verlangen sofortige Einstellung der Truppenbewegung, da wir sonst gezwungen sind, in berechtigter Abwehr zum Angriff zu schreiten, um zu verhindern, daß zusammengezogene reaktionäre Truppenkörper im Industriegebiet den weißem Schrecken einführen. (&#8230;).</p>
<p class="vspace">Im Gegensatz zu allen anderen Behauptungen erklären wir, daß im Industriegebiet größte Ruhe und Ordnung herrscht und die Arbeit mit Ausnahme der unter Waffen stehenden Arbeiter voll aufgenommen wurde. Wir bitten sofortige Entscheidung zu treffen.&#8221; (Forderung der drei ArbeiterInnenparteien SPD, USPD und KPD des Industriegebietes an Reichspräsident Ebert nach Einstellung des Vormarsches gegenrevolutionärer Truppen, Hagen, 21. März 1920).</p>
<p class="vspace">Wieder spielte die SPD die Rolle, die sie schon während der Aufstände im November 1918 gespielt hatte. Unter Zusicherung, die rechten Freikorpsverbände nicht gegen die RevolutionärInnen einzusetzen, wurden die ArbeiterInnen dazu gebracht, ihre Waffen abzuliefern (Bielefelder Abkommen).</p>
<p class="vspace">Ihr Versprechen hielt die SPD, nicht die rechts-reaktionären Freikorps marschierten in das Ruhrgebiet ein, sondern die Reichswehr rückte vor und metzelte die größtenteils entwaffneten ArbeiterInnen nieder. Allerdings waren die Freikorps kurzerhand in die Reichswehr als bezahlte Söldner eingegliedert worden. So marschierten die gleichen reaktionären Freikorpsler nicht mit dem Totenkopf am Helm, sondern mit der Legitimation zum Töten als Reichswehrler ein.</p>
<p class="vspace">Mehrere tausend ArbeiterInnen ließen bei diesem Verrat der SPD ihr Leben (sofortige Erschießungen, Folterungen durch die Truppen) und wurden zu Tausenden anschließend in die Gefängnisse geworfen. In einem Brief vom 2. April eines Mitgliedes des Freikorps der &#8220;Brigade Epp&#8221; an nationalistische Krankenschwestern hieß es:</p>
<p class="vspace">&#8220;Gestern Vormittag (&#8230;) kam ich zu meiner Kompanie, und nachmittags um 1 Uhr machten wir den ersten Sturm. Wenn ich Euch alles schreiben würde, da würdet ihr sagen, das sind Lügen. Pardon gibt es überhaupt nicht. Selbst die Verwundeten erschießen wir noch. Die Begeisterung ist großartig, fast unglaublich. Unser Batallion hat zwei Tote. Die Roten 200 bis 300.Alles, was und in die Hände kommt, wird mit dem Gewehrkolben zuerst abgefertigt und dann mit der Kugel. Ich dachte während des ganzen Gefechts an Station A. Das kommt nämlich daher, daß wir auch zwei Rote-Kreuz-Schwestern sofort erschossen haben, von denen jede eine Pistole bei sich trug. Mit Freuden schossen wir auf diese Schandbilder, und wie sie geweint und gebeten haben, wir sollten ihnen das Leben lassen. Nichts! Wer mit der Waffe angetroffen wird, der ist unser Gegner und muß dran glauben. Gegen die Franzosen waren wir im Feld viel humaner.&#8221; (W. Ruge, s.o., S. 71. Quelle: MA, Nr. R 4454, Bl. 1 ff.).</p>
<p class="vspace">Während die RevolutionärInnen teilweise bestialisch hingerichtet und abgeschlachtet wurden, konnten die rechten Putschisten vor allem in den Prozessen damit rechnen, mit Samthandschuhen angefaßt zu werden. Von 705 amtlich bekanntgewordenen Straftaten der Rechten waren bis 1922 bereits 412 amnestiert, 176 Verfahren eingestellt, 109 durch Tod oder sonstige Gründe nicht weiter verfolgt, noch nicht erledigt 7 und bestraft sage und schreibe 1 Person. (Quelle: Walter Tolmein, Die Entstehung und Entwicklung der Weimarer Republik bis Eberts Tod, S. 110, Hannover 1973).</p>
<p class="vspace"><big>Fortschritt oder Reaktion 1921-1923</big></p>
<p class="vspace">Nach dem Versuch der Rechten unter Führung von Kapp und Lüttwitz einen Putsch zu wagen und dem anschließenden Generalstreik und dessen blutiger Niederschlagung unter politischer Verantwortung der SPD waren große Teile der sich als revolutionär begreifenden Kräfte ermordet worden oder saßen in den Gefängnissen.Die Hoffnung der Errichtung einer Alternative &#8211; eines Rätestaates &#8211; zur bürgerlichen Demokratie der Weimarer Republik unter der politischen Führung der bürgerlichen Parteien im Pakt mit dem reaktionären Militärwesen und unter der Dirigentenschaft des nationalistischen Großkapitals der Großindustrie war zu diesem Zeitpunkt faktisch geschwunden. Nicht nur psychologisch und politisch auch praktisch waren die revolutionären ArbeiterInnen weitesgehend entwaffnet.</p>
<p class="vspace">Nichtsdestotrotz waren nicht alle revolutionärenVorstellungen innerhalb der Bevölkerung verlorengegangen. So gab es in der WeimarerRepublik Gebiete, in denen fortschrittliche Kräfte hohe Stimmenanteile gewinnen konnten. Zwar erstarkten die rechten deutschnationalen Kräfte republikweit betrachtet immer mehr, jedoch hatten gerade in Industrieregionen die ArbeiterInnenparteien ein große AnhängerInnenschaft.</p>
<p class="vspace"><big>Mitteldeutscher Aufstand</big></p>
<p class="vspace">Im damaligen Mitteldeutschland (Merseburg, Halle, Leuna, Mansfelder Land) waren größere Industriezweige ansässig, vor allem im Bereich der Chemie-, Metall-, und Bergbauindustrie. Die dort lebenden ArbeiterInnen waren nicht nur in der Novemberrevolution emanzipiert aufgetreten und hatten sich aktiv in die Kämpfe eingebracht, sondern auch während des Kapp-Lüttwitz-Putsches wurde der Generalstreik und Großdemonstrationen durch diese ArbeiterInnen maßgeblich vorangetrieben.</p>
<p class="vspace">Dieser Landstrich kann faktisch als Hochburg radikaler linker ArbeiterInnen betrachtet werden. Daraus ergab sich im Jahre 1921 eine folgenschwere Situation.</p>
<p class="vspace">Bei denWahlen zum Preußischen Landtag am 20. Januar 1921 erzielte die kommunistische Partei vergleichsweise hohe Stimmenanteile. Allein die Zahlen imMansfelder Land machten deutlich, wie stark die Kommunistische Partei dort war:</p>
<p class="vspace">Die VKPD (Vereinigte Kommunistische Partei &#8211; Zusammenschluß linker USPD und der KPD) erhielt 33374 Stimmen, die USPD 4311 Stimmen, die SPD 9920 Stimmen, die DDP 5892 Stimmen, die Zentrumspartei 2504 Stimmen, die DVP 10402 Stimmen und die DNVP 15483 Stimmen.</p>
<p class="vspace">Die Zahlen zeigen nicht nur die Stärke der KommunistInnen, sondern verdeutlichen ebenfalls die immer stärker werdende Polarisierung innerhalb der Gesellschaft, denn auch die Rechten hatten einen beträchtlichen Stimmenanteil zu verzeichnen.</p>
<p class="vspace">&#8220;Diese Situation ist für den sozialdemokratischen Oberpräsidenten (der Provinz Sachsen, d.V.) Otto Hörsing (später Führer des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, d.V.) Anlaß, eine Konferenz in Merseburg einzuberufen, an der Landräte, Oberbürgermeister, Führer der Schutzpolizei, die Direktoren des Leunawerkes, des Mansfelder Kupferschieferbergbaus, der Mitteldeutschen Braunkohlekonzerne und die Gutsbesitzer der Umgebung teilnehmen. Es wird beschlossen, gegen das Mitteldeutsche Industriegebiet eine Polizeiaktion zur Herstellung der Staatsautorität durchzuführen.&#8221; (Weimarer Republik, Hrsg: vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut für Theaterwissenschaften der Universität Köln, ELEFANTENPRESS reg., S. 256).</p>
<p class="vspace">Diese Polizeiaktion wurde vorbereitet durch eine ungeheuerliche Pressehetze gegen radikale ArbeiterInnen, dessen propagandistische Kernaussage darin bestand, zu behaupten, daß ein kommunistischer Putsch unmittelbar bevorstehe. Im März 1921 wurde diese Polizeiaktion durchgeführt. Das bedeutete Hausdurchsuchungen bei linken ArbeiterInnen, Verhaftungen sowie polizeiliche Kontrollen und Überwachung in den Betrieben.</p>
<p class="vspace">Die Antwort großer Teile der ArbeiterInnen waren nicht nur Streiks und Betriebsbesetzungen. Es kam von Mitte März bis Ende März zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen sich bewaffnenden ArbeiterInnen und der Polizei (teilweise auchReichswehr). Den Höhepunkt bildeten die Auseinandersetzungen um das Chemiewerk Leuna. Im Zusammenhang mit dem Mitteldeutschen Aufstand wurde der Name Max Hoelz bekannt. Dieser schaffte es innerhalb weniger Tage die größte Gruppe bewaffneter ArbeiterInnen um sich zu scharen (etwa 1000 Menschen).</p>
<p class="vspace">Max Hoelz schrieb in seiner Biographie &#8220;Vom Weißen Kreuz zur Roten Fahne&#8221;:</p>
<p class="vspace">&#8220;Der Aufstand der mitteldeutschen Arbeiter im März 1921 war die unmittelbare Folge der Provokation Hörsings, der nach dem Prinzip handelte &#8220;Der Angriff ist die beste Parade!&#8221;.Er wußte, daß die mitteldeutsche Arbeiterschaft ihren revolutionären Elan nicht eingebüßt hatte und daß die gährende Unruhe bald zu Entladungen führen mußte. Deshalb kam er zuvor, schickte &#8211; angeblich um Werksdiebstähle zu verhindern &#8211; seine bis an die Zähne bewaffneten Sipos (Sicherheitspolizei, d. V.) in die mitteldeutschen Betriebe und Bergwerke. Hörsing provozierte die unterernährten und ausgemergelten Arbeiter dadurch, daß er ihnen zumutete, unter Aufsicht der Polizei zu arbeiten.&#8221;</p>
<p class="vspace">Ende März hatte sich die militärische Polizeiübermacht durchgesetzt. Auch dieser Aufstand forderte wieder einen hohen Blutzoll und Verhaftungen. Mehrere hundert Tote und über 3000 Verhaftete waren zu verzeichnen.</p>
<p class="vspace">Kritisch bleibt auf Seiten (der Führung) der Revolutionäre anzumerken, daß gerade aufgrund der seit 1918 immer wieder stattgefundenen bewaffneten Aufstände und des täglichen Streikkampfes innerhalb der KPD eine Diskussion um den Sinn von bewaffneten Aufständen im Gange war. Von einigen KommunistInnen wurde die gesellschaftliche Situation so analysiert, daß die Chance über bewaffnete Aufstände unmittelbar eine sozialistische Republik zu errichten, zu dieser Zeit nicht bestehen würde. Mitten in diese Diskussionen platzte die Provokation Hörsings. Auf drängen der Kommunistischen Internationale befürwortete die KPD den Provokationen Hörsings mit bewaffneten Aktionen zu begegnen. Hierbei muß kritisch gesehen werden, daß die Kommunistische Internationale die Situation die gesamten 20er Jahre teilweise noch in den 30ern in Deutschland grundsätzlich so bewertete, daß die Entwicklung der kapitalistischen Demokratie in der Zwangsläufigkeit des Sieges der revolutionärenArbeiterInnenschaft enden würde. D.h., zum einen wurde das Bewußtsein breiterArbeiterInnenschichten als revolutionär beurteilt, zum anderen die Zeit als reif für den Umsturz der Republik. Das dies eine fatale Einschätzung war, kann heute rückblickend beurteilt werden.</p>
<p class="vspace">Die Delegierten der KI drängten die KPD-Führung, diese Provokation mit dem bewaffneten Aufstand zu beantworten.</p>
<p class="vspace">Das Scheitern war total und seine Konsequenzen schwerwiegend. Von den 350000 Mitgliedern, die die Partei Ende 1920 zählte (nach ihrer Vereinigung mit der USPD), blieben im Sommer 1921 nur noch 180442 übrig.« (Aufstieg und Untergang der KPD, Kommunistische Politik zwischen 1918 und 1935, Broschüre der Ex-Nato-Gruppe, Frühjahr 1989).</p>
<p class="vspace">Im Anschluß an den Mitteldeutschen Aufstand kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Teilen der KPD-Führung und der Kommunistischen Internationale.</p>
<p class="vspace"><big>Der Rathenaumord und die erste antifaschistische Einheitsfront</big></p>
<p class="vspace">Am 24. Juni 1922 wurde der damalige deutsche Außenminister Walter Rathenau, Angehöriger der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) durch ein Mitglied der ultrarechten, militaristischen &#8220;Organisation Konsul&#8221; ermordet.</p>
<p class="vspace">Anlaß und Ursache des Mordes an Rathenau war dessen Funktion als Außenminister und seine Rolle im Zustandekommen des sogenannten Rapallovertrages. Eines politisch-wirtschaftlichen Abkommens mit der Sowjetunion, welches deren staatliche Souveränität als erster sozialistischer Staat faktisch (international) anerkannte. Das wurde von den Rechten natürlich als Schlag ins Gesicht aufgefaßt; nicht nur, daß die &#8220;Novemberverbrecher&#8221; der Monarchie 1918 ein Ende gesetzt hatten, jetzt begannen selbst bürgerliche Kreise mit dem &#8220;Bolschewismus zu paktieren&#8221;.</p>
<p class="vspace">&#8220;An sich war der Rathenaumord nichts ungewöhnliches, wenn man so will, denn Morde an Sozialisten und Pazifisten hatte es vorher en gros gegeben, ohne daß viel passierte. Gepaart nun auch mit faschistischen Akzenten, entsteht eine sehr breite Massenbewegung. Die Einheitsfrontaktionen, von der KPD damals durch Bündnisangebote eingeleitet, führen zu riesigen Demonstrationen in allen Großstädten. Mit dem wunderlichen Akzent, damals existierte neben der KPD noch die rechte USPD, und davon rechts die SPD, daß nicht nur die drei Arbeiterparteien, und zwar gemeinsam, sondern auch die Deutsche Demokratische Partei zu Aktionen aufrufen, und natürlich die freien Gewerkschaften, und natürlich nicht die christlichen Gewerkschaften. Das ist also eine ungeheuer starke antifaschistische Welle&#8230; Da bildet sich also so etwas wie antifaschistisches Bewußtsein, so auch terminologisch ausgedrückt. Aber mit dieser Terminologie ist die gedankliche Verbindung mit den italienischen Faschisten gemeint, die in dieser Zeit die Macht ergreifen.&#8221; (Wolfgang Abendroth; Antifaschismus oder Niederlagen beweisen nichts, als das wir wenige sind; Frankfurt 1983).</p>
<p class="vspace">Zwar entwickelte sich seit der Machtergreifung der italienischen Faschisten im Jahre 1922 innerhalb der Kommunistischen Internationale eine Diskussion um die Gefahr des Faschismus auch in Deutschland, jedoch wurden die Ansätze der breiteren Einheitsfrontpolitik, wie zur Zeit des Rathenaumordes, schwerpunktmäßig nicht weiter verfolgt. Im Faschismus selbst wurde zu dieser Zeit keine konkret drohende Gefahr gesehen, außer für die spätere KPD oppositionelle Gruppe (um Thalheimer) spielte die Weiterentwicklung der Einheitsfrontpolitik bis zum Massenaufstieg der NSDAP ab 1928 keine zentrale Rolle.</p>
<p class="vspace"><big>1923</big></p>
<p class="vspace">Das Jahr 1923 markiert den Abschluß der revolutionären Aufstände in Deutschland sowie der Versuche rechter und faschistischer Kräfte in der noch unsicheren Weimarer Republik an die Macht zu putschen. Wie unklar und unterschiedlich die Situation zu dieser Zeit war, dokumentieren die Ereignisse in diesem Jahr.</p>
<p class="vspace">Die durch den 1919 unterzeichneten &#8220;Versailler Vertrag&#8221; auferlegten Reparationszahlungen sowie die Besetzung des Ruhrgebietes und Profitierung der Siegermächte vor allem vom Kohleabbau, trafen in erster Linie die arbeitenden Bevölkerung. Zur Besetzung Anfang des Jahres 1923 war es deshalb gekommen, weil die deutsche Regierung große Teile der Reparationszahlungen eingestellt hatte. Die ohnehin labile wirtschaftliche Lage und die folgende Besetzung des Ruhrgebietes gab der amtierenden deutschen Regierung die Legitimation, eine Politik durchzuführen, die in der sogenannten Hyperinflation mündete.</p>
<p class="vspace">&#8220;Tollhaus riesigster Proportionen nannte Stefan Zweig die Deutsche Inflation. Und in der Tat: Nie und nirgends in der Geschichte der Menschheit hat die Währung solche schwindelerregenden Sprünge gemacht wie 1923 in Deutschland. (&#8230;) Bettler wurden zu Multimilliardären und standen dennoch hungrig vor den kargen Schmalz- und Pferdewurstauslagen der Schaufenster. Arbeiter schleppten ihren Wochenverdienst, der früher in einer schmalen Lohntüte Platz hatte, in Rucksäcken und Wäschekörben nach Hause und konnten, wenn sie ihr Geld nicht gleich ausgaben, kaum soviel Kohlen kaufen, wie die Scheine wogen, die sie dafür zu entrichten hatten. Oft genug verdoppelten sich die Preise im Laufe vonStunden. Eine Summe, für die man morgens noch ein Pfund Fleisch erhalten hatte, reichte abends kaum noch für einen Kanten Brot. Für Ersparnisse, die Beamtenfrauen mühselig in Jahrzehnten zurückgelegt hatten, konnte man schließlich gerade noch einen Straßenbahnfahrschein lösen. (&#8230;).</p>
<p class="vspace">Spekulanten und Wucherer ergaunerten sich Devisen, kauften für einen Pappenstiel ganze Fabriken und verjubelten astronomische Summen in den wie Pilze aus dem Boden schießenden Vergnügungslokalen. Das Tempo des Lebens überschlug sich in wahnsinniger Hektik. Der Amüsierrummel erreichte Ausmaße, denen gegenüber die panisch enthemmtem Gelage in den Pestjahren des Mittelalters wie schlichte Veranstaltungen gesitteter Gesangsvereine anmuteten.</p>
<p class="vspace">Während die Arbeitervorstädte &#8211; nun mehr und mehr zu Arbeislosenvorstädten werdend &#8211; im tristen und unheimlichen Dunkel lagen, weil den Haushalten sogar das Geld für einen kümmerlichen Kerzenstummel fehlte, während unzählige Angestellte, kleine Beamte und Rentenempfänger, verzweifelt dasEnde allen Seins herbeisehnend, den Gashahn öffneten, solange sie noch den von den Stadtverwaltungen gelieferten todbringenden Hauch bezahlen konnten, schwelgten Halbweltgrößen und Parvenus hinter pompösen Vorhängen der Luxusbars in Perversitäten.&#8221; (W. Ruge, s.o., S.111/112).</p>
<p class="vspace">Nicht nur die arbeitende Bevölkerung, auch große Teile des selbständigen Mittelstandes verarmte schlagartig. Diese katastrophale Situation veranlaßte viele Parteien links wie rechts (mit Ausnahme der NSDAP) zum passiven Widerstand gegen die Besatzung aufzurufen. Diesem folgten alle Teile der ArbeiterInnen.</p>
<p class="vspace">Der gemeinsame Aufruf zum (passiven) Widerstand hatte nicht ausschließlich eine Stärkung des antifaschistischen Bewußtseins zur Folge, daß sich unter anderem im sogenannten &#8220;Antifaschistentag&#8221; (initiiert von der KPD) am 29. Juli 1923 manifestierte. Vielmehr kam es gleichzeitig zu einer starken nationalistischen Welle in ganz Deutschland, in dem eben gegen die alliierte (französische) Besetzung des Ruhgebietes vorwiegend mit nationalistischen Parolen polemisiert wurde. Auch die KPD war nicht im Stande hier ein differenzierte Position zu Wege zu bringen. Im Gegenteil, selbst obere Funktionäre sprangen in fataler Weise auf den nationalistischen Zug auf, der damals durch das Land brauste. Das reichte in einzelnen Ortsverbänden zu gemeinsamen Plakaten von völkischen und kommunistischen Rednern, die zur Diskussion einluden. Erst an diesem Punkt griff die Führung der Partei &#8211; allerdings zu spät &#8211; ein. Bekanntestes Beispiel der verfehlten Politik bezüglich d er nationalen Frage, ist die Rede Karl Radeks auf der erweiterten Exekutive der KI am 20. Juni 1923 zum Tode Albert Leo Schlageters (faschistsicher Söldner, der gegen die französische Besatzung des Ruhrgebietes Sabotageakte verübte und zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde):</p>
<p class="vspace">&#8220;(&#8230;) Während der ganzen Rede der Genossin Zetkin über die Widersprüche des Faschismus schwirrte mir im Kopf der Name Schlageter herum und sein tragisches Geschick. Wir sollten seiner Gedenken, hier, wo wir politisch zum Faschismus Stellung nehmen. Die Geschicke dieses Märtyrers des deutschen Nationalismus sollen nicht verschwiegen, nicht mit einer abwertenden Phrase erledigt werden. Sie haben uns, sie haben dem deutschen Volke vieles zu sagen.</p>
<p class="vspace">Wir sind keine sentimentalen Romantiker, die an der Leiche die Feindschaft vergessen und wir sind keine Diplomaten die sagen: am Grabe Gutes reden oder Schweigen. Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution, verdient es von uns, Soldaten der Revolution, männlich-ehrlich gewürdigt zu werden. (&#8230;)</p>
<p class="vspace">Vom Kampf sprechen die Genossen Schlageters an seinem Grabe. Den Kampf weiterzuführen, schwören sie. Der Kampf richtet sich gegen einen Feind, der bis an die Zähne bewaffnet ist, während Deutschland entwaffnet, während Deutschland zermürbt ist. Soll das Wort vom Kampfe keine Phrase sein, (&#8230;) so erfordert dieser Kampf die Erfüllung einer Reihe von Vorbedingungen. Er fordert von dem deutschen Volke, daß es bricht mit denen, die es nicht nur in die Niederlage hineingeführt haben, sondern diese Niederlage, die Wehrlosigkeit des deutschen Volkes verewigen, indem sie die Mehrheit des deutschen Volkes als den Feind behandeln. (&#8230;)</p>
<p class="vspace">Die Sache des Volkes zur Sache der Nation gemacht, heißt die Sache der Nation zur Sache des Volkes. (&#8230;)</p>
<p class="vspace">Dies hat die Kommunistische Partei Deutschlands, dies hat die Kommunistische Internationale an dem Grabe Schlageters zu sagen. Sie hat nichts zu verhüllen, denn nur die volle Wahrheit ist imstande, sich den Weg zu den tief leidenden, innerlich zerissenen, suchenden nationalen Massen Deutschlands zu bahnen.(&#8230;)&#8221;</p>
<p class="vspace"><big>Eine andere Seite</big></p>
<p class="vspace">Auf der anderen Seite kam es noch in diesem Jahr im Osten Deutschlands (Thüringen) zu massiven Generalstreiks gegen die rechtsgerichtete Regierung unter Führung Cunos.</p>
<p class="vspace">&#8220;Das Kabinett Cuno steuerte brutal auf die schrittweise Verwirklichung eines von Stinnes entworfenen Planes zur Niederzwingung aller fortschrittlichen Kräfte und zur uneingeschränkten Restauration der Macht des deutschen Monopolkapitals zu. Dieser Plan sah u.a. vor, alle Arbeiter 10 bis 15 Jahre lang zu zwei unbezahlten täglichen Überstunden zu verpflichten, für die Dauer von 5 Jahren jegliche Streiks zu verbieten, die Akkumulation von Kapital mit allen Mitteln zu fördern und sämtliche seit Krieg und Novemberrevolution in Kraft getretenen Gesetze zu &#8220;überprüfen&#8221;.</p>
<p class="vspace">Die Realisierung eines solchen Programms, das sich der auf die Verfassung vereidigte Reichskanzler (Cuno, d.V.) zu eigen machte, hätte die völlige Liquidierung des in der republikanischen Gesetzgebung verankerten sozialen und politischen Fortschritts und damit faktisch das Ende der Weimarer Republik bedeutet.&#8221; (W. Ruge,s.o,S. 116/117)</p>
<p class="vspace">Diese politische Situation mündete schließlich im Generalstreik, vor allem durchgeführt in Thüringen,Sachsen und Berlin, was die Absetzung Cunos bedeutete (Rücktritt am 12. August 1923). Das führte zur Bildung der Großen Koalition zwischen SPD und DVP. Unmittelbar machte dies wiederum den Weg für eine fortschrittliche Koalition zwischenSPD und KPD in Thüringen möglich, die bereits einen Monat später gebildet wurde.</p>
<p class="vspace">Vor diesem Hintergrund kam es im Oktober 1923 zum Hamburger Aufstand, der jedoch isoliert und allein durch die KPD geführt wurde und scheiterte. (Daran schloß sich ein vorübergehendes Verbot der KPD an.) Damit war auch die fortschrittliche Koalition in Thüringen faktisch aufgelöst und mit dem Einmarsch der Reichswehr in Thüringen (zuvor Ausnahmezustand in Sachsen und ebenfalls Einmarsch) mußten die kommunistischen Minister Thüringens Anfang November zurücktreten.</p>
<p class="vspace">Während in Mitteldeutschland die linken fortschrittlichen Kräfte um die Frage der Macht rangen, stellte sich die Situation im Süden der Weimarer Republik gänzlich anders dar.</p>
<p class="vspace">War es schon im September in Bayern zu Unruhen durch rechte Kräfte gekommen (Ausnahmezustand), mündete dies am 9. November 1923 im &#8220;Marsch auf die Feldherrenhalle&#8221; durch die Faschisten um Adolf Hitler und Generalfeldmarschall a. D. Ludendorff. Hierbei handelte es sich um den Versuch der Faschisten, zunächst in Bayern (München) die Macht zu erlangen, um dann mit dem &#8220;Marsch auf Berlin&#8221; eine faschistische Diktatur nach dem Vorbild Mussolinis in Italien zu schaffen. (Dieser war im Oktober 1922 Ministerpräsident Italiens mit dem &#8220;Marsch auf Rom&#8221; geworden). Bei dem mißlungenen Putschversuch der deutschen Faschisten in München kam es zu mehreren Toten (16 Faschisten und 3 Polizisten). Die NSDAP wurde vorübergehend verboten. Der anschließende Prozeß belohnte allerdings die Putschisten mit milden Urteilen und Hitler wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Nach knapp einem Jahr wurde er bereits entlassen. Diese Zeit hatte er genutzt um &#8220;Mein Kampf&#8221; zu verfassen.</p>
<p class="vspace"><big>Zeit der Konsolidierung</big></p>
<p class="vspace">Nachdem die wirtschaftliche Talfahrt und die Inflation überwunden waren (Wiedereinsetzung der Zahlungen an die Siegermächte gemäß des Versailler Vertrages sowie gleichzeitiger Verzicht einiger Forderungen der Siegermächte; Dawes-Plan), setzte sich in Deutschland die konsolidierende Politik der SPD durch; sie arrangierte sich mit dem Großkapital, die Gräben der revolutionären ArbeiterInnenschaft wurden auf der einen Seite immer tiefer. Auf der anderen Seite bedeutete das für die SPD-treuen ArbeiterInnen, daß diese in der Tat kein Interesse mehr an einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft hatten. Es ging vielmehr darum, mit Hilfe der parlamentarischen Demokratie und der &#8220;ihrigen Regierung&#8221; die kärglich erworbenen Privilegien zu erhalten.</p>
<p class="vspace">Für die an den Aufständen Beteiligten war noch nicht vergessen, daß die SPD von 1918-23 mit ultrarechten Reichswehrverbänden und Freikorpstruppen zusammengearbeitet hatte. Die Gefängnisse waren voll mit abgeurteilten RevolutionärInnen.</p>
<p class="vspace">Emil Julius Gumbel analysierte 1922 in seinem Buch &#8220;Vier Jahre politischer Mord&#8221; die Urteile der damaligen Rechtssprechung und kam zu der Erkenntnis, daß die von nationalen Bünden Begangenen Morde kaum geahndet worden waren, die wenigen von Linken begangenen Taten jedoch stets rigoros bestraft wurden. Dazu noch einmal Abendroth:</p>
<p class="vspace">&#8220;Bei den Linken wirkt in dieser Restaurationsphase der Republik, die immer deutlicher ihre Verknüpfungen mit dem monarchistischen Obrigkeitsstaat hervorhebt, stabilisierend der Bürgerkrieg nach, jetzt als Empfindungslage der Linken: der Bürgerkrieg zu Beginn der Republik und die Periode des unmittelbaren gemeinsamen Terrors der Rechten, der rechtesten Sozialdemokratie., Typ Noske, Typ Ebert, mit den Freikorps gegen die Arbeiterklasse&#8230; Aber es ist klar, was an den Empfindungen zurückbleibt und daß infolgedessen auch die Vertiefung der Spaltung in der ArbeiterInnenbewegung hängenbleibt und weshalb bei jedem schweren Rückschlag eine ultralinke Welle entsteht.&#8221;</p>
<p class="vspace">Anstelle einer revolutionären Veränderung trat die Festigung der Weimarer Republik. Politisch war diese Phase bestimmt von der &#8220;Weimarer Koalition&#8221;, die sich aus den Parteien SPD, Zentrum und Deutsche Demokratische Partei (DDP) sowie der Deutsche Volkspartei (DVP) zusammensetzte.</p>
<p class="vspace">Stück für Stück wurden die sozialen und demokratischen Rechte, die Hunderttausende mit der Novemberrevolution 1918 erkämpft hatten, rückgängig gemacht.</p>
<p class="vspace">Die Verabschiedung eines Ermächtigungsgesetzes am 8. Dezember 1923 durch die Reichstagsmehrheit unter Wilhelm Marx (Zentrum) mit Zustimmung der SPD zur notwendigen Zweidrittelmehrheit, gab der Regierung die ersten Volllmachten für einen freien Weg, Maßnahmen zur Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaft zu ergreifen.</p>
<p class="vspace">Innenpolitisch verschob sich das Kräfteverhältnis im Parlament (in den folgenden Wahlen im Laufe der 20er Jahre) immer weiter zugunsten der rechten und reaktionären Parteien. So stimmten bei den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 über 10 Millionen Wahlberechtigte (ca. 34%) für die rechtsbürgerlichen Parteien. Für die SPD stimmten 6 Millionen (20,5%). Die KommunistInnen erhielten 3.7 Millionen Stimmen (12,6%).</p>
<p class="vspace">Ausdruck der vollständigen Restauration der reaktionär-konservativen Kräfte innerhalb der Gesellschaft war die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten nach dem Tode des rechten SPDlers Friedrich Ebert im Jahre 1925.</p>
<p class="vspace"><big>Politik der Kommunistischen Internationale</big></p>
<p class="vspace">Als einzige relevante (Massen-)Partei unterstützte und organisierte die KPD, die vom 23. November 1923 bis zum 1. März 1924 in Folge des Hamburger Aufstandes vorübergehend verboten worden war, die politischen Forderungen der sich als revolutionär verstehenden ArbeiterInnen.</p>
<p class="vspace">Trotz ihres eigenen Anspruchs revolutionäre Politik zu betreiben und sich die KPD selbst eng auf der Seite der RevolutionärInnen sah, sollte die Politik vor dem Hintergrund der Einbindung der KPD in die Kommunistische Internationale (KI) betrachtet werden. Vor allem die Motivation der Führung der KPD bestimmte Entscheidungen zu fordern, ist anhand der Beschlüsse der KI häufig abzuleiten.</p>
<p class="vspace">Bei der Politik der KI in Bezug auf die Weimarer Republik muß die spezielle Rolle der deutschen Außenpolitik für die Sowjetunion gesehen werden. Grundsätzlich ist von Bedeutung, daß die Dominanz und der Vorbildcharakter, den die KPDSU innerhalb der KI hatte, die Beschlüsse der KI stark bestimmten. In diesem Zusammenhang kam die (zwangsläufige?) widersprüchliche Rolle der KPDSU bezüglich der Regierenden in der Weimarer Republik und der KPD als Opposition zum Tragen.</p>
<p class="vspace">Mit dem Vertrag von Rapallo hatte die Weimarer Koalition und damit Deutschland als erster (einziger) Staat die Souveränität der Sowjetunion als erstes sozialistisches Land anerkannt. Nicht nur das; ein ausgiebiger wirtschaftlicher Handel wurde besiegelt. Bekanntestes Beispiel für die Zusammenarbeit der beiden Staaten, was schon in jener Zeit Ende der 20er Jahre für Furore sorgte, waren die Abkommen der gegenseitigen Hilfestellungen innerhalb des Militärapparates. So wurden die Offiziere der sich als revolutionäre verstehenden Roten Armee der Sowjetunion in deutschen Kasernen durch jene Reichswehr ausgebildet, die gleichzeitig für die Unterdrückung der Opposition (u.a. der KPD) zuständig war. Im Gegenzug wurde sogar ein Teil der Militärproduktion Deutschlands in die Sowjetunion verlagert und ebenso der sowjetische Militärapparat durch deutsche Waffen bestückt.</p>
<p class="vspace">Diese sollten für die Sowjetunion gleichzeitig zu militärischen Verteidigung gegen die imperialistischen Staaten, wie Deutschland und andere westliche Staaten dienen. So hatten die Beziehungen zum deutschen Staat, unter Führung der republikanischen Parteien (SPD, Zentrum, DVP) sowohl national als auch international für die bis dato relativ schwach entwickelte/ instabile Sowjetunion eine Schlüsselfunktion.</p>
<p class="vspace">In den späten Analysen und Beschlüssen der KI bleibt der Eindruck nicht aus, daß die Führung der KPD teilweise auch dazu genutzt wurde, die Außenpolitik der Sowjetunion je nach Notwendigkeiten, innerhalb Deutschlands zu unterstützen bzw. praktisch umzusetzen.</p>
<p class="vspace"><big>&#8220;Abweichler&#8221; und &#8220;Versöhnler&#8221;</big></p>
<p class="vspace">Ebenfalls von Bedeutung für die Politik der KPD waren die Machtkämpfe innerhalb der KPDSU. Diese spiegelten sich zum Teil auch in der KPD wieder.</p>
<p class="vspace">Nach dem Tode Lenins 1924 setzte der Kampf um die Führung der kommunistischen Partei in der Sowjetunion ein, der zunächst von der Gruppe Stalin, Sinowjew, Bucharin gegen Trotzki und seine Anhänger geführt wurde. Später spalteten sich wiederum Sinowjew und Kamenjew von der Mehrheitsgruppe ab und bildeten einen Block mit Trotzki. Im Frühjahr 1928 gab es in der Mehrheit eine neue Fraktionierung.Der Kampf der engeren Gruppe um Stalin bereitete sich auf den Kampf gegen den Rest vor; selbst der jahrelang eng Vertraute Bucharin wurde dazu &#8220;abgesetzt&#8221;.</p>
<p class="vspace">Bei diesen Auseinandersetzungen innerhalb der KPDSU blieb die Wirkung auf die KI nicht aus, was sich aus der vorhin beschriebenen Vorbildfunktion der Sowjetunion ergab. Entsprechend fand auch innerhalb der KI (automatisch) eine Fraktionierung statt.</p>
<p class="vspace">So wurde im Februar 1928 ein Abkommen mit der Leitung der KPD (Thälmann, Neumann, Remmele) geschlossen, das den Kampf gegen &#8220;Versöhnler&#8221; und &#8220;Sozialdemokraten&#8221; auf die Tagesordnung setzte. Dieses Abkommen muß aber so verstanden werden, daß dies nicht nur die Politik in Bezug auf die Sozialdemokratie in Form der SPD meinte, sondern dieser Kampf gegen die &#8220;Versöhnler&#8221; etc. auch als organisationsinterner Kampf zu verstehen war.</p>
<p class="vspace">Die Konsequenz dieser Linie war ein ultralinker Kurs. Woraus bestand dieser?</p>
<p class="vspace"><big>Analyse contra Einheitspolitik</big></p>
<p class="vspace">Spätestens seit der Novemberrevolution bzw. der Niederschlagung der revolutionären Aufstände war es klar geworden, daß die einst geeinte stärkste ArbeiterInnenbewegung in Europa gespalten war. Trotz dieser Spaltung kam es immer wieder zur Zusammenarbeit. Diese Zusammenarbeit oder vielmehr die Hoffnung, daß die ArbeiterInnenbewegung wieder vereint werde, der Gedanke einer einheitlichen Front gegen die Klassenfeinde der Bourgeoisie und des Großkapitals, war immer wieder zentraler Punkt innerhalb der Politik der KPD. So kam es auf der einen Seite zu heftigen Abgrenzungen gegen die (Führung) der SPD auf der anderenSeite auch zu Einheitsfronten, als deren prägnantestes Beispiel der Generalstreik zur Bezwingung des Kapp-Putsches steht, aber auch die fortschrittliche Regierungskoalition in Thüringen 1923 war Ausdruck des einheitlichen Vorgehens gegen reaktionäre Entwicklungen in der Weimarer Republik.</p>
<p class="vspace">Seit der Konsolidierungsphase ab 1924 wurde die Schaffung einheitlicher Aktionen, alle unterschiedlichen Parteien und Gruppen der ArbeiterInnenklasse, insbesondere die Gewerkschaften, als BündnispartnerInnen begrüßt. Damit ging der Versuch einher, innerhalb der jeweiligen Organisationen kommunistische Positionen durchzusetzen und vor allem die Basis zu radikalisieren. Demzugrunde lagen eben die Erfahrungen aus der erfolgreichen Abwehr des Kapp-Putsches und die Tatsache, daß seit Festigung der gesellschaftlichen Verhältnisse an eine bewaffnete Umwälzung nicht mehr zu denken war. So bestand eine Hauptaufgabe der Politik der KPD imerreichen und Verteidigen tagespolitischer Forderungen. Dies war lediglich in Zusammenhang mit anderen Kräften möglich und das wurde vor allem in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften verwirklicht.</p>
<p class="vspace">Im Jahre 1928, mit der Zuspitzung der Lebensverhältnisse und der sichtbarwerdenden Krise der Weimarer Republik, wurde dieser Kurs der Politik grundsätzlich geändert: Im Reformismus, sprich in der Sozialdemokratie, wurde jetzt &#8211; neben denoffen reaktionären und faschistischen Kräften &#8211; als ein Hauptfeind der ArbeiterInnenklasse ausgemacht, den es mit der gleichen Intensität zu bekämpfen galt, wie die rechten Kräfte. Die &#8220;Rechtspolitiker&#8221; in den eigenen Reichen, also jene Leute, die noch Jahre zuvor (erfolgversprechende) Einheitsfrontpolitik betrieben hatten, wurden in der Konsequenz dieses Kursschwenkes aus zentralen Funktionen abgesetzt. Ziel war es in dieser Phase, nicht mit den &#8220;Sozialfaschisten&#8221; &#8211; vor allem der SPD &#8211; zusammenzuarbeiten. Von dieser Politik versprach man sich, die Polarisierung der ArbeiterInnen auf die eigene Partei lenken zu können. Zu den folgerichtigen Konsequenzen zählte dann auch die Gründung der &#8220;Revolutionären Gewerkschaftsopposition&#8221; (RGO), da es keinen gemeinsamen Kampf mit der SPD geben sollte, schon gar nicht in einer Organisation.</p>
<p class="vspace">Deutlich wird diese Änderung im Vergleich zweier Erklärungen Stalins. Die eine von 1925, in der er sich noch eindeutig gegen sektiererische Politik wendet: »Diese Leute wollen die Gewerkschaften von außen attackieren, indem sie sie als feindliches Lager betrachten. Sie begreifen nicht, daß bei einer solchen Politik, die Arbeiter sie naturgemäß als Feinde betrachten werden (&#8230;) Sie begreifen nicht, daß eine solche Politik dem Eindringen der Kommunisten in die Millionenmassen der Arbeiter Abbruch tut, statt es zu erleichtern.« Sprach sich Stalin hier noch eindeutig für eine Taktik aus, die den Verbleib in den SPD-geführten Massenorganisationen favorisierte, erklärte er 1929: »Vollkommen denkbar wäre daher eine Situation, in der es notwendig werden kann, parallele Massenorganisationen der Arbeiter zu schaffen, entgegen dem Willen der sich an die Kapitalisten verkauften Bonzen (Gewerkschaftsfunktionäre, d.V.) (&#8230;) Es ist durchaus möglich, daß auch in Deutschland die Entwicklung in dieser Richtung verlaufen wird.«</p>
<p class="vspace">Die Konsequenz dieser &#8220;sprunghaften&#8221; Politik der KPD innerhalb weniger Jahre war nicht nur das &#8220;Absetzen&#8221; und &#8220;Säubern&#8221; der eigenen Reihen, sondern eine nicht mehr vermittelte und somit nachvollziehbare Linie der politischen Taktik der KPD. Die immer weitere Zersplitterung der ArbeiterInnenbewegung und deren ideologische Uneinigkeit sollte Ende der Weimarer republik ein entscheidender Hemmschuh auf Seiten der sich als revolutionär verstehenden ArbeiterInnenschaft werden.</p>
<p class="vspace">Weiter <a href="http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-2" target="_self">Teil2</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/die-geschichte-der-antifaschistischen-aktion-teil-1/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Konzept des libertären Kommunismus (1936) Teil2</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 12:47:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivierung]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=314</guid>
		<description><![CDATA[Die Kommune wird sich mit all dem zu befassen haben, was das Individuum betrifft. Sie wird sich um alle Angelegenheiten kümmern müssen, die in Zusammenhang mit der Verwaltung und Verschönerung der Ortschaft stehen. Sie wird für die Unterbringung ihrer Bewohner sorgen müssen. Sie wird sich um die Artikel und Produkte kümmern müssen, die ihr von den Gewerkschaften und Produzentenvereinigungen geliefert worden sind. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="vspace"><span id="more-314"></span><strong><em>Aufgabe und innere Organisation der Kommune</em></strong></p>
<p class="vspace">Die Kommune wird sich mit all dem zu befassen haben, was das Individuum betrifft. Sie wird sich um alle Angelegenheiten kümmern müssen, die in Zusammenhang mit der Verwaltung und Verschönerung der Ortschaft stehen. Sie wird für die Unterbringung ihrer Bewohner sorgen müssen. Sie wird sich um die Artikel und Produkte kümmern müssen, die ihr von den Gewerkschaften und Produzentenvereinigungen geliefert worden sind.</p>
<p class="vspace">Sie wird sich ebenso mit der Hygiene, der kommunalen Statistik, den kollektiven Bedürfnissen, dem Unterricht, den Gesundheitseinrichtungen sowie der Erhaltung und Vervollkommnung der örtlichen Kommunikationsmöglichkeiten beschäftigen. Sie wird die Verbindungen zu den anderen Kommunen organisieren und sich um die Förderung künstlerischer und kultureller Aktivitäten bemühen. Um diese Aufgabe gut erfüllen zu können, wird ein Rat der Kommune gewählt werden, dem die Vertreter der Räte für Ackerbau, Gesundheit, Kultur, Verteilung sowie Produktion und Statistik angehören werden. Das Wahlverfahren für die Räte der Kommune wird man unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bevölkerungsdichte erarbeiten, wobei man berücksichtigen muß, daß die Metropolen bei der Bildung von Föderationen der Kommunen nur langsam politisch dezentralisiert werden.</p>
<p class="vspace">Alle diese Institutionen werden keinen exekutiven oder bürokratischen Charakter haben. Abgesehen von denen, die technische oder rein statistische Aufgaben wahrnehmen, werden auch sie ihre Aufgabe als Produzenten erfüllen. Die Mitglieder der einzelnen Institutionen versammeln sich erst gegen Ende des Arbeitstages, um die Detailfragen zu diskutieren, die nicht der Zustimmung durch die kommunalen Versammlungen bedürfen. Es werden so oft Versammlungen abgehalten, wie es die Bedürfnisse der Kommune erfordern, und zwar entweder auf Ersuchen der Mitglieder des Rates der Kommune oder auf Wunsch der Einwohner einer jeden Kommune.</p>
<p class="vspace"><strong>Gegenseitige Kontakte und Austausch der Produkte</strong></p>
<p class="vspace">Wie schon erwähnt, ist unsere Organisation föderalistischer Art und sichert die Freiheit des einzelnen innerhalb der Gruppe und innerhalb der Kommune, die der Kommunen innerhalb der Föderation und die der Föderationen innerhalb der Konföderationen. Wir kommen also vom Individuum zum Kollektiv und sichern so die Rechte des einzelnen. Das Prinzip der Freiheit bleibt dabei unantastbar. Die Bewohner einer Kommune werden untereinander die internen Probleme diskutieren: Produktion, Konsum, Unterricht, Hygiene und was sonst noch für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Kommune erforderlich sein könnte. Wenn es sich um Probleme handelt die einen ganzen Landstrich oder eine Provinz angehen, dann müssen die Föderationen untereinander beraten.</p>
<p class="vspace">In den Versammlungen, die letztere abhalten, werden alle Kommunen vertreten sein, deren Delegierte die Argumente vorbringen werden, die zuvor in ihren Heimatkommunen gebilligt worden sind. Wenn zum Beispiel Straßen gebaut werden sollen, die die Ortschaften eines Landstriches miteinander verbinden, oder wenn es um Transportangelegenheiten oder um den Austausch von Produkten zwischen landwirtschaftlich ausgerichteten und industriell geprägten Landstrichen geht, dann ist es nur natürlich, wenn alle Kommunen ihren Standpunkt darlegen, denn sie müssen ja auch alle ihren Beitrag zu den Bauarbeiten leisten.</p>
<p class="vspace">In Angelegenheiten regionalen Charakters wird es die Regionale Föderation sein, die die Beschlüsse in die Praxis umsetzt. Diese Beschlüsse werden den souveränen Willen aller Bewohner der Region zum Ausdruck bringen. Denn zur Willensbildung kommt es zuerst beim Individuum, dann in der Kommune, dann in der Föderation und schließlich in der Konföderation. Auf ganz ähnliche Art und Weise werden wir zu einer Diskussion aller Probleme kommen, die die ganze Nation angehen, denn unsere Einrichtungen werden sich untereinander immer mehr ergänzen. Die nationale Organisation wird die internationalen Beziehungen regeln, indem sie direkten Kontakt zum Proletariat der anderen Länder aufnimmt, und zwar mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden Organe, die, wie in unserem Falle, der Internationalen Arbeiter-Assoziation angehören.</p>
<p class="vspace">Um den Austausch der Produkte von Kommune zu Kommune zu sichern, setzen sich die Räte der Kommune mit den regionalen Föderationen der Kommunen und mit dem Rat der Konföderation für Produktion und Verteilung in Verbindung, wobei sie das anfordern, was ihnen fehlt, und das anbieten, was sie im Überfluß haben. Durch das Netz von Verbindungen zwischen den Kommunen und den Räten für Produktion und Statistik, die durch die Nationalen Produzentenföderationen hergestellt werden, ist das Problem bereits gelöst und vereinfacht.</p>
<p class="vspace">Was die kommunale Seite der Frage betrifft, so werden Produzentenbescheinigungen genügen, die von den Werks- und Fabrikräten ausgestellt sind und den Arbeitern das Recht zum Erwerb dessen geben, was sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen. Die Produzentenbescheinigung ist im Prinzip so etwas wie ein Wechselbrief, die zwei Ausführungsbestimmungen unterworfen ist: Erstens, daß sie nicht übertragbar ist, und zweitens, daß man ein Verfahren entwickelt, mit dem auf der Bescheinigung der Wert der Arbeit in Arbeitstagen registriert wird und der hier eingetragene Wert höchstens ein Jahr lang zum Erwerb von Produkten berechtigen soll. Den nicht in den Arbeitsprozeß einbezogenen Teilen der Bevölkerung werden die Gemeinderäte Verbrauchsbescheinigungen ausstellen.</p>
<p class="vspace">Selbstverständlich kann man keine absolut gültige Norm aufstellen. Die Autonomie der Kommunen muß respektiert werden, die, wenn sie es für angemessen halten, ein anderes System des inneren Austausches einführen können, vorausgesetzt daß die neuen Systeme auf keinen Fall die Interessen der anderen Kommunen verletzen.</p>
<p class="vspace">Pflichten des Individuums gegenüber dem Kollektiv und Idee von der gerechten Verteilung</p>
<p class="vspace">Der freiheitliche Kommunismus ist unvereinbar mit jedem auf Strafe beruhenden System, und folglich führt er auch zum Verschwinden des gegenwärtig herrschenden Systems einer korrigierenden Justiz und mit ihm der Strafinstrumente (Gefängnisse, Zuchthäuser etc.). Dieser Bericht ist der Auffassung, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die sogenannten Delikte hauptsächlich soziale Ursachen haben und wenn diese Ursachen verschwunden sind, im allgemeinen auch das Delikt verschwindet.</p>
<p class="vspace">Wir meinen also:</p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Daß der Mensch nicht von Natur aus schlecht ist und daß die Straffälligkeit die logische Folge der sozialen Ungerechtigkeit ist, in der wir leben.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Daß, wenn man die Bedürfnisse des Menschen befriedigt und ihm eine vernünftige und menschliche Erziehung gewährt, diese Ursachen verschwinden müssen.</li>
</ul>
<p class="vspace">Darum glauben wir, daß ein Individuum, das seine Pflichten, sei es nun im Bereich der Moral oder der Produktion, nicht erfüllt, vor den Volksversammlungen zu erscheinen hat, die im Sinne sozialer Harmonie eine gerechte Lösung für die Angelegenheit finden werden. Der freiheitliche Kommunismus wird also seine „korrigierenden Maßnahmen“ der Medizin und der Pädagogik entnehmen, die über die einzigen vorbeugenden Hilfsmittel verfügen, die die moderne Wissenschaft anerkennen. Wenn irgendein Individuum als Opfer pathologischer Erscheinungen gegen die Harmonie verstößt, die zwischen den Menschen herrschen soll, dann wird die pädagogische Therapeutik sich darum bemühen, sein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen und in ihm das moralische Gefühl für soziale Verantwortlichkeit zu stärken, das durch sein ungesundes Erbe sich nicht hat entwickeln können.</p>
<p class="vspace"><strong>Die Familie und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern</strong></p>
<p class="vspace">Man sollte nicht vergessen, daß die Familie der erste zivilisatorische Kern des Menschengeschlechts gewesen ist und daß sie auf dem Gebiet der Kultur, der Moral und des Gemeinschaftsgeistes Bewunderungswürdiges geleistet hat. Man sollte nicht vergessen, dass sie sich auch innerhalb der Entwicklung von der Familie zum Clan, vom Clan zum Stamm, vom Stamm zum Volk und vom Volk zur Nation erhalten hat. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Familie noch lange Zeit bestehen bleiben wird. Die Revolution darf nicht gewaltsam gegen die Familie vorgehen, ausgenommen in solchen Fällen, in denen es sich um unharmonische Ehen handelt, bei denen man das Recht auf Scheidung anerkennen und unterstützen muß. So wie die erste Maßnahme des freiheitlichen Kommunismus darin besteht, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Menschen ohne Unterschied der Geschlechter zu sichern, so wird auch die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Mann und Frau verschwinden, die aus Gründen wirtschaftlicher Unterlegenheit im Kapitalismus entstanden ist. Es ist also klar, daß die Geschlechter gleichberechtigt sein werden, in ihren Rechten wie in ihren Pflichten.</p>
<p class="vspace">Der freiheitliche Kommunismus proklamiert die freie Liebe, die nur durch den Willen des Mannes und der Frau bestimmt wird, wobei den Kindern der Schutz durch die Gemeinschaft garantiert wird und sie durch die Anwendung biologisch-eugenischer Prinzipien vor menschlichen Verirrungen bewahrt bleiben. Ebenso wird eine gute Sexualerziehung in der Schule auf eine Auswahl der Spezies Mensch hinwirken, die in Übereinstimmung mit den Zielen der Eugenik erfolgt, so daß sich die menschlichen Paare bewußt fortpflanzen und daran denken, gesunde und schöne Kinder zu zeugen.</p>
<p class="vspace">Für moralische Probleme, die die Liebe in eine freiheitliche kommunistische Gesellschaft hineintragen kann und die z.B. in Eifersucht ihre Ursache haben könnten, gibt es in der Gemeinschaft und in Freiheit nur zwei Lösungsmöglichkeiten, damit die menschlichen und sexuellen Beziehungen sich normal entwickeln. Für den, der Liebe mit Gewalt erzwingen will und sich dabei wie ein Tier benimmt, wird es, wenn weder guter Rat noch der Respekt vor dem Recht des einzelnen etwas auszurichten vermag, nur ein Mittel geben, nämlich die Entfernung aus der Gemeinschaft. Für viele Krankheiten empfiehlt sich ein Wasser- und Luftwechsel. Gegen die Liebeskrankheit, eine Krankheit, die sich in Starrsinn und Blindheit verwandeln kann, wird sich ein Wechsel der Kommune empfehlen, wobei der Kranke von dem Milieu entfernt wird, das ihn blind und verrückt macht, obgleich nicht zu befürchten steht, daß es in einer Atmosphäre sexueller Freiheit dazu kommen wird.</p>
<p class="vspace"><strong>Die religiöse Frage</strong></p>
<p class="vspace">Die Religion, eine rein subjektive Erscheinung der menschlichen Existenz, wird insoweit anerkannt werden, als sie sich auf das Heiligtum des individuellen Gewissens beschränkt. Aber auf keinen Fall kann die Religion in der Form einer öffentlichen Zurschaustellung oder eines moralischen und intellektuellen Zwanges anerkannt werden. Es bleibt dem einzelnen freigestellt, wie viele moralische Ideen er sich zu eigen machen will, doch alle Riten werden verschwinden.</p>
<p class="vspace"><strong>Über die Pädagogik, die Kunst, die Wissenschaft und das freie Experimentieren</strong></p>
<p class="vspace">Das Erziehungsproblem muß mit radikalen Mitteln gelöst werden. In erster Linie muß das Analphabetentum energisch und systematisch bekämpft werden. Die Kultur wird denen zurückgegeben werden, denen man sie geraubt hatte. Dies ist eine Pflicht der Wiedergutmachung im Sinne der sozialen Gerechtigkeit, die die Revolution erfüllen muß. So wie der Kapitalismus den gesellschaftlichen Reichtum gehamstert hat, so haben die Städte Kultur und Erziehung monopolisiert. Den materiellen Reichtum und die Kultur zurückzuerstatten, das sind die wesentlichsten Ziele unserer Revolution. Wie das geschehen soll? Dadurch, daß im materiellen Bereich der Kapitalismus enteignet wird und im moralischen Bereich die Kultur denen vermittelt wird, denen sie fehlt.</p>
<p class="vspace">Unsere erzieherische Arbeit muß sich folglich in zwei Etappen vollziehen. Wir haben eine erzieherische Aufgabe, die wir unmittelbar nach der Revolution lösen müssen, und eine allgemein menschliche Aufgabe, die erst im Rahmen der neuen Gesellschaft zu erfüllen ist. Die unmittelbare erzieherische Aufgabe wird darin bestehen, unter der analphabetischen Bevölkerung eine elementare Bildungsarbeit zu organisieren, die zum Beispiel im Unterricht folgender Dinge bestehen könnte: Lesen, Schreiben, Rechnen, Sport, Hygiene, Entwicklungs- und Revolutionsgeschichte, theoretische Aufklärung über die Nichtexistenz Gottes etc. Diese Aufgabe kann von einer großen Zahl gebildeter junger Leute als freiwilliger Bildungsdienst für ein oder zwei Jahre übernommen werden, wobei sie durch die Nationale Föderation für Erziehung entsprechend ausgebildet und überwacht werden.</p>
<p class="vspace">Diese Institution wird unmittelbar nach der Proklamierung des freiheitlichen Kommunismus die Leitung aller Lehr- und Bildungszentren übernehmen und die Tauglichkeit der hauptberuflichen und freiwilligen Lehrer über prüfen. Die Nationale Föderation für Erziehung wird sich von denjenigen trennen, die intellektuell, vor allem aber moralisch nicht in der Lage sind, sich den Erfordernissen einer freien Pädagogik anzupassen. Ebenso wird bei der Auswahl der Lehrer für die Volksschule beziehungsweise die Höhere Schule allein die in praktischer Arbeit bewiesene Fähigkeit entscheiden.</p>
<p class="vspace">Der Unterricht, dessen pädagogische Aufgabe darin besteht, zu einer neuen Menschlichkeit zu erziehen, wird frei, wissenschaftlich und für beide Geschlechter in gleicher Weise zugänglich sein. Alle notwendigen Mittel werden zur Verfügung gestellt werden, um sich in jedem nur möglichen Zweig der menschlichen Produktivität und des menschlichen Wissens üben zu können. Der Hygiene und der Kindererziehung wird Vorrang eingeräumt werden, wobei die Frau dazu erzogen wird, schon in der Schule das Notwendige zu lernen, um Mutter sein zu können. Ebenso wird ein Hauptaugenmerk auf die Sexualerziehung gelegt werden, die die Grundlage für eine Verbesserung des Menschengeschlechts ist. Wir halten es für die Hauptaufgabe der Pädagogik, die Heranbildung von Menschen mit selbständigem Urteil zu fördern, wobei natürlich auch die Frauen gemeint sind. Dazu wird es notwendig ein, daß der Lehrer alle Anlagen des Kindes mit dem Ziel fördert, daß das Kind zur vollständigen Entwicklung aller seiner Fähigkeiten gelangt.</p>
<p class="vspace">In dem pädagogischen System, das der freiheitliche Kommunismus verwirklichen wird, werden auf gar keinen Fall Bestrafungen oder Belohnungen Platz finden, denn diese beiden Erscheinungen enthalten den Keim zur Entwicklung aller Formen von Ungleichheit. [1]</p>
<p class="vspace">Das Kino, der Rundfunk, die pädagogischen Hilfsmittel &#8211; Bücher, Bilder, Projektionsapparate &#8211; werden ausgezeichnete und wirksame Dienste bei einer schnellen intellektuellen und moralischen Umgestaltung der gegenwärtigen Generationen leisten und ebenso bei der Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder und Heranwachsenden von Nutzen sein, die im freiheitlichen Kommunismus geboren werden und aufwachsen.</p>
<p class="vspace">Ganz abgesehen vom rein erzieherischen Aspekt wird die freiheitliche kommunistische Gesellschaft schon in den ersten Jahren allen Menschen das Recht sichern, ihr Leben lang Zugang zu Wissenschaft, Kunst und Forschung zu erhalten, soweit sich das mit den unabdingbaren Erfordernissen produktiver Arbeit vereinbaren läßt. Erst solche geistige Betätigungen garantieren die Gesundheit und das seelische Gleichgewicht der menschlichen Natur. Darum sind auch die Produzenten in der freiheitlichen, kommunistischen Gesellschaft nicht in Hand- und Kopfarbeiter aufgeteilt, sondern alle werden zugleich körperlich und geistig arbeiten. Darüber hinaus wird der Zugang zu den Künsten und Wissenschaften frei sein, denn die Zeit, die man auf sie verwendet, gehört dem Individuum und nicht der Gemeinschaft, aus der sich der einzelne lösen kann, wenn er Lust dazu hat, sobald er die Tagesarbeit, seine Aufgabe als Produzent erfüllt hat.</p>
<p class="vspace">Es gibt Bedürfnisse geistiger Art, die als Parallelerscheinungen zu den materiellen Bedürfnissen angesehen werden können und die sich um so mehr in einer Gesellschaft bemerkbar machen, je mehr in ihr die materiellen Bedürfnisse befriedigt werden und der Mensch als moralisch emanzipiert akzeptiert wird. So wie die Entwicklung eine ununterbrochene Linie ist, wenn auch nicht immer eine Gerade, so wird auch der einzelne immer Ehrgeiz haben, etwa den Wunsch, mehr zu genießen, seine Eltern zu übertreffen, unter seinen Kollegen hervorzuragen, sich selbst zu überwinden.</p>
<p class="vspace">Alle diese Wünsche nach dem Übertreffen anderer, nach schöpferischer, künstlerischer, wissenschaftlicher oder literarischer Tätigkeit und nach dem Experimentieren kann eine Gesellschaft, die auf der freien Prüfung und der Freiheit, alle Ausdrucksformen des menschlichen Lebens zu tolerieren, beruht, unter keinerlei allgemeinen oder materiellen Zweckmäßigkeitserwägungen unterdrücken; sie wird diese Bestrebungen nicht scheitern lassen, wie es heute geschieht, sondern sie wird im Gegenteil fördern und pflegen, da sie weiß, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt und daß die Menschheit unglücklich wäre, müßte sie allein vom Brot leben.</p>
<p class="vspace">Es ist unlogisch zu glauben, daß die Menschen in unserer neuen Gesellschaft nicht das Bedürfnis nach Zerstreuung hätten. In den autonomen freiheitlichen Kommunen werden im Gegenteil Tage zur allgemeinen Erholung bestimmt, wozu die Versammlungen symbolträchtige Tage aus der Geschichte oder aus dem Naturablauf auswählen werden. Ebenso werden bestimmte Stunden am Tage für Ausstellungen, Theateraufführungen, Filmvorführungen oder Vorträge reserviert, die allen Freude und Zerstreuung bringen.</p>
<p class="vspace"><strong>Verteidigung der Revolution</strong></p>
<p class="vspace">Wir räumen ein, daß es notwendig ist, die mit Hilfe der Revolution gewonnenen Errungenschaften zu verteidigen. Weil wir annehmen, daß es in Spanien mehr revolutionäre Möglichkeiten gibt als in irgendeinem der Nachbarländer, ist zu vermuten, daß sich der Kapitalismus in diesen Ländern nicht damit abfindet, wenn er sich der Interessen beraubt sieht, die er im Lauf der Zeit in Spanien erworben hatte.</p>
<p class="vspace">Solange also die soziale Revolution nicht in internationalem Maßstab gesiegt hat, wird man die zur Verteidigung des neuen Regimes notwendigen Maßnahmen ergreifen müssen, sei es gegen die Gefahr einer ausländischen kapitalistischen Invasion, wie sie oben angedeutet wurde, sei es, um eine Konterrevolution im eigenen Lande zu verhindern. Ein stehendes Heer bedeutet allerdings die größte Gefahr für die Revolution, denn unter seinem Einfluß würde sich die Diktatur herausbilden, die der Revolution unvermeidlich den Todesstoß geben würde.</p>
<p class="vspace">In den Augenblicken des Kampfes, in denen die Streitkräfte des Staates ganz oder teilweise mit dem Volk gemeinsame Sache machen, werden die organisierten militärischen Kräfte auf den Straßen ihren Beitrag zum Sieg über die Bourgeoisie leisten. Ist diese aber niedergeworfen, wird die Aufgabe der Streitkräfte beendet sein. Das bewaffnete Volk wird die beste Garantie gegen jeden Versuch bilden, das zerstörte kapitalistische Regime mit innerspanischen oder ausländischen Kräften zu restaurieren. Es gibt Tausende von Arbeitern, die den Militärdienst absolviert haben und die moderne militärische Technik kennen.</p>
<p class="vspace">Jede Kommune muß über Waffen und Geräte für die Verteidigung verfügen, bis die Revolution endgültig gesichert ist. Danach können sie dann in Arbeitsgeräte umgewandelt werden. Wir empfehlen dringend die Unterhaltung von Flugzeugen, Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Maschinengewehren und auch Flugabwehrkanonen, denn in der Luft liegt die Hauptgefahr im Falle einer ausländischen Invasion. Wenn dieser Augenblick gekommen ist, wird das Volk rasch mobilmachen, um sich dem Feind entgegenzuwerfen.</p>
<p class="vspace">Sobald die Verteidigungsaufgabe erfüllt ist, werden die Produzenten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Diese Generalmobilmachung wird alle Personen beiderlei Geschlechts erfassen, sofern sie für den Kampf tauglich sind. Sie werden sich vorbereiten, um in diesem Kampf die vielfältigen und notwendigen Aufgaben erfüllen zu können. Die Verteidigungskräfte der Konföderation, die bis hinunter in den Produktionsstätten bereitstehen, werden bei der Verteidigung der Errungenschaften der Revolution die wertvollsten Hilfskräfte sein. Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, um sie für die Kämpfe auszubilden.</p>
<p class="vspace"><strong>Wir erklären deshalb:</strong></p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Die Entwaffnung des Kapitalismus bedeutet die Aushändigung der Waffen an die Kommunen, die mit ihrer Unterhaltung und Pflege beauftragt werden und gleichzeitig dafür sorgen, daß die Verteidigungskräfte im nationalen Rahmen wirksam organisiert werden.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Im internationalen Rahmen müssen wir unter den Proletariern aller Länder intensive Propagandaanstrengungen unternehmen, damit diese Proletarier energischen Protest einlegen und sich mit uns solidarisch erklären, wenn von Seiten ihrer Regierungen irgendein Invasionsversuch unternommen wird. Zur gleichen Zeit wird unsere Iberische Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen allen Ausgebeuteten der Welt moralische und materielle Hilfe leisten, damit sie sich für immer aus der unerträglichen Vormundschaft des Kapitalismus und des Staates befreien können.</li>
</ul>
<p class="vspace"><em>Abschließende Bemerkungen</em></p>
<p class="vspace">Unsere Arbeit ist hiermit beendet, aber bevor wir zum Schluß kommen, glauben wir, in dieser historischen Stunde noch einmal dringend darauf hinweisen zu müssen, daß diese Schrift nicht als etwas Endgültiges angesehen werden darf, das als unverrückbare Norm für die Aufbauarbeit des revolutionären Proletariats dienen soll. Der Anspruch dieser Ausführungen ist wesentlich bescheidener. Wir würden es begrüßen, wenn der Kongreß in ihnen die allgemeinen Linien eines ersten Planes sehen würde, den die Arbeiter vollenden müssen: einen Ausgangspunkt für die Menschheit auf dem Wege zu ihrer gänzlichen Befreiung.</p>
<p class="vspace">Jeder, der sich klug, mutig und befähigt fühlt, möge unsere Arbeit verbessern.</p>
<p class="vspace"><small>[1] Zu den Erziehungsvorstellungen vgl. auch die Versuche Francisco Ferrers, der bereits 1901 in Barcelona eine freie Schule gegründet hat. Francisco Ferrer, Die moderne Schule, Berlin 1923, Nachdruck mit einem neuen Vorwort, Karin Kramer Vlg., Berlin 1970 + 1975</small></p>
<p class="vspace">Originaltext: <a rel="nofollow" href="http://www.fau-bremen.de.vu/" target="_blank">http://www.fau-bremen.de.vu</a> (überarbeitet) gespiegelt von: <a rel="nofollow" href="http://www.anarchismus.at/" target="_blank">http://www.anarchismus.at</a></p>
<p class="vspace">zurück <a href="http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1" target="_blank">Teil1</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Konzept des libertären Kommunismus (1936) Teil1</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 12:42:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivierung]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=313</guid>
		<description><![CDATA[In einer geschichtlich reifen Situation schien es möglich, das Versprechen einer herrschaftsfreien Gesellschaft unmittelbar einzulösen. Ist die Niederlage des antifaschistischen Lagers im spanischen Bürgerkrieg nur militärisch als Folge der schlechteren Ausrüstung und der mangelnden Ausbildung zu erklären? Oder waren theoretische Konzepte und/oder politische Umsetzung verantwortlich für das Scheitern der Utopie? Um zur Klärung beizutragen veröffentlichen wir das „Revolutionsprogramm des Gewerkschaftskongresses von 1936“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-313"></span><em>Mit ihren weit mehr als 1.500.000 Mitgliedern war die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT bisher bedeutendster Ausdruck der anarchistischen Idee.</em></p>
<p><strong>In einer geschichtlich reifen Situation schien es möglich, das Versprechen einer herrschaftsfreien Gesellschaft unmittelbar einzulösen. Ist die Niederlage des antifaschistischen Lagers im spanischen Bürgerkrieg nur militärisch als Folge der schlechteren Ausrüstung und der mangelnden Ausbildung zu erklären? Oder waren theoretische Konzepte und/oder politische Umsetzung verantwortlich für das Scheitern der Utopie? Um zur Klärung beizutragen veröffentlichen wir das „Revolutionsprogramm des Gewerkschaftskongresses von 1936“.</strong></p>
<p><em>[Teile des Textes, in denen es um das Schaffen „schöner Menschen“ (Eugenik) oder die Erziehung von Frauen zu Müttern geht, werden von uns entschieden abgelehnt. ]</em></p>
<p>Wir betrachten das Konzept des libertären Kommunismus als historischen Handlungsplan, der auch heute noch viele Gedanken enthält, die es bei der sozialen Revolution umzusetzen gilt. Auf dem Kongress der CNT in Zaragoza vom 1.-15. Mai 1936 wurde der nachfolgende Text als Rahmenprogramm verabschiedet. Nur einen Monat später brach nach einem Putsch rechter Militärs der spanische Bürgerkrieg aus, der nach dem Sieg der Faschisten 1939 mit der Zerschlagung sämtlicher antifaschistischer Organisationen und der CNT endete. Die tragische Geschichte des spanischen Bürgerkriegs und die verheerende Rolle der StalinistInnen lehrt uns als AnarchistInnen Vorsicht gegenüber diktatorischen Strömungen – nicht nur die totalitäre Rechte, auch die autoritären Strömungen von Links bedrohen die Freiheit und sind entschieden abzulehnen.</p>
<p><strong>Konzept des Libertären Kommunismus</strong></p>
<p>Allen Delegationen, die an diesem Kongreß teilnehmen, ist allgemein bekannt, daß im Schoße der C.N.T. zwei klar ausgeprägte Ansätze bestehen, den Sinn des Lebens zu deuten und die Grundlagen für die ökonomische Struktur nach der Revolution zulegen. Diese verschiedenartigen Konzeptionen sind ohne Zweifel auf theoretische und philosophische Ansichten zurückzuführen, die, wenn sie die Militanten erfassen, zwei feststehende Denkrichtungen hervorbringen. Beide Richtungen versuchen, tonangebend zu werden. Es gäbe keine Probleme, wenn nicht das natürliche Streben nach Hegemonie dem Vorhandensein dieser zwei Tendenzen innerhalb der Konföderation widersprechen würde.</p>
<p>Aber dieses unbeugsame und beständige geistige Streben muß sich mit neuer Kraft in unseren Reihen erst erweisen. Dieser Prozeß bringt ernsthafte Gefahren für die Einheit, die wir gerade erwähnt haben, mit sich. Um dem historisch bedeutungsvollen Moment gerecht zu werden, mußte deshalb mit der nötigen Ruhe und Gewissenhaftigkeit eine Formel gefunden werden, die die Ansichten und das Gedankengut beider Richtungen innerhalb der Konföderation und damit die Grundlage für ein neues Leben zum Ausdruck bringen konnte.</p>
<p><em><strong>Wir erklären also:</strong></em></p>
<ul>
<li> Erstens: Als wir die Grundpositionen für die Abfassung dieser Denkschrift festlegten, haben wir uns darum bemüht, sie mit strengem Sinn für Harmonie und Ausgewogenheit auf den folgenden beiden Pfeilern zu begründen: Individuum und Gewerkschaft. Wir waren bestrebt, beide Richtungen und Konzeptionen gleichzeitig zu entwickeln.</li>
<li>Zweitens: Als Gegenstück zur ausdrücklichen Garantie der Harmonie weisen wir auf die darin enthaltene Anerkennung der individuellen Souveränität hin. Von dieser Voraussetzung aus — bei der die Freiheit gegen alle Beeinträchtigungen verteidigt wird und oberstes Prinzip bleibt — müssen wir die verschiedenen Einrichtungen bestimmen, die im Leben unter Berücksichtigung der gegebenen Umstande den Bedarf regeln sollen.</li>
</ul>
<p class="vspace">Wenn aller sozialer Reichtum vergesellschaftet und der Besitz der Arbeitsinstrumente in einer Form garantiert ist, die allen die gleiche Möglichkeit zu produzieren verschafft, eine Möglichkeit, die sich in eine Pflicht verwandelt, um Überhaupt eine Anwartschaft auf das dem Selbsterhaltungstrieb entsprechende Recht zum Konsumieren zu erhalten — wenn dieser Punkt erreicht ist, dann tritt das anarchistische Prinzip der freien Übereinkunft auf den Plan, um zwischen den Menschen die Tragweite, die Dauer und die Verwirklichung einer solchen Übereinkunft zu regeln.</p>
<p class="vspace">So muß das Individuum als juristische Persönlichkeit und als Grundeinheit aller späteren Organisationsformen, die die Freiheit und Macht der Föderation noch hervorbringen werden, Rahmen und Nomenklatur der neuen Gesellschaft der Zukunft bestimmen. Wir alle müssen bedenken, daß es absurd wäre, die Gesellschaft der Zukunft mit mathematischer Präzision konstruieren zu wollen, denn oftmals besteht zwischen Theorie und Praxis ein wahrer Abgrund. Deshalb verfallen wir nicht dem Irrtum der Politiker, die endgültige Lösungen für alle Probleme präsentieren, Lösungen, die dann in der Praxis mit Getöse in sich zusammenbrechen.</p>
<p class="vspace">Die Politiker scheitern, weil sie, ohne die Entwicklung des menschlichen Lebens selbst zu berücksichtigen, glauben, daß eine einzige Methode für alle Zeiten gelten könne. Diesen Fehler werden wir nicht begehen, die wir über eine entwickeltere Sicht der sozialen Probleme verfügen. Wenn wir die Leitvorstellungen des freiheitlichen Kommunismus entwerfen, präsentieren wir ihn nicht als ein geschlossenes Programm, das keine Änderungen zuläßt. Diese werden logischerweise erforderlich sein, und die Notwendigkeiten und Erfahrungen selbst werden die entsprechenden Anregungen dazu geben. Obgleich es den Anschein haben könnte, als ob wir uns damit etwas außerhalb des uns vom Kongreß erteilten Mandats bewegen, halten wir es für erforderlich, ein wenig näher auf die Einzelheiten unseres Revolutionskonzepts einzugehen und die wichtigsten Prämissen aufzuzeigen, die unserer Meinung nach die Revolution bestimmen können und müssen.</p>
<p class="vspace">Schon zu lange hat man die Redensart geglaubt, derzufolge die Revolution nichts anderes als eine gewalttätige Episode sei, die mit dem kapitalistischen Regime aufräume. In Wirklichkeit aber ist die Revolution ein Phänomen, das einem Zustand der Dinge Bahn bricht, der schon seit langem im kollektiven Bewußtsein verankert war. Die Revolution beginnt deshalb in dem Augenblick, in dem nach Feststellung des tatsächlich vorhandenen Unterschieds zwischen der sozialen Wirklichkeit und dem individuellen Bewußtsein das letztere sich, sei es nun aus Instinkt oder nach einer Analyse, gezwungen sieht, gegen die erstere vorzugehen.</p>
<p class="vspace">Kurz gesagt, beginnt deshalb die Revolution unserer Meinung nach folgendermaßen:</p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Als psychologisches Phänomen, das gegen einen bestimmten Zustand der Dinge gerichtet ist, der im Widerspruch zu den Wünschen und Bedürfnissen des einzelnen Menschen steht.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Als soziale Manifestation, wenn sie mit den Gegebenheiten des kapitalistischen Staates in dem Augenblick zusammenstößt, da sich obige Reaktion in der Gemeinschaft durchsetzt.</li>
<li><strong>Drittens:</strong> Als Organisation, weil sie spürt, daß ein Machtinstrument geschaffen werden muß, das in der Lage ist, die Verwirklichung ihres biologischen Zieles durchzusetzen.</li>
</ul>
<p class="vspace">Folgende Faktoren der äußeren Ordnung verdienen besonders herausgestellt zu werden:</p>
<ul>
<li><strong>a)</strong> Verschwinden der Ethik, die als Grundlage des kapitalistischen Regimes dient.</li>
<li><strong>b)</strong> Bankrott dieses Regimes auf wirtschaftlichem Gebiet.</li>
<li><strong>c)</strong> Scheitern der politischen Form des kapitalistischen Regimes, sowohl was die Demokratie als auch was seine letzte Ausformung, den Staatskapitalismus, angeht, der nichts anderes als der autoritäre Kommunismus ist.</li>
</ul>
<p class="vspace">Wenn alle diese Faktoren an einem Punkt und zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammentreffen, dann ist das der geeignete Moment für das gewaltsame Ereignis, das die Periode tatsächlicher revolutionärer Entwicklung einleiten wird. Da wir glauben, daß wir gerade in diesem Augenblick leben, in dem alle genannten Faktoren erfolgversprechend Zusammentreffen, haben wir es für notwendig gehalten, eine Denkschrift abzufassen, die in allgemeinen Linien die ersten Stützen jenes sozialen Gebäudes vorzeichnet, in dessen Schutz wir in Zukunft leben werden.</p>
<p class="vspace"><strong>Konstruktive Vorstellungen von der Revolution</strong></p>
<p class="vspace">Wir sind der Meinung, daß unsere Revolution sich auf der Grundlage strikter Gleichheit organisieren muß. Die Revolution kann sich weder auf gegenseitige Hilfe noch auf die Solidarität oder auf den archaischen Begriff der Nächstenliebe gründen. Auf jeden Fall müssen diese drei Formeln, die im Lauf der Zeit die Unzulänglichkeit rudimentärer Gesellschaftstypen verdecken sollten, in denen der einzelne willkürlichen Rechtsauslegungen ausgeliefert war, einen neuen Inhalt bekommen und in Gestalt von neuen Normen für das menschliche Zusammenleben genau beschrieben werden.</p>
<p class="vspace">Im freiheitlichen Kommunismus liegt bereits die deutlichste Interpretation vor, nämlich jedem menschlichen Wesen das zu geben, was seine Bedürfnisse erfordern, ohne daß die Befriedigung derselben andere Grenzen kennt als diejenigen, die sich aus den Erfordernissen der neu entstandenen Wirtschaftsform ergeben. Wenn alle Wege, die nach Rom führen, den Wanderer in die Ewige Stadt bringen, dann führen alle Formen der Arbeit und der Güterverteilung, die sich von der Vorstellung einer egalitären Gesellschaft leiten lassen, zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und sozialer Harmonie. Deshalb sind wir der Meinung, daß sich die Revolution auf die sozialen und ethischen Prinzipien des freiheitlichen Kommunismus stützen muß.</p>
<p class="vspace">Diese sind:</p>
<ul>
<li><strong>Erstens:</strong> Die Bedürfnisse jedes menschlichen Wesens zu befriedigen, ohne daß diese Befriedigung anderen Beschränkungen unterliegt als denen, die mit der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zusammenhängen.</li>
<li><strong>Zweitens:</strong> Von jedem Menschen entsprechend den Bedürfnissen der Gesellschaft den größtmöglichen Einsatz seiner Kräfte zu verlangen, wobei auf die physische und moralische Verfassung eines jeden Individuums Rücksicht genommen werden muß.</li>
</ul>
<p class="vspace"><strong>Die Organisation der neuen Gesellschaft nach der revolutionären Tat</strong></p>
<p class="vspace"><strong><em>Die ersten Maßnahmen der Revolution</em></strong></p>
<p class="vspace">Wenn die gewaltsame Phase der Revolution beendet ist, werden für abgeschafft erklärt: das Privateigentum, der Staat, das Autoritätsprinzip und folglich auch die Klassen, die die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte teilen. Nachdem der Reichtum sozialisiert worden ist, werden die bereits freien Organisationen der Produzenten die direkte Verwaltung der Produktion und des Konsums übernehmen. Wenn in jeder Ortschaft die freiheitlichen Kommunen begründet worden sind, werden wir den neuen sozialen Mechanismus in Gang setzen. Die Produzenten eines jeden Wirtschaftszweigs oder Berufs, die sich in den Gewerkschaften und am Arbeitsplatz zusammengeschlossen haben, werden frei über die Form entscheiden, in der er organisiert sein soll.</p>
<p class="vspace">Die freiheitliche Kommune wird all die Dinge übernehmen, die die Bourgeoisie früher zurückgehalten hat, wie zum Beispiel Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Rohstoffe, Werkzeuge etc. Diese Geräte sowie die Rohstoffe müssen in die Verfügungsgewalt der Produzenten übergehen, damit diese sie direkt zum Nutzen der Gemeinschaft verwalten können. In erster Linie werden sich die Kommunen um ein Höchstmaß an Bequemlichkeit für alle Einwohner einer jeden Ortschaft bemühen und die Hilfe für die Kranken und die Erziehung der Kinder sichern.</p>
<p class="vspace">In Übereinstimmung mit dem grundlegenden Prinzip des freiheitlichen Kommunismus werden, wie wir schon oben erwähnt haben, alle arbeitsfähigen Menschen ihre freiwillige Pflicht zu erfüllen beginnen — die sich in ein echtes Recht verwandeln wird, wenn der Mensch erst wirklich frei arbeitet — und entsprechend ihren Kräften und Fähigkeiten ihren Beitrag zur Gemeinschaft leisten, während andererseits die Kommune zur Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Verpflichtung nachkommen wird. Es ist deshalb schon jetzt notwendig, deutlich darauf hinzuweisen, daß die ersten Zeiten der Revolution nicht leicht sein werden und daß es notwendig sein wird, daß jeder äußerste Anstrengungen unternimmt und nur soviel konsumiert, wie die Leistungsfähigkeit der Produktion erlaubt.</p>
<p class="vspace">Jede Phase des Aufbaus erfordert Opfer sowie die individuelle und gemeinschaftliche Bereitschaft zu Anstrengungen, die darauf gerichtet sind, die widrigen Umstände zu überwinden und nicht Schwierigkeiten für die Aufbauarbeit jener Gesellschaft zu schaffen, die wir im Einverständnis mit allen verwirklichen werden.</p>
<p class="vspace"><strong><em>Plan für die Organisation der Produzenten</em></strong></p>
<p class="vspace">Der Plan für die ökonomische Organisation wird sich, so vielfältig auch die nationale Produktion sein mag, nach den strengsten Prinzipien einer sozialen Wirtschaft richten — Prinzipien, die von den Produzenten direkt über die verschiedenen Organe der Produktion bestimmt, in Generalversammlungen der verschiedenen Organisationen verabschiedet und von diesen ständig kontrolliert werden. Als Grundeinheit (am Arbeitsplatz, in der Gewerkschaft, in der Kommune, in allen Lenkungsorganen der neuen Gesellschaft), als Ausgangspunkt und Eckstein aller sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Schöpfungen ist der Produzent, das Individuum anzusehen. Als verbindendes Organ innerhalb der Kommune und am Arbeitsplatz dient der Werks- und Fabrikrat, der mit den anderen Zentren der Arbeit eng zusammenarbeitet. Als verbindende Einrichtung von Gewerkschaft zu Gewerkschaft (Zusammenschluß der Produzenten) dienen die Räte für Statistik und Produktion, die untereinander wieder Föderationen bilden, bis ein enges und dauerhaftes Verbindungsnetz zwischen allen Produzenten der Iberischen Konföderation hergestellt ist. Auf dem Lande ist die Ausgangsbasis der Produzent in der Kommune, der zum Nutznießer aller natürlichen Reichtümer seines politischen und geographischen Bezirks wird. Als verbindendes Organ dient der Rat für Ackerbau, dem technisches Personal und Arbeiter der Vereinigungen landwirtschaftlicher Produzenten angehören werden, die beauftragt sind, die Intensivierung der Produktion dadurch zu fördern, daß sie die am besten für den Anbau geeigneten Ackerflächen nach deren chemischer Zusammensetzung bestimmen.</p>
<p class="vspace">Diese Räte für Ackerbau werden ein entsprechendes Netz von Verbindungen herstellen wie die Werks- und Fabrikräte sowie die Räte für Statistik und Produktion und so die freie Föderation ergänzen, die die Kommune als politischer Bezirk und geographische Unterteilung darstellt. Sowohl die Vereinigungen der Produzenten aus der Industrie als auch die Vereinigungen der landwirtschaftlichen Produzenten werden sich auf nationaler Ebene zu Föderationen zusammenschließen — solange Spanien das einzige Land sein wird, das seine soziale Umgestaltung verwirklicht hat -‚ wenn die, die durch den jeweiligen Arbeitsprozeß selbst voneinander getrennt sind, das im Sinne einer fruchtbaren Entwicklung der Wirtschaft für nützlich halten. In diesem Sinne werden sich auch jene Verwaltungsorgane zusammenschließen, deren besondere Merkmale einen Zusammenschluß nahelegen, um so die vernünftigen und notwendigen Verbindungen zwischen allen freiheitlichen Kommunen Spaniens zu erleichtern.</p>
<p class="vspace">Wir sind der Überzeugung, daß die neue Gesellschaft mit der Zeit jede Kommune mit den für ihre Autonomie notwendigen landwirtschaftlichen und industriellen Kräften versehen wird, und zwar entsprechend dem biologischen Lehrsatz, demzufolge derjenige Mensch &#8211; in diesem Falle diejenige Kommune &#8211; am freiesten ist, der von den anderen am wenigsten braucht.</p>
<p class="vspace"><strong><em>Die freiheitlichen Kommunen und ihre Arbeitsweise</em></strong></p>
<p class="vspace">Unsere politische Revolution stützt sich auf folgende drei Pfeiler: Individuum, Kommune und Föderation. Innerhalb eines Gesamtplans aller wirtschaftlichen Aktivitäten, der die ganze Halbinsel erfassen soll, wird die Verwaltung absolut kommunalen Charakter haben. Die Grundlage dieser Verwaltung wird folglich die Kommune sein. Diese Kommunen werden autonom sein und auf regionaler und nationaler Ebene Föderationen bilden, um Ziele von allgemeiner Bedeutung verwirklichen zu können. Das Recht auf Autonomie schließt nicht die Pflicht aus, im Interesse der Allgemeinheit liegende Beschlüsse zu erfüllen, die nicht nur aus allgemeiner Wertschätzung gebilligt, sondern aus tiefer Einsicht akzeptiert worden sind. Eine Kommune von Verbrauchern ohne freiwillige Beschränkung wird sich also dazu bereit erklären, jene Normen von allgemeiner Gültigkeit zu beachten, die nach einer freien Diskussion von der Mehrheit angenommen worden sind. Dagegen können jene Gemeinschaften, die der Einbeziehung in den Industrialisierungsprozeß Widerstand leisten und andere Arten des Zusammenlebens beschließen, wie zum Beispiel die Naturisten oder die Nudisten, das Recht auf eine autonome Verwaltung erhalten, die nicht den allgemeinen Kompromissen verpflichtet zu sein braucht. Da diese Kommunen von Naturisten, Nudisten oder andere Arten von Kommunen nicht all ihre Bedürfnisse befriedigen können, so begrenzt diese auch sein mögen, können ihre zu den Kongressen der Iberischen Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen entsandten Delegierten wirtschaftliche Übereinkünfte mit den übrigen agrarischen oder industriellen Kommunen abschließen.</p>
<p class="vspace"><strong><em>Wir empfehlen also:</em></strong></p>
<ul>
<li>Die Einrichtung der Kommune als politische und administrative Einheit.</li>
<li>Die Kommune wird autonom und mit den übrigen Kommunen föderiert sein.</li>
</ul>
<p class="vspace">Die Kommunen schließen sich nach Landschaften oder Regionen zusammen, wobei es den einzelnen Kommunen überlassen bleibt, ihre geographischen Grenzen zu bestimmen, wenn es zum Beispiel notwendig erscheint, kleine Ortschaften, Siedlungen oder Weiler in einer einzigen Kommune zusammenzulegen. Die Gesamtheit dieser Kommunen wird eine Iberische Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen bilden. Damit die Verteilung der Produktion funktioniert und damit sich die Kommunen besser versorgen können, kann man zusätzliche Organisationen errichten, die in dieser Richtung tätig werden. Zum Beispiel: einen Rat der Konföderation für Produktion und Verteilung, der aus direkten Vertretern der Nationalen Produzentenföderationen und des jährlichen Kongresses der Kommunen besteht.</p>
<p class="vspace">weiter <a href="http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil2" target="_blank">Teil2</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/das-konzept-des-libertaren-kommunismus-1936-teil1/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8230;(Teil 2)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 11:28:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[POUM]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=305</guid>
		<description><![CDATA[Mit seiner Unterdrückung von Demokratie, tatsächlicher Mitbestimmung und Mitentscheidung der werktätigen Klassen hat Stalinismus stets dem großen Kapital die Arbeit erleichtert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-305"></span><strong>Weichenstellungen zur Vernichtung der POUM</strong></p>
<p>Das Kräfteverhältnis im nichtfaschistischen Teil Spaniens hatte sich inzwischen erheblich gewandelt. Der unmittelbare Einfluß bürgerlicher Parteien, die seit September 1936 nicht mehr den Ministerpräsidenten stellten, war zurückgegangen. Ihre wichtigsten Anliegen allerdings &#8211; Wahrung und erneuter Ausbau kapitalistischer Verhältnisse &#8211; wurden weiter berücksichtigt. Formell dominierten die Sozialisten. In der Zentralregierung waren sie vor allem durch Largo Caballero und dessen Widerpart, den weiter rechtsstehenden Marine-und später Kriegsminister Indalecio Prieto, vertreten. Ihre Führer stützten sich außer auf die PSOE auf die 1,5 Millionen Mitglieder starke Allgemeine Union der Arbeiter (UGT), die in Spaniens Wirtschaft und Politik, partiell auch in der Armee wichtige Posten innehatte. Das Ansehen der Sozialisten litt unter den Rangeleien zwischen ihrem linken und rechten Flügel, vor allem aber durch das mit Regierungsgeschäften verbundene Abdriften nach rechts. Zudem war es der konkurrierenden PCE gelungen, der PSOE durch Zusammenschluß der sozialististischen und kommunistischen Jugend zu einer gemeinsamen Organisation den Jugendverband und durch Schaffung der Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens (PSUC) Teile ihres katalanischen Klientels zu entziehen. Die Kommunistische Partei war Hauptgewinnerin im neuen Spanien. Zur Zeit des Volksfrontabkommens 30 000 Mitglieder stark, wuchs ihr Bestand bis Dezember 1936 um mehr als 250 000, bis Juni 1937 auf eine Million. Ein Grund für diese Erfolge war das Ansehen, das die Partei durch die Verteidigung Madrids gewann. Der Nimbus der meist aus ausländischen Genossen bestehenden Internationalen Brigaden, nach wie vor auch der der Sowjetunion wirkte sich ebenfalls zugunsten der PCE aus. Vor allem war jedoch die Kursänderung hin zur Wahrung von Interessen der Kleinbürger und wohlhabenden Bauern wichtig. Vertreter dieser Kreise sowie Verwaltungs-und Militärangestellte strömten derart zahlreich in die Partei, daß sich deren Basis völlig veränderte und sie ihre konterrevolutionäre Politik mit größerem Nachdruck betreiben konnte. Parallel dazu wurde bei der PSUC eine aus Händlern, Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten bestehende Föderation, die GEPSI, zum stärksten Rückhalt. Nicht nur durch ihre beiden Minister in der Zentralregierung, sondern auch durch die Besetzung zahlreicher Schlüsselpositionen in Verwaltung, Wirtschaft, den Geheimdiensten und der Zensurbehörde übte die PCE großen Einfluß aus. Unter den 750 000 Kombattanten der Republik nahmen die 120 000 Kommunisten z. T. hervorragende Posten ein, besonders im Offizierskorps.</p>
<p>Hauptverlierer im republikanischen Spanien waren Anarchisten und POUM, das aber aus unterschiedlichen Gründen. Den Erstgenannten bekam der Sündenfall ihrer Führer nicht &#8211; deren Beitritt zu Regierungen und eine großenteils zu Lasten ihrer Anhänger gehende Politik. Die seit 1910 bestehende Nationale Konföderation der Arbeit (CNT) war zwei Millionen Mitglieder stark und dominierte mit der ihr nahestehenden Iberischen Anarchistischen Föderation (FAI) Katalonien. Sie entwickelte sich jedoch immer mehr zum gelähmten Koloß. Charakteristisch für den Kurs vieler Anarchistenführer war Nachgiebigkeit den bürgerlichen, rechtssozialistischen und stalinistischen Bündnispartnern gegenüber. Das kulminierte während der Barrikadenkämpfe 1937, woraufhin Kämpfer der CNT und FAI wütend ihre Mitgliedsbücher zerrissen. Nach dem Bürgerkrieg sank der anarchistische Einfluß in den Keller. Anders als die Anarchisten verhielt sich die im September 1935 entstandene Arbeiterpartei der Vereinigten Marxisten (POUM). Von stalinistischer Seite wurde sie nicht nur befehdet, sondern einem Vernichtungsfeldzug ausgesetzt.</p>
<p>Die POUM rekrutierte sich aus von der PCE ausgeschlossenen „rechten“ Kommunisten um Joaquín Maurín und von derselben Partei verstoßenen Linken um Andres (Andreu) Nin. Mauríns Anhänger waren zeitweilig im Arbeiter- und Bauernblock (BOC), die Anhänger Nins in der Kommunistischen Linken (IC) vereinigt. Nin war in Moskau ein angesehener Funktionär der Komintern und stellvertretender Vorsitzender der Roten Gewerkschaftsinternationale (Profintern) gewesen. Sein Anschluß an die linke Opposition brachte ihm jedoch Stalins Feindschaft ein. Mehrjährig Leo Trotzki nahestehend, trennte er sich von diesem, als Trotzki das Zusammengehen mit dem BOC verwarf und stattdessen für den Beitritt zur PSOE plädierte, um sie zu revolutionieren. In stalinistischer Sicht galten Nin und die POUM weiter als „trotzkistisch“, d. h. das Allerschlimmste. Zur Zeit des Franco-Putsches hatte die POUM 10 000 Mitglieder. Bis Dezember 1936 brachte sie es auf 70 000, um dann auf 40 000 zurückzugehen. In Katalonien übertraf sie an Anhängern die PSUC. Sie war maßgeblich bei den Milizen vertreten, gewann mehrfach Gefechte und nahm sowohl an der Gewinnung Aragons, als auch an dessen Verteidigung unter schwersten Bedingungen teil. Stalin und dessen Anhänger haßten die Partei, hatte sie doch von Anfang an die Moskauer Prozesse verurteilt und sich für das Asylrecht Trotzkis engagiert. Der sowjetische Generalkonsul in Barcelona, Wladimir Antonow-Owsejenko, attackierte die POUM als faschistisch, worauf sie öffentlich gegen die Verleumdung protestierte.(27)</p>
<p>Am gefährlichsten erschien Stalin Andres Nin. Wie vordem Marx und Rosa Luxemburg, setzte dieser Diktatur des Proletariats mit Arbeiterdemokratie gleich, in der keine Organisation das Recht habe, ihrerseits zu diktieren.(28) Die damalige Sowjetunion beurteilte Nin dahingehend, daß dort „für die Arbeiter weniger Freiheit bestehe, sich zu äußern, als selbst in Hitlerdeutschland“.(29) Er hoffte auf einen Sieg in Spanien, der „auch über eine Auswirkung auf Frankreich das innere Regime in der SU ändern könne“.(30)</p>
<p>Spätestens seit Ankunft des bisherigen Chefs der sowjetischen Konterspionage, Alexander Orlow, im September 1936 in Spanien und dem Aufbau dortiger Filialen bereitete sich der Geheimdienst des NKWD auf einen Feldzug hinter den Fronten vor. „Wir dürfen nicht erlauben“, instruierte der Leiter der Auslandsabteilung, Abraham Sluzki, seinen Untergebenen Orlow, „daß Spanien zum internationalen Lager aller antisowjetischen Elemente wird, die dort aus der ganzen Welt zusammenkommen&#8230; Wir dürfen nie vergessen, daß Anarchisten und Trotzkisten Konterrevolutionäre sind und man sie bis zum Letzten vernichten muß.“(31) Mit fieberhafter Eile wurde der Aufbau des Geheimdienstapparates vorangetrieben. Neben sowjetischen Agenten gehörten ihm spanische und internationale Parteikommunisten an. Mit staatlichen, Partei- und Geheimdienststellen Spaniens war er so verwoben, daß seine Effektivität besonders hoch war und man ihn zugleich schwer von außen ausmachen konnte. Der spanische Servicio de Investigación Militar (SIM), welcher bald 6000 Mitarbeiter zählte und sich keineswegs auf Militärobjekte beschränkte, und sein katalanisches Gegenstück Servicio Secrete Inteligente (SSI) gehörten weitgehend dazu. Zuständig für Verfolgung, Verhaftung und Ermordung mitteleuropäischer, besonders deutscher Kommunisten und Sozialisten war eine SSI-Abteilung, die nach ihrem beim Auslandsbüro der PSUC beschäftigten Leiter &#8216;Servicio Alfredo Herz&#8217; genannt wurde. Führungskräfte in dem vielgestaltigen und vielgesichtigen NKWD- Apparat waren neben Orlow dessen Statthalter für Katalonien Ernö Gerö (&#8216;Pedro&#8217;), der zugleich den Vorsitzenden der PSUC &#8220;beriet&#8221; und später kurzzeitig der politische Chef im volksdemokratischen Ungarn wurde, ferner der die PCE-Führung instruierende Argentinier Codovilla und der Italiener Vittorio Vidali (&#8216;Carlos Contreras&#8217;).</p>
<p>Der Apparat mischte sich bald in alle Bereiche des spanischen politischen Lebens und in das der Internationalen Brigaden ein. Er hatte eigene Haftlager, Folterkeller und Gefängnisse, die im Volksmund &#8220;Tscheka&#8221; genannt wurden, und ging meist ohne Wissen der spanischen Regierung vor. Über längere Zeit handelte er jedoch mit dem stillschweigenden Einverständnis mancher Minister und Beamter, hatten diese doch denselben &#8220;inneren Feind&#8221;.(32)</p>
<p>Im Januar 1937 begann der Apparat, vor allem in Barcelona, ausländische Antifaschisten zu jagen. Im Laufe der Zeit fielen ihm gleich zahlreichen anderen folgende Personen zum Opfer: der Sozialdemokrat und Volksfront-Unterstützer Mark Rein, Sohn des Vorsitzenden vom russisch-jüdischen &#8216;Bund&#8217;, Raphael Abramowitsch; Peter Blachstein vom &#8216;Neuen Weg&#8217;, einer Abspaltung der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP); die ehemaligen Trotzkisten Erwin Wolf, ein tschechischer Staatsbürger, und Kurt Landau, Österreicher; die deutschen Anarchisten Gustav Doster und Rudolf Michaelis; José Robles, ein Literaturprofessor aus Baltimore (USA); die KPDO-Mitglieder Waldemar Bolze, Karl Bräuning, Kuno Brandel und Hans Sittig sowie der frühere deutsche Interbrigadist Bernhard Rosner. Einige von ihnen wurden ermordet oder verschwanden, andere kamen mit Gefängnishaft davon. Zur Jahreswende 1936/37 besuchte ein Spitzenfunktionär der KPD, Walter Ulbricht, insgeheim Spanien &#8211; offenbar, um die Verfolgung von &#8220;Trotzkisten&#8221; und anderen &#8220;unzuverlässigen Elementen&#8221; deutscher Zunge bei den Interbrigaden vorzubereiten.(33)</p>
<p>Anfang April erschien Abraham Sluzki, damals höchster Chef des NKWD in Westeuropa, in Valencia. Mit Gerö prüfte er die Vorbereitungen zur &#8220;Maikrise&#8221; in der katalanischen Hauptstadt und begann, vorfabrizierte &#8220;Beweise&#8221; über die angebliche konterrevolutionäre und Spionagetätigkeit der POUM zu sammeln. Sluzki ließ den spanischen kommunistischen Minister Jesús Hernández zu sich in die sowjetische Botschaft bestellen, um ihn zur Mithilfe bei der geplanten Großaktion gegen den &#8220;Trotzkismus&#8221; zu veranlassen. Er erklärte, daß &#8220;Stalin persönlich sich für diese Affäre interessiert&#8221;.(34)</p>
<p>Die Schläge des NKWD im spanischen Hinterland richteten sich gegen Antifaschisten unterschiedlicher Richtungen. Vor allem aber sollte die POUM getroffen werden. Sie war dem Allerhöchsten selbst entgegengetreten und hatte seinen Zorn erregt. Zudem schien es relativ leicht zu sein, sie zu isolieren, war sie doch ihrer revolutionären Haltung wegen auch bei anderen Volksfrontpartnern unbeliebt. In Kenntnis der bereits eröffneten Verfolgungsjagd beriet die POUM-Exekutive am 3.5.1937 abends in Barcelona mit den anarchistischen Führern der Region über die Lage, die durch den Anschlag Salas&#8217; auf das Telefonamt und die spontane Gegenwehr der Arbeiter in entstanden war. Sie verwies auf folgende Alternative: &#8220;Entweder wir stellen uns an die Spitze der Bewegung, um den inneren Feind zu vernichten, oder die Bewegung scheitert und wir sind vernichtet.&#8221;(35)</p>
<p>Die Anarchisten setzten auf Verständigung mit den Angreifern. Nach den Kampftagen bewahrheitete sich die zweite Seite der Alternative: Die Bewegung schlug fehl, und die Revolutionäre wurden vernichtet. Reaktion, Terror und ein verunglückter &#8220;Moskauer Prozeß&#8221; Stalin-Anhänger, Bürgerliche und Rechtssozialisten verfolgten damals vier Ziele: Auflösung der in Katalonien noch vorhandenen Arbeitermilizen und volle Durchsetzung der Autorität der Volksarmee; Beendigung der Arbeiterkontrolle, besonders in strategisch wichtigen Zweigen; ein Roll back der Kollektivierung in Katalonien und Aragon; radikale Abrechnung mit POUM-&#8221;Trotzkisten&#8221; und anderen Befürwortern der Revolution. Für die Abrechnung machten sich in erster Linie PCE und PSUC stark.</p>
<p>Ein Hindernis für die Erreichung der gesteckten Ziele hatte schon die Caballero-Regierung weggeräumt. Gleichzeitig mit der Entsendung von 5000 Sturmgardisten nach Barcelona hob sie am 5.5.1937 die katalanische Autonomie in den Kernbereichen Verteidigung und Öffentliche Ordnung auf. Hierdurch war Gewähr gegeben, daß die Zentralgewalt bei ihrem weiteren Vorgehen nicht durch Regionalinstanzen behindert würde. Das zweite, größere Hindernis war Spaniens Ministerpräsident selbst, der sich inzwischen aus politischem Selbsterhaltungstrieb gegen Moskau gewandt hatte.(36)</p>
<p>Von Sowjetbotschafter Marcel Rosenberg mit dem Vorschlag bedrängt, PSOE und PCE zu verschmelzen, sagte Largo Caballero entschieden Nein. Er erzwang die Ablösung Rosenbergs und räsonnierte öffentlich &#8211; besonders mit Blick auf Moskaus Zuträger aus dem eigenen Kabinett, Außenminister Alvarez del Vayo &#8211; über &#8220;Schlangen des Verrats, der Illoyalität und der Spionage&#8221; zu seinen Füßen. Freunden erklärte er, sich in der Rolle eines Kapitäns zu fühlen, der SOS gefunkt hat und nun entdecken muß, daß seine Retter Piraten sind, die das ganze Schiff als Beute abschleppen wollen. Caballero begann die Armee von Parteikommunisten zu säubern und setzte in Madrid wieder eine zivile Verwaltung anstelle der PCE-beherrschten Verteidigungsjunta ein. Außerdem planten sein Generalstabschef und er einen militärischen Befreiungsschlag in Estremadura, um das faschistisch beherrschte Gebiet in zwei Hälften zu teilen und den Norden vom Nachschub aus Spanisch-Marokko abzuschneiden. Eben diese &#8211; damals aussichtsreiche &#8211; Offensive suchte Moskau zu verhindern, indem es die notwendigen Flugzeuge und Panzer verweigerte. Der bürgerliche, PCE-nahe General Miaja versetzte dem Unternehmen den Todesstoß, indem er erklärte, keine Truppen aus seinem Bereich dafür abstellen zu wollen. Am 5.3.1937 trafen hohe Kominternfunktionäre und Alexander Orlow, die PCE-Exekutive, der Kommandeur der Interbrigaden André Marty und ein sowjetischer Botschaftsrat in Valencia zusammen. Während der Konferenz wurde Largo Caballero für unfähig erklärt, Krieg zu führen.</p>
<p>Gegen den Einspruch von PCE- Generalsekretär Diaz und seines Genossen Hernández beschloß die Tagung, die dazu keineswegs befugt war, den Sturz des Ministerpräsidenten.(37) Dessen Entmachtung begann während einer Kabinettssitzung am 15.5., also nach den Barrikadenkämpfen. Die PCE forderte Caballero auf, einer Auflösung der POUM, der Konfiskation ihrer Radiostation, ihrer Druckereien und Gebäude, der Einkerkerung ihrer Exekutive und aller lokalen Komitees zuzustimmen, die die Erhebung in Barcelona unterstützt hatten. Caballero indes verweigerte die Unterdrückung von Arbeiterorganisationen und stellte klar, die Barrikaden seien weder gegen die Regierung gerichtet noch konterrevolutionär gewesen.(38) Doch traten nur die beiden anarchistischen Minister ihm zur Seite. Sozialisten und Bürgerliche folgten der PCE. Am 17. 5. erreichten sie im Verein mit ihr Largo Caballeros Rücktritt, am 18. 5. die Bildung eines neuen Kabinetts unter dem Rechtssozialisten Juan Negrín, das die PCE voreilig &#8216;El Gobernio de la Victoria&#8217;, die &#8216;Regierung des Sieges&#8217;, nannte. Weder Anarchisten und linke Sozialisten, noch Gewerkschafter waren darin vertreten.</p>
<p>Bevor gesondert auf die Verfolgung der POUM eingegangen wird, sollen hier politisch-gesellschaftliche Folgen des von Komintern und PCE initiierten Regierungswechsels verdeutlicht werden. Sie widersprechen der These Teppichs, wonach die revolutionären Errungenschaften in Spanien &#8220;über die gesamte Kriegszeit geschützt und bewahrt&#8221; wurden.(39) Im ganzen Land bewirkte die Regierung 1937 eine Auflösung der antifaschistischen Sicherheitsräte, während gleichzeitig der Generalsekretär der Polizei, Gabriel Moron (PCE), allen Mannschaften verbot, faschistisch gesinnte Polizisten anzuzeigen. Die Regierung setzte eine Säuberung der Streitkräfte, aber auch der Volkstribunale von unliebsamen Linken und die Einrichtung von Sondergerichten gegen sogenannte Volksverhetzung durch. Diese waren nach sowjetischem Muster zu geheimen Sitzungen und zur Nutzung von Geständnissen als Beweismittel ermächtigt; sie durften ohne Wissen der Regierung Todesurteile fällen. Alle Radiostationen der Gewerkschaften und Parteien wurden durch polizeiliche Sonderkommandos geschlossen, die Zensur wesentlich verschärft und Kritik an der Sowjetunion verboten. Beim Wiedereröffnen der Cortes kehrten rechte politische Emigranten ins Parlament zurück. Gleichzeitig mit diesen Vorgängen wurde die Exekutive der UGT-Gewerkschaft aufgelöst, in der Anhänger Caballeros dominiert hatten, wurde er selbst auch als Gewerkschaftsführer entmachtet, unter Hausarrest gestellt und aus der UGT ausgeschlossen.</p>
<p>Speziell in Katalonien geschah Folgendes: die Auflösung der Arbeitermilizen und Arbeiterpatrouillen; eine Deklarierung des Kollektivierungsdekrets von 1936 als unverbindlich, hierauf folgend die Benachteiligung kollektivierter Industrie- und Handelsunternehmen, Maßnahmen gegen noch vorhandene Arbeiterkontrolle und erste Unternehmensrückgaben in der Nahrungsmittelindustrie; auf dem Land umfassende Strafexpeditionen der Asalto-Garden (Sturmgarden), oft zusammen mit Kaziquen, Grundherren und wohlhabenden Bauern, um die Agrarkollektive zu demontieren. &#8220;Die Methode der Unterdrückung&#8221;, schrieb am 1. 8. 1937 die illegal erscheinende &#8216;Libertad&#8217;, &#8220;ist immer dieselbe. Lastwagen voll Asalto-Garden fallen in das Dorf wie Eroberer ein. Unheimliche Registrierungsmaßnahmen in den Lokalen der CNT. Annullierung der Munizipalräte, in denen die CNT vertreten ist. Hausdurchsuchungen mit Plünderungen und Verhaftungen. Beschlagnahmung der Nahrungsmittel der Kollektive. Rückgabe des Landes an die alten Besitzer.&#8221;(40)</p>
<p>Bislang existierte noch der Rat von Aragon, unter dem die dortigen Agarkollektive drei Viertel des Landes bewirtschafteten. Über seine Liquidierung im August 1937 liegt neben anderen Berichten der des Liquidators General Enrique Lister (PCE) selbst vor. Er beschreibt zunächst, wie Kriegsminister Indalecio Prieto (PSOE) ihm den Auftrag zur Auflösung des Rates gab und dabei zugleich versuchte, ihn hereinzulegen. Einerseits ermächtigte er Lister, nach Gutdünken zu verfahren, anderererseits verlangte er die Behandlung der unpopulären Order als Staatsgeheimnis. Lister schildert, wie er den Minister überlistete, und wie dann beim Anrücken seiner Division der anarchistische Rat von Aragon auseinanderstob. Danach erzählt er phantastische Geschichten über die vorangegangene &#8220;Terrorherrschaft&#8221;. Die über Kollektivierung wirken teilweise so, als handle es sich um Episoden aus dem Stalin-Reich. Lister spricht von Spitzelei und Massenmord an Bauern, auch über versteckte Waffen und 298 im Vereinslokal der anarchistischen Jugend eingemauerte Schinken. Beweise für die Richtigkeit seiner Behauptungen, die er offenbar den Hetzartikeln damaliger parteikommunistischer Organe entnahm, tritt er nicht an. Zur Glaubhaftmachung bemüht er indes das Faktum, daß die Anarchisten nicht gegen solche Berichte protestiert haben.(41) Wie hätten sie das bei der damaligen rigorosen Zensur tun können? Mit keinem Wort geht Lister darauf ein, was er und die anderen Helden seiner Division eigentlich getan haben. Es war, wie andere Quellen uns verraten,(42) die Auflösung von Kollektivwirtschaften und gewählten Dorfräten, die Verhaftung ihrer Mitglieder, der des CNT-Regionalrats und dergleichen mehr. Kollektivierungsgegner begrüßten Listers Soldaten als Befreier. Doch berichtet einer der Stabsoffiziere: Die Leute merkten bald, &#8220;daß sie nur eine anarchistische Diktatur gegen eine kommunistische eingetauscht hatten&#8221;.(43) Noch zu republikanischen Zeiten ging ein Großteil kollektiv bewirtschafteten Bodens an die früheren Inhaber zurück. Die Erträge haben danach abgenommen.</p>
<p>Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg von Listers Aktionen gegen die &#8220;nationale Schande&#8221;(44) in Aragon war die vorangegangene Zerschlagung der anarchistischen und POUM-Milizen, die der Bevölkerung mithin nicht zu Hilfe kommen konnten. Besonders gegen die Soldaten der POUM gingen Regierungstruppen, vielfach unter PCE- oder PSUC-Befehl, mit großer Härte vor. Angehörige älterer Jahrgänge wurden meist ins Hinterland geschickt, viele dort verhaftet. Jüngere Kämpfer beorderte man in gefährlichste Positionen an der Front, wo sie durch faschistisches Feuer dezimiert wurden. &#8220;Das Gros der POUM-Milizen wurde nach seiner Rückkehr von längeren Gefechten in einem Hinterhalt von kommunistisch kommandierten Truppen umstellt und entwaffnet.&#8221;(45) Keineswegs außer acht zu lassen ist, daß das in einer Atmosphäre verlogenster Hetze der spanischen und internationalen parteikommunistischen Presse, zuweilen auch von fellow travellers, gegen Anarchisten und POUM ablief. In ehrabschneidender Weise wurden die Soldaten der Lenin-Division, ihre meist in Haft befindlichen Offiziere, ihre Partei und deren Führer zu politischen Verbrechern und Faschismushelfern abgestempelt. Vom Denunziationsaufruf im Zentralorgan der PSUC bis zu Folter und Mord übten die Sieger ein Terrorregime aus, wie das republikanische Spanien es bis dahin nicht erlebt hatte. PSUC-Führer Miguel Valdés gab am 11.5.1937 die Parole aus: &#8220;Man muß Nin und sein Freundes-Grüppchen ausrotten.&#8221;(46)</p>
<p>Die kommunistische Presse verbreitete eine Flut von Lügen über angebliche Sabotagetätigkeit und Verbrechen der POUM, deren Verbindungen zur &#8220;Trotzkismus&#8221; und europäischen Faschismus. Mit gleicher Begründung wurde am 28.5. das Parteiorgan &#8216;La Batalla&#8217; verboten.(47) Anschließend an die letzte Tagung der POUM-Exekutive verhaftete parteikommunistisch geführte Sonderpolizei auf Orlows Befehl am 16. und 17.6.1937 sämtliche Exekutivmitglieder. Sie wurden mit Ausnahme Nins im Hotel Falcón festgesetzt, dem zum NKWD-Gefängnis umfunktionierten bisherigen Sitz der POUM-Zentrale. Ihrer Führung beraubt, ist die Partei am 17.6. illegalisiert, sind gleichzeitig ihre Milizen zerschlagen worden. Die Staatsanwaltschaft kündigte am 29.7. ein Gerichtsverfahren gegen zehn Mitglieder des Exekutivkomitees an.</p>
<p>Bevor auf den Prozeß eingegangen wird, muß hier das Schicksal Andres Nins berichtet werden.(48) Ebenfalls am 16.6.1937 verhaftet, wurde er nicht ins Hotel Falcón gebracht, sondern insgeheim in eine &#8220;Tscheka&#8221; zu Alcalá de Henáres. Wiederholt gefoltert und verhört, gab er keine für das NKWD verwendbare Erklärung ab, sondern attackierte die PCE wegen Verschwörung. Derart durchkreuzte Nin den Plan, ihn vor einem spanischen Gericht als obersten politischen Bösewicht im Lande zu &#8220;entlarven&#8221;. Zur selben Zeit häuften sich in der Öffentlichkeit Fragen nach seinem Verbleib, ordneten Spaniens Justiz- und das Innenministerium die Suche nach ihm an. Sicherlich nach Rückfrage in Moskau beschloß Orlow, Nin umbringen zu lassen. Ende Juni 1937 wurde dieser aus dem Geheimgefängnis geholt. &#8216;Carlos Contreras&#8217;, später Leiter des Sturms auf Trotzkis Haus in Coyoacán bei Mexiko City sowie nach 1945 unter seinem wirklichen Namen Vittorio Vidali kommunistischer Senator, erschoß Nin im Park des Königsschlosses Pardo.(49) Selbstverständlich sollte dieser Ausgang des Falles verschwiegen werden. Dazu ließ das NKWD Polizisten verschwinden, die mit dem Fall befaßt gewesen waren, und ersann das Märchen von Nins Flucht zu Franco nach Salamanca oder Hitler nach Berlin.(50) Als Beweise hierfür sollten Fahrkarten sowie eine angeblich in der Zelle aufgefundene Tasche mit deutschem Geld und Gestapo-Dokumenten dienen, die Tage davor aus amtlichen Archiven entwendet worden waren. Vor Ort schenkte kaum jemand dieser Lüge Glauben. Die CNT erklärte am 19.7., Nin sei ermordet worden. Spaniens Regierung hatte die Schmutzarbeit des NKWD und seiner Helfer bislang als nützlich zur Verhinderung revolutionärer Verhältnisse erachtet, sie geduldet und gedeckt, was Negrín übrigens weiterhin tat.</p>
<p>Doch regte sich in ihren Reihen Widerspruch. Mehrere Minister wollten die Schmach eines eigenmächtig und verbrecherisch vorgehenden fremden Geheimdienstes im Lande, der sie überging und belog, nicht länger hinnehmen. Der Rechtssozialist Julián Zugazagoitia hätte gern gewußt, &#8220;ob ich als Innenminister von gewissen sowjetischen Technikern abhänge. Die Dankbarkeit, die wir der Sowjetunion schulden, darf uns nicht dazu verleiten, unsere persönliche und nationale Würde preiszugeben&#8221;. Kriegsminister Prieto merkte an: &#8220;Die Sowjetrussen schicken uns Waffen, daher glauben sie, es sei alles erlaubt. Ganz anders wäre es, wenn die Waffen aus Frankreich oder England kämen.&#8221;(51) Die Westmächte sahen aber die Verfolgung von Revolutionären nicht ungern und ließen sich dadurch keineswegs von ihrer Embargopolitik abbringen. Spaniens Minister setzten die Ablösung eines Mitverantwortlichen für Nins Entführung, den des Generaldirektors der Sicherheit Oberst Ortega (PCE), durch. Sie erreichten auch, daß POUM-Häftlinge in normale staatliche Gefängnisse überführt wurden. Doch blieb die Macht von Stalins NKWD im Lande erhalten. Anarchistischen Angaben vom Juli 1937 zufolge waren allein in Barcelona 800 CNT-Mitglieder in Haft und 60 verschwunden. Ähnlich sah es bei den linken Sozialisten aus.(52) Von den Mitgliedern der weit kleineren POUM waren laut SAP seit Ende des Barrikadenkampfes nahezu 1000 eingekerkert worden, darunter fast alle Internationalen aus ihrer Umgebung.(53) Nach der legalen POUM-Zentrale wurde im April 1938 die illegale aufgespürt und festgesetzt. Die &#8216;Freunde Durrutis&#8217; waren inzwischen durch rechte Anarchistenführer preisgegeben und von der Regierung verboten worden. &#8220;Wie unter Hitler&#8221; resp. &#8220;Fast wie unter Stalin&#8221;, kommentierte der Zeitgenosse Felix Morrow die entstandene Situation.(54)</p>
<p>Die beiden Spanien waren einander 1937 ähnlich geworden. Zufrieden war hierüber der britische Konservative Winston Churchill, ein Erzfeind der sozialen Revolution. Er schrieb: &#8220;Im Laufe dieses Jahres hat sich im Charakter der spanischen republikanischen Regierung eine sichtbare Fortentwicklung zu einem geordneten Regierungssystem und gleichzeitig zu geordneter Kriegführung vollzogen. Die Anarchisten&#8221; &#8211; konservativen Engländern waren diese Leute besonders verhaßt &#8211; &#8220;sind mit Feuer und Stahl unterdrückt worden.&#8221;(55) Sozialistische Positionen vertrat demgegenüber der junge Willy Brandt, der nach einem Spanienbesuch der SAP-Führung berichtete: &#8220;Um die von ihnen erstrebte Monopolisierung der Führung zu erlangen, scheuen die Kommunisten keine Mittel. Doch in einer Situation, in der alles auf die Sammlung der Kräfte gegen Franco ankommt, müssen die Methoden der KP, der Verleumdung ihrer proletarischen Widersacher, der Hetze und des blinden Terrors gegen sie, der Absorbierung und Vernichtung aller anderen die Kampfmoral untergraben und lebensgefährlich für den antifaschistischen Krieg werden. Diese Methoden drohen die ganze internationale Arbeiterbewegung erneut zu vergiften und zurückzuwerfen, sie drohen die Ansätze einer einheitlichen Entwicklung in einen Scherbenhaufen zu verwandeln.&#8221;(56)</p>
<p>Die nach Caballeros Sturz gebildete &#8216;Regierung des Sieges&#8217; erlitt 1937/38 mehrfach schwerste Niederlagen. Strebte ihre Vorgängerin noch die Zweiteilung des faschistisch besetzten Spanien durch eine Offensive an, die Moskau und Miaja verhinderten, so führte zur Zeit Negríns ein Vorstoß faschistischer Truppen quer durch Aragon im April 1938 dazu, die Republik zweizuteilen. Die Regierung hoffte nun, endlich die Gunst Englands und Frankreichs zu gewinnen und möglichst noch den Abzug von Francos Verbündeten aus Spanien zu bewirken, indem sie ein Beispiel gab. Daher verabschiedete sie im September/Oktober 1938 ihre besten Helfer, die Interbrigaden, von der Front und z.T. auch aus dem Land. Sie tat dadurch ein übriges, die eigene Niederlage mit herbeizuführen. Die Westmächte honorierten ihre Vorleistung nicht, Deutsche und Italiener blieben in Spanien. Zudem schlossen damals England und Frankreich mit Hitler das Münchner Abkommen. Es bedeutete nicht nur Preisgabe der Tschechoslowakei, sondern beschwor auch eine für die Sowjetunion gefährliche Situation herauf, die nämlich, daß demokratisch und faschistisch regierte Staaten gemeinsam gegen sie vorgehen könnten. Stalin reagierte mit der sukzessiven Annäherung an Deutschland. Er drosselte die Waffenlieferungen nach Spanien.</p>
<p>Auf der Pyrenäenhalbinsel reichte allerdings sein Engagement noch immer aus, einen Prozeß nach Moskauer Muster gegen die POUM zu initieren. Die dazu notwendigen &#8220;Beweise&#8221; wurden vom NKWD gefertigt. Zu den Glanzstücken zählte ein von kommunistisch organisierten Polizisten in Gerona aufgefundener Koffer voller Dokumente, die eine Kollaboration der POUM mit den Faschisten belegen sollten. Einige Dokumente trugen, um den Entdeckern die Arbeit zu erleichtern, das Siegel der Militärkommission der POUM. Noch gediegener war ein Schreiben, worauf mit unsichtbarer Tinte ein &#8220;A. N&#8221; als verläßlicher Agent für einen von der Fünften Kolonne der Faschisten beabsichtigten Aufstand benannt wurde. Polizeioberst Ortega, damals noch im Amt, erklärte dem Justizminister Manuel de Irujo, A. N. sei &#8220;natürlich Nin&#8221;, worauf der Minister erwiderte, es wäre &#8220;wohl das erste Mal in der Geschichte der Spionage, daß ein gefährlicher Spion ein höchst kompromittierendes Dokument mit seinen Initialen versehe&#8221;.(57)</p>
<p>Das Gericht im POUM-Prozeß tagte vom 11. bis 22.10.1938 in Barcelona.(58) Ankläger war Staatsanwalt José Gomis, ein NKWD-Agent, der bereits in vielen Fällen Todesstrafen erwirkt hatte. Das Tribunal stand unter erheblichem Druck Moskaus sowie von PCE und PSUC, die Front-und Betriebskampagnen mit Forderungen zu &#8220;konsequenter Abrechnung&#8221; mit den &#8220;Trotzkisten&#8221; organisierten. Minis-terpräsident Negrín verlangte unter Hinweis auf Soldatentelegramme die Köpfe der Angeklagten. Zudem standen der Anklage Belastungszeugen mit wenig Skrupeln zur Verfügung, wobei es einigen allerdings an geistigen Fähigkeiten und elementaren Kenntnissen mangelte. Zweck des Verfahrens war in stalinistischer Sicht die Aburteilung der Angeklagten wegen Urheberschaft für den Ausbruch der Barrikadenkämpfe 1937, Spionage für Franco und Hitler sowie Zusammenarbeit mit ihnen. Die von der POUM vertretene politische Richtung sollte hierdurch dauerhaft diskreditiert werden. Das Verfahren würde trotz mancher Mangelerscheinungen auf der Anklägerseite seinen Zweck erfüllt haben, hätte es nicht internationale Solidarität mit den Angeklagten gegeben und der Prozeß nicht im republikanischen Spanien stattgefunden.</p>
<p>Trotz aller reaktionären Rückschläge war das immer noch ein halbwegs freies Land mit Menschen, die Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden wußten. Vornehmlich französische Intellektuelle, darunter André Gide und Francois Mauriac, legten gegen das Verfahren Protest ein. Gleichzeitig scheiterte im Vorfeld des Prozesses der Versuch, durch Verknüpfung mit einem gegen Faschisten gerichteten Spionageverfahren ein Amalgam aus diesen und den POUM-Führern herzustellen. Justizminister Gonzáles Pena widersetzte sich dem Appell des spanischen Regierungschefs, die Angeklagten hinrichten zu lassen. Er wies den Präsidenten des Obersten Gerichtshofes an, &#8220;alle Petitionen dieser Art in den Papierkorb zu werfen&#8221;.(59) In der Verhandlung bezogen die Vertreter der POUM-Exekutive, unter ihnen Julián Gorkin und Juan Andrade, Offensivpositionen. Sie widerlegten Lügen über angebliche Spionagetätigkeit ihrerseits und dergleichen mehr, verteidigten die eigene Handlungsweise während des Bürgerkriegs und der Barikadenkämpfe, beschuldigten das NKWD und Stalin der Provokation und des Mordes an Nin. Die Belastungszeugen erlitten eine Abfuhr. Eindrucksvoll wirkten hingegen die Entlastungszeugen &#8211; Francisco Largo Caballero, die ehemaligen Ministerin Federica Montseny, Manuel de Irujo und Julián Zugazagoitia sowie der frühere Botschafter in Paris, Luis Araquistain. Letztgenannter verwies auf den schlechten Eindruck, den das Verfahren im Ausland hervorgerufen hatte. Montseny betonte, die Angeklagten seien nicht für die blutigen Maitage verantwortlich. Caballero konstatierte, mehrfach zur Festsetzung der POUM-Führer und zum Verbot ihrer Partei angehalten worden zu sein, doch habe er &#8220;nicht fünfzig Jahre gekämpft, damit es möglich sei, Menschen durch Regierungsbeschluß und ohne Beweise zu verhaften&#8221;.(60)</p>
<p>Das Urteil krönte den Prozeß, obwohl es im Hinblick auf die Strafen ungerecht war. Nachdem die Staatsanwaltschaft 30 Jahre für jeden Angeklagten gefordert hatte, erkannte das Tribunal auf 15 Jahre, z.T. darunter bzw. Freispruch. Die Strafen waren, was jeder wußte, allein durch außenpolitische Rücksichten bedingt. Das Gericht begründete diese Strafen auf schwejksche Weise. Es warf den Angeklagten vor, daß sie &#8220;ihre Partei überall durchsetzen&#8221; wollten und &#8220;fälschlich in der Zeitung La Batalla behauptet (hätten), die Regierung der Republik empfange von Moskau Befehle und verfolge alle, die sich diesen Befehlen nicht beugten&#8221;.(61) Im übrigen verabreichte das Gericht der Anklagevertretung und ihren Hintermännern schallende Ohrfeigen. Es konstatierte, daß die &#8220;Beweise&#8221; keine Aussagekraft hätten, die POUM legal funktioniert und sich durch Leistungen im politischen und militärischen Kampf bewährt habe, daß sie &#8220;ein starkes und altes antifaschistisches Ansehen&#8221; genieße, nicht Urheber des Zusammenstoßes am 3.5.1937 in Barcelona war und keine direkten oder indirekten Verbindungen, weder zu Franco noch zu polizeilichen und militärischen Stellen eines fremden Staates (Deutschlands), gehabt habe. Die von der Staatsanwaltschaft geltend gemachte Notverordnung mit rückwirkender Kraft betreffe ausschließlich Spionage und habe daher hier keine Geltung.(62)</p>
<p>Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, sich vorzustellen, daß irgendein Schauprozeß in Stalins Bereich oder dem seiner Vasallen und Nachfolger so verlaufen wäre. Jene, die in der aktuellen Diskussion einen &#8216;Moskauer Prozeß&#8217; im republikanischen Spanien verneinen, haben Recht. Daß es aber keinen derartigen Prozeß gab, lag nicht an den Stalinisten und ihren Helfern, an Komintern oder NKWD, sondern an jenen, die deren Vorhaben durchkreuzten. Palmiro Togliatti (&#8216;Ercoli&#8217;), damals wichtigster Kominternvertreter in Spanien, wertete das Urteil als &#8220;skandalöses Resultat&#8221;. Die Baseler &#8216;Rundschau&#8217; der Komintern beschränkte sich darauf, die Strafen mitzuteilen und dazu die vom Gericht abgewiesene Anklageschrift nachzudrucken, so als wären die Führer der POUM deswegen verurteilt worden. Die &#8216;Deutsche Volkszeitung&#8217; der KPD unterschlug den Ausgang des Prozesses.(63) Verfechter prostalinistischer Standpunkte folgen diesen Beispielen &#8220;parteilichen&#8221; Herangehens an eine unliebsame Angelegenheit bis heute. Meist verschweigen sie den Prozeß oder kennen ihn dank des Schweigens ihrer Vorläufer nicht. Wider besseres Wissen oder unwissentlich geben sie die damals von Stalinanhängern ersonnenen Propagandalügen so wieder, als handle es sich um die lautere Wahrheit. Das Prozeßprotokoll ist aufgefunden und 1989 erstmals veröffentlicht worden, leider nur in Spanisch.</p>
<p>Eine Woche nach Ende des Gerichtsverfahrens gegen die POUM brachen Francos Truppen in den Brückenkopf am Südufer des Ebro ein, der beim letzten offensiven Vorstoß der Republik im Sommer 1938 errichtet worden war. Am 15. 11. zwangen sie die Volksarmee, den Brückenkopf zu räumen. Nur 15 000 von zuvor fast 100 000 Kämpfern kehrten unversehrt aus dem &#8216;spanischen Verdun&#8217; zurück. Hohe Verluste hatten auch ihre Gegner erlitten, doch verfügten diese über wesentlich mehr Waffen, Flugzeuge, Geschütze und Soldaten. Am 23.12. begannen sie die Katalonien-Offensive. Zwar hielt die anarchistische 26. Division dem Anprall stand, die 56., parteikommunistisch geführte wich jedoch im Januar 1939 zurück. Neue sowjetische Waffen kamen trotz kurzzeitiger französischer Grenzöffnung meist nicht mehr an. General Miaja, Kommandeur des Mittelabschnitts um Madrid, verweigerte wiederum eine Entlastungsoffensive. Ergebnis war die wilde Flucht republikanischer Truppen. Nur wenige, meist kommunistisch geführte Einheiten leisteten noch Widerstand. Barcelona wurde am 21.1. kampflos preisgegeben, Katalonien bis zum 10. 2. 1939 gänzlich von Faschisten besetzt. Auf republikanischer Seite hatte allgemeine Demoralisierung den Feind begünstigt. Barcelonas letzter republikanischer Polizeichef urteilte, die Menschen wollten nicht mehr kämpfen, &#8220;weil diese Republik nicht mehr unsere Republik ist&#8221;.(64)</p>
<p>Einziger Lichtpunkt in der Finsternis war, daß kommunistische und sozialistische Gefangene der Republik, so die POUM-Häftlinge, freikamen und den Mordgesellen faschistischer wie stalinistischer Couleur entrinnen konnten. Um den Madrider Abschnitt einzunehmen, brauchte Franco keine militärische Offensive mehr. Hier meuterte auf republikanischer Seite der bisher als links geltende Berufsoffizier Oberst Casado. Mit rechten Flügelmännern aus PSOE und CNT bildete er eine Junta, die die großenteils schon im Ausland befindliche Regierung für abgesetzt erklärte. Der Junta gehörten keine Volksfrontpartner mit kommunistischem Parteibuch an, wohl aber der lange Zeit ihnen nahestehende General José Miaja. Mit Franco sollte nun verhandelt werden. Doch setzte der die bedingungslose Kapitulation der anderen Seite durch. Am 28.3.1939 zog er als Triumphator in Madrid ein. Am 1.9. löste sein Schutzpatron Hitler den zweiten Weltkrieg aus. Schlecht stand es nicht nur in Spanien.</p>
<p>Ein Lied Ernst Buschs zum Ruhme der Interbrigaden beginnt mit den Worten &#8220;In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8221;. Busch bezieht sich auf den Spätherbst 1936, als faschistische Truppen Madrid bedrängten und nicht zuletzt &#8211; keineswegs aber wie in seinem Lied ganz allein &#8211; Angehörige der Internationalen Brigaden die spanische Hauptstadt retteten. Hier ist mit der Sache, um die es schlecht stand, zugleich weniger und mehr gemeint. Nur am Rande geht es um den Kampf an den Fronten, in dem Hunderttausende Kombattanten, mit Millionen spanischer Arbeiter und Bauern hinter sich, für die Freiheit stritten. Der Kampf ist in Dutzenden von Büchern und zahllosen Artikeln geschildert worden. Sofern die Vorgänge korrekt wiedergegeben sind, beziehe ich mich darauf. Mein Artikel gilt vornehmlich dem Kampf hinter den Fronten, zwischen bürgerlichen, rechtssozialistischen und stalinistischen Revolutionsgegnern sowie den kommunistischen, linkssozialistischen und anarchistischen Verfechtern sozialer Revolution. Dieser Kampf war genauso wichtig wie der an der Front. Er wird aber von stalinistischer Seite traditionell verschwiegen oder verfälscht dargestellt.</p>
<p>Wie zeitnah das Andenken an den Kampf ist, erhellt aus dem Eifer der heutigen Auseinandersetzungen darüber. Sofern in Deutschland und anderswo wieder eine sozialistische Bewegung entstehen soll, wird sie sich für historische Wahrheit statt reaktionäre Apologetik entscheiden müssen. Der Beitrag meint insofern mehr als Spanien, als die dortigen Ereignisse auch für eine Vielzahl ähnlicher Tragödien und Konflikte in anderen Ländern, einen weltweiten Kampf auf Leben und Tod charakteristisch sind. Nicht allein südlich der Pyrenäen &#8220;stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8221;. Die internationale stalinistische Taktik wurde bereits 1926/27 in China, später in der Zeit des über Deutschland hereinbrechenden Faschismus und der Volksfrontperiode, aber auch nach dem zweiten Weltkrieg angewandt. Typisch für sie ist ein Zickzackkurs zwischen opportunistischer Anpassung an die Wünsche bürgerlicher und rechtssozialdemokratischer Bundesgenossen einerseits, ultralinkem Abenteurertum andererseits.(65) So gegensätzlich der immer wieder durch &#8220;jähe Wendungen&#8221; gekennzeichnete Kurs gewesen ist, er diente stets den Herrschaftsinteressen der sowjetischen Politbürokratie im eigenen Land und UdSSR-Großmachtinteressen draußen, nicht der internationalen Arbeiterbewegung &#8211; ihr schadete er.</p>
<p>Dieser Kurs war, wie nochmals festgestellt sei, notwendig konterrevolutionär. Erstens hätten Revolutionen anderswo auf die Sowjetunion und deren spätere Satelliten zurückwirken, also die politbürokratische Diktatur gefährden können, zweitens konnten sie die Beziehungen zu potentiellen oder aktuellen kapitalistischen Bündnispartnern beeinträchtigen. Was beim Steuern dieses Kurses herauskam, ist am Beispiel Spaniens demonstriert worden. Es war woanders das Gleiche. Doch muß im Falle Spanien berücksichtigt werden, daß sich dort der republikanische Landesteil mit dem Faschismus im Krieg befand und die äußerste Reaktion auf traditionell militärischem Gebiet, hinsichtlich Zahl und z.T. auch Technik der Waffen der Republik überlegen war.</p>
<p>Diese Überlegenheit konnte nur durch revolutionäre Mittel ausgeglichen werden. Indem die Volksfrontkoalition aus Liberalen, Rechtssozialisten und Parteikommunisten, verstärkt durch Komintern und NKWD, die von den Massen im zweiten Halbjahr 1936 erwirkten Ansätze zur demokratischen Revolution wieder zerstörte, sorgte sie dafür, daß Enthusiasmus und Beharrlichkeit der Massen im Krieg dahinschwanden. Damit war der Sieg Francos und seiner Protektoren vorprogrammiert, da gleichzeitig auch die sogenannten Demokratien im Westen der spanischen Republik Schaden zufügten. Von den Details abgesehen, ähneln die Vorgänge in Spanien denen bei Entstehung und Untergang des &#8216;Realsozialismus&#8217; in Europa.</p>
<p>Mit seiner Unterdrückung von Demokratie, tatsächlicher Mitbestimmung und Mitentscheidung der werktätigen Klassen hat Stalinismus stets dem großen Kapital die Arbeit erleichtert.</p>
<p><strong><em>Anmerkungen</em></strong></p>
<p>1. Neues Deutschland, 23./24.11.1996; vorher auch die Äusserungen des ehemaligen Interbrigadisten Fred Müller im ND vom 21.11.1996.<br />
2. Aufzeichnungen des Autors während der Tagung.<br />
3. Heinz Priess, Spaniens Himmel und keine Sterne. Ein deutsches Geschichtsbuch. Erinnerungen an ein Leben und ein Jahrhundert, Berlin 1996, S. 134.<br />
4. Poltergeist im Politbüro. Siegfried Prokop im Gespräch mit Alfred Neumann, Frankfurt (Oder) 1996, S. 21.<br />
5. Fritz Teppich (Hg.), Spaniens Himmel. Volksfront und Internationale Brigaden gegen den Faschismus 1936-1939, Berlin 1986, Reprint 1996, S. 85.<br />
6. George Orwell, Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, Zürich 1975, S. 156 ff.<br />
7. Juli n Gorkin, Stalins langer Arm. Die Vernichtung der freiheitlichen Linken im spanischen Bürgerkrieg, Köln 1980, S. 77; Patrick von zur Mühlen, Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939, Berlin-Bonn 1985, S. 7; Felix Morrow, Revolution und Konterrevolution in Spanien einschliesslich: Der Bürgerkrieg in Spanien. Deutsche Erstausgabe, Essen 1976,S. 158.<br />
8. Gorkin, a. a. O., S. 78; Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der gruppe arbeiterstimme, Nürnberg 1987, S. 57.<br />
9. Morrow, a. a. O., S. 157 f. und 159 f.<br />
10. Fritz Teppich, Beispiel Spanien &#8211; Arbeitermacht oder Volksfront? Referat vom 30. 6. 1996, S. 21 f.<br />
11. Zur französischen Volksfront neuerdings Heinz Köller, Für Demokratie &#8211; Brot &#8211; Frieden. Die Volksfront in Frankreich 1935 bis 1938, Bonn 1996.<br />
12. Teppich, Spaniens Himmel, S. 46.<br />
13. Morrow, a. a. O., S. 50 f.<br />
14. Morrow, S. 84.<br />
15. Leo Trotzki, Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1936-39, 2. Auflage, Frankfurt/Main 1986.<br />
17. Teppich, Spaniens Himmel, S. 45. Angaben der Wahlergebnisse, die in verschiedenen Publikationen differieren, nach: Ebenda, S. 48.<br />
18. Siegfried Kogelfranz/Eckart Plate, Sterben für die Freiheit. Die Tragödie des Spanischen Bürgerkrieges, München 1989, S. 243 f.; Gorkin, a. a. O., S. 93 f. und S. 269. Die UdSSR versandte zwischen Mitte Oktober 1937 und Dezember 1938 dafür 806 Flugzeuge, 362 Panzer, 120 Panzerautos, 1555 Kanonen, etwa 500 000 Gewehre, 340 Granatwerfer, 110 000 Bomben, 3,5 Mill.Granaten, fast 1 Mrd. Patronen und Handgranaten, ferner Flakscheinwerfer, Lastautos, Radiosender und Torpedoschnellboote in die spanische Republik. (Teppich, Spaniens Himmel, S. 78; Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 245)<br />
19. Zit. nach Trotzki, Revolution und Bürgerkrieg, Band 1, S. 14, sowie Band 2, S. 334.<br />
20. Zit. nach Trotzki, Ebenda, Band 1, S. 34 f.<br />
21. Gorkin, a. a. O., S. 19. Mit derselben Drohung ist die Annahme eines POUM-Appells an die Regionalregierung torpediert worden, Leo Trotzki Asyl zu gewähren. (Morrow, a. a. O., S. 104)<br />
22. Ludwig Renn, Im Spanischen Krieg, Berlin und Weimar 1971.<br />
23. So u. a. Ebenda, S. 300; Morrow, a. a. O., S. 190.<br />
24. Orwell, a. a. O., besonders S. 15, 25, 32 und 45 ff.; Waldemar Bolze, Drei Monate an der Huescafront (April bis Juni 1937) in: Der spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 61.<br />
25. Orwell, a. a. O., S. 38.<br />
26. Bolze, a. a. O., S. 62.<br />
27. Bericht eines aus Spanien zurückgekehrten KPO-Genossen (Anfang 1939) in: Der spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der gruppe arbeiterstimme 1987, S. 49.<br />
28. Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 37.<br />
29. Reiner Tosstorff, Andreu Nin und Joaqu¡n Maur¡n. Vom revolutionären Syndikalisten zum antistalinistischen Kommunisten, in: Theodor Bergmann/Mario Kessler, Ketzer im Kommunismus. Alternativen zum Stalinismus, Mainz 1993, S. 197.<br />
30. Wie Fussnote 27, S. 38.<br />
31. Ebenda, S. 37.<br />
32. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 382.<br />
33. Ausführlich Patrick von zur Mühlen, a. a. O., S. 164 ff.; ferner u. a. Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 378.<br />
34. Mühlen, S. 178 f.; Kogelfranz/Plate, S. 283.<br />
35. Gorkin, a. a. O., S. 115 f.<br />
36. Der Spanische Bürgerkrieg, herausgegeben von der Gruppe Arbeiterstimme 1987, S. 57.<br />
37. Hierzu und zum Folgenden Gorkin, a. a. O., S. 105 ff., Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 361 f.<br />
38. Kogelfranz/Plate, S. 360 ff.<br />
39. Morrow, a. a. O., S. 166.<br />
40. Fritz Teppich, Beispiel Spanien, S. 14.<br />
41. Morrow, a. a. O., S. 194.<br />
42. Enrique Lister, Unser Krieg, Berlin 1972, S. 205 ff.<br />
43. Morrow, a. a. O., S. 200 f.; Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 386 f.<br />
44. Zit. nach Kogelfranz/Plate, S. 386.<br />
45. Lister, a. a. O., S. 206.<br />
46. Patrick von zur Mühlen, a. a. D., S. 75.<br />
47. Gorkin, a. a. O., S. 121.<br />
48. Kogelfranz/Plate, S. 376.<br />
49. Hierzu insbesonders Operation Nikolai. Neue Einsichten über Stalins Rolle im Spanischen Bürgerkrieg, eine mit auf Komintern- und KGB-Akten beruhende Sendung, die zuerst im katalanischen Fernsehen, am 24. 7. 1996 aber auch in deutscher Sprache von ARTE ausgestrahlt wurde.<br />
50. Gorkin, a. a. O., S. 30 und 176.<br />
51. El Mundo Obrero, das Zentralorgan der PCE, titelte am 5. 7. 1937 mit ,Die Flucht des Banditen Nin&#8221;. Das Datum wird bei Gorkin, a. a. O., mit &#8220;5. 6.&#8221; falsch angegeben.<br />
52. Gorkin, S. 170 bzw. 172.<br />
53. Morrow, a. a. O., S. 188.<br />
54. Morrow, S. 18&#8243;9; Patrick von zur Mühlen, a. a. O., S. 82.<br />
55. Morrow, a. a. O., S. 186.<br />
56. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., . 389.<br />
57. Zit. nach Teppich, Spaniens Himmel, a. a. O., S. 25.<br />
58. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 376 f.<br />
59. Zum Folgenden Gorkin, a. a. O., S. 240 ff.<br />
60. Ebenda, S. 249.<br />
61. Ebenda, S. 257.<br />
62. Ebenda, S. 259.<br />
63. Reiner Tosstorff, Spanischer Bürgerkrieg, Stalinismus und POUM, in: Utopie kreativ, Nr. 69/70, Juli/August 1996, S. 90.<br />
64. Zit. nach Kogelfranz/Plate, a. a. O., S. 439.<br />
65. Im Fall China erzwang die von Stalin, damals auch Bucharin dirigierte Komintern die Ein- und Unterordnung der KPCh unter die Guomindang und Nibelungentreue der Kommunisten dieser Partei und General Tschiang Kaischek gegenüber, und das trotz zahlreicher Vorwarnungen vor ihm so lange, bis er im April 1937 die Arbeiterbewegung Shanghais vernichtete. Danach passte sich die KPCh der sogenannten linken Guomindang um Wang Jingwei, später Japans Quisling in China, an, bis auch diese mit ihr brach. Schliesslich zettelten Emissäre der Komintern im Dezember 1927 einen Aufstand in aussichtsloser Situation in Kanton an, dessen Folge umittelbar eine verheerende Niederlage, perspektivisch die Lähmung des proletarischen Flügels der KP Chinas war.</p>
<p><em>Quelle: <a href="http://www.rebellion.ch/" target="_blank">http://www.rebellion.ch/</a></em></p>
<p>zurück <a href="http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlecht" target="_self">Teil 1</a><em><br />
</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>In Spanien stand&#8217;s um unsre Sache schlecht&#8230;(Teil 1)</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-1</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-1#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 11:21:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[POUM]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=300</guid>
		<description><![CDATA[60 Jahre post factum sind Vorgänge des Spanischen Bürgerkrieges, besonders die Kämpfe zwischen Faschismusgegnern unterschiedlicher Richtungen Anfang Mai 1937 in Barcelona, auf der Linken hart umstritten. Bei Vorgeplänkeln seit 1992 im 'Neuen Deutschland' und während gesellschaftswissenschaftlicher Tagungen standen einander einerseits Kurt Hager und der ehemalige Offizier der spanischen Republikanischen Volksarmee Fritz Teppich, andererseits unter anderen der Anarchist Arthur Lehning, der sozialdemokratisch orientierte Historiker Wolfgang Wippermann, der Geschichtswissenschaftler und Mitherausgeber von Trotzki-Schriften Reiner Tosstorff und ich gegenüber.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-300"></span><strong>60 Jahre nach dem Barrikadenkampf in Barcelona</strong></p>
<p><em>von Manfred Behrend, 1997</em></p>
<p>60 Jahre post factum sind Vorgänge des Spanischen Bürgerkrieges, besonders die Kämpfe zwischen Faschismusgegnern unterschiedlicher Richtungen Anfang Mai 1937 in Barcelona, auf der Linken hart umstritten. Bei Vorgeplänkeln seit 1992 im &#8216;Neuen Deutschland&#8217; und während gesellschaftswissenschaftlicher Tagungen standen einander einerseits Kurt Hager und der ehemalige Offizier der spanischen Republikanischen Volksarmee Fritz Teppich, andererseits unter anderen der Anarchist Arthur Lehning, der sozialdemokratisch orientierte Historiker Wolfgang Wippermann, der Geschichtswissenschaftler und Mitherausgeber von Trotzki-Schriften Reiner Tosstorff und ich gegenüber. Der Streit eskalierte aus Anlaß einer Spanienkonferenz, die Bundesvorstand und Landesvorstand Berlin der PDS zum 24. November 1996 ins Karl-Liebknecht-Haus einberiefen.</p>
<p>Die AG Republikanische Spanienkämpfer in der IV VDN blieb der Konferenz demonstrativ fern, weil sie erstens nicht in die Vorbereitungen einbezogen war, weil zweitens zu Veranstaltungsbeginn der Film &#8216;Land and Freedom&#8217; von Ken Loach gezeigt wurde, in dem die Problematik von 1937 die Hauptrolle spielt und den sie als &#8216;kraß tatsachenverfälschend&#8217; abqualifizierte, und weil ihr drittens vor allem Tosstorffs Referat über &#8216;Anarchisten und POUM? versus moskautreue Antifaschisten&#8217; nicht behagte. Zudem behauptete sie, den Inszenatoren gehe es &#8216;gar nicht um den Spanienkrieg, vielmehr darum, die PDS im Hinblick auf deren Bundeskongreß Anfang 1997 auf bestimmte Gleise zu schieben&#8217;.(1)</p>
<p>Da das der inneren Logik nach &#8216;auf revolutionäre Gleise schieben&#8217; bedeutet hätte, vertiefte sie die These klugerweise nicht. Die Spanienkonferenz selbst war z.T. durch heftige Debatten zwischen Anhängern stalinistischer Geschichtsauffassungen und denen einer an Tatsachen orientierten Sicht gekennzeichnet. Sprachlich nicht astrein, aber lautstark wetterte einer der Erstgenannten: &#8216;Der Trotzkismus wird vor den Wagen der PDS gespannt &#8211; und die merkt&#8217;s nicht mal!&#8217;(2)</p>
<p><strong>Wahrheit und Legenden über die Maitage 1937</strong></p>
<p>Die stalinistische Version ist ebenso alt wie die Vorgänge in Barcelona selbst. Das verleiht ihr den Schein einer feststehenden Tatsache, die zu beweisen nicht mehr nötig wäre. Die Legende wurde noch während der Kämpfe, teilweise sogar schon vorher ersonnen und vornehmlich von der Kominternpresse, aber auch durch fellow travellers in die Welt posaunt. Inzwischen findet sie sich in Publikationen zahlreicher Autoren, die häufig zwar in Spanien, nicht aber am Ort der Geschehnisse gewesen sind. Hierzu gehören auf deutscher Seite neben Teppich und Hager Karl Mewis, die Interbrigadisten Heinz Hoffmann, Ludwig Renn und leider auch Heinz Priess. Letzterer hätte den sonst in seinem Erinnerungswerk unternommenen Versuch, damals Geglaubtes kritisch zu überprüfen, konsequent weiterführen müssen.(3) Als Paradiesvogel mangelnder Wahrheitsliebe brillierte Alfred Neumann, wie Hager vormals Politbüromitglied der SED. Er verkündete: &#8220;Trotzkis Leute haben 1937 in Spanien von den Dächern auf die Maidemonstration geschossen.&#8221;(4) Das aber konnten sie nicht. Wegen generellen Verbots gab es am 1. 5. 1937 keine Demonstration.</p>
<p>Die gängige Lesart stalinistischer Barcelona-Legenden bietet Teppich dar. In seinem Buch &#8216;Spaniens Himmel&#8217; schreibt er: &#8220;Während an den Fronten vor Madrid und Euzkadi im Frühjahr 1937 schwere Kämpfe tobten und die Aragon-Front im großen und ganzen abwartend verharrte&#8230;, wurde von Barcelona aus ein unverzeihlicher Anschlag auf das republikanische Hinterland ausgelöst&#8230; Die Putschbefürworter hatten vorsorglich ihre Parteigebäude befestigt und große Mengen Waffen der Front entzogen&#8230; Am 3. Mai eröffneten sie in Barcelona das Feuer. Durch die Stadt rast das Gerücht, den Faschisten solle von einer 5. Kolonne die Front geöffnet werden&#8221;. Der konservative britische Historiker Hugh Thomas berichtet in seinem Buch &#8216;Der spanische Bürgerkrieg&#8217; auf S. 331: &#8220;Der deutsche Botschafter Faupel berichtete aus Salamanca nach Berlin, Franco habe ihm am 7. Mai gesagt, daß in Barcelona dreizehn nationalspanische Agenten tätig seien.&#8221;&#8230; Am 4. Mai griffen die POUM sowie ihre Anhänger in (den anarchistischen Organisationen) FAI? und CNT Regierungs-, Partei- und Polizeigebäude der Republik an. Die Versorgung der Front war unterbrochen, die Rüstungsproduktion stand still. Die Soldaten an den Fronten waren empört. Von Valencia riefen die anarchistischen Minister Garcia Oliver? und Federica Montseny? über Radio zur Einstellung der Attacken auf. Dagegen forderte das POUM-Organ &#8216;La Batalla&#8217;: Revolution! Die Aufständischen versuchten, anarchistische Milizgruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen. Die Regierung entsandte Kriegsschiffe und Polizei. Am 8. Mai gibt die CNT-Führung die Parole aus: &#8216;Weg mit den Barrikaden!&#8217; Der Anschlag auf die um ihre Existenz kämpfende Republik hat Hunderte von Todesopfern und Tausende von Verletzten gefordert. Der moralische Schaden wird nie überwunden.&#8221;(5)</p>
<p>Zu Teppichs phantasievoller Schilderung nur dies: Die Kämpfe in Barcelona wurden nicht von Anarchisten und POUMisten ausgelöst, sondern durch ein Kommando der Sturmgarde, einer speziellen Polizeitruppe, unter Führung des zur KP-nahen katalanischen PSUC gehörenden Kommissars für Öffentliche Ordnung, Eusebio Rodriguez Salas. Ohne Vorwarnung versuchte es am Nachmittag des 3. 5.1937, die Telefonzentrale der Stadt zu besetzen, die sich seit Niederschlagung der Faschistenrebellion ein Jahr zuvor unter Arbeiterkontrolle befand und von CNT-Milizionären bewacht wurde. Das Kommando stieß auf Widerstand und mußte nach einem Schußwechsel abziehen.</p>
<p>Barcelonas zumeist anarchistisch organisierte Arbeiter waren seit Wochen von der Provinzial- und Regionalregierung sowie der PSUC provoziert worden. Den Angriff auf die Telefónica faßten sie &#8211; wie sich zeigen sollte zu Recht &#8211; als Auftakt zur Liquidierung aller revolutionären Errungenschaften des Jahres 1936 in Katalonien auf. Sie strömten in die Innenstadt, errichteten Barrikaden und setzten sich zur Wehr. Wenn also von Putsch und &#8216;Anschlag auf das Hinterland&#8217; die Rede ist: Es standen weder POUM noch Anarchisten dahinter. Deren Parteigebäude waren vorher keineswegs besonders befestigt worden. Sie starrten auch nicht von Waffen. Vielmehr gab es, wie der Augenzeuge und Mitkämpfer George Orwell berichtet, von Letzteren nur wenige.(6)</p>
<p>Das wiederum war nicht verwunderlich. Die einzige Front, von der sich für Barcelona etwas hätte beschaffen lassen, war die in Aragon. Die aber litt chronisch an unzulänglichen und veralteten, bisweilen für die Kämpfer selbst lebensgefährlichen Waffen. Neue Waffen für das republikanische Spanien kamen vor allem aus der Sowjetunion. Sie wurden zwar an parteikommunistische Einheiten, die Volksarmee und die Polizei vergeben, nicht aber an CNT und POUM. Die zuerst von Salas&#8217; Sturmgardisten Attackierten und ihre Genossen verteidigten sich, griffen aber in der Regel nicht an. Dennoch hatten sie zeitweise das Übergewicht. Dies lag sowohl an ihrer Zahl als daran, daß Teile der Zivilgarde kampflos die Waffen streckten. Volksarmee und Interbrigadisten blieben neutral. Auf der Gegenseite standen nur Sturmgardisten, Leute von der PSUC und dem bürgerlichen Estat Catala. Hätten Anarchisten und POUM den Angriff gewagt, wären sie Herren der Stadt geworden. Die Versorgung der Front und die Rüstungsproduktion wurden nicht eingestellt, ebenso wenig übrigens der Telefonverkehr in und via Barcelona. &#8216;La Batalla&#8217; forderte zwar im allgemeinen, keineswegs aber im besonderen &#8216;die Revolution&#8217;. Die Parole, die Regierungen in Barcelona und Valencia zu stürzen, gab die Zeitung nicht aus. Auch versuchten &#8216;die Aufständischen&#8217; keine &#8216;Miliztruppen von der Front abzuziehen, um sie zum Kampf im Hinterland einzusetzen&#8217;. Als rund 500 Soldaten aus POUM und CNT von sich aus ihren Kameraden in Barcelona zu Hilfe kommen wollten, wurden sie durch Vertreter ihrer eigenen Parteien und der Regionalregierung hiervon abgebracht.(7)</p>
<p>Spaniens Zentralregierung in Valencia hingegen schreckte nicht davor zurück, 5000 glänzend bewaffnete Sturmgardisten von der Jarama-Front abzuziehen und nach Barcelona zu schicken.(8) Auf dem Weg dorthin räumte die Truppe verschiedentlich mit politischen Gegnern auf. Gleichzeitig taten sich im Schutze der Nacht in Barcelona selbst &#8216;Republikverteidiger&#8217; durch Morde, so an dem legendären italienischen Anarchisten Camillo Berneris? und dem Sekretär der spanischen Libertären Jugend, Alfredo Martinez?, hervor.(9) Das Unterfangen, den angeblichen Hinterlandputsch in Barcelona mit Franco und dessen Agenten in Verbindung zu bringen, ist angesichts der entschieden antifaschistischen Haltung von Anarchisten und POUM verwegen und abgeschmackt. Teppich versucht sich bei anderer Gelegenheit davon zu distanzieren, schafft das aber nur zum Teil.(10) Zu gut paßt die Legende in das allgemeine Lügengewebe der Komintern und und des sowjetischen Geheimdienstes von den POUM-&#8221;Trotzkisten&#8221; als Helfern der Faschisten, das zeitgleich mit den Moskauer Schauprozessen fabriziert wurde und nach wie vor Bestandteil prostalinistischer Spanien-Argumentation ist. Weiter unten wird von ihm ausführlicher die Rede sein.</p>
<p>Die Parole, alle bewaffneten Aktionen einzustellen und die Barrikaden zu räumen, gab die Führung der Anarchisten nicht am 8., sondern schon am 4. und 5.5.1937 aus. Sie stellte sich damit gegen die eigene Basis, die tagelang weiter auf den Barrikaden blieb. Nicht ohne Erfolg war die anarchistische Führung zugleich bemüht, der von draußen anrückenden Sturmgarde keine Hindernisse in den Weg zu legen. Als diese am Nachmittag des 7.5. in Barcelona eintraf, hatten die Arbeiter resigniert und ihre Barrikaden eingerissen. Die Telefónica war von den Anarchisten geräumt, kurz danach entgegen den Waffenstillstandsvereinbarungen beider Seiten von der Polizei besetzt worden.</p>
<p>Der kurze Zeit möglich gewesene Sieg der Revolutionäre gedieh zur vollendeten Niederlage. So mühselig die Auseinandersetzung mit der stalinistischen Barcelona-Legende ist, so notwendig ist sie noch immer. Nicht um eingefleischte Dogmatiker zu überzeugen &#8211; die bleiben allen Fakten und Enthüllungen zum Trotz bei den alten Statements und verzichten auf jedwedes Abwägen und Nachdenken. Doch ist es wichtig, Sozialisten und potentielle Sozialisten für einen Kampf zu wappnen, der vornehmlich in Überzeugungsarbeit bestehen wird. Er erfordert Geschichts-kenntnisse, auch solche über stalinistische Kniffe und Winkelzüge zum Schaden antifaschistischen Kampfes und der Revolution.</p>
<p><strong>Spanien und die Volksfront</strong></p>
<p>Die Maitage 1937 in Barcelona waren keine bloße Episode. Seit Beginn der zweiten spanischen Republik 1931 wurde der Staat von bürgerlich geführten Kabinetten regiert, Vertretungen einer Klasse, die wie in anderen Ländern historisch zu spät gekommen war und um so ängstlicher auf die nachdrängenden Klassen reagierte, stets bereit, sich mit der feudalen Reaktion zu verbünden. Den liberalen oder konservativen Regierungen gemeinsam war, daß sie Kernprobleme der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung vor sich herschoben oder nur zum geringsten Teil anpackten. Insbesondere handelte es sich dabei um das horrende reaktionäre Übergewicht der katholischen Kirche, der Grundherren und der Armee; um die Landarmut von Millionen Tagelöhnern und Bauern, die periodisch zu Hungersnöten führte; um die Rückständigkeit von Industrie und Verkehrswesen; um Spaniens Nationalitätenfragen und seine Kolonialherrschaft im Norden Marokkos.</p>
<p>Zwischen den Regierungsparteien und großen Teilen des Volkes herrschten Spannungen, die sich immer wieder in Aufruhr und Streiks, 1934 im Aufstand der Bergarbeiter Asturiens entluden, der durch General Francisco Franco brutal unterdrückt wurde. Am Ende erschien Spanien immer weniger regierbar. Vom rechten Rand drohte der Faschismus, der anders als in Italien und Deutschland hier nur per Militärputsch die Macht erlangen konnte. Links bahnte sich Mitte der 30er Jahre eine Volksfrontlösung an. Die Volksfront, aus Faschismusgegnern unterschiedlicher Klassen, Schichten und Parteien zusammengesetzt, hatte sich zuerst im Nachbarlande Frankreich herausgebildet; ihre Organisierung nahmen dort die Führer der Bürgerlich-Radikalen, Sozialisten und Kommunisten in die Hand.(11) Nach hartem Gerangel hinter den Kulissen erklärte 1935 die Kommunistische Internationale beim VII. und letzten Weltkongreß in Moskau die Volksfront zum erstrebenswerten Ziel. Sie kam damit dem Wunsch der sowjetischen Führung und Stalins nach, Bedingungen für ein Zusammengehen der UdSSR mit parlamentarisch regierten kapitalistischen Ländern, besonders England und Frankreich, gegen die von faschistisch regierten drohende Kriegsgefahr schaffen zu helfen.</p>
<p>Vorwiegend indirekt und keineswegs konsequent kritisierte die Komintern während des Kurswechsels ihre ultralinke Politik in der vorangegangenen Phase seit 1928, die in Deutschland Hitlers Machtantritt begünstigt hatte, also die Mißachtung der bürgerlichen Demokratie und ihre Gleichsetzung mit Diktatur, den Kampf vornehmlich gegen die zu &#8220;Sozialfaschisten&#8221; erklärten Sozialdemokraten und die systematische Unterschätzung des tatsächlichen Faschismus. Die Kominternsektionen, darunter die kleine spanische PCE, übernahmen nach der alten die neue Linie und verlautbarten gegebenenfalls, so wieder die spanische Partei, ihre Bereitschaft zur Volksfront. Interessant ist nun der Charakter des Programms, das die PCE im Zusammenhang damit im Sommer 1935 vorschlug.</p>
<p>Es enthielt nicht nur Forderungen wie Ablösung der damaligen konservativen Regierung und Neuwahlen, Amnestie der politischen Gefangenen, Wiederherstelllung demokratischer Verhältnisse, Steuersenkungen für Arbeiter, Bauern und Angehörige der städtischen Mittelschichten, Einführung von Arbeitslosenunterstützung, Säuberung der Armee von Gegnern der Republik und Verbot faschistischer Organisationen. Vielmehr waren neben solchen nach Selbstbestimmungsrechten für Katalonien, Euzkadi (Baskenland) und Galicien sowie Entlassung Spanisch-Marokkos aus der Kolonialherrschaft auch die revolutionär-demokratischen Postulate: Enteignung des Großgrundbesitzes und kostenlose Übergabe des Bodens an Landarbeiter und Bauern darin enthalten.(12)</p>
<p>An der Stimmung weiter Bevölkerungskreise gemessen waren sie real. Sie wurden in ähnlicher Form auch von der starken Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) erhoben. Gleich dieser gab aber die PCE, als am 15.1.1936 ein Volksfrontabkommen mit den drei liberalen Parteien geschlossen wurde, ihre wichtigsten Forderungen, revolutionäre wie reformerische, preis. Das Kommuniqué hierüber weist aus, daß die Liberalen-Linksrepublikanische Partei, Republikanische Union und Kataloniens Esquerra &#8211; als bestimmende Kraft auftraten. &#8216;Die Republikaner&#8217;, hieß es beispielsweise, &#8220;akzeptieren nicht das Prinzip der Nationalisierung des Bodens und seine kostenlose Verteilung an die Bauern.&#8221; Stattdessen sei die Sicherheit des Grundbesitzes zu garantieren, solle (analog zu 1931) nur staatlicher Kauf von Boden und dessen Verpachtung an Landarme gestattet sein. Selbstverständlich waren die liberalen Republikaner für wirtschaftliche Expansion. Sie verwarfen aber &#8220;die Maßnahmen zur Nationalisierung der Banken, ie von den Arbeiterparteien vorgeschlagen werden&#8221;, desgleichen &#8220;die Beihilfe zur Arbeitslosigkeit (Arbeitslosenunterstützung)&#8221; und &#8220;die von der sozialistischen Delegation eingebrachte Arbeiterkontrolle&#8221;. Auch duldeten sie weder programmatisch festgelegte Maßnahmen zur Demokratisierung der Armee, noch solche zur Dekolonialisierung Spanisch-Marokkos. Die zugunsten der Nationalitäten in Spanien getroffenen Maßnahmen beschränkten sich auf Wiederherstellung der katalanischen Halbautonomie und einer stärker zentralistischen Regelung für Euzkadi.(13) Alles in allem bedeutete das den programmatischen Verzicht auf eine demokratische Revolution. Auch an manchen ursprünglich liberalen Prinzipien gemessen waren die Vereinbarungen ein Rückschlag. Es gab noch einen weiteren wichtigen Punkt, bei welchem Kommunisten und Sozialisten klein beigaben. Sie fanden sich im Hinblick auf die bevorstehenden Cortes-Wahlen mit einer gemeinsamen Kandidatenliste ab, die den Liberalen wesentlich mehr Mandate als den Arbeiterparteien zusicherte.</p>
<p>Nach dem Wahlerfolg vom 16.2.1936 zogen Erstgenannte mit 162 Abgeordneten, die Sozialisten nur mit 99 und die Parteikommunisten lediglich mit 17 ins Zentralparlament ein. Die Anarchisten waren aus grundsätzlicher Abneigung gegen den Staat nicht angetreten, hatten aber vielfach für die Volksfront gestimmt. Die POUM war mangels Masse nicht in den Cortes vertreten. Insgesamt standen einander in diesem Parlament 278 Angehörige der Volksfront, 55 der Mittelparteien, von denen die zehn baskischen Nationalisten später zur Volksfront stießen, und 134 Angehörige des Rechtsblocks gegenüber. Das Regierungsruder lag in liberaler Hand.</p>
<p>Bis zum faschistischen Putsch vom 17. und 18.7.1936 in Spanisch-Marokko resp. Spanien war die Entwicklung auch dadurch charakterisiert, daß das Volk die politischen Gefangenen befreite, die Arbeiter mittels Streiks ihre Lage zu verbessern suchten, Bauern und Tagelöhner durch spontane Landnahme die Agrarreform vorantreiben wollten und 160 Kirchen in Flammen aufgingen. Die Regierung hatte die Gefangenenbefreiung nicht verhindern können, sperrte aber, um Eigentum und Privilegien der Herrschenden zu schützen, zahlreiche Linke und Anarchisten in Gefängnisse. Die Organisationstätigkeit der Linksparteien wurde vielerorts verboten. Gegen Landbesetzer richteten sich Polizeiattacken, die wiederholt zu einem Blutbad führten. Analog zum chilenischen Allende-Kabinett wertete die spanische Regierung die Militärs zu &#8220;treue(n) Diener(n) der verfassungsmäßigen Macht und Bürgen des Gehorsams gegenüber dem Volkswillen&#8221; auf.(14) Sie bestritt jedwede Putschabsicht der Armee und tilgte durch den Zensor alle dem entgegengesetzten Hinweise aus der Presse. Bis zwei Tage nach Beginn des Putsches weigerte sie sich entschieden, Arbeiter zu bewaffnen, damit sie die Republik retten könnten, und suchte sich stattdessen mit den Putschisten zu arrangieren. Spaniens Sozialisten halfen die Arbeiterbewaffnung durchsetzen. Daß sie vordem trotz deutlichen Linksrucks in den eigenen Reihen alles an Regierungspolitik geduldet oder mit exekutiert hatten, hing mit der generellen Rolle der Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert zusammen, Stütze bürgerlich-parlamentarischer Herrschaft zu sein. Doch machte diesmal auch die PCE diese Politik mit. Sie war als Kominternsektion gehalten, revolutionäre Ausbrüche im eigenen Land verhindern zu helfen bzw. ihnen entgegenzuwirken, damit Frankreich und Großbritannien nicht von einem Bündnis mit der UdSSR abgeschreckt wurden.</p>
<p>Bekanntermaßen ist damals dies Bündnis dennoch nicht zustande gekommen. Die Westmächte reagierten auf den spanischen Bürgerkrieg mit einer Franco, Hitler und Mussolini fördernden, der Demokratie in Spanien schadenden Politik sogenannter Nichteinmischung. Daher stellt sich die Frage, ob eine revolutionäre Entwicklung in Spanien nicht trotz damit verbundener Risiken für das Land und Europa besser gewesen wäre. Jedenfalls hätte es den Elan des Volkes im Kampf gegen die Putschgenerale und deren Helfer enorm erhöht, wenn dieses Volk Spaniens Geschicke bestimmt, wenn es Staat und Wirtschaft übergenommen hätte. Bei Fortfall des Kolonialstatus in Spanisch-Marokko wäre andererseits die Masse der Mauren schwerlich Franco dienstbar gewesen. Die einzig denkbare Reaktion von Marx, Engels, Lenin, Luxemburg und Trotzki? auf eine Entwicklung nach Art der spanischen &#8211; das klare Ja zum Revolutionsversuch -, läßt sich ihren Werken entnehmen, Texten zur Revolution von 1848, zur Pariser Commune, zu den russischen Revolutionen seit 1905 und zur deutschen von 1918. Trotzki hat zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges noch gelebt und sich ausführlich geäußert.(15) Den Ausgang einer Revolution in Spanien hätte kein Marxist voraussagen können, ebenso wenig wie den jeder anderen Revolution. Doch hätte das Ergebnis unmöglich schlechter ausfallen können als das, das mit der tatsächlich verfolgten konterrevolutionären Politik erreicht wurde.</p>
<p>Um glaubhaft zu machen, daß die Revolution in Spanien unmöglich resp. ein gefährliches Abenteuer gewesen wäre, hat Fritz Teppich auf die Cortes-Wahlen vom Februar 1936 verwiesen, die ein Stimmenverhältnis von rund 4,8 Millionen für die Volksfront, 3,99 Millionen für die &#8216;Nationale Front&#8217; der Rechtsparteien und 0,45 Millionen für die kleinbürgerlichen Parteien der Mitte ergaben. Ebenso verwies er auf die Tatsache, daß innerhalb der Volksfront Liberale und Basken in der Mehrheit waren. Eine &#8220;pseudorevolutionäre Machtergreifung&#8221;, so sein Schluß, &#8220;hätte rasch in den Abgrund geführt&#8221;.(16) Zu diesem Argument muß gesagt werden: Von Ausnahmefällen wie dem Rosa Luxemburgs abgesehen, haben sich bekannte kommunistische Führer im 20. Jahrhundert kaum einmal durch ungünstige Mehrheitsverhältnisse von Machtergreifung und Machterhaltung abschrecken lassen. Manche fälschten lieber die Wahlergebnisse, um Volkszustimmung zu ihrem Tun und Lassen vorzutäuschen. Diese Denk- und Verfahrensweise war nicht nur unmoralisch, sondern auch dumm. Doch muß der Historiker stets von dem ausgehen, das passierte, nicht dem, das hätte geschehen sollen.</p>
<p>Das Ansehen der bürgerlichen Regenten Spaniens schwand nach der Februarwahl und besonders dem faschistischen Putsch, der mit als Folge ihrer Politik ausgelöst wurde, rasch dahin. Das Gros der Bourgeois und Adligen flüchtete ins Ausland oder in das von Franco besetzte Gebiet. Im republikanischen Spanien verblieb nur ein Teil ihrer politischen Vertreter, der sich nicht mehr direkt auf die von ihm repräsentierten Klassen stützen konnte und daher in höherem Maße angreifbar war. Als die Massen nach dem Franco-Putsch im Sommer 1936 Spanien, vor allem aber Katalonien und Aragon revolutionär umzugestalten begannen, scherten sie sich um Weisungen der Zentral- oder Regionalregierung den Teufel, konnten andererseits die Regierungen sie nicht an ihrem Tun hindern. Wäre damals neu gewählt worden, hätten offenbar die Linken gesiegt.</p>
<p><strong>Revolutionäre Ansätze und Kampf zu ihrer Liquidation</strong></p>
<p>Trotz faktischer Unterstützung durch mehrere liberale Volksfront-Regenten scheiterte im Juli 1937 der Versuch faschistischer Putschgenerale, Spanien in wenigen Tagen zu erobern. Zwar konnten sie sich im Nord- und Südwesten, angelehnt an ihren Verbündeten Portugal, festsetzen und von dort mit italienisch-deutscher Hilfe ab September ins Landesinnere vordringen. Doch gelang es am 19.7. nahezu unbewaffneten Arbeitern, die Putschisten in Madrid, Barcelona, Valencia, Malaga und anderen Städten zu schlagen. Kurz danach gewannen anarchistische Milizen Aragon, eine ganze Provinz. Gleich der POUM half eine Eliteeinheit ihrer Truppen unter Durruti im November, die Hauptstadt gegen Faschisten zu verteidigen. Die Hauptarbeit leisteten hier allerdings kommunistisch geführte Einheiten und Interbrigadisten.</p>
<p>Die im Kampf errungenen Erfolge stärkten das Selbstbewußtsein vieler Arbeiter und Bauern Spaniens. Sie schlossen sich nicht nur in von ihren Parteien und Gewerkschaften geschaffenen Milizen zusammen, sondern bildeten auch Arbeiterpatrouillen anstelle der städtischen Polizei und Wachen zur Verteidigung der Dörfer. Gleichzeitig griffen sie ins Wirtschaftsleben und in die Produktion ein. Nachdem die Inhaber geflohen waren, übernahmen Arbeiter viele Fabriken. Andere unterstellten sie ihrer Kontrolle. Eine Reihe von Betrieben, so Hispano-Suiza, fertigte fortan dringend benötigte Rüstungsgüter. Von der anarchistische CNT-, z. T. auch von der sozialistischen UGT-Gewerkschaft und diesen zugehörigen Milizionären angeregt, schlossen sich besonders in Katalonien und Aragon Bauern und Landarbeiter in Agrarkollektiven zusammen. Das geschah großenteils freiwillig, in Einzelfällen auch unter Druck. Generell erwies sich kollektive Arbeit produktiver als die individuelle, weshalb damals die Versorgung der Städte und der Front sichergestellt werden konnte. Einige besonders gut geleitete Kollektivwirtschaften reüssierten derart, daß sie Krankenhäuser, Schulen und Heime einrichten konnten. Werktätige kontrollierten das Verkehrswesen, die Lebensmittelversorgung, zahlreiche Restaurants, die Theater und Kinos.</p>
<p>Mit den Ansätzen zur demokratischen Revolution einher ging die Veränderung der Lebensweise. Das äußerte sich u. a. darin, daß monatelang keine modisch gekleideten MüssiggängerInnen in den Straßen und Parks flanierten, Trinkgelder nicht gezahlt und angenommen wurden und der für Spanien typische Machotyp &#8211; z. T. auch an der Front &#8211; durch selbstsichere junge Frauen mit Gewehren über der Schulter in die Ecke gedrängt wurde. Nichts zu lachen hatten die verhaßten Kirchen. Genau wie mancher Adlige und Bourgeois bebten begüterte Dorf-Kaziquen ob des neuen, gottlosen Treibens vor Wut. Auf betrieblicher und örtlicher Ebene bestimmten in großen Teilen Spaniens Fabrikkomitees, Milizeinheiten und Bauernräte. Die Zentralregierung hatte große Schwierigkeiten, sich durchzusetzen.</p>
<p>In Katalonien, das wie Aragon am wenigsten unter Volksfronteinfluß stand &#8211; vielmehr gaben Anarchisten und POUM den Ton an &#8211; hatte die Generalitat genannte Regionalregierung unter Luis Companys erst recht nichts zu sagen. Hier vertrat seit 21.7.1936 das von Arbeiterparteien und Gewerkschaften organisierte Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen seinen Part an der Doppelherrschaft, damit zeitweilig wirkliche Macht. Die Arbeiterkomitees wurden indes auch hier nicht zentral zusammengefaßt, die liberale Regionalregierung im Amt belassen. Außer Angehörigen der bisher herrschenden Klassen, deren Schwestern und Brüdern im kapitalistischen Ausland waren Teile der sozialistischen Partei und die Stalinistenführer über die Vorgänge in Spanien verdrossen. Letztere sahen in der Revolution, die sich anbahnte, eine Gefahr für die UdSSR. Revolutionäre Vorgänge konnten Großbritannien und Frankreich, die als Bündnispartner gewonnen werden sollten, irritieren, eine erfolgreiche Revolution in einem Land, das dem Rußland von 1917 in vielem ähnlich sah, Auswirkungen auf die Haltung der durch Stalins Politbürokratie geknechteten Arbeiter und Bauern in der Sowjetunion haben. Hier mußte gegengehalten werden.</p>
<p>Dabei kam den Stalinisten zweierlei zupaß: Erstens die Tatsache, daß &#8211; wie gesagt &#8211; im Kampf gegen revolutionäre Ansätze Interessengleichheit mit Spaniens herrschenden Klassen, dem Gros der Sozialdemokraten, zudem noch mit diversen anarchistischen Führern bestand. Strikt dagegen waren nur ein Teil des anarchistischen Lagers, besonders der Jugendverband und die &#8216;Freunde Durrutis&#8217;, Gruppen linker Sozialisten, die POUM und eine winzige trotzkistische Gruppierung. Wer gegen die &#8220;Unruhestifter&#8221; vorging, war der Mehrheit genehm und wurde dafür honoriert. Zweitens wirkte sich zugunsten der Stalinisten aus, daß sie beinahe das Monopol für Waffenlieferungen an die Spanische Republik hatten, denn sonst half nur noch Mexiko. In den ersten Bürgerkriegsmonaten hatte auch die UdSSR sich am Lieferembargo beteiligt, das die Westmächte im Zeichen ihrer Nichteinmischungspolitik gegen Spanien verhängten. Da aber Deutschland, Italien und Portugal weiter Franco versorgten, kündigte Moskau im Oktober 1936 die Teilnahme am Embargo. Waffenlieferungen an das republikanische Spanien boten verschiedene Vorteile. Einmal den, daß die Sowjetunion sich mit dem über 500 Tonnen schweren spanischen Goldschatz, den viertgrößten der Welt, bezahlt machen konnte und zudem noch einen Schuldschein über 110 Mill. Dollar kassierte.(17) Gleichzeitig waren die sowjetischen Waffen ein probates Mittel, Spaniens Politik zu beeinflussen.</p>
<p>Die Verteilung dieser Waffen lag in parteikommunistischer Hand. Sie erfolgte nur an Moskau genehme Truppen. Anarchisten und POUM gingen leer aus. Wegen fehlender oder hoffnungslos veralteter Waffen konnten sie nach 1936 in ihrem Frontbereich nicht mehr offensiv werden, wurden dafür aber in der kommunistischen Presse und der der Interbrigaden mangelnder Kampfbereitschaft und Solidarität geziehen. Zugleich sind die Waffenlieferungen wiederholt als Mittel genutzt worden, spanische Entscheidungen zu verhindern, die der Sowjetunion nicht zusagten, und ihr genehme zu erzwingen. UdSSR und PCE taten frühzeitig kund, daß sie gegen eine revolutionäre Entwicklung in Spanien waren. Nachdem Anfang September 1936 unter dem Gewerkschaftsführer Largo Caballero (PSOE) eine Regierung mit sozialistischer und kommunistischer Beteiligung gebildet worden war &#8211; später kamen noch zwei anarchistische Minister hinzu -, schrieben Stalin, Molotow und Woroschilow am 21. 12. einen vertraulichen Brief an den spanischen Ministerpräsidenten. Sie empfahlen ihm, die Klein- und Mittelbourgeoisie für sich einzunehmen, „indem er sie gegen Konfiszierungen schützt“. Caballero solle gleichzeitig die Eigentumsrechte und legitimen Interessen jener Ausländer respektieren, die (wie Engländer und Franzosen) die Franco-Rebellen nicht unmittelbar unterstützten. Den spanischen Liberalen möge er die Beibehaltung ihres Vertrauensmannes Manuel Azana als Staatspräsident, allgemein die Aufrechterhaltung des parlamentarischen Systems versprechen.(18) Zuvor bereits versicherte der spätere Erziehungsminister Jesús Hernández, Herausgeber des PCE-Organs „El Mundo Obrero“, in der Ausgabe vom 6. 8. 1936: „Es ist völlig falsch, daß die gegenwärtige Arbeiterbewegung&#8230; zum Ziel hat, eine proletarische Diktatur zu errichten. Man kann nicht sagen, wir hätten für unsere Beteiligung am Krieg ein gesellschaftliches Motiv. Wir Kommunisten&#8230; sind ausschließlich von dem Wunsch beseelt, die demokratische Republik zu verteidigen.“ PCE-Generalsekretär José Diaz erklärte am 5.3.1937 vor dem Zentralkomitee: „Zu Beginn mögen die verschiedenen übereilten Versuche zur ‘Sozialisierung’ und ‘Kollektivierung’, die sich aus einem unklaren Verständnis des gegenwärtigen Kampfes ergaben, durch die Tatsache gerechtfertigt gewesen sein, daß die Großgrundbesitzer und Fabrikbesitzer ihre Güter und Betriebe im Stich gelassen hatten, und daß es unter allen Umständen notwendig war, die Produktion aufrechtzuerhalten. Jetzt können sie im Gegenteil durch nichts gerechtfertigt werden. Da gegenwärtig eine Volksfrontregierung besteht, in der alle gegen den Faschismus kämpfenden Kräfte vertreten sind, ist so etwas nicht nur nicht erwünscht, sondern absolut unstatthaft“(19)</p>
<p>Um den konterrevolutionären Kurs zu rechtfertigen, wurden Krieg und Revolution als Antinomien einander gegenübergestellt. Gebetsmühlenartig wird von stalinistischer Seite bis heute dargetan, erst habe der Krieg gewonnen werden müssen, bevor über soziale Inhalte gesprochen werden konnte. Mir scheinen damals jene im Recht gewesen zu sein, die dialektisch statt antinomisch dachten &#8211; so linke spanische Sozialisten, die am 22. 8. 1936 in der „Claridad“ konstatierten: „Der Krieg und die Revolution sind ein und dasselbe. Sie schließen sich nicht nur nicht aus oder behindern sich gegenseitig, sondern ergänzen und unterstützen sich. Der Krieg braucht zu seinem Triumph die Revolution im Hinterland, die den Sieg auf den Schlachtfeldern sicherer und begeisterter machen wird.“</p>
<p>Der Eintritt von CNT und POUM in die katalanische Generalitat im September, der Anarchisten in die Zentralregierung im November 1936 schwächte die revolutionären Kräfte, da einige ihrer Vertreter nun „in der Verantwortung“ waren. In Katalonien wurden per Dekret die lokalen revolutionären Komitees, dann auch die potentielle Arbeiterregierung &#8211; das Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen &#8211; aufgelöst. Die Befugnisse gingen an die Munizipalverwaltungen resp. die Minister für Verteidigung und Öffentliche Ordnung. Ein weiteres Dekret schränkte die Handlungsfreiheit kollektivierter Industriebetriebe ein und lieferte sie dem Druck der Banken aus. Am 12.12.1936 wurde im Schatten der sowjetischen Drohung, sonst keine Waffen für Spanien zu entladen, die bei weiteren Schritten nach rechts hinderliche POUM aus der Generalitat ausgebootet.(20) Danach lieferte Letztere die Lebensmittelversorgung an die PSUC aus, was durch deren Begünstigung bürgerlicher Geschäftemacher Preisanstieg nach sich zog. Gleichzeitig versuchte die Regionalregierung die Arbeiter zu entwaffnen und Arbeiterpatrouillen aufzulösen, wodurch sie Zusammenstöße zwischen diesen und der Polizei provozierte. Analog zur Generalitat, jedoch mit größerem Nachdruck schränkte die Regierung Caballero revolutionäre Errungenschaften ein. Das Recht der Bauern auf Boden sollte fortan nur für Ländereien gelten, die bekannten Faschisten gehörten. Die Rechte der Fabrikkomitees in Valencia und Madrid wurden eingeengt. Zudem ermächtigte sich die Regierung zu Betriebsinterventionen.</p>
<p>Ein wichtiger Differenzpunkt zwischen Anhängern der Zentralgewalt inklusive PCE und PSUC einerseits, Anarchisten und POUM andererseits war die von Erstgenannten betriebene Entmündigung der Milizen und deren Eingliederung in eine straff von oben dirigierte Volksarmee. Diese war mit Eigenschaften bürgerlicher Truppen ausgestattet. So gab es wieder Rangabzeichen, Drill, unterschiedlich hohen Sold statt gleicher Bezüge, nahezu uneingeschränkte Befehlsgewalt der Offiziere und Privilegien zu deren Gunsten. Zugleich wurde die Macht der Politkommissare eingeschränkt, ihre Zahl verringert. Begründet wurde all das u. a. damit, daß vor allem anarchistische Milizen viel zu undiszipliniert seien, um richtig Krieg führen zu können. Dies Argument der Disziplinlosigkeit, auf das besonders Ludwig Renn an vielen Stellen seines Spanien-Buches zu sprechen kommt,(21) hat im Einzelfall etwas für sich. Doch will bedacht sein, daß sich manch anarchistische Einheit ausgezeichnet geschlagen hat, es andererseits Desertionen, Feigheit vor dem Feind und Verrätereien auch bei der Volksarmee, ja selbst bei Interbrigadisten gab. Stalinanhänger operieren zugleich mit der mangelnden Offensivtätigkeit an der Aragon-Front. Sie verschweigen den Grund hierfür, das gegen diese Front der Anarchisten und POUMisten wirkende Waffenembargo, und kolportieren stets erneut die damals ersonnenen Geschichtslügen, wonach die Anarchisten nicht kämpfen konnten und die POUM es vorzog, mit Faschisten zwischen den Fronten Fußball zu spielen oder Kaffee zu trinken.(22)</p>
<p>Darüber, wie es an der Aragon- und Huesca-Front wirklich aussah, haben zwei Augenzeugen, George Orwell und Waldemar Bolze (KPDO), berichtet.(23) Erschütternd ihre Schilderungen über den beängstigenden Mangel an Pistolen, Gewehren, Maschinengewehren und Handgranaten, an Patronen, die nicht nach jedem fünften Schuß steckenbleiben, sowie an Brennholz und Kleidung. Orwell merkt gleichzeitig an, Journalisten, die das Milizsystem verhöhnten, hätten selten darüber nachgedacht, &#8220;daß die Milizen die Front halten mußten, während die Volksarmee in der Etappe ausgebildet wurde&#8221;.(24) Wiederholt ist von stalinistischer Seite behauptet worden, Anarchisten und POUM seien durchweg gegen eine zentralisierte Armee und damit gegen eine vernünftige Kriegführung gewesen. Das trifft nicht einmal für alle anarchistischen Führer zu, erst recht nicht für die POUM. Von Zeitungsartikeln gleichen Inhalts abgesehen, legte deren Militärkonferenz vom Januar 1937 in Lérida fest: Ein Erfolg der gegenwärtigen Kriegführung hängt von der umgehenden Schaffung eines einheitlichen zentralen Oberkommandos ab. Die selbständigen Parteimilizen müssen einer revolutionären Armee Platz machen. Im Zusammenhang damit sind Soldatenräte das demokratische Organ der Masse.(25) Different ist zwischen Bürgerlichen, Stalinisten und Revolutionären nicht der zentrale Charakter der angestrebten Armee, wohl aber ihr revolutionärer Charakter, dazu die Frage, ob diese Armee autoritär geführt werden oder es bei aller Anerkennung der Notwendigkeit von Disziplin Mitspracherechte der Soldaten geben soll. Durch solche Mitsprache kann z. B. sinnloses Hinsterben auf aussichtslosem Posten, das es beim Militär häufig vorkommt, vermieden werden. Zugleich würde Begeisterung für die eigene revolutionäre Sache eine dringend notwendige zusätzliche Waffe gegen den technisch und ausbildungsmäßig überlegenen Feind sein.</p>
<p>Die Konflikte zwischen Revolutionären und Ordnungshütern in der spanischen Republik spitzten sich um die Jahreswende 1936/37 zu. Nachdem die kleine POUM-Gruppe in Madrid samt ihrer Presse verboten und der bekannteste Führer der POUM, Andres Nin, aus der katalanischen Regierung entfernt war, meldete am 17.12.1936 die Moskauer &#8216;Prawda&#8217;: &#8220;Was Katalonien betrifft, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarcho- Syndikalisten begonnen; sie wird mit derselben Energie gehandhabt werden, mit der sie in der UdSSR betrieben wurde.&#8221; Damit spielte das Blatt auf jene berüchtigten Schauprozesse an, die im selben Jahr in Moskau begonnen hatten. Sie dienten dazu, Lenins engste Kampfgefährten zu liquidieren, waren aber gleichzeitig nur die Spitze eines ungeheuren und ungeheuerlichen Eisbergs.</p>
<p>Im März 1937 wurden in dem katalanischen Ort Sabadell alle in einer Flugzeugfabrik beschäftigten Ausländer verhaftet, darunter drei der KPDO zugehörige Deutsche. Anschließend übernahmen sowjetische Spezialisten die Leitung der Fabrik. Dadurch war gesichert, daß die Produktion, die gerade anlaufen sollte, in die &#8220;richtigen Hände&#8221; kam, also nicht der bislang ohne Luftunterstützung gebliebenen Aragon-Front dienen könnte, solange sie von Anarchisten und POUMisten gehalten wurde. Die Verhafteten wurden nach Valencia gebracht und dort von GPU-Agenten verhört &#8211; weniger über Fragen des Flugzeugbaus als darüber, welche Verbindungen zwischen KPDO und POUM bestünden. Gleichzeitig wurden die KPDOler als &#8220;Trotzkisten&#8221; tituliert und als &#8220;Gestapo-Agenten&#8221; verleumdet. &#8216;Ende März&#8217;, so die Schlußfolgerung eines der Betroffenen, &#8220;waren also bereits Prozesse in Vorbereitung, die die getreue Kopie ihrer Moskauer Vorbilder waren, um die POUM in Spanien und die KP(O) in Deutschland vor den Arbeitermassen zu diskreditieren&#8221;.(26)</p>
<p>Während Stalins NKWD sich schon damals in Madrid und Murcia Übergriffe leistete, entsandte der rechtssozialistische Finanzminister der spanischen Zentralregierung, Juan Negrín, bewaffnete Zollbeamte an die französische Grenze, damit sie den Anarchisten die Grenzkontrolle abnähmen. Sie provozierten bewaffnete Zusammenstöße mit mehreren Toten. Es folgten an verschiedenen Orten politische Morde und Strafexpeditionen der Polizei. Die Stimmung war so brisant, daß zum 1. Mai alle Versammlungen und Demonstrationen in Spanien untersagt wurden. Zwei Tage später löste der zur PSUC gehörende Kommissar für öffentliche Ordnung, Salas, die Barrikadenkämpfe in der katalanischen Hauptstadt aus.</p>
<p>weiter <a href="http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-2" target="_self">Teil1</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/in-spanien-stands-um-unsre-sache-schlechtteil-1/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Gaston Leval &#8211; Die schwarz-roten Straßenbahnen von Barcelona</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-schwarz-roten-strasenbahnen-von-barcelona</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-schwarz-roten-strasenbahnen-von-barcelona#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:35:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[FAI]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=275</guid>
		<description><![CDATA[Die Straßenkämpfe hatten den ganzen Verkehr lahmgelegt, die Straßen waren durch die Barrikaden versperrt, deren Hauptmaterial eben oft aus Straßenbahnen und Bussen bestand. Man mußte also alles ausräumen und den Weg freimachen, um die in der Großstadt unerläßlichen Transportmittel wieder ingangzusetzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-275"></span>Die Straßenbahnen waren in Barcelona das wichtigste Transportmittel. 60 Linien zogen durch die Stadt und fuhren zu den Vororten und den umliegenden Ortschaften: Pueblo Nuevo, Horta, Sarria, Badalona, Sens, Bonanova, Gracia, Casa Anunez usw. Die Allgemeine Straßenbahngesellschaft, eine AG mit hauptsächlich belgischem Kapital, beschäftigte 7.000 Lohnempfänger, die die Wagen fuhren und den Fahrpreis kassierten und in den 8 Depots und in den Reparaturwerkstätten arbeiteten.</p>
<p>Ungefähr 6.500 von diesen 7.000 Arbeitern waren in der CNT, wo sie die ihrem Fachgebiet entsprechende Sektion der Industriegewerkschaft der Transportmittel bildeten. Die anderen, bedeutend kleineren Sektionen waren die der U-Bahn (2 Linien), der Taxifahrer, die sich in der Folge getrennt organisierten, der Autobusse und schließlich der beiden Drahtseilbahnlinien nach Montjuich und dem Tibidabo-Berg.</p>
<p>Die Straßenkämpfe hatten den ganzen Verkehr lahmgelegt, die Straßen waren durch die Barrikaden versperrt, deren Hauptmaterial eben oft aus Straßenbahnen und Bussen bestand. Man mußte also alles ausräumen und den Weg freimachen, um die in der Großstadt unerläßlichen Transportmittel wieder ingangzusetzen. Nun beauftragte die gewerkschaftliche Straßenbahnsektion eine Kommission von sieben Genossen damit, die Verwaltungsräume zu besetzen, während andere die Bahnen besichtigen und sich einen Überblick über die nötigen Aufräumungsarbeiten verschaffen sollten.</p>
<p>Vor dem Gesellschaftslokal fand die Kommission eine Bereitschaftsgruppe der Zivilgarde, die den Zugang verhindern sollte. Der sie befehligende Unteroffizier erklärte, er habe den Befehl erhalten, keinen Menschen hineinzulassen. Mit Gewehren und Granaten bewaffnet und zum Teil durch den Panzerwagen, der für den Geldtransport der Gesellschaft bestimmt war, gut geschützt, drohten unsere Genossen anzugreifen. Der Unteroffizier bat seine Vorgesetzten telephonisch um die Erlaubnis zum Rückzug und sie wurde ihm gewährt.</p>
<p>Verweilen wir einen Augenblick bei einer kleinen, amüsanten Einzelheit. Das gesamte höhere Personal war nicht da, und in den Büroräumen fand die Gewerkschaftsdelegation nur den Anwalt vor, dessen Aufgabe es war, die Gesellschaft zu vertreten und für sie Verhandlungen durchzuführen. Der Genösse Sanchez, der aktivste und erfahrenste Militante, kannte diesen Herrn sehr wohl, der ihn vor zwei Jahren bei einem 28monatigen Streik zu 17 Jahren Gefängnis hatte verurteilen lassen &#8211; dieser Verteidiger der Interessen der Gesellschaft hatte sogar eine Strafe von 105 Jahren Gefängnis gegen ihn beantragt! (Sanchez war zusammen mit Tausenden anderer Genossen dank der nach den Wahlen im Februar 1936 gewährte Amnestie aus dem Gefängnis entlassen worden.)</p>
<p>Dieser Herr empfing ihn auf sehr liebenswürdige Weise, indem er erklärte, er würde die neue Situation akzeptieren und sich sogar als Anwalt den Arbeitern zur Verfügung stellen. Sanchez&#8217; Genossen wollten ihn auf der Stelle erschießen, dieser aber war dagegen und ließ ihn sogar weggehen. Es war Freitag, und man machte für den nächsten Montag ein Treffen aus. Vertrauensvoll bat der Mann darum, daß man ihn heimbegleitete, da auf den Straßen so viele bewaffnete Revolutionäre wären &#8230; Man tat es, aber er kam am folgenden Montag nicht wieder und wurde dann nie wieder gesehen.</p>
<p>Das Komitee der sieben rief sofort die Delegierten der verschiedenen Gewerkschaftssektionen &#8211; Elektrizitätswerk, Kabel, Reparaturen, Verkehr, Schaffner, Lagerräume, Buchführung, Büros, Verwaltung usw. &#8211; zusammen: wieder einmal gelang die Synchronisierung der Industriegewerkschaft hervorragend. Einstimmig wurde beschlossen, die Straßenbahnen unverzüglich wieder ingangzusetzen.</p>
<p>Am folgenden Tag wurden die Handarbeiter und Techniker durch den Rundfunk zusammengerufen &#8211; so wie die Metallindustriegewerkschaft es mit ihren Mitgliedern getan hatte &#8211; es fehlten nur einige Faschisten. Alle Ingenieure stellten sich der Gewerkschaft zur Verfügung, ein alter Oberst miteinbegriffen, der wegen seiner aktiven Sympathie für die Arbeiter bereits vom Posten des Leiters der Verkehrsabteilung und Direktors der U-Bahn in die Archivabteilung zurückversetzt worden war.</p>
<p>Fünf Tage nach dem Abschluß der Kämpfe fuhren 700 &#8211; anstatt 600 &#8211; Straßenbahnen mit den schwarzroten Schrägstreifen der FAI durch Barcelona. Ihre Zahl war vergrößert worden, um die Anhänger abzuschaffen, die viele Unfälle verursachten. Dafür hatte man Tag und Nacht und mit allgemeiner Begeisterung gearbeitet, um ungefähr 100 zum alten Eisen geworfene, weil für unbrauchbar gehaltene Wagen zu reparieren.</p>
<p>Natürlich konnten die Dinge deshalb so schnell und so gut organisiert werden, weil die Menschen selbst gut organisiert waren. Denn wir finden hier eine Gesamtheit von Sektionen vor, die nach Berufszweigen und auf industrieller Basis gemäß der Arbeitsorganisation gegründet worden sind, und zwar sowohl auf Betriebs- als auch auf Gewerkschaftsebene. Mechaniker, Schaffner, Autoschlosser, Tischler usw. bildeten jeweils einander ergänzende Gruppierungen, die über den bloßen, herkömmlichen Berufsrahmen hinausgingen, um sich in einer einzigen Organisation zu vereinigen.</p>
<p>An der Spitze jeder Sektion standen ein in Übereinstimmung mit der Gewerkschaft ernannter Ingenieur und ein Vertreter der Arbeiter: so wurde zu gleicher Zeit für die Arbeit und für die Arbeiter gesorgt. Auf der nächsthöheren Stufe bildeten die versammelten Delegierten das lokale Generalkomitee. Die Sektionen kamen getrennt zusammen, wenn es sich um ihre spezifischen Aktivitäten handelte, die also unabhängig von den anderen betrachtet werden konnten; wenn es um allgemeine Probleme ging, hielten dagegen alle Arbeiter aller Berufe eine Vollversammlung ab.</p>
<p>Es bestand also auch eine permanente Übereinkunft zwischen Ingenieuren und Arbeitern. Kein Ingenieur durfte eine wichtige Maßnahme ergreifen, ohne das Lokalkomitee um Rat zu fragen, nicht nur, weil alle gleichermaßen an den Entscheidungen teilhaben sollten, sondern auch deswegen, weil die Handarbeiter meistens in praktischen Fragen mehr Erfahrung haben als die Ingenieure. (&#8230;)</p>
<p>Die spontane Disziplin und das hohe ethische Bewußtsein der Arbeiter waren allgemein anerkannt. Alle stimmten dem gemeinsamen Werk zu und nahmen daran teil, und jeder entwickelte seine eigene Phantasie, um technische Verbesserungen und neue Arbeitsmethoden zu finden. (&#8230;)</p>
<p>Diese Mitarbeit ging sogar über den Betriebs- bzw. Gewerkschaftsrahmen hinaus. Die gut ausgerüsteten Werkstätten stellten z.B. Raketen und Haubitzen für die aragonesische Front her. Die Arbeiter machten also kostenlos Extrastunden und kamen sogar Sonntags in die Fabrik, um dem gemeinsamen Kampf ihren unentgeltlichen Beitrag zu leisten.</p>
<p>Zum Abschluß will ich noch betonen, daß überall Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit herrschten. Gewiß hat es einige wenige Fälle von Unehrlichkeit gegeben, sie beschränkten sich aber innerhalb von Jahren auf sechs kleinere Diebstähle, die nicht einmal nennenswert wären, aber wir wollen nicht den Anschein erwecken, das Unangenehme zu übergehen. Am ernstesten war folgender Fall: Ein Arbeiter nahm ab und zu kleinere Mengen Kupfer mit nach Hause, die er dann verkaufte, sobald er ein Kilo zusammen hatte. Er wurde entlassen, als seine Frau aber zum Betriebskomitee ging und erklärte, sie hätte ein Kind, das darunter zu leiden haben würde, gab man ihr den Lohn für drei oder vier Wochen und versetzte ihren Mann in eine andere Werkstatt.</p>
<p><em><strong>Gaston Leval</strong></em></p>
<p><em>Aus: &#8220;Die Aktion&#8221; Nr. 161/164 &#8211; Dossier zu Spanien 1936 </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/gaston-leval-die-schwarz-roten-strasenbahnen-von-barcelona/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Etta Federn (1883-1951) und die Mujeres Libres</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/etta-federn-1883-1951-und-die-mujeres-libres</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/etta-federn-1883-1951-und-die-mujeres-libres#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=272</guid>
		<description><![CDATA[Dieses Buch ist die deutsche Erstveröffentlichung der Broschüre "Mujeres de las revoluciones", die 1938 während des spanischen Bürgerkrieges im Verlag der "Mujeres Libres" in Barcelona herausgegeben wurde. Die Autorin dieser Broschüre, die Anarchistin Etta Federn (-Kohlhaas), war eine aktive Mitstreiterin in der 1936 gegründeten anarchosyndikalistischen Frauenorganisation "Mujeres Libres".]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-272"></span><strong>Ein Portrait anläßlich der Wiederveröffentlichung ihrer Broschüre &#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221;</strong></p>
<p><em>Marianne Kröger (Hrsg.): Etta Federn: Revolutionär auf ihre Art. Zwölf Skizzen unkonventioneller Frauen. Psychosozial Verlag, Gießen 1997, 134 S., 28 DM.</em></p>
<p>Dieses Buch ist die deutsche Erstveröffentlichung der Broschüre &#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221;, die 1938 während des spanischen Bürgerkrieges im Verlag der &#8220;Mujeres Libres&#8221; in Barcelona herausgegeben wurde. Die Autorin dieser Broschüre, die Anarchistin Etta Federn (-Kohlhaas), war eine aktive Mitstreiterin in der 1936 gegründeten anarchosyndikalistischen Frauenorganisation &#8220;Mujeres Libres&#8221;.</p>
<p>&#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221; enthält eine Sammlung von Portraits exponierter Frauen aus aller Welt. Die LeserIn erhält Einblick in ein breites Spektrum nicht-konformer Lebensentwürfe. Sowohl radikal-bürgerliche Frauenrechtlerinnen wie Emmeline Pankhurst, Lili Braun u.a. werden hier vorgestellt, als auch kommunistische Sozialrevolutionärinnen wie Angelika Balabanoff, Vera Figner u.a. Erwähnenswert sind außerdem die Portraits der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key sowie der Tänzerin Isadora Duncan.</p>
<p>Was aber ist das spezifisch &#8220;Revolutionäre&#8221; an diesen Lebensentwürfen? Im Mittelpunkt steht dabei nicht eine Teilnahme am aktiven militärischen Kampf, sondern der folgende Aspekt: &#8220;Aber sie alle (&#8230;) haben einen großen Einfluß auf die Bewußtmachung der Probleme ihrer Zeitepoche ausgeübt, haben Fortschritte durch ihre Art des Denkens und Urteilens herbeigeführt, haben neue Gesichtspunkte vermittelt: sie haben dadurch Revolutionen verursacht und den Gang der Evolution beschleunigt.&#8221; (1)</p>
<p>Bereits Emma Goldman hatte, als sie sich auf Rundreise durch das republikanische Spanien befand, in der Zeitschrift &#8220;Mujeres Libres&#8221; einige historische Frauen präsentiert, um durch die Darstellung der &#8220;erstaunlichen Taten der Frauen in der Vergangenheit die Legende von ihrer Minderwertigkeit&#8221; (S.94) zu widerlegen. Es war grundlegender Bestandteil der feministischen Erwachsenenbildung, das Selbstbewußtsein der Spanierinnen zu stärken und gezielt das &#8220;Wissen um eine Frauengeschichte&#8221; (S.94) mit ihnen zusammen zu entfalten. Dafür war es methodisch sinnvoll, u.a. historische Frauenportraits als Medium einzusetzen, insbesondere um &#8220;mögliche Orientierungsvorbilder&#8221; (S.94) zu geben.</p>
<p>Der Dachverband &#8220;Agrupación Mujeres Libres&#8221; war explizit aus der Erkenntnis und Erfahrung heraus entstanden, daß die aktiven, zumeist jungen Anarchistinnen ihre spezifischen Anliegen und Probleme innerhalb der bestehenden libertären Ortsgruppen nicht einbringen und äußern konnten (der Begriff &#8220;libertär&#8221; umfaßt hier sowohl anarchistische als auch anarchosyndikalistische Ansätze). Obwohl es für die libertären Frauengruppen zumeist äußerst schwierig war, sich innerhalb der fest verankerten patriarchalischen Strukturen autonom zu behaupten, entwickelte sich die spanische anarchafeministische Basisbewegung zu einer erfolgreichen, eigenständigen und dynamischen Kraft. Eine ihrer ersten politischen Forderungen war die &#8220;Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der Bewegung und innerhalb der Familie.&#8221; (S.87)</p>
<p>&#8220;Capacitatión&#8221; lautete das Schlagwort der Schulungs- und Bildungsprogramme für Frauen. Im wesentlichen bedeutete dies, &#8220;daß jede Einzelne lernen müsse, die gesellschaftlichen Mechanismen zu durchschauen, sich der eigenen Position innerhalb der Gesellschaft bewußt zu werden und sich individuell weiterzubilden, um innerhalb des revolutionären Prozesses ein kompetentes, selbstbewußtes und schöpferisches Individuum zu werden.&#8221; (S.88) Die Organisation &#8220;Mujeres Libres&#8221; bot für diese Zielsetzung zum Beispiel Kurse für Analphabetinnen an, aber auch weiterführende berufsbildende Lehrgänge.</p>
<p><strong>Die libertäre Pädagogin und Schriftstellerin Etta Federn</strong></p>
<p>Im Kulturzentrum der anarchosyndikalistischen Frauenbewegung von Barcelona unterrichtete Etta Federn Literatur, Sprache und Pädagogik. Nach dem Modell der &#8220;Escuela Moderna&#8221; des libertären Pädagogen Francisco Ferrer (1859-1909) entwickelte sie eigene libertär-pädagogische Konzepte. Später gründete sie &#8211; ebenso im Zusammenhang mit den &#8220;Mujeres Libres&#8221; &#8211; ein libertäres Schulzentrum im katalonischen Ort Blanes, dessen Leiterin sie auch war und wo sie nicht nur Kinder, sondern auch zukünftige Lehrerinnen ausbildete. Dieses anarchistische Schulmodell war nicht nur atheistisch und koedukativ ausgerichtet, sondern vor allem antimilitaristisch und pazifistisch. Eine &#8220;angstfreie, kindgerechte, anregende und fürsorgliche Atmosphäre&#8221; war dabei maßgebend, &#8220;und zwar möglichst unbelastet von den politisch-sozialen Kämpfen der Epoche.&#8221; (S.90)</p>
<p>Von vielen ZeitgenossInnen und FreundInnen wurde sie als eine bemerkenswerte Persönlichkeit mit großer Ausstrahlungskraft beschrieben. &#8220;Der Kampf für individuelle und gesellschaftliche Emanzipation prägte ihr gesamtes Denken und Leben.&#8221; (S.90) Ihre Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit und ihre Wertschätzung für Literatur und Bildung sind u.a. auf ihre eigene Sozialisation zurückzuführen, nicht zuletzt auf ihre Mutter, die selbst eine engagierte Frauenrechtlerin war.</p>
<p>Etta Federn wurde 1883 in Wien als jüngste Tochter einer assimilierten österreichisch-jüdischen Familie geboren. Was Ausbildung und Erziehung anbetraf, war sie ihren Brüdern vollkommen gleichgestellt. Nach der Matura begann sie mit dem Studium der Germanistik und Philosophie. Darüber hinaus erhielt sie eine breit angelegte Ausbildung in Fremdsprachen. Trotz der gut gestellten Startbedingungen ins Leben kam es zum Bruch mit der Familie. Sie siedelte nach Berlin über, wo sie ihr Studium zu Ende führte.</p>
<p>In Berlin verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zunächst durch Unterrichten und Übersetzen aus den Sprachen Englisch, Französisch, Dänisch, Russisch und Jiddisch. Sie übersetzte u.a. Alexandra Kollontai, Shakespeare und Hans Christian Andersen. Beim Berliner Tageblatt arbeitete sie als Literaturkritikerin. Gleichzeitig begann sie zu schreiben: Essays, Biographien, Autobiographisches, Erzählungen, ein Theaterstück und Gedichte. Vor allem mit ihrer 1927 erschienenen Erstbiographie über Walther Rathenau hatte sie sich im Berlin der Weimarer Republik einen Namen gemacht. Aufgrund ihrer vehementen Verteidigung dieses liberalen Politikers und überhaupt wegen ihrer freiheitlich-geistigen Gesinnung (sowie natürlich auch wegen ihrer assimilierten jüdischen Herkunft) erhielt sie Morddrohungen von Nazis. Schließlich wurde der Verfolgungsdruck so stark, daß sie bereits 1932 Deutschland den Rücken kehren mußte. Fast 50- jährig ging sie zusammen mit ihren beiden Söhnen nach Spanien ins Exil (1932-1938).</p>
<p><strong>Berlin, Barcelona, Paris: Stationen eines Lebens im anarchistischen Milieu</strong></p>
<p>Bis 1932 hatte sie nach zwei gescheiterten Ehen und als Alleinernährerin ihrer Familie Zuflucht innerhalb der anarchosyndikalistischen Bewegung Berlins gefunden. Die Mitwirkung in der FAUD (&#8220;Freie Arbeiter-Union Deutschlands&#8221;) &#8211; für deren Zeitschriften sie außerdem regelmäßig Beiträge schrieb &#8211; entfaltete sich bald zu einem dichten, tragenden sozialen Beziehungsnetz. Insbesondere die innige Freundschaft mit Rudolf Rocker und Milly Witkop-Rocker hielt lebenslang.</p>
<p>Ihre Eingebundenheit in die anarchistische Bewegung Groß-Berlins, in der sich damals viele &#8220;selbständige jüdische Frauen engagierten, deren Themen wie soziale Revolution, Freie Pädagogik, die Bedeutung von kultureller Arbeit und Frauenemanzipation sowie der hohe Stellenwert solidarischen, verantwortungsbewußten Verhaltens boten ihr geistigen, emotionalen und politischen Rückhalt.&#8221; (2)</p>
<p>Auch für ihre Anfangszeit in Barcelona im Exil war ihr der syndikalistische FreundInnenkreis aus Berlin eine solidarische Stütze. Bereits von Berlin aus konnten ihre FreundInnen Etta Federn Anlaufadressen und Mitarbeitsmöglichkeiten in Barcelona verschaffen. Ihre Integration als Exilantin erfolgte außergewöhnlich schnell. Innerhalb weniger Wochen war sie imstande, journalistische Artikel auf Spanisch zu veröffentlichen, gleichzeitig lernte sie katalanisch.</p>
<p>Trotzdem litt sie anfänglich unter dem Verlust, ihre poetisch-literarische Ausdrucksfähigkeit im Exilland vorerst nicht verwirklichen zu können. Hinzu kamen finanzielle Belastungen. Aufgrund ihrer Notsituation halfen ihr nahestehende Verwandte in den USA mit regelmäßigen, allerdings geringen Überweisungen.</p>
<p>Im faschistischen Deutschland von 1933 wurden inzwischen alle ihre bisherigen Veröffentlichungen bei der Bücherverbrennung den Flammen übergeben und ihr Name auf die &#8220;schwarze Liste&#8221; gesetzt. Trotz Verschärfung der spanischen Ausländergesetze und zunehmender Bespitzelung durch die NSDAP/Auslandsorganisation in Barcelona gelang es ihr, zahlreiche deutsche Flüchtlinge in ihrer Wohnung zu beherbergen.</p>
<p>Im Jahre 1938, kurz vor dem Einmarsch Francos, verließ sie aufgrund der massiven Bombardierungen Barcelonas ihr Exilland. In Paris fand sie schließlich für sich und ihre beiden Söhne Unterkunft. Bis zu ihrem Lebensende (1951) blieb diese Stadt ihre Wahlheimat. Obwohl Etta Federn zum Zeitpunkt der Übersiedlung physisch völlig erschöpft war, ja teilweise sogar ernsthaft erkrankt, beteiligte sie sich aktiv an der Résistance durch Übersetzungen, Propagandaarbeit und Organisierung. Schmerzlich war dann nochmal der Verlust ihres ältesten Sohnes, der als Kämpfer der Résistance 1945 in einem Gefecht umgekommen war. Paradoxerweise erhielt sie gerade wegen diesem Vorfall die französische Staatsangehörigkeit und eine kleine monatliche Entschädigungsrente.</p>
<p>Die von Marianne Kröger vorgelegte Publikation &#8220;Mujeres de las revoluciones&#8221; bietet zugleich einen spannend und interessant geschriebenen Einblick in das Lebenswerk Etta Federns. Wesentliche Orte und längst verlorengegangene Spuren dieser uns heute zumeist unbekannten Schriftstellerin und libertären Sozialreformerin sind aufgedeckt und wiedergefunden. Besonders der psycho-soziale Aspekt, nämlich auf welche Weise die Persönlichkeit Etta Federns selbst mit den libertären sozialen Bewegungen ihrer Zeit verbunden war, ist meines Erachtens gut herausgearbeitet.</p>
<p><em><strong>Martina Pawlowski</strong></em></p>
<p><em>Aus: &#8220;<a href="http://www.graswurzel.net/225/federn.shtml" target="_blank">Graswurzelrevolution</a>&#8221; Nr. 225 (Jänner 1998)</em></p>
<p>Fußnoten:</p>
<p>(1) Marianne Kröger: Etta Federn. Schreiben als geistige Überlebensarbeit. In: Mit der Ziehharmonika. Literatur / Widerstand / Exil, 12. Jg., Nr. 3, Wien, Oktober 1995, S.11.</p>
<p>(2) a.a.O., S.9.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/etta-federn-1883-1951-und-die-mujeres-libres/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Mujeres Libres“</title>
		<link>http://www.die-gruppe-md.de/%e2%80%9emujeres-libres%e2%80%9c</link>
		<comments>http://www.die-gruppe-md.de/%e2%80%9emujeres-libres%e2%80%9c#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 17:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[A-Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[A-Organisationen]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchismus]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus und Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Spanische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[AMA]]></category>
		<category><![CDATA[ANDJ]]></category>
		<category><![CDATA[BOC]]></category>
		<category><![CDATA[CNT]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[JSU]]></category>
		<category><![CDATA[POUM]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[UDC]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.die-gruppe-md.de/?p=269</guid>
		<description><![CDATA[Wie überall in Europa, so auch in Spanien, untermauerten scheinwissenschaftliche Argumentationen die angebliche Minderwertigkeit der Frauen gegenüber dem Mann. Einziger Unterschied zu den säkularisierten Staaten war die Tatsache, dass in Spanien die Doktrin des Katholizismus vorherrschte. Dort war die Minderwertigkeit vom göttlichen Willen abgeleitet. In den patriarchal strukturierten Gesellschaften dominierte die Geschlechterdifferenz, was bedeutete, dem Mann wurde rationale Sachlichkeit zugeordnet, während der Frau unterstellt wurde rein emotional gesteuert zu sein.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-269"></span><strong>Die anarchistische Frauenorganisation „Mujeres Libres“ zur Zeit der sozialen Revolution in Spanien 1936-1939</strong></p>
<p>Da es hier nicht um den Spanischen Bürgerkrieg gehen soll, aber um eine Frauengruppe, die sich kurz vor Beginn des Bürgerkriegs gründete, kurz einige Daten und Fakten zu diesem Krieg:</p>
<p>Der Historiker Walther L. Bernecker benennt vier entscheidende Gründe für den Bürgerkrieg, die fundamentale Konflikte darstellen:</p>
<ol>
<li> die Agrarfrage; schlecht bezahlte TagelöhnerInnen im Vergleich zu Großgrundbesitzern; das Fehlen einer Mittelschicht auf dem Lande im Vergleich zur Stadt , nur Katalonien und das Baskenland hatten eine starke Mittelschicht auf dem Land; der Landbesitz hatte eine große Bedeutung für das Ansehen des Bauern, für seine Rente und das Erbrecht, und der Großgrundbesitzer hatte Verfügungsgewalt über den nationalen Reichtum;</li>
<li>Konflikte zwischen Stadt und Land die aber eher politischen Charakter hatten durch die Sonderrechte von Katalonien und dem Baskenland. Diese beiden Regionen waren die Reichsten , aber ihre Sonderrechte wurden ihnen spätestens im 19.ten Jahrhundert wieder aberkannt. Die Macht hatte nun das Zentrum.</li>
<li>der Einfluss des Militärs, das Heer stand nicht nur für konservative Werte, vielmehr haben sie bei jedem Putsch ihre Hand im Spiel;</li>
<li>letztlich das enge Verhältnis zwischen Staat und Kirche, das dazu führte, dass die ArbeiterInnen in den Funktionsträgern der Parteien und der Regierung insgesamt mit der Macht der Kirche und ihren Werten identifizierten. Der Katholizismus war Staatsideologie.</li>
</ol>
<p>Bei den Wahlen im April 1931 siegten die pro-republikanischen Parteien. Am 14. April 1931 wurde die Republik ausgerufen. In der republikanischen Verfassung werden zwar den Frauen einige Rechte zugestanden wie z. B. Artikel 36 bedeutete das Wahlrecht für Frauen. Artikel 43 gestand die gleichen Rechte für Frauen in der Ehe wie für die Männer zu. Artikel 25 sichert den Frauen Gleichberechtigung in rechtlichen Fragen zu und im Artikel 40 wird festgelegt, dass alle Spanier ungeachtet ihres Geschlechts für alle Berufe und Posten zugelassen sind. All das war von Anbeginn umstritten, selbst von Frauen. Drei weibliche Parlamentsabgeordnete waren gegen das Wahlrecht von Frauen, weil sie fürchteten diese stimmten sowieso nur wie ihre konservativen Männer vorgaben. Prompt wurden auch die Frauen für den Wahlsieg der Rechten 1933 verantwortlich gemacht. In den fünf Jahren der zweiten Republik gab es ständig kleine Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Schon 1933 erheben sich mehrere Dörfer und rufen den libertären Kommunismus aus. Berühmt wurde „CASAS VIEJES“. In diesem Dorf wurde die Polizei besiegt und ein inhaftierter Anarchistenführer aus dem Gefängnis befreit. Allerdings eroberte die Guarda Civil das Dorf zurück und erschoss 11 AnarchistInnen und 13 andere DorfbewohnerInnen. Es kommt zu Massendemonstrationen, die die Gewerkschaft CNT organisiert. Am 16. Februar 1936 gewinnt die Volksfront die Wahlen. Die Volkfront ist ein Bündnis von linken und republikansichen Parteien.</p>
<p>Am 17. Juli 1936 putscht das Militär und bringt die Francisten unter Francisco Franco an die Macht. Danach beginnt der Spanische Bürgerkrieg.</p>
<p>Die Situation der Frau in der Spanischen Gesellschaft war durch die Verbindung von Staat und Kirche gekennzeichnet von den drei K.: Kinder – Küche – Kirche.</p>
<p>Die Unterdrückung durch den Mann reduziert die Frau auf das Haus und durch die Erziehung der Kinder, bevormundet durch die Kirche, war die Frau getrennt von dem politischen gesellschaftlichen Geschehen. Die einzige Möglichkeit für soziale Kontakte bestand beim täglichen Gang in die Kirchen zur Messe (Anderseits waren es aber auch Klöster, die den Frauen Arbeit gaben.).</p>
<p>Wie überall in Europa, so auch in Spanien, untermauerten scheinwissenschaftliche Argumentationen die angebliche Minderwertigkeit der Frauen gegenüber dem Mann. Einziger Unterschied zu den säkularisierten Staaten war die Tatsache, dass in Spanien die Doktrin des Katholizismus vorherrschte. Dort war die Minderwertigkeit vom göttlichen Willen abgeleitet. In den patriarchal strukturierten Gesellschaften dominierte die Geschlechterdifferenz, was bedeutete, dem Mann wurde rationale Sachlichkeit zugeordnet, während der Frau unterstellt wurde rein emotional gesteuert zu sein. Im Laufe des Bürgerkriegs veränderte sich diese Sichtweise aber nur punktuell. Dies zeigte sich am deutlichsten im späteren Verbot für Frauen, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen. Das Verbot wurde allerdings zum Teil auch damit begründet, dass die Frauen im Hinterland gebraucht würden, um die Arbeitsplätze der Männer auszufüllen, die jetzt im Krieg waren. Die Produktion musste aufrechterhalten werden und die Landwirtschaft musste funktionieren.</p>
<p>Lucía Sánchez Saornil – sie hatte von 1895 bis 1970 gelebt –war Telefonistin und hat auch als solche gearbeitet. Mercedes Comaposada Guillén hat von 1900 bis 1994 gelebt und wird in den verschiedenen Büchern als Akademikerin benannt (in welcher Weise auch immer). Ámparo Poch y Gascón hat von 1902 bis 1968 gelebt. Sie war Ärztin.</p>
<p>Diese drei Frauen haben die Gruppe „Mujeres Libres“ gegründet im April 1936, nachdem sie schon Jahre vorher eine Zeitschrift herausgaben. Der Name der Gruppe war auch gleichzeitig der Name ihrer Zeitschrift, die bis 1939 herausgegeben wurde.</p>
<p>Eine andere Frauengruppe hatte sich schon 1934 gegründet: die *Grupo Cultural Femenino * (CNT).</p>
<p>Als Mujeres Libres von der Frauengruppe 1936 erfuhr, nahm im September 1936 Mercedes Comaposada in Barcelona an einem Regionaltreffen der CNT teil. Beim Austausch der Informationen und Programme wurden schnell die Unterschiede deutlich. „Mujeres Libres“, die ihren Sitz in Madrid hatte, wollte nicht nur eigene Mitgliederinnen agitieren und zur Befreiung ihrer Unterdrückung und Ausbeutung befähigen, vielmehr wollten sie unpolitische Frauen für ihre Arbeit begeistern. Während die Frauen der CNT sich hauptsächlich nur um ihre eigenen Frauen bemühen.</p>
<p>Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise überwogen die Gemeinsamkeiten, so dass es einen Zusammenschluss der beiden Gruppen unter dem Namen „Mujeres Libres“ gab.</p>
<p>Die Organisation der Gruppe glich denen der anderen anarchistischen Gruppierungen, die sich nach dem Prinzip der Basisdemokratie organisiert hatten. So wurde die ehemalige CNT eine Untergruppe von „Mujeres Libres“ Madrid in Barcelona.</p>
<p>Auf der unteren Ebene gab es lokale Gruppen, die Frauen in die Provinzkomitees entsandten (Originalname „Comité Provincial“). Diese wiederum ernannten und entsandten Frauen in die Regionalkomitees, von dort wurden dann Frauen in die Nationalkomitees geschickt.</p>
<p>Auf dem Kongress im September 1937 in Valencia wird die dezentrale Organisierung in der Satzung festgehalten, so dass die Autonomie der einzelnen Gruppen gesichert war. Es gab somit keine Befehlshierarchie von oben nach unten bei der Gruppe „Mujeres Libres“.</p>
<p>(Der Artikel Nr. 4 aus der Satzung ist in dem Buch von Vera Beanchi “Feministinnen in der Revolution – die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg“ aus dem Unrast Verlag enthalten.)</p>
<p>Die Mitgliederanzahl wird unterschiedlich angegeben, aber nach Aussagen von Mercedes Comaposada waren es im Jahre 1938 bereits 30.000 und am Ende des Bürgerkriegs 60 000.</p>
<p>Die meisten Gruppen gab es im Zentrum von Madrid und in Katalonien – Barcelona, gefolgt von Aragonien, Valencia und Andalusien. Mary Nash, die ein Buch zu Mujeres Libres geschrieben hat, hat im Anhang ihres Buches eine genaue Aufzählung der damaligen Gruppen auggeführt. Wobei sie sogar die außerhalb Spaniens gegründeten Gruppen aufführt.</p>
<p>Am 27. März 1937 erscheint eine Broschüre der Frauenorganisation „Mujeres Libres“ mit dem Titel: „Tierra y Libertad“, in der die Ziele der Gruppe definiert werden.</p>
<p>I. Emanzipation der Frau von ihrer dreifachen Versklavung, der sie im allgemeinen unterworfen war und bleibt: der Sklaverei durch Unwissenheit, der Sklaverei als Frau und der Sklaverei als Produzentin.</p>
<p>II. Aus unserer Organisation eine bewusste und verantwortliche feministische Kraft zu machen, die eine Avantgarde innerhalb der revolutionären Bewegung bildet.</p>
<p>III. Die Unwissenheit bekämpfen, indem wir die Genossinnen kulturell und sozial schulen. Dabei können Mittel eingesetzt werden wie Grundkurse, Konferenzen, Gespräche, kommentierte Lektüre, Filmaufführungen usw.</p>
<p>IV. Einen gegenseitigen Austausch mit den Gewerkschaften, Ateneos und der libertären Jugend einrichten, um zu einer Zusammenarbeit zu gelangen, die unsere revolutionäre Bewegung stärkt. Z. B. eine Gewerkschaft schickt eine Genossin zu der Gruppe, bei der sie eine Grundschulung und soziales Bewusstsein im Umgang mit anderen Genossinnen erhält, die schon länger dabei und erfahrener sind. Einmal so vorbereitet kann diese Genossin in einem Ateneo oder in die libertäre Jugend eintreten und ist dabei in der Lage, eine wirkungsvolle Arbeit leisten.</p>
<p>V. Zu einem echten Zusammentreffen zwischen Genossen und Genossinnen zu gelangen: zusammen leben, zusammen arbeiten und sich nicht ausschließen. Energie für die gemeinsame Aufgabe investieren.</p>
<p>VI. Einen starken Beitrag der Frauen für die konstruktive revolutionäre Aufgabe vorbereiten, indem diese Bewegung Krankenschwestern, Lehrerinnen, Ärztinnen, Künstlerinnen, Kindergärtnerinnen, Chemikerinnen, intelligente Arbeiterinnen zugeführt werden. Das ist wirkungsvoller als nur guter Wille, gepaart mit Unwissenheit.</p>
<p>Diese formulierten Ziele sind noch heute durchaus revolutionär zu nennen, zumal die Gruppe schon Ziele formuliert, die erst in der späten 70iger Jahren unter neuen Namen von Anarcha-Feministinnen propagiert werden. “Tripple Opression“ bedeutet die dreifach Bekämpfung: gegen Rassismus – Sexismus – Kapitalismus.</p>
<p>Die Aktivitäten der Frauengruppe „Mujeres Libres“:</p>
<ul>
<li> Zentren für Frauen errichtet wie Haus der Arbeiterinnen, Mutterschaftshaus &#8230;</li>
<li>Kampagnen gegen Analphabetentum geleitet und eingeführt.</li>
<li>Kurse für Grundbildung und allgemeine Kultur abgehalten.</li>
<li>Wöchentliche Konferenzen und Gespräche über allgemeine Probleme ihrer kulturellen und sozialen Welt organisiert.</li>
<li>Einen kulturellen Träger produziert: die Zeitung „Mujeres Libres“, die mit insgesamt 13 Nummern in der Zeit von 1936 bis 1939 erschienen ist.</li>
<li>Schulen gegründet und gefördert, die der technischen, intellektuellen und sozialen Ausbildung der Frauen dienten. Hier wurden Kurse angeboten wie für bewusste Mutterschaft, für Kleinmechanik, Technik, Landwirtschaft, Geflügelzucht und auch Physikkurse.</li>
<li>Sexuelle Aufklärungskampagnen organisiert und selber durchgeführt.</li>
<li>Kampagnen zur Arbeitsbeschaffung um Frauen ökonomisch unabhängig werden zu lassen.</li>
<li>Kampagnen zur Errichtung von kostenlosen Kinderkrippen in den Fabriken und ArbeiterInnenvierteln angeregt. Es gelang den „Mujeres Libres“ endlich Kinderkrippen und Kinderhorte zu errichten.</li>
<li>Volksspeiseräume für die Arbeiter beider Geschlechter gefordert, um die Arbeiterinnen von ihren Aufgaben zu Hause zu entlasten.</li>
<li>Gewerkschaftliche Hilfen aller Art organisiert.</li>
<li>Landschulen für Flüchtlingskinder gegründet.</li>
<li>Kampagnen zur Heranbildung von LehrerInnen durchgeführt, um einer neuen Konzeption der Erziehung und Bildung in Schulen zum Erfolg zu verhelfen. Die neuen Konzepte sollten bedürfnisorientiert, realistischer und nicht manipulativ sein, damit Kinder freier lernen konnten.</li>
<li>Neue Konzeption zum Abbau der Prostitution erstellt. Zu ihrem Konzept gehörten „Befreiungszentren der Prostitution“.</li>
</ul>
<p>Es gab allerdings bei den Mujeres Libres durchaus auch Frauen, die bewaffnet an der Front kämpften. Andere wiederum versorgten als Krankenschwestern die verwundeten Frauen und Männer an festgelegten Orten. Wieder andere waren als mobile Einsatzkommandos unterwegs (Sanitätswesen, Transport und Verkehr.)</p>
<p>Ich habe aus den vielen Beispielen der Aktivitäten von „Mujeres Libres“ einiges herausgesucht, von denen ich denke, dass sie der Gruppe gerecht werden.</p>
<p><strong>Zu Beginn möchte ich die Zeitung gleichen Namens vorstellen.</strong></p>
<p>Die Zeitschrift „Mujeres Libres“ galt den Frauen als Agitationsorgan für ihre Ziele und ihr aktuelles Programm, aber auch zur Verbreitung von Informationen über ihre Aktivitäten und Berichten aus der anarchistischen Bewegung generell.</p>
<p>Über die Veröffentlichung theoretisch intellektueller Artikel sollte nicht nur geschult werden, vielmehr wollten „Mujeres Libres“ Frauen für die anarchistische Bewegung gewinnen.</p>
<p>Wegen des Bürgerkriegs konnte das Ziel, monatlich zu erscheinen, nicht eingehalten werden.</p>
<p>Die ersten Ausgaben der Zeitschrift erschienen noch vor dem Beginn des Bürgerkriegs im Mai, Juni und Juli 1936. Danach wurden die Zeitschriften nicht mehr nach unserer Zeitrechnung nummeriert ( Zeitrechnung nach Christi Geburt), sondern als Zählung galt der Beginn der Revolution.</p>
<p>Auch in dem Fall, wie in vielen anderen, geht Vera Beanchi akribisch vor und benennt die einzelnen Ausgaben zahlenmäßig. Wie sie im Anhang alle Gruppen aufführt, die es je gegeben hat.</p>
<p>Neben ihrer eigenen Zeitschrift veröffentlichten „Mujeres Libres“ ebenfalls Texte, Gedichtsbände und Abhandlungen zu bestimmten Themen nicht nur eigener Mitgliederinnen, auch Emma Goldmann, die in Amerika lebte, kommt zu Wort. Die Veröffentlichungen bezogen sich aber nicht nur auf bekannte Namen aus der Gruppe. Es kamen sehr wohl auch unbekannte Frauen zu Wort, die über ihre Erfahrungen von der Front oder den Arbeitsplätzen berichteten. Auch Berichte aus dem häuslichen Bereich fanden in der Zeitschrift Platz.</p>
<p>Eine weitere Zeitung war in Planung, die den Namen „Kämpferinnen“ erhalten sollte. Das Projekt scheiterte an den fehlenden Geldern.</p>
<p>In Barcelona unterhielt die Gruppe „Mujeres Libres“ einen eigenen Kiosk , an dem nicht nur die eigenen Broschüren, Bücher und Zeitung vertrieb en wurde. Medienprinten aller Art wurden dort verkauft. Eine große Auswahl sozialkritischer Bücher, Sozialtheorien, Literatur – wir würden heute sagen „Belletristik“ sowie Bücher und Essay´s eigener Mitgliederinnen wie z. B. von Mercedes Comaposada und Lucia Sánchez lagen zum Verkauf aus.</p>
<p>Die Artikel in der Zeitschrift waren mitunter lediglich mit dem Vornamen der Frauen gekennzeichnet, aber überwiegend waren die Artikel mit vollem Namen in der Zeitung.</p>
<p>Besonders hervorhebenswert finde ich die Ausgabe „Mujeres Libres“ Nr. 2, in der die Gruppe ihr Geschichtsbild und -verständnis beschreibt, indem sie von den 4 (vier) Revolutionen schreiben:</p>
<ul>
<li> Die erste sei die von Luther (kirchliche Reformation),</li>
<li>die zweite die der Menschenrechte (französiche Revolution),</li>
<li>die dritte die kommunistische Utopie (die russische Oktoberrevolution),</li>
<li>die vierte sei ihre eigene Revolution.</li>
</ul>
<p>In der gleichen Ausgabe befindet sich eine harte Kritik an der bürgerlichen Demokratie und einer Frauengruppe, die innerhalb bestehender Strukturen die Gleichberechtigung der Frau forderte. Es ginge aber nicht um das Bitten liberaler Gesetzgebung, sondern mit allen Geboten zu brechen, um zur Revolution zu kommen.</p>
<p>Die Ausgabe Nr. 3 war ebenso spannend und interessant. Sie enthielt eine Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral (Frauen müssen monogam leben, Männern ist der Seitensprung durchaus erlaubt.). Dahinter steht der Besitzsicherungsanspruch, um ganz sicher zu sein, dass das in der Ehe geborene Kind auch von dem Ehemann stammt. Gesichert sein sollte damit, dass das Erbe das richtige Kind erreicht.</p>
<p>Mujeres Libres verweist in dem Zusammenhang auf den Ausschluss von vielen Frauen aus dem industriellen Produktionsbereich, um in häuslicher Umgebung die Reproduktionsarbeit leisten zu können. Außerfamiliäre Kontakte waren damit unterbunden. Attach:miliciene_front.jpgIm gleichen Artikel propagiert Mujeres Libres die freie Liebe und fordern die Frauen auf, nicht wegen eines Kindes eine Beziehung oder Ehe aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig distanzieren sie sich von der Auffassung anarchistischer Männer, die in freier Liebe lediglich vermehrte Sexualkontakte verstanden und verstehen (Das Gleiche wiederholte sich in der Zeit der 68er Bewegung, in der ein Spruch gut verdeutlicht, was unter freier Liebe verstanden wurde: „Wer zweimal mit der Selben pennt, gehört schon zum Establishment!“).</p>
<p>Sexuelle Freiheit ist lediglich ein Teil der freien Liebe. Es geht bei der freien Liebe um das Erlernen der *guten Liebe*. Im Originaltext heißt es *Buen Amor*.</p>
<p>An einer anderen Stelle des Buches erwähnt Vera Bianchi eine andere Kommunistin mit Namen Soledad Real, die über die patriarchalen Strukturen ihres Mannes berichtet. Zitat Seite 77: „Ein weiteres Mal, als er auf Fronturlaub kam, war für den gleichen Abend eine Parteiversammlung angesetzt, und ich erklärte ihm, ich muß dahin gehen, aber in etwa zwei Stunden bin ich zurück. Er antworte darauf: an erster Stelle komme ich, und in erster Linie hast du dich um mich zu kümmern.“ Als sie doch gehen will, wird sie von ihrem Mann geschlagen.</p>
<p>Für uns heute kaum nachvollziehbar hat Mujeres Libres sich für ein Hygieneprogramm stark gemacht, wie die anarchistische Bewegung insgesamt. Mujeres Libres forderte den Einbau von Badezimmern mit fließendem Wasser und propagierten den Gebrauch von Seife. Im damaligen Spanien keineswegs selbstverständlich, da die TagelöhnerInnen auf dem Land, sowie die wenigen IndustriearbeiterInnen unter katastrophalen Hygienebedingungen lebten. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch.</p>
<p>Ein anderes Anliegen war Mujeres Libres die sinnvolle Freizeitgestaltung. Deshalb propagierten sie in der Zeitschrift sportliche Betätigung als Entspannung, Freude und Erholung.</p>
<p>Wettkämpfe im Sinne von Siegen im Konkurrenzkampf lehnten sie ab.</p>
<p>In der neuen Art Sport zu treiben sahen sie auch ein Mittel zur Stärkung des Selbstbewusstseins.</p>
<p>Um den Bereich Zeitschriften abzuschließen noch eine Bemerkung: In jeder Ausgabe waren Gedichte vorhanden, wobei sicherlich das berühmteste damals neben der Hymne das über den anarchistischen Kämpfer Buenaventura Durutti war.</p>
<p>In dem Abschnitt über Gründe einer Frauenorganisation führt Vera Bianchi aus, dass keineswegs bei allen anarchistischen Frauen der Gedanke der eigenen Organisation auf Zustimmung stieß. Vor allem ältere von Männern anerkannte Anarchistinnen und GewerkschafterInnen waren gegen eine eigenständige Frauenbewegung. Ihr stärkstes Argument war stets, dass das zu Spaltungen von der anarchistischen Bewegung führen würde, und die Frauenfrage sich mit der Abschaffung des Kapitalismus und dem Sieg der Revolution sich erledigen würde. Diese Frauen sahen einen Automatismus von Revolution und Freiheit, dass heißt für sie würde mit dem Sieg der Revolution die Frauenfrage von selbst sich lösen. Auch Anarchisten waren dieser Meinung.</p>
<p>Was allerdings viele anarchistischen Männer in der Praxis darunter verstanden, hat eine der Mitbegründerinnen von Mujeres Libres in der Zeitung „Solidaridad Obera“ veröffentlicht. Sie schreibt über die Arroganz der anarchistischen Männer gegenüber Frauen anhand eigener Erlebnisse. So hat sie Kurse für anarchistische Arbeiter zur Fortbildung gegeben, die sie abbrechen musste, weil die Männer nicht von einer Frau gelehrt werden wollten. Ein anderer Anarchist, als er gefragt wurde, warum seine Frau zu der Konferenz nicht mitgekommen sei, gab einmal zur Antwort: “Meine Genossin hat genug damit zu tun, auf mich und meine Kinder aufzupassen.“. Und eine Rechtsanwältin wollte ein Anarchist doch lieber beim Geschirr spülen sehen statt im Gerichtsaal als Anwältin. Andererseits konnten aber Frauen in anarchistischen Organisationen durch Teilnahme ihr Selbstwertgefühl stärken.</p>
<p>Mit der Gründung der Frauengruppe Mujeres Libres sollte nicht die Geschlechtertrennung zementiert werden, wichtig war ihnen, für einige Zeit einen Freiraum für Frauen zu schaffen, in dem sie sich ungestört von männlicher Arroganz und Dominanz entfalten konnten, um eine eigene starke kritische Persönlichkeit zu entwickeln. Mujeres Libres waren davon überzeugt, dass die Befreiung der Frauen nur sein kann, wenn diese ihre Emanzipation selber in die Hand nehmen.</p>
<p>Zur Unterstützung einer kollektiven Zusammengehörigkeit hat sich die Gruppe eine eigene Fahne gegeben und eine Hymne.</p>
<p>Wie ernst es Mujeres Libres mit der Befreiung der Frauen von Unterdrückung und Ausbeutung war, belegt sich unter anderem nicht nur durch ihre Schulungen zur Weiterbildung in Berufen und Kampf gegen Analphabetentum, sondern auch welcher alltäglichen Themen und Problemen sie sich widmeten. Ein Anliegen von Mujeres Libres war es, den Frauen zu verdeutlichen, dass es nicht zu ihrer ureignen Natur gehört, sich um Schönheit, Schminken, Kochrezepte, Frisurtipps Mode, Klatsch und Tratsch und ähnlichem zu bemühen, wie ihnen in bürgerlichen Zeitschriften suggeriert wird.</p>
<p>Mujeres Libres brach mit dieser Tradition der Klischees und vermittelte ein anderes Frauenbild und einen anderen Begriff von Schönheit. Zitat aus Buch: „Nicht die geschminkte Frau ist schön, sondern die, deren Äußeres zu ihrem Inneren passt. Im Gesicht einer schönen Frau lasse sich der Ausdruck von Güte, Intelligenz und Sensibilität finden – statt Schminke.“</p>
<p>Ähnlich ist ihre Kritik an der Mode, die nur dazu diene, Frauen Zeit zu rauben für wichtigereDinge. Das Streben nach ständig neuer Garderobe kostet zu dem viel Geld, das die Arbeiterinnen für sinnvollere Dinge einsetzen könnten. Außerdem ist die Mode hässlich und wenig nützlich zur Arbeit.</p>
<p>Scharfe Kritik üben Mujeres Libres an anderen Frauengruppen und ihren Publikationen, in denen das alte Frauenbild stabilisiert würde. Die von ihnen kritisierten Klischees tauchen in den Gruppen auf.</p>
<p>Ähnlich scharf ist die Kritik der Mujeres Libres an der moralischen und ethischen Verurteilung der Prostituierten durch die Gesellschaft, was sich in einem 1931 verabschiedeten Gesetz niederschlägt. Prostitution wird verboten, aber bei bekannt werden, kommen nur die Frauen vor Gericht und werden verurteilt. Freier bleiben unbehelligt.</p>
<p>Soziale Hintergründe wie die Armut der Frauen, die sie auf die Straße trieben, blieben unberücksichtigt.</p>
<p>Damit war Prostitution nicht nur ein Thema für die Gruppe, das in ihrer Zeitschrift aufgegriffen wird, vielmehr eröffnen Mujeres Libres Frauenhäuser, in denen Prostituierte geschult werden, um in andere Berufe zu kommen. Außerdem gibt es dort ärztliche Untersuchungen und Prostituierte können dort auch wohnen. Darüber hinaus gibt es auch ökonomische Unterstützung, vor allem aber moralische und ethische Unterstützung. Genau wie heute galten in der damaligen spanischen Gesellschaft – und nicht nur in ihr – Prostituierte als schlechte Menschen . Die Diffamierung ging bis hin zur Beschimpfung als Verbrecherin.</p>
<p>Für Mujeres Libres waren Prostituierte Marginalisierte. Und es waren nicht wenige Frauen aus dem Kreis, die an der Front kämpften. Vielen Anarchisten war das ein Dorn im Auge und sie versuchten nicht selten selbst im Schützengraben sie als Prostituierte statt als Kämpferin zu behandeln.</p>
<p>Anderseits wurden die bewaffnet kämpfenden Frauen – Milicinas – von allen männlichen Kämpfern im Laufe des Bürgerkriegs als Prostituierte bezeichnet und verunglimpft. Auch von Anarchisten. Dabei wurden zu Beginn der Kämpfe mit Plakatpropaganda die Frauen in blauen Overals in heroischen Posen dargestellt, um Frauen für den bewaffneten Kampf anzuwerben. Als das Bild der Miliciana nicht mehr als positives Symbol fungieren konnte, fielen die meisten Frauen in die alte Frauenrolle der Mutterschaft zurück. Diesmal aber nicht als die alles Richtende im individuellen Haus, sondern als die Mutter der Nation.</p>
<p>Als solche war sie in den Lazaretten als Pflegerin willkommen. Somit waren die spanischen Frauen wieder versöhnt mit den Milicianas und eine Identifikation war mit ihnen möglich.</p>
<p>„Quer durch alle Ideologien herrschte und herrscht zum Teil noch immer die Ansicht, Frau und Kampf schließe sich aus.“ Zitiert nach Ingrid Strobl: Frauen im bewaffneten Widerstand.</p>
<p>Das ist sicherlich auch der Hintergrund für den Erlass vom November 1936 durch Caballero, der es Frauen untersagt, mit der Waffe an der Front zu kämpfen.</p>
<p>Diesem Dekret leistet Mujeres Libres keinen Widerstand. Der Teil der Mujeres Libres, die bis dahin als Kämpferinnen an der Front waren, gehen nun als Krankenschwestern in feste und fahrende Lazarette, als Arbeiterin in die Industrie, um den Mann zu ersetzen, und sind wieder auf dem Land tätig.</p>
<p>Wichtig vielleicht noch zu erwähnen, dass die Gruppe Mujeres Libres im Vergleich zu anderen Frauengruppen, wie z. B. den Mujeres Antifascictas niemals Frauen angeworben haben und sie als Mitläuferinnen behandelten. Das ist ein Vorwurf an Frauengruppen aus der kommunistischen Partei, besonders den Stalinistinnen. Ihnen machten Mures Libres den Vorwurf Frauen für parteipolitische Zwecke zu manipulieren und benutzen. Aber auch die anarchistische Bewegung soll Frauen nicht hinreichend informiert haben über das, was sie zu erwarten haben beim Kampf gegen Faschismus.</p>
<p>Der Hauptunterschied zu den anderen Gruppen bestand darin, dass Mujeres Libres den Kampf um ökonomische und gesellschaftliche Befreiung nicht trennte von dem gleichzeitigen Kampf um die Befreiung der Frau.</p>
<p>Der Weitergang der Revolution nicht zu trennen war vom Kampf gegen den Faschismus.</p>
<p>Während Mujeres Libres eine unabhängige Gruppe war, was sie stets in ihrer Zeitung genau so wie auf Veranstaltungen betonen, waren die von kommunistischen Parteien abhängigen Frauengruppen auch gleichzeitig moskautreu. Sowjetische Frauen werden verherrlicht und als Vorbilder dargestellt, obwohl sie zum größten Teil zu den Säuberungen in Russland schwiegen, die zeitgleich stattfanden. Geschwiegen wurde auch zu den Verhaftungen von AnarchistInnen durch die KommunistInnen in Spanien.</p>
<p>Im Oktober 1938 erscheint die letzte Nummer von „Mujeres Libres“ und am 1. April 1939 ist Francos Sieg über die Volksfront besiegelt. Vera Bianchi schreibt, dass sie nichts genaues über das Schicksal der vielen Mitgliederinnen von Mujeres Libres weiß. Sie gibt nur ein Bild und beschreibt die Atmosphäre nach der Eroberung Spaniens durch die Faschisten. Danach sind die Gefängnisse hoffnungslos überbelegt. Es kommt zu Folter, Vergewaltigungen und anderen Brutalitäten. Besonders auch durch weibliches Personal. Dem stand die Solidarität der gefangenen Frauen gegenüber, die sich Essen teilten und gegenseitig auf ihre Gesundheit achteten.</p>
<p>Bekannt ist nur, dass Lucía Sánchez Saornil, eine der Mujeres Gründerinnen, noch vor dem Sieg der Francisten im Januar 1939 ins Exil nach Paris ging. Beim Einmarsch der Deutschen 1940 flieht sie in die Nähe von Toulouse und arbeitet mit Quäkern zusammen. Aus Angst vor Verhaftung und Konzentrationslager geht sie 1942 nach Spanien zurück. Als sie in Madrid eines Tages auf der Strasse erkannt wird, flieht sie nach Valencia zur Familie ihrer Lebensgefährtin.</p>
<p>Auch Mercedes Comaposada floh 1939 mit ihrem Lebensgefährten Baltasar Lobo nach Paris. Aufgrund der Führsprache von Pablo Picasso wurden sie in Paris geduldet. Sie arbeitet als Picassos Sekretärin und später als Managerin von Baltasar Lobo, der sich auf die Herstellung von Skulpturen spezialisiert hatte. Mercedes Comaposada stirbt 1994.</p>
<p>Ab 1964 gibt es eine Exilzeitung mit Namen „Mujeres Libres en Exilio“, die in Süd-Frankreich nahe der Spanischen Grenze hergestellt wird. Suceso Portalis und Sara Guillén hatten sie mit anderen ehemaligen, jetzt im Exil lebenden „Mujeres Libres“ gegründet. Auch neue bis dahin Nichtmitgliederinnen kamen dazu. Ihre Themen glichen denen von früher wie z. B. über „bewusste Mutterschaft“, Kindererziehung – neue Pädagogik, die davon ausging, dass selbstbewusste Menschen von Anbeginn ihres Lebens sich entwickeln – Empfängnisverhütung, historische/politische Literatur, sowie alte und neue Gedichte.</p>
<p>Nach dem Ende der Franco-Diktatur gründete sich „Mujeres Libres“ ab 1976 erneut in einigen spanischen Städten wie Barcelona, Madrid, Sevilla, Valencia und Zaragoza. Ab 1977 erscheint auch wieder ihre Zeitschrift gleichen Namens. Vera Bianchi schreibt, dass sie danach nichts mehr über Mujeres Libres finden kann, und somit nicht weiß, ob die Gruppe noch weiterhin bestand hatte.</p>
<p><strong>andere Frauengruppen</strong></p>
<p>Schon 1933 gründete sich die Frauengruppe „Agrupación Mujeres Antifacistas“ AMA, -anitfaschistische Frauengruppe &#8211; unter der Schirmherrschaft der Kommunistischen Partei. Ursprünglich hieß die Gruppe „Mujeres contra la Guerra y el Fascismo“ – Frauen gegen Krieg und Faschismus. Diese Gruppe war die einflussreichste Frauengruppe und war Mitglied der 3. Internationale. Frauen aus der Partei und der AMA schlossen sich zusammen unter dem Namen “Mujeres Antifascistas.“ Eine Zeitung mit dem Namen „Monatszeitschrift des Nationalkomitees der antifaschistischen Frauen“ wurde ab 1937 produziert.</p>
<p>Im September 1936 gründen die marxistische Poum eine eigene Frauenorganisation, „Secretariado Femenino del Poum“, die aber von der Partei kontrolliert wird. Die Befreiung der Frau wird nicht thematisiert und spielt in der praktischen Arbeit keine Rolle, da sie als Nebenwiderspruch behandelt wird. Im Widerspruch dazu steht allerdings, dass in ihren Veröffentlichungen Stellung bezogen wird zur Geburtenkontrolle, Abtreibung und Sexualität. Im Mai 1937 löst sich diese Frauengruppe wieder auf.</p>
<p>Poum = Patido Socialista Obrero de Unificación Marxista = Arbeiterpartei der Marxistsichen Vereinigung, linkskommunistisch orientiert. Entstand im September 1935 aus dem Zusammenschluss des BOC und der Kommunistischen Linken. Wichtigste linksradikale Partei während des Bürgerkriegs; erlitt blutige Verfolgungen von Seiten der Stalinisten und war beteiligt am Maiaufstand von 1937 in Barcelona.</p>
<p>BOC = Bloc Obrer i Camperol &#8211; Arbeiter- und Bauernblock, entstand 1930 in Barcelona aus dem Zusammenschluss mehrerer kommunistischer Oppositionsgruppen Kataloniens. Schloss sich im September 1935 mit der dem Trotzkismus nahe stehenden „Kommunistischen Linken“ Andrés Nins zur Arbeiterpartei der Marxistischen Vereinigung (POUM) zusammen.</p>
<p>Eine weitere Frauenorganisation war die „Union der Frauen Kataloniens“ (UDC). Diese war ebenfalls der Kommunistischen Partei Spaniens untergeordnet. Die ANDJ „Nationale Allianz der jungen Frauen“ war eine Frauengruppe, die von der Jugendorganisation JSU gegründet war. JSU = Juventudes Sozialistas Unificades = Vereinigte Sozialistische Jugendorganisation.</p>
<p><em><strong>Alle Abkürzungserklärungen aus der Biographie von Abel Paz: „DURUTTI“, Nautilus Verlag. 1994.</strong></em></p>
<p><em>Dieser Beitrag ist während einem Seminar vom 4. bis 6. April 2005 in Potsdam/Berlin gehalten worden. </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.die-gruppe-md.de/%e2%80%9emujeres-libres%e2%80%9c/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

