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Was ist eigentlich Anarchismus? (Teil 3)

Räte und Selbstverwaltung

„Verteilt die Macht, damit sie keinen mächtig macht.”

Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von den bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Hundertmal an verschiedenen Stellen der Erde sind sie immer aufgetaucht. Erfinder dieser Organe ist das revolutionäre Volk. Immer waren die Räte die spontane Antwort der unterdrückten Massen gegen ihre Unterdrücker; stets kam in ihnen ein völlig entgegengesetztes Konzept gesellschaftlicher Organisation zum Ausdruck als das herrschende. Wir finden sie in der französischen Revolution von 1789, in der Pariser Commune von 1871, in der russischen Revolution von 1905 und in der Oktoberrevolution sind sie ein fester Bestandteil des revolutionären Prozesses. 1921 finden wir sie in Kronstadt und 1936 entwickeln sie sich zum Träger der Revolution – auch 1956 im Ungarn, 1969 in Italien und 1971 in Polen tauchen sie wieder als Organe der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker auf. Es gibt unzählige Beispiele mehr.

Die Räte sind sowohl geographische als auch sachliche Organisationsformen. Sie können sich überschneiden, d.h. es gibt z.B. den Rat eines Dorfes, einer Stadt oder eines Landstrichs, je nach Größe und Einwohnerzahl. In diesem Gebiet organisieren sich Räte nach sachlichen Zusammenhängen, so z. B. am Arbeitsplatz, in der Fabrik, im Transportwesen, in den Krankenhäusern, Universitäten und Schulen, auf den Bauernhöfen, ja sogar in den Familien, Stadtteilen und Bezirken. Es kann auch andere sachliche Zusammenhänge geben, wie den Rat der Frauen, den der Alten, der Körper”behinderten”, der VerbraucherInnen usw. Jeder Rat ist im Grunde nichts weiter als die Versammlung aller Menschen, die unter einen bestimmen Bereich fallen und an ihm teilnehmen möchten. Die Teilnahme und Mitarbeit ist freiwillig, demzufolge auch die Unterwerfung unter die Beschlüsse des Rates, sowie der Genuss der durch ihn erzielten Ergebnisse. Die Räte versammeln sich in bestimmten Abständen und vor allem immer dann, wenn wichtige Probleme zur Lösung anstehen. Damit sie arbeitsfähig bleiben, sollten die Räte klein gehalten werden. (Es wäre z. B. unsinnig, einen Rat von Wien oder Europa zu bilden.)

Jeder Rat ist grundsätzlich autonom (unabhängig). Zur Bewältigung bestimmter Probleme oder zur Bildung von Räten, die sich überregional organisieren müssen (z.B. Transportwesen, Post usw.) wählt der Rat sogenannte Delegierte. Grundsätzlich hat jedes Mitglied eines Rates das aktive und passive Wahlrecht, d.h. er/sie kann wählen und gewählt werden. Die Delegierten bilden dann wieder einen Rat, der sich nach denselben Prinzipien organisiert wie eben beschrieben. Hierbei ist immer gewährleistet, dass die, die das meiste Vertrauen in der Bevölkerung genießen, und sich mit dem Problem, um das es gerade geht, gewählt werden. Im Gegensatz zum bürgerlichen Parlament kennt jedeR die Delegierten, die er/sie mir den Aufgaben betraut gut. Dies ist eine klare Organisation von Unten nach Oben. Die Aufstellung von Delegierten ist im Grunde eine rein technische Angelegenheit, denn 7 Millionen Österreicher können sich schlecht versammeln und noch weniger sich über irgendwelche Probleme unterhalten. Damit dies auch eine rein technische Angelegenheit bleibt und der/die Delegierte seine/ihre Position nicht missbraucht, wird er/sie immer nur für kurze Zeit gewählt: meist nur für die Zeit die nötig ist, diese oder jene Sache zu bewältigen. Die Delegierten werden aber auch deshalb von Zeit zu Zeit ausgewechselt, damit möglichst viele Menschen fähig werden, Dinge zu beurteilen und Probleme zu lösen.

Wenn einE DelegierteR gewählt ist, bekommt er/sie von seinem/ihrem Rat einen Auftrag. Man sagt ihm genau, was er/sie zu tun und was er/sie zu lassen hat. Dies ist die eigentliche Aufgabe des Rates, in ihm werden die anstehenden Probleme diskutiert; jedeR kann sich äußern, jedeR kann argumentieren und mensch versucht die für alle einleuchtendste Lösung zu finden. Wird eine Lösung vorgeschlagen, so können alle sicher sein, dass sie von einer ganzen Reihe von Leuten, die auf diesem Gebiet Erfahrung haben, gewissenhaft durchdiskutiert wird. Die Einzelheiten sind dann mehr oder weniger dem/der Delegierten überlassen. DieseR ist aber wieder den ursprünglichen Räten laufend Rechenschaft schuldig.

Weicht die Arbeit der Delegierten von den Beschlüssen des Rates ab, ohne dass es dafür vernünftige Gründe gibt, werden diese sofort abgesetzt und neue Delegierte, die das Vertrauen besser rechtfertigen, gewählt. Dieses Prinzip nennt man „imperatives Mandat“. So entscheidet also in jedem Fall der unterste Rat und nicht der Delegiertenrat, was gemacht wird. Wie wir sehen, löst dieses System alle Mängel, die wir im Kapitel über die bürgerliche Demokratie und über den autoritären Sozialismus an allen gegenwärtigen Systemen festgestellt haben. Das Rätesystem, mehr als einmal erprobt, garantiert eine echte lebendige Volksdemokratie in allen Lebensbereichen. Es sorgt dafür, dass jedeR die gesellschaftliche Organisation gänzlich durchschauen, in sehr vielen Dingen mitreden kann und, dass sich keine Führungsschichten bilden können. Die gesellschaftliche Organisation, Produktion und Verteilung wird also rationell (ohne Umwege) und den Bedürfnissen des Volkes entsprechend organisiert. Eine bedeutende Bewegung der Selbstverwaltung (= System der Gesamtheit aller Räte) finden wir vor allem in Frankreich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts: die Genossenschaften.

Diese Zusammenschlüsse von ArbeiterInnen, die sich ohne Chefs und Ingenieure, nur auf ihre eigene Kraft und ihre eigenes Wissen gestützt, daran machten, ihre Fabriken zu leiten, ihren Warentausch zu organisieren und ihren Verkauf zu regeln, haben zwar eine schnelle Ausbreitung gefunden, doch lag ihrem Konzept eine grundlegender Fehler zugrunde. Proudhon, einer der Väter des Genossenschaftsgedankens, hatte versucht, sein revolutionäres Modell innerhalb einer noch funktionierenden kapitalistischen Ordnung zu verwirklichen. Mensch glaubte damals noch, dass mensch so das bestehende System überwinden könnte. Das war natürlich falsch, insofern, als es dem Staat ein Leichtes war, die Genossenschaften in den finanziellen Ruin zu treiben oder zu zerschlagen.

Wie allen Versuchen, den Kapitalismus auf friedlichem Wege abzuschaffen, erging es auch der Genossenschaftsbewegung: sie wurde schließlich „entschärft” und dient heute unter anderen Vorzeichen zur Erhaltung und Kräftigung des Staatssystems (Vgl. auch heute das Kibbuz-System in Israel). ArbeiterInnenselbstverwaltung finden wir in fast allen revolutionären Ereignissen, die spontan und von keiner Partei geführt, stattfanden. Auch heute können wir in einigen Ländern Erhebungen mit der Tendenz der Selbstverwaltung der Produzenten beobachten. (Vgl. z.B. die Anfangszeit der portugiesischen Revolution). Diese Diskussion innerhalb der anarchistischen und rätekommunistischen Bewegung ist unerhört wichtig, denn sie kann möglicherweise im anarchistischen Sinne sein.

Natürlich dürfen wir die Selbstverwaltung nicht mit der Mitbestimmung verwechseln. Diese, von reformistischen (31) Gewerkschaften geforderte Verwaltungsform bedeutet keinesfalls Demokratie, sondern nur ein kleines Zugeständnis an die ArbeiterInnen, die an der tatsächlichen Unterdrückung nichts ändert und in Wirklichkeit nur die ArbeiterInnenschaft beruhigen soll.

Parteien

„Parteien sind zum Schlafen da – und zum schrecklichen Erwachen!” (Zeitung „883″)

Die Frage, ob mensch sich in Parteien organisieren oder in bestehende Parteien eintreten sollte, hat sich den AnarchistInnen schon sehr früh gestellt. Noch während der ersten Internationalen begann sich abzuzeichnen, dass sowohl die revolutionären MarxistInnen um Marx als auch die deutsche Sozialdemokratie um Lassalle (32) in Form von Parteien organisieren würden.

Diese „ArbeiterInnenparteien” waren zunächst kleine Gruppierungen in den verschiedenen Städten und Industriezentren eines Landes. Sie betrieben Propaganda unter der ArbeiterInnenschaft und traten für einen Kampf ein, der die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen verbessern sollte. Die Abschaffung der Kinderarbeit, die Verkürzung der Arbeitszeit, freies Streikrecht und ähnliches stand auf ihrem Programm. Ihre Stärke wuchs rasch und mit dieser Stärke bildete sich fast automatisch ein großer Stamm an berufsmäßigen Parteiangestellten: Bürokraten, SchriftstellerInnen, RednerInnen usw. Diese Leute, die sogenannten FunktionärInnen, entstanden selbst meistens nicht der Arbeiterschaft. Der ganze Parteiapparat unterstand einer Zentrale, die die politische Richtung der Partei ausarbeitete und die Befehle an die einzelnen Ortsgruppen ausgab. Diese hatten meistens nichts weiter zu tun, als diese Befehle auszuführen, neue Mitglieder zu werben, und im übrigen pünktlich ihre Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Die Parteien gaben ihre eigenen Zeitungen heraus, unterhielten ihre Parteischulen und versuchten schon bald, in den verschiedenen Regierungen an Gewicht zu gewinnen und sich an der parlamentarischen Arbeit zu beteiligen.

Waren diese Parteien zu Beginn ihrer Entwicklung reine Zweckverbände der ArbeiterInnenbewegung, so war schon bald ihr wichtigstes Ziel die Wahlbeteiligung und die Erringung möglichst vieler Stimmen im Wahlkampf. Um im Parlament viele Sitze zu bekommen und stark zu werden, musste mensch viel paktieren, und so wich mensch sehr schnell ganz beträchtlich von den revolutionären Vorsätzen ab. Es wird nicht verwundern, dass die AnarchistInnen diese Organisationsform ablehnten. Sie kritisierten an ihr vier wichtige Punkte:

  • Die Richtung der Partei war nicht die soziale Revolution, also der Umsturz der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse, sondern die Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb dieser Gesellschaft. Dies, so argumentierten die AnarchistInnen, sei ein mühevoller unnötiger Umweg, der nur vom eigentlichen Ziel ablenke. Tatsächlich hat sich zum Beispiel die deutsche sozialdemokratische Partei gute 30 Jahre für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts herumgeschlagen, von dessen Verwirklichung sie sich offenbar die Revolution oder noch größere Wunder versprachen. Als es dann durchgesetzt war, brachte es nicht die geringste Änderung an der Situation der Arbeiter.
  • Die Organisation der Partei war zentral, autoritär und vom Staat leicht zerschlagbar. Man hätte nur das Zentralbüro verhaften müssen, und die Partei stände ohne Kopf da. Deshalb ist die Partei weder in ihren Aktionen beweglich, noch kann sie sich von tatsächlichen Bedürfnissen an ihrer Basis leiten lassen, da die autoritäre Struktur von unten nach oben nur sehr schwer zu durchdringen ist. (Für den/die einfachen ArbeiterIn war es nämlich fast unmöglich, Einfluss auf die Politik „seiner” Partei zu nehmen.)
  • Die zentrale Organisation bringt weiterhin die Gefahr mit sich, dass sich eine riesige Schicht von bezahlten FunktionärInnen bildet, die der Arbeiterbewegung nicht nur auf der Tasche liegt, sondern sie auch noch beherrschen möchte. Mit der Zeit bildet sich eine völlig neue kleine Klasse – eine Kaste – die mehr an ihre eigenen Vorteile und ihre Karriere als an den Kampf der ArbeiterInnen denkt.
  • Daraus ergibt sich, dass die Partei im Falle einer Revolution notwendigerweise hinter den revolutionären Massen zurückbleiben muss. Wie ein zu klein gewordenes Hemd wird sie der Revolution nicht dienen, sondern sie lediglich einengen. Sie wird die Revolution nicht vorbereiten, sie nicht beginnen, sie nicht führen – sie wird ihr hinderlich sein und meistens nur daran denken, ihre Funktion, d.h. ihren Anspruch auf eine Führung, aufrechtzuerhalten. Im Übrigen haben wir bereits gesehen, dass das Wahlsystem ein simpler Betrug ist. Ein gefährlicher Selbstbetrug ist es aber, zu glauben, durch die Teilnahme an diesem Betrug das System abschaffen zu können.

War diese Kritik berechtigt?

Was die Sozialdemokratie betrifft, so können wir ein ungeheures Anwachsen des bürokratischen Apparates feststellen. In ihren Reihen waren um die Jahrhundertwende Millionen von ArbeiterInnen organisiert. 1912 war sie schon die stärkste Fraktion im deutschen Reichstag. Und was tat sie? Hat sie die soziale Revolution begonnen? Sie saß seelenruhig auf ihren Parlamentsbänken, hielt geschliffene Reden mit den bürgerlichen Politikern und trat noch immer für Lohnerhöhungen, bessere Wohnungen und dergleichen ein. Als Kaiser Franz-Josef den 1. Weltkrieg anzettelte, stimmten die Sozialdemokraten zu und sorgten dafür, dass die ArbeiterInnenschaft in den Krieg zog.

Als sie nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie mehr aus Versehen und ohne es eigentlich gewollt zu haben, an die Macht kam, hatte sie ihre revolutionären Ziele längst aus dem Gedächtnis verloren. So wehrte sie sich mit allen Mitteln gegen die Einführung einer allgemeinen Räterepublik und verteidigte zäh die bürgerliche Ordnung. Gegen dieselben ArbeiterInnen, deren Interessen sie einst vertreten sollte, setzte die Partei Polizei und Militär ein. (33) Bis vor kurzem war die selbe SPÖ an der Macht. Wenn mensch es nicht überall lesen würde, mensch könnte es gar nicht merken: von Sozialismus keine Spur! Also: eines der ekelhaftesten Beispiele einer degenerierten ArbeiterInnenpartei. Auch für die andere Warnung der AnarchistInnen hat es eine bittere geschichtliche Bestätigung gegeben: die Partei der Bolschewiki. (34)

Diese Partei, eine Abspaltung der russischen Sozialdemokratie, hatte zwar den Reformismus ihrer Mutterpartei kritisiert, aber die Organisationsform der Partei beibehalten. Sie erhob sich selber zur „Avantgarde des Proletariats” und war straff und autoritär organisiert. Ihr Ziel war es, unter ihrer Führung einen Aufstand zu beginnen, die Macht im Staat zu übernehmen und einen Sozialismus nach Marx’schem Muster einführen. (35) Von dem revolutionären Bewusstsein der ArbeiterInnen hielt die Partei nicht allzu viel. Ihr Führer, Wladimir Iljitsch Lenin, schreibt in seinem Buch „Was tun?”, dass der/die ArbeiterIn lediglich „trade-unionistisches” Bewusstsein (36) entwickeln könne, und dass für den politischen Kampf eine Avantgarde vorhanden sein müsse. Damit meinte er selbstverständlich seine eigene Partei.

Als die Revolution im Februar 1917 in Russland begann, war diese Partei davon sehr überrascht. Sie hatte die ganze Bewegung verschlafen. Zunächst zog sie mit und kämpfte unter den gleichen Parolen „alle Macht den Räten” an der Seite der AnarchistInnen und Sozialrevolutionäre mir dem Volk für die Revolution. Das war nur ein taktischer Zug, die Bolschewiki warteten nur solange, bis sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten und wieder stark genug geworden waren. Dann zerschlugen sie erst einmal mittels ihres starken Apparates die anarchistischen und sozialrevolutionären Organisationen und machten dann Schritt für Schritt die Revolution wieder rückgängig. Die Räte wurden entmachtet, Polizei und Armee wieder aufgebaut, die Bürokratie hielt überall großen Einzug und eine neue Kaste reicher Funktionäre nistete sich in der Regierung ein. Die letzten Erhebungen gegen die Parteidiktatur wurden blutig niedergeschlagen (37), und nach knapp 20 Jahren unterlag ganz Russland der Diktatur eines einzelnen Mannes: Josef Stalins, der seinen Weg zur Macht mir den Leichen zehntausender seiner Parteigenossen gepflastert hatte. Von Sozialismus keine Spur, von Freiheit erst recht nicht. Auch heute noch lehnen die AnarchistInnen eine Parteiarbeit ab. Sie lenkt vom eigentlichen Ziel ab und ist nicht in der Lage, im Fall einer Revolution mir den revolutionären Massen Schritt zu halten. Sie ist ein Hemmschuh der Revolution. Dem Parteimodell setzen die AnarchistInnen eine Organisation revolutionärer ArbeiterInnen entgegen, die vom täglichen Kampf in den Betrieben kommt. Diese „Betriebskomitees” organisieren sich nach dem Räteprinzip und kämpfen für revolutionäre Ziele. Politische Tagesforderungen setzen sie spontan mit dem Mittel der direkten Aktion durch.

Probleme der Avantgarde

„Revolutionäre haben die Verpflichtung, anderen zu helfen, ebenfalls Revolutionäre zu werden, aber nicht die Verpflichtung, Revolution zu ‘machen’. Und solche Aktivität ist nur möglich, wenn der Revolutionär oder die Revolutionärin zuerst bei sich selbst mit der Veränderung anfangen.” (Murray Bookchin)

Ein System von Betriebskomitees und Räten, ja selbst eine starke anarchosyndikalistische Bewegung reicht aber nicht aus, um eine Revolution effektiv vorzubereiten und durchzuführen: Es müssen Leute vorhanden sein, die sich in bestimmten Gebieten auskennen, die sich auf die Vorbereitung der Revolution konzentrieren, die Unternehmungen planen und durchführen können, ohne dabei auf ihre Arbeit oder ähnliche Verpflichtungen Rücksicht nehmen zu müssen. Vor allem in den Aufständen vor (und z.T. auch während) der spanischen Revolution sah mensch, dass dezentrale Räte in der vorrevolutionären Phase nicht die nötige Schlagkraft besaßen. Diese bittere Erfahrung haben die spanischen AnarchosyndikalistInnen machen müssen. Sie begannen wiederholt bewaffnete Aufstände gegen die Regierung, die nach anfänglichem Erfolg wegen der schlechten überregionalen Organisation blutig zerschlagen wurden (hier soll kein Zentralismus propagiert werden, aber es hat sich gezeigt, dass es notwendig ist, dass die revolutionären Aktivitäten der Räte aufeinander abgestimmt werden müssen, damit die Räte nicht zersplittert agieren und ihre Kräfte verzetteln). Je nachdem, wie stark der Terror des Staates ist, arbeitet die Avantgarde einer Revolution mehr oder weniger stark konspirativ (geheim). Konspiration bedeutet für die Anarchisten allerdings nicht, als selbsternannte Chefs der proletarischen Massen, diese zu putschistischen Abenteuern anzustiften. Bakunin nannte die konspirativen Organisationen, die er selbst mitbegründete, die „GeburtshelferInnen” der Revolution. Natürlich ist die Avantgarde nicht mit der Masse der RevolutionärInnen zu verwechseln, der revolutionären Armee, die aus dem Volke selbst kommt. „Die Armee muss immer das Volk sein”, nie kann und darf es diese Aufgabe an eine intellektuelle Minderheit abgeben. Diese Individuen müssen im revolutionären Kollektiv „aufgelöst” sein, dürfen also keine Autoritäten bilden. In „Staatlichkeit und Anarchie” beschreibt Bakunin eingehender die Rolle solcher Kader: „Diesen Schichten (gemeint sind: den ProletarierInnen) schließen sich aus der bürgerlichen Welt nur einige Individuen an, die der Klassen, der sie entstammen, den Rücken gekehrt und sich völlig den Interessen des Volkes angenommen haben, weil sie die gegenwärtige Ordnung, sei es nun die politische, soziale oder ökonomische, von ganzem Herzen hassen.” Bakunin spricht hier vornehmlich von Kadern aus der bürgerlichen Klasse; natürlich kommen auch sehr viele aus den Reihen des Proletariats, besonders während sehr revolutionärer Epochen; oft sind es aber tatsächlich hauptsächlich Personen aus dem Bürgertum, die ihren Klassen den Rücken kehren und zur Avantgarde werden. (Dies war vor allem zu Bakunins Zeiten der Fall, als die ArbeiterInnen und Bauernschaft täglich zwischen 12 und 16 Stunden arbeiteten. Wenn sie dann nach Hause kamen, hatten sie meist andere Sorgen, als Bücher zu lesen oder sich sonstwie geistig zu betätigen. Auch fehlte ihnen oft die finanzielle Möglichkeit, sich längere Zeit revolutionär zu betätigen. Woran es heute liegt, dass z.B. in Österreich meist Intellektuelle eine Avantgarde darstellen, ist ein vollkommen anderer Grund. Zum Teil liegt dies in der faschistischen Vergangenheit Österreichs begründet, die bewirkt, dass die Menschen durch die Massenmedien in einem total unpolitischen Zustand gehalten werden; Bürgerinitiativen werden verteufelt und die Illustrierten, die in Millionen Auflagen verkauft werden, bauschen unwichtige und unpolitische Kleinigkeiten immens auf). Aber zurück zur intellektuellen Avantgarde: „Diese Individuen sind nicht zahlreich, aber dafür wertvoll, natürlich unter der Bedingung, dass sie durch ihren Hass auf das Herrschaftsstreben der Bourgeoisie in sich selbst auch die letzten Überreste von persönlichem Ehrgeiz gelöscht haben – in diesem Falle, so wiederhole ich, sind sie wirklich wertvoll. Das Volk schenkt ihnen Leben, elementare Kraft und ein Aktionsfeld; als Gegenleistung bringen sie ihre positiven Kenntnisse mit, Methoden der Abstraktion und der Analyse, sowie die Kunst, sich zu organisieren, Allianzen zu bilden, die ihrerseits diese aufgeklärte, kämpferischen Kraft bilden, ohne die der Sieg unerreichbar bleibt.(…) Damit sie (die Kader) aber handeln, müssen sie vorhanden sein und dazu muss man sie vorbereiten und im Voraus organisieren, denn Sie wird nicht ganz von selbst entstehen – weder durch Diskussion, noch durch Auseinandersetzungen und prinzipielle Debatten, noch durch Volksversammlungen.” (Bakunin, gesammelte Werke Bd. 3, Seite 97)

Und was ist nun die Funktion der Avantgarde in der Revolution?

Auch hierüber hat sich Bakunin schon sehr früh geäußert: „Sie lässt der revolutionären Bewegung der Massen ihre volle Entwicklung und ihren sozialen Aufbau von unten nach oben durch freiwillige Föderationen und die unbedingte Freiheit, aber sie wacht stets darüber, dass hierbei nie Autoritäten, Regierungen und Staaten wieder gebildet werden können und bekämpft jeden Ehrgeiz, seiner kollektiv oder individuell, durch den natürlichen, nie offiziellen Einfluss aller Mitglieder unserer Allianz …” (Spanische Brieffragmente, gesammelte Werke Band 3, Seite 103) Die Bewegung in der freien Ukraine oder die spanische Revolution hat beispielsweise in Nestor Machno oder Buenaventura Durruti (38) typische Kader dieser Prägung hervorgebracht. Nach den bitteren Erfahrungen der russischen Revolution ist diese anarchistische Konzeption der Avantgarde erneut aufgegriffen worden und hat ihre moderne Fassung erhalten. Rosa Luxemburg, Otto Rühle, Anton Pannekoek, Herman Gorter und Karl Korsch waren die bedeutendsten TheoretikerInnen dieser neuen Richtung. Ihre große Leistung war es, den traditionellen Anarchismus von lästigem Ballast und Dogmen, die sich bitter gerächt hatten, zu befreien und ihn gleichzeitig durch neue, lebendige Elemente aus dem Marxismus und durch Erfahrungen aus der russischen Revolution zu bereichern. Gorter sprach von Avantgarde, von Parteien, deren Verhältnis zu den Massen nicht in einem hierarchischen Führungsanspruch bestehen sollte, die also keine Organisation für das Proletariat sein sollte, die nicht die eigene Stärkung, sondern die der Klasse betreiben sollte. Hat das Volk erst einmal triumphiert und sich nach freiheitlichen Prinzipien organisiert, haben diese Avantgarden keine Funktion mehr, sie verschwinden. Diese Art der Avantgarde wirkt also wie in der Chemie ein Katalysator: d.h. sie macht die Revolution nicht selbst, sondern gibt in günstigen Gelegenheiten nur den Anstoß dafür. Hat die Revolution gesiegt, ist er überflüssig geworden.

Philosophische Grundlagen des Anarchismus

„ …Wenn der Mensch den Naturgesetzen gehorcht, so ist er doch keineswegs Sklave, da er nur Gesetzen gehorcht, die seiner eigenen Natur innewohnen, unter deren Voraussetzung er existiert und die sein ganzes Wesen ausmachen: Wenn er ihnen gehorcht, gehorcht er sich selbst. Und dennoch gibt es im Schosse dieser selben Natur eine Sklaverei, von der der Mensch sich freimachen muss, will er auf sein Menschentum nicht verzichten: Es ist die natürlich Welt, welche ihn umgibt und die man gewöhnlich die äußere Natur nennt. Es ist die Gesamtheit der Dinge, der Erscheinungen und der lebenden Wesen, die ihn beständig von allen Seiten umringen und entwickeln – allerdings könnte er ohne sie und außerhalb von ihnen keinen einzigen Augenblick leben – trotzdem scheinen sie sich gegen ihn verschworen zu haben, so dass er jeden Augenblick seines Lebens gezwungen ist, sein Dasein gegen sie zu behaupten. Der Mensch kann diese äußere Welt nicht entbehren, weil er nur in ihr leben und auf ihre Kosten sich nähren kann – und gleichzeitig muss er sich gegen sie schützen, weil diese Welt ihn immer vernichten zu wollen scheint.”

Der moderne Anarchismus ist wie der Marxismus ein Kind der ArbeiterInnenbewegung, des kapitalistischen Systems, und ebenso wie der Marxismus baut der Anarchismus philosophisch auf dem Materialismus auf. Was ist Materialismus? Das Gegenteil von Idealismus, wird man sagen, und als IdealistInnen bezeichnet mensch für gewöhnlich Menschen, die sich mit ganzem Herzen und unter vielen Opfern für eine Sache einsetzen. Sind also MaterialistInnen Leute, die nur an ihren Vorteil denken, Geld scheffeln – EgoistInnen ?

Wir müssen hier streng zwei ganz verschiedene Definitionen voneinander trennen, die nichts miteinander zu tun haben: Den volkstümlichen Begriff von Idealismus und Materialismus, den wir soeben beschrieben haben, und philosophischen Begriff. Den meisten ist dieser Unterschied nicht bekannt und sie werfen beide Erklärungen unentwegt durcheinander. Deshalb wollen wir hier ganz kurz (und sehr vereinfacht) auf diese Unterschiede eingehen. Der philosophische Begriff Idealismus – Materialismus dreht sich um die Frage: was bestimmt was – bestimmt das Sein (d. h. die Verhältnisse, in denen ein Mensch lebt) das Bewusstsein, oder ist es umgekehrt? Anders ausgedrückt: sind das Leben, der Mensch, seine Gedanken, aus einer langen geschichtlichen Entwicklung entstanden, oder sind sie Produkt einer allmächtigen „Idee”, einer höheren Kraft, die a priori (also unabhängig vom menschlichen Individuum) existiert? (39).

Überträgt mensch beide Systeme auf das menschliche Zusammenleben, so stellt sich die Frage etwas anders: sind unsere Ideen, unsere Handlungen und Aktionen von einer „Idee”, von einem idealen Ziel, dass Gott oder wer auch immer gestellt hat, geleitet, entwickelt es sich zwangsläufig zu einem Idealzustand hin (wie z.B. „das Paradies”, „vollkommener Mensch”, „das Gute, Schöne”, „die Harmonie” o.ä.), oder aber ist es die Vorstellung der Menschen und damit die Geschichte abhängig von der Umwelt, von den ökonomischen Verhältnissen einer Bestimmten Epoche, von der Entwicklung der Technik und der Wissenschaft, vom Stand der sozialen Kämpfe?

Für den anarchistischen Denker Bakunin ist der Mensch (zwar nicht ausschließlich), aber überwiegend von den materiellen Umständen abhängig. Hat ein Kind z.B. arme Eltern, wächst es in einer aggressiven und brutalen Umwelt auf, lernt und sieht es schon frühzeitig, dass es, um zu überleben, Gewalt anwenden, stehlen, sich wehren muss, so wird es sich vollkommen anders entwickeln, als wenn es in einem wohlbehüteten, reichen Elternhaus aufwüchse, keinen Mangel an lebenswichtigen Gütern kannte, und z.B. als frommer Christ erzogen werde. So schreibt z.B. Bakunin zur Auseinandersetzung Idealismus – Materialismus: „Wer hat Recht, die Idealisten oder die Materialisten? Wenn die Frage erst einmal so gestellt ist, wird ein Zaudern unmöglich: Ohne jeden Zweifel haben die Idealisten unrecht und nur die Materialisten recht. Jawohl, das Ideal ist, so wie Proudhon sagt, nur eine Blume, deren Wurzeln die materiellen Existenzbedingungen bilden. Jawohl, die ganze geistige, moralische, politische und soziale Geschichte der Menschheit ist eine Reflex ihrer wirtschaftlichen Geschichte.”

Trotzdem hat der materialistische Standpunkt auch seine Tücken, weil in ihm nämlich die Gefahr einer verhängnisvollen Diffamierung liegt: Viele Leute meinen, wenn doch die Geschichte nach Gesetzmäßigkeiten ablaufe, wenn die Ideen der Menschen von ihrer Umwelt abhängen, so könne mensch ja sowieso nichts tun, denn alles werde ja „von alleine”. Diese Meinung war seit Ende des vorigen Jahrhunderts in der Sozialdemokratie sehr verbreitet: „Wir brauchen ja keine Revolution mehr zu ‘machen’, sondern nur auf sie zu warten, denn nach den historischen materialistischen Gesetzmäßigkeiten kommt sie ja ganz von alleine.” Diese revisionistische Haltung (40) hat mit der materialistischen Anschauung von Marx nichts mehr gemein. Im Gegenteil nähert sie sich wieder stark dem Idealismus, in dem sie nämlich den „geschichtlichen Prozess” ähnliche Funktionen wie dem lieben Gott zukommen lässt: Von ihm erwartet mensch sich das Heil bzw. die Revolution.

Dieser Anschauung liegt der Fehler zugrunde, dass die Wechselbeziehung zwischen dem menschlichen Willen, der ohne Zweifel von seiner Umwelt geformt wird, und der Umwelt selbst vernachlässigt wird; beide beeinflussen einander gegenseitig (= dialektische Beziehung): Mein Wille setzt sich in die Tat um, und diese Tat beeinflusst, wenn auch in kleinem Masse, meine Umwelt, denn diese Umwelt ist ja (vom zwischenmenschlichen Standpunkt her gesehen) nichts weiters als die Summe aller Taten aller Menschen.

Der Materialismus verneint also den Willen nicht, sondern erklärt ihn. Die PhilosophInnen bis zum Beginn der Neuzeit sahen den Menschen immer von einer über ihm stehenden Macht bestimmt – sei es einer der Ideen, der allgemeinen Vernunft oder Gottes. Menschliche Theorie war immer Spiegelfeld göttlicher Theorie, d.h. geistiger Anschauung, deren Übermacht alles bestehende vorherbestimmte. Erst etwa Ende des 18. Jahrhunderts entdeckten sie die Macht des Bewusstseins und die gestaltende Tätigkeit des menschlichen Subjekts. Auf dem Höhepunkt dieser philosophischen Entwicklung kam es zu einer nie dagewesenen Verkündung der Freiheit des menschlichen Geistes, „wobei Freiheit nicht nur als sittliches Moment begriffen (wurde), sondern als souveränes (41) entwerfen können von Welt und Seienden, die zum bloßen Material der Tätigkeit des autonomen Subjekts herabsehen kann.”

Das politisch-sozialökonomische Engagement darf deshalb nicht so sehr in der Reflexion und Meditation, als vielmehr in der Revolte (sowohl der geistigen wie der tätigen) zum Ausdruck kommen. „Weg mit allen religiösen und philosophischen Theorien! Sie sind nur eine Lüge die Wahrheit ist keine Theorie, sondern die Tat, des Lebens selbst.” (Bakunin) „Welt und Mensch werden fortan nicht mehr nur interpretiert, sondern qualitativ verändert”, wie Bakunin und Marx übereinstimmend fordern. Die antimetaphysische Philosophie der Tat Bakunins stellt sich als oberste Aufgabe die vollständige Humanisierung der wirklichen Lage aller wirklichen Individuen, die auf der Erde geboren werden, leben und sterben.

Notizen:

(1) Ausbeutung nennt man, vereinfacht gesagt, die Tatsache, dass der Fabrikbesitzer für einen Gegenstand, für den er z.B. 4.- € für Material und Unkosten bezahlt und für dessen Herstellung er dem Arbeiter 8.- € gibt, 25.- € auf dem Markt dafür einnimmt. Er hat daher die Arbeitskraft des Arbeiters um 13.- € ausgebeutet. Entfremdung nennen wir die Arbeitsbedingungen in der modernen Industrieproduktion und die durch sie auftretenden Reaktionen beim Menschen: z.B. eintönige Fliessbandarbeit, unangenehme Arbeit; sowie die Tatsache, dass die Arbeiter nie einen Gegenstand selbst vollständig herstellen können, d.h. sie im Grund nicht wissen, was und wofür sie eigentlich produzieren.

(2) „Freie Vereinbarung” und „Gegenseitige Hilfe” sind Begriffe, die Peter Kropotkin geprägt hat und auf die wir im Kapitel „Kropotkin” noch näher eingehen werden. Zentraler Punkt bei diesen Begriffen ist die freie Willensentscheidung des Menschen und die Solidarität der Menschen untereinander.

(3) Repressives Chaos bedeutet, dass das System den Menschen unterdrückt (Repression) und nicht fähig ist, eine menschliche Ordnung herzustellen. Vielmehr bringt dieses System regelmäßige Hungersnöte, Kriege und Wirtschaftskrisen mit sich, sowie eine Verschwendung und ungerechte Verteilung der Güter Das bezeichnen wir als Chaos, Unordnung.

(4) Um einen Eindruck von der breiten anarchistischen oder anarchistisch beeinflussten Literatur zu bekommen, möchten wir darauf hinweisen, dass z.B. Autoren wie George Orwell, B. Traven, Martin Buber, Jules Verne oder Leo Tolstoi entweder Anarchisten waren oder aber stark zum Anarchismus tendierten. In der Kunst (auch Literatur) finden wir u.a. im Dadaismus starke anarchistische Einflüsse.

(5) Daniel Guérin: Anarchismus, Begriff und Praxis; Edition Suhrkamp Nr. 240, Frankfurt 1967

(6) Gemeint ist der Thron des Zaren, des Herrschers aller Russen

(7) Produktionsmittel sind die zur Herstellung von Waren verwendeten Rohstoffe. Geräte. Maschinen und Gebäude.

(8) Kolonialismus ist das Bestreben eines Landes andere Länder zumeist in Afrika. Asien und Südamerika unter dem Vorwand der Zivilisierung zu erobern und auszubeuten. Früher nannte man dies Länder Kolonien; heute im Neokolonialismus nennt man sie Handelspartner. Imperialismus ist die Absicht eines Landes, andere Länder zu unterwerfen und von sich wirtschaftlich und politisch abhängig zu machen.

(9) Wir sind der Ansicht, dass die Moral, die uns täglich in sexuellen Dingen begegnet weder natürlich, noch zufällig ist. Die Kleinfamilie ist ein kleines Abbild des Staates und dessen Keimzelle und wird daher von ihm geschützt. Wir meinen, dass die freie sexuelle Entfaltung Voraussetzung für freie Menschen ist.

(10) Errico Malatesta,1853-1952, italienischer Anarchist. In Italien organisierte er mehrere Bauernaufstände, traf mir Kropotkin in der Schweiz zusammen, lebte lange Jahre in London im Exil. Malatesta verkörpert den Typ des Anarchisten, der für einen konsequenten Klassenkampf und eine verbindliche Organisation des Anarchismus eintritt.

(11) Institutionen sind Einrichtungen mit bestimmten Funktionen in der Gesellschaft, also z. B. die Polizei, Ämter, die Regierung, die Kirche, Parteien usw.

(12) Monarchie: Regierung eines Königs. Kaiser oder Fürsten, von niemandem gewählt Republik: Staatsform, in der eine gewählte Regierung den Staat führt. Kommt von „res publica” (lat.) die öffentlichen Interessen.

(13) Legal: Gesetzmäßig, im Rahmen der bestehenden Gesetze, also im Interesse der Herrschenden. Daloz, der Verfasser der „Französischen Gesetzessammlung”, schreibe „Wenn Unverstand im Schosse der Gesellschaft herrscht, Unordnung in den Geistern, werden die Gesetze zahlreich, die Menschen erwarten alles von der Gesetzgebung und jedes Gesetz wird eine neue Ursache der Unzufriedenheit; sie ist fortwährend bestrebt, von der Gesetzgebung das zu verlangen, was nur von ihnen selbst, ihrer eigenen Bildung, ihrer eigen Moralität entspringen kann.”

(14) Radikal bedeutet „von der Wurzel her” (lateinisch: radix = Wurzel). Eine radikale Lösung ist daher eine Lösung, die ein Problem gründlich und nicht oberflächlich löst, indem sie z.B. die Ursachen eines Missstandes beseitigt und nicht nur die Erscheinungsformen.

(15) Polemisch= eine Form der Auseinandersetzung, bei der durch Übertreibung, Gleichnisse und Witz eine gegenteilige Meinung bekämpft wird.

(16) Guérin: „Anarchismus und Marxismus”, Verlag Freie Gesellschaft, Frankfurt

(17) Avantgarde = Elite; Wegbereiter der Revolution; vergl. entsprechendes Kapitel 5. INTRIGEN = hinterhältige Fallen und Winkelzüge in einer Auseinandersetzung

(19) Als Kleinbürgertum bezeichnen wir diejenige Schicht, die zwischen dem Bürgertum und dem Proletariat steht, also gehobene Angestellte, KleinhändlerInnen und Beamte.

(20) Agitation = politische Information, Bewusstmachung und Aktivierung von bisher unpolitischen Menschen.

(21) Vgl. „Mensch und Sozialismus in Kuba” von Ernesto „Che” Guevara, Trikont-Verlag, München; „Die verdammten dieser Erde” von Frantz Fanon, rororo aktuell Nr. 1209 und „Meine Katalonien” von George Orwell, Diogenes-Verlag 1976.

(22) Nikolai Bucharin, russischer Kommunist, Mitglied der Bolschewiki, war einer der führenden Theoretiker und gleichzeitig Agitator Lenins. In den zwanziger Jahren gehörte Bucharin zur Opposition gegen Stalin und trat innerhalb der „Arbeiteropposition” für eine Demokratisierung und für mehr Rechte des Proletariats in Russland ein. Von einem Sondergericht zum Tode zu verurteilt und erschossen.

(23) vgl. hierzu Rattner, „Aggression und menschliche Natur”, Fischer-Taschenbuch Nr.6173; Anro Plack, „Die Gesellschaft und das Böse”, List, München 1968; Artur Janov, „Der Urschrei”, Fischer 1972; ,”Anarchistische Blätter Zürich” 7173, Gruppe James Guillaume , Zürich und „Kultur zwischendurch” 47 und 59, Revolutionsbräuhof (RBH), Wien

(24) Ethnologie = die Lehre von den Völkern, Völkerkunde-

(25) Relative Verelendung bedeutet, dass der Lebensstandard der ArbeiterInnen steigt, aber viel langsamer als der der Kapitalisten; während sich der Gewinn eines Kapitalisten z.B. in zehn Jahren verzehnfacht, ist der Lohn eines/einer ArbeiterIn nur um die Hälfte gestiegen; er ist also im Vergleich zum Kapitalisten ärmer statt reicher geworden. Diese relative Verelendung darf man nicht mit der Absoluten Verelendung verwechseln. Diese bedeutet, dass einE ArbeiterIn weniger Lohn bekommt als früher.

(26) Mehrwert ist die Differenz zwischen dem Verkaufspreis und dem Produktionspreis einer Ware. Kostet z.B. eine Ware 20.- € Material und 10.- € Lohn und wird sie für 70.- € verkauft, so beträgt der Mehrwert 40.- €. Der Mehrwert ist also die Geldform der Ausbeutung, den der Kapitalist einsteckt, ohne dafür zu arbeiten.

(27) Als Monopol bezeichnet mensch den alleinigen Anspruch auf etwas; so ist z. B. die Steuer, ebenso wie die Justiz das Monopol des Staates und die Presse schon beinahe das Monopol des Herrn Dichand.

(28) Vgl. Charles Bettelheim „Über das Fortbestehen des Warenverhältnisses in den ‘sozialistischen’ Ländern”. Merve Verlag. Berlin. Internat. Marxist. Diskussion Nr.1.

(29) Der abstrakte menschliche Forschungsdrang darf erst dann so große Summen verschlingen, wenn Not und Elend auf der Welt aufgehört haben zu existieren.

(30) Vgl. Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch”. Sammlung Luchterhand.

(31) Unter Reformistisch bezeichnet man die politische Strömung, die versucht, innerhalb der Grenzen des Systems (und ohne die Gesellschaft von Grund auf zu ändern) ein menschliches Systems aufzubauen. Reformistisch ist also das Gegenteil von radikal; sie will das System durch kleine Veränderung umwandeln.

(32) Ferdinand Lassalle, gründete 1863 den „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein”, aus dem später die SPD hervorging. Er war zwar von Marx beeinflusst und arbeitete mit ihm zusammen, aber sein Sozialismus hatte starke nationale Anflüge (So strebte er z.B. auch im Gegensatz zu Marx ein sozial und demokratisch ausgerichtetes Königtum an). Ihm sind die Grundlagen für die starken deutschen Gewerkschaften zu verdanken.

(33) Vgl. auch: „Geschichte. Weimarer Republik subversiv”. Verlag Roter Stern. Frankfurt 1973.

(34) Die russische Sozialdemokratie spaltete sich auf ihrem Londoner Parteitag 1903 in eine Mehrheitsfraktion, die Bolschewiki und eine Minderheitenfraktion, die Menschewiki. Die erstere war die Partei Lenins, letztere war sozialdemokratisch eingestellt.

(35) Eine solche Haltung, in der eine kleine, meist intellektuelle Minderheit einen Aufstand anzettelt, nennt mensch putschistisch (womit nicht gesagt ist, dass die Revolution 1917 ein Putsch war!).

(36) Trade-Union ist das englische Wort für Gewerkschaft. Lenin meint damit, dass der Arbeiter lediglich am Achtstundentag und Lohnerhöhung interessiert ist und nicht an weitergreifenden gesellschaftsverändernden Zielen.

(37) Gemeint sind die Ukraine und Kronstadt

(38) Buenaventura Durruti, legendärer anarchistischer “Stadtguerilla” und späterer Heerführer gegen die Franco-Truppen. Eine Biographie Durrutis mit vielen eindrucksvollen Beschreibungen über die Schwierigkeiten des spanischen Bürgerkriegs ist im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, erschienen: Hans Magnus Enzensberger “Der kurze Sommer der Anarchie” zu dem Kaderproblem vergleiche auch P. Arschinoff: “Die Machno Bewegung”, Kramer Verlag, Berlin und “Nacht über Spanien – Anarchosyndikalisten in Revolution und Bürgerkrieg 1936-1939″. Verlag Freie Gesellschaft. Frankfurt 1975

(39) In dieser Fragestellung kommt die Gegensätzlichkeit zwischen Wissenschaft und Metaphysik zum Vorschein.

(40) Revisionistisch: revidieren = überprüfen, ändern; gemeint ist Marx’ Revolutionstheorie. Als Hauptvertreter des Revisionismus in der Sozialdemokratie Ende des vorigen Jahrhunderts gilt vor allem Eduard Bernstein. Hauptmerkmal ist die Hinwendung zu Reformen und die Leugnung der Notwendigkeit der Revolution. Kautsky erhob zwar noch den Anspruch, auf der Grundlage des Klassenkampfes zu stehen, deckte jedoch in der Realität die Handlungsweise seiner Partei, die sich mehr und mehr reformistisch verhielt Bernstein dagegen forderte ihn auf, konsequent zu sein, den Klassenkampf (den er für überholt hielt), abzulehnen und sich für Wahlen, Parlamentarismus und Sozialreformen einzusetzen. Für ihn bedeutete “Das Endziel nichts, die Bewegung alles…”

(41) Selbständiges, unabhängiges Handeln

Originaltext: www.rebellion.ch (Änderung: neue Rechtschreibung)

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Kategorie: Anarchismus

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