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Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 1)

Einführung in die Grundgedanken des Anarchismus

Einiges zur Verwirrung

“Wir sind nicht für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen!” Wie jeder Mensch weiß, ist einE AnarchistIn ein gewalttätiger Mensch, ein Mörder. Auch ist allgemein bekannt, dass AnarchistInnen Terroristen sind, denen das menschliche Leben nichts, das Chaos aber alles bedeutet. Oder???

Aber selbstverständlich. Das weiß doch jedes Kind. Am 19. 12. 69 definierte der “Secolo d’Italia” AnarchistInnen folgendermaßen: „Eine wilde, obszöne Bestie, bis ins Mark von der kommunistischen Syphilis zersetzt!” Der berühmte Arzt und Kriminologe Sare Lombroso weiß es gar noch besser: Für ihn sind alle AnarchistInnen Idioten oder angeborene Verbrecher, die noch dazu allgemein humpeln, behindert sind und asymmetrische Gesichtszüge haben. “Sind AnarchistInnen überhaupt Menschen?

Nichts spricht dafür, denn auch in dem Teil der Erde, der sich kommunistisch genannt hat, hat mensch über die sagenumwitterten AnarchistInnen nichts Gutes zu berichten gewusst. „Kleinbürgerliche ChaotInnen”, “Voluntaristische Helfershelfer der Konterrevolution”, „Linkschaoten” sind die üblichen Vokabeln, mit denen mensch uns dort belegt hat. Also auch hier nichts Gutes.

Viel Feind, viel Ehr’!

Wenn mensch AnarchistInnen in Ost und West nicht leiden kann, dann muss das einen Grund haben. Was also ist einE AnarchistIn wirklich? Versuchen wir es mit einer Kurzdefinition: EinE AnarchistIn glaubt an eine freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen ohne Herrschaft. Er/sie tritt für die Beseitigung jeder Herrschaft ein und bekämpft deshalb Staat, Kirche, Polizei, Kapital, Herrschaftsideologie. Er/sie tritt immer und überall für die Interessen der unterdrückten Masse ein, gleichzeitig arbeitet er/sie an theoretischen Modellen und den praktischen Beispielen für eine zukünftige Gesellschaft: Eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Autorität, ohne Ausbeutung und Entfremdung (1) aufgebaut auf neuen Prinzipien wie Solidarität statt Egoismus, gegenseitiger Hilfe statt Konkurrenz und freier Vereinbarung statt Befehlsprinzip (2).

„Das klingt ja alles sehr gut”, wirst Du sagen, “aber das ist ein schöner Wunschtraum und nicht zu verwirklichen”. Du wirst lachen: AnarchistInnen behaupten doch tatsächlich, dass eine solche Gesellschaft möglich ist, und erklären Dir auch, warum sie möglich sein kann. Und nun wirst Du staunen: Es hat tatsächlich schon ein halbes Dutzend anarchistischer Gemeinwesen gegeben. Wusstest du, dass die Ukraine fast vier Jahre lang anarchistisch war? Wusstest du, dass es vor allem AnarchistInnen waren, die im spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus gekämpft haben? Millionen von spanischen ArbeiterInnen haben praktisch gezeigt, dass der Anarchismus möglich ist!

Die AnarchistInnen sind SozialistInnen und sie sind gegen Herrschaft. Also wenden sie sich genauso scharf gegen Herrschaft im „Kommunismus” wie im „Kapitalismus”. Folgerichtig ziehen sie sich den unversöhnlichen Hass der Herrschenden in Ost und West auf den Hals. Und ebenso folgerichtig ist auch der Anarchismus die einzige Alternative, einen freien und menschlichen Sozialismus zu verwirklichen. Genau deshalb ist auch der Anarchismus nach dem Krieg wieder auferstanden, obwohl Trotzki, der Marschall der Roten Armee, dem Anarchismus schon 1920 befohlen hatte: „Geht wohin ihr gehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte!”

Aber durch die immer perfekter werdende Unterdrückungsmaschine der Systeme, durch eine Gesellschaftsordnung, in der der einzelne Mensch nichts mehr bedeutet, in der die Technik dem Menschen nicht mehr dient, sondern ihn umzubringen droht, und in der das kapitalistische Wirtschaftssystem derart versagt, dass täglich 30’000 Menschen verhungern müssen (Quelle UNESCO 1984) kurz: in dem „repressiven Chaos” (3) aller heutigen Herrschaftssysteme, hat der Anarchismus eine ungeahnte Aktualität erhalten.

Der Begriff der „Anarchie“ und seine Herkunft

„Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft!”

Das Wort Anarchie ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Es kommt von dem griechischen Wort „an-archia” und bedeutet „Keine Herrschaft”, meint also die Abwesenheit jeglicher Autorität. Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil, dass der Mensch ohne Autorität und Regierung nicht leben kann; ganz so, als ob ein Zirkuspferd ohne seinen Dompteur zugrunde gehen müsse. Deshalb ist das Wort Anarchie in der Umgangssprache auch als Synonym für Chaos, Unordnung, Verwilderung und Zerstörung eingegangen. Hinzu kommt die offensichtliche Absicht, den Anarchismus als politische Bewegung zu verleumden und zu bekämpfen. Aus diesem Grunde haben Politiker und Literaten, Kommunisten und Adelige, Pfarrer und Hausdamen jahrhundertelang diesen Begriff von Anarchismus verbreitet. Für sie verbindet sich das Wort Anarchismus mit einem kalten Schauer und dem Gedanken an den Weltuntergang. Wie sie, so kann sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht vorstellen, dass auch ohne Staat und Herrschaft eine Ordnung – eben eine freie Ordnung – bestehen kann.

Selbst in allgemeinen Nachschlagewerken, wie auch z.B. im Duden, wird Anarchie einfach mit „Gesetzlosigkeit” übersetzt. Dies impliziert für den „Normalverbraucher” ebenfalls, dass bei Verwirklichung des Anarchismus die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt werde, und insofern verfälscht diese Definition unterschwellig den Begriff. Im eigentlichen Wortsinn ist der Begriff der „Gesetzlosigkeit” natürlich richtig: Da Gesetze vom Staat verabschiedet werden und dieser durch Polizei und Gericht dafür sorgt, dass sie eingehalten werden, werden bei Abschaffung der Staatssysteme, auch die Gesetze nicht mehr existieren. Das heißt aber nicht, dass es keine Regeln bzw. Vereinbarungen im menschlichen Zusammenleben mehr gibt.

Pierre Joseph Proudhon war einer der Väter des modernen Anarchismus. Er hat das Wort für die antiautoritäre ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen. Unter Anarchie verstand er absolut das Gegenteil von Chaos. Für ihn war die anarchische Gesellschaft der höchste Ausdruck der Ordnung, eine Ordnung, die nicht durch Herrschaft und autoritäre Strukturen gestört sei. Erst in einer anarchistischen Gesellschaft könne die natürliche Ordnung der menschlichen Beziehungen, die „soziale Harmonie”, wieder hergestellt sein. Wir werden noch sehen, dass Proudhon dabei alles andere als ein verträumter Utopist war.

So hält Proudhon auch den Staat – als höchsten Ausdruck der Herrschaft von Menschen über Menschen – für den eigentlichen Unruhestifter; eine Ansicht, die nicht so abwegig erscheint, wenn man sich all das ansieht, was an Kriegen, Unterdrückung und Wirtschaftskrisen von den Staaten und ihren Organen geführt oder angestiftet wurde und noch wird.

Der Name Anarchismus hat – wegen seiner Doppeldeutigkeit – unter den AnarchistInnen starke Diskussionen hervorgerufen. Viele von ihnen nannten sich später „Föderalisten” (Anhänger eines nicht zentralen Gemeinwesens, das auf gleichberechtigten Kommunen basiert), „Mutualisten” (Gesellschaftsordnung auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Solidarität) oder „Kollektivisten” (Ordnung auf der Basis der Gemeinschaftlichkeit). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich mehr und mehr das Wort „libertär” (freiheitlich, nicht zu verwechseln mit liberal!) durch.

Wer ist Anarchist, wer ist Anarchistin?

Wie wir gesehen haben, umreißt das Wort Anarchismus eine freiheitliche Theorie und Geisteshaltung. Im Laufe der Zeit haben sich eine Unzahl politischer und unpolitischer Strömungen unter diesem Namen gesammelt. So ist der Anarchismus, im Gegensatz zum Marxismus, kein einheitliches Gebilde. Der Marxismus ist eine in sich abgeschlossene philosophisch durchdachte Theorie; von wenigen Menschen in relativ kurzer Zeit entwickelt, ziemlich eindeutig formuliert und definiert. Anders der Anarchismus.

Seine revolutionäre politische Richtung ist das Produkt einer ganzen Reihe bedeutender TheoretikerInnen, die meistens auch aktive RevolutionärInnen waren. Seine Theorie entstand in vielen Fällen aus der Praxis der Freiheitskämpfe heraus, und wird und wurde laufend neu überdacht, kritisiert und verbessert. Eine solche Haltung nennt mensch undogmatisch (Dogma = unveränderlicher Glaubenssatz), und sie ist für den Anarchismus typisch.

So kann mensch auch für den Anarchismus keine FührerInnen oder CheftheoretikerInnen anführen; mensch muss eine ganze Reihe von Namen nennen und kann eigentlich nirgendwo eine Grenze ziehen: Die Namen der bekannten AnarchistInnen verlaufen irgendwo in der Masse der aktiven KämpferInnen.

(Insofern darf mensch es nicht missverstehen, wenn wir in einigen Kapiteln bestimmte Personen, ihre Biographie und ihre Ideen beschrieben haben. Leute wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon usw. bis hin zu Landauer sollen, zur Erleichterung der geschichtlichen Beschreibung, stellvertretend für eine bestimmte Bewegung erwähnt werden. Dass eine ständige geistige Rückkoppelung zwischen den einzelnen TheoretikerInnen und der Bewegung besteht, lässt sich unschwer nachweisen. Da der Anarchismus aus einer Unzahl von politischen Strömungen besteht, ist es klar, dass wir im Folgenden nur eine Auswahl beschreiben können dass diese [und auch der Umfang, der den einzelnen Kapiteln gewidmet wird] von eigenen Anschauungen und Vorstellungen geprägt ist, muss dabei selbstverständlich zugegeben werden.)

Parallel zu der politisch revolutionären Linie, die die wichtigste des Anarchismus ist und von der wir vorzugsweise sprechen wollen, gibt es noch eine Reihe anderer Strömungen, die den Namen Anarchismus für sich beanspruchen. Dazu zählen gewisse Formen des Individualanarchismus, einige naturverehrende Sekten von Rohkostler, pazifistische Gesellschaftsreformer oder unpolitische Terrorbanden, ebenso wie versonnene Künstlerseelen und verspätete Romantiker, meistens aus der Schicht des Kleinbürgertums. Ihr Denken und Handeln steht oft im Gegensatz zur politischen Richtung des Anarchismus und wird von dieser kritisiert. Andere dieser Zweige jedoch haben dem Anarchismus neue Impulse geben können und seine Theorie fruchtbar ergänzt, so die anarchistische Kunst, die freie Erziehungstheorie, die Hippie- und Undergroundbewegung, um nur einige zu nennen (4).

Es hat sich eingebürgert, dass Staat und Polizei unliebsame Gruppen einfach als AnarchistInnen bezeichnen. Ein Beispiel dafür ist die Rote Armee Fraktion (RAF), auch Baader-Meinhof-Gruppe genannt. Obwohl die RAF sich selbst vom Anarchismus distanzierte und sich als marxistisch-leninistisch bezeichnete, was der Polizei selbstverständlich bekannt war, wurden sie automatisch als „anarchistische Gewaltverbrecher” bezeichnet. Der Grund liegt auf der Hand: erstens kann mensch mit dem Begriff Anarchismus eine unliebsame Gruppe in der Öffentlichkeit nachhaltig diffamieren, zumal der Kommunismus durch die Entspannungspolitik damals gerade kurzfristig salonfähig geworden ist. Und zweitens sieht mensch, dass auch in Deutschland der Anarchismus wieder an Wichtigkeit gewinnt. So kann mensch schnell und sicher die Bevölkerung gegen ihn aufhetzen. Wenn wir auch die Aktionen der RAF nicht von vornherein verdammt haben, so ist doch ihre Praxis vom anarchistischen Standpunkt aus anzugreifen. Die RAF entfernte sich im Laufe der Jahre immer mehr von der gesamten linken Bewegung und betrachtet sich als eine Avantgarde, als eine Elite, die danach strebt, dem Volk die „Befreiung” nach staatssozialistischem Muster aufzuzwingen. Sie entwickelte in ihren Pamphleten und Aktionen eine diktatorische, stalinistische Sprache. Wenn sie sagen: „Das Schwein wurde im Namen des Volkes erschossen”, so fragen wir uns: In wessen Volkes Namen?

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch eine ganze Anzahl politischer Gruppen, die sich zwar nicht anarchistisch nennen, in Wirklichkeit aber anarchistisch handeln und libertäre Ziele haben. Oft lehnen sie den Namen Anarchismus ab, weil sie falsch über dessen Inhalt informiert sind, oder weil sie fürchten, zu sehr angefeindet zu werden.

Da es tatsächlich auch nicht um ein Glaubensbekenntnis, sondern um konsequentes politisches Handeln geht, haben die AnarchistInnen in ihrer Praxis und ihren Bündnissen nie nach dem Namen ihrer GenossInnen gefragt. So gibt es z.B. viele rätekommunistische Gruppen, die im Grunde „anarchistischer” handeln, als so manche Gruppe, die sich anarchistisch nennt. Auch wir wollen unsere Betrachtung einzig und allein danach richten, was die einzelnen Gruppen tun oder taten, und nicht, wofür sie sich ausgeben.

Was wollen die AnarchistInnen?

Daniel Guérin schreibt in seinem Buch „Anarchismus” (5): „Anarchismus ist in Wirklichkeit und vor allem gleichbedeutend mit Sozialismus. Der Anarchist ist in erster Linie Sozialist; seine Ziele sind die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Im Zentrum seiner politischen Aktivität steht der sozialistische Freiheitsgedanke, die Abschaffung des Staates. ” Um dieses Ziel zu erreichen, führen die AnarchistInnen einen Kampf gegen den Staat und alle seine Organe. Dieser Kampf wird mit verschiedenen Mitteln geführt: durch Massenorganisationen (vgl. Anarchosyndikalismus), Aufklärung und Propaganda, direkte Aktionen, durch die Kreation einer Gegenkultur, Provokationen und oftmals auch durch unmittelbare Anwendung von Gewalt.

Dabei erweist sich der anarchistische Kampf aber keineswegs als blinde Bilderstürmerei gegen diese oder jene Regierung oder den Staat schlechthin. Vielmehr haben die anarchistischen TheoretikerInnen schon sehr früh erkannt, dass der Staat kein Phantom, kein anonymes Gebilde ist, sondern der Ausdruck ganz bestimmter, vor allem wirtschaftlich bedingter Machtverhältnisse.

Gerade deswegen haben auch die AnarchistInnen immer wieder versucht, einen Kampf gegen Kapital und Staat zu führen und sich geweigert, „politische” Ziele, wie die Durchsetzung von Reformen durch schrittweise Eroberung der Macht im Staat, zu verfolgen. Denn die AnarchistInnen haben sehr wohl erkannt, dass Macht korrumpiert: „Nehmt den radikalsten Revolutionär und setzt ihn auf den Thron aller Russen oder verleiht ihm eine diktatorische Macht und ehe ein Jahr vergeht, wird er schlimmer als der Zar geworden sein (6) “, schrieb Bakunin.

Im Laufe der Zeit haben die AnarchistInnen eine Reihe von Forderungen und programmatischen Punkten aufgestellt, die sich u.a. aus dem Kampf für die Verwirklichung ihrer Ideen ergaben. Hier schlagwortartig einige der wichtigsten, die wir dann in den folgenden Kapiteln näher zu erklären versuchen werden: – Gleiche Freiheit für jeden Menschen in der Gesellschaft. Kein Mensch soll Macht ausüben; alle Beschlüsse werden kollektiv gefasst und ausgeübt. Dies bedingt:

  • Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, Bekämpfung des Kapitals und seiner internationalen Monopole. Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln (7), Aufbau einer föderierten, hochtechnisierten Produktionsweise nach Gesichtspunkten, die die Bedürfnisse der ArbeiterInnen über die der profitorientierten Produktion stellen (vgl. Kapitel „Ökonomisches System”), Überwindung der Schichten und Klassen. Hierbei muss die unterdrückte Klasse dann Gewalt gegen die herrschende Klasse anwenden, wenn diese nicht freiwillig abtritt (da diese ihre Privilegien verteidigen will, und damit den Aufbau einer freien Gesellschaft aktiv bekämpft)
  • Abschaffung des Staates, seiner Grenzen und seines Apparates, Ersetzung durch neue Strukturen, auf der Basis gleichberechtigter Kommunen und Räte, die sich dezentral (föderal) organisieren.
  • Bekämpfung des Rassismus und Kolonialismus in all seinen klassischen und neuen Erscheinungsformen (z. B. Imperialismus, Neoimperialismus, Europäische Union etc.)(8)
  • Abschaffung der Kirchen und Religionen als Vermittler der Rechtmäßigkeit von Herrschaft durch berufsmäßige Verdummer. Bekämpfung und Ersetzung des religiösen Glaubens durch rationale Erziehung, d.h. durch das Prinzip der Vernunft, sowie einer menschenfreundlichen Wissenschaftlichkeit. Errichtung von freien Schulen (Konzepte von Tolstoi/Ferrer)
  • Abschaffung der Armee und der Polizei als Machtfaktor und Symbol des Staates und des Kapitals. Für die Phase des Kampfes sind sie durch revolutionäre Volksarmeen und -patrouillen ohne hierarchische Struktur zu ersetzen.
  • Abschaffung des Strafprinzips. Kriminelle werden als Produkte einer schlechten Gesellschaft angesehen. Sie sind als Kranke zu behandeln und müssen genesen, nicht bestraft werden.
  • Abschaffung des Privateigentums an Menschen, demzufolge Ersetzung der Ehe und der bürgerlichen Kleinfamilie durch freiwillige Zusammenschlüsse in Großfamilien, Kommunen, nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft. Propagierung der „freien” Liebe, Bekämpfung der unterdrückenden bestehenden Sexualmoral (9).
  • Aufbau einer völlig neuen Kultur mit einer eigenen Kunst, Musik, Lebensweise etc.
  • Prinzip der Kritik und Selbstkritik und der permanenten Revolution in der neuen Gesellschaft. Ablehnung aller Dogmen, ständige Überprüfung des Aufbaus an den Bedürfnissen der neuen Gesellschaft.
  • Bekämpfung jeder neuen Form von Herrschaft, Bürokratismus und Militarismus in der neuen Gesellschaft

Dieses Programm, unvollständig und recht ungeordnet, fasst die wesentlichsten Punkte anarchistischer Zielsetzung zusammen. Auf den ersten Blick mögen manche Thesen als Gleichmacherei erscheinen, in Wirklichkeit ist ihre Verwirklichung aber erst die Voraussetzung dafür, dass sich alle Menschen frei nach ihren Bedürfnissen entfalten können, schöpferisch werden und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. In den Kreisen der Reichen hat sich nämlich eingebürgert, ihre eigenen Vorteile, die sie sich mit ihrem Geld erkaufen, als die Freiheiten des Volkes hinzustellen. Tatsächlich aber können die Reichen nur in dem Masse frei sein, wie sie die Mehrheit des Volkes ausrauben. Zusammenfassend können wir sagen: Die AnarchistInnen haben nur ein Ziel: die freie Gesellschaft. Alles andere sind Mittel zu ihrer Erreichung, die sich je nach Situation ändern können und müssen.

Kritik am Staat

  • “Der Staat ist eine Abstraktion, die das Leben des Volkes verschlingt ein unermesslicher Friedhof, auf dem alle Lebenskräfte eines Landes sich großzügig und andächtig hinschlachten haben lassen.” (Michail Bakunin)
  • „Die Regierung des Menschen über den Menschen ist Sklaverei.”
  • „Wer immer die Hand auf mich legt, um über mich Zu herrschen, ist ein Usurpator, und ein Tyrann, und ich erkläre ihn zu meinem Feinde.”

„Regiert sein, das heißt unter polizeilicher Überwachung stehen, inspiziert, spioniert, dirigiert, mit Gesetzen überschüttet, reglementiert, eingepfercht, belehrt, bepredigt, kontrolliert, eingeschätzt, abgeschätzt, zensiert, kommandiert zu werden durch Leute, die weder das Recht, noch das Wissen, noch die Kraft dazu haben . Regiert sein heißt, bei jeder Handlung, bei jedem Geschäft, bei jeder Bewegung notiert, registriert, erfasst, taxiert, bestempelt, vermessen, bewertet, versteuert, patentiert, lizensiert, autorisiert, befürwortet, ermahnt, behindert, reformiert, ausgerichtet, bestraft zu werden. Es heißt, unter dem Vorwand der öffentlichen Nützlichkeit und im Namen des Allgemeininteresses ausgenutzt, verwaltet, geprellt, ausgebeutet, monopolisiert, hintergangen, ausgepresst, getäuscht, bestohlen zu werden; schließlich, bei dem geringsten Widerstand, beim ersten Wort der Klage unterdrückt, bestraft, heruntergemacht, beleidigt, verfolgt, misshandelt, zu Boden geschlagen, entwaffnet, geknebelt, eingesperrt, füsiliert, beschossen, verurteilt, verdammt, deportiert, geopfert, verkauft, verraten und obendrein verhöhnt, gehänselt, beschimpft und entehrt zu werden. Das ist die Regierung, das ist ihre Gerechtigkeit, das ist ihre Moral.” (Proudhon)

Die Kritik am Staat und an seinen Organen ist typisch für den Anarchismus. Ursprünglich entstand er aus einem persönlichen Gefühl der Auflehnung gegen den Unterdrücker. Da dieser Unterdrücker jedoch nur ausführendes Organ der Machtverhältnisse und der wirtschaftlichen Struktur ist, muss der Kampf gegen beide geführt werden. Die Abschaffung der staatlichen Organisation ist immer eines der wichtigsten Ziele der Anarchisten geblieben. Die Richtigkeit dieser Forderung hat sich am gerade am Beispiel der russischen Oktoberrevolution gezeigt, wo der Staat mit dem ihm eigenen Bürokratismus die Revolution überlebt und am Ende „aufgefressen” hat.

Was ist der Staat?

Jeder Staat ist totalitär. Kein Staat hat einen anderen Zweck als den/die EinzelneN zu beschränken und zu Untertanen zu machen. Verfechter des Staates bemühen sich redlich, uns vorzumachen, er sei eine einige Volksgemeinschaft. In Wirklichkeit vertuschen sie mit dieser Phrase die riesigen sozialen Unterschiede in jedem Staat und rechtfertigen die Privilegien einer kleinen Minderheit- Der Staat unterdrückt jede freie Tätigkeit durch seine ausführenden Organe oder “Ordnungskräfte”. Das ist beileibe nicht nur die Polizei. Die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen bemühen sich ebenso angestrengt, den Menschen dumm zu halten, wie die Kirche, die Schule und die Institution „Familie”. (Freilich oft, ohne es selbst zu wissen.)

„Der Staat erlaubt uns allen, unsere Gedanken an den Mann zu bringen, allein nur so lange, als unsere Gedanken seine Gedanken sind, sonst stopft er uns das Maul.” (Max Stirner)

Schon früh haben AnarchistInnen die psychischen Funktionen der Autoritätsgläubigkeit erkannt. Der Staat erzieht zum Gehorsam, zur Disziplin und zur Unterwerfung. Er lehrt uns „Tugenden” wie Konkurrenz und Leistungsprinzip und er entwöhnt uns im gleichen Masse selbst zu denken, Ideen zu entwickeln, spontan Initiativen zu ergreifen und uns unseren Mitmenschen gegenüber solidarisch zu verhalten. Errico Malatesta (10) beschreibt die „Angst vor der Freiheit”, die die meisten autoritären Menschen empfinden und nimmt damit eine wichtige Erkenntnis der Psychoanalyse vorweg.

Konsequent haben die AnarchistInnen dort, wo sie mit der Verwirklichung von freien Gesellschaften begannen, die Vernichtung des Staates vorangetrieben. So wurden in Spanien und der Ukraine die staatlichen Akten und Grundbücher vernichtet, die Gefängnisse eingerissen und die Herrscher abgesetzt und die Organisation des gesellschaftlichen Lebens den Räten des Volkes übertragen. Wir werden noch sehen, dass solche Maßnahmen nicht automatisch zum Chaos führen müssen, sondern im Gegenteil die Grundlage für eine freie, harmonische Gesellschaft legen können.

Der Kampf gegen den Staat hat sich in diesem Jahrhundert vor allem im Kampf gegen den Bürokratismus gezeigt, vor allem im „kommunistischem” Russland hat es unzählige Auflehnungen gegen den allmächtigen Staat und seine unmenschliche und konterrevolutionäre Bürokratie gegeben, die ihrem Charakter nach anarchistisch waren. In den Kapiteln über die einzelnen Theorieansätze werden wir auf die Staatskritik noch ausführlicher eingehen.

Kritik an der bürgerlichen Demokratie

„Ich bin nicht frei, ich kann nur wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.“ Ton Steine Scherben

Viel schärfer als der autoritäre Kommunist erkennt und entlarvt der/die AnarchistIn die strukturellen Mängel der bürgerlichen „Demokratie”. Der Parlamentarismus hat mit Demokratie, also Volksherrschaft nichts zu tun. Es gibt auch hier einen Herrscher; der König oder Diktator ist durch einen „Präsidenten” oder „Kanzler” ersetzt. Der einzige Unterschied ist, dass dieser alle paar Jahre ausgewechselt wird. Können wir sie wählen? Stellen wir die KandidatInnen auf? Haben wir Einfluss auf sein/ihr Handeln, wenn er erst einmal gewählt ist? Haben wir die Möglichkeit, direkt für unsere Interessen einzutreten? Nein! Wir können zwischen den Parteien wählen, wie eine Hausfrau zwischen Ariel und Omo, wenn sie in Wirklichkeit frisches Brot einkaufen will. Das Verhältnis der Menschen zur Politik ist zu einem Warenverhältnis verkrüppelt worden.

Der Parlamentarismus macht aus der Herrschaft lediglich eine Institution (11), die dem Unterdrückungssystem einen „demokratischen” Anstrich gibt – in Wahrheit hat keinE einziger Bürgerin einen tatsächlichen Einfluss auf das politische Geschehen. Die einzige Gnade, die ihm/ihr das System gewährt, ist, alle vier oder fünf Jahre brav ein Kreuzchen unter eine Liste von (schon vorher ausgewählten) Menschen zu machen, die sich in ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Freiheit und zum Gesellschaftssystem nicht unterscheiden. Diese Leute werden uns einfach küchenfertig vorgesetzt, ob sie uns passen oder nicht. Beurteilen müssen wir sie meistens nach ihrem Aussehen, denn, ihren Worten und Wahlversprechen Glauben zu schenken, hieße, die bittere Erfahrung vieler Jahrzehnte einfach totzuschweigen. Wenn diese Leute erste einmal gewählt sind, können sie machen, was sie wollen: sie können ihre Stimme an den Meistbietenden verkaufen, lassen sich ihre Meinung von Konzernen bezahlen und scheren sich einen Dreck um den Willen ihrer WählerInnen.

Natürlich darf es diesen Herrn nie in den Sinn kommen, das Prinzip der Regierung zugunsten einer Selbstverwaltung in Frage zu stellen – das wäre gegen ihre eigenen Interessen. So setzen sie alles daran, diese Herrschaft zu rechtfertigen und aller anderen Modelle – so auch den Anarchismus – als radikal, utopisch oder terroristisch zu verleumden.

Die AnarchistInnen sind aus diesem Grund – im Gegensatz zu den Sozialdemokraten oder Kommunisten nie für die bürgerliche Republik eingetreten. Sie haben den Übergang vom Monarchismus (12) zur Republik nicht unbedingt für einen Fortschritt gehalten und sind für einen sofortigen und totalen Umsturz jeglicher Herrschaft eingetreten. Alle anarchistischen TheoretikerInnen haben einheitlich die reaktionäre Entwicklung der bürgerlichen Republiken vorausgesagt und alle SozialistInnen gewarnt, sich mit der bürgerlichen Demokratie einzulassen.

Ein eindrucksvolles Beispiel bürgerlicher Versumpfung bietet die Sozialdemokratie: Auch in Österreich befriedete und kanalisierte sie l9l8/l9 die revolutionäre Grundstimmung unter den ArbeiterInnen. Sie trat in die Regierung ein, predigte Legalismus (13) und ließ, nachdem sie zwei Wochen an der Macht war, auf demonstrierende ArbeiterInnen schießen und sie durch Alarmformationen der Polizei brutal ermorden. Heute sind die SPÖ oder auch die Grünen für das Kapital kein schlechterer Handlanger als ÖVP und FPÖ.

Kritik am autoritären Sozialismus – Das Verhältnis zwischen Anarchismus und Marxismus

„Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist, und weil ich mir nichts menschenwürdiges ohne Freiheit vorstellen kann. Ich bin deshalb nicht Kommunist, weil der Kommunismus alle Macht der Gesellschaft im Staat konzentriert und aufgehen lässt, weil er notwendig zur Zentralisation des Eigentums in den Händen des Staates führen muss, während ich die radikale Abschaffung des Staates wünsche, die radikale Ausrottung des Autoritätsprinzips und der Vormundschaft des Staates, die unter dem Vorwand die Menschen sittlich zu erziehen und zu zivilisieren, sie bis heute versklavt, unterdrückt, ausgebeutet und verdorben hat Ich wünsche die Organisierung des sozialen Eigentums von Unten nach Oben auf dem Weg über die freie Assoziation und nicht von Oben nach Unten mit Hilfe irgendeiner Autorität, wer immer sie sei.” (Michail Bakunin)

Mensch hat den Marxismus und den Anarchismus oft als zwei feindliche Brüder bezeichnet. Doch auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede in der Theorie zu geben. Tatsächlich kann mensch sagen, sie haben gemeinsame Wurzeln, die gleichen philosophischen Grundlagen und im Grunde auch das gleiche Ziel: Eine freie, sozialistische Gesellschaft.

Trotzdem verwundert es nicht, dass es zwischen AnarchistInnen und Kommunisten zu Gegensätzen kommen musste. Die Vorstellungen, die die „Autoritären” sowohl von dem Weg zur Revolution als auch von den Stadien (aufeinanderfolgenden Formen) der neuen Gesellschaft hatten, waren sehr viel anders als die der AnarchistInnen. So plädierten die Marxisten, die das autoritäre Lager anführten, für die Gründung starker, zentraler Parteien, für den Eintritt in Gewerkschaften, für die Beteiligung an Wahlen und für einen politischen Kampf, der die Bedingungen der ArbeiterInnenklasse schrittweise verbessern sollte. Die AnarchistInnen hielten diesem Programm entgegen: Organisation auf der Basis geheimer, freier und dezentral organisierter Bünde, die sich lediglich zur Absprache ihrer Aktionen zusammenschließen sollten. Mensch erkannte, dass in einer autoritären Organisation bereits der Keim für eine neue autoritäre Gesellschaft enthalten war. Statt der Beteiligung an der Politik forderten sie eine radikale (14) und konsequente Aktion gegen das Grundübel und die endgültige und sofortige Beseitigung des ungerechten Gesellschaftssystems.

Wie wir gesehen haben, gibt es also beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Strömungen, und zwar vor allem in der Frage des Weges, auf dem das gemeinsame Ziel erreicht werden soll. Dies sind aber offensichtlich so wichtige Unterschiede, dass man den Konflikt zwischen AnarchistInnen und Marxisten nicht einfach als Haarspalterei abtun kann. Hierbei müssen wir allerdings vorsichtig sein und von Fall zu Fall genau untersuchen, ob das, was wir kritisieren, denn eigentlich Marxismus ist. Bekanntlich gibt es mehrere „Schulen” des Marxismus, die alle von sich behaupten, die einzig wahren, rechtmäßigen Nachfolger des großen Lehrers zu sein.

Von der reformistischen Sozialdemokratie haben wir bereits gesehen, dass bei ihr von Marx nicht mehr viel übriggeblieben ist. Aber auch im Leninismus, der heute als „echter” Marx-Nachfolger allgemein anerkannt ist, müssen wir feststellen, dass hier Marx ganz erheblich verfälscht wurde. Schnell erkannten die Antiautoritären, dass der Kommunismus eine Gefahr in sich birgt: er nimmt aufgrund seiner geistigen Überlegenheit die Führung der Revolution für sich in Anspruch und ist genau in diesem Moment bereits wieder eine neue Regierung. Bakunin warf Marx polemisch (15) vor, der „Chefingenieur der Weltrevolution” sein zu wollen. Eine solche Führung würde am Ende nur das Volk in seinen revolutionären Initiativen hemmen, ihm ein neues Joch auferlegen. Statt den Staat zu zerschlagen, planten die Marxisten, ihn erst zu übernehmen, ihn stark zu machen, und ihn für die Zwecke des Sozialismus „dienstbar zu machen”, da ihm die wirtschaftlichen Grundlagen entzogen worden seien, würde er später von ganz alleine absterben. Diese Ansicht mag vielleicht theoretisch richtig sein, praktisch ist sie aber durch viele Beispiele widerlegt worden („Ostblock”).

Diese Unterschiede führten zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der 1. Internationalen und schließlich zu deren Spaltung. Durch Lenin wurden dann deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge verstärkt, die zuweilen jedoch keineswegs immer in den Schriften von Marx und Engels auftauchten. Er erweiterte diese auch um einen Ultra-Zentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei und vor allem um die Praxis der BerufsrevolutionärInnen als Führer der Massen. „Von diesen Punkten ist in den Schriften von Marx und Engels nicht viel zu finden, wo sie höchstens im Kern und unterschwellig vorhanden sind.” (16)

Aus diesem Avantgardebewusstsein (17) der Leninisten und Marxisten erklärt sich auch, dass in den Schriften von Marx und Engels der begriff der „Spontaneität” niemals auftaucht. Sicherlich kann sich eine revolutionäre Partei neben ihren hervorragenden Aktivitäten ein gewisses Maß an Selbsttätigkeit der Massen erlauben, aber die Spontaneität der Massen würde ihren Anspruch auf die Rolle gefährlich in Frage stellen. Es scheint, als seien die AnarchistInnen Propheten gewesen. Schon Bakunin schrieb 1860: „Vorzugeben, dass eine Gruppe von Individuen, seien es die Intelligentesten und die mit den besten Absichten, in der Lage ist, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und der Wirtschaftsorganisation des aller Länder zu werden, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, dass man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die eine Diktatur … würde genug sein, die zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen … Man kann das Etikett wechseln, das unser trägt, seine Form – aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder müsse man diesen Staat zerstören, oder sich mit der fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: die rote Bürokratie.”

Genau das ist in Russland eingetreten. Lenin, der den Marxismus im autoritären Sinne weiterentwickelt hat, gelang es innerhalb von drei Jahren, die russische Volksrevolution unter die Diktatur seiner straff organisierten, kleinen Partei zu bringen. Als das Volk begriff, was geschehen war, war es schon zu spät: jede Erhebung gegen die neue Diktatur wurde blutig unterdrückt. AnarchistInnen und Anarchogruppen haben oftmals ihre Kräfte mehr zur Bekämpfung des Marxismus verwandt, als zum Kampf gegen den gemeinsamen Klassenfeind. Oft hat es dieser anarchistischen Marxismuskritik erheblich an Substanz gemangelt. Man kann darüber denken, wie man will – zur Klärung der Standpunkte hat dies alles herzlich wenig beigetragen und zur Entwicklung des revolutionären Kampfes schon gar nichts.

Es ist auch nicht unsere Absicht, die spießigen Intrigen und die persönlichen Hahnenkämpfe eines Marx’ oder eines Bakunins auseinander zu pflücken. Für uns ist allein wichtig, was wir auf unserem Weg zur Freiheit voneinander lernen können. Wir haben schon gesehen, dass der Anarchismus am Marxismus folgende wichtige Punkte kritisiert:

  • Autoritäre Organisation, mit der Gefahr der Verselbstständigung (Partei usw.)
  • Falsche Taktik bei der Erreichung der freien Gesellschaft. Der Staat sollte nicht übernommen, sondern zerschlagen werden.
  • Gefahr einer mechanistischen Geschichtsauffassung nach dem (im Grunde richtigen) historischen Materialismus. Demzufolge Vernachlässigung der Rolle des revolutionären Subjekts.
  • Überbetonung der ökonomischen Revolution infolge dieser mechanistischen Auffassung. Nicht nur die Wirtschaftsordnung muss aktiv verändert werden, sondern auch der Überbau, wie Verwaltung, Polizei, Militär, Kirche, Justiz, Erziehung usw.

Darüber hinaus wirft der Marxismus, vor allem der Marxismus-Leninismus, dem Anarchismus im wesentlichen vor, kleinbürgerlich zu sein, nicht die richtige Organisation zu haben, und im Endeffekt nur Chaos zu produzieren. Was die beiden letzteren Vorwürfe angeht, so haben wir sie schon weiter oben abgeklärt und widerlegt.

Das Argument des Kleinbürgertums (19) ist nicht sehr gehaltvoll. Vor allem muss man erst einmal definieren, was darunter zu verstehen ist. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens könnte gemeint sein, dass die anarchistische Ideologie dem Kleinbürgertum nutzt. Diese These wäre, nach allem, was wir gesagt haben, so idiotisch, dass wir nicht darauf einzugehen brauchen. Also sind die Anhänger des Anarchismus Kleinbürger? Proudhon, dem dieser Vorwurf gerade am häufigsten gemacht wird, war simpler Schriftsetzer. Das Gros der an AnarchistInnen (sowohl TheoretikerInnen als auch PraktikerInnen) hat sich zeitlebens ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdient. Freilich waren Kropotkin und Bakunin adeliger Herkunft, aber beide waren genau das, was Bakunin selber als diejenigen beschreibt, die „der Klasse, der sie entstammen, völlig den Rücken gekehrt und sich völlig der Interessen des Volkes angenommen haben.”

Der autoritäre Sozialismus ist heute nicht mehr so aktuell und gefährlich wie der Kapitalismus. Gerade aus diesem Grund lohnt es sich, erneut anarchistische KlassikerInnen zu lesen. Rudi Dutschke schreibt 1967: „In einer Zeit der sich verstärkenden und sich verselbstständigenden Staatsbürokratie scheint uns die bei Bakunin im Mittelpunkt stehende Frage der Abschaffung des Staates, der unmittelbaren Beseitigung desselben, der erneuten Aufarbeitung durchaus wert.”

Schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also fast 100 Jahre vor Stalin, hat Proudhon treffend die Politik der Kommunisten zusammengefasst: „So hat der Kommunismus, wie ein Heer, das dem Feinde seine Kanonen weggenommen hat, nichts anderes getan als gegen das Heer der Besitzenden dessen eigene Artillerie gekehrt. Von jeher hat der Sklave den Herrn nachgeäfft.”

Das Verhängnisvolle daran war: die Nachäfferei hat sich im Endeffekt nicht so sehr gegen die Besitzenden gewandt (denn die sind wieder auferstanden), sondern gegen die Besitzlosen. Die Revolution, die für sie sein sollte, hat ihr tägliches Leben nicht verändert. Sie leben weiterhin in Unfreiheit und arbeiten für die Interessen anderer.

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Kategorie: Anarchismus

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