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Warum die Revolution fehlschlug

Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum

Um zu sehen, was aus der Russischen Revolution geworden ist, um zu verstehen, welche Rolle der Bolschewismus wirklich in ihr spielte, um zu erkennen, welche Ursachen – wieder einmal in der Geschichte der Menschheit – den großartigen Sieg einer revolutionären Volksbewegung in einen bedauernswerten Fehlschlag verkehrten, ist es zunächst einmal notwendig, zwei Wahrheiten voll und ganz zu erfassen. Unglücklicherweise sind sie noch immer nicht bekannt genug, und ein diesbezügliches Mißverständnis beraubt eine interessierte Mehrheit des wahren Verständnisses der Dinge.

Hier ist die erste Wahrheit:

Zwischen der wahren Revolution einerseits – die nach Expansion drängt und sich tatsächlich bis zu ihrem endgültigen Sieg unbegrenzt ausweiten könnte – und Theorie und Praxis von Autoritarismus und Etatismus andererseits besteht ein expliziter und unversöhnlicher Widerspruch. Staatssozialistische Macht, falls sie siegt, und wahrer sozialrevolutionärer Prozeß sind wesensmäßig auf Kampf gegeneinander eingestellt, auf expliziten unversöhnlichen Gegensatz. Zum Wesen einer echten sozialen Revolution gehört es, daß eine starke und freie schöpferische Bewegung der von aller sklavischen Arbeit befreiten Massen entsteht und ihre Anerkennung findet. Soziale Revolution bedeutet die Bejahung und Ausweitung eines ungeheuren Aufbauprozesses, der sich auf befreite Arbeit, natürliche Koordination und fundamentale Gleichheit gründet.

Im Grunde ist die echte soziale Revolution der Beginn einer wahrhaft menschlichen Entwicklung, d. h. eines freien schöpferischen Aufstiegs der Massen der Menschheit, der auf weitreichender und freier Initiative von Millionen von Menschen in den verschiedensten Tätigkeitsbereichen basiert. Dies Wesen der Revolution erfassen die revolutionären Volksmassen rein instinktiv. Mehr oder weniger präzise durchschaut und formuliert wird es von den Anarchisten.

Was „automatisch“ aus dieser Definition der sozialen Revolution folgt (einer Definition, die nicht zu widerlegen ist), ist nicht die Idee einer autoritären Führung der Massen (mag sie nun diktatorisch erfolgen oder nicht) -, eine Idee, die völlig in die alte bürgerlich-kapitalistische Ausbeuterwelt gehört -, sondern die einer Zusammenarbeit, die die Entwicklung vorantreibt. Ferner folgt aus dieser Definition die Notwendigkeit einer absolut freien Zirkulation aller revolutionären Ideen und das Bedürfnis nach unverhüllter Wahrheit, freier und allgemeiner Suche nach ihr, Experimentieren mit ihr sowie ihre praktische Anwendung als wesentliche Bedingung einer fruchtbaren Aktion der Massen und des vollständigen Sieges der Revolution.

Aber die Basis von Staatssozialismus und delegierter Macht ist die explizite Nicht-Anerkennung dieser Prinzipien der sozialen Revolution. Die charakteristischen Züge sozialistischer Ideologie und Praxis (Autorität, Macht, Staat, Diktatur) gehören nicht der Zukunft an, sondern sind voll und ganz Teil einer bürgerlichen Vergangenheit. Die etatistische Konzeption der Revolution, die Idee einer Grenze, einer „Beendigung“ des revolutionären Prozesses, die Tendenz, ihn einzudämmen, zu „versteinern“, und besonders die nochmalige Konzentration aller künftigen Entwicklung in den Händen des Staates und einiger neuer Herren, anstatt den arbeitenden Massen alle Möglichkeiten einer angemessenen und autonomen Bewegungs- und Handlungsfreiheit zu lassen – all das ruht auf alten Traditionen wohlumrissener Routine, auf einem ausgedienten Modell, das nichts gemeinsam hat mit der wahren Revolution.

Ist dies Modell erst einmal angewandt, so hat man fatalerweise die wahren Prinzipien der Revolution verraten. Dann erfolgt unvermeidlich die Wiedergeburt, wenn auch unter anderem Namen, der Ausbeutung der arbeitenden Massen mit all ihren Konsequenzen.

Deshalb sind der Vormarsch der revolutionären Massen in Richtung auf wirkliche Befreiung und die Schaffung neuer Formen des sozialen Lebens ohne jeden Zweifel unvereinbar mit dem Prinzip staatlicher Macht. Und es ist klar, daß das revolutionäre Prinzip wesensmäßig der Zukunft zugewandt ist, während das andere völlig der Vergangenheit verbunden und damit reaktionär ist. Die autoritäre sozialistische Revolution und die (wahre) soziale Revolution verfolgen zwei verschiedene Ziele. Deshalb muß die eine siegen und die andere untergehen. Entweder wird die wahre Revolution mit ihrer mächtigen, freien und schöpferischen Flut endgültig mit den Wurzeln der Vergangenheit brechen und auf den Ruinen des autoritären Prinzips triumphieren, oder das autoritäre Prinzip erringt den Sieg, und dann werden die Wurzeln der Vergangenheit die wahre Revolution „erwürgen“, und sie kann nicht mehr erreicht werden.

Sozialistische Macht und sozialistische Revolution sind einander widersprechende Elemente. Es ist unmöglich, sie zu versöhnen oder gar sie miteinander zu verbinden; der Triumph der einen bedeutet die Gefährdung der anderen, mit all ihren jeweils logischen Konsequenzen. Eine Revolution, die vom Staatssozialismus inspiriert ist und ihm ihr Schicksal anvertraut, ist verloren, auch wenn sie es nur provisorisch und vorübergehend tun wollte. Sie hat die falsche Richtung eingeschlagen an einem immer steiler werdenden Hang, der direkt in den Abgrund führt.

Hier ist die zweite Wahrheit:

– oder besser gesagt ein logisches Ganzes von Wahrheiten -, die die erste vervollständigt und spezifiziert:

1. Jede politische Macht schafft unvermeidlich für die Männer, die sie ausüben, eine privilegierte Stellung. So verletzt sie von Anbeginn an das Gleichheitsprinzip und trifft die soziale Revolution ins Herz, die weitgehend von diesem Prinzip inspiriert ist.

2. Jede politische Macht wird unvermeidlich zur Quelle für andere Privilegien, auch wenn sie nicht in den Händen der Bourgeoisie ruht. Nachdem sie die Revolution übernommen, gemeistert und gezügelt hat, ist die Macht gezwungen, einen bürokratischen Zwangsapparat zu schaffen, den keine Autorität entbehren kann, die sich erhalten, befehlen, anordnen – in einem Wort: die „regieren“ möchte. Alle möglichen Elemente, die begierig sind zu herrschen und auszubeuten, fühlen sich von ihr angezogen und scharen sich um sie.

So bildet sie eine neue privilegierte Kaste heran, zuerst eine politische, später eine ökonomische: Direktoren, Funktionäre, Soldaten, Polizisten usw. – Individuen, die von ihr abhängig und deshalb bereit sind, sie zu unterstützten und gegen alle übrigen zu verteidigen, ohne sich im geringsten um „Prinzipien“ oder „Gerechtigkeit“ zu bekümmern. Sie pflanzt überall den Keim der Ungleichheit und infiziert sehr bald den gesamten sozialen Organismus, der immer passiver wird, bis er sich außerstande fühlt, der Infektion zu wehren und dann selbst der Wiederkehr des bürgerlichen Prinzips in neuem Gewande zuneigt.

3. Jede Macht sucht mehr oder weniger die Zügel des sozialen Lebens in die Hand zu nehmen. Sie prädisponiert die Massen zur Passivität, und jeder Geist der Initiative wird erstickt durch die bloße Existenz der Macht und durch den Grad, in dem sie ausgeübt wird.

Die „kommunistische“ Macht, die im Prinzip alles in ihren Händen konzentriert hat, ist, in diesem Zusammenhang, eine wahre Falle. Aufgeplustert mit ihrer eigenen „Autorität“ und angefüllt mit angeblicher „Verantwortung“, mit der sie sich im Grunde selbst ausgestattet hat, fürchtet sie jede unabhängige Aktion. Jede autonome Initiative erscheint in ihren Augen sofort als suspekt und bedrohlich; deshalb sucht sie jede derartige Aktion abzuschwächen und zu vereiteln. Denn sie möchte das Ruder in der Hand halten, und zwar alleine. Initiative von irgendwo anders her erscheint ihr als Einbruch in ihr Gebiet und ihre Prärogativen. Solch eine (unabhängige Bewegung) ist für diese Macht unerträglich. Und sie wird mißachtet, abgelehnt und ausgelöscht oder sorgfältig überwacht und kontrolliert mit einer Logik und Ausdauer, die abscheulich und erbarmungslos sind.

Die ungeheuren, neuen kreativen Kräfte, die latent in den Massen vorhanden sind, bleiben so ungenützt. Dies gilt sowohl für das Gebiet des Handelns als auch für das des Denkens. In bezug auf letzteres hat sich die „kommunistische“ Macht überall durch eine absolute Intoleranz ausgezeichnet, die nur noch der der Heiligen Inquisition vergleichbar ist. Denn, auf einer anderen Ebene, hat diese Macht sich auch als einziger Träger von Wahrheit und Sicherheit betrachtet und Widerspruch oder eine andere Art des Denkens und Fühlens weder akzeptiert noch geduldet.

4. Keine politische Macht ist in der Lage, die gigantischen Probleme der konstruktiven Phase der Revolution zu lösen. Die „kommunistische“ Macht, die diese enorme Aufgabe übernahm und vorgab, sie zu lösen, erwies sich in dieser Hinsicht als ganz besonders ungeeignet. Sie beanspruchte in der Tat, die gesamte titanische und unendlich vielfältige Aktivität von Millionen von menschlichen Wesen zu „dirigieren“. Um dies erfolgreich auszuführen, hätte sie fähig sein müssen, in jedem Augenblick die unermeßliche und bewegte Fülle des Lebens zu umfassen: Sie hätte fähig sein müssen, alles zu wissen, zu überwachen, zu ordnen, zu organisieren und zu führen. Es wäre dies die Bewältigung einer unberechenbaren Anzahl von Bedürfnissen, Interessen, Aktivitäten, Situationen, Kombinationen und Transformationen – und daher von Problemen aller Art gewesen, die sich in ständiger Bewegung befinden!

Da sie bald nicht mehr wußte, wohin sie sich treiben lassen sollte, endete die Macht dabei, überhaupt nichts mehr zu umfassen, zu arrangieren oder zu „dirigieren“. Und vor allem erwies sie sich als absolut machtlos, das durcheinandergeratene wirtschaftliche Leben Rußlands wirksam zu organisieren. Der Desintegrationsprozeß machte rasche Fortschritte. Völlig aus den Angeln gehoben, quälte sich das Wirtschaftsleben in ungeordneten Bahnen, zwischen den Überresten des gefallenen Regimes und der Ohnmacht des neu proklamierten Systems, dahin.

Unter diesen Umständen führte die Unfähigkeit der („kommunistischen“) Macht (in Rußland) innerhalb kürzester Frist zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Das bedeutete den Stillstand der industriellen Tätigkeit, den Ruin der Agrikultur, die Unterbrechung aller Verbindungen zwischen den verschiedenen Zweigen der (nationalen) Wirtschaft und die Zerstörung jedes ökonomischen und sozialen Gleichgewichts.

Dies führte gleich zu Beginn unvermeidlich zu einer Politik der Zwangsmaßnahmen – besonders in bezug auf die Bauern. Sie wurden, trotz allem, gezwungen, die Städte mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Aber dies Vorgehen erwies sich als ineffektiv, weil die Bauern Zuflucht suchten in passivem Widerstand, und Armut regierte das ganze Land. Arbeit, Produktion, Transport und Tausch blieben ohne Organisation und verfielen in einen chaotischen Zustand.

5. Um das wirtschaftliche Leben eines Landes auf einem erträglichen Niveau zu erhalten, stehen der staatlichen Macht in letzter Konsequenz nur die Mittel des Zwangs, der Gewalt und des Terrors zu Gebote. Sie setzt sie auf immer breiter werdender Basis und immer methodischer ein. Aber das Land muß sich weiterhin in schrecklicher, an Hungersnot grenzender Armut abmühen. Die ins Auge springende Unfähigkeit staatlicher Macht, ein gesundes wirtschaftliches Leben zu etablieren, die handgreifliche Sterilität der Revolution, das physische und moralische Leiden, das auf diese Weise für Millionen von Menschen geschaffen wird, eine Gewalt, die täglich an Despotismus und Intensität zunimmt – das sind die wesentlichen Faktoren, die die Bevölkerung bald ermüden und abschrecken, sie zu Feinden der Revolution werden lassen und auf diese Weise das Wiederaufleben antirevolutionären Geistes und seiner Bewegungen begünstigen. Diese Situation regt die sehr große Zahl neutraler oder gedankenloser Elemente, die bis jetzt zögerten oder der Revolution eher positiv gegenüberstanden, an, feste Stellung gegen sie zu beziehen. Und schließlich vernichtet sie auch den Glauben vieler ihrer Anhänger.

6. Solch eine Lage der Dinge führt die Revolution nicht nur auf Abwegen, sondern kompromittiert auch das Werk ihrer Verteidigung.

Anstatt soziale Organisationen zu haben (Vereinigungen, Kooperative, Assoziationen, Föderationen usw.), die aktiv, lebendig, auf gesunde Weise koordiniert und fähig sind, ihre wirtschaftliche Entwicklung gegen die Gefahr der Reaktion, die unter solchen Umständen gering ist, zu sichern, sind, ein paar Monate nach Beginn der unheilvollen etatistischen Praxis, wieder eine Handvoll von Karrierejägern und Abenteurern an der Macht, die sich unfähig zeigen, die Revolution zu „rechtfertigen“ und in ihrer Substanz zu festigen, haben sie sie doch selbst grausam verstümmelt und sterilisiert. Nun sind sie gezwungen, sich (und ihre Anhänger) gegen eine ständig zunehmende Zahl von Feinden zu verteidigen, deren Erscheinen und wachsende Aktivität sie sich selbst und ihrem eigenen Versagen zuzuschreiben haben. So wohnt man nicht einer natürlichen und leichten Verteidigung der sozialen Revolution bei, die sich allmählich selbst behauptet und bestätigt, sondern wird wieder einmal Zeuge des beunruhigenden Schauspiels einer versagenden Macht, die mit allen und oft den grausamsten Mitteln ihr Leben verteidigt.

7. Diese falsche Verteidigung ist natürlich von oben organisiert, mit Hilfe alter und monströser politischer und militärischer Methoden, die „erprobt“ sind; mit Hilfe absoluter Kontrolle der Regierung über das Volk; Bildung einer regulären, blind gehorchenden Armee; Schaffung professioneller polizeilicher Institutionen und fanatischer Spezialkörperschaften; Unterdrückung von Freiheit der Meinungsäußerung, der Presse, der Versammlung und besonders des Handelns; Einführung eines repressiven Terror-Regimes usw.

Es ist wieder einmal die Frage der Ausbildung von Individuen zur Barbarei, um eine völlig unterwürfige Streitmacht zur Verfügung zu haben. Mit den anormalen Bedingungen, unter denen die Ereignisse abrollen, gewinnen all diese Vorgänge rasch einen Aspekt der Gewalttätigkeit und des Despotismus. Der Verfall der Revolution hält damit Schritt.

8. Es ist unvermeidlich, daß die bankrott gegangene „revolutionäre“ Macht sich nicht nur Feinden „zur Rechten“, sondern auch „zur Linken“ gegenübersieht. Auf der Linken stellen sich ihr all jene entgegen, die sich als Träger der wahren revolutionären Idee verstehen, von der sie glauben, sie habe sich bloß den Fuß verrenkt. So wollen sie für sie kämpfen, formieren sich zu ihrer Verteidigung und greifen die Macht im Interesse der wahren Revolution an.

Aber, nachdem sie einmal vom berauschenden Gift der Herrschaft, der Autorität und ihrer Vorrechte gekostet hat, kann und will die Macht ihr Versagen weder eingestehen, noch gar das Feld räumen. Sie ist nun einmal selbst davon überzeugt und sucht auch die Welt zu der Meinung zu bekehren, daß sie die einzig wahre revolutionäre Macht sei, die fähig ist, im Namen des „Proletariats“ zu handeln. Glaubt sie sich doch der Revolution „verpflichtet“ und für sie „verantwortlich“, indem sie durch eine unvermeidliche Verirrung das Schicksal der Revolution mit ihrem eigenen verwechselt und so anspruchsvolle Erklärungen und Rechtfertigungen für all ihre Taten findet. Und je mehr sie sich im Unrecht und bedroht weiß, desto wütender geht sie an ihre eigene Verteidigung. Sie möchte um jeden Preis, Herr der Lage bleiben. Sie hofft sogar immer noch, die „Dinge wieder ins rechte Lot zu bringen“.

Sehr wohl wissend, daß es sich um eine Frage ihrer eigenen Existenz handelt, hört die staatliche Macht auf, ihre Feinde differenziert zu sehen: Sie unterscheidet nicht länger zwischen ihren eigenen Feinden und denen der Revolution. Immer mehr von einem bloßen Selbsterhaltungstriebe dirigiert und immer weniger in der Lage, sich zurückzuziehen, beginnt sie mit lautstarkem Getöse und blindwütiger Unverfrorenheit nach allen Richtungen um sich zu schlagen, nach links nicht weniger als nach rechts. Sie schlägt jeden ohne Unterschied, der nicht für sie ist. Um ihr eigenes Schicksal zitternd, zerstört sie die besten Kräfte der Zukunft. Sie erstickt die revolutionären Bewegungen, die, unvermeidlich, erneut entstanden waren. Sie unterdrückt die Revolutionäre und die einfachen Arbeiter in Massen, die sich keines anderen Vergehens schuldig gemacht haben als das Banner der sozialen Revolution erneut entfaltet zu haben.

Indem sie so, fundamental ohnmächtig, handelt, stark nur durch Terror, ist sie gezwungen, ihr Tun zu verheimlichen, zu täuschen, zu lügen und zu verleumden, da sie es als gute Taktik betrachtet, nicht offen mit der Revolution zu brechen und sich ihr Prestige wenigstens im Ausland zu erhalten.

9. Aber wenn man die Revolution erwürgt, kann man sich nicht auf sie stützen. Auch ist es unmöglich, sich im luftleeren Raum ausgestreckt zu erhalten, unterstützt nur von der unsicheren Macht der Bajonette und der Umstände. Deshalb ist die staatliche Macht, nachdem sie die Revolution abwürgte, gezwungen, sich immer klarer und fester durch die Hilfe und Unterstützung reaktionärer und bürgerlicher Elemente rückzuversichern, die aus schlauer Berechnung geneigt sind, ihr zu dienen und gemeinsame Sache mit ihr zu machen.

Die staatliche Macht fühlt, wie sie den Boden unter den Füßen verliert, seit sie sich immer weiter von den Massen entfernt und auch noch die letzten Verbindungen zur Revolution abgebrochen hat. Eine ganze Kaste privilegierter großer und kleiner Diktatoren, Diener, Schmeichler, Karrieretypen und Parasiten hat sie geschaffen und blieb dennoch unfähig, irgend etwas wirklich Revolutionäres und Positives zu erreichen. Nachdem sie die neuen Kräfte abgelehnt und zerstört hatte, war die staatliche Macht gezwungen, sich zu konsolidieren und sich den reaktionären Kräften zu öffnen. Ihre Gesellschaft sucht sie immer häufiger und immer lieber. Gemeinsam mit ihnen gewinnt sie an Boden, hat sie doch keine andere Chance, am Leben zu bleiben. Nachdem sie die Freundschaft der Massen verloren hat, sucht sie nach neuen Sympathien. Sie hofft, ihre neuen Freunde eines Tages zu verraten. Aber inzwischen verstrickt sie sich täglich stärker in antirevolutionäre und antisoziale Machenschaften. Die Revolution greift sie immer energischer an. Und die Macht kämpft gegen die Revolution mit wutschnaubender Heftigkeit, unterstützt durch Waffen, die sie selbst geschmiedet, und Streitkräfte, die sie selbst aufgestellt hat. Die Revolution wird in diesem ungleichen Kampf bald völlig besiegt sein. Sie ist an einem Punkt angelangt, an dem es nur noch Tod und Desintegration geben kann. Die Agonie endet in einer todesähnlichen Erstarrung. Der Schlitten ist am Fuße des Abhangs angelangt. Wir stehen am Abgrund. Die Revolution hat ihre Blüte hinter sich. Die Reaktion triumphiert – in scheußlicher Kriegsbemalung, arrogant, brutal, bestialisch.

Jene, die diese Wahrheiten und ihre unbestechliche Logik noch immer nicht begriffen haben, haben überhaupt nichts verstanden von der Russischen Revolution. Und deshalb sind all diese blinden Männer, die „Leninisten“, die „Trotzkisten“, und wie sie alle heißen mögen, unfähig, auf plausible Weise den Bankrott der Russischen Revolution und des Bolschewismus zu erklären – einen Bankrott, den sie doch eingestehen müssen. (Wir sprechen hier nicht von den westlichen „Kommunisten“, sie ziehen es vor, blind zu bleiben).

Weil sie die Russische Revolution nicht verstanden haben, weil sie nichts aus ihr gelernt haben, sind sie bereit, dieselbe Folge böser Irrtümer zu wiederholen: politische Partei, Eroberung der Macht, Regierung („der Arbeiter und Bauern“!), Staat („die Sozialisten“), Diktatur („des Proletariats“) – einfältige Plattitüden, verbrecherische Widersprüchlichkeiten, entsetzlicher Unsinn! Es wird der nächsten Revolution zum Unglück gereichen, wenn sie diese fäulnisbefallenen Körper wiederbelebt, wenn es ihr erneut gelingt, die arbeitenden Massen in dies makabre Spiel zu verstricken. Sie würde nur neuen Hitlern die Gelegenheit geben, sich aus den Trümmern ihres Fehlschlags zu erheben. Und wieder einmal würde ihr „Licht für die Welt erlöschen“. Lassen Sie mich die Elemente der Situation noch einmal zusammenfassen:

Die „revolutionäre“ Regierung („sozialistisch“ oder „kommunistisch“) wurde eingesetzt. Natürlicherweise verlangt sie alle Macht für sich. Sie befiehlt (Was hätte sie sonst auch für einen Sinn?).

Es ist nur eine Frage der Zeit bis zum Aufkommen der ersten Meinungsverschiedenheit zwischen Regierenden und Regierten. Diese Meinungsverschiedenheit wird umso unvermeidlicher auftauchen als eine Regierung, wer immer sie stellt, unfähig ist, die Probleme einer großen Revolution zu lösen; nichtsdestotrotz will jede Regierung in allem recht haben, alles monopolisieren und sich diese Initiative, die Wahrheit und die Verantwortung für das Handeln vorbehalten. Diese Meinungsverschiedenheit wird immer zum Vorteil der Herrschenden geregelt, die schnell lernen, ihre Autorität mit verschiedenen Mitteln durchzusetzen. Und in der Folge fällt alle Initiative unvermeidlich den Herrschenden zu, die nach und nach zu den Herren der Regierten werden.

Ist das erreicht, kleben die „Herren“ an der Macht trotz ihrer Unfähigkeit, Ungeeignetheit und Unzulänglichkeit. Sie halten sich natürlich für die wahren Träger der Revolution. Lenin (oder Stalin) wie Hitler „hat immer Recht…“, „Arbeiter, gehorcht euren Führern! Sie wissen, was sie tun, und sie arbeiten für euch …“, „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, („damit wir euch besser herumkommandieren können“). Aber dieser letzte Teil des Schlachtrufs wird von den „freundlichen Führern“ der „Arbeiterparteien“ nie laut geäußert.

So werden die Regierenden Schritt für Schritt zu den absoluten Herren des Landes. Sie schaffen eine privilegierte Klasse, auf die sie sich stützen. Sie organisieren Streitkräfte, die in der Lage sind, sie zu schützen und gegen jede Opposition, jeden Widerspruch und jede freie Initiative grimmig zu verteidigen. Indem sie alles monopolisieren, reißen sie das gesamte tätige Leben des Landes an sich. Und da sie keine andere Art des Handelns kennen, unterdrücken, unterjochen, versklaven sie, und beuten sie aus. Sie machen jeden Widerstand unmöglich. Im Namen der Revolution verfolgen und töten sie jeden, der sich ihrem Willen nicht beugen will. Um sich selbst zu rechtfertigen, lügen, betrügen, verleumden sie. Um die Wahrheit zu ersticken, gehen sie brutal vor. Sie füllen die Gefängnisse und die Exile; sie foltern, töten, richten hin, ermorden! Das ist genau das, was unvermeidlich mit der Russischen Revolution geschah.

Nachdem die bolschewistische Regierung als absoluter Herr sich an der Macht etabliert, ihre Bürokratie, Armee und Polizei organisiert und das Geld gefunden hatte, um einen neuen sog. „Arbeiter“-Staat zu gründen, nahm sie das Schicksal der Revolution völlig in die eigene Hand. Fortschreitend – in dem Maße, wie sie ihre Macht der demagogischen Propaganda, des Zwangs und der Repression ausweitete – nationalisierte und monopolisierte die Regierung alles, Sprache und Denken nicht ausgeschlossen.

Es war der Staat – und daher die Regierung – die von der Scholle, von allem Land Besitz ergriff. Er wurde zum wahren Grundherren. Die Bauern, als Masse, wurden allmählich zu Staatsbauern und später, wie man sehen wird, zu echten Leibeigenen. Es war die Regierung, die Fabriken und Bergwerke expropriierte – kurz, alle Mittel der Produktion, der Kommunikation und des Tausches. Und schließlich war es die Regierung, die zum alleinigen Herrn der nationalen Presse und aller Möglichkeiten, Ideen zu verbreiten, wurde. Alle Publikationen, alles gedruckte Material in der UdSSR – sogar Visitenkarten bilden da keine Ausnahme – werden vom Staat produziert oder zumindest – rigoros kontrolliert. Kurz, der Staat und damit die (bolschewistische) Regierung wurde schließlich zum alleinigen Verwalter aller Wahrheit (auf russischem Boden), der einzige Eigentümer aller materiellen und geistigen Güter und der einzige Initiator, Organisator und Animator des gesamten Lebens des Landes in all seinen Verzweigungen.

Die einhundertfünfzig Millionen „Einwohner“ werden in fortschreitendem Maße in einfache ausführende Organe regierungsmäßiger Anordnungen verwandelt, in wahrhafte Sklaven der Regierung und ihrer unzähligen Agenten. „Arbeiter gehorcht euren Führern!“

Alle ökonomischen, sozialen und sonstigen Organisationen ohne Ausnahme, angefangen von den Sowjets und hinunter bis zu den kleinsten Zellen, werden zu einfachen administrativen Organen des Staatsunternehmens und bilden, in der Tat, eine Art „ausbeutender Korporation für den Staat“: Organe, die ihrem „zentralen administrativen Rat“ (der Regierung) völlig untergeordnet sind und von Regierungsagenten genauestens überwacht weren (von ordentlicher und geheimer Polizei) und die auch noch des letzten Anscheins von Unabhängigkeit beraubt sind.

Die authentische detaillierte Geschichte dieser Entwicklung, die vor zwölf Jahren zu Ende ging – einer außergewöhnlichen Geschichte, die einzigartig in der Welt dasteht – würde einen eigenen Band erforderlich machen. Wir werden später auf sie zurückkommen und einige unentbehrliche Fakten anführen.

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Nach: Nineteen-Seventeen. The Russian Revolution Betrayed. London 1954, pp. 100 ff. [Französische Ausgabe Paris 1947] Aus dem Englischen von Ingeborg Brandies

Quelle: http://www.anarchismus.at/geschichte-des-anarchismus/die-russische-revolution/591-voline-warum-die-revolution-fehlschlug

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