Ihr Browser versucht gerade eine Seite aus dem sogenannten Internet auszudrucken. Das Internet ist ein weltweites Netzwerk von Computern, das den Menschen ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation bietet.

Da Politiker im Regelfall von neuen Dingen nichts verstehen, halten wir es für notwendig, sie davor zu schützen. Dies ist im beidseitigen Interesse, da unnötige Angstzustände bei Ihnen verhindert werden, ebenso wie es uns vor profilierungs- und machtsüchtigen Politikern schützt.

Sollten Sie der Meinung sein, dass Sie diese Internetseite dennoch sehen sollten, so können Sie jederzeit durch normalen Gebrauch eines Internetbrowsers darauf zugreifen. Dazu sind aber minimale Computerkenntnisse erforderlich. Sollten Sie diese nicht haben, vergessen Sie einfach dieses Internet und lassen uns in Ruhe.

Die Umgehung dieser Ausdrucksperre ist nach §95a UrhG verboten.

Mehr Informationen unter www.politiker-stopp.de.

Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 2)

Die freie Gesellschaft

„Wer die Freiheit anders besitzt als das zu Erstrebende, der besitzt sie tot- und geistlos, denn der Freiheitsbegriff hat ja gerade die Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampfe stehenbleibt, und sagt: jetzt hab’ ich sie! – so zeigt er eben dadurch, dass er sie verloren hat.” (Proudhon)

Die Grundprinzipien der freien Gesellschaft, die die AnarchistInnen anstreben, haben wir schon grob umrissen. Wir werden weiter unten auch noch sehen, wie die AnarchistInnen die einzelnen Probleme verwirklichen wollen. Auch können wir beurteilen, wie sich diese Vorstellungen in der Praxis bewährten oder versagten. Eine freie Gesellschaft kann nur aus freien Menschen entstehen. Die Menschen heute aber sind nicht frei. Sie sind nicht frei erzogen, können nicht frei denken, sind, mit einem Wort, fast gänzlich von den Wertvorstellungen dieser Gesellschaft durchtränkt. Das äußert sich entweder in ihrem Bewusstsein oder in ihrem Unterbewusstsein. Hiervon können wir AnarchistInnen uns selbstverständlich nicht ausnehmen.

Welche Schlüsse müssen wir nun daraus ziehen? Wenn der Entwurf der neuen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten von Menschen gemacht wird, die noch der alten Gesellschaft angehören, wird dieses Modell immer dem Keim des Alten in sich tragen, der mit der Zeit wieder hervorbrechen und das Neue überwuchern kann. Demnach ist es für eineN RevolutionärIn, der diesen Zusammenhang kennt, geradezu ein Verbrechen, einen genauen „Fahrplan” für die Revolution und die neue Gesellschaft auszuarbeiten.

Dennoch wird es den AnarchistInnen fast überall als Schwäche ausgelegt, dass sie keine Patentrezept bereithalten. In seiner Schrift „Worte an die Jugend” beschreibt Bakunin diesen Konflikt folgendermaßen: „Wir kennen auch solche, die aufrichtige Pläne zu einem besseren Leben aussinnen. Sie wissen gut, dass man für keine Änderung, die der Regierung nicht gefällt, ihre Zustimmung erlangen kann. Sie wissen, dass die Vorteile der Regierung denen des Volkes absolut entgegengesetzt sind. Sie begreifen, sie wissen, dass man mit Gewalt alles nehmen müsse … Dennoch ersinnen sie solche Pläne, der Teufel weiß für wen und wozu. Da sie ihr Material aus den bestehenden widerwärtigen Verhältnissen schöpfen, so ist das Resultat stets dasselbe ekelhaftes Zeug.” Wenn also etwas vollständig Neues entstehen soll, so kann es nur dann Wirklichkeit werden, wenn wir das Alte vollständig überwunden haben. Bakunin nennt diesen Zustand „Amorphismus” (Formlosigkeit).

Das heißt z.B. dass wir die hergebrachten Formen des Denkens überwinden müssen, dass wir alte Lebensweisen durch neue ersetzen, dass wir Staat, Kapital, Kirche, Bürokratie, Armee und Polizei vollständig abschaffen müssen, bevor wir uns an die Erschaffung neuer Lebensformen heranmachen, und das bedeutet auf gar keinen Fall, wie unsere Widersacher behaupten, dass Fabriken, Häuser, ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, und alle „Nicht-AnarchistInnen” umgebracht werden müssen!

Wie aber können wir so tiefgreifende Veränderungen bewirken? Eine Revolution wird natürlich nicht von alleine kommen. Zu ihrer Durchsetzung gehört eine mächtige Bewegung der unterdrückten Schichten gegen ihre Unterdrücker. Diese Bewegung muss durch Aufklärung, Agitation (20) und erfolgreiches revolutionäres Handeln verbreitet werden. Da die Herrschenden noch nie freiwillig auf ihre Vorrechte verzichtet haben, wird es zu Kämpfen kommen – ob blutig oder nicht, sei dahingestellt.

Durch viele Beispiele, sowohl aus persönlichen Erfahrungen wie aber auch durch geschichtliche Beispiele von Befreiungskämpfen ganzer Völker wissen wir, dass im revolutionären Kampf, unter ganz bestimmten Bedingungen, in denen Solidarität, Organisation und gegenseitige Hilfe notwendig sind, der neue Mensch und die Urformen der neuen Gesellschaft geboren werden. Um nur ein Beispiel zu nennen, sind die „Räte” nicht von gelehrten TheoretikerInnen erfunden, oder in Büchern entdeckt worden, sondern haben sich stets aufs Neue in den Klassenkämpfen entwickelt. Dieser Kampf ist der Moment, in dem der einzelne Mensch zum ersten mal das Gefühl der gemeinsamen Stärke spürt, und dass anerzogene Verhaltenswerten wie Konkurrenzdenken, Profitsucht, Geltungsbedürfnis, Besitzstreben, Egoismus, usw. Teil seiner Unterdrückung waren und vor der konkreten Möglichkeit einer freien Gesellschaft unsinnig werden. Wir können zwar theoretisch erklären, aber wohl kaum nachempfinden, welche kollektive Solidarität z.B. 1871 in Paris, 1917 in Petersburg, 1921 in Kronstadt, 1936 in Barcelona, 1956 in Algerien oder 1960 in Kuba herrschten (21).

Die Frage, die sich hier stellt, ist: „Ist denn der Mensch von seiner Natur her überhaupt fähig, als freier Mensch in einer freien Gesellschaft zu leben? Hat nicht vielmehr sie Tatsache, dass es trotz vieler Ansätze heute noch immer keine ‚anarchistische’ Gesellschaft gibt, das Gegenteil bewiesen?”

Beginnen wir mit der letzten Frage. Sie ist, wenn man sich die Hintergründe des Untergangs anarchistischer Gesellschaften vor Augen hält, einigermaßen zynisch. Die freiheitlichsten Experimente sind allesamt unter dem Kugelhagel und der blutigsten Unterdrückung ihrer Feinde vernichtet worden – entweder von den kapitalistischen oder von den „kommunistischen” Truppen. Dies alles hat mit der menschlichen Natur und ihrer Fähigkeit, frei zu sein, herzlich wenig zu tun. Vor allem beweist es in gar keiner Beziehung, dass der Mensch in Gesellschaften wie im nicht frei sein könne! Ganz im Gegenteil werden wir sehen, dass revolutionären Spanien oder in der freien Ukraine trotz ihrer denkbar ungünstigen Bedingungen bereits wichtige erfolgreiche Schritte in Richtung einer freien Gesellschaft getan wurden.

Was die erste Frage angeht, so wissen wir, dass uns einige WissenschaftlerInnen und VerhaltensforscherInnen vorrechnen, dass Besitz, Unterdrückung, Aggression, ja sogar kapitalistische Produktionsweisen „angeborene Triebe” seien. Nikolai Bucharin (22) schreibt in seinem Buch „Theorie des historischen Materialismus”: „Für die bürgerlichen Gelehrten ist das Huhn, das ein Korn pickt, Imperialist, denn es ‚annektiert’ das Korn (…) so müssen die bürgerlichen Wissenschaftler in ihrer Not immer wieder auf das imperialistische Huhn oder den kapitalistischen Affen zurückgreifen. Dieses Beispiel illustriert zur Genüge das jämmerliche Niveau, auf dem sich unsere ‚Wissenschaft’ bewegt.”

In der Tat: fragen wir uns doch einmal, wem denn diese Art von Wissenschaft, die sich „objektiv” nennt, dient? Es hat nie eine andere offizielle Wissenschaft gegeben, als gerade die, die dem System, das sie bezahlt, auch nützt. Haben nicht im Mittelalter, in einer vom kirchlichen Aberglauben geprägten Welt, die „objektiven” Wissenschaftler feierlichst behauptet, die Erde sei eine Scheibe, um die sich die Sonne drehe, und je der, der etwas anderes behaupte, sei mit dem Teufel im Bunde? Mussten nicht in der Sowjetunion Biologen, die eine andere Vererbungslehre, als die dem System genehme, vertraten, nach Sibirien in die Verbannung geschickt? Bezieht nicht die Psychologie all ihr empirisches Grundlagenmaterial aus der Masse der Menschen, die in diesem System bereits erzogen, „erkrankt”, mit einem Wort: verdorben worden sind? An diesen Menschen haben Gelehrte „Gesetzmäßigkeiten” beobachtet, sie beschrieben und sie mir nichts dir nichts das Vorgefundene zum unumstößlichen Naturgesetz erhoben, das Kranke und Deformierte also zum Natürlichen erklärt. Weiters ist bekannt, dass sich die wissenschaftlichen Schulen untereinander sehr über ihre Ergebnisse streiten – so z. B. über die Herkunft der Aggression (23).

Seltsamerweise wird auch immer diejenige Schule, die den Machtverhältnissen am meisten widerspricht, (so z.B. die psychologische Schule Wilhelm Reichs oder die Sexpol-Bewegung in den 20er Jahren) heftig beschimpft, verfolgt und zum Teil sogar kriminalisiert. Verwundert es da noch, dass linke WissenschaftlerInnen, wie Peter Kropotkin z.B., der lange Jahre als Naturwissenschafter und Geograph bekannter als als anarchistischer Theoretiker war, zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als die offizielle Wissenschaft? Kropotkin, der mit die ersten Forschungsstudien über das Verhalten sibirischer Tiere durchführte, stellt in seinem Werk „Gegenseitige Hilfe” beispielsweise fest, dass das Prinzip der gegenseitigen Hilfe im Tierreich mindestens ebenso stark verbreitet ist, wie das Konkurrenzprinzip, wenn es dieses nicht gar überdeckt. Ganz und gar klar wird die wissenschaftliche Parteilichkeit, wenn wir uns betrachten, wo allgemein anerkannte Wissenschafter, wie, um nur einen herauszugreifen, Konrad Lorenz, der zum Liebling aller Autoritären geworden ist, politisch stehen – nämlich rechts.

Diejenige Sache aber, die die gelehrten Herren Anhänger des Kapitalismus schier zur Verzweiflung bringt, sind jene bösen Naturvölker, die doch tatsächlich anders leben, als es die Wissenschaft für möglich erklärt. Uns sind nämlich sehr wohl Völker mit zum Teil recht hoher Kultur bekannt, die weder die Ehe noch das Geld, weder Besitzdenken noch Aggression, weder Kriege noch Herrschaft kennen. Jeder, der sich mit Ethnologie (24) beschäftigt hat, wird das bestätigen können. Das soll jedoch nicht heißen, dass die AnarchistInnen die Rückkehr in den Urwald fordern. Ganz im Gegenteil, wir werden noch sehen, dass die anarchistischen Theorien, ganz bewusst die technischen Möglichkeiten unserer Gesellschaft in ihr Modell einbeziehen. Hier wollten wir jedoch nur eines zeigen: Hüten wir uns davor, der Wissenschaft blind zu vertrauen! Hüten wir uns davor, das Vorgefundene für das Natürliche und einzig Mögliche zu halten!

Gewöhnen wir uns vielmehr daran, unsere Phantasie zu schulen und uns das, was man uns von klein auf als Unmöglich dargestellt hat, vorzustellen und zu verwirklichen. Dann werden wir merken: Auch der Anarchismus ist nicht utopisch. Genau das war mit jener Wandparole gemeint, die im Mai 1968 überall auftauchte: „Sei realistisch – fordere das Unmögliche!” Sehen wir uns also in den folgenden Kapiteln an, wie sich AnarchistInnen das „Unmögliche” vorstellen.

Ökonomisches System

Es versteht sich von selbst, dass das ökonomische (wirtschaftliche) System einer neuen Gesellschaft anders aussehen muss, als das kapitalistische, welches wir jetzt haben. In dieser Hinsicht ist die Analyse und die Kritik des kapitalistischen Produktionssystems der Anarchisten fast gleichwertig mit dem der Kommunisten. Tatsächlich hat Marx’ gute und tief gehende Analyse der Wirtschaft die anarchistische Theorie entscheidend beeinflusst, und auch heute noch gelten die wichtigsten der Marx’schen Prinzipien.

So wissen wir, dass das Kapital sich in den Händen weniger Kapitalisten mehr und mehr akkumuliert (anhäuft) und so zur Bildung von Monopolen führt, die zentral die ganze Wirtschaft kontrollieren. Die Folge davon ist eine relative Verelendung (25) der ArbeiterInnen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem beruht auf dem Prinzip der Ausbeutung und des Mehrwerts (26) und bringt nach dem Schema „Lohn-Preis-Profit” immer mehr Ungerechtigkeit und soziales Elend mit sich. Des weiteren kann der Kapitalismus aus logischen Gründen (die wir hier nicht alle entwickeln können) das regelmäßige Auftreten von großen Wirtschaftskrisen nicht verhindern. Diesen Krisen fallen gewöhnlich Tausende von ArbeiterInnen, nie aber die Reichen zum Opfer. Auch in Österreich hat es bekanntlich eine Reihe solcher Krisen gegeben und es wird sie auch wieder geben.

Weiters wird der/die ArbeiterIn aus Gründen der Kostenersparnis gezwungen, langweilige, ermüdende oder gefährliche Arbeit zu leisten, zu der er/sie keine Beziehung hat und die er/sie für andere macht. Das nennen wir Entfremdung. Zwar geht es dem/der ArbeiterIn heute nicht mehr so schlecht wie früher, aber wir dürfen nicht vergessen, dass der gesamte Wohlstand der westlichen Welt auf der hemmungslosen Ausbeutung der Völker Asiens, Afrikas und Südamerikas beruht. Um es krass zu sagen: Wir können unsere Dose Ananas nur deshalb so billig kaufen, weil irgendwo in Sri Lanka Menschen verhungern. In den bisher geschilderten Punkten sind sich MarxistInnen und AnarchistInnen einig. Wie aber steht es mit den Gegenvorschlägen?

Schon Marx und Bakunin haben sich hierüber gestritten. Marx strebte eine zentrale Organisation der Produktion an. Ein Stab von Ingenieuren sollte für den ganzen Staat, der das Bank- und Produktionsmonopol (27) hat, bestimmen, was produziert wird und was nicht. Marx sprach vom geordneten und disziplinierten „Arbeiterarmeen”.

Die AnarchistInnen traten dagegen für ein völlig anderes Wirtschaftssystem ein. Es sollte vor allem zwei Bedingungen erfüllen – menschlich sein und effektiv produzieren. Vor allem das erstere sahen sie im marxistischen Konzept gefährdet. Sie fürchteten sogar, dass aus dem allmächtigen Wirtschaftsstaat eine neue, schlimmere Regierungsform hervorbrechen würde. Wenn mensch sich das Staat- und Wirtschaftssystem der UdSSR angesehen hat, muss mensch zugeben, dass diese Befürchtung nicht ganz abwegig war. (28)

Genau wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, so sollte auch die Wirtschaft und die Industrie von „unten nach oben” organisiert werden, d. h. auf der Grundlage von freien und gleichberechtigten Produktionsgemeinschaften, die sich nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der ArbeiterInnen und VerbraucherInnen zu wirtschaftlichen Föderationen (Bünden) zusammenschließen sollten. Dasselbe sollte für die landwirtschaftlichen Genossenschaften gelten.

Die Wirtschaft sollte also nicht durch Grenzen und zentrale Planung gehemmt, sondern sich von der Basis her, d. h. an den tatsächlichen Bedürfnissen der ProduzentInnen (ArbeiterInnen) und KonsumentInnen (VerbraucherInnen) orientieren. Nun wird es jedem/jeder einleuchten, dass mensch die wirtschaftliche Ordnung nicht dem Zufa11 überlassen kann. Das ist mit diesem Konzept auch keineswegs gemeint. Vielmehr sollten sich Industrie und Produktionszweige zu Räten zusammenschließen, die aus ihrer praktischen Erfahrung Probleme, wie z.B. Transport, Rohstoffgewinnung, Lagerung und Verteilung der Güter, beraten, beschließen und durchführen. Es leuchtet ebenfalls ein, dass bei einer solchen Organisation, in der HandarbeiterInnen und KopfarbeiterInnen aus ihrer täglichen und fachlichen Erfahrung heraus viel reibungslosere und richtigere Entscheidungen treffen, als irgendwelche studierten TheoretikerInnen an irgendwelchen grünen Tischen, in irgendwelchen staatlichen Zentralen.

Ein solches Prinzip nennen wir Räteprinzip oder Selbstverwaltung. Leider würde es zu weit führen, an dieser Stelle das ökonomische Konzept des Anarchismus in seinen Einzelheiten darzulegen. Mit der kapitalistischen Produktionsweise müsste auch sein charakteristischstes Merkmal fortfallen – das Geld. Viele Menschen meinen, das Geld sei eine sehr praktische Einrichtung, die nur dazu diene, dass man nicht immer mit Kühen oder Ziegen zum Tauschen umher laufen müsse. Das ist leider ein Irrtum, denn Geld ist bedeutend mehr als nur eine Warenersatz. Geld kann sich (ohne, dass seinE BesitzerIn auch nur einen Finger krumm macht) vermehren. Mann kann es unbegrenzt aufheben und horten, es ist ein abstrakter Wert, der sich akkumulieren (anhäufen), der gezielt zur Provozierung oder Vermeidung von Krisen, Kriegen, politischen Machenschaften eingesetzt werden kann – also weit mehr, als alle Ziegen und Kühe der Welt vermögen. Mit einem Wort: Geld kann sich verselbstständigen. Geld ist das Symbol gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und der Arroganz der herrschenden Klasse. Was aber geschieht, wenn das Geld abgeschafft ist? Müssen wir dann nicht doch wieder mit Kuh und Ziege tauschen gehen? Die Lösung ist ganz einfach.

Wir gehen davon aus, dass die Produktionsweise in der neuen Gesellschaft eine Bedürfnisproduktion ist. Das bedeutet, dass unter größtmöglicher Ausnutzung aller technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten und unter der größtmöglichen Verminderung entfremdeter menschlicher Arbeit, genau das produziert wird, was alle Menschen der Erde zum Leben, zum Vergnügen und zur Bequemlichkeit brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist beim heutigen Stand der Technik ohne weiters möglich. In unserem heutigen System ist dies jedoch ganz anders. Der größte Teil der Menschheit bekommt nicht einmal genug zu essen, während der kleinere Teil im Überfluss lebt. Für ihn wird Luxus produziert (viele unserer Bedürfnisse werden nämlich erst künstlich geweckt, damit die Industrie das neue Bedürfnis dann wieder „befriedigen” kann. Nur drei Beispiele: elektrische Zahnbürsten, computergesteuerte goldene Tischfeuerzeuge, Luxusautos). In die Waren selbst werden Verschleißteile eingebaut, damit sie nach einer bestimmten Zeit kaputtgehen. So müssen sie häufiger gekauft werden und die Industrie kann viel mehr produzieren, was wiederum den Profit der Kapitalisten ins Unermessliche klettern lässt.

Die Mode zwingt uns, auf noch absonderlichere Weise, neue Kleider zu kaufen, die wir noch gar nicht brauchen. Um diesen idiotischen Zustand aufrechtzuerhalten, gibt mensch unter anderem ungeheure Summen für eine Armee aus, die noch dazu den ungeahnten Vorteil hat, sich und viele andere Werte von Zeit zu Zeit zu vernichten. Den Rest des Geldes gibt mensch dann noch für solche Dinge wie den Flug zum Mond aus, für den höchstens ein rein wissenschaftliches Bedürfnis besteht (29). Angesichts des riesigen Elends in der Welt sollte uns diese irrsinnige Verschwendung an Produktionskräften zu denken geben. Sie kann nur den Zweck haben, das widersprüchliche und wackelige System der kapitalistischen Produktionsweise am Leben zu erhalten.

All das aber fiele bei einer Bedürfnisproduktion weg. Es gibt Berechnungen amerikanischer Universitäten, die besagen, dass bei einer konsequent durchgeführten Bedürfnisproduktion, also, wenn Mode, Militär, Verschleißteile, Werbung usw. wegfielen, die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt würden, und das bei einer täglichen Arbeitszeit von vier bis fünf Stunden. Dies klingt unglaublich, wird uns aber verständlich, wenn wir uns klarmachen, dass allein für die „Verteidigung” direkt oder indirekt weit über die Hälfte allen Geldes der Erde ausgegeben wird.

Wir können also davon ausgehen, dass in der Bedürfnisproduktion so viel produziert wird, dass genug für alle da sein wird. Nun zurück zu unserer Frage: weshalb sollte mensch da noch tauschen? Hier ein Beispiel: einE BäckerIn produziert Brötchen und einE ElektrotechnikerIn Radios. Der/die TechnikerIn wird sich morgen beim Bäcker sein/ihr Brötchen holen, soviel er braucht, ohne diesem dafür Geld oder gar ein Radio geben zu müssen. Dafür wird sich aber der/die BäckerIn, wenn sein/ihr altes Radio nicht mehr zu reparieren ist, ein neues Radio nehmen, und zwar wieder ohne dafür mit Geld oder gar mit einem Lastwagen voll Brötchen zu bezahlen.

Dieses Beispiel ist bewusst stark vereinfacht, tatsächlich wird die Güterverteilung, sofern es nicht Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs sind, zur Aufgabe der Produktionsräte gehören. So wird eine möglichst gerechte Verteilung der Waren gewährleistet, denn die Bedürfnisproduktion wird sich nicht von heute auf morgen und ohne Schwierigkeiten verwirklichen lassen. Auf jeden Fall aber wird der gesellschaftliche Wohlstand allen und allen in gleichem Maß zugute kommen. Zugegeben, uns dies vorzustellen, ist schwer. Vor allem deshalb, weil es uns „natürlich” erscheint, für etwas, was wir bekommen, auch etwas zu geben. Dies wird sich jedoch, bei genauer Betrachtung, auch im neuen System nicht ändern. Der Unterschied liegt nur darin, dass wir nicht im selben Augenblick „bezahlen”, sondern indirekt durch die Arbeit, die jedeR leistet. Was geschieht aber mit Leuten, die nicht arbeiten wollen? Hierzu ist wieder ein kleiner Exkurs nötig.

Arbeit im kapitalistischen System bedeutet für fast alle Menschen Gefahr, Stumpfsinn, Plackerei. Weiter oben haben wir das bereits als Entfremdung bezeichnet. Ebenfalls haben wir darauf hingewiesen, dass die Bedürfnisproduktion hauptsächlich menschlich sein soll. Das bedeutet, dass alle Arbeitsvorgänge weniger nach ihrer Erzeugungskraft als nach ihrer Menschenfreundlichkeit beurteilt werden. Freundlichere Arbeitsplätze, kürzere Arbeitszeit, eigene Einteilung der Zeit und der Aufgabe, Bewältigung der stumpfsinnigen Aufgaben durch Maschinen, all das sind nur einige Beispiele, die die Arbeit in einem völlig anderem Licht erscheinen lassen. Der/die ArbeiterIn weiß was er/sie macht, weshalb er etwas macht, und für wen er etwas macht. Dabei hat er/sie das gute Gefühl, nicht eine Schicht von Schmarotzern (= Kapitalisten) miternähren zu müssen. Arbeit wird mehr und mehr zum Spiel, zu schöpferischer Leistung. (30)

So werden sich die meisten Menschen an der allgemeinen Arbeit beteiligen. Jemanden aber zur Arbeit zu zwingen, würde gegen die freiheitlichen Prinzipien des Anarchismus verstoßen! Auf der anderen Seite kann aber auch keine freie Kommune gegen ihren Willen gezwungen werden, Menschen, die nicht arbeiten wollen, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen und mit zu versorgen. So wird dies letztlich immer im Ermessen der Kommunen bleiben und folglich von ihrem Wohlstand abhängen. So bliebe noch die Frage: was ist, wenn sich manche Menschen mehr nehmen, als ihnen zusteht?

Wir müssen uns hier unbedingt freimachen von der Vorstellung, dass die freie Gesellschaft ein liberaler Hampelmann sei, der aufgrund seines menschenfreundlichen Bewusstseins sich alles gefallen ließe. Selbstverständlich werden die neuen Gemeinschaftsformen ihre Interessen gegenüber Menschen, die andere Auffassungen vertreten, zu verteidigen wissen. JedeR wird in der Lage sein, den/die andereN zu kontrollieren und darauf zu achten, dass er nicht mehr bekommt, als er/sie braucht. Grundlegendes Prinzip bei allen diesen Überlegungen ist es aber, dass, ganz im Gegensatz zum heutigen System, niemand gezwungen wird, sich dieser oder jener Kommune anzuschließen. Jedem und jeder steht frei, sich mit anderen in neuer Form zu organisieren. Mit der Zeit aber müssen auch die Dümmsten merken, dass das Horten von Waren in einer geldlosen Gesellschaft Irrsinn ist. Verkaufen kann man nichts mehr, da man sowieso alles „umsonst” bekommt und mensch kann nicht mehr Essen, als der Magen verträgt, ebensowenig wie in zwei Häusern zugleich wohnen, zwei Autos zugleich fahren, oder in zwei Fernseher zugleich sehen. Auch der Warenbesitz als Symbol einer Klassenzugehörigkeit als Beweis für Wohlstand und Luxus hat mit der Abschaffung der Klassengesellschaft seinen Sinn verloren.

In den beiden „erfolgreichsten” anarchistischen Gesellschaften, die je existierten, in der Ukraine und in Spanien, ist es tatsächlich gelungen, diese Vorstellungen schon in den wichtigsten Ansätzen zu verwirklichen. Zwar standen beide Bewegungen unter dem ungünstigen Stern eines harten Krieges, der viele Anstrengungen einfach wieder über den Haufen warf; man konnte in einer solchen Situation natürlich nicht von einer Bedürfnisproduktion reden. Dennoch ist es gelungen, die Arbeitswelt erheblich zu humanisieren. Alle Betriebe wurden von den ArbeiterInnen selbst übernommen und verwaltet („kollektiviert”). Die Verwaltung wurde erheblich reduziert und ebenso wie alle Dienstleistungen, Transportfragen und die Kriegsführung nicht mehr vom Kapital und der Regierung, sondern einzig von den demokratischen Räten der ArbeiterInnen, Bauern/Bäuerinnen und MilizionärInnen (SoldatInnen) besorgt. Und, was niemand (freilich außer den AnarchistInnen) für möglich gehalten hatte, geschah: die Produktion stieg, statt zu fallen, die Löhne konnten, durch die enormen Einsparungen am bürokratischen Wasserkopf, gehoben werden, ja in einigen Fällen konnte sogar die Arbeitszeit gesenkt werden (trotz Kriegsführung!). Weder in der Ukraine 1918 bis 1922, noch in Spanien 1936 bis 1939 hat es Hungertote gegeben, wie es sie im zentralistischen Wirtschaftssystem Sowjetrusslands schon zu Millionen zu beklagen waren. Beide Modelle haben es vermocht, während es Krieg gab, ihre Industrie zu vergrößern und auch auf kulturellem Gebiet das Fundament für eine neue Gesellschaftsordnung zu legen. War die Ukraine mehr ein Agrarland mit wenig Industrie, so haben wir in Spanien mit seinen Industriezentren, so vor allem in Barcelona und Valencia, ein typisches Beispiel dafür, dass das anarchistische Prinzip der Selbstverwaltung und der Bedürfnisproduktion auch in modernen Industrien möglich ist.

Auch in jüngster Zeit hat es wieder zahlreiche Beispiele von (freilich kürzeren) Perioden der ArbeiterInnenselbstverwaltung gegeben. Fassen wir die Thesen der ökonomischen Organisation der AnarchistInnen kurz zusammen: ArbeiterInnenselbstverwaltung, Bedürfnisproduktion, Abschaffung des Geldes, Humanisierung der Arbeitswelt, Ausnutzung der technischen Mittel und wirtschaftliche Koordination nach dem Räteprinzip. Ganz bewusst haben wir uns bei diesem Kapitel etwas länger aufgehalten, denn ohne eine freie Organisation der Wirtschaft wird keine freie Gesellschaft möglich sein. Ebenso, wie ohne eine freie Gesellschaft keine freie Wirtschaft möglich sein kann: beide sind unlösbar miteinander verbunden.

Die Organisation

„Tatsache ist, dass es zwar tausende Studenten der Staatswissenschaften gibt, aber kaum jemand, der sich je mit einer Gesellschaft ohne Staat beschäftigt hat” (Colin Ward)

Es wird allgemein angenommen, Anarchie sei der klassische Begriff der Desorganisation. Nichts stimmt weniger. Wie wir schon am Anfang erwähnt haben, bedeutet für die anarchistischen TheoretikerInnen Anarchie keineswegs Unordnung, sondern sie ist Ausdruck höchster, weil natürlichster Ordnung. Sie entspricht den natürlichen sozialen Bedürfnissen aller Menschen am Besten und stellt voraussichtlich die einzige Organisationsform dar, die den enormen Anforderungen der gesamten Menschheit jetzt und in Zukunft gewachsen ist.

Erst durch die Befreiung von der staatlich gelenkten und gewollten Unordnung wird der Anarchismus zur Ordnung. Diese Ansicht wird nicht von allen Anarchisten geteilt. Viele wehren sich strikt gegen jede Art der Organisation. Ihnen wirft Errico Malatesta vor: „Unter dem Einfluss ihrer autoritären Erziehung glauben sie, dass die Autorität die Seele der sozialen Organisation sei und um jene zu bekämpfen haben sie diese abgelehnt. (…) Der Grundirrtum der Anarchisten, die Gegner a l 1 e r Organisationen sind, ist die Annahme, Organisation sei ohne Autorität nicht möglich.”

Wie sieht nun diese Organisation aus?

Hierzu müssen wir zwei Etappen unterscheiden: Die Vor-(Prä-)revolutionäre und die Nach-(Post-)revolutionäre. In der ersten geht es darum, die meist schwachen freiheitlichen Kräfte möglichst effektiv und nutzbringend einzusetzen, revolutionäre Propaganda zu betreiben, überall Zellen und Gruppen zu bilden und sich gleichzeitig gegen die wachsende Unterdrückung des Staates zu wehren. Dabei dürfen aber keine zentral-diktatorischen Strukturen auftreten, die auf der einen Seite das Instrument der Befreiung in ein Instrument der Unterdrückung verwandeln würden und in demselben Masse aus der Volksbewegung eine Parteibewegung machen würden.

Auch hier gilt also das Prinzip der Anwesenheit des Zieles in den Mitteln. (Das Ziel, Freiheit, muss auch Grundlage der Organisation sein.) Selbstverständlich kann eine revolutionäre Organisation, eine politische Zelle nicht in dem Masse frei sein, wie die Organisation der freien Gesellschaft. Vor allem dann, wenn die Organisation von der Polizei verfolgt wird.

Zur Zeit Bakunins war der Anarchismus vor allem in Geheimbünden organisiert. Diese waren untereinander durch ein System von Kurieren und geheimen Konferenzen verbunden und konnten so ihre Tätigkeiten abstimmen. Hierbei stellte die Verbindung zur Masse des unterdrückten Volkes ein besonderes Problem dar.

Zu Beginn diese Jahrhunderts bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs war die Organisationsform die des Anarchosyndikalismus. Diese Organisation hat es vermocht, beide Probleme zu lösen: Die Organisation der breiten Massen in ihrem Kampf um die Freiheit zusammen mit dem oft illegalen Kampf der aktiven RevolutionärInnen zu vereinigen. Diese anarchistischen Gewerkschaften, in ihren Zielen revolutionär, in ihrer Struktur von unten nach oben organisiert und in ihrer Organisation dezentral aufgebaut, haben es vermocht, Millionen von Menschen zu organisieren und einen erfolgreichen Kampf um ihre Interessen zu führen. Von bedeutender Wichtigkeit hierbei ist, dass die gewerkschaftliche Organisation mühelos den Schritt von einer prä- zu einer postrevolutionären Organisation tun kann. In ihrer Struktur finden sich die ersten Grundlagen für den Aufbau der freien Gesellschaft. In Spanien war die anarchosyndikalistische CNT (Confederation National del Trabajo = Nationale Föderation der Arbeit) die Grundlage auf die sich die Anarchisten nach der Revolution stützen konnten. Die Gewerkschaft kannte sich in den Betrieben gut aus und zählte (nach A. Souchys Angaben) zum Zeitpunkt der Revolution 1.600.000 Mitglieder, die zum größten Teil Industriearbeiter waren. So konnten sie die Industrieproduktion regeln. Die CNT hat einen jahrzehntelangen Kleinkrieg gegen den spanischen Staat geführt und zählte auf erfahrenen Kämpfer. So konnte sie gegen den Faschisten Franco schnell die sogenannten Milizen aufstellen.

Um die CNT hatten sich Ärzte, Ingenieure, Verwaltungsfachleute gesammelt – so konnten die öffentlichen Dienste, Planung und Verwaltung ebenfalls über die Gewerkschaften gelöst werden. Freilich in einem ganz anderem Sinne als vorher: die unnütze Bürokratie verschwand gänzlich, Ärzte, Ingenieure, und Facharbeiter waren, wie alle anderen Menschen, den normalen Arbeitern gleichgestellt, und, was sicher das wichtigste war, der ganze Apparat war für jeden durchschaubar und kontrollierbar; eine echte Organisation des werktätigen Volkes. So hat die innere Struktur der prärevolutionären Organisation es verhindert, dass die postrevolutionäre Organisation, in diesem Fall die CNT, zu einem neuen, autoritärem „Staat” wurde. Wir haben nur zwei Beispiele betrachtet, an denen man jedoch klar erkennen kann: Eine Organisation ist notwendig, wenn man tatsächlich für eine revolutionäre Veränderung eintritt, wenn man die Revolution mit den Massen des Volkes will und nicht als Karnevalsrevoluzzer auftritt.

Die Grundlage der postrevolutionären Gesellschaft ist die Organisation der freien Kommunen (auch Bünde genannt). Dies Kommunen sind jede für sich und alle wieder unter einander nach dem Räteprinzip organisiert. Was es mit diesen, als Schlagwort allgemein bekannten Begriff auf sich hat, wollen wir im nächsten Kapitel untersuchen.

Informationen

Kategorie: Anarchismus

Kommentare

Keine Kommentare bis jetzt.

Kommentar schreiben

XHTML: Folgende Elemente sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Aktion UBERWACH! Politiker-Stopp - Diese Seite ist geschützt vor Internet-Ausdruckern.
Angetrieben durch Wordpress Thema erstellt von Antu
Better Tag Cloud